Und noch ein Brief. Er lautete:
_Wiesbaden_ 4. März 1873.
... Sie fragen in Ihrem Buche ‚Wer war Rösel?‘ Diese Frage war
mir wieder einmal ein rechter Beweis für die Vergänglichkeit alles
Irdischen. Denn zu meiner Zeit war Rösel eine bei alt und jung, bei
hoch und niedrig bekannte und beliebte Persönlichkeit. Ohne mich auf
seinen Lebensgang und seine Leistungen hier einzulassen, will ich
Ihnen doch wenigstens einige Notizen mitteilen. Rösel war Professor
an der Kunst-Akademie und gab auch in Privatkreisen Unterricht im
Landschaftzeichnen mit der Feder. Er hatte darin eine ganz eigene
kräftige Manier, wie ich sie nie wieder gesehen habe. Die höchsten
Herrschaften, die vornehmsten Familien nannten ihn ihren Lehrer,
und alle liebten ihn, seiner Heiterkeit, seines Witzes, und seiner
unermüdlichen Gefälligkeit wegen.
Es gab kein Familienfest, kein Liebhabertheater, keine lebenden Bilder,
bei denen er nicht Ratgeber und Helfer war. Es kam ihm gar nicht
darauf an, Kulissen zu malen und Gelegenheitsgedichte zu machen. Ich
selbst habe manchmal seine Güte in Anspruch genommen. Seine ganze
Erscheinung hatte etwas Drolliges, Gnomenhaftes. Er war klein und
verwachsen, der Kopf aber groß, mit dunkeln, ins Graue spielenden
langen Locken. Sein sehr markiertes Profil hatte etwas Orientalisches.
Sie werden ihn leicht auf dem bekannten _Krügerschen_ Huldigungsbilde
in der Künstlergruppe auf der Estrade rechts erkennen. Wenn ich nicht
irre, sind Zeichnungen von ihm im Kupferstichkabinett, doch bin ich
dessen nicht gewiß. Er hat lange Jahre in der Friedrichstraße gewohnt,
Ecke der Mohrenstraße, unendlich einfach eingerichtet, ein echter
Künstler-Junggeselle.
_von Röder_,[29]
Generalleutnant z. D.
Das waren die Zuschriften, die ich ohne mein Zutun erhielt. Um andere
bemühte ich mich, indem ich bei Personen anfragte, von deren früheren
Beziehungen zu Rösel ich inzwischen erfahren hatte. Einen aus der
Reihe dieser Briefe, der das reichste Material gibt, lasse ich in
nachstehendem folgen.
_Rom_ 21. Januar 1880.
Piazza Campitelli, Palazzo Capizucchi.
Ihren lieben Brief mit der Rösel-Anfrage habe ich gestern erhalten und
ich beeile mich, Ihnen darauf zu antworten.
Rösel wurde um 1770 in Breslau geboren. Und zwar am 9. Oktober.
Sonderbarerweise bin ich über das Jahr unsicher, desto sicherer aber
über den Tag. Ich weiß nämlich, daß es der Tag vor meines Vaters
Geburtstag war. Er malte Landschaften, aber nicht in Öl, sondern in
Sepia, hatte eine besondere Vortrags- und Behandlungsart, die er
‚knackern‘ nannte. Was es bedeuten sollte, weiß ich nicht. Er war
eine der bekanntesten Persönlichkeiten und es gab kaum einen Abend
im Jahr, an dem er nicht in Gesellschaft gewesen wäre. In besonders
freundlichen Beziehungen stand er zur Familie Mendelssohn. Er hatte
die Eigentümlichkeit sich überall anzusagen, gewöhnlich zu einem
Karpfenkopf. Bei meinem Großvater Feilner war er, dreißig Jahre
lang, jeden Dienstag zur Whistpartie, sehr heftig beim Spiel und
der jedesmalige Schrecken seines Partners. Ich sehe noch das große
rote Kissen, mit dem darauf gestickten Röselchen, das ihm auf den
Stuhl gelegt wurde. Denn Sie wissen, daß er sehr klein und bucklig
war. Zu jedem Geburtstage meines Großvaters erschien er mit einem
paar pompejanischen Scherben und obligatem Gedicht, das dann bei
Tische vorgelesen wurde. Seine Handschrift war sehr charakteristisch,
und jeden von ihm geschriebenen Brief bezog er am Rande mit einem
rotgetuschten Strich. Seine Korrespondenz war die umfangreichste von
der Welt und ein paar alte Weiber dienten ihm dabei als Briefboten.
Sie hatten verschiedene Namen. Eine nannte er „Iris“, doch waren die
Namen, die _wir_ ihnen beilegten, minder poetischen Klanges. Sie waren
alle sehr häßlich und wahre Unholde. Seine Beziehungen zu Goethe sind
bekannt. Er war auch Freimaurer. Ich habe ihn nie anders gesehen, als
in schwarzem Frack und weißer Krawatte. Seine letzten Jahre waren nicht
die glücklichsten. Er wurde immer bärbeißiger, seine äußerliche Lage
verschlechterte sich, und er hielt sich zuletzt zur Flasche, sogar zur
Likör-Flasche. „Iris“ und ihre Kameradinnen bekamen ihn ganz in ihre
Gewalt. Um ihn daraus zu befreien, wurde ihm, seitens seiner näheren
Bekannten, ein Diener gehalten. Aber die Sache wurde hierdurch nicht
gebessert. Im Gegenteil. Als er bald darauf, durch die Gnade Friedrich
Wilhelms IV. eine Pension und eine Wohnung in Bornstädt empfing,
begleitete ihn der Diener, der nun bald „um die Wette mit ihm die Fahne
hochhielt.“ Soll ihn auch schlecht behandelt haben. Endlich starb er,
einsam und vergessen, und so schloß in Freudlosigkeit ein Dasein, das,
durch ein halbes Jahrhundert hin, immer nur bemüht gewesen war, Gutes
zu tun und Freude zu schaffen.