1. Schwindel-Orden

Was sagt sie uns für Unsinn vor?

Es wird mir gleich den Kopf zerbrechen.

Mich dünkt, ich hör' ein ganzes Chor

Von hunderttausend Narren sprechen.

„Faust“

Das vorige Jahrhundert war ein Jahrhundert der Geheimen Gesellschaften.

Der Absolutismus behinderte jede Kraftentwickelung, die Miene machte,

selbständige Wege einschlagen zu wollen; die Kirche war starr; was

Wunder, wenn der individuelle Ehrgeiz, der kein legitimes Feld fand,

sich geltend zu machen, auf Abwege geriet und im Dunkeln und Geheimen

nach Macht suchte.

Wie im zwölften Jahrhundert alles nach dem heiligen Grabe, im

sechzehnten nach Wittenberg oder nach der neuen Welt drängte, so

im achtzehnten Jahrhundert nach _Geheimbündelei_. Alchymie und

Geistererscheinungen, Dinge, die sich ihnen vielfach gesellten, oft in

den Vordergrund traten, waren nur Zugaben, Hilfsmittel, starke Dosen,

zu denen man griff; das Wesen der Sache lag darin: Macht zu äußern in

einer Zeit, wo das Individuum machtlos war.

Zwei Strömungen wurden alsbald erkennbar, die, neben einem starken

Beisatz von Egoismus und Menschlichkeit, einen prinzipiellen Gehalt

und einen prinzipiellen Gegensatz repräsentierten. Alle diese

Gesellschaften indes, die einen derartig ideellen Kern andauernd und

in _Wahrheit_ und nicht nur dem Namen nach hatten, bildeten weitaus

die Minorität, -- das meiste lief auf Herrschsucht und Eitelkeit, auf

Täuschung und unmittelbaren Betrug hinaus. Mit dieser _letztern_ Gruppe

der Geheimen Gesellschaften, die trotz ihres quantitativen Übergewichts

kamen und gingen, ohne eine Spur zu hinterlassen, die nichts waren als

Modetorheit oder Modekrankheit, beschäftigen wir uns zuerst.

Die Zahl dieser Gesellschaften, unglaublich zu sagen, ging vielleicht

über Hundert hinaus. Die meisten befanden sich in Bayern und am Rhein.

Regensburg, die alte Reichstagsstadt, war Mittelpunkt, und einer Anzahl

von Aufsätzen, die in dem letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts in

der Reichstags-Zeitung veröffentlicht wurden, verdanken wir, mehr als

irgend einer andern Quelle, Material, das uns Einblick gönnt in das

Verbindungs- und Ordenswesen jener Zeit. Die genannte Zeitung schrieb

in den achtziger Jahren: „Nie hat sich der Sektengeist tätiger gezeigt

als in unsern Tagen, welche man die aufgeklärten nennt.... Der immer

allgemeiner werdende Hang zum Aberglauben, der uns in die Zeiten des

Mittelalters zurückwirft, wird durch den alle Kräfte der Erwerbung

übersteigenden _Luxus_ und durch das _geschwächte Nervensystem_ der

jetzigen Generation (also auch schon 1785!) ungemein befördert. Unsere

Großen suchen den Stein der Weisen, um unsterblich zu werden, und

erhoffen von den Geheimnissen der Alchymie die Mittel zur Befriedigung

ihrer Neigungen.“

Die Reichstags-Zeitung fährt dann fort: „An keinem Orte der Welt sind

mehr Verehrer solcher neuen Wissenschaften anzutreffen, als an dem

Wohnsitze des Reichstages, in Regensburg selbst. Hier befinden sich:

Loyolisten im gestickten Kleid, im Chorgewand und im einfachen Kittel;

Gasnerianer und Mesmerianer; Kabbalisten und Somnambulisten; Magier

der verschiedensten Stufen und Namen; Cagliostro-Anhänger, die den

Stein der Weisen suchen, und „Lammsbrüder, die sich vom inneren Stolze

nähren“ -- Vereinigungen, die samt und sonders schwarze und weiße Magie

treiben, aus Zahlen, Buchstaben und Worten die Geheimnisse der Natur

und der Staaten prophezeien, die ewige Jugend suchen, vor allem aber

den echtesten Grundsatz aller Schwärmer üben: sich untereinander zu

verfolgen.“

So die Reichstags-Zeitung. Die Orden, die wir vorstehend aufgeführt,

wie sie nur einen ganz kleinen Teil der in Regensburg vertretenen,

geschweige denn der in ganz Deutschland damals verbreiteten

Ordensgesellschaften bildeten, waren andererseits immer noch

Grenznachbarn, oft wirkliche Abzweigungen jener zwei großen

Körperschaften, der „_Aufklärer_“ und der „_Dunkelmänner_“, die ihren

Kern in der _Idee_ hatten und auf die wir zurückkommen. Es gab aber

andere, die sich absolut von jedem ideellen Gehalt entfernt hatten,

oder das Ideelle doch bloß als ein nervenanregendes Komödienspiel

trieben.

Aus der Reihe dieser greifen wir einige Musterbeispiele heraus.

Da war vorerst die „_Dukaten-Sozietät_“. Sie war schon um 1746

durch den Grafen Carl Ludwig von Wied-Neuwied gestiftet worden.

Die Gesellschaft ging aufs _Praktische_ und war deshalb auch in

der glücklichen Lage, in betreff aller kirchlichen Dinge das Wort

„Toleranz“ auf ihre Fahne schreiben zu können.

„Religionsvorurteile können unmöglich bei einer Institution Einfluß

haben, die sich auf _Tugend und Geselligkeit_ gründet und die _wahre_

Menschenliebe zu ihrem Wegweiser hat.“

Die „_wahre_ Menschenliebe“ lernen wir nun aus § 7 der Statuten

kennen. Es heißt daselbst: „Da jeder monatlich gerne einen _Dukaten_

zur Sozietätskasse zahlen wird, wenn er hoffen darf, nicht nur dieser

Bezahlung bald entledigt zu werden, sondern sogar viele Dukaten

monatlich zu _empfangen_, so wird er für das erste anderweite Mitglied,

das er seinerseits zum Eintritt engagiert, von der Zahlung befreit; der

Zweite, den er engagiert, zahlt gleichfalls zur Sozietätskasse; für

den _Dritten_ aber empfängt er monatlich einen Dukaten _für sich_; der

Vierte zahlet ebenmäßig zur Sozietätskasse; für den Fünften hingegen

empfängt er wiederum einen Dukaten monatlich für sich; ferner auch

für den 7., 9., 11., 13. und so fort für jede ungerade Zahl monatlich

einen Dukaten. Wer also die Gelegenheit hat, ein Halbhundert Mitglieder

zu dieser Sozietät zu engagieren, der bekommt monatlich eine Revenue

von 24 Dukaten.“ Dies leuchtete vielen sofort ein. Vor Ablauf eines

Jahres hatte der Orden bereits 416 Mitglieder, darunter 1 Protektor, 7

Seniores, 1 Kassierer, 1 Sekretär, 1 Archivar. Die ersten Mitglieder

waren fast lauter Offiziere der Garnison Wesel, daran schlossen sich

Zivilpersonen aus Neuwied. In kürzester Frist hatte sich der Orden

über ganz Deutschland ausgebreitet. Er bestand aber nicht lange. Die

Regierungen schritten ein, warnten vor dieser „gefährlichen Sozietät“

und verboten dieselbe. In betreff von Vergesellschaftungen, die auf

_Geld_ und Geldeswert ausgingen, waren die Regierungen immer am

wachsamsten.

Ein anderer Orden, bei dessen Zeremonien die „Harmonika“ eine große

Rolle spielte und den wir deshalb den „Harmonikaorden“ nennen wollen,

hatte im Gegensatz zur „Dukaten-Sozietät“ etwas sinnbestrickend

Theatralisches und operierte mit dem ganzen Apparat einer romantischen

Oper. Diesen seltsamen Orden lernt man in seinem Ritual (im Gegensatz

zu den Statuten) aus einer kleinen Broschüre kennen, die 1787 in Berlin

erschien und aus der wir folgendes entnehmen.

„Sie verschafften mir, so schreibt der Held und Harmonika-Virtuose,[37]

durch Ihre Adresse an Herrn N. eine sehr interessante Bekanntschaft

... Die _Harmonika_ erhielt seinen ganzen Beifall; auch sprach er von

_verschiedenen besonderen Versuchen_, was ich anfänglich nicht recht

faßte. Nur erst seit gestern ist mir Vieles natürlich.

Gestern gegen Abend fuhren wir nach seinem Landgute, dessen

Einrichtung, besonders aber die des Gartens, außerordentlich

schön getroffen ist. Verschiedene Tempel, Grotten, Wasserfälle,

labyrinthische Gänge und unterirdische Gewölbe usw. verschaffen dem

Auge soviel Mannigfaltigkeit und Abwechselung, daß man davon ganz

bezaubert wird. Nur will mir die hohe, dies alles umschließende Mauer

nicht gefallen; denn sie raubt dem Auge die herrliche Aussicht. --

Ich hatte die Harmonika mit hinausnehmen und Herrn N..z versprechen

müssen, auf seinen Wink an einem bestimmten Orte nur wenige Augenblicke

zu spielen. Um diesen Augenblick zu erwarten, führte er mich in ein

großes Zimmer im Vorderteil des Hauses und verließ mich, wie er sagte,

der Anordnung eines Balls und einer Illumination wegen, die beide seine

Gegenwart notwendig erforderten. Es war schon spät und der Schlaf

schien mich zu überraschen, als mich die Ankunft einiger Kutschen

störte. Ich öffnete das Fenster, erkannte aber nichts Deutliches,

noch weniger verstand ich das leise und geheimnisvolle Geflüster der

Angekommenen. Kurz nachher bemeisterte sich meiner der Schlaf von

neuem; und ich schlief wirklich ein. Etwa eine Stunde mochte ich

geschlafen haben, als ich geweckt und von einem Diener, der sich

zugleich mein Instrument zu tragen erbot, ersucht ward, ihm zu folgen.

Da er sehr eilte, ich ihm aber nur langsam folgte, so entstand daraus

die Gelegenheit, daß ich, durch Neugierde getrieben, dem dumpfen Ton

einiger Posaunen nachging, der aus der Tiefe des Kellers zu kommen

schien.

Denken Sie sich aber mein Erstaunen, als ich die Treppe des Kellers

etwa halb hinuntergestiegen war und nunmehr eine Totengruft erblickte,

in der man unter Trauermusik einen Leichnam in den Sarg legte und zur

Seite einem weißgekleideten, aber ganz mit Blut bespritzten Menschen

die Ader am Arme verband. Außer den hilfeleistenden Personen waren die

übrigen in langen schwarzen Mänteln vermummt und mit bloßen Degen. Am

Eingang der Gruft lagen übereinander geworfene Totengerippe, und die

Erleuchtung geschah durch Lichter, deren Flamme brennendem Weingeist

ähnlich kam, wodurch der Anblick desto schauriger wurde. Um meinen

Führer nicht zu verlieren, eilte ich zurück. Dieser trat soeben aus dem

Garten wieder herein, als ich bei der Türe desselben ankam. Er ergriff

mich ungeduldig bei der Hand und zog mich gleichsam mit sich fort.

Sah ich je etwas Feenmärchen-ähnliches, so wars im Augenblick des

Eintritts in den Garten. Alles in grünem Feuer; unzählig flammende

Lampen; Gemurmel entfernter Wasserfälle, Nachtigallengesang,

Blütenduft, kurz, alles schien überirdisch, und die Natur in Zauber

aufgelöst zu sein. Man wies mir meinen Platz hinter einer Laube an,

deren Inneres reich geschmückt war und wo hinein man kurz darauf einen

Ohnmächtigen führte, vermutlich den, dem man in der Totengruft die

Ader geöffnet hatte. Doch gewiß weiß ich es nicht, weil die Gewänder

aller Handelnden jetzt prächtig und reizend von Form und Farbe und mir

dadurch wieder ganz neu waren. Sogleich erhielt ich das Zeichen zum

Spiele.

Da ich nunmehr genötigt war, mehr auf mich als auf Andere Acht zu

geben, so ging allerdings Vieles für mich verloren. So viel aber nahm

ich deutlich wahr, daß sich der Ohnmächtige kaum nach einer Minute

des Spielens erholte und mit äußerster Verwunderung fragte: „Wo bin

ich? wessen Stimme höre ich?“ -- Frohlockender Jubel und Trompeten und

Pauken war die Antwort. Alles griff zugleich nach den Degen und eilte

tiefer in den Garten, wo das Fernere für mich wie verschwunden war.

Ich schreibe Ihnen dieses nach einem kurzen und unruhigen Schlaf.

Gewiß, hätte ich nicht noch gestern, ehe ich mich zu Bett legte, diese

Szene in meine Schreibtafel aufgezeichnet, ich wäre sehr geneigt, dies

alles für einen Traum zu halten. Leben Sie wohl.“

Die vorstehende Schilderung hat uns bereits in eine Gruppe von

Ordensverbindungen (oder doch bis an die Grenze derselben) geführt, in

denen „Erscheinungen“ als Nerven-Stimulus und dieser wieder als „Mittel

zum Zweck“ die Hauptsache waren.

Wir wenden uns nunmehr diesen Magiern und ihren Verbindungen zu. Zuvor

aber noch eine Bemerkung.

Auch _jene_ Orden, die, was immer ihre Schwächen und Gebrechen sein

mochten, doch in erster Reihe immer das _Prinzip_ wollten und in

Wahrheit ernst und aufrichtig einen geistigen Kern hatten, auch

die bedeutsameren, _nicht_ ephemeren, wirklich zu politischer und

sozialer Bedeutung gelangenden Orden, glaubten wohl oder übel eines

gelegentlichen Operierens mit „Erscheinungen“ nicht entbehren zu

können. Wir werden darauf ausführlicher zurückkommen und festzustellen

suchen, wieviel davon zulässig, oder richtiger, wie groß oder wie

gering das Maß der Verschuldung war.

Mit diesen ernsteren Bestrebungen, die sich gelegentlich im Mittel

irrten, haben aber, trotz einer gewissen äußeren Ähnlichkeit, jene zu

neun Zehntel auf Lug und Trug gestellten Vergesellschaftungen _nichts_

gemein, die nicht einmal das ohnehin gefährliche und fragwürdige: „Der

Zweck heiligt die Mittel“ für sich geltend machen konnten, sondern

einfach, unter prätentiösen Phrasen, ihrem Gewinn oder irdischem

Vorteil nachjagten. Es waren Spekulanten und Komödianten. Geister

erscheinen lassen war ihr _Geschäft_ und _nur_ ihr Geschäft. Wir machen

uns zunächst damit vertraut, wie sie dies Metier betrieben.

Es gab, soweit wir imstande gewesen sind, uns aus den verschiedensten

Schriften zu informieren, _vier_ Arten des Betriebes. Kleinere

Abweichungen kommen nicht in Betracht. Es waren:

1) Das _Schattenbild_ auf weißer durchsichtiger Fläche. Eine Art

~Laterna magica~. Dies war die plumpeste Art.

2) Das _Hohlspiegelbild_ auf weißer Wandfläche. Ein Verfahren, das bei

Geisterszenen auf der Bühne auch jetzt noch zu gelegentlicher Anwendung

kommt.

Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil Havelland · 第 109 / 149 题