* * * * *
Ich fahre nun fort in der Aufzählung der in Tegel vorhandenen
Originalwerke der Skulptur sowohl wie der Malerei.
Zunächst von _Thorwaldsen_. Die Statue der „Hoffnung“ im Stil der
altgriechischen Kunst, mit der Lotosblume in der Rechten. Eine Kopie
dieser Statue, von Friedrich Tieck herrührend, krönt die Säule auf
dem mehrgenannten Begräbnisplatz der Familie. -- Die Marmorbüste der
Frau von Humboldt. -- Die Marmorbüste Wilhelms von Humboldt. -- Zwei
Kreidezeichnungen: Maria mit dem Kinde und dem kleinen Johannes, und
Maria und das Christuskind, welche sich liebkosen. Die erste Zeichnung
trägt die Unterschrift: ~Albertus Thorwaldsen in. et del.~; die zweite:
~Roma, 23. Febbrajo 1818, A. Thorwaldsen f.~
Von _Rauch_. Venus, welche dem Mars ihre von Diomedes verwundete Hand
zeigt. Marmorrelief in einem Rund ausgeführt. Eine der frühesten
und reizendsten Arbeiten des Meisters. -- Die sitzende Statue eines
jungen Mädchens, durch den Schmetterling in ihrer Rechten als
Psyche bezeichnet (zu gleicher Zeit Porträtstatue der damals (1810)
zehnjährigen _Adelheid_ von Humboldt). -- Die Marmorbüste Alexanders
von Humboldt. -- Die Büsten der als Kinder verstorbenen Gustav und
Luise von Humboldt.
Von _Friedrich Tieck_. Die Statuen des Odysseus, des Achill, der
Omphale und Iphigenie. -- Reliefbild Alexanders von Humboldt. --
Reliefbild des Grafen Gustav von Schlabrendorf.
Von _Gottlieb Schick_. Adelheid und Gabriele von Humboldt als Kinder,
Ölporträts auf einem Bilde, eines der vorzüglichsten Werke dieses
leider so früh verstorbenen Künstlers. Durch das offene, weinumrankte
Fenster sieht man auf Berg und See einer still heitern italienischen
Landschaft hinaus. Die schlichten, einfachen Kleidchen verhüllen
nur eben die jugendlichen Körper der beiden Mädchen, von denen die
jüngere träumerisch mit Blumen spielt. -- Das Bildnis der Karoline von
Humboldt, der älteren Schwester der beiden eben genannten. In Größe,
Farbe und Auffassung dem vorigen Bilde sehr ähnlich, aber nicht ganz
von demselben Reiz.
Von _Karl Philipp Fohr_ (1818 in Rom ertrunken). Hagen im Gespräch mit
den Donaunixen (Federzeichnung).
Von _Karl Steuben_. Das Bildnis Alexanders von Humboldt, damals (1812)
zweiundvierzig Jahre alt, in lebensgroßer Figur. Vorn Basaltsäulen, im
Hintergrunde der Chimborasso. Höchst brillant gemacht, aber nicht ohne
Anflug von Manier.
Vielleicht verlohnt es sich, und zwar speziell im Hinblick auf die
zuletzt genannten Porträts, die ganze reiche Sammlung noch ein
zweitesmal kurz an uns vorüberziehen zu lassen, lediglich um uns mit
der Tatsache vertraut zu machen, daß neben einem Kultus der Schönheit,
der unbestritten hier stattfand, zu gleicher Zeit ein _Familiensinn,
ein alle Glieder umschlingendes Liebesband hier anzutreffen war_, das,
wie in manchem andern, so auch namentlich in der reichen Ansammlung
von _Familienporträts_ einen sprechenden Ausdruck gefunden hat. Die
Zahl dieser Porträts, mit Umgehung geringfügiger Arbeiten, ist siebzehn.
_Alexander von Humboldt_: Zwei große Ölbilder von Steuben und einem
Ungenannten, vielleicht Wach oder Krüger; eine Porträtbüste von Rauch;
ein Relief-Porträt von Friedrich Tieck.
_Wilhelm von Humboldt_: Eine Büste von Thorwaldsen; ein Relief von
Martin Klauer in Rom; ein Kreide-Porträt von Franz Krüger.
_Frau von Humboldt_: Ein Ölporträt von Schick; eine Marmorbüste von
Thorwaldsen, ein Kreideporträt von Wilhelm Wach.
_Karoline von Humboldt_: Ölbild von Schick.
_Adelheid von Humboldt_: Ölbild von Schick; Marmorstatue (als Psyche)
von Rauch.
_Gabriele von Humboldt_: Ölbild von Schick.
_Gustav_ und _Luise von Humboldt_: Zwei Büsten von Rauch.
_Therese von Bülow_: Büste von Rauch.
Außer den fünf Zimmern, die alle diese Kunstschätze von Meisterhand
enthalten, befinden sich im obern Stockwerk noch einige andere
Räume, die nicht eigentlich zu den Sehenswürdigkeiten des Schlosses
gehören, aber, unter dem Einfluß des Kontrastes, bei jedem, der zu
ihrem Besuch zugelassen wird, ein lebhaftes Interesse wecken werden.
Hier in den Zimmern, die nach außen hin nichts zu bedeuten, nichts zu
repräsentieren haben, hängen die ersten Anfänge kurbrandenburgischer
Malerkunst, wie ebensoviele grob getuschte Bilderbogen an Wand
und Pfeiler, und zwingen selbst dem preußenstolzesten Herzen ein
mitleidiges Lächeln ab. Sinn und Seele noch tief erfüllt vom Anblick
idealer Schönheit, die in hundert Gestalten, und doch immer als
dieselbe _eine_, eben erst zu uns sprach, werden wir, angesichts
dieser blauroten Soldateska, irre an allem, was uns bis dahin als
Aufgabe einer neuen Zeit, als Ziel einer neuen Richtung gegolten hat,
und verlegen treten wir seitwärts, um des Anblicks von Dreimaster und
Bortenrock nach Möglichkeit überhoben zu sein. Mit Unrecht. Nicht
die _Richtung_ ist es, die uns verdrießt, nur das niedrige Kunstmaß
innerhalb derselben. Ein Modell der Rauchschen Friedrichsstatue, eine
Menzelsche Hochkirchschlacht würden uns auch vielleicht frappiert, aber
doch noch im Augenblicke der Überraschung, durch ihren Eindruck auf
unser Gemüt, uns ihre Ebenbürtigkeit bewiesen haben.
* * * * *
Wir verlassen nun das Haus und seine bildgeschmückten Zimmerreihen,
um der vielleicht eigentümlichsten und fesselndsten Stätte dieser an
Besonderem und Abweichendem so reichen Besitzung zuzuschreiten -- der
_Begräbnisstätte_. Der Geschmack der Humboldtschen Familie, vielleicht
auch ein höheres noch als das, hat es verschmäht, in langen Reihen
eichener Särge den Tod gleichsam überdauern und die Asche der Erde
vorenthalten zu wollen. Des Fortlebens im Geiste sicher, durfte ihr
Wahlspruch sein „Erde zu Erde“. Kein Mausoleum, keine Kirchenkrypta
nimmt hier die irdischen Überreste auf; ein Hain von Edeltannen
friedigt die Begräbnisstätte ein und in märkisch-tegelschem Sande ruhen
die Mitglieder einer Familie, die, wie kaum eine zweite, diesen Sand zu
Ruhm und Ansehen gebracht hat.
Zwei Wege führen vom Schloß aus zu diesem inmitten eines Hügelabhangs
gelegenen Friedhof hin. Wir wählen die Lindenallee, die geradlinig
durch den Park läuft und zuletzt in leiser Biegung zum Tannenwäldchen
hinansteigt. Unmerklich haben uns die Bäume des Weges bergan geführt,
und ehe uns noch die Frage gekommen, ob und wo wir den Friedhof finden
werden, stehen wir bereits inmitten seiner Einfriedigung, von dicht und
wandartig sich erhebenden Tannen nach allen vier Seiten hin überragt.
Das Ganze berührt uns mit jenem stillen Zauber, den wir empfinden, wenn
wir plötzlich aus dem Dunkel des Waldes auf eine Waldwiese treten,
über die abwechselnd die Schatten und Lichter des Himmels ziehen. Die
Bergwand, die den Platz gegen Norden und Osten hin umlehnt, schützt
ihn gegen den Wind und schafft eine selten unterbrochene Stille. Die
Form des Ganzen ist ein Oblong, etwa dreißig bis vierzig Schritte
lang und halb so breit. Der ganze Raum teilt sich in zwei Hälften, in
eine Gartenanlage und in den eigentlichen Friedhof. Dieser besteht
aus einem eingegitterten Viereck, an dessen äußerstem Ende sich eine
dreißig Fuß hohe Granitsäule auf Quaderstufen erhebt. Von dem ionischen
Kapitäl der Säule blickt die Marmorstatue der „Hoffnung“ auf die Gräber
herab. Blumenbeete schließen das Eisengitter ein.
Die Zahl der Gräber, wenn ich richtig gezählt, beläuft sich auf zwölf,
und wenig Raum ist gelassen für neu hinzukommende. Die Grabsteine, die
sich der Säule zunächst befinden, darunter die Wilhelms von Humboldt,
seiner Gemahlin und der ältesten Tochter Karoline, haben keine
Inschriften, sondern Name, Geburts- und Todesjahr der Heimgegangenen
sind in die Quadern des Postaments eingegraben. Die mehr am andern Ende
des Gitters gelegenen Hügel aber weisen kleine Marmortäfelchen auf,
die einfach den Namen und die Daten tragen und in ihrer Schlichtheit
an die Stäbchen erinnern, die der Gärtner dort in die Erde steckt, wo
er um die Herbstzeit ein Samenkorn für den Frühling eingelegt hat.
Alle Gräber sind mit Efeu dicht überwachsen; nur eines, der Gittertür
und dem Beschauer zunächst, entbehrt noch des frischen, dunkelgrünen
Kleides. Fahl gewordene Tannenreiser bedecken die Stätte, aber auf den
Reisern liegen Lorbeer- und Eichenkränze und verraten leicht, wer unter
ihnen schläft.
Wenn ich den Eindruck bezeichnen soll, mit dem ich von dieser
Begräbnisstätte schied, so war es der, einer entschiedenen
_Vornehmheit_ begegnet zu sein. Ein Lächeln spricht aus allem und
das resignierte Bekenntnis: wir wissen nicht, was kommen wird, und
müssens -- erwarten. Deutungsreich blickt die Gestalt der Hoffnung auf
die Gräber hernieder. Im Herzen dessen, der diesen Friedhof schuf,
war eine _unbestimmte Hoffnung_ lebendig, _aber kein bestimmter
siegesgewisser Glaube_. Ein Geist der Liebe und Humanität schwebt über
dem Ganzen, aber nirgends eine Hindeutung auf das Kreuz, nirgends
der Ausdruck eines unerschütterlichen Vertrauens. Das sollen nicht
Splitterrichter-Worte sein, am wenigsten Worte der Anklage; sie würden
_dem_ nicht ziemen, der selbst lebendiger ist in der Hoffnung als
im Glauben. Aber ich durfte den _einen_ Punkt nicht unberührt und
ungenannt lassen, der, unter allen märkischen Edelsitzen, _dieses_
Schloß und _diesen_ Friedhof zu einem Unikum macht. Die märkischen
Schlösser, wenn nicht ausschließlich _feste Burgen_ altlutherischer
Konfession, haben abwechselnd den Glauben und den Unglauben in
ihren Mauern gesehen; straffe Kirchlichkeit und laxe Freigeisterei
haben sich innerhalb derselben abgelöst. Nur Schloß Tegel hat ein
_drittes_ Element in seinen Mauern beherbergt, _jenen Geist_, der,
gleich weit entfernt von Orthodoxie wie von Frivolität, sich inmitten
der klassischen Antike langsam, aber sicher auszubilden pflegt, und
lächelnd über die Kämpfe und Befehdungen beider Extreme, das Diesseits
genießt und auf das rätselvolle Jenseits _hofft_.
[22] Es scheint zweifelhaft, ob Tegel 1765 durch _Kauf_, oder 1766 als
_Frauengut_ an den Major von Humboldt kam. Ich finde nämlich anderen
Orts, aus ersichtlich guter Quelle, folgendes: „1766 vermählte sich
der Oberst-Wachtmeister (Major) von Humboldt mit Marie Elisabeth geb.
_Colomb_, verwitwete Frau von Hollwede. Aus dieser Ehe wurden Wilhelm
und Alexander von Humboldt geboren. Die Mutter der beiden Brüder war,
als _Erbtochter_ des Direktors Johann Heinrich Colomb, Besitzerin von
Ringenwalde in der Neumark, _Tegel_ und Falkenberg (anderthalb Meilen
von Berlin). In der Falkenberger Kirche ließ Frau von Humboldt 1795 ein
Erbbegräbnis bauen, in dem sowohl sie selbst wie ihre beiden Ehemänner:
Hauptmann von Hollwede † 1765 und Oberst-Wachtmeister von Humboldt †
1779, beigesetzt wurden. Frau v. Humboldt starb 1796.“
[23] Der berühmte Bildhauer Canova war im Jahre 1815 Kommissarius
für die Zurückforderung der aus den päpstlichen Staaten nach Paris
entführten Kunstdenkmäler.