Ein klarer Septembertag. Von Jerichow her, auf breiter Straße, deren
junge Ebereschenbäume in roter Pracht stehen, kommen zwei Reiter, beide
gut beritten, beide in Küraß und Klapphut, aber doch unverkennbar
Herr und Diener. Der Weg führt auf _Wust_ zu, dessen neuaufgesetzter
Kirchturm eben sichtbar wird. Tausend Schritt vor dem Dorfe hält der
rechte Reiter, hebt sich in den Bügeln auf und blickt freudig auf das
stille märkische Dorf. Er mag es wohl, er ist hier zu Haus, und da wo
das Doppeldach zwischen den Pappeln sichtbar wird, hat er gespielt.
Er ist hier zu Haus; mehr noch, er ist der Herr dieses Dorfes. Seit
Knabenjahren war er wenig hier, aber so oft er kam, ging es ihm ans
Herz. Nun gibt er seinem Pferde die Sporen, der Diener folgt und in
starkem Trabe geht es bis auf den Vorplatz, die Rampe hinauf. Sie sind
erwartet: ein Hausverwalter, in verschossener Livree, steht im Portal
des Herrenhauses, ein Knecht nimmt das Pferd und ein alter Hühnerhund
mit langem Behang, dessen Braun überall schon ins Grau schimmert,
richtet sich auf von der sonnigen Stelle, auf der er lag. Er erkennt
seinen alten Spielkameraden und wedelt langsam hin und her. Aber er ist
zu alt, um sich noch lebhaft zu freuen. Er reckt sich, schnappt nach
einer Fliege und legt sich wieder.
Der Angekommene ist _Hans Heinrich von Katte_, Kürassieroberst, ein
Liebling des Königs. Er kommt aus den Niederlanden, wo er an den
Kämpfen gegen den Marschall Villeroi teilgenommen und in der Schlacht
bei Ramillies mit seinem Regimente fünfzehn feindliche Geschütze
genommen hat. Er hatte seit jenem Tage auch den Neid entwaffnet. Aber
dasselbe Jahr, das ihm so viel der Ehren brachte, hatte ihm sein bestes
Glück geraubt. Seine Gemahlin, eine geborne von Wartensleben, war ihm
in den Krieg gefolgt und in Brüssel gestorben. Von dort aus war sie
nach Wust zurückgeführt worden. Ihr Gemahl kam jetzt, um an ihrem Grabe
zu beten und das einzige Kind, das sie ihm zurückgelassen, auf seinen
Knien zu schaukeln.
„Wo habt Ihr den Junker?“
„Er spielt im Garten; des Pastors Kinder sind mit ihm.“
„Da laßt uns sehen, ob er den Papa wiedererkennt.“
Der Kürassier-Oberst schritt durch die ganze Reihe der Zimmer hin,
bog dann links in den Gartensalon ein und trat ins Freie. Auf einem
Rasenplatze spielte ein halbes Dutzend Kinder. In der Mitte war das
Gras ausgerodet und aus dem gelben Sande des Untergrundes eine Burg
aufgeführt, mit Kastell und Graben. Inmitten all der Herrlichkeit stand
ein kleiner stubsnasiger Blondkopf, nicht hübsch, aber mit klugen Augen.
„Hans Hermann, Junge, kennst Du mich noch?“
Der Junge sah verwundert auf. Endlich schien es in ihm zu dämmern und
er ging ruhig auf den Vater zu.
Dieser hob ihn in die Höhe, küßte und streichelte ihn, und sagte dann:
„Hans Hermann, wir müssen gute Freunde sein, Du mußt mir allerhand
erzählen. Komm, ich habe Dir auch eine Kanone mitgebracht.“ Damit
gingen sie in die Halle des Hauses zurück, wo der Diener inzwischen ein
Kaminfeuer angezündet hatte. Eine Magd trug ein Frühstück auf, während
der Vater seinen Blondkopf auf den Knien schaukelte, und mit Heiterkeit
die Fragen beantwortete, die das Kind unbefangen stellte.
Der Oberst nahm einen Imbiß, ließ den Jungen an dem Sherry nippen, den
er in seiner Satteltasche mitgebracht hatte, und sagte dann: „Hans
Hermann, nun wollen wir in die Kirche gehen.“
„Ich mag nicht.“
„Wir wollen uns den Stein ansehen, unter dem die liebe Mama schläft.“
„Ich mag nicht.“
Der Papa nahm aber den Jungen bei der Hand, der sich nun willig
führen ließ, und so schritten sie auf die Kirche zu, an deren altem
Seitenportal der Küster bereits mit seinem Schlüsselbund stand und
wartete. Er war ein Mann von fünfzig.
„Guten Tag, Jerse, wie geht's?“
„Et jeiht jo, gnädige Herr, man en beten _to oll_.“
„Man kann nicht immer jung bleiben. Wenn man nur mit Ehren alt geworden
ist. Was machen die Kinder?“
„Et jeiht jo, gnädige Herr, man en beten _to veel_.“
„Ja, Jerse, das ist Eure Schuld.“
Jerse schmunzelte. Der Oberst streichelte dem Jungen das lockige Haar
und fuhr dann fort:
„Ich hoffe, daß alles in Ordnung ist. Wann kam der Steinsarg?“
„Gistern wiern't fief Wochen, un de Steinhauer wier glieks mit dabi un
hett alles sülvst moakt. Un denn hebben wi de gnädge Fru mitsamst den
höltern'n Sarg insett.“
„Das ist recht, Jerse. Und nun schließt auf. Ich will erst sehen, wie
es in der Kirche aussieht“.
Sie traten in das Mittelschiff. Nicht weit von der Kanzel war
ein Reliefbild in die Wand eingelassen, ein Reiter in der Tracht
des dreißigjährigen Krieges. Der Oberst blieb stehen. Es war das
Bildnis seines Vaters. Daneben war ein zweiter Stein, eine seltsame
Rokoko-Arbeit. Minerva, mit drei Marabouts auf dem Haupte, sah einen
vierzehnjährigen Knaben auf sich zuschreiten, der ihr, huldigend, einen
Apfel überreichte. Alles buntbemalt. Die bunte Farbe reizte die Neugier
des Kindes.
„Was ist das?“
„Das ist eine Göttin. Weißt Du, was eine Göttin ist?“
„Nein. Ich will nur wissen, wer der Junge mit dem Apfel ist.“
„Das ist Dein Oheim. Er war _sehr_ fleißig und ist ganz jung gestorben“.
„Ich will nicht fleißig sein.“
„Nun hört, Jerse, wie der Junge aus aller Art ist.“
„Dat wahrd en richt'gen Junker, gnädge Herr. Wat brukt so'n lütt'
Junker veel to liernen! Et givt all so veel davun.“
„Nun, Jerse, wollen wir in die neue Gruft.“
Damit traten alle Drei durch die kleine Seitentür wieder auf den
Kirchhof hinaus und schritten auf einen Neubau zu, der augenscheinlich
erst vor Jahresfrist an die Ostseite der Kirche angebaut worden
war, eine sehr einfache Architektur mit zwei Gitterpforten und
einer Klapptür in Front. Das Äußere war öde, das Innere noch mehr.
In dem frisch geweißten Raume stand ein einziger Steinsarg, ein
Marmor-Sarkophag, kunstvoll und reich gearbeitet, dessen prächtige
Schönheit in diesem schmucklosen Raume einen seltsamen Eindruck machte.
Der Oberst nahm seinen Knaben an die Hand und trat an den Sarg heran.
Er blickte lange auf denselben. Dann beugte er sich zu dem Kinde nieder
und küßte es auf die Stirn.
Das Kind sah sich ängstlich um, drängte sich an den Vater und sagte:
„Komm, ich mag hier nicht sein.“
Und nun gingen sie über den Kirchhof wieder auf das Herrenhaus zu.
Alles war still, wie ausgestorben. Aber ein _Sonnenschein_ lag auf dem
Dach und Küster Jerse, der zurückgeblieben war, läutete Mittag.
Es sollten noch stillere Tage kommen. _Ohne_ Sonnenschein und ohne
Läuten.