Ei, Possen, das ist nur zum Lachen;
Sei nur nicht ein so strenger Mann!
Sie muß als Arzt ein _Hokuspokus_ machen.
„Faust“
Der Hang nach _Macht_, der im absoluten Staate (außer im Dienste
desselben) keine Befriedigung fand, schuf, so sagten wir, die
Geheimbündelei überhaupt; der Hang nach _Freiheit_, der im absoluten
Staate begreiflicherweise nicht besser fuhr, als jener, schuf eine
besondere Abzweigung, eine ideale Blüte der Geheimbündelei: den
_Illuminaten-Orden_. Dieser Orden, auf seinen gedanklichen Kern
angesehen, war kaum etwas anderes als ein modifizierter, vielleicht
ein potenzierter Freimaurer-Orden, hätte also allen Anspruch darauf
gehabt, _neben_ diesem zu leben und zu wirken, auch wurde in der Tat
um 1780 eine Vereinigung beider erstrebt; die besonderen Umstände
aber, unter denen der neue Orden ins Leben trat, seine Rührigkeit,
seine Aggression, seine Übergriffe führten rasch zu seinem Untergange,
nachdem er etwa ein Jahrzehnt lang eine hervorragende _politische_
Rolle gespielt und sich als ein Repräsentant jener Freiheitsströmung
gezeigt hatte, die damals durch Europa ging.
Der Stifter des Ordens war Adam Weishaupt, der, 1748 zu Ingolstadt
geboren, an der Universität seiner Vaterstadt studiert und 1775
ebendaselbst die Professur des Natur- und kanonischen Rechts erhalten
hatte. Schon als Student -- es lag eben in der Zeit -- hatte ihn die
Stiftung eines Ordens beschäftigt; jetzt, gereifter, entwarf er die
Statuten für den Orden der „Perfektibilisten“, die dann später den
mehr bezeichnenden und besser sprechbaren Namen der _Illuminaten_
annahmen. Die Gründung des Ordens erfolgte 1776. Weishaupt selbst
bezeichnete als Aufgabe desselben: „Selbstdenkende Menschen aus
allen Weltteilen, von allen Ständen und aus allen Religionen durch
ein gegebenes höheres Interesse in ein einziges Band dauerhaft zu
vereinigen und sie dahin zu leiten, aus wahrer Überzeugung und von
selbst zu tun, was kein öffentlicher Zwang, seit Welt und Menschen
sind, je bewirken konnte.“ In einem Briefe gab er sich noch deutlicher
und zuversichtlicher: „Der Endzweck des Ordens ist, daß es _Licht_
werde und wir sind die _Streiter gegen die Finsterniß_. In fünf
Jahren sollen Sie erstaunen, was wir gethan haben. Merken Sie
sich's, der Endzweck des Ordens ist _frei_ zu sein. Wenn sich Alles
so fortentwickelt, wie seit einiger Zeit, so gehört in Kurzem unser
Vaterland _uns_. Habe ich einmal den Grund des Baues festgestellt, so
mag geschehen was wolle. Man wird dann, auch wenn man wollte, nicht
mehr im Stande sein, die Sache zu Grunde zu richten.“
Die ersten Erfolge des Ordens entsprachen dieser Zuversicht; viele
vornehme, gelehrte und rechtschaffene Männer traten ihm bei, darunter
_Knigge_ (1780), der alsbald eine besonders umsichtige und energische
Tätigkeit zu entfalten begann. Aber diese Blüte, so rasch sie gezeitigt
war, so rasch ging sie vorüber. Knigge und Weishaupt, von verschiedenen
Ansichten geleitet, entzweiten sich; der erstere trat zurück, mit
ihm eine Anzahl Mitglieder, und so in sich geschädigt und zerfallen,
erlag der Orden dem Sturme, der jetzt von _außen_ her ihn traf. Alles
Illuminatentum wurde in Bayern, das den Hauptsitz bildete, verboten und
Weishaupt 1785 seines Amtes entsetzt. Er fand bei dem Herzoge Ernst von
Gotha Aufnahme; aber der Orden selbst erlag der staatlichen Obergewalt,
die ihn, mit Prozessen und Strafverfügungen energisch vorgehend, wie
einen Brand austrat.
So viel über die Illuminaten. Ein kurzes Leben. Sehr wahrscheinlich,
daß dieser Orden, wie so viele andere Verbindungen jener Zeit, ohne
Sang und Klang und ohne ein Blatt in der Geschichte vom Schauplatz
abgetreten wäre, wenn er nicht während der kurzen Dauer seiner Existenz
eine _Gegenströmung_ hervorgerufen hätte, die, berühmter werdend als
der Illuminatenorden selbst, diesem alsbald einen Reflex der eigenen
Berühmtheit lieh. Mit anderen Worten, das _Illuminatentum_ wäre
vielleicht vergessen, wenn nicht der geheimbündlerische Drang sofort
einen feindlichen Bruder geboren hätte. Dies waren die _Rosenkreuzer_,
ein alter Name, aber eine neue Sache.
Wir beginnen mit einem historischen Rückblick.
Die Rosenkreuzer waren eine alte alchymistische Verbrüderung, die
weit in die Geschichte zurückgeht. Ihr Stifter war Frater Rosenkreuz,
ein Deutscher, wie sein Name bezeugt. Daß ein solcher Mönch wirklich
gelebt und mit seinen Adepten die Goldmachekunst getrieben habe,
scheint unzweifelhaft; über diese einfache Tatsache hinaus aber
hüllt sich alles in Nebel und die Geschichte vom Tode und von der
Wiederauffindung des alten Rosenkreuz gibt sich nicht einmal die Mühe,
ihren Fabel-Charakter zu verbergen. Diese Geschichte lautet wie folgt:
„Frater _Rosenkreuz_, nachdem er seiner Reisen durch Arabien und Afrika
und seines vieljährigen Verkehrs mit den ‚afrikanischen Weltweisen‘
müde geworden war, begab sich nach _England_ und wohnte nicht weit
von London, woselbst er eine unterirdische Höhle errichtete und ein
Buch schrieb, worauf er ~G. L.~ statt des Titels setzte. Sein Vetter
Benedikt Rosenkreuz war gemeiniglich um ihn. Diesem befahl er, bei
Ablegung eines großen Schwurs, daß er nach seinem Tode sogleich das
Gewölbe zuschließen und eine bestimmte große Tafel davor setzen sollte,
worauf die Namen seiner Schüler standen; den Zugang selbst sollte er
mit Erde verschütten. Alles dies geschah mit der größten Genauigkeit,
so daß man von Rosenkreuz nichts weiter hörte. Über dieser Höhle stand
aber ein sehr alter _Akazienbaum_, unter dessen Schatten Rosenkreuz
öfters seinen Gedanken nachgehangen. Nach einhundertundzwanzig Jahren
fiel einem Bauern ein, diesen Baum umzuhauen und seine Wurzeln
auszugraben. Er kam an Steinplatten, nahm eine nach der andern fort und
ehe er sichs versah, fiel er in eine Höhle fünfzehn Fuß tief in die
Erde hinein. Kaum hatte er sich von seinem Fall und Schrecken erholt,
so wurde er gewahr, daß diese unterirdische Gruft _erleuchtet_ war, und
ein alter, ehrwürdiger Mann vor einem Tische saß und in einem Buche
las. Als er (der Bauer) sich nun einen Schritt näherte, erhob sich der
Alte, der einen Stab in Händen hielt. Bei dem zweiten Schritt hob er
seinen Stab in die Höhe, bei dem dritten schlug er so gewaltig auf die
Lampe, daß solche zerbrach und erlosch. Der Bauer stürzte vor Schreck
nieder; so fand man ihn und hörte seinen Bericht. Zugleich fand man
eine Leiche, die ein Buch in Händen hielt. Dies letztere war das Buch
_Rosenkreuzers_, das alle Weisheit, die Ausbeute seines Lebens, seiner
Studien umfaßte.“
So die Erzählung von Frater Rosenkreuz und seinem _Weisheits_-Buch.
Dies Weisheits-Buch, auf das es ankam, gaben nun die modernen
Rosenkreuzer, die wir gleich näher charakterisieren werden, als ihren
Besitz aus; es sei ihnen auf rätselhafte Weise zu Händen gekommen und
um den Verdacht oder den Vorwurf der Modernität von sich abzustreifen,
nannten sie sich, eben auf die vorgeblich _alte_ Weisheit gestützt,
die Rosenkreuzer alten Stils. Ihr Spruch war: ~Lux in Cruce et Crux
in Luce.~ Die Welt erkannte sehr bald, und sie _sollte_ es auch
erkennen, daß die sich _so nennenden_ Rosenkreuzer mit den _wirklichen_
Rosenkreuzern alten Stils nicht das Geringste gemein hatten und mit
Fug und Recht durfte ~Dr.~ _Semler_, der „Vater des Rationalismus“,
von Halle aus schreiben: „Seit einiger Zeit haben wir von einer
jetzt fortdauernden Rosenkreuzerei so manche wichtige Nachrichten,
Nachrichten, aus denen wir erkennen können, daß eine große Partei mit
gewiß weit aussehenden Absichten, die Magie und Alchemie nur als Maske
benutzt. Ein „Hirtenbrief“ dieser Rosenkreuzer, der mir vorliegt, ist
ein auffallender Beweis von der dreisten und entschlossenen Denkungsart
dieser geheimen Partei, welche ganz merklich es auf eine _öffentliche
Revolution_ im Sinne des Rückschrittes absieht.... Die Historie kann es
am gewissesten dartun, daß diese _jüngeren_ Rosenkreuzer ganz andere
Leute sind als die _alten, die kein papistisches Mitglied unter sich
duldeten_.“
Im wesentlichen hatte es der alte Rationalist hier richtig getroffen.
Ob Papismus und Jesuitismus dahinter steckten, war damals fraglich und
ist fraglich geblieben, aber um _Reaktion_, um einen Kampf gegen die
Neologen und Ideologen, gegen die Aufklärer und Freimaurer, gegen die
Demokraten und Illuminaten handelte es sich allerdings, die _alten_
Elemente in Staat und Kirche, ganz wie in unsern Tagen, nahmen einen
organisierten Kampf gegen den Liberalismus in allen seinen Gestalten
und Verzweigungen auf. Nur die Organisation war verschieden, heute
_öffentlich_ in Kammer, Lehrstuhl, Presse, damals geheim in Orden und
Brüderschaften. Jede Zeit hat ihre Kampfesformen; der Kampf bleibt
derselbe.
Wie recht der alte Semler hatte, darüber gaben die trotz aller Vorsicht
und Geheimtuerei nach und nach in die Öffentlichkeit dringenden
Schriften des modernen Rosenkreuzertums die beste Auskunft. Umkehr,
Absolutismus, Orthodoxie -- das war ihr Inhalt. Wir geben einige
Belegstellen zunächst aus der „Original-Instruktion für die Oberen der
unteren Klassen.“
~pag.~ 27:
Der hohe Orden, der _die Sache Christi mit Macht und Eifer betreibt_,
weil sie seine eigene ist, hat die Größe des Menschengeschlechtes sehr
am Herzen.
~pag.~ 30:
Der Zirkel-Direktor soll den Brüdern tiefe Ehrfurcht gegen den Befehl
Gottes einprägen, daß wir hier glauben und dort erst schauen. Er
soll ihnen auch die gewisse und freudige Hoffnung machen, daß, bei
zunehmendem Wachsthum im Orden, ihr Glaube viele starke Stützen
erhalten und sie manches, ihnen jetzt noch Unbegreifliche in den
Geheimnissen unserer allerheiligsten Religion mit mathematischer
Gewißheit einsehen werden.
~pag.~ 88:
Der Orden kettet den Himmel an die Erde und öffnet den versperrten
Weg zum Paradiese wiederum. Seine höchsten Vorsteher sind, im
allergenauesten Verstande, Freunde Gottes, _wahre Jünger Christi_,
weit über den Rest der Sterblichen erhaben, Meister über die ganze
Natur, die mit der einen Hand auf das _siegreiche Kreuz der Versöhnung
gelehnt_, mit der andern die lange Ordenskette festhalten.
So weit die Auszüge aus der „_Instruktion_“.
Energischer noch traten die Grundgedanken des Ordens, die man
vielleicht am besten mit „Umkehr zu Strenggläubigkeit und Mystizismus“
bezeichnen kann, in einem 1782 zu Berlin erschienenen Buche hervor,
das den Titel führte: „Die Pflichten der Gold- und Rosenkreuzer alten
Systems; von _Chrysophiron_.“ Dies Buch wurde bloß für die Junioren
des Ordens gedruckt und sehr geheim gehalten. Ein Exemplar besaß der
russische Major Kutusow, der, wie man glaubt, eben dieser Verbindung
halber, mehrere Jahre in Berlin lebte und daselbst starb. Dies Exemplar
wurde bei der stattfindenden Auktion öffentlich versteigert, und kam
dadurch in fremde Hände. In der Vorrede zu diesem Buche fanden sich
folgende Stellen:
~pag.~ XIII:
Gottes Barmherzigkeit über Deutschland hat noch kein Ende, sondern sie
ist alle Morgen neu, und seine Treue ist groß. Der ewige Erbarmer hat
sich durch das Gebet unserer gütigen Oberen endlich erweichen lassen.
_Was unsere Väter von sich stießen_, das ist nach hundert Jahren ihren
glücklichen Kindern, ist _Uns_, zu Theil geworden.
~pag.~ XXXIX:
Gott hat sie, hat mich, hat alle Mitglieder unsres hohen Ordens vor
Millionen Menschen werthgeachtet, an dem paradiesischen Segen Antheil
zu nehmen, den er nach seiner grundlosen Barmherzigkeit bei dem Falle
Adams nicht aus der Welt hinausnahm, sondern ihn nur verbarg, damit
diejenigen unter den Menschen, welche in allen Jahrhunderten der Welt
es werth würden, diesen Segen finden und genießen könnten.
~pag.~ XL:
Nur der ist dieses Segens im Orden werth, der _Jesum Christum_, den
Schlangentreter, recht kennt, sein tinkturalisches Versöhnungsblut ganz
auffasset und durch seinen starken Glauben mit ihm innigst vereinigt
ist. Nur solchen _gab er Macht_, nur diesen dreimal glücklichen
Ordensbrüdern gab er Macht, Gottes Kinder zu heißen, die an seinen
Namen glauben. Joh. 1, 12.
Und an eben dieser Stelle (~pag.~ XL.):
Ich habe Ihnen hiermit genug gesagt, und schließe mit den Worten Pauli
1. Korinther 16, V. 22. Wer unsern Herrn _Jesum Christum_ nicht lieb
hat, der sei verpflucht oder ~Anathema maharam Motha~. Das heißt: durch
den großen Bann der göttlichen Strafgerechtigkeit ausgesetzt. Amen!
Amen! Amen!
Diese Schriften riefen im gegnerischen Lager, also unter Freimaurern
und Nationalisten, einen Zorn hervor, den wir in unsern Tagen, wo
dergleichen in offener Befehdung der Gegensätze jeden Tag gedruckt
wird, einfach nicht zu fassen vermögen, wenn wir nicht gegenwärtig
haben, wer jene Schriften schrieb, wer Chrysophiron war und welche
staatliche Gewalt schützend hinter _diesem_ Orden der Gold- und
Rosenkreuzer stand. Dies alles waren nicht Blasen, die ein beliebiger
Sektengeist warf, sondern diese Anschauungen herrschten an oberster
Stelle, drohten in Edikten und Gesetzen bestimmend, maßgebend für
Millionen Andersdenkender zu werden und traten schließlich _wirklich_
als Landesgesetze in Kraft. Hinter dieser Rosenkreuzerei standen auf
länger denn zehn Jahre hin die Machthaber Preußens: der König, Wöllner,
Bischofswerder. Chrysophiron war Pseudonym für Wöllner.
Dies wird genügen, die oben erwähnte bittre Feindschaft zu erklären,
die durch die liberale Welt ging. In Frankreich der Sieg des
Voltairianismus bis in seine letzten Konsequenzen und -- in Preußen,
an dessen Spitze beinah fünfzig Jahre lang der Philosoph von Sanssouci
gestanden und der Aufklärung eine Stätte bereitet hatte, in _diesem_
Preußen: Umkehr, Gewissensdruck, Rosenkreuzerei. So lange hinter
dieser letztern die staatliche Macht stand, solange sie mit dieser
identisch war, war ein Kampf dagegen unmöglich, aber kaum daß der Sarg
Friedrich Wilhelms II. in die Gruft des Domes niedergelassen war, so
brach es hervor. An der Spitze der alte Nicolai. In der Vorrede zum
sechsundfünfzigsten Bande der „Neuen Allgemeinen deutschen Bibliothek“
führte er nunmehr über die Rosenkreuzer, die jetzt freilich ein toter
Percy waren, folgende Sprache:
„Sehr bald nach dem Tode Friedrichs des Großen fanden bei seinem
Nachfolger Männer Gehör, welche zu mehreren nachtheiligen Maßregeln
Anlaß gaben. Dieselben waren großentheils durch eine _geheime Macht_,
durch den _Gold- und Rosenkreuzer-Orden_ und durch den Einfluß der
‚_unbekannten Väter_‘ geleitet, welche diesen Orden ungefähr seit 1778,
noch zu Lebzeiten des großen Königs, unglaublich weit in Deutschland
auszubreiten wußten. Wo die ‚unbekannten Väter‘ sich aufhielten, wußten
die Ordensgenossen nicht; aber wenn dunkle Winke hin und wieder
gegeben wurden, so ward allemal auf _katholische_ Orte gedeutet. Alle
diese _Innern Orden_ verlangten blindes Vertrauen auf die unbekannten
Oberen; ... der tollen _Geisterseherei_ wurde nach und nach Thür und
Thor geöffnet, damit der freie Gebrauch der Vernunft gehemmt und
nach und nach der Herrschsucht der Hierarchie und ihrer _eigenen_
Herrschsucht ein ausgedehnterer Wirkungskreis bereitet würde.
Es ist auch selbst dem allgemeinen Publikum nicht ganz unbekannt
geblieben, welche wichtige Folgen von 1786 bis 1797 in den preußischen
Staaten durch die Anhänglichkeit an die Rosenkreuzer bewirkt worden
sind. Wenngleich dieselben keineswegs all ihre schädlichen Pläne
haben durchsetzen können, so kann doch derjenige, der einigermaßen
die Umstände kennt, kaum zweifeln, daß die _Rosenkreuzerei_ auf die
in die Augen fallende Veränderung der Verfügungen in Absicht auf
die Religionen (das Wöllnersche Religions-Edikt ist gemeint) einen
wichtigen Einfluß gehabt habe. Dank sei es den menschenfreundlichen
Privatgesinnungen König Friedrich Wilhelms II., daß die Absicht der
Obskuranten, alle Aufklärung auszurotten, nicht bis zur Absetzung
der Aufklärer von ihren Ämtern, bis zur ihrer Einschließung in
Gefängnisse oder ihrer Verjagung aus dem Lande fortgesetzt ward. Es gab
Leute, denen es an _Willen_ hierzu nicht fehlte und noch weniger an
_Drohungen_.“
Zu dieser Sprache, die außerdem noch mit Bezeichnungen wie „bübisch“,
„schmutzig“, „betrügerisch“ reichlich verbrämt war, war Nicolai
als Parteimann, als ausgesprochener Widerpart, dazu als Mann, der
persönliche Kränkungen und Schädigungen erfahren hatte, zu gutem Teile
berechtigt, -- wir nachträglich haben die Pflicht, unparteiischer
auf das Getriebe dieses Ordens und der beiden einflußreichen, den
Staat lenkenden Männer zu blicken, die entweder an der Spitze des
Ordens standen oder doch seine wichtigsten, ja überhaupt die _einzig
wichtigen_ Mitglieder waren. Ohne die Namen Bischofswerder und Wöllner
wären die Rosenkreuzer wie so viele andere Orden jener Zeit ohne Sang
und Klang vom Schauplatz abgetreten.
Was wollte der Orden? wie entstand er? Er war, seinem Kern und Wesen
nach, eine Unausbleiblichkeit, weil ein naturgemäßer Rückschlag. Wir
konstatieren einfach eine Tatsache, wenn wir hervorheben, daß man in
den letzten Regierungsjahren Friedrichs des Großen in vielen Kreisen
anfing, der Aufklärung wenig froh zu werden. Gegensätze, die sich
befehden, die beide in der Natur des Menschen ihre Wurzel und ihre
Berechtigung finden, pflegen sich unter einander in Herrschaft und
Obmacht abzulösen. Dem Puritanismus folgte Libertinage, der starren
Orthodoxie Friedrich Wilhelms I. folgte der Voltairianismus der
Fridericianischen Zeit, dem Kosmopolitismus folgte eine nationale
Bewegung und dem Illuminatentum, das überall ein Licht anzünden
wollte, mußte naturgemäß irgend ein Rosenkreuzertum folgen, das
davon ausging: alles Tiefe liegt nicht im Licht, sondern im Dunkel.
Das Empfinden der Zeiten und der Individuen wird in bezug auf diese
Frage immer aus einander gehen und jene Enthusiasten, die überall
ein Rätsel, ein Wunder, ein direktes Eingreifen Gottes sehen, wo der
Nüchternheitsmensch einfach das Verhältnis von Ursache und Wirkung zu
erkennen glaubt, diese phantasiereicheren, unserer besten Überzeugung
nach höher angelegten Naturen, dürfen mindestens _eins_ verlangen:
Gleichstellung in bürgerlicher Ehre. Es ist nichts damit getan, ihnen
einfach den Zettel „Dunkelmänner“ aufzukleben und sie damit, zu
beliebiger Verhöhnung, auf den Markt zu stellen. Seinem Kern und Wesen
nach war das moderne Rosenkreuzertum nichts als eine Vereinigung von
Männern, die, ob katholisierend oder nicht, an den dreieinigen Gott
glaubten und diesen Glauben dem Deismus, dem Pantheismus und Atheismus
gegenüberstellten.
Wer will in dieser Reaktionsbewegung, die den Glaubensinhalt
vergangener Jahrhunderte _zurück_verlangt, ein- für allemal einen
geistigen Rückschritt, eine Einbuße an ideellen Gütern erkennen? Wer
hat den Mut, die Glaubenskraft des Menschen unter die Verstandeskraft
zu stellen? Glaube und wissenschaftliche Erkenntnis schließen einander
nicht aus, und mit höchster Geisteskraft ist höchste Glaubenskraft
durch ganze Epochen hin vereinigt gewesen. Das Rosenkreuzertum hat
dadurch keine Sünde auf sich geladen, daß es das Gegenteil von _dem_
wollte, was der alte Nicolai wollte.[38]
Wenn wir dennoch das Auftreten des Rosenkreuzertums zu beklagen
und sein Erlöschen nach kurzer Allmacht als ein Glück für das Land
zu bezeichnen haben, so liegt das in Nebendingen, in begleitenden
Zufälligkeiten, die, teils irrtümlicherweise, von den Feinden aber in
wohlüberlegter Absicht in den Vordergrund gestellt worden sind, um das
moralische Ansehen des Gegners zu diskreditieren. Wir meinen hier die
_Geistererscheinungen_, den ganzen Apparat, der von den Rosenkreuzern
in Bewegung gesetzt wurde, um einen trägen Glauben künstlich zu beleben.
Wegzuleugnen sind diese trüben Dinge nicht, wiewohl sie höchst
wahrscheinlich eine viel geringere Rolle gespielt haben, als man
gewöhnlich annimmt. Gleichviel: man _hat_ zu diesen Hilfsmitteln
gegriffen und wir perhorreszieren es, daß es geschehen. Es war
unwürdig, bei dem betrügerischen Schrepfer so zu sagen auf Borg zu
gehen, seine im Dienst der Lüge klug verwandten Künste in den Dienst
einer Sache zu stellen, die, für unsere Überzeugung wenigstens, ganz
unbestritten einen idealen Kern hatte. Es war ein Unrecht. Aber
betonen wir dies Unrecht nicht stärker als nötig. Beurteilen wir die
Dinge aus der Zeit heraus. Auch das _sittliche_ Empfinden stellt
sich in verschiedenen Jahrhunderten verschieden. Eine Politik, wie
sie der große Kurfürst, ein frommer, strenggläubiger Mann, gegen
Polen und Schweden übte, würde heute verabscheut werden; damals nahm
niemand Anstoß daran; man bewunderte nur den klugen, patriotischen
Fürsten; -- und zu allen Zeiten sind Wunder gemacht worden, nicht
bloß von Betrügern, sondern auch von Priestern, die an einen ewigen,
allmächtigen und _wundertätigen_ Gott in aller Aufrichtigkeit glaubten.
Wie wir schon an früherer Stelle sagten: das kleine Mit-Eingreifen, das
_Mit-Spielen_ ist kein Beweis für ein frivoles Sich drüber stellen über
die transzendentale Welt.
Der _Hokuspokus_ bleibt ein Fleck an jener interessanten geheimen
Vergesellschaftung, die durch eine seltsame Verkettung von Umständen
in die Lage kam, Preußen auf zwölf Jahre hin zu regieren, aber ein
billiges Urteil über den _moralischen_ Wert derjenigen, die damals an
der Spitze diesen Ordens standen, wird doch nur derjenige haben, der
sich die Frage nach dem „guten Glauben“ der Betreffenden vorlegt und
gewissenhaft beantwortet. Daß Bischofswerder diesen „guten Glauben“
hatte, haben wir in dem Kapitel _Marquardt_ darzulegen getrachtet; in
betreff Wöllners steht uns das unverfänglichste Zeugnis zur Seite, das
Zeugnis seines Antagonisten Nicolai selbst. Dieser schreibt über ihn:
„Eine Menge kabbalistischer und magischer Worte verdunkelte nach und
nach seinen hellen Kopf, und seine irregeleitete Einbildungskraft ließ
ihn _allenthalben Geheimnisse und Wunder sehen_. Im Jahre 1778 war
er bereits so weit, daß er die geheime Lehre der rosenkreuzerischen
Philosophie für das einzig wahre Wissen hielt, für ein Wissen, das bald
ganz _allgemein_ werden und alle andere Philosophie verdrängen würde.“
So Nicolai. Die Verurteilung der _Richtung_ Wöllners wird hier,
unbeabsichtigt, zur Anerkennung seiner persönlichen _Aufrichtigkeit_.
Und dies genügt uns. Wie wenig Nicolai fähig war, der _Richtung_
gerecht zu werden, glauben wir im vorhergehenden gezeigt zu haben.
1800 starb Wöllner zu Groß-Rietz, 1803 Bischofswerder zu Potsdam. Das
Rosenkreuzertum ging mit ihnen zu Grabe.
[38] Wie wenig der alte Nicolai mit all seinen Meriten imstande war,
einer Erscheinung wie der des Rosenkreuzer-Ordens gerecht zu werden,
geht aus seinen eigenen Aufzeichnungen am besten hervor. Er sah in
_allem_, was damals in Dichtung und Philosophie den Vorhang von
einer neuen Welt hinwegzuziehen gedachte, nur Eitelkeit, Anmaßung,
Phantasterei und Geisterschwindel, und stand gegen die ganze junge
Literatur, wenigstens soweit sie romantisch war, ebenso feindselig,
wie gegen Wöllner und die Rosenkreuzerei. „Die Herren _Fichte_,
_Schelling_, _Hegel_, _Schlegel_, _Tieck_“ so schreibt er „und wie
die sich wichtig dünkenden Männer und Männchen weiter heißen, preisen
sich zwar fleißig einer den andern und sprechen von allen Philosophen
und Dichtern, welche nicht zu ihrer geheiligten Kirche gehören, so wie
auch von der _gesunden Vernunft_ und Aufklärung aufs verächtlichste.
Aber auch das Verachten will nicht gelingen ... Sie versichern daher
die Entdeckung gemacht zu haben, daß Fichte und Schelling, ob sie
gleich, leider! schon anfangen von einander zu differieren (wie uns Hr.
_Hegel_, ein neulichst berühmt werden-wollender Philosoph, in einer
besondern Schrift des breiteren auseinandersetzt), dennoch die einzigen
Philosophen sind, denen, auch wenn sie nicht übereinstimmen, allein
das wahre Wissen vom _Subjekt-Objekte_ gebührt. Ferner noch haben
diese Herren durch ihre intellektuelle Anschauung deutlich erkannt,
daß Wieland und Klopstock _keine_ Dichter sind, hingegen _Friedrich
Schlegel_ und _Ludwig Tieck_ Dichter vom größten Genie!“ -- So eifert
Nicolai über viele Seiten hin. An einer andern Stelle zieht er direkt
Parallelen zwischen den Rosenkreuzern einerseits und Fichte-Schelling
andererseits und findet, daß die Philosopheme beider sich als „gleich
ungereimt“ erweisen. All das ging ihm eben über Kraft und Verständnis.