„He, Holla, halt,“ schreit's hinter ihm, „wir kennen euch, nicht
von der Stelle!
Hoch euer Galgenmännlein, hoch der kleine, rauchige Geselle!
Und wieder hoch! und dreimal hoch! Alräunchen, Hütchen meinetwegen,
Mag's ferner goldne Eier euch und andern tote Bälge legen.“
=Annette von Droste-Hülshoff=
Johann Kunckel, zu Hütten bei Rendsburg und zwar wahrscheinlich
1638 geboren, hatte sich von Jugend auf der Alchimie befleißigt,
den Stein der Weisen gesucht, den _Phosphor_ entdeckt und war 1677
in kursächsische Dienste getreten, wo ihm das für damalige Zeit
außerordentlich hohe Gehalt von tausend Talern, nebst Vergütung für
alle Materialien, Instrumente, Gläser und Kohlen zugesagt worden war.
Er erhielt aber schließlich diese Summe nicht ausgezahlt und auf seine
desfallsige Beschwerde einfach den Bescheid: „kann Kunckel Gold machen,
so bedarf er kein Geld; kann er solches aber nicht, warum sollte man
ihm Geld geben?“
Die Verlegenheiten, die ihm daraus erwuchsen, veranlaßten ihn,
einen Ruf an den brandenburgischen Hof anzunehmen, freilich unter
bescheideneren Bedingungen, die aber das Gute hatten, daß sie gehalten
wurden. Der Große Kurfürst sagte ihm in einer ersten Unterredung,
in der diese Dinge zur Sprache kamen: „Ich kann Euch tausend Taler
nicht geben, denn ich gebe meinen Geheimen Räten nicht mehr; um
keine Jalousie zu machen, so will ich Euch geben, was ich meinen
Geheimen Kammerdienern gebe.“ So erhielt Kunckel ein Jahresgehalt von
fünfhundert Talern. Er nahm erst die Drewitzer Glashütte in Pacht,
wurde dann Kompagnon der Glashütte auf dem Hakendamm bei Potsdam,
erfand hier das _Rubinglas_, das zu schönen Pokalen verarbeitet wurde,
und erhielt endlich, da es ihm um ein möglichst abgelegenes, schwer
zugängliches Plätzchen für seine Arbeiten zu tun war, in dem schon
genannten Jahre 1685 den ganzen Kaninchenwerder (Pfaueninsel) zum
Geschenk. Die Schenkungsurkunde besagte, daß ihm, unter Befreiung von
allen Abgaben, die ganze Insel erb- und eigentümlich übereignet, das
Recht des freien Brauens, Backens und Branntweinbrennens zuerkannt
und der Bau einer _Windmühle_ gestattet werden solle, „damit seine
Leute nicht gezwungen seien, des Backens und Brauens, des Mahlens und
Schrotens halber, die Insel zu verlassen.“ Gleichzeitig wurde er in
seiner Rubinglas-Fabrikation durch ein Privilegium geschützt, wogegen
er es übernahm, „alljährlich für fünfzig Taler Kristallgläser an die
Kurfürstliche Kellerei abzuliefern und seine Glaskorallen nur an die
Guineasche Kompagnie zu verkaufen“.
Die Errichtung der Glashütte erfolgte bald darauf an der nordöstlichen
Seite der Insel dicht am Ufer. Er erbaute besondere Öfen, um die beste
Art der Kondensierung des Feuers zu ermitteln, kein Fremder durfte die
Insel betreten, nur der Kurfürst besuchte ihn wiederholt, um die Anlage
des Ganzen, sowie den Kunstbetrieb kennen zu lernen. Dabei wurde, über
die Glasfabrikation hinaus, viel experimentiert.
Worauf diese Bemühungen gerichtet waren, ist nicht mit Sicherheit
festzustellen. Daß es sich um Goldmachekunst und um Entdeckung
des Steins der Weisen gehandelt habe, ist sehr unwahrscheinlich.
Nachweisbar verhielt sich Kunckel gegen solche Versuche, wenigstens
wenn sie von andern ausgingen, sehr ablehnend.
So entzog ihm denn auch der Große Kurfürst nie seine Gnade, wiewohl
die Erfolglosigkeit, auch die wissenschaftliche, aller der damals
unternommenen Experimente so ziemlich feststeht. Friedrich Wilhelm
rechnete, wie Kunckel ihn selbst sagen läßt, die daran gewendeten
Summen zu solchen, die er verspielt oder im Feuerwerk verpufft habe.
Da er jetzt weniger spiele, so dürfe er das dadurch Gesparte an
Forschungen in der Wissenschaft setzen.
Mit dem Hinscheiden des Kurfürsten schied aber auch Kunckels Ansehen,
wenigstens innerhalb der Mark Brandenburg. Man machte ihm den Prozeß
auf Veruntreuung und Unterschleif und wenn auch nichts bewiesen werden
konnte, weil eben nichts zu beweisen war,[24] so mochte er dennoch von
Glück sagen, durch eine Aufforderung König Karls XI. von Schweden
seiner alten Umgebung entrissen zu werden. Dies war 1688. Er ging nach
Stockholm, wurde schwedischer Bergrat und unter dem Namen _Kunckel von
Löwenstern_ in den Adelsstand erhoben. Er starb wahrscheinlich 1703.
Sein Laboratorium auf dem Kaninchenwerder hatte nur allerkürzesten
Bestand gehabt. Noch vor seiner Übersiedelung nach Schweden brannten
die Baulichkeiten nieder; -- am östlichen Ufer der Insel finden sich
bis heute einzelne verstreute Schlackenreste, die ungefähr die Stelle
angeben, wo die alchimistische „Hütte“ stand. Mehr als ein Jahrhundert
verging, bevor die Zauberer-Insel zu einer Zauber-Insel wurde.
[24] Der Prozeß lief im wesentlichen auf bloße Schikanen hinaus und kann
einem keine besonders hohe Meinung von der Rechtspflege jener Epoche
beibringen. Der Beklagte sollte eingeschüchtert, abgeschreckt werden.
Als ihm Unterschleife nicht nachgewiesen werden konnten, richtete
man schließlich die Frage an ihn: was denn bei all dem Laborieren
und Experimentieren in einer Reihe von Jahren herausgekommen sei?
Das ist nun in der Tat eine Frage, die schließlich jeden Menschen in
Verlegenheit setzen kann, und Kunckel gab die beste Antwort, die er
unter so bewandten Umständen geben konnte. Er sagte: „Der hochselige
Herr Kurfürst war ein Liebhaber von seltenen und kuriosen Dingen
und freute sich, wenn etwas zustande gebracht wurde, _was schön und
zierlich_ war. Was dies _genutzt_ hat, diese Frage kann ich nicht
beantworten.“
3.
_Die Pfaueninsel unter Friedrich Wilhelm_ III. 1797 bis 1840
Mein Herr ist König im Land,
Ich herrsch' im Garten der Rosen.
=Uhland=
Die Anfänge dazu (zur Zauber-Insel) fallen bereits in die
Regierungszeit Friedrich Wilhelms II. Der Schilfgürtel, der die Insel
vor jedem Zutritt zu bergen schien, wurde mittelbar die Ursache, daß
sich ihre Schönheit zu erschließen begann. In diesem Schilfe nisteten
nämlich, wie schon angedeutet, tausende von Schnepfen und Enten, die
den jagdlustigen König, als er davon vernommen, erst bis an den Rand
der Insel, dann auf diese selber führten. Einmal bekannt geworden mit
dieser Waldesstille, die ihm bald wohler tat als die Aufregungen der
Jagd, lockte es ihn öfter, vom nahen Marmorpalais, zu Kahn herüber.
Aus dem Heiligen See in die Havel, an Sakrow vorüber, steuerte er an
heiteren Nachmittagen, umgeben von den Damen seines Hofes, der ihm
lieb gewordenen Insel zu, auf deren schönster Waldwiese die reichen
orientalischen Zelte, die ihm irgend ein Selim oder Mahmud geschenkt
hatte, bereits vorher ausgespannt worden waren. Die Musik schmetterte;
Tänze und ländliche Spiele wechselten ab; so vergingen die Stunden.
Erst mit der sinkenden Sonne kehrte man nach dem Marmorpalais zurück.
Solche Lust gewährten dem Könige diese Fahrten nach der stillen, nahe
gelegenen Waldinsel, daß er sich im Jahre 1793 entschloß, dieselbe vom
Potsdamer Waisenhause, dem sie durch eine Schenkung Friedrich Wilhelms
I. zugefallen war, zu kaufen. Dies geschah und schon vor Ablauf von
drei Jahren war das Eiland zu einem gefälligen Park umgeschaffen, mit
Gartenhaus und Meierei, mit Jagdschirm und Federviehhaus und einem
Lustschloß an der Nordwestspitze. Die Zeichnung zu diesem Lustschloß,
so wird erzählt, rührte von der Gräfin Lichtenau her, die das Motiv
dazu, während ihrer Reise in Italien, einem verfallenen Schloß entnahm,
das zwei, oben mit einer Brücke verbundene Türme, unten aber,
zwischen den beiden Türmen, ein großes Bogentor zeigte. Wir halten
diese Erzählung für glaubhaft, trotzdem Kopisch sie bezweifelt. Die
Lichtenau dilettierte in Kunstsachen und nicht ganz ohne Talent. Esprit
und Geschmack zählen bekanntlich zu den Vorrechten aller Damen aus der
Schule der Laïs.
Der Bau des Schlosses begann; aber noch ehe dieses und anderes seinen
Abschluß gefunden hatte, starb der König und die Annahme lag nahe, daß
auch die nun zurückliegenden zehn Jahre unter Friedrich Wilhelm II.,
genau wie die sieben Jahre unter Kunckel, zu einer bloßen Episode im
Leben der Pfaueninsel werden würden. Es kam indessen anders. Friedrich
Wilhelm III., in allem gegensätzlich gegen seinen Vorgänger und diesen
Gegensatz _betonend_, machte doch mit Rücksicht auf die Pfaueninsel
eine Ausnahme und wandte ihr von Anfang an eine Gunst zu, die, bis zur
Katastrophe von 1806, alles daselbst Vorhandene liebevoll pflegte,
nach dem Niedergange der napoleonischen Herrschaft aber diesen Fleck
Erde zu einem ganz besonders bevorzugten machte. Ohnehin zu einem
kontemplativen Leben geneigt, fand der König, aus den Stürmen des
Krieges heimgekehrt, die Einsamkeit dieser Insel anziehender denn
zuvor. Was ihm Paretz zu Anfang seiner Regierung gewesen war, das
wurde ihm die Pfaueninsel gegen den Schluß hin. Man schritt zu neuen
Anlagen und war bemüht, den Aufenthalt immer behaglicher zu gestalten.
Viele Anpflanzungen von Gesträuchen und Bäumen, darunter Rottannen
und Laubhölzer aller Art, fanden statt. Wildfliegende Fasanen machten
sich heimisch auf der Insel; neue Bauten wurden aufgeführt. Eine mit
Kupfer beschlagene „Fregatte“ traf ein, die der Prinz-Regent dem Könige
Friedrich Wilhelm III. zum Geschenk gemacht hatte;[25] ein russischer
„Rollberg“ entstand, eine sogenannte Rutschbahn, und russische
Schaukeln setzten sich in Bewegung. 1821 wurde ein Rosensortiment aus
der Nachlassenschaft des ~Dr.~ Böhm für eine erhebliche Summe Geldes
gekauft und in vier Spreekähnen von Berlin aus nach der Pfaueninsel
geschafft. Die Überführung dieser Sammlung gab Anlaß zur Anlage eines
_Rosengartens_, der alsbald einhundertundvierzig Quadratruten bedeckte
und dreitausend hoch- und halbstämmige Rosen, dazwischen ungezählte
Sträucher von Zentifolien, Noisetten und indischen Rosenarten umschloß.
Ziemlich um dieselbe Zeit wurde ein _Wasserwerk_ mit einer
Dampfmaschine errichtet, lediglich um ein großes Reservoir zu speisen,
aus dem nun der sandige Teil der Insel bewässert werden konnte. _Damit
war Lebensblut für alle darauf folgenden Verschönerungen gegeben._
1828, nachdem viele Geschenke und Ankäufe vorausgegangen, ward auch
eine reizende, alle Tierarten umfassende „_Menagerie_“ erworben. Sie
wurde hier wie von selbst zu einem _zoologischen Garten_, da Lenné,
feinen Sinnes und verständnisvoll, von Anfang an bemüht gewesen
war, den einzelnen Käfigen und Tiergruppen immer die passendste
landschaftliche Umgebung zu geben. 1830 wurde auch das _Palmenhaus_
errichtet.
Das kleine Eiland stand damals auf seiner Höhe. „Eine Fahrt nach der
Pfaueninsel, so durfte Kopisch wohl schreiben, galt den Berlinern als
das schönste Familienfest des Jahres und die Jugend fühlte sich überaus
glücklich, die munteren Sprünge der Affen, die drollige Plumpheit der
Bären, das seltsame Hüpfen der Känguruhs hier zu sehen. Die tropischen
Gewächse wurden mit manchem Ach! des Entzückens bewundert. Man träumte
in Indien zu sein und sah mit einer Mischung von Lust und Grauen
die südliche Tierwelt, Alligatoren und Schlangen, ja das wunderbare
Chamäleon, das opalisierend oft alle Farben der blühenden Umgebung
widerzuspiegeln schien.“
Meine eigenen Kindheitserinnerungen, wie ich sie eingangs
ausgesprochen, finden in dieser Schilderung ihre Bestätigung.
[25] Sie zerfiel bald. 1832 wurde deshalb eine zweite, als Ersatz, durch
Lord Fitz Clarence überbracht. Diese existiert noch, ist aber auch
schon wieder defekt.
4.
_Die Pfaueninsel_ 15. _Juli_ 1852
Und Stille, wie des Todes Schweigen
Liegt überm ganzen Hause schwer.
=„Die Kraniche des Ibykus“=
Mit 1840 schied die Pfaueninsel aus der Reihe der herrschenden
Lieblingsplätze aus; Friedrich Wilhelm IV. griff auf die
Friderizianische Zeit zurück und Sanssouci samt seinen Dependenzien
belebte sich wieder. Das Rokoko-Schloß, das der Lichtenau ihre
Entstehung verdankte, verfiel nicht, aber es kam außer Mode und wie
man die Jahrzehnte vorher gewallfahrtet war, um den Rosengarten der
Pfaueninsel zu sehn, so führte jetzt die Eisenbahn viele Tausende
hinüber, um, zu Füßen von Sanssouci, die Rosenblüte in Charlottenhof
zu bewundern. Die Pfaueninsel kam außer Mode, so sagte ich, aber
wenn sie auch nicht Sommerresidenz mehr war, so zählte sie doch noch
immer zu jenen bevorzugten Havelplätzen, wo Friedrich Wilhelm IV. an
Sommerabenden zu landen und in Stille, bei untergehender Sonne, seinen
Tee zu nehmen liebte. Ein solcher Sommerabend war auch der 15. Juli
1852. Wir berichten näher über ihn.
Kaiser Nikolaus war am preußischen Hofe zu Besuch eingetroffen. Ein
oder zwei Tage später erschien Demoiselle _Rachel_ in Berlin, um
daselbst ihr schon 1850 begonnenes Gastspiel zu wiederholen. Friedrich
Wilhelm IV., mit seinem kaiserlichen Gaste in Potsdam verweilend,
gab, als er von dem Eintreffen der berühmten Tragödin hörte, dem
Hofrat Schneider Auftrag, dieselbe für eine Pfaueninsel-Vorstellung
zu engagieren. Über diesen allgemein gehaltenen Auftrag hinaus wurde
nichts angeordnet. Die nötigen Schritte geschahen; die Rachel, die
natürlich ein Auftreten im Neuen Palais oder doch mindestens im
Stadttheater erwartete, sagte zu.
Am Nachmittage des festgesetzten Tages traf die Künstlerin, in
Begleitung ihres Bruders Raphael, auf dem Bahnhofe zu Potsdam ein.
Hofrat Schneider empfing sie.
Die Situation dieses letzteren, der, trotz aller Bemühungen nicht
imstande gewesen war, bestimmtere Orders, eine Art Festprogramm zu
extrahieren, war inzwischen eine ziemlich peinliche geworden. Die
Tragödin verlangte Auskunft über alles, während solche über nichts zu
geben war. Als ihr schließlich, auf immer direkter gestellte Fragen,
gesagt werden mußte, daß es an all und jeder Vorbereitung fehle, daß
alles in die _Macht ihrer Erscheinung und ihres Genius gegeben sei_,
geriet sie in die höchste Aufregung, fast in Zorn, und drohte, mit
einem mehrfach wiederholten „jamais“, die Unterhandlungen abzubrechen.
Ihr Bruder Raphael bestärkte sie in ihrem Widerstande. „Eine
Bänkelsängerin, eine Seiltänzerin, nie, nie!“ Sie schickte sich an, mit
dem nächsten Zuge nach Berlin zurückzufahren.
Was tun? Eine Niederlage ohnegleichen schien sich vorbereiten zu
sollen. Aber die diplomatische Beredsamkeit des Unterhändlers wußte sie
zu vermeiden. Er erinnerte die Tragödin zunächst daran, daß Molière
in ähnlicher Situation vor dem Hofe Ludwigs XIV. gespielt und seine
größten Triumphe gefeiert habe, was Eindruck zu machen schien; als aber
die Zuflüsterungen des „linken Reiters“ (Bruder Raphael) dennoch wieder
die Oberhand erlangen zu wollen schienen, als das Wort „Bänkelsängerin“
immer von neuem fiel, griff Hofrat Schneider endlich zu einem letzten
Mittel. Er wußte, daß der berühmten Tragödin ungemein daran lag, in
Petersburg -- das ihr seit 1848, wo sie, von der Bühne herab, als
Göttin der „Freiheit“ die Marseillaise gesungen hatte, verschlossen
war -- wieder Zutritt zu gewinnen, und dieser Köder wurde jetzt nicht
vergeblich an die Angel gesteckt. Der diplomatische Plenipotentiaire
schilderte ihr mit lebhaftesten Farben, welch einen Eindruck es auf
den Kaiser machen müsse, wenn er, heute abend auf der Pfaueninsel
landend, erfahren würde, „Demoiselle Rachel habe es abgelehnt, zu
erscheinen,“ wie sich ihr aber umgekehrt eine glänzende, vielleicht nie
wiederkehrende Gelegenheit biete, den Kaiser zu versöhnen, hinzureißen,
wenn sie ihrer Zusage getreu bleibe. Dies schlug durch. „~Je jouerai~.“
Bedenken, die auch jetzt noch von Viertelstunde zu Viertelstunde
auftauchten, waren nur wie Wetterleuchten nach dem Gewitter und wurden
mit verhältnismäßiger Leichtigkeit beseitigt. Unter diesen kleinen
Bedenken war das erste, das laut wurde, die Kostümfrage. Nichts war
zur Hand, nichts zu beschaffen. Ihre eigene Gesellschaftsrobe half
indessen über diese Verlegenheit am ehesten hinweg. Sie trug ein
schwarzes Spitzenkleid. Dies wurde ohne Mühe zu einem spanischen
Kostüm hergerichtet. Ein Teil der kostbaren Alençons zu einem aufrecht
stehenden Kopfputze arrangiert, barg eine blutrote Rose; ein schwarzer
Schleier, ein irischer Kragen, vollendeten die Toilette. So traf man,
nach kurzem Aufenthalte in der Stadt, auf der Pfaueninsel ein.
Die Sonne war eben im Untergehen. Noch einmal ein flüchtiges Stutzen,
als auf die Frage: „~où jouerai-je?~“ stumm auf den Rasenfleck
hingedeutet wurde, der von rechts her bis dicht an das Schloß
herantritt; -- es war indessen die Möglichkeit eines „nein“, nachdem
man bereits bis hierher gediehen war, so gut wie abgeschnitten, und
zwar umsomehr, als eben jetzt der Hof, in seiner Mitte der Kaiser,
erschien und Kreis schließend, links auf dem Kieswege und rechts auf
dem Rasenplatze Aufstellung nahm. Nach rechts hin, unter den Ministern
und Generalen, stand auch die Rachel.
Es war inzwischen dunkel geworden, so dunkel, daß ihr Bruder ein
in einer Glasglocke steckendes Licht ergriff und an die Seite der
Schwester trat; späterhin, inmitten der Deklamation, reichte auch das
nicht aus und die berühmte Tragödin nahm dem Bruder das Windlicht aus
der Hand, um sich selber die Beleuchtung zu geben. Ihr Mienenspiel
war ihre Größe. Sie hatte eine Stelle aus der Athalie gewählt, jene,
fünfter Akt fünfte Szene, wo sie dem hohen Priester das Kind abfordert:
~Ce que tu m'as promis, songe à exécuter:
Cet enfant, ce trésor, qu'il faut qu'on me remette,
Où sont-ils?~
Sie spielte groß, gewaltig; es war, als ob das Fehlen alles Apparats
die Wirkung steigere. Der Genius, ungehindert durch Flitter und
Dekorationen, wirkte ganz als er selbst. Dabei brachen die Schatten des
Abends immer mehr herein; die Luft war lau, und aus der Ferne her klang
das Plätschern der Fontänen.
Alles war hingerissen. Zumeist der König. Kaum minder sein Gast, der
Kaiser. Er trat an die Tragödin heran:
~J'espère de vous voir à Petersbourg.
Mille remercîments; mais .. Votre Majesté ..
Je vous invite, moi.~
Die kaiserliche Einladung war ausgesprochen, das Ziel erreicht, der
große Preis des Abends gewonnen.
Eine Viertelstunde später, in lampiongeschmückten Gondeln kehrte der
Hof, der auf eine kurze Stunde die Pfaueninselstelle belebt hatte,
wieder in die jenseit der breiten Havelfläche gelegenen Schlösser
zurück, nach Glienicke, nach Sanssouci, nach dem Neuen Palais. An der
Stelle aber, an der an jenem Abend die Rachel gesprochen und einen
ihrer größten Triumphe gefeiert hatte, erhebt sich jetzt, auf schlankem
Postament, eine Statuette der Künstlerin, einfach die Inschrift
tragend: den 15. Juli 1852.
5.