Herr Friedrich saß auf Sanssouci,
Den Krückstock, den vergaß er nie;
Frau Friedrich findet's ~à propos~
Und sagt: ich mach' es ebenso.
Demoiselle Rachel ist hinüber, Frau _Friedrich_ lebt noch. Ihre goldene
Hochzeit liegt hinter ihr, sie steht vor ihrer diamantnen. Fünfzig
Jahre Inselherrschaft haben ihren Namen an den Namen dieses stillen
Eilands gekettet. Und _welche_ Herrschaft! Das absoluteste ~car tel est
notre plaisir~, _hier_ hat es seine Stätte.
Aber wer ist Frau _Friedrich_? In Potsdam kennt sie jeder; jeder hat
ihr gehuldigt, jeder, wenn er auf der Insel landete, hat ihr einen
allerfreundlichsten Guten Tag geboten und nach ihren Mienen gesehen, um
zu wissen, ob gutes oder schlechtes Wetter sei. Das Schicksal ganzer
Landpartien hing an dem Zwinkern dieser Augen; ein heitres Blinzeln
bedeutete den besten Kaffee, eine einzige Krähenpfote strich einen
Nachmittag aus dem Leben harmloser Mitmenschen, und warf sie der
Enttäuschung, unter Umständen dem Hunger in die Arme. Frau Friedrich
war eine Macht. Sie ist es noch. Aber noch einmal, wer _ist_ Frau
Friedrich?
Sie ist die Frau des gleichnamigen _Maschinenmeisters_. In einem
früheren Abschnitt dieses Pfaueninselkapitels haben wir erzählt,
daß um 1822 ein _Wasserwerk_ angelegt wurde, das zunächst ein
großes Reservoir speisend, mit Hilfe dieses die Aufgabe hatte, die
sandigen Stellen der Insel zu bewässern und fruchtbar zu machen.
Dieses Wasserwerk nun bedurfte einer Maschine und die Maschine
wiederum eines Maschinenmeisters, wozu ein junger Straßburger
Mechaniker, ein Tüftelgenie, einer aus der großen Familie der
~perpetuum-mobile~-Erfinder, ausersehen wurde. Er hieß Friedrich und
bekleidete bis zu seiner Ernennung zum Pfaueninsel-Maschinenmeister das
Amt eines Maschinisten und Versenkungskünstlers am Königstädtischen
Theater. Wie er zu diesem Amt gekommen, was ihn überhaupt an Spree und
Havel gekettet und seinem „o Straßburg“ ungetreu gemacht hatte, darüber
sind nur noch Vermutungen gestattet, die aber schwerlich weit vom Ziele
treffen, wenn sie die Lösung des Rätsels in einer quicken, von Lenzen
oder Havelberg nach Berlin verzogenen Priegnitzerin suchen, die schon
damals die wenigstens partielle Eroberung des Elsaß anstrebte. Und,
wie sich von selbst versteht, _mit Erfolg_. Die märkischen Mädchen
setzen durch, was sie wollen, und halten fest, was sie haben. Zumal die
Fremden erliegen ihrer Zauberkunst. Los ist noch keiner gekommen. Ein
neues Kapitel für die Dämonologie.
Wenn es nun je einen Elsässer gab, der einer Priegnitzerin von
allem Anbeginn an rettungslos verfallen war, so war es unser Freund
Friedrich; in kürzester Frist waren die bindenden Worte gesprochen,
die Ringe getauscht, und nachdem er noch eine kurze Zeitlang am
Königstädtischen Theater gedonnert und geblitzt hatte, intervenierte
plötzlich die mehr erwähnte Dampfmaschine und hob eines Tages nicht nur
sechstausend Tonnen Wasser in das Reservoir hinein, sondern auch noch
unsern Theatermaschinisten samt Frau in das Maschinenmeisterhaus auf
der Pfaueninsel. Da setzte man sie beide nieder und da sitzen sie noch.
Da sitzen sie in einem gelben Hause, am Hügelabhang, unter Pfeifenkraut
und Geißblattlauben, da sitzen sie seit nahezu fünfzig Jahren,
erst mit Kindern, dann mit Enkeln, zuletzt mit Urenkeln gesegnet,
und wiewohl als echte Inselbewohner unbekümmert um die Vorgänge des
Kontinents, haben sie doch die Potentaten des Festlandes, die großen
und die kleinen, _ihrerseits_ empfangen und in langer Reihe an ihrem
Hause und ihrer Gartenbank vorüberziehen sehen. Gute, glückliche
Leute, loyal und frei. Frei. Da liegt's. Auf einer ganz eminenten
Freiheit, die sich sonderbarerweise auf dem Beschränkungs-Paragraphen:
„Wirts- und Kaffeehäuser sind unzulässig an dieser Stelle“ aufbaute,
gründete Frau Friedrich ihre Pfaueninsel-Herrschaft. Alles, was
hier landete, wenn es seinen Schloßgang hinter sich hatte, hatte
das dem norddeutschen Menschen tief innewohnende Bedürfnis des
Nachmittagskaffee, und da kein Platz da war, wo dies Bedürfnis
regelrecht, nach den alten Traditionen von Angebot und Nachfrage
befriedigt werden konnte, so blieb den Durstigen nichts übrig, als
um Dinge zu _bitten_, die nun mal nach Lage der Sache nicht befohlen
werden konnten. So wurde das Maschinenmeisterhaus ein Kaffeehaus von
_Frau Friedrichs Gnaden_ und aus dieser eigentümlichen Machtstellung
entwickelte sich schließlich jener Absolutismus, der wohl gelegentlich,
wie alle unumschränkte Herrschergewalt, ein wenig bedrücklich gefunden
worden ist. Um keinen ~Louis-Quatorze~ ist fünfzig Jahre lang so
andauernd geworben worden, wie um _diesen_ ~l'état c'est moi~. Die
weibliche Trägerin dieses Satzes verkaufte nicht, sie spendete nur. Ein
kleinster Verstoß, ein zu sicheres Auftreten, eine zu früh gezeigte
Börse, eine Krawatte, deren Farbe mißfiel, und -- die Gnade konnte
entzogen werden. Man trank hier seinen Kaffee immer mit Augen links,
immer lächelnd, immer die Hand am Hut und vielleicht schmeckte er nur
deshalb so vorzüglich, weil er wirklich teuer erkauft und errungen war.
Dies alles traf nun aber bloß den Namenlosen, den Unbekannten, der
führerlos an diese Küste verschlagen, des Vorzugs entbehren mußte,
der Frau Friedrich vorgestellt, oder irgendwie empfohlen zu sein.
Über alle diese Hazardeurs brach es gelegentlich herein. Die Kugel
rollte, rot oder schwarz, und wer wollte sagen, wohin sie fiel. Aber
die Billigkeit erzwingt doch gleicherzeit das Anerkenntnis, daß das
Gesetz des Introduziertseins nicht mit Strenge gehandhabt wurde und
daß im großen und ganzen _jeder_ ein Empfohlener war, der sich -- nach
den Traditionen des _alten_ Preußens -- durch Epaulette oder Orden
beglaubigen konnte. Waren es nun gar Personen, die dem Königshause
„verwandt oder zugetan“ waren, so brach die Loyalität in hellen Flammen
siegreich durch. Die Liebenswürdigkeit der Frau Friedrich wetteiferte
an solchem Tage mit ihrer Kochkunst, und ihr märkisch-schlagfertiger
Witz tat das Weitere, um das Maschinenmeisterhaus bei den hohen
Besuchern in gutem Andenken zu erhalten. Traditionell pflanzte
sich alsbald die Sitte fort, diesem Andenken einen ganz bestimmten
Ausdruck zu leihen: ein _Milch-_ oder _Sahnentopf_ wurde „zur
Erinnerung an eine froh verlebte Kaffeestunde“ bei Frau Friedrich
abgegeben. Daraus entstand denn im Laufe eines Menschenalters ein
Porzellan-Kabinett, wie es die Welt wohl nicht zum zweitenmal gesehen
hat, eine Topf-Kollektion, neben der die berühmtesten Pfeifensammlungen
verschwinden. Das Ausstellungslokal war und ist natürlich die in ihrer
Sauberkeit ein Schmuckkästchen bildende Küche, und an allen Borten
und Regalen hin, in Schränken und Ständern, als Garnierung von Wand
und Rauchfang, hängen an Nägeln und Häkchen an zweihundert Töpfe und
Töpfchen. _Alle ein Souvenir._ Jede Form und Farbe, jedes denkbare
Material, jede Art der Verzierung ist vertreten. Endlos wechseln weiß
und blau, und grün und gold; Glas, Biskuit, Chausseestaub gesellen sich
dem Gros des eigentlichen Porzellans, das wiederum seinerseits zwischen
China und Frankreich, zwischen Meißen und Sèvres hin- und herschwankt.
Hautrelief und Basrelief, bemalt und gekratzt, so präsentieren sich
die Ornamente. Zahlreich sind die _Porträts_, noch zahlreicher die
_Schlösser_ vertreten, und zwischen Prinzen und Prinzessinnen, zwischen
Marmor- und Neuem Palais, erscheinen Vater Wrangel und Minister von
der Heydt; der letztere sogar in Begleitung eines Pfauenpaares. Schon
in den fünfziger Jahren war die Zahl der Bildnisse so groß, daß
König Friedrich Wilhelm IV., als er in neckischem Geplauder um einen
Porträtkopf gebeten wurde, replizieren konnte: „Sie haben hier meine
Minister und Generale aufgehängt, nun soll mir dasselbe passieren.
Ich werde mich hüten.“ Aber die Ablehnung selbst involvierte bereits
eine anderweite Zusage und zwei Tage später hatten zwei Souvenirs von
Sanssouci die Sammlung vermehrt.
Diese Küche, wie wir nur wiederholen können, ist einzig in ihrer Art,
und es verlohnt sich eine Viertelstunde lang in dieser eigentümlichsten
aller barocken Porträt-Galerien zu verweilen.
Aber so unterhaltlich ein Aufenthalt an dieser Stelle ist, zumal wenn
Frau Friedrich sich herabläßt, einiges aus der Fülle ihres Erinnerungs-
und Anekdotenschatzes auszustreuen und die ganze Stätte zu beleben,
der _eigentlichste_ Zauber dieses glücklichen Fleckchens Erde liegt
doch _draußen_, auf dem schmalen Gartenstreifen zwischen Haus und
Fluß. Ulmen und Linden stellen sich zu natürlichen Lauben zusammen
und zwischen Apfelbäumen und Blumenbeeten hin führt ein schmaler
Gang zu einer weinumlaubten Wassertreppe. Hier sitzt man, während
der Wind über die Levkojenbeete fährt, und genießt die Stunde des
Sonnenunterganges, dessen reflektiertes Licht eben jetzt die Spitzen
der gegenübergelegenen Kiefern rötet. Das Haveltreiben zieht beinah
geräuschlos an uns vorüber; Dampfschiffe, unter glückverheißendem
Namen: Fortuna und Viktoria, schießen auf und ab; Segelschiffe,
schwer und langsam, dazwischen. Und nun Gondeln mit Musik, und drüben
schweigend der Wald, aus dem die Hirsche treten.
Der Abend kommt, die Nebel steigen, die Kühle mahnt zur Rückfahrt
und unser Boot schiebt sich durch das Rohr hin und in die freie
Wasserfläche hinaus. Hinter uns, die verschleierte Mondsichel über den
Bäumen, versinkt das Eiland. Mehr eine Feen- als eine Pfauen-Insel
jetzt!