Dreiundzwanzig Jahre waren ins Land gegangen. Vieles hatte sich
geändert und nur Wust und sein Herrenhaus waren unverändert geblieben.
Der „Dienst“ hielt nach wie vor den Gutsherrn in der Ferne fest,
_jetzt_ in der Ostprovinz des jungen Landes, in Königsberg, aber der
junge Oberst von damals war inzwischen ein alternder Generalleutnant
geworden. Und Geschicke bereiteten sich vor, die innerhalb dreier
Monate seine Seele völlig beugen und brechen sollten.
Verweilen wir einen Augenblick bei dem Vorspiele zu dieser Tragödie. Am
5. August hatte, unter Mitwissen und Beihilfe verschiedener Personen,
darunter der Leutnant Hans Hermann von Katte, ein Fluchtversuch des
Kronprinzen stattgefunden. Die Nachricht davon lief durchs Land.
Zwanzig Tage später war sie in Königsberg und noch am selben Tage
schrieb der Generalleutnant an seinen Bruder, den Kammerpräsidenten von
Katte in Magdeburg:
Mein lieber Bruder!
Mit was Betrübniß ich diese Feder ansetze, ist Gott bekannt. Ihr
werdet von eurem Sohn aus dem Reich leider erfahren haben, wie unsere
_gottlosen Kinder_ sich in das größte Labyrinth gesetzet, und hat euer
Sohn solches dem Major von Rochau geschrieben. Dieser hat mir dessen
Brief mit der Ordonance anhero gesandt, da ich eben anitzo hier in
Königsberg sein und bleiben muß. Ich hab es als meine Pflicht erachtet,
_meinen Sohn zu abandonniren_, meinen Eid und meine Schuldigkeit
vorzuziehen, und Eures Sohnes Schreiben dem Könige mit einer Estafette
zu senden. Hat mein Sohn in seinem dessein nicht reussiret, so wird
ihn der König wohl arretiren lassen. Ich kann nichts weiter tun als
seufzen, ihn Gott und des Königs _Erbarmung_ überlassen. Adieu, mein
lieber Bruder. Gott stärke uns in unserem Elend. Ich bin euer treuer
Bruder
_H. H. Katt_.
Dieser Brief trägt das Datum Königsberg, 25. August. Es ist sehr
bemerkenswert, daß der Vater Hans Hermanns von Katte in diesem
Schreiben sich ganz auf die Seite des Königs stellt. Die Loyalität
ging noch über das Vaterherz. Es darf nicht wunder nehmen, da aus
späteren Briefen hervorgeht, daß dem Generalleutnant _damals_ noch der
Gedanke fern lag, der König werde aus der Affäre ein Kapital-Verbrechen
machen. Man kannte das cholerische Temperament Friedrich Wilhelms,
seine strengen Ansichten über „Dienst“, nichtsdestoweniger rechnete
man auf Gnade. Niemand erwartete ein _Äußerstes_. Aber gerade
das Äußerste kam. Das Votum des Kriegsgerichts zu Köpenick hatte
auf dauernde Gefängnisstrafe gelautet. Der König, aus souveräner
Machtvollkommenheit, stieß das Urteil um und (vielleicht ein _einzig_
dastehender Fall in der Geschichte) _schärfte_ das Urteil und
verwandelte die Kerkerstrafe in Tod, unter Anfügung jener berühmt
gewordenen Worte: „es wäre besser, daß Katte stürbe, als daß die Justiz
aus der Welt käme.“
Das war am 1. November. Am 2. November kannte Hans Hermann von Katte
sein Schicksal, am 3. begann seine Überführung nach Küstrin, am 5.
mittags traf er ein und am 6. früh fiel sein Haupt.
Über all dies hab ich in dem Kapitel „_Die Katte-Tragödie_“, Band II.
Seite 302 bis 343 ausführlich berichtet.
Die _letzte_ Szene der Tragödie, die Beisetzung, führt uns wieder nach
_Wust_.
* * * * *
Ein bleierner Novemberhimmel hing über Dorf und Landschaft, auf Feldern
und Wegen standen Wasserlachen, und an den Ebereschenbäumen blinkten
einzelne Regentropfen. Es war um die fünfte Stunde, die Sonne, die den
ganzen Tag über nicht geschienen hatte, blinzelte im Untergehen über
die triste Landschaft hin.
Denselben Ebereschen-Weg, den damals der Oberst von Katte entlang
trabte, kam jetzt ein schmaler Leiterwagen mit zwei mageren Pferden
herauf. Der Kutscher ging nebenher, müde und matt, und tappste durch
die Regentümpel, die zu umgehen ihm den Weg verlängert hätte. Der Wagen
selbst gab ihm keinen Platz mehr, denn auf dem schmalen Brett stand ein
langer Sarg, schwarz gestrichen, schmucklos, ohne Haspen und Beschlag.
Es dunkelte schon, als das Fuhrwerk vor dem Herrenhause hielt. Auf dem
Vorplatze standen mehrere Leute aus dem Dorf, in ihrer Mitte der alte
Jerse, ein siebziger jetzt, mit einer Laterne in der Hand. Zwei von den
Tagelöhnern nahmen die Pferde vorn am Zügel und Jerse schritt vorauf.
So bogen sie quer über die Straße, nach der gegenüber gelegenen Seite
des Dorfes ein, und fuhren langsam über den holprigen Kirchhof hin, bis
sie vor der angebauten Gruft hielten.
Drinnen war alles unverändert geblieben; ein einziger Steinsarkophag in
einem weiß getünchten Raume. „Nu droagt em in“, sagte Jerse, und die
beiden Männer, die bis dahin die Pferde geführt hatten, suchten jetzt
an dem Sarge umher, um einen Handgriff zu finden. Aber nichts derart
war da. So schoben sie denn das Brett, auf dem der Sarg stand, von vorn
nach hinten, faßten das Brett oben und unten und trugen es, samt dem
Sarge, in den Anbau hinein. Als sie in der Mitte der Gruft standen,
fragte der Vorderste: „wo sall he hen?“ Jerse schien unschlüssig und
trat an den steinernen Sarkophag: „'t is ehr Söhn. Awer et jeiht nich.
Stellt em in de Eck.“ Und sie setzten alles nieder, hoben den Sarg
einen Augenblick und zogen das Brett fort. Und nun schlossen sich
die Torflügel wieder, und über den Kirchhof hin, an den schattenhaft
dastehenden Kreuzen vorbei, verschwand das Fuhrwerk im Dunkel. Jerse
blieb noch. Er leuchtete außen an der Gruft umher und murmelte, wie
greisenhafte Leute tun, Unverständliches vor sich hin, schüttelte
dabei den Kopf und tappte zuletzt, wie ein Irrer, zwischen den Gräbern
hin in seine Wohnung zurück.
So wurde _Hans Hermann von Katte_ beigesetzt. Ohne Sang und Klang.
Seine Familie hatten seinen Leichnam freigebeten und die Gnade des
Königs hatte es gewährt.