Die Sage gebiert und schafft und treibt.
Was will unser Licht? Ein Dunkel bleibt.
Falkenrehde, halbwegs zwischen Potsdam und Nauen, ist eines der
reicheren Güter des Havellandes und bildet mit dem nachbarlichen
Ütz und Paretz einen Güterkomplex, dessen Erträge in die Königliche
Schatulle fließen. In früheren Jahrhunderten saßen hier die Bardeleben
und Dirickes, später die Gröben, bis es, zur Zeit des Großen
Kurfürsten, an den berühmten Artillerieobersten Ernst von Weiler und
dessen weibliche Deszendenz überging. Eine der Weilerschen Töchter
war an den Minister von Kraut, einen besonderen Günstling Friedrich
Wilhelms I. vermählt. Diese Weilersche Zeit war die wichtigste. Sie
gab dem Dorfe seine Geschichte, auch wohl die Erscheinung, die es bis
diesen Augenblick noch zeigt.
Falkenrehde ist eines jener lachenden Dörfer, deren die Mark, ganz im
Gegensatz zu ihrem Ruf, so viele zählt. Prächtige alte Linden ziehen
sich zu beiden Seiten der Dorfstraße hin, saubere Häuser, von Kürbis-
oder Pfeifenkraut umsponnen, blicken zwischen den Stämmen durch und in
nur kurzen Pausen rollen Postwagen und Omnibusse auf und ab, die den
Verkehr zwischen Potsdam und den kleinen, aber wohlhabenden Städten des
Havellandes unterhalten. In den dreißiger Jahren war auch vornehmeres
Gefährt auf dieser Straße heimisch: Königliche Kutschen. Friedrich
Wilhelm III. kam an schönen Sommerabenden von dem nahen Paretz herüber,
stieg in der Pfarre ab, nahm in einem eigentümlich dekorierten
Zimmer, dessen Wände einen deutschen Götterhain und einen freiwilligen
Jäger darstellten, den Freia mit dem Schwert umgürtet, seinen Tee
und plauderte mit dem pastor loci, während dessen Söhnlein, ein
vierjähriger Blondkopf, mit Säbel und Ulanenkaskett auf der Freitreppe
Wache stand. In Paretz hatte der König unbedingte Stille; _hier_
erquickte ihn jene heitere Geschäftigkeit, jener auf- und abwogende
doch nie zudringliche Verkehr, der wohl zerstreute, aber nicht störte.
Und diese heitere Geschäftigkeit, dieser nie rastende Verkehr, sie sind
dem Dorfe geblieben, ja mehr, sie sind gewachsen. Freilich, wer sich
ihrer freuen will, darf nicht gerade Novembertage wählen, wie wir es
heute tun. Für _unsern_ Zweck indes vielleicht die beste Beleuchtung.
Tagüber war Regen. Nun hat sich mit Sonnenuntergang der Himmel geklärt,
eine eiskalte Luft geht über die Felder, das Wasser platscht in den
breiten Lachen, die wir durchfahren, und die Weidenzweige, an denen
noch einzelne Tropfen hängen, schlagen in den Wagen hinein. Selbst das
Abendrot, das zwischen geballtem Gewölk steht, hat nichts Heiteres.
Fröstelnd fahren wir in die Falkenrehder Dorfstraße ein.
* * * * *
„Es wird heute nichts“, brummte mein Gefährte, ein havelländischer
Herr, aus seiner Kapuze heraus. „Um diese Stunde steigt keiner in die
Gruft, am wenigsten zu dem Enthaupteten.“
„Wir müssen's versuchen. Tot ist tot, enthauptet oder nicht.“ Mit
diesen Worten hielten wir vor der Küsterwohnung, schlugen das
Wagenleder zurück, so rasch es unsere klammen Finger gestatteten und
sprangen mit Vermeidung des Tritts, dem man es ansah, daß er nur zum
„Hängenbleiben“ da war, auf den aufgeweichten Boden.
Die warme Stube drinnen tat uns wohl. Wir trugen dem Küster unser
Anliegen vor, der, unter Gräbern groß geworden und mit den Toten
eingelebt, sofort seine Bereitwilligkeit ausdrückte, dem „Enthaupteten“
einen nächtlichen Besuch zu machen. Zu gleicher Zeit erfreute er
das Ohr meines Reisegefährten durch die Erklärung: „daß es für
_drei_ zu eng sei.“ Wir nahmen, während Laterne und Kirchenschlüssel
herbeigeschafft wurden, einen Augenblick Platz und plauderten, was mir
erwünschte Gelegenheit gab einige Fragen zu stellen.
„Nun sagen Sie, Herr Kantor, wie steht es damit, ist er wirklich
enthauptet?“
„Das ist er. Darüber kann kein Zweifel sein. Sie werden es sehen.“
„Wer ist es?“
„Ich weiß es nicht. Ich kann nur sagen, was sich die Leute hier
erzählen. Sie sagen, es sei der Oberst von Weiler, der um 1680
Falkenrehde besaß. Sie sagen, daß er Unterschleife machte, daß er
heimlich hingerichtet wurde und daß die Frau des Obersten die Leiche
freibat, um sie hier beisetzen zu können.“
„Das ist alles?“
„Ja!“
„Glauben Sie es?“
„Ich darf wenigstens nicht sagen: ich glaub' es _nicht_. Ein
Enthaupteter ist da. Irgend etwas muß passiert sein.“
Soweit war unsere Unterhaltung gediehen, als die Frau die brennende
Laterne brachte, was man so brennen heißt, vier angeblakte Scheiben mit
einem Lichtstumpfe drin. Der Küster nahm den Vortritt und so schritten
wir auf die Straße hinaus, wo inzwischen die Falkenrehder, bis zu dem
benachbarten Kirchhofe hin, Spalier gebildet hatten. Das Gerücht von
unserm Vorhaben war durchs Dorf gelaufen wie ein Feuer übers Strohdach.
Alles sah uns nach, mit einem andächtigen Ernst, als ob wir auszögen
den Lindwurm zu töten.
Alsbald hielten wir vor dem Kirchhofsportal, einem schmiedeeisernen
Gittertor, das an höchster Stelle zwei in Erz getriebene Lorbeerzweige
und inmitten derselben die vergoldeten Buchstaben ~E. v. W.~ (Ernst von
Weiler) zeigte. Gerade hinter diesen Buchstaben und ihrer Einfassung
stand der Mond. Über die Grabsteine von Pastoren und Amtleuten hinweg
schritten wir nunmehr auf die Kirche zu und traten durch die Seitentür
in dieselbe ein.
Sie machte einen spukhaften Eindruck, weil sie überall da, wo das
Mondlicht durch die Scheiben fiel, so hell war wie bei Tage. Daneben
lagen breite Schattenstreifen. An den Wänden und Pfeilern hingen
Totenkränze und Brautkronen mit ihren langen bunten Bändern. Es war,
als bewegten sie sich bei unserem Eintreten. Wir schritten nun zunächst
auf den Altar zu, wo ich im Halbdunkel ein großes Bild zu bemerken
glaubte. Wirklich, es war eine Kreuzigung, alles in Rokokomanier, und
die Magdalene mit hohem Toupet und Adlernase sah aus wie die Frau von
Pompadour. Ich darf sagen, daß das Unheimliche des Ortes durch diese
Anklänge nur noch gesteigert wurde.
Ich hatte, um an dem Bilde herumzuleuchten, die Laterne genommen und
fragte jetzt, wo die Gruft sei.
„Da müssen wir wieder zurück.“
Gut. Wir kehrten also um und gingen das Schiff hinunter, bis wir
inmitten der Kirche, vor einer in die Fliesen eingelassenen Bretterlage
standen. Es war alles so primitiv wie möglich; keine Falltür, kein
eiserner Ring zum Hochheben, nur eben drei eichene Bohlen. Und
sie waren nicht leicht zu fassen. Endlich mit Hilfe des schweren
Kirchenschlüssels, den wir als Hebel benutzten, lüfteten wir das erste
Brett; dann die beiden andern. Die Stiege, die hinab führte, war
weniger eine Treppe als eine aus aufrechtstehenden Ziegeln gebaute
Leiter; jede Stufe so hoch und so schmal wie möglich. Alles voll Staub
und Spinnweb. Ohne Fährde indes kamen wir unten an; nur das Licht in
der Laterne begann in bedenklicher Weise zu flackern, erholte sich aber
wieder und die Musterung konnte beginnen. Wir zählten vier Särge, zwei
wohlerhalten und mit Metall beschlagen, die beiden anderen schon etwas
schadhaft. Einer davon, von rechts her gerechnet der dritte, hatte eine
Öffnung am Kopfende: das verschließende Brettchen fehlte. Es sah aus
wie die offenstehende Tür eines kleinen Hauses.
„Das ist er“, sagte der Küster.
„Der Enthauptete?“
„Ja.“
Dabei fuhr er mit Totengräber-Gleichmut in die Öffnung des Sarges
hinein, suchte einen Augenblick wie in einem Kasten, in dem man
Bescheid weiß, und kam dann mit einem Schädel wieder zum Vorschein. Und
nun hielt er ihn mir wie zur Begutachtung hin.
Ich nahm ihn in die Hand und sagte: „Das ist ein Schädel, nicht mehr
und nicht weniger. Wo aber steckt der Beweis, daß es der Schädel eines
_Enthaupteten_ ist?“
Der Küster, statt aller Antwort, wies einfach auf einen fingerbreiten
Halslappen hin, der sich unter dem Kiefer hinzog. Dieser aufgetrocknete
Streifen war an seinem Rande so scharf, wie wenn man ein hartes Stück
Leder mit einem scharfen Messer durchschneidet.
Dies mochte in der Tat als Beweis gelten. Es war ganz unverkennbar
eine Schnittfläche. Irgend etwas Scharfes hatte hier Kopf und Rumpf
getrennt. „Sie haben Recht,“ -- damit schoben wir den Schädel wieder in
seine Behausung, kletterten hinauf und deckten die Bohlen darüber.
Unser Rückzug war eiliger als unser Kommen. Mir war, als lache die Frau
von Pompadour hinter uns her, und über den Grabstein des alten Amtmanns
Kriele weg traten wir wieder in die Dorfstraße hinaus.
Alles stand noch in Gruppen. Wir mußten erzählen. Aber es war nur, was
jeder wußte.
* * * * *
In der Falkenrehder Gruft ruht ein Enthaupteter. Das scheint
festzustehen. Aber wer ist dieser Enthauptete? Die Sage, wie schon
hervorgehoben, antwortet: Oberst Ernst von Weiler; die Geschichte
dagegen _verneint_, was die Sage sagt. Oberst Ernst von Weiler, in
seinen letzten Dienstjahren General, ist eine historische Person,
wie nur irgend wer, und wir können ihn bis an das Ende seines Lebens
verfolgen. In hohem Alter und hohem Ansehen ist er gestorben. Wir
erzählen, was man von ihm weiß.
Ernst _von Weiler_, aus einer angesehenen Patrizierfamilie, etwa um
1620 geboren, war der Sohn des kurbrandenburgischen Amtskammerrats und
Hofamtsmeisters Christian Weiler, Erbherrn auf Vehlefanz und Staffelde.
Er trat früh in die Armee, nahm wahrscheinlich noch an den letzten
Kämpfen des dreißigjährigen Krieges teil und focht 1674 (über seine
Beteiligung an der Schlacht von Warschau verlautet nichts) am Oberrhein
gegen Turenne. Er war damals mutmaßlich Oberstwachtmeister in der
Artillerie. Zuerst wird er mit Bestimmtheit 1675 genannt, wo er in
der Schlacht bei Fehrbellin, die „mit doppelter Bespannung versehenen
Geschütze“ mit großer Auszeichnung zum Siege führte.
Er hatte sich dabei das Zutrauen und Wohlwollen des Kurfürsten in einem
besonders hohen Grade zu erringen gewußt, wurde 1677 Oberstleutnant
und Chef der Artillerie und leitete das Jahr darauf (1678) den
artilleristischen Teil der Belagerung von Stralsund. „Den 10. Oktober
abends“, so heißt es in Paulis Leben großer Helden, „machte Ernst
Weiler auf den Ort aus 80 Stücken, meist halben Kartaunen, 22 Mörsern
und 50 Haubitzen ein entsetzliches Feuer. Mit anbrechendem Morgen stand
die halbe Stadt in Flammen. Den 11. Oktober nach 6 Uhr sah man auf
Mauern und Türmen 3 weiße Fahnen ausgesteckt. Dies machte, daß Ernst
Weiler mit dem groben Geschütz zu spielen aufhörte.“
So Pauli. 1683 wurde Ernst Weiler Oberst. 1689, bei der Belagerung von
Bonn, General-Major. 1691 erhob ihn Kaiser Leopold in den Adelstand.
Wann Falkenrehde in seinen Besitz kam, ist nicht genau festzustellen
gewesen, jedenfalls schon vor 1684. In Berlin besaß er das Weilersche
Haus, das gegenwärtige Kronprinzliche Palais. Er starb am 28. November
1692. In der Gunst des Großen Kurfürsten und seines Nachfolgers erhielt
er sich bis zuletzt. Gleichzeitige Schriftsteller rühmen ihn als einen
„Meister in der Geschützkunst“; die Erfindung der glühenden Kugeln
aber, die ihm Feuquières zuschreibt, ist viel älter. Frundsberg schon
bediente sich derselben.
_Dieser_ Ernst von Weiler kann also der Enthauptete in der Falkenrehder
Gruft unmöglich sein, und verbliebe somit nur noch eine vage
Möglichkeit, daß sein _Sohn_, der ebenfalls Artillerie-Oberst war und
ebenfalls den Namen Ernst (Ernst Christian) führte, irgend ein Vergehen
mit gewaltsamem Tode gebüßt habe. Aber auch dieser, wiewohl sein Leben
allerhand Unkorrektheiten aufweist, ist natürlichen Todes gestorben.
Auch _sein_ Leben läßt sich bis zu seiner letzten Stunde verfolgen. Er
war unglücklich verheiratet, entfloh mit einer Baronesse Blumenthal,
trat in österreichische Dienste, verheiratete sich ein zweites Mal
und starb zu Breslau, nachdem er vorher, auf ein ~Salvum conductum~
gestützt, für kurze Zeit im Brandenburgischen eingetroffen war, um
seine Angelegenheiten zu ordnen. Auch er also ist es nicht. Alle
weiteren von mir angestellten Fragen und Untersuchungen sind erfolglos
geblieben. Niemand weiß, wer der Enthauptete in der Falkenrehder Gruft
ist. Nur das Eine scheint festzustehen: kein von Weiler. Die Archive,
die Akten des Feldzeugamts geben keine weitere Auskunft. Die Hoffnung
ist schwach, dieses Dunkel je gelichtet zu sehen.
* * * * *
Auf der Dorfstraße, unter den vielen Neugierigen, die uns daselbst
empfingen, befand sich auch mein Reisegefährte, der, wie jene, nur
das Resultat unserer Expedition hatte abwarten wollen. Das lag nun
vor, soweit es vorliegen konnte. Er bestieg also seinen Wagen, der uns
glücklich bis Falkenrehde gebracht hatte, um seinerseits weiter ins
Havelland hinein zu fahren. Ich meinesteils nahm herzlichen Abschied
von ihm und meinem Kantor, und schritt auf den Krug zu, um daselbst den
Nauener Omnibus abzuwarten. In zehn Minuten mußte er da sein.
Die Krugstube war nicht viel größer als die Gruft, aus der wir eben
kamen, aber es sah bunter darin aus. In einer Ecke hatte sich ein
Kartentisch etabliert; ihm gegenüber saßen zwei alte Frauen, von denen
die eine, in allerhand schottisch karrierte Lappen gekleidet, an die
Norne in Walter Scotts „Piraten“ erinnerte. Beide tranken Kaffee und
pusteten über die vollen Untertassen hin. Was sonst noch da war,
durchschritt den Stubenkäfig, am unruhigsten unter allen ein hübscher,
blonder Mann, Mitte dreißig, dessen Gesamthaltung, trotz einer gewissen
weltmännischen Tournüre, unverkennbar auf ein mühevoll absolviertes
Ober-Tertia hindeutete. Er hatte das Bedürfnis zu sprechen.
„Halb neun wird es wohl werden,“ hob er an.
„Halb neun! Ich bitte Sie, das wäre ja furchtbar. Fahren Sie auch bis
Potsdam?“
„Ja. Ich wohne in Potsdam. Ein teures Pflaster. Aber was will man
machen? Die Erziehung, die Schulen ... Ich bin Regierungsbeamter. Was
nutzen einem hundert Taler mehr in Schlochau oder Deutsch-Krone? Als
Familienvater ...“
„Haben Sie mehrere Kinder?“
„Drei. Lauter Jungen. Und sehen Sie, das ist es eben. Ein Mädchen kann
in Deutsch-Krone besser gedeihen als in Potsdam, aber ein Junge --
was ist ein Junge ohne Gymnasium! Ich bin Regierungsbeamter. Ich kann
meinen Kindern nichts mitgeben, außer Bildung, aber daran halte ich
fest.“
„Wissen Sie, man muß es nicht überschätzen. Der innere Mensch ....“
„Freilich, der innere Mensch bleibt immer die Hauptsache. Es muß
drin stecken. Aber eine Kinderseele ist eine zarte Pflanze. Vorbild,
Beispiel, elterliches Haus ....“
In diesem Augenblicke (mir durchaus gelegen) erschien der Kutscher des
inzwischen eingetroffenen Omnibus in der Tür, um allen Anwesenden, in
einer Sprache die mehr Vertraulichkeit als Respekt ausdrückte, das
Signal zum Aufbruch zu geben. Alles drängte hinaus, und fünf Minuten
später saßen wir eng zusammengerückt und fest wie ein Spiel alter
Karten, auf den beiden Längssitzen des Wagens. Die Pferde zogen an,
und beinahe gleichzeitig rief eine Stimme aus dem Hintergrunde des
Wagens: „Fenster zu, daß es _warm_ wird.“ Feste Kommandos werden immer
befolgt. Eine geschäftige Hand zog sofort an der Lederstrippe, das alte
Klapperfenster flog in die Höhe und dreizehn Personen, drei Zigarren
und eine kleine Tranlampe, die zunächst noch ganz keck und lustig
brannte, unterzogen sich jetzt der gewünschten Erwärmungsaufgabe.
Als ich mich orientiert hatte, sah ich, daß der Schlachtschrei „Fenster
zu“ nur von der alten Norne gekommen sein konnte. Sie zog nunmehr eine
bunte Kapuze über das graue Haar, packte ein paar Handschuhe ohne
Finger in einen Korb, den sie auf dem Schoße hielt, und sagte dann zu
ihrem Nachbar, einem bärtigen, graumelierten, mittelalterlichen Herrn:
„Sehen Sie, Herr Inspektor, wir sammeln und verlieren.“
„Jawohl, Mutter Sootzmann,“ erwiderte der Angeredete, der die Alte ganz
ersichtlich beschwichtigen wollte.
„In Nauen haben wir gesammelt, in Wustermark und Dyrotz haben wir
verloren, in Falkenrehde haben wir wieder gesammelt.“
„Jawohl, Mutter Sootzmann.“
„Alles im Leben ist sammeln und verlieren. Wenn der Mensch in
Falkenrehde Kaffee trinkt, hat er gesammelt. Ich _habe_ gesammelt, Herr
Inspektor ....“
„Ja wohl, Mutter Sootzmann,“ unterbrach dieser jetzt rascher als
vorher, weil er irgend einen unharmonischen Abschluß befürchten mochte.
Immer dichter inzwischen wurde der Dunstkreis. Die Laterne begann
zu blaken, was kaum noch als ein Übelstand gelten konnte und der
„Regierungsbeamte“, gebildet bis zuletzt, sprach über Stickstoffoxyd
und zu früh zugemachte Ofenklappen, ein Thema, dessen Zeitgemäßheit
nicht zu bezweifeln war.
Ich weiß nicht mehr, was ich antwortete, oder ob ich überhaupt
antwortete. Ein Kopfweh, das schon die Grenzen des ~tic douloureux~
streifte, schlug meine Artigkeit in Banden.
Und so fuhren wir nach Potsdam hinein.
Endlich Luft!
Im Freien begann ich über die _verschiedenen_ Arten des Grauens zu
reflektieren.
Was war die Falkenrehder Gruft gegen diesen Nauener Omnibus und was der
„Enthauptete“ gegen Mutter Sootzmann, die Norne!