Es haben alle Stände
So ihren Degen wert?
=Der alte Derfflinger=
* * *
Sei brav,
Sei gut,
Hast Schlaf,
Hast _Mut_.
Eine halbe Stunde von Paretz, wie dieses hart an der Havel, liegt
_Ketzin_, schon ein Städtchen; wieder eine halbe Meile weiter, aber nun
landeinwärts, Dorf _Etzin_. Es von Paretz aus zu besuchen, verbot sich
mir; ich hatte also eine eigene Fahrt, eine kleine Spezial-Reise dafür
anzusetzen. Diese, per Bahn, ging zunächst über Spandau, Segefeld,
Nauen, von hier aus zu Fuß aber an den alten Bredow-Gütern: Markée und
Markau vorüber, ins eigentliche Havelland hinein. Der Leser wolle mich
freundlich begleiten.
Mit dem Glockenschlage zwölf sind wir auf dem Nauener Bahnhof
eingetroffen und das Straßenpflaster mit gebotener Vorsicht passierend,
marschieren wir nach zehn Minuten schon, an Gruppen roter Husaren und
gelbklappiger Ulanen vorüber, zum andern Stadt-Ende wieder hinaus. Das
weitgespannte Plateau, ein guter Lehmboden, ist flach und hart wie
eine Tenne und wäre nicht ein fichtenbestandener Höhenzug, der wie
eine Kulisse sich vor uns aufrichtet, so würden wir beim Heraustreten
aus dem Nauener Tore schon die spitzen Türme von Ketzin und Etzin vor
uns erblicken. So aber teilt der Höhenzug das Bild in zwei Teile und
_gönnt_ uns zunächst nur den Überblick über die nördlich gelegene
Hälfte.
Die Mühlen stehen so steif und leblos da, als hätten sie sich nie im
Klappertakte gedreht. Sonntags- und Mittagsstille vereinigen sich
zu einem Bilde absoluter Ruhe, und wäre nicht der Wind, der oft
umschlagend, bald wie ein Gefährte plaudernd neben uns hergeht, bald
wie ein junger Bursche uns entgegen springt, so wäre die Einsamkeit
vollkommen. Die Sonne brennt heiß und nach verhältnismäßig kurzem
Marsche schon machen wir Halt in einem der vielen Gräben, die sich
neben der Straße hinziehen. Wie uns die kurze Rast erquickt! der
Weidenstamm gönnt eine bequeme Rückenlehne und die herabhängenden
Zweige schützen gegen den Anprall der Sonne. Auch für Unterhaltung
ist gesorgt; das Stillleben der Natur tut sich auf, die Goldkäfer
huschen durch das abgefallene Blattwerk und die Feldmäuse, vorsichtig
neugierig wie auf der Rekognoszierung, stecken die Köpfchen aus den
Löchern hervor, die sich zahllos zu beiden Seiten des Grabens befinden.
In dem Sumpfwasser zu unserer Linken beginnen inzwischen die Unken
ihre Mittagsmelodien. Wie das ferne Läuten weidender Herden klingt
es, und zum erstenmal verstehen wir die Sage von den untergegangenen
Städten und Dörfern, deren Glocken um die Mittagsstunde leise nach
oben klingen. Wir lauschen auf, aber es bangt uns mehr und mehr vor
dem unheimlich einschmeichelnden Getöne, und rasch aufspringend,
marschieren wir rüstig weiter in die brennende Mittagsstille hinein,
dankbar gegen den jetzt wieder entgegenkommenden Wind, der uns das
Gesicht kühlt und die verfolgenden Unkenstimmen mit in unsern Rücken
nimmt. So erreichen wir bald den mit Nadel- und Laubholz bestandenen
Sandrücken, der, als wir die Nauener Mühlen passierten, wie eine
Kulisse vor uns stand, waten geduldig durch den heißen mahlenden Sand
des Fahrwegs hindurch und treten endlich aufatmend in die südliche
Hälfte des Havellandes ein. Aufatmend; -- denn kaum die Tannen im
Rücken, ist es uns, als wehe uns eine feuchte Kühle an, wie von der
Nachbarschaft eines breiten Stroms, und doch ist es noch eine volle
Meile bis an die Buchtung der schönen Havel.
Noch eine volle Meile bis an die Havel, aber nur eine halbe Stunde
noch bis nach Etzin, dem unsere heutige Wanderung gilt. Seine
schindelgedeckte Kirchturmspitze liegt schon wie greifbar vor uns,
und dem Ziele unserer Reise uns näher wissend, spannen sich jetzt die
Kräfte wie von selber an, Frische kehrt zurück, und noch ehe der Vorrat
unsrer Wanderlieder dreimal durchgesungen, marschieren wir fröhlich und
guter Dinge in das alte malerische Dorf hinein.
Alles verrät Wohlhabenheit, aber zugleich jenen bescheidenen Sinn,
der sich in Treue und Anhänglichkeit an das Überlieferte äußert. Das
Dorf ist noch ein Dorf; nirgends das Bestreben in das Städtische
hineinzuwachsen und aus der schmalen Bank unterm Fenster eine Veranda
zu machen. Der Hahn auf dem Hofe und die Schwalbe am Dache sind noch
die eigentlichen Hausmusikanten und die Bauerntöchter, die eben ihr
Geplauder unterbrechen und mit ruhiger, nirgends von Gefallsucht
zeugender Neugier dem Schritt des Fremden folgen, haben noch nichts
von jener dünnen Pensions-Tünche, die so leicht wieder abfällt von der
ursprünglichen Stroh- und Lehmwand.
Die Kirche des Dorfes, am entgegengesetzten Ende gelegen, entzieht sich
unserem Auge, seit wir in die Dorfgasse eingetreten, aber die Bilder
und Szenen um uns her lassen uns auf Augenblicke vergessen, daß es eben
die Etziner Kirche und nichts anderes war, was uns hierher führte. Die
Bilder wechseln von Schritt zu Schritt. Hier stellt sich ein alter
Fachwerkbau, von einem schmalen Gartenstreifen malerisch eingefaßt, wie
ein Familienhaus mitten in die Dorfgasse hinein und teilt den Fahrweg
in zwei Hälften, wie eine Insel im Strom: dort an den Zäunen entlang
liegt allerhand Bau- und Bretterholz, und die Kinder beim Anschlagspiel
lugen mit halbem Kopf über die Stämme hinweg. Die Arbeit ruht, die
lichten Kronen der Lindenbäume werfen ihren Nachmittagsschatten voll
und breit auf die Dorfgasse, und wir schreiten frisch und aller
Müdigkeit bar darüber hin, als lägen Binsenmatten vor uns ausgebreitet.
So haben wir das Dorf passiert, und auf leis ansteigendem Hügel
erblicken wir endlich die Kirche wieder, in die der eben herzukommende
Küster uns nun freundlich und willfährig einführt.
Das Innere der Kirche ist wie das Dorf selbst; schlicht und einfach,
wohlhabend, sauber, eine wahre Bauerndorf-Kirche, aber doch anders
wie sonst solche Kirchen zu sein pflegen. Denn die Gotteshäuser alter
Bauerndörfer zeichnen sich im Gegensatz zu den Patronats-Kirchen
gemeinhin durch nichts als durch eine äußerste Kahlheit aus, durch
die Abwesenheit alles Malerischen und Historischen; die Generationen
kommen und gehen, kein Unterschied zwischen dem Dorf und seinem
Felde, ein ewiger Wechsel zwischen Saat und Mahd. Leben, aber keine
Geschichte. So sind die Bauerndörfer und so sind ihre Kirchen. Nicht
so Etzin. Hier war zu allen Zeiten ein historischer Sinn lebendig,
und so hat hier die Gemeinde Bildnisse derer aufgestellt, die dem
Dorfe mit Rat und Tat voran gingen, sein „Wort und Hort“ waren -- die
Bildnisse seiner Geistlichen. Wenn sich solcher Bildnisse nur vier
in der Etziner Kirche vorfinden, so liegt es nicht daran, daß die
Etziner seit einhundertundfünfzig Jahren sich jemals ihrer Pflicht
entschlagen und ihre alte Pietät versäumt hätten, sondern einfach
daran, daß die Etziner Luft gesund und die Etziner Feldmark fruchtbar
ist. Die Etziner Geistlichen bringen es zu hohen Jahren, und wenn wir
die Inschriften und Zahlen, die sich auf den betreffenden Bildern und
Grabsteinen in und außerhalb der Kirche vorfinden, richtig gelesen
haben, so füllen die Namen dreier Prediger den ganzen weiten Raum
des vorigen Jahrhunderts aus. Die Bilder dieser drei Geistlichen,
von denen übrigens der mittlere, der Held dieser Geschichte, nur ein
kurzes Jahrzehnt der Etziner Gemeinde angehörte, hängen von Bändern
und Brautkronen heiter eingefaßt, links vom Altar an einem der breiten
Mauerpfeiler, und das helle Sonnenlicht, das durch die geöffneten
Kirchenfenster von allen Seiten eindringt, macht es uns leicht die
Namen zu lesen, die mit dünnen weißen Schriftlinien auf schwarze
Täfelchen geschrieben sind. Die Namen sind: Andreas Lentz, August
Wilhelm Geelhaar und Joachim Friedrich Seegebart. Andreas Lentz,
ein würdevoller Kopf, mit dunklem, lang herabhängendem Haar, gehört
augenscheinlich der Zeit der ersten beiden Könige, August Wilhelm
Geelhaar aber der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts an. Er trägt
eine hohe Stehkrause, ist blond, rotbäckig, martialisch, und blickt
aus seinem Rahmen heraus wie die Bischöfe des ersten Mittelalters,
die lieber zum Streitkolben wie zum Meßbuch griffen. Sein Blick ist
kriegerisch genug, aber die Welt hat nie von seinen Kriegstaten
erfahren und den Ruhm in den Gang einer Schlacht eingegriffen und
die drohende Niederlage in Sieg gewandelt zu haben, muß er seinem
Amtsbruder und unmittelbaren Vorgänger an der Etziner Pfarre
überlassen, dessen Bildnis jetzt neben ihm am Wandpfeiler hängt, und
dessen milde, fast weiche Gesichtszüge auf alles andre eher schließen
lassen sollten, als auf den „Geist Davids“, der ihn zum Siege fortriß.
Und doch war es so. Joachim Friedrich Seegebart ist es, der uns nach
Etzin und in diese Kirche geführt hat, Joachim Friedrich Seegebart der
Sieger von Chotusitz. Hören wir, wie es damit zusammen hängt.
* * * * *
_Joachim Friedrich Seegebart_, geboren den 14. April 1714 im
Magdeburgischen, wahrscheinlich zu Wolmirstedt, war Feldprediger beim
Prinz Leopoldschen Regiment, das vor Ausbruch des ersten schlesischen
Krieges, und auch wohl später noch, zu Stendal in Garnison stand. Er
war ein Anhänger der Spenerschen Lehre, demütig, voll Liebe, nur streng
gegen sich selbst, ein Mann, von dem man sich einer gewissenhaften
Wartung seines Amtes, der Festigkeit in Wort und Glauben, aber keiner
kriegerischen Tat versehen konnte, er selbst vielleicht am wenigsten.
Die rasche Besitzergreifung Schlesiens war Ausgang 1740 beschlossene
Sache. Die Regimenter erhielten Marschorder und den 8. Dezember brach
das Regiment Prinz Leopold von Stendal auf, mit ihm Seegebart. Über
diesen Marsch durch die Kurmark und später durch Schlesien besitzen wir
interessante Aufzeichnungen von Seegebarts eigener Hand. Am 11. März,
nach längerem Aufenthalt in Berlin, betrat das Regiment schlesischen
Boden, zeichnete sich bei der Erstürmung von Glogau aus, focht bei
Mollwitz und bezog im Oktober das Winterquartier in Böhmen. Hier
blieb es in Reserve, während der König in Mähren einrückte. Erst im
Frühjahr 1742 vereinigte sich das Regiment wieder mit der aus Mähren
zurückgehenden Haupt-Armee und war mit unter den Truppen, die am
17. Mai 1742 der österreichischen Armee unter dem Prinzen Karl von
Lothringen bei Chotusitz eine Viertelmeile von Časlau gegenüber standen.
Dieser Tag von Časlau oder Chotusitz ist der Kriegs- und Ehrentag
unseres Seegebart. Gegen acht Uhr morgens begann die Schlacht, die
österreichische Infanterie eröffnete den Angriff, und warf sich
auf den rechten preußischen Flügel, litt aber durch Kanonen- und
Klein-Gewehr-Feuer so stark, daß einzelne Regimenter den Rücken
kehrten, und, trotzdem sie von ihren eigenen Offizieren in kaum
glaubhafter Anzahl niedergestochen wurden, nicht wieder zum Stehen zu
bringen waren. Jetzt sollten Kavallerie-Chargen die Scharte auswetzen.
Mit großem Ungestüm schritt man zur Attacke; aber vergeblich.
Mal auf mal wurden die Chargen abgeschlagen und die rückgehenden
Regimenter schließlich mit solcher Vehemenz verfolgt, daß die dahinter
aufgestellte Infanterie mit in die Flucht verwickelt und zum Teil
niedergemacht, zum Teil über das Feld hin zerstreut wurde.
So standen die Dinge am rechten Flügel, zum Teil auch im Zentrum. Alles
ließ sich glücklich an und schien einen raschen Sieg zu versprechen;
aber völlig entgegengesetzt sah es am linken Flügel aus, wo unser
Seegebart auf einer kleinen Fuchsstute im Rücken seines Regiments
hielt. Hier standen sechs Bataillone in Kolonne und zwar in Front zwei
Bataillone Prinz Leopold, dahinter einzelne Bataillone der Regimenter
La Motte, Schwerin, von Holstein und Prinz Ferdinand. Das Unglück
wollte, daß der Angriff der Österreicher eher erfolgte, als die
Aufstellung der Preußen, insonderheit ihrer Kavallerie beendigt und
geordnet war, und so wiederholte sich hier zuungunsten der Preußen das,
was sich am entgegengesetzten Flügel zu ihren gunsten ereignet hatte.
Die preußischen Dragoner wurden geworfen, die Infanterie-Kolonnen,
zumal die in Front stehenden Bataillone Prinz Leopold, mit in den
Wirrwarr hineingerissen und endlich alles in wildem Durcheinander durch
das brennende Dorf Chotusitz hindurch gejagt. Reserven rückten vor
und nahmen den Kampf wieder auf, aber im selben Augenblicke stoben,
wie durch ein böses Ungefähr, vom entgegengesetzten Flügel her, die
flüchtigen Reitermassen heran, die dort dem Vordringen der Preußen
hatten weichen müssen, und nun eben rechtzeitig genug erschienen,
um dem ohnehin siegreichen Stoß der Ihrigen eine gesteigerte Wucht
zu geben. In diesem Augenblick äußerster Gefahr war es, wo der
kriegerische Geist in unserem Seegebart plötzlich lebendig wurde und
zunächst den Kampf wiederherstellend, endlich alles zu Heil und Sieg
hinausführte. Seegebart selbst hat dies sein Eingreifen in den Gang der
Schlacht mit so viel Anschaulichkeit und Bescheidenheit geschildert,
daß es wie geboten erscheint, ihn an dieser Stelle mit seinen eigenen
Worten einzuführen.
„Als unser Regiment nun retirierte und zum Teil mit feindlicher
Kavallerie und Grenadiers vermischt war, jug ich sporenstreichs hin und
wieder durch dasselbe und redete den Burschen und Offiziers beweglich
und Notabene recht ernstlich zu, daß sie sich widersetzen und fassen
sollten. Einige schrien mich gleich an mit einem lauten: Ja! und waren
bereit und willig, wurden aber von der andringenden Macht verhindert,
kamen aber doch wieder zu stehen. Als ich dieses tat, flogen mir die
Kugeln so dick um den Kopf, als wenn man in einem Schwarm sausender
Mücken stehet, doch hat Gottlob mich keine, auch nicht einmal den
Roquelour verletzt. Ein Bursch hat mein Pferd in diesem Lärm mit dem
Bajonette erstechen wollen; aber ein anderer hat es ihm weggeschlagen.
Bis hierher hatte ich nur zu den Leuten unsres Regiments gesprochen,
ich sammelte jetzt aber einige Eskadrons Kavallerie, die in Konfusionen
waren, vom linken Flügel, brachte sie in Ordnung, und sie attakierten
in meiner Gegenwart die feindliche Kavallerie und repoussierten sie.
Ich war so dreist, daß ich mich an General und Obersten machte, sie
bei der Hand faßte und im Namen Gottes und des Königs bat, ihre Leute
zu sammeln. Wenn dies geschehen, so jug ich hin und wieder durch und
trieb die Leute wieder dahin, wo sie sich wieder zu setzen anfingen.
Ich brauchte allerlei Beredsamkeit und man folgte mir in allen Dingen.
Ich wundere mich, daß die schweren Pferde meinen kleinen Fuchs nicht
zertreten haben, aber es schien, als wenn alles vor mir auswiche und
mir Platz machte. Ich tat und redete als ein Feldmarschall und bemerkte
augenblicklich die Impression von meinem Zureden und Vorstellungen
an der Leute Geberden und Gehorsam. Mein Gemüt war Gott ergeben, und
in einer guten Fassung, und ich habe in eigener Erfahrung damals
gelernt, daß das Christentum resolut und mutig macht auch in den
verworrensten Begebenheiten. Auch den Feind zu verfolgen war mir
schließlich gestattet. Ich sammelte noch einmal einen großen Haufen
fliehender Kavallerie, zum Teil von unsern linken und rechten Flügel,
wohl eine Viertel-Meile vom Champ de Bataille, welches mir wohl große
Mühe machte, aber doch endlich gelungen, und führte es zurück bis an
den gedachten Champ, wo sie auch sogleich, weil sich die Bataille indes
geendet, dem Feinde nachging und ihn verfolgte. Die Kavallerie so ich
gesammelt und die sogleich auf meine Vorstellung wieder zu agieren
anfing ist über zwanzig Eskadrons gewesen. Gott sei mir gelobet der mir
Davids Mut und Sinn gegeben“.
Soweit die Darstellung Seegebarts selbst. Der Vorgang machte Aufsehen
bei Freund und Feind und wurde, ausgeschmückt, und oft bis zur
Unkenntlichkeit entstellt, in Zeitungen und fliegenden Blättern
erzählt. Jordan schrieb schon, zehn Tage nach der Schlacht, von Berlin
aus an den König: „Hier möchte alle Welt wissen, wer der Unbekannte
gewesen sei, der sich mit soviel Bravour an die Spitze einiger
Eskadrons setzte und durch rasches Eingreifen zum Siege mitwirkte. Es
heißt, Ew. Majestät hätten nach seinem Namen gefragt, der Angeredete
habe sich aber geweigert, sein Inkognito aufzugeben.“ Der große König,
der damals noch mehr jung als groß war und Anstand nehmen mochte, einem
einfachen Feldprediger einen wesentlichen Anteil am Siege zuzusprechen,
fand es angemessen, in seinem Antwortschreiben die ganze Angelegenheit
als eine Fabel zu bezeichnen, und wir würden uns vielleicht in der Lage
befinden, den ganzen poetisch und psychologisch interessanten Vorgang
in Wirklichkeit als eine Fabel ansehen zu müssen, wenn wir nicht das
Seegebartische Tagebuch und jenen Brief (an Professor Michaelis in
Halle) besäßen, aus dem wir schon die obige Schlachtszene zitiert
haben. Das Tagebuch weist in seinem Tone und seiner Schreibweise für
jeden, der sich auf den Klang von Wahrheit und Unwahrheit versteht,
unwiderleglich nach, daß Pastor Seegebart eine eben so demütige, wie
hochherzige Natur war, ein Mann, in dessen Herzen keine Lüge bestehen
konnte. So glauben wir denn ihm und keinem andern, wenn er am 24. Mai
in aller Bescheidenheit aber auch in nicht mißzuverstehender Klarheit
schreibt:
„Die Sache ist beim König, der Generalität, ja der ganzen Armee
bekannt geworden, und man redete in den ersten Tagen selten von
dem Siege, den uns Gott gegeben, ohne daß man meiner gedacht
hätte. Wenn ich ein Narr wäre, so hätte ich die beste Gelegenheit
mich aufzublasen gehabt. Der König hat mir durch unsern
Prinzen (Erbprinz Leopold von Anhalt-Dessau) ein sehr gnädiges
Kompliment machen und mich versichern lassen, ‚ich sollte die
beste Pfarrstelle in allen seinen Landen haben‘, wozu der Prinz
hinzusetzt: ‚Wenn das nicht geschähe, so wolle er mir die beste in
seinem eigenen Fürstentum geben, denn ich hätte in der Bataille
nicht nur wie ein Prediger, sondern auch wie ein braver Mann
getan.‘“
Prinz Leopold, der gewiß Wort gehalten hätte, wurde nicht beim Wort
genommen; Seegebart erhielt eine Pfarre, freilich keine beste, kaum
eine gute (die Etziner Pfarrstelle ist jetzt eine sehr gute, war
es aber damals nicht), indessen doch immerhin eine Pfarre, und im
August 1742, also kaum drei Monate nach der Schlacht, ward er in die
Etziner Kirche eingeführt. Mit ungewöhnlicher Tätigkeit -- so erzählte
mir der achtzigjährige Pastor Duchstein, der, als er sein Etziner
Pfarramt zu Anfang dieses Jahrhunderts antrat, noch Leute vorfand,
die seinen kriegerischen Amts-Vorgänger gekannt hatten -- hat dieser
hier als Seelsorger und Landwirt gewirkt. An Wochentagen hielt er im
Pfarrhause Erbauungsstunden, sowohl für Kinder wie für Erwachsene,
und nahm sich überhaupt seiner beiden Gemeinden: Etzin und das nahe
gelegene Knoblauch, mit Eifer und Liebe an. Nebenbei aber führte er
die weitläufige Pfarrwirtschaft selbst, verbesserte mancherlei in
derselben und nutzte sie durch seine Betriebsamkeit, wie die von ihm
geführten Register beweisen, ungemein hoch. Den Pfarrgarten hatte
er ganz verwildert übernommen; er pflanzte die besten Obstsorten an
und hatte die Freude, schon im zweiten Jahre einige Früchte davon
zu ernten. So oft er ein so günstiges Ergebnis seines Fleißes in
seinen noch vorhandenen Rechnungen zu vermerken hatte, versäumte er
nicht in einfachen Worten einen kurzen Dank an Gott auszusprechen.
Über seine Kriegs- und Siegestat bei Chotusitz sprach er nur selten
und nur gezwungen, teils weil er eine natürliche Scheu hatte sich
vorzudrängen, teils weil er zu der Ansicht gekommen sein mochte,
„er habe bei Chotusitz für einen Geistlichen wirklich etwas zu
viel getan.“ Aber eben deshalb, weil der Tag von Chotusitz auf der
Etziner Pfarre nur so selten genannt werden durfte, eben deshalb ist
auch jener Familien-Tradition, die sich bis in unsere Tage hinein
erhalten hat, ein ganz besonderer Wert beizulegen, jener Tradition
nämlich, die übrigens auch in Andeutungen des Jordanschen Briefes
ihre Bestätigung findet, daß der König seinem Feldprediger in der
Tat eine Hauptmannsstelle habe anbieten lassen. Daß dies Anerbieten
abgelehnt wurde, versteht sich von selbst. Seegebart wäre nicht er
selbst gewesen, wenn er den ~Roquelaure~ mit dem bunten Rock des Königs
vertauscht hätte. Die angestrengte Tätigkeit des Predigens vor zwei
Gemeinden scheint seiner wohl an sich nicht sehr festen Gesundheit
geschadet und seinen frühzeitigen Tod herbeigeführt zu haben. Auch sein
Bild zeigt jene klare, durchsichtige Hautfarbe und jene mildleuchtenden
Augen, denen man bei Brustkranken so oft begegnet.
Er hinterließ eine Witwe, Christiane Elisabeth, geborene Sukro und vier
Kinder. Außer seinem Bilde, das ihn unverkennbar als eine poetische,
dem Idealen zugewandte Natur darstellt, befindet sich an einer
Außenwand der Etziner Kirche noch der Grabstein des früh Geschiedenen,
der unter einem wenig geschmackvollen Ornament folgende Inschrift trägt:
„Hier ruhen in Hoffnung die dem Tode getrost anvertrauten Gebeine
des weiland Hochwürdigen und Hochgelehrten Herrn Joachim Friedrich
Seegebarth. Das Prinz Leopold'sche Regiment, und die Etzinsche und
Knoblauch'sche Gemeinde rühmen noch seine wahre Gottesfurcht und
seltene Redlichkeit. Daher war er freudig vor Gott, liebreich vor
Menschen, sorgfältig im Amt, demüthig bei seiner Gelehrsamkeit.
Von seinem geistigen Amt zeugen viel lebendige Briefe, von seinem
Christentum, die durch das Leben betätigte Lehre. Er betrat diesen
mühseligen Schauplatz 1712 den 14. April. Er bezog die stolzen
Wohnungen der Ewigkeit 1752 den 26. Mai. Leser! schaue sein Leben
an und denke an seinen Tod. Betrachte seinen Glauben und ahme ihm
nach. Sein freudiger Hingang mache Dir die Ewigkeit süß.“