Die Seeschlacht in der Malche

~Of Nelson and the North

Sing the glorious day's renown.~

~=Thomas Campbell=~

Die Mittel-Havel, wie schon hervorgehoben, ist eine lange Kette von

Seen, Buchten und Becken.

Eins dieser Becken, unmittelbar nördlich von Spandau, ist die „Malche“,

die so ziemlich den ganzen Raum zwischen dem Eiswerder und der

Zitadelle füllt. Eine prächtige Breite, die zunächst einen Wiesenplan

und, daran anschließend, den „Saatwinkel“ und die Jungfernheide in

Flanke und Rücken hat, während sich die Bastionen und der Rundturm der

Festung in der blauen Tiefe spiegeln.

Diese Havelbuchtung nun, samt ihren Ufern, war in der Joachimischen

Zeit, und zwar im Jahre 1567, der Schauplatz eines „Wasser- und

Landgefechts“, über das _Leutinger_ in seiner ~Topographia marchica~

ausführlich berichtet. Diesem Berichte entnehmen wir das Folgende:

Kurfürst Joachim II., unser allergnädigster Herr, nachdem er abends

spät mit seinem Hofstaate aus der Festung Spandow angekommen war,

sandte, um den Bewohnern einen Schrecken zu bereiten, des Morgens ganz

früh einige seiner Trabanten nach der _Stadt_ Spandow, zum Hause des

damaligen Bürgermeisters _Bartholomäus Bier_, welchen sie, da noch

alles schlief, mit starkem Pochen an seiner Haustür erweckten. Da

derselbe beim Öffnen der Tür die Trabanten des Kurfürsten erblickte

und sogleich den Befehl erhielt, sich anzukleiden und die Trabanten

zum Kurfürsten nach der Festung zu begleiten, erschrak er sehr und

konnte sich nicht darin finden, wie er dazu käme, unter militärischer

Gewalt nach der Feste abgeführt zu werden. Seine Frau, welche ebenfalls

hinzugekommen war, war noch mehr erschrocken und fing schon ein

gewaltiges Klagen an. Zugleich gab ihm der Anführer der Trabanten

eine an die ganze Bürgerschaft gerichtete kurfürstliche Order. Der

Herr Bürgermeister sandte eine Magd eiligst nach dem Stadtdiener

_Strohband._ Dieser, in gleicher Aufregung wie sein Herr, kam halb

angekleidet und in Pantoffeln herbei. Er erhielt den Auftrag, sogleich

zu allen Viertelmeistern zu gehen, um ihnen den kurfürstlichen Befehl,

der ebenfalls auf ein Erscheinen vor dem hohen Herrn hinauslief,

bekannt zu machen.

Während nun Strohband lief, um die Bürger zu bestellen, und der Herr

Bürgermeister sich in aller Eile angekleidet hatte, mäßigte sich sein

Schrecken, weil ihm sein gutes Gewissen sagte, daß der Kurfürst so

wenig mit ihm wie mit der Bürgerschaft etwas Schlimmes im Sinne haben

könne, da seines Wissens keine Sache vorlag, welche den Unwillen des

hohen Herrn verdiente. Nachdem er seine Frau damit getröstet und

beruhigt hatte, ging er getrosten Mutes mit den Trabanten ab. Einige

alte Frauen und Mägde, welche früh aufgestanden waren, um die Kühe

vor den Hirten zu treiben, als sie sahen, daß der gestrenge Herr

Bürgermeister in der Mitte von Trabanten des Kurfürsten zur Feste

geleitet wurde, kreuzten und segneten sich und liefen schnell, um die

Neuigkeit zu hinterbringen. Jeder zerbrach sich den Kopf. Endlich kam

denn auch der Krummstock, der allen Bürgern den uns schon bekannten

Befehl brachte. Die Neugierde wuchs und die Frauen vergaßen die

Morgensuppe; aber schon um sechs Uhr morgens zog die ganze löbliche

Bürgerschaft, Viertelmeister und Ratmänner voran, zum Tore hinaus der

Festung zu.

Als der Herr Bürgermeister _Bier_ auf der Festung angekommen war, wurde

er alsbald dem gnädigen Kurfürsten vorgestellt, und als dieser ihm

freundlichst entgegenkam, fiel ihm ein schwerer Stein vom Herzen, und

er vernahm nun vom Kurfürsten, daß er sich über den kleinen Schrecken,

welchen ihm sein Spaß vielleicht verursacht hätte, beruhigen möchte;

indessen wünsche er, daß die Bürgerschaft zu dem Vergnügen, welches er

sich heute vorgesetzt habe, ihm willig die Hand bieten möge; er habe

nämlich ebenfalls die Berliner und Cöllner Bürger dazu beordert, daß

sie auf _Schiffen mit den Spandauern ein Gefecht bestehen möchten_,

und selbige hätten sich dazu bereit erklärt und würden wohl bereits

dazu unterwegs sein; ein Gleiches wünsche er von ihnen; Waffen habe

er mitgebracht, Schiffe möchten sie nehmen, wo sie solche fänden;

die Anordnung überließe er dem Bürgermeister, und er mache ihn heut

zugleich zum _Admiral der Flotte_.

Der Zug der Bürger kam indessen auf der Festung an. Der Kurfürst

trat ihnen mit seinem Gefolge, den Herrn Bürgermeister in der Mitte,

entgegen und sagte ihnen:

„Lieben Kinder, Spandower! Ihr habt wohl wer weiß was gedacht,

daß ich Euren Bürgermeister entführt und überhaupt Euch so in

Alarm gebracht habe. Indessen ist es so schlimm nicht. Es ist

nichts weiter, als daß Ihr Euch heute mit den Berlinern zu Wasser

und vielleicht auch zu Lande schlagen sollt. Waffen liegen dort,

und Brustharnische und Helmhauben auch; diese nehmt. Der Herr

Bürgermeister wird alles weiter anordnen, und wehrt Euch tapfer!“

Nun wurden ihnen hölzerne Spieße, alle von einerlei Länge und Stärke,

Helme und Harnische zugeteilt, damit sie sich zum Streit bewaffnen

sollten. Jetzt zurückgekehrt zur Stadt, verwandelte sich der Schrecken

in Jubel und alles beeiferte sich, das Seinige beizutragen, um den Spaß

vollkommen zu machen.

Da der neue Spandower Groß-Admiral wußte, daß die feindliche Berliner

Flotte aus dreißig Segeln bestehen würde, so suchte er in der Eile aus

den stets hier beiliegenden Stromschiffen ebenfalls einige zwanzig

zusammenzubringen und solche zu bemannen; geübte Steuerleute waren auch

bald gefunden und jedes Schiff wurde mit einigen zwanzig Streitern

unter einem Anführer besetzt.

Auf das Admiralschiff wurde der Stadtmusikus bestellt, und so wohl

gerüstet und geordnet erwarteten sie den Feind.

Die Flotte hatte sich bei der Festung links, vor dem Platze an der

hiesigen Schleuse, vor Anker gelegt. Auch hatte der Herr Bürgermeister

die Vorsicht gebraucht, die Fischer vom Kiez zu beordern, daß sie mit

ihren Kähnen bei der Hand sein und wenn einer der Schiffer und Streiter

über Bord fiele, denselben sogleich retten möchten.

Die Anführer auf den Schiffen waren folgendermaßen verteilt:

Bürgermeister Bartholomäus Bier.

Burghard Margert, }

Otto Ruttnitz, } Ratmannen.

Bastian Rucken, }

Jakob Marzahn, }

Jonas Backe, Viertelmeister.

Paul Schober, do.

Klaus Strohband, do.

Hermann Döring, do.

Jürgen Wardenberg, do.

Die übrigen Anführer waren die Bürger: Martin Krokow, Klaus Marreligs,

Peter Damitz, Andreas Raschan, Matthis Rürmundt, Sebastian Reinicke,

Veit Wenzlow, Klaus Schumann, Jürgen Rohrschneider, Kurt Kiepert,

Traugott Kühnert, Gottfried Schönicke, Jonas Müller, Ignatz Rasenack,

an der Zahl vierundzwanzig.

Um neun Uhr endlich sah man die vereinte Berliner und Cöllner Flotte,

die sich am Tegelschen See armiert und formiert hatte, die Havel

herunter gesteuert kommen; sie steuerten, den Eiswerder rechts lassend,

nach der kleinen _Malche_, und legten sich dort vor Anker, um sich zum

Streit noch besser anzuschicken und dann das Signal zu erwarten. Voran

lag das Admiralschiff mit dem Berliner Wappen, einem Bären im weißen

Felde, am Vorderteil. Alle Schiffe waren mit prächtigen Flaggen und die

Segelbäume und Stangen mit bunten Bändern geschmückt, die Steuerleute

und Ruderer trugen runde Hüte mit roten Bändern umwunden und grüne

Federbüsche.

Die meisten Schiffe waren mit Zelten von buntbemalter Leinwand

überspannt, doch so, daß die Streiter, welche mit denselben Waffen wie

die Spandower versehen waren, sich auf den Schiffen verteilt befanden.

Alles gewährte einen prächtigen, imposanten Anblick. Freude und Jubel

waren unter Begünstigung des schönsten Wetters allgemein.

Endlich wurde von der Bastion der Festung, auf welcher sich der

Kurfürst mit seinem Hofstaate eingefunden hatte und von welcher aus

er das Ganze übersehen konnte, das Zeichen zum Angriff durch einen

Kanonenschuß und durch den Schall der Trompeten gegeben. Im Nu war

jetzt die ganze Wasserfläche, welche den _großen und den kleinen

Malche-See_ zwischen der Festung und dem Eiswerder bildet, mit Schiffen

bedeckt. Unter dem Donner der Kanonen und dem Schalle der Trompeten,

welche unaufhörlich vom Walle der Festung ertönten, bemühten sich

beide Parteien, einander so viele Schläge und Stöße zu erteilen, um

wo möglich eine die andere zum Weichen zu bringen. Und wie es denn

gewöhnlich zu gehen pflegt, so ging es auch hier, die Gemüter erhitzten

sich zu sehr, so daß das Spandower Admiralschiff zwei von den Berliner

Schiffen dergestalt überfuhr, daß deren Steuermänner ins Wasser

gestoßen wurden und auch einige Streiter durch den Stoß über Bord

fielen. Durch das Herbeieilen der Fischer wurden diese glücklich wieder

herausgefischt.

Nachdem das Gefecht zwei Stunden gedauert hatte und es, trotz der

Brustharnische und der Helme, manchen blauen Fleck und Beulen gegeben

hatte, auch auf keiner Seite nur ein Haar breit der Sieg gewichen war,

wurde das Zeichen zum Abbruch des Gefechts gegeben und die Schiffe

zogen sich unter gegenseitigen Drohungen und Neckereien (Leutinger:

„Spottereien“) der Mannschaften in ihre vorigen Stellungen zurück.

Zugleich kam der Befehl, daß der Sieg auf dem Nachmittage zu Lande

entschieden werden sollte. Die Berliner verließen ihre Schiffe und

lagerten sich dort auf dem Felde, „_der Plan_“ genannt; die Spandower

gingen, um sich ihre Beulen zu besehen, einstweilen nach Hause, und die

Anführer, um sich zu beraten, wie sie den Nachmittagskampf mit Ehren

bestünden. Denn sie verhehlten sich nicht, daß sie bei ihrer geringeren

Zahl es nur der großen Geschicklichkeit ihrer Steuerleute und Ruderer

zu verdanken gehabt hätten, daß sie nicht besiegt worden wären. Auch

war gewiß, daß sich die Zahl der Streiter ihrer Feinde aus der Zahl

der Schaulustigen aus Berlin noch erheblich vermehren würde. Sie

entschlossen sich also, einen Sukkurs aus dem städtischen Kämmereidorfe

_Staaken_ nebst den zur Stadt gehörigen Weinbergen, und was sie sonst

noch aufzutreiben wußten, herbeiholen zu lassen.

Die Anzahl der Berliner war, wie Leutinger versichert, über

fünfzehnhundert Mann. Die Spandower dagegen waren höchstens achthundert

Mann.

Der Gottfried _Schönicke_ wurde demnach in aller Stille beordert,

ein Pferd zu nehmen und damit nach Staaken zu reiten, um dort die

Bauern und Knechte, soviel wie anwesend wären und einen guten Knüppel

führen könnten, zusammen zu nehmen, solche quer übers Feld und nach

der Gegend der Valentins-Insel zu führen, um von dort auf Kähnen

nach dem Saatwinkel geführt zu werden. Dann sollte Schönicke während

des Gefechts, unter Begünstigung der vielen Gebüsche, durch die

_Haselhorst_ den Berlinern in den Rücken fallen.

Der _Schönicke_ führte seine Sache, da er die Kähne dort richtig

vorfand, so gut aus, daß er sich schon nachmittags um drei Uhr an

Ort und Stelle befand, ohne daß die Berliner etwas davon ahnten.

Nachmittags um zwei Uhr fing die Anordnung zur Feldbataille an. Es

wurden zwei Schlachtordnungen formiert; die erste hatte auf ihrem

rechten Flügel die Bürger von Berlin, auf dem linken Flügel standen die

Cöllnischen, zum Hinterhalt waren die übrigen Berliner aufgestellt. In

der Mitte hielt der Kurfürst mit einem kleinen Teile seiner Trabanten;

auf der einen Seite hatten sie die Festung und den Graben, auf dem

linken Flügel die Spree, hinter sich aber den Wald.

Die Berlin-Cöllner nun, welche so gut postiert waren, glaubten schon

den Sieg in den Händen zu haben und triumphierten laut, forderten

dabei immer die Spandower auf, heraus zu kommen. Die Spandower

hingegen erkannten ihre Schwäche und das Unvorteilhafte ihrer Lage,

doch munterten sie sich einander auf und erwarteten nur die Zeit, von

der sie glaubten, daß ihr angeordneter Hinterhalt angekommen sein

könnte. Sie zogen nun getrost, in kleinere Haufen geteilt, dem Feinde

entgegen und der Streit begann. Man hielt sich wacker hüben und drüben.

Der Sieg schien nicht zu wissen, wohin er sich neigen solle. Dennoch

würden die Spandower schließlich überwunden worden sein, wenn nicht

_Gottfried Schönicke_ mit seinen leichten Truppen angekommen wäre.

Dieser kam plötzlich von der _Haselhorst_ den Berlinern in den Rücken,

der Hinterhalt derselben war bald in die Flucht geschlagen und nun

ging es über die Hauptarmee los. Diese sah ihre Gefahr, hielt sich mit

Erbitterung noch eine Weile, aber die „Staakenschen“ unter Gottfried

Schönicke gaben auch hier den Ausschlag und trieben endlich die

vereinte Berlin-Cöllnische Armee in die Flucht.

Der Streit war so heftig geworden, daß selbst das Pferd des Kurfürsten

von einem Spieße getroffen wurde. Die Nacht brach herein und der

Kurfürst ließ nun durch Herolde das Ende des Streites ausrufen. Dies

war ein Glück; die Erbitterung war groß und ohne diesen Abbruch des

Gefechts würde Blut geflossen sein.

Die Berliner zogen sich darauf durch den Wald, die Jungfernheide,

nach Berlin zurück und die Spandower hatten die Freude, daß ihnen der

Kurfürst sagte: _Kinder, ihr habt euch brav geschlagen!_

Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil Havelland · 第 68 / 149 题