Ein Intermezzo

All Großes, wie bekannt, wirft seinen Schatten;

Und ehe dich, o Bairische, wir hatten,

Erschien, ankündigend, in braunem Schaum

Die _Werdersche_. Ihr Leben war ein Traum.

Unter einem Geplauder, das im wesentlichen uns die Notizen an die

Hand gab, die wir vorstehend wiedererzählt, waren wir bis an eine

Stelle gekommen, wo die große Straße nach links hin abbiegt und in

ihrer Verlängerung auf die Brücke und demnächst auf die Insel führt.

Genau an dem Kniepunkt erhob sich ein ausgedehntes Etablissement

mit Betriebs-Gebäuden, hohen Schornsteinen und Kellerräumen, und

der eben herüberwehende Malzduft ließ keinen Zweifel darüber, daß

wir vor einer der großen Brauereien ständen, die der Stadt Werder

auch nach _dieser_ Seite hin eine Bedeutung gegeben haben. Es sind

eben zwei Größen, die wir an dieser Stelle zu verzeichnen haben: in

erster Reihe die „Werderschen“, in zweiter Reihe „die Werdersche“.

Eine Welt von Unterschied legt sich in diesen einen Buchstaben n. Wie

Wasser und Feuer im Schoße der Erde friedlich nebeneinander wohnen,

solange ihr Wohnen eben ein _Neben_einander ist, aber in Erdbeben und

Explosionen unerbittlich sich Luft machen, sobald ihr Nebeneinander ein

Durcheinander wird, so auch hier. Den Erfahrenen schaudert.

Die Einheitlichkeit unserer Darstellung zu wahren, hätten wir

vielleicht die Pflicht gehabt, die „Werdersche“ zu unterschlagen und

den „Werderschen“ allein das Feld und den Sieg zu lassen, aber das Wort

die „Werdersche“ ist einmal gefallen und so verbietet sich ein Rückzug.

Ein Bierkapitel schiebt sich verlegen in das Obstkapitel ein.

Die Zeiten liegen noch nicht weit zurück, wo die „Weiße“, oder um ihr

Symbol zu nennen die „Stange“, unsere gesellschaftlichen Zustände wie

ein Dynastengeschlecht beherrschte. Es war eine weit verzweigte Sippe,

die, in den verschiedenen Stadtteilen, besserer Unterscheidung halber,

unter verschiedenen Namen sich geltend machte: die Weiße von Volpi, die

Weiße von Clausing, oder (vielleicht die stolzeste Abzweigung) einfach

das Bier von _Bier_. Ihre Beziehungen untereinander ließen zu Zeiten

viel zu wünschen übrig, aber alle hatten sie denselben Familienstolz

und nach _außen_ hin waren sie einig. Sie waren das herrschende

Geschlecht.

So gingen die Dinge seit unvordenklichen Zeiten; das alte Europa brach

zusammen, Throne schwankten, die „Weiße“ blieb. Sie blieb während der

Franzosenzeit, sie blieb während der Befreiungsjahre, sie schien fester

als irgend eine etablierte Macht. Aber schon lauerte das Verderben.

In jenen stillen Jahren, die der großen Aufregung folgten, wo man's

gehen ließ, wo die Wachsamkeit lullte, da geschah's. Eines Tages,

wie aus dem Boden aufgestiegen, waren zwei Konkurrenzmächte da: die

_Grünthaler_ und die _Jostysche_.

Jetzt, wo sich ein freierer Überblick über ein halbes Jahrhundert

ermöglicht, ist die Gelegenheit gegeben, auch ihnen gerecht zu werden.

Es ist jetzt die Möglichkeit da, die Dinge aus dem Zusammenhange zu

erklären, das Zurückliegende aus dem Gegenwärtigen zu verstehen.

Beide Neu-Getränke hatten einen ausgesprochenen Heroldscharakter, sie

waren Vorläufer, sie kündigten an. Man kann sagen: Berlin war für die

Bayersche noch nicht reif, aber das Seidel wurde bereits geahnt. Die

Grünthaler, die Jostysche, sie waren eine Kulmbacher von der milderen

Observanz; die Jostysche, in ihrem Hange nach Milde, bis zum Koriander

niedersteigend. Beide waren, was sie sein konnten. Darin lag ihr

Verdienst, aber doch auch ihre Schwäche. Ihr Wesen war und blieb -- die

Halbheit. Und die Halbheit hat noch nie die Welt erobert, am wenigsten

Berlin.

So herrschten denn die alten Mächte vorläufig weiter. Aber nicht

auf lange. Die Notwendigkeit einer Wandlung hatte sich zu fühlbar

herausgestellt, als daß es hätte bleiben können wie es war. Die Welt,

wenn auch nach weiter nichts, sehnte sich wenigstens nach Durchbrechung

des Monopols, und siehe da, was den beiden Vorläufern des Seidels

nicht hatte glücken wollen, das glückte nunmehr, in eben diesen

Interregnumstagen, einer _dritten_ Macht, die, an das Alte sich klug

und weise anlehnend, ziemlich gleichzeitig mit jenen beiden ins Dasein

sprang.

Diese dritte Macht (der Leser ahnt bereits, welche) hatte von

vornherein den Vorzug, alles Fremdartigen entkleidet, auf unserem Boden

aufzutreten; -- märkisch national, ein Ding für sich, so erschien

die _Werdersche_. Sie war dem Landesgeschmack geschickt adaptiert,

sie stellte sich einerseits in Gegensatz gegen die Weiße und hatte

doch wiederum soviel von ihr an sich, daß sie wie zwei Schwestern

waren, dasselbe Temperament, dasselbe prickelnde Wesen, im übrigen

reine Geschmackssache: blond oder braun. In Kruken auftretend, und

über dreimal gebrauchten Korken eine blasse, längst ausgelaugte

Strippe zu leichtem Knoten schürzend, war sie, die Werdersche, in

ihrer äußerlichen Erscheinung schon, der ausgesprochene und bald auch

der glückliche Konkurrent der älteren Schwester, und die bekannten

Kellerschilder, diese glücklich realistische Mischung von Stilleben

und Genre, bequemten sich mehr und mehr neben der blonden Weißen die

braune Werdersche ebenbürtig einzurangieren. Die Verhältnisse, ohne daß

ein Plan dahin geleitet hätte, führten über Nacht zu einer Teilung der

Herrschaft. Die Werdersche hielt mehr und mehr ihren Einzug über die

Hintertreppe; in den Regionen der Küche und Kinderstube erwuchs ihr

das süße Gefühl, eine Mission gefunden und erfüllt zu haben; sie wurde

_Nähr_-Bier in des Wortes verwegenster Bedeutung und das gegenwärtige

Geschlecht, wenn auch _aus zweiter Hand erst_, hat Kraft und Leben

gesogen aus der „Werderschen“.

Dessen seien wir gedenk. Das Leben mag uns losreißen von unserer Amme;

aber ein Undankbarer, der sie nicht kennen will, oder bei ihrem Anblick

sich schämt. --

* * * * *

Sieh nur, sieh! wie behend sich die Menge

Durch die Gärten und Felder zerschlägt,

Wie der Fluß, in Breit' und Länge,

So manchen lustigen Nachen bewegt,

Und, bis zum Sinken überladen,

Entfernt sich dieser letzte Kahn.

=Faust=

So viel über die „Werdersche“. Wir kehren zu den „Werderschen“ zurück.

Vom Knie bis zur Stadt ist nur noch eine kurze Strecke. Wir schritten

auf die Brücke zu, die zugleich die Werft, der Hafen- und Stapelplatz

von Werder ist. Hier wird aus- und eingeladen, und die Bilder, die

diesen Doppelverkehr begleiten, geben dieser Stelle ihren Wert und

ihre Eigentümlichkeit. Der gesamte Hafenverkehr beschränkt sich

auf die Nachmittagsstunden; zwischen fünf und sechs, in einer Art

Kreislauf-Tätigkeit, leeren sich die Räume des aus der Hauptstadt

zurückkehrenden Dampfers und seines Bei-Kahns wie im Fluge, aber sie

leeren sich nur, um sich unverzüglich wieder mit Töpfen und Tienen zu

füllen.

Es ist jetzt fünf Uhr. Der Dampfer legt an; die Entfrachtung nimmt

ihren Anfang. Über das Laufbrett hin, auf und zurück, in immer

schnellerem Tempo, bewegen sich die Bootsleute, magere, aber nervige

Figuren, deren Beschäftigung zwischen Land-Dienst und See-Dienst eine

glückliche Mitte hält. Wenn ich ihnen eine gewisse Matrosen-Grazie

zuschriebe, so wäre das nicht genug. Sie nähern sich vielmehr dem

Akrobatentum, den Vorstadt-Rappos, die sechs Stühle übereinander türmen

und, den ganzen Turmbau aufs Kinn oder die flache Hand gestellt,

über ein Seil hin ihre doppelte Balanzierkunst üben: der _Bau_ darf

nicht fallen und sie _selber_ auch nicht. So hier. Einen Turmbau in

Händen, der sich aus lauter ineinander gestülpten Tienen zusammensetzt

und halbmannshoch über ihren eigenen Kopf hinauswächst, so laufen

sie über das schwanke Brett und stellen die Tienen-Türme in langen

Reihen am Ufer auf. Im ersten Augenblick scheint dabei eine Willkür

oder ein Zufall zu walten; ein schärferes Aufmerken aber läßt uns

in dem scheinbaren Chaos bald die minutiöseste Ordnung erkennen und

die Tienen stehen da, militärisch gruppiert und geordnet, für den

Laien eine große, unterschiedslose Masse, aber für den Eingeweihten

ein Bataillon, ein Regiment, an Achselklappe, Knopf und Troddel aufs

Bestimmteste erkennbar. So viele Gärtner und Obstpächter, so viele

Kompagnien. Zunächst unterscheiden sich die Tienen nach der _Farbe_

und zwar derart, daß die untere Hälfte ~au naturel~ auftritt, während

die obere, mehr sichtbare Hälfte, in rot oder grün, in blau oder

weiß sich präsentiert. Aber nicht genug damit. Auf diesem breiten

Farbenrande befinden sich, zu weiterer Unterscheidung, entweder die

Namen der Besitzer, oder noch häufiger ihre Wappenzeichen: Kreuze,

stehend oder liegend, Sterne, Kreise und Sonnen, eingegraben und

eingebrannt. Man kann hier von einer völligen _Heraldik_ sprechen. Die

alten „Geschlechter“ aber, die diese Wappen tragen und pflegen, sind

die Lendels, die Mays, die Kühls, die Schnetters, und unmittelbar nach

ihnen die Rietz, die Kuhlmeys, die Dehnickes. Als altwendisch gelten

die Lendels und die Rietz, vielleicht auch die Kuhlmeys.

Ist nun aber das Landen der leeren Tienen, wie wir es eben geschildert

haben, eine heitere und malerische Szene, so kann diese doch nicht

bestehen neben dem konkurrierenden Schauspiel des _Einladens_, des

an Bord Schaffens, das schon beginnt, bevor das Ausladen zur Hälfte

beendet ist.

Etwa von fünfeinhalb Uhr ab, und nun rapide wachsend bis zum Moment

der Abfahrt, kommen die Obstwagen der Werderaner heran, kleine,

grüngestrichene Fuhrwerke, mit Tienen hochbepackt und mit zwei

Zughunden an der Deichsel, während die Besitzer, durch Stoß von hinten,

die Lokomotion unterstützen. Ein Wettfahren beginnt, alle Kräfte

konzentrieren sich, von links her rollt es und donnert es über die

Brückenbohlen, von rechts her, auf der chaussierten Vorstadt-Straße,

wirbelt der Staub, und im Näherkommen an das ersehnte Ziel heulen die

Hunde immer toller in die Luft hinein, wie verstimmte Posthörner beim

Einfahren in die Stadt. Immer mächtiger wird die Wagenburg, immer

lauter das Gebläff, immer quicker der Laufschritt derer, die die Tienen

über das Brett hin in den am Landungsdamm liegenden Kahn hineintragen.

Jetzt setzt der Zeiger ein, von der Werderschen Kirche herüber

tönen langsam die sechs Schläge, derer letzter in einem Signalschuß

verklingt. Weithin an den hohen Ufern des Schwielow weckt er das Echo.

Im selben Augenblick folgt Stille der allgemeinen Bewegung und nur

noch das Schaufeln des Raddampfers wird vernommen, der, eine Kurve

beschreibend, das lange Schlepptau dem Havelkahne zuwirft, und rasch

flußaufwärts seinen Kurs nehmend, das eigentliche Frachtboot vom Ufer

löst, um es geräuschlos in das eigene Fahrwasser hinein zu zwingen.

Von der Brücke aus gibt dies ein reizendes Bild. Auf dem großen

Havelkahn, wie die wilden Männer in Wappen, stehen zwei Bootsleute mit

ihren mächtigen Rudern im Arm, während auf dem Dampfer in langer Reihe

die „Werderschen“ sitzen, ein Nähzeug oder Strickzeug in den Händen,

und nichts vor sich als den Schornstein und seinen Eisenkasten, auf

dessen heißer Platte einige dreißig Bunzlauer Kaffeekannen stehen. Denn

die Nächte sind kühl und der Weg ist weit.

Eine Viertelstunde noch und Dampfer und Havelkahn verschwinden in dem

Defilee bei Baumgartenbrück; der Schwielow nimmt sie auf und durch das

„Gemünde“ hin, an dem schönen und langgestreckten Kaputh vorbei, geht

die Fahrt auf Potsdam zu, an den Schwänen vorüber, die schon die Köpfe

eingezogen hatten und nun unmutig hinblicken auf den Schnaufer, der

ihren Wasserschlaf gestört.

Bei Dunkelwerden Potsdam, um Mitternacht Spandau, bei Dämmerung Berlin.

Und eh' der erste Sonnenschein um den Marienkirchturm blitzt, lachen

in langer Reihe, zwischen den Brücken hin, die roten Knupper der

Werderschen.

Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil Havelland · 第 148 / 149 题