4) _Bloße Benebelung_ und Einwirkung auf die Imagination, so daß man
Dinge sieht, die gar nicht da sind.
Über diese letzte Art des Verfahrens, die die unglaublichste scheint
und, richtig gehandhabt, doch vielleicht die sicherste war, entnehmen
wir zeitgenössischen Memoiren das Folgende:
Friedrich II. erfuhr, daß in Halle ein Professor sei, der Geister
zitieren könne. Der König ließ ihn kommen. Der Betreffende erschien
auch, lehnte es aber ab, Geister erscheinen zu lassen, erklärte
vielmehr dem Könige ganz einfach, wie er dabei zu operieren pflegte.
Er sagte: „Ich benutze dazu ein Räucherwerk. Dies Räucherwerk hat zwei
Eigenschaften: 1) den ‚Patienten‘ in einen Halbschlaf zu versetzen,
welcher _leicht_ genug ist, ihn alles verstehen zu lassen, was man ihm
sagt, und _tief_ genug, ihn am Nachdenken zu verhindern; 2) ihm das
Gehirn dergestalt zu erhitzen, daß seine Einbildungskraft ihm lebhaft
das _Bild_ der Worte, die er hört, abmalt. Er ist in dem Zustande eines
Menschen, der nach den leichten Eindrücken, die er im Schlaf empfängt,
einen Traum zusammensetzt. Nachdem ich in der Unterredung mit meinem
Neugierigen möglichst viele Einzelheiten über die Person, die ihm
erscheinen soll, kennen gelernt und ihn nach der Form und den Kleidern
gefragt habe, in denen er die zu zitierende Person sehen will, lasse
ich ihn in das dunkle, mit dem Dunst des Räucherwerks angefüllte Zimmer
treten. Dann -- nach einiger Zeit -- spreche ich zu ihm: ‚Sie sehen
den und den, so und so gestaltet und gekleidet,‘ worauf sich sofort
seiner erregten Phantasie die Gestalt abmalt. Hierauf frage ich ihn
mit rauher Stimme: „Was willst Du?“ Er ist überzeugt, daß der Geist zu
ihm spricht; er antwortet. Ich erwidere; und wenn er Mut hat, so setzt
sich die Unterredung fort und schließt mit einer Ohnmacht. Diese letzte
Wirkung des Räucherwerks wirft einen mysteriösen Schleier über das, was
er zu sehen und zu hören geglaubt hat und verwischt die kleinen Mängel,
deren er sich etwa erinnern könnte.“ --
So weit die Enthüllungen des Professors.
Das _dritte_ Verfahren: „Das Hohlspiegelbild auf einer Rauchsäule“
wurde, wenn den betreffenden Überlieferungen Glauben zu schenken ist,
vorzugsweise durch Johann Georg _Schrepfer_ geübt. Dieser in seiner Art
merkwürdige Mann bildete die Inkarnation jenes Lug- und Trug-Systems,
jener Geheimbündelei, die unter großen rätselvollen Phrasen das
Wundertun, die Geisterzitation, den Rapport mit der geistigen Welt in
den Vordergrund stellte und ohne sich viel mit fortschrittlichen oder
rückschrittlichen Ideen aufzuhalten, von der Leichtgläubigkeit der
Menschen lebte. In der Kürze haben wir Schrepfers schon bei _Marquardt_
erwähnt. Wir müssen auch hier wiederholen, daß er höchst wahrscheinlich
nicht _bloß_ ein Betrüger war, sondern durch Lesen mystischer und
alchymistischer Schriften, dazu durch eigene Eitelkeit und fremde
Huldigungen, schließlich ohne geradezu wahnsinnig zu sein, in einen
verworrenen Geisteszustand geraten war, der ihn in der Tat an sich
_glauben_ machte und ihn namentlich _alles_ für _möglich halten_ ließ.
Es ist nicht absolut unwahrscheinlich, daß er wirklich dachte, ein
Paket Papierschnitzel werde sich ihm zu Liebe über Nacht in vollgültige
Banknoten verwandeln. Wir geben eine kurze Lebensskizze dieses
Mannes, dessen Leben und Tod charakteristisch ist für eine spezielle
Krankheits-Erscheinung jener Zeit.
Johann Georg Schrepfer, 1730 geboren, war anfangs Kellner in einem
Leipziger Gasthause (nach andern Husar) und war unter die dienenden
Brüder einer dortigen Freimaurerloge aufgenommen worden. Später hatte
er eine Frau mit einigem Vermögen geheiratet und hielt seitdem eine
eigene Schenkwirtschaft in der Klostergasse. Anfangs der siebziger
Jahre, vielleicht schon etwas früher, begann er auszusprengen, daß er
die Gabe der _Geisterbeschwörung_ habe. Sein Anhang wuchs, darunter
Personen von hoher gesellschaftlicher Stellung. Der Herzog von Kurland,
Herzog Ferdinand von Braunschweig, die Minister Graf Hohenthal und
von Wurmb, der Kammerherr von Heynitz, Oberst von Fröden, der Geheime
Kriegsrat von Hopfgarten und der Kammerherr von Bischofswerder
pflogen Umgang mit ihm und besuchten ihn in seiner Wohnung, im Hotel
de Pologne. Daß er, mit Hilfe des nach ihm genannten Schrepferschen
Apparats, wirklich schemenhafte Gestalten erscheinen ließ, ist gewiß,
noch gewisser, daß er in beständigen Geldverlegenheiten war und die
reicheren der vorher genannten Herren benutzte, um auf ihre Kosten zu
leben. _Sie_ mußten Geld geben, auf daß der Schatz gehoben werden könne.
Vielleicht daß ihr Vertrauen oder ihre Geduld eher erschöpft worden
wäre, wenn er es nicht verstanden hätte, zum Teil auf gefälschte
Empfehlungen hin, mit den hervorragendsten Häuptern anderer geheimer
Gesellschaften sich in Verbindung zu setzen, was ihm dann in seiner
nächsten Umgebung immer aufs neue einen Nimbus lieh. Aus dieser
Ordens-Geheim-Korrespondenz, die er nach den verschiedensten Seiten
hin führte, ist ein Briefwechsel zwischen ihm und dem Professor der
Theologie ~Dr.~ _Stark_ in Königsberg, später General-Superintendent
in einem der thüringischen Staaten, aufbewahrt worden, der merkwürdige
Einblicke gönnt.
~Dr.~ Stark, ein Theologe von gründlichster Bildung, eröffnete die
Korrespondenz und schrieb unterm 30. Juni 1773 aus Königsberg: „Mein
sehr werther Freund und Bruder. Nach dem Wenigen, was mir von Ihnen
bekannt geworden ist, müßte mich mein Geist sehr trügen, und die
Siegel, die unser Orden seinen Geweihten aufgedrückt hat, verwischt
sein: oder ich muß in Ihnen einen Mann finden, der _Eines Ursprungs
mit mir_ ist und mit mir zu _Einem Zwecke_ geht. _Und deren sind
nicht viele unter den Maurern._ Trüge ich mich, so falle Nacht und
Finsterniß auf das, was ich sagen werde. Sind Sie es aber, so grüße
ich Sie in der heiligen Zahl von Drei, Sieben und Zehn und durch die
sieben Geister Gottes.
Sind Sie tiefer als ich ins _Heiligthum_ geführet, so nehmen Sie mich
als einen lehrbegierigen Schüler an.... Sonst lassen Sie uns Beide auf
dem vor der Welt und so viel Tausend Maurern _verdeckten_ Wege gehen.
Die wahre Weisheit liebt das Verborgene. Nur in der Dunkelheit ist das
unzerstörliche Licht. Ich kenne, mein Bruder, _Florenz_.... Sie können
zu mir reden.... An einem grünen Flecken im rothen Lack des Wappens
können Sie es erkennen, daß mein Brief nicht geöffnet gewesen.
Aber lassen Sie mich noch eine Bitte thun: _Zerstören Sie noch nicht
eine Art von Maurerei in Deutschland, unter deren Maske Brüder
verborgen liegen_, die diesen Brüdern selbst unbekannt sind, die Sie
aber gewiß schätzen und lieben würden, wenn Sie sie näher kennen
sollten. Unsere Macht und Gewalt ist lieblich, ein Feuer, das nähret
und nicht zerstöret.
Ihr aufrichtiger Freund und Bruder
der ‚Verfasser der Apologie‘ (Stark).“
Hierauf antwortete Schrepfer, der, bei aller Begabung, den Cafetier
doch nie verleugnen konnte, unterm 29. Juli folgenden Bombast: „Mein
werther Freund und Bruder. Dero an mich abgelassenes Schreiben habe
richtig zu erhalten die Ehre gehabt. Der große Baumeister der Gottheit
der Allmacht gehe vor uns über mit seiner Gnade! So thue ich denn als
Schotte der Erkenntniß und Gewalt aus Schottland in den _Thurm_ den
ersten Schritt, denselben die Wahrheit zu melden. Zerbrechen Sie Ihr †
aus Florenz, lernen Sie dafür erkennen 5. 7., daß ich wirklich bin ~S.
W. O. V.~
Ist Wismar nicht sträflich, daß sie auf mein wiederholtes
freundschaftliches Betragen nicht mehr Aufmerksamkeit bezeiget?
Was ich vor jetzt schreibe, schreibe ich auf Ihre Pflicht. Ziehen
Sie Ihre Schuhe aus, denn der Ort der wahren ~ME~ ist heilig für den
Busch. Fünf starben, der sechste ging in Feuer über, stehet die Säule
so (unleserliches Wort) im Morgen, die 7 Siegel thun sich auf, und
erkennen die Wahrheit der Gottheit. Verflucht sei, der den Namen
seines Gottes mißbraucht! Der Herr ist heilig und gerecht. Mein Bruder,
wenn Sie wirklich der sind, der die 11 in der Wahrheit kennet, da doch
durch 12 gerichtet wird, warum kennen Sie nicht ~S. W.~? War England
nicht gerecht, ließ es Ihnen nicht Ihre Freiheit; warum suchten Sie
aber von dem einen Wege in den andern zu fallen? Sind nicht Warnungen
genug an die strikte Observanz ergangen? Wenn ich meine Brüder bei der
Vernunft überführe und selbigen die Unsterblichkeit der Seele beweise,
so folge ich den wahren Pflichten ~B. I. I.~ Soll Gewalt dem Schwachen
weichen, wenn der Schwache nur Bosheit in seiner Seele besitzt, wurde
das Schwert nicht eingesteckt, da es schon gesiegt hatte?
Glauben Sie, mein Bruder, wenn ich gleich nach Dresden gegangen, so
wäre jetzo Alles ruhig und zufrieden; aber Leipzig, da wo nur Tugend
und Wissenschaften blühen sollen, ist eine in Schleier gehüllte
Buhlerin. Kennen Sie wirklich die Off. ~I.~?
Ich kenne Purpur ganz roth, das innerste der _Sonne gelb_, _blau_,
_heilig_ und _gerecht_, unter dem _Namen des Lammes_. ~I. V. N. D. I.
K.~
Um mich noch mehr zu erklären, erwarte Dero Antwort, und empfehle Sie
dem Schutz des Unerschaffenen.
N. S. Mein Bruder. Sie haben es mit E--land und Sch--land richtig
getroffen; nur den Sitz des Thurmes haben Sie mir nicht gemeldet.
Erhalte ich einen Brief von Ihrer Hand und Namen, so thue mir der Herr
dies und das, so ich ihn nicht unter meiner eigenen Hand beantworten
will.
Nehmen Sie den Spiegel und sehen nach dem Licht. Wenn der Blitz fähret,
so blendet er, aber dem Weisen ist er klar wie tausend Jahr.
Joh. Geo. Sch--r,
S. d. E. u. G.“
(Schotte der Erkenntniß und Gewalt.)
Daß ein Mann wie Stark durch solchen mit Effronterie vorgetragenen
Gallimathias geblendet werden konnte, ist nicht anzunehmen, auch
kam die Korrespondenz über diesen einmaligen Briefaustausch nicht
hinaus. Aber Schrepfer hatte doch das eine Gute davon, daß er auf das
Handschreiben eines, in besonderem Ordens-Ansehen stehenden, die
höchsten Ordens-Ehren in sich vereinigenden Mannes hinweisen konnte.
Und das genügte ihm. Er suchte neue Mittel nach, „um den Schatz zu
heben,“ und Leipzig, das er so undankbar als „Buhlerin“ bezeichnete,
gewährte sie immer aufs neue.
Endlich indes, so scheint es, war die Geduld erschöpft, die
„Erscheinungen“ kamen, während der _Schatz_ beharrlich ausblieb und
Schrepfer empfand zuletzt, daß seine Situation unhaltbar geworden sei.
Aber wenigstens mit einem Knalleffekt wollte er scheiden.
An einem der letzten Meßtage, am 7. Oktober 1774, lud er Bischofswerder
und Hopfgarten, nebst noch zwei anderen, zum Abendessen ein. Als sie
beisammen waren, sagte er: „Diese Nacht legen wir uns nicht zu Bett,
denn morgen mit dem Frühesten, noch vor Sonnenaufgang, sollen Sie
ein ganz neues Schauspiel zu sehen bekommen. Bis jetzt hab ich Ihnen
Verstorbene gezeigt, die ins Leben zurückgerufen wurden; morgen aber
sollen Sie einen Lebenden sehen, den Sie für tot halten werden.“ Nach
diesen Worten legte er sich aufs Sofa und schlief fest. Als der Tag
anbrach, stand er auf mit den Worten: „Nun, meine Herren, ist es Zeit,
daß wir gehen“ und alle begaben sich nach dem Rosenthal. Schrepfer,
der auf dem Wege die vollkommenste Gemütsruhe zeigte, wies seinen
Begleitern, als sie an einer bestimmten Stelle angelangt waren, ihre
Plätze an, indem er zu ihnen sagte: „Rühren Sie sich nicht von der
Stelle, bis ich Sie rufen werde; ich gehe jetzt in dieses Gebüsch, wo
Sie bald eine _wunderbare Erscheinung_ sehen sollen“. Er entfernte sich
und bald darauf fiel ein Schuß; im Dickicht fanden die Herren ihren
Propheten tot. Er hatte sich mit einem Taschenpistol erschossen.
* * * * *
So viel über Schrepfer, in dem sich die Lug- und Trug-Geheimbündelei,
die ideenlose und karikierte Entartung des Ordenswesens verkörperte.
Wir haben in den kurzen Lebensabriß, den wir von ihm gegeben, den
Briefwechsel zwischen ihm und ~Dr.~ Stark mit besonderem Vorbedacht
eingeschoben, um einen Gegensatz und dadurch zugleich einen Übergang zu
schaffen zu jenen _ernsteren_ Bestrebungen, die, wie befangen auch in
Menschlichkeiten, doch ein _Prinzip_ vertraten und zugleich jene Sache
_selbst_ waren, von der Schrepfer nur die Karikatur bildete.
Von diesen _ernsteren_ Bestrebungen in dem folgenden Kapitel.
[37] Der betreffende Brief gibt sich das Ansehen, als sei er aus _Wien_
datiert und als habe die ganze Szene auf einem Landgut in der Nähe
Wiens gespielt. Wer aber je in Marquardt war, und den dortigen Park,
den See, die Grotte, das Schloß und seinen tiefen Doppelkeller kennen
gelernt hat, dem wird sichs zunächst aufdrängen, daß hier durchaus
Marquardt gemeint sein müsse. Es ist aber trotz alledem _nicht_
der Fall, _kann_ nicht sein, da Marquardt erst 1795 in die Hände
Bischofswerders kam.
2.