Ein Kapitel in Briefen aus aller Welt Enden

In dem vorstehenden Bornstädt-Kapitel ist auf Seite 257 des

verstorbenen Professors _Samuel Rösel_ Erwähnung geschehen und an die

Nennung seines Namens die Frage geknüpft worden: _Wer war er?_

Diese Frage, so wenig passend sie sein mochte, namentlich um des Tones

willen, in dem ich sie stellte, hat wenigstens das eine Gute gehabt,

mir eine Fülle von Zuschriften einzutragen, aus denen ich nunmehr

imstande bin, ein Lebensbild _Rösels_ zusammenzustellen.

Den Reigen dieser Zuschriften eröffnete ein „Hinterwäldler“, wie

er sich selber am Schlusse seines, den Poststempel St. Louis (am

Mississippi) tragenden Briefes nennt. Es heißt darin wörtlich:

„Oh, mein lieber Herr Fontane, röten sich nicht Ihre Wangen über

solche Unwissenheit? Professor _Rösel_ war ein hervorragender Mann der

Berliner Akademie, eine wohlbekannte sehr beliebte Persönlichkeit,

Anfang der dreißiger Jahre in den Familien Schadow, Spener, Link gern

gesehen, wo er durch Satire, Komik und ausgezeichnete Geselligkeit

alles zu erheitern wußte. Und nun fragen Sie: _wer war er?_ Sie haben

sich durch diese Frage eine arge Blöße gegeben, und wenn ich Sie nicht

um Ihrer im letzten Kriege bewiesenen Vaterlandsliebe willen schätzte,

so würden Sie sich eine _öffentliche_ Rüge zugezogen haben. Nehmen Sie

das nicht übel Ihrem Sie hochschätzenden

_Hinterwäldler_.“

Ich nahm diesen Brief anfänglich leicht und glaubte mich mit meinem

„Wer war er?“ immer noch in gutem Recht. Aber allmählich sollt' ich

doch meines Irrtums gewahr werden. Der St. Louis-Brief kam durch mich

selber in die Öffentlichkeit und ich mußte mich alsbald überzeugen, daß

alle Welt auf die Seite Rösels und seines hinterwäldlerischen Advokaten

und nicht auf die meinige trat. In der National-Zeitung erschien ein

kleiner Artikel _Adolf Stahrs_, dem ich nachstehendes entnehme.

„Der Tadel vom Mississippi her ist doch nicht ganz unberechtigt.

Fontane hätte die Pflicht gehabt, sich besser umzutun und nach einem

Manne zu forschen, der noch zu Anfang der vierziger Jahre eine

sehr bekannte Berliner Persönlichkeit war. _Gottlob Samuel Rösel_,

Landschaftsmaler und Professor an der Zeichen-Akademie in Berlin,

zählte zu seiner Zeit unter den tüchtigsten Künstlern seines Fachs, und

_Zelter_ nennt seine drei im Jahre 1804 ausgestellten Landschaften in

dem über die Ausstellung jenes Jahres an _Goethe_ berichtenden Briefe,

neben den Landschaften von Hackert, Lütke, Genelli und Weitsch mit

großem Lobe. Der kleine, etwas verwachsene, aber sehr geistreiche und

sarkastische Mann war ein intimer Genosse des Zelterschen Kreises, war

mit Hegel befreundet, und vor allen Dingen ein großer Verehrer Goethes.

Es hätte Fontane nicht unbekannt sein dürfen, daß der größte deutsche

Dichter das Andenken des Künstlers Rösel durch zwei seiner anmutigen

kleinen Gedichte der Nachwelt zu überliefern für wert gehalten hat.

Der Künstler hatte den Großmeister der deutschen Dichtung zu dessen

Geburtstage wiederholt mit sinnigen Zeichnungen, unter denen Götz von

Berlichingens Burg Jaxthausen, Tassos Geburtshaus in Sorrent und eine

Zeichnung des Hofes von Goethes Vaterhause in Frankfurt, beschenkt, und

Goethe dankte ihm dafür in mehreren Gedichten, von denen das eine: ‚an

Professor Rösel‘ mit den Worten beginnt:

‚Rösels Pinsel, Rösels Kiel

Sollen wir mit Lorbeer kränzen;

Denn er tat von je so viel

Zeit und Raum uns zu ergänzen.‘

Näheres über die Beziehungen Rösels zu Goethe findet man an

verschiedenen Stellen des Goethe-Zelterschen Briefwechsels, sowie in

den Anmerkungen, welche Herr Geheime Rat von Löper und ~Dr.~ Strehlke

ihrer vortrefflichen Ausgabe Goethes an den betreffenden Stellen (T.

III, S. 169, 170 bis 171) beigegeben haben.“

Und nun war das Eis gebrochen, und _Rösel-Briefe_ kamen von allen

Seiten.

„Es wäre leicht gewesen“, schrieb mir ein Unbekannter, „sich über Rösel

zu informieren und der Hinterwäldler hat es mit seinem Vorwurf doch

eigentlich getroffen. Rösel war geistreich, witzig, spöttisch, von

gediegenem Wissen und vor allem ein kreuzbraver Mann.

Friedrich Wilhelm IV., welcher ihn lange gekannt und geliebt hatte,

nahm den alten, alleinstehenden und schließlich etwas geistesschwach

gewordenen Mann nach Charlottenhof hinüber, und ließ ihn daselbst

mehrere Jahre lang in der Familie des Hofgärtners oder des Kastellans

verpflegen. Dies gereicht dem Könige umsomehr zur Ehre, weil Rösel,

ein echter Sohn der Aufklärungszeit, seine Ansichten, ja, seine

Spöttereien, niemals verhohlen hatte.“

Diese Zeilen werden durch eine Stelle bei _Varnhagen_, Tagebücher II.

S. 75 bestätigt. Es heißt daselbst: Sonnabend den 4. _Juni_ 1842. „Der

Maler Rösel ist sehr krank. Der König hat ihn nach Charlottenburg

eingeladen, die Königin selbst wollte ihn pflegen, -- zu spät kommt

dem armen Manne so viel Huld!“ So weit Varnhagen. Irrtümlich an dieser

Notiz ist wohl nur das leis anklagende „zu spät“. Es scheint Rösel zu

keiner Zeit an „Huld“ und herzlichsten Freundschaftsbeweisen gefehlt zu

haben. Einem Sterbenden war nur eben schwer zu helfen.

Beinah gleichzeitig mit den vorstehenden Zeilen empfing ich die

folgenden.

„Sie werden _Adolf Stahrs_ kleinen Artikel in der National-Zeitung

gelesen haben. Auch ich entsinne mich Rösels sehr wohl. Er war ein

Meister in der Sepia-Malerei und hat eine Anzahl seiner Blätter

publiziert. Alte Berliner Familien, ich nenne nur Deckers, bewahren

manches davon als Andenken und Rauchs Tochter, Broses, Brendels,

Marianne Mendelssohn und die Solmar müssen von ihm zu erzählen

wissen. Er war sehr gefürchtet, weil er einen scharfen Witz hatte.

Seine Herzensgüte glich es aber wieder aus. Mal wurde für ein armes

Künstlerhaus eine Lotterie veranstaltet. Auch Rösel hatte beigesteuert

und erschien endlich zur Ziehung: klein, krumm und in schwarzem Frack.

Er sah dabei aus, als ob er nie etwas anderes trage als einen schwarzen

Frack. Ich seh den kleinen Mann noch durch die Stube schreiten. Stahr

spricht von einem Blatte „Goethes Hof“. Das trifft nicht völlig zu. Was

Rösel gezeichnet hat, ist der _Brunnen_ auf Goethes Hof in Frankfurt.

Ihr

Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil Havelland · 第 88 / 149 题