Wust 1707

Ein klarer Septembertag. Von Jerichow her, auf breiter Straße, deren

junge Ebereschenbäume in roter Pracht stehen, kommen zwei Reiter, beide

gut beritten, beide in Küraß und Klapphut, aber doch unverkennbar

Herr und Diener. Der Weg führt auf _Wust_ zu, dessen neuaufgesetzter

Kirchturm eben sichtbar wird. Tausend Schritt vor dem Dorfe hält der

rechte Reiter, hebt sich in den Bügeln auf und blickt freudig auf das

stille märkische Dorf. Er mag es wohl, er ist hier zu Haus, und da wo

das Doppeldach zwischen den Pappeln sichtbar wird, hat er gespielt.

Er ist hier zu Haus; mehr noch, er ist der Herr dieses Dorfes. Seit

Knabenjahren war er wenig hier, aber so oft er kam, ging es ihm ans

Herz. Nun gibt er seinem Pferde die Sporen, der Diener folgt und in

starkem Trabe geht es bis auf den Vorplatz, die Rampe hinauf. Sie sind

erwartet: ein Hausverwalter, in verschossener Livree, steht im Portal

des Herrenhauses, ein Knecht nimmt das Pferd und ein alter Hühnerhund

mit langem Behang, dessen Braun überall schon ins Grau schimmert,

richtet sich auf von der sonnigen Stelle, auf der er lag. Er erkennt

seinen alten Spielkameraden und wedelt langsam hin und her. Aber er ist

zu alt, um sich noch lebhaft zu freuen. Er reckt sich, schnappt nach

einer Fliege und legt sich wieder.

Der Angekommene ist _Hans Heinrich von Katte_, Kürassieroberst, ein

Liebling des Königs. Er kommt aus den Niederlanden, wo er an den

Kämpfen gegen den Marschall Villeroi teilgenommen und in der Schlacht

bei Ramillies mit seinem Regimente fünfzehn feindliche Geschütze

genommen hat. Er hatte seit jenem Tage auch den Neid entwaffnet. Aber

dasselbe Jahr, das ihm so viel der Ehren brachte, hatte ihm sein bestes

Glück geraubt. Seine Gemahlin, eine geborne von Wartensleben, war ihm

in den Krieg gefolgt und in Brüssel gestorben. Von dort aus war sie

nach Wust zurückgeführt worden. Ihr Gemahl kam jetzt, um an ihrem Grabe

zu beten und das einzige Kind, das sie ihm zurückgelassen, auf seinen

Knien zu schaukeln.

„Wo habt Ihr den Junker?“

„Er spielt im Garten; des Pastors Kinder sind mit ihm.“

„Da laßt uns sehen, ob er den Papa wiedererkennt.“

Der Kürassier-Oberst schritt durch die ganze Reihe der Zimmer hin,

bog dann links in den Gartensalon ein und trat ins Freie. Auf einem

Rasenplatze spielte ein halbes Dutzend Kinder. In der Mitte war das

Gras ausgerodet und aus dem gelben Sande des Untergrundes eine Burg

aufgeführt, mit Kastell und Graben. Inmitten all der Herrlichkeit stand

ein kleiner stubsnasiger Blondkopf, nicht hübsch, aber mit klugen Augen.

„Hans Hermann, Junge, kennst Du mich noch?“

Der Junge sah verwundert auf. Endlich schien es in ihm zu dämmern und

er ging ruhig auf den Vater zu.

Dieser hob ihn in die Höhe, küßte und streichelte ihn, und sagte dann:

„Hans Hermann, wir müssen gute Freunde sein, Du mußt mir allerhand

erzählen. Komm, ich habe Dir auch eine Kanone mitgebracht.“ Damit

gingen sie in die Halle des Hauses zurück, wo der Diener inzwischen ein

Kaminfeuer angezündet hatte. Eine Magd trug ein Frühstück auf, während

der Vater seinen Blondkopf auf den Knien schaukelte, und mit Heiterkeit

die Fragen beantwortete, die das Kind unbefangen stellte.

Der Oberst nahm einen Imbiß, ließ den Jungen an dem Sherry nippen, den

er in seiner Satteltasche mitgebracht hatte, und sagte dann: „Hans

Hermann, nun wollen wir in die Kirche gehen.“

„Ich mag nicht.“

„Wir wollen uns den Stein ansehen, unter dem die liebe Mama schläft.“

„Ich mag nicht.“

Der Papa nahm aber den Jungen bei der Hand, der sich nun willig

führen ließ, und so schritten sie auf die Kirche zu, an deren altem

Seitenportal der Küster bereits mit seinem Schlüsselbund stand und

wartete. Er war ein Mann von fünfzig.

„Guten Tag, Jerse, wie geht's?“

„Et jeiht jo, gnädige Herr, man en beten _to oll_.“

„Man kann nicht immer jung bleiben. Wenn man nur mit Ehren alt geworden

ist. Was machen die Kinder?“

„Et jeiht jo, gnädige Herr, man en beten _to veel_.“

„Ja, Jerse, das ist Eure Schuld.“

Jerse schmunzelte. Der Oberst streichelte dem Jungen das lockige Haar

und fuhr dann fort:

„Ich hoffe, daß alles in Ordnung ist. Wann kam der Steinsarg?“

„Gistern wiern't fief Wochen, un de Steinhauer wier glieks mit dabi un

hett alles sülvst moakt. Un denn hebben wi de gnädge Fru mitsamst den

höltern'n Sarg insett.“

„Das ist recht, Jerse. Und nun schließt auf. Ich will erst sehen, wie

es in der Kirche aussieht“.

Sie traten in das Mittelschiff. Nicht weit von der Kanzel war

ein Reliefbild in die Wand eingelassen, ein Reiter in der Tracht

des dreißigjährigen Krieges. Der Oberst blieb stehen. Es war das

Bildnis seines Vaters. Daneben war ein zweiter Stein, eine seltsame

Rokoko-Arbeit. Minerva, mit drei Marabouts auf dem Haupte, sah einen

vierzehnjährigen Knaben auf sich zuschreiten, der ihr, huldigend, einen

Apfel überreichte. Alles buntbemalt. Die bunte Farbe reizte die Neugier

des Kindes.

„Was ist das?“

„Das ist eine Göttin. Weißt Du, was eine Göttin ist?“

„Nein. Ich will nur wissen, wer der Junge mit dem Apfel ist.“

„Das ist Dein Oheim. Er war _sehr_ fleißig und ist ganz jung gestorben“.

„Ich will nicht fleißig sein.“

„Nun hört, Jerse, wie der Junge aus aller Art ist.“

„Dat wahrd en richt'gen Junker, gnädge Herr. Wat brukt so'n lütt'

Junker veel to liernen! Et givt all so veel davun.“

„Nun, Jerse, wollen wir in die neue Gruft.“

Damit traten alle Drei durch die kleine Seitentür wieder auf den

Kirchhof hinaus und schritten auf einen Neubau zu, der augenscheinlich

erst vor Jahresfrist an die Ostseite der Kirche angebaut worden

war, eine sehr einfache Architektur mit zwei Gitterpforten und

einer Klapptür in Front. Das Äußere war öde, das Innere noch mehr.

In dem frisch geweißten Raume stand ein einziger Steinsarg, ein

Marmor-Sarkophag, kunstvoll und reich gearbeitet, dessen prächtige

Schönheit in diesem schmucklosen Raume einen seltsamen Eindruck machte.

Der Oberst nahm seinen Knaben an die Hand und trat an den Sarg heran.

Er blickte lange auf denselben. Dann beugte er sich zu dem Kinde nieder

und küßte es auf die Stirn.

Das Kind sah sich ängstlich um, drängte sich an den Vater und sagte:

„Komm, ich mag hier nicht sein.“

Und nun gingen sie über den Kirchhof wieder auf das Herrenhaus zu.

Alles war still, wie ausgestorben. Aber ein _Sonnenschein_ lag auf dem

Dach und Küster Jerse, der zurückgeblieben war, läutete Mittag.

Es sollten noch stillere Tage kommen. _Ohne_ Sonnenschein und ohne

Läuten.

Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil Havelland · 第 129 / 149 题