Diese Wünsche gingen vor allem auf Stille, Abgeschiedenheit. Sehr bald
nach seiner Vermählung hatte sich der Kronprinz Schloß Oranienburg zum
Aufenthalt ausersehen, dessen landwirtschaftlicher Charakter, beiläufig
bemerkt, eine große Verwandtschaft mit dem von Paretz zeigt. Aber das
Schloß daselbst -- damals noch viel von der Pracht aufweisend, die
ihm Kurfürst Friedrich III. gegeben hatte -- war ihm viel zu groß
und glänzend, und so kam ihm die Nachricht überaus erwünscht, daß
das stille Paretz, das er zufällig aus seinen Kindertagen her kannte
(Oberstleutnant von Blumenthal war damals Prinzen-Gouverneur gewesen),
zu verkaufen sei. General von Bischofswerder, von dem benachbarten
Marquardt aus, machte den Vermittler, das Geschäftliche wurde schnell
erledigt, und unter des Hofmarschalls von Massow Aufsicht begann der
Abbruch des alten Wohnhauses und der Aufbau des neuen Schlosses. Dieser
erfolgte, nach einem Plane des Oberbaurats Gilly, in „ländlichem
Stile.“ „Nur immer denken, daß Sie für einen armen Gutsherrn bauen“
sagte der Kronprinz, dem im übrigen die Vollendung des Baues sehr am
Herzen lag. Alles wurde denn auch dergestalt beschleunigt, daß der
neue Gutsherr mit seiner Gemahlin schon im Jahre 1796 einige Tage in
Paretz zubringen konnte. Um dieselbe Zeit waren Parkanlagen in Angriff
genommen worden, und zwar durch den neu angestellten Hofgärtner David
Garmatter, einen Erbpächtersohn der nahen Schweizerkolonie Neu-Töplitz,
der seine Aufgabe mit ziemlichem Geschick löste, und Natur und Kunst
vereinend, in den drei durch Landstraßen umschlossenen Parkanlagen eine
bescheidene Nachahmung der Gärten von Klein-Trianon versuchte.
Wohl angebrachte Durchblicke ließen die landschaftliche Fernsicht
über die üppigen Havelwiesen und Seen nach den bewaldeten Höhen von
Phöben und Töplitz hin frei. An einer anderen Stelle schweifte der
Blick nach dem romantisch gelegenen Ütz, bis weiter hinaus zu den
Höhen von Potsdam. Von anderen Standpunkten aus blickte man über die
sich schlängelnde Havel nach der Stadt Werder und dem Wildpark, und
zur Rechten, tief in die flache Zauche hinein, bis an die Wälder
des Klosters Lehnin. Dazu überraschten an geeigneten Punkten kleine
bauliche Anlagen: Tempel und Pavillons, Moos- und Muschelgrotten.
Auch die Dorfschmiede, an einer Durchsicht erbaut, täuschte durch
eine gotische Fassade mit Spitzbogen-Fenstern. Außerdem wurde ein
Fasanerie-Wäldchen angelegt, und vor und hinter dem Landhause ein
~Bowlinggreen~ mit Blumenbuketts.
So war ein Sommerschloß gewonnen, anmutig, hell, geräumig; aber in
allem übrigen von einer Ausschmückung, die heutzutage kaum noch
den Ansprüchen eines Torf-Lords genügen würde. 1797 erfolgte die
Renovierung der Kirche, drei Jahre später der Neubau des Dorfes, wobei
zugleich festgesetzt wurde, daß die im Giebel jedes Hauses befindliche
Stube jederzeit für die königliche Dienerschaft, ebenso ein auf jedem
Gehöft erbauter Pferdestall für die herrschaftlichen Pferde reserviert
bleiben müsse. Seit 1797 war der Kronprinz König.
In diesem also umgeschaffenen Paretz, das bei Freunden und Eingeweihten
alsbald den schönen Namen „Schloß Still-im-Land“ empfing, erblühten dem
Königspaare Tage glücklichsten Familienlebens. Die Familie und die
Stille waren der Zauber von Paretz.
Diesen Zauber empfand die Königin, die wir gewohnt sind uns neben
dem einsilbigen Gemahl als das gesprächigere, den Zerstreuungen
zugeneigtere Element zu denken, fast noch lebhafter als dieser. Sie
selbst äußerte sich darüber: „Ich muß den Saiten meines Gemüts jeden
Tag einige Stunden Ruhe gönnen, um sie gleichsam wieder aufzuziehen,
damit sie den rechten Ton und Anklang behalten. Am besten gelingt mir
dies in der Einsamkeit; aber nicht im Zimmer, sondern in den stillen
Schatten der Natur. Unterlaß ich das, so fühl' ich mich verstimmt. O
welch ein Segen liegt doch im abgeschlossenen Umgange mit uns selbst!“
Zu diesem „Umgange mit sich selbst“ war nun „Schloß Still-im-Land“ der
geeignetste Platz, keine Straße führte vorüber, die Ruhe, wenn man sie
haben wollte, war beinahe unbedingt; aber man ließ sie gern durch die
Heiterkeit des Dorfes unterbrechen.
So wurde das Erntefest vonseiten des Hofes alljährlich mitgefeiert.
Wir finden darüber folgende Aufzeichnungen. „Das Fest begann am frühen
Nachmittag. Sobald die Herrschaften sich von der Tafel erhoben hatten,
setzten sich die festlich angetanen Schnitter und Schnitterinnen vom
Amte aus in Bewegung. Geschart um ihr Feldbanner, den reichbebänderten
Kranz von Ähren und Blumen, marschierten sie nach dem Takte der
Dorfmusik auf das Schloß. Dort auf dem freien Platze hielt der Zug und
stellte sich im Halbkreis auf. Der königliche Gutsherr trat heraus,
hörte die an ihn gerichtete Rede der Großmagd an und schickte die
Sprecherin sodann mit der Erntekrone hinein in das Schloß. Nun zeigte
sich auch die Königin, und mit dem Erscheinen der ‚gnädigen Frau von
Paretz‘ begann der Tanz. Das königliche Paar mischte sich in die
Reihen der Landleute, die Herren und Damen folgten und sogar die Frau
Oberhofmeisterin (Frau von Voß) konnte nicht umhin, auf diesem ~bal
champêtre~ mitzuwirken.“
„Den ersten Tanz spielten die Dorfmusikanten, den zweiten die
Garde-Hautboisten aus Potsdam; Bursche und Mädchen tanzten sich außer
Atem; dann gliederte sich der Zug von neuem und bewegte sich dahin
zurück, von wo er gekommen war -- nach dem Amte. Im Dorfe mittlerweile
wimmelte es von Käufern und Verkäufern; innerhalb der eigentlichen
Straße zog sich noch eine Budenstraße, und inmitten des Gedränges,
Einkäufe und Geschenke machend, gewahrte man die hohen Gestalten des
königlichen Paares.“
Diese Erntefeste, die bald einen Ruf gewannen, machten das stille
Paretz zu einem Wallfahrtsort für nah und fern. Jeder Besucher hatte
Zutritt, König und Königin ließen sich die Fremden vorstellen, äußerten
ihre Freude über zahlreichen Zuspruch und baten: „über's Jahr wieder
unter den Gästen zu sein.“ Es waren wirkliche Volksfeste, und wohl
mochte der General von Köckritz damals schreiben: „Ich habe in Paretz
wieder allerfroheste Tage verlebt. Wir haben uns ungemein divertiert
und alles Angenehme des Landlebens in ganzer Fülle genossen, wobei die
Jagd und Wasserfahrt die Hauptbelustigung waren. Ein besonderer Festtag
aber war das Erntefest. Die Königin mischte sich in die lustigen
Tänze. Hier war Freiheit und Gleichheit; ich selbst, trotz meiner
fünfundfünfzig Jahre, tanzte mit.“[39]
Im Sommer 1805 hielten sich der König und die Königin länger in Paretz
auf als gewöhnlich. Wie in einem Vorgefühl kommender Stürme genossen
sie das Glück, das dieser stille Hafen bot, noch einmal in vollen
Zügen. Man blieb bis zum 15. Oktober, dem Geburtstage des nunmehr
zehnjährigen Kronprinzen. Er empfing nach der Sitte des königlichen
Hauses den Degen und die Offiziers-Uniform, und trat in die Armee.
Die Königin sprach ermahnende Worte. Dann schied sie von ihrem lieben
Paretz, das sie nur noch einmal auf wenige Stunden wiedersehen sollte.
[39] General von Köckritz mochte wohl so schreiben. Dieser
liebenswürdige Mann (den Stein wohl zu hart beurteilt hat, denn
„niemand ist verpflichtet, ein großer Mann zu sein“) stand damals auf
der Höhe seiner Gunst und seines Ansehens. Es war so recht eigentlich
die Köckritz-Epoche. In diese Epoche fällt auch die seinerzeit viel
bewunderte Geschichte vom „Pfeifchen und Fidibus“, die beide dem
überraschten General, einem leidenschaftlichen Raucher, von der
Königin präsentiert wurden. Wir übergehen diese Anekdote nicht nur
deshalb, weil sie oft erzählt worden ist, sondern viel mehr noch aus
ästhetischen Bedenken, weil sie einen Hergang festzuhalten trachtet,
der als Erlebnis reizend, als Plauder-Anekdote, über den Tisch hin,
annehmbar, aber als gedruckte Geschichte mindestens entbehrlich ist.
Schwarz auf weiß macht schwerfällig und entzaubert manches. Man
kann dreist behaupten, die Helden, die durch solche oder ähnliche
Anekdoten glorifiziert werden sollen, haben unter ihnen zu leiden,
wie unter einer Jugendtorheit. Es gilt hier fein zu unterscheiden.
Dieselbe Geschichte, die, auf einem jungen Damen-Kaffee vorgetragen,
ein ungeteiltes und berechtigtes Entzücken weckt, wird sich in
einem Zeitungsblatt etwas insipide ausnehmen, und die bejubeltste,
als unbedingt „bester Witz der Neuzeit“ proklamierte Jagd- und
Portwein-Anekdote wird am besten tun, auf Darstellung in Typen ganz zu
verzichten.