Das Belvedere

im Schloßgarten zu Charlottenburg

Verschlossene Fenster,

Nichts ein noch aus,

Nur Spinnen und Gespenster

Sind hier zu Haus.

Es regnet. Auf den Plüschbänken des Charlottenburger Omnibus sitzt ein

halbes Dutzend fröstelnde Gestalten, gleichgiltig oder verstimmt, jeder

einen abtröpfelnden Alpakka in Händen. Keiner spricht. Ein Dunst, wie

wenn Wäsche trocknet, nebelt um uns her, und ein Kautschuk-Mantel neben

mir ist nicht angetan, die klimatischen Verhältnisse zu bessern.

Es regnet, und am Ende mit Recht. Schreiben wir doch den 19.

November! Wer mag da Sonnenschein fordern, wenn es ihn lüstet, den

Charlottenburger Schloßgarten zu besuchen. Was von den Menschen gilt,

gilt auch von den Tagen; man muß sie nehmen, wie sie sind.

Da ist das „Knie“. Seine Rundung ist heute völlig reizlos. Das

„türkische Zelt“ sieht noch untürkischer aus als gewöhnlich, und bei

Morellis hocken drei Sperlinge auf dem schräg gestellten Gartentisch,

ziehen die Köpfe ein und schütteln die Federn. Nur die grüne Kuppel des

Schlosses hat gewonnen; sie sieht blau aus, frischer als sonst.

An den leeren Gewehrpfosten vorüber, trete ich an das halboffene

Parkgitter; der Türhüter schüttelt den Kopf. An _solchem_ Tage Besuch!

Er scheint die Frage ergründen zu wollen, ob ich Untat gegen mich oder

gegen andere sinne. Ein Unglücklicher oder ...

„Ich möchte nach dem Belvedere. Erst durch die Orangerie, dann grade

aus; nicht wahr?“ So Lokalkenntnis und Unbefangenheit heuchelnd,

schreite ich an dem Bediensteten vorüber, der sich schließlich seinem

Mienenspiele nach, damit beruhigt: Freitag ist Besuchstag.

Asternbeete, Balsaminen; dann vorüber an den Kübeln des Gewächshauses;

noch ein Fliesengang und die Breite des eigentlichen Parkes liegt vor

mir. An der Rückseite des einen Schloßflügels hin stehen die Büsten

römischer Kaiser, Nero, Titus, Trajan; mir zunächst Tiberius. An seiner

Nase hängt ein Regentropfen, fällt ab und erneut sich wieder. Es sieht

so gemütlich, so einfach-menschlich aus, daß man glauben könnte, seine

„Wiederhersteller“ hätten Recht.

Weithin sichtbar laufen die Gänge des Schloßgartens bis zum Flusse

nieder, parallel mit ihnen ein Wasserbecken, halb Graben, halb Teich.

Die Alleen sind kahl. Nur einzelne Bäume, die windgeschützter standen,

halten noch das je nach der Art in allen Herbstesfarben spielende Laub

fest; die Eiche goldbraun, die Birke orangefarben, der Ahorn gelb;

aber die meisten Blätter fielen ab und liegen an tieferen Stellen

zusammengeweht, oder schwimmen auf dem Wasser, das uns bis in die Mitte

des Parks begleitet.

Hier biegt das Wasser (der Teichgraben) plötzlich rechtwinklig ab und

durchschneidet den Weg. Eine Brücke führt darüber hin und unterhält den

Verkehr zwischen den beiden Ufern. Diesseits stand ein Alter und harkte

das Laub zusammen.

Ist dies die Brücke mit der Klingel?

Ja. Aber es kommt keiner mehr.

Ich weiß, Papa. Die alten Moosköpfe sind tot.

Er nickte und harkte weiter.

In der Tat befand ich mich an der vielgenannten „Klingelbrücke“, einer

ehemaligen Besuchsstation des Gartens, die viele Jahre hindurch neben

dem Mausoleum ihren Platz behauptet hatte. Der ernsten Erhebung gab

man hier ein heitres Nachspiel. Alles drängte herzu; wurde dann die

Klingel gezogen, so erschienen langsam und gravitätisch, aber immer

hungrig, die berühmten _Mooskarpfen_ des Charlottenburger Parkes an der

Oberfläche. Uralte Bursche, wenn ich nicht irre, durch König Friedrich

Wilhelm I. eigenhändig an dieser Stelle eingesetzt. Ein eigentümlicher

Sport, der darauf hinauslief, Hellinge, Milchbrote, Kringel in die

immer geöffneten Karpfenmäuler zu werfen, nahm dann seinen Anfang. Er

erinnerte an Ähnliches im zoologischen Garten, und man darf sagen: wie

sich die Schrippe zum Elefanten verhält, so verhielt sich die Semmel

zum Karpfen. Alte Frauen, nicht viel jünger wie die krokodilartigen

Ungeheuer der Tiefe, saßen hier sommerlang mit ihrem Backwerk und

sahen aus, als gehörten sie mit dazu. Es hatte etwas Spukhaftes, diese

Altersanhäufung und die Kinderwelt dazwischen.

Dieser Sport indessen sollte plötzlich ein Ende haben. Der Winter

vierundsechzig kam, das Wasser fror bis auf den Boden, die Karpfen

suchten zu retirieren, immer tiefer, aber das Eis kam ihnen nach,

und eingemauert in ihrem Moorgrund, wasser- und luftlos, mußten sie

ersticken. Als im April das Eis aufging, stiegen sie wieder an die

Oberfläche, aber tot. Noch am selben Tage wurden sie am Ufer begraben.

Es waren sechsunddreißig Stück, keiner unter einhundertundfünfzig

Jahre, keiner unter vier Fuß; alle trugen sie die Karpfenkrone. „Wir

haben nun neue eingesetzt,“ brummte der Alte, „aber was will das sagen;

sie sind wie Steckerlinge.“

Dieser wohlgemeinte Satz hatte mir Mut gegeben. „Ich will nach dem

Belvedere, Papa.“

„Nach's Belfedehr. Ja, ja, da müssen Sie bis auf die Insel. Immer grad

aus. Die Fähre geht nicht mehr. Aber rechts weg, wo der rote Werft

steht, da is'n Steg. Nehmen's sich in Acht; is alles frisch gestrichen

mit Teer. Da drüber weg.“

„Dank schön, Papa.“ Damit stapfte ich weiter, durch Laub und

aufgeweichte Gänge hin, dem Rande des Parkes zu, voll wachsenden

Dankes gegen den Erfinder der Gummischuhe. Endlich stand ich an einem

schmalen, von der Spree her abgezweigten Wassergraben; zwei Pfosten

hüben und drüben und ein Tau dazwischen zeigten mir, daß dies die

Fährstelle sei. Nach rechts hin also mußte die Brücke sein. Richtig.

Der frische Teergeruch ließ keinen Zweifel. Ich schritt über die

schmale Bohlenlage hin.

Der Regen ließ einen Augenblick nach und gestattete einen Umblick.

Ich stand ersichtlich auf einer Insel, der magre Boden mit dünnem

Gras überzogen, die Ufer von blutrotem Werft eingefaßt. Nach Westen

hin Wiesenland, von Spree-Armen und Eisenbahnbrücken durchzogen; am

Horizonte grau in grau der Spandauer Turm; unmittelbar vor mir aber ein

seltsamer, jalousienreicher Bau, rund, mit vier angeklebten flachen

Balkonhäusern und einem kupfernen Dachhelm, auf dessen Spitze drei

Genien mit Genhimmelhaltung eines goldenen Fruchtkorbes beschäftigt

waren. Rokoko durch und durch. Im Grundriß ein kurzes Kreuz, mit

rundem Mittelstück. Dies war das _Belvedere_. Die drei Genien mit

dem Blumenkorb, unverkennbar an das Marmorpalais erinnernd. Die Tage

der Lichtenau standen wie auf einen Schlag vor mir: Sentimentalität

und Sinnlichkeit, Schäferspiele und kurze Röckchen, Antonius und

Cleopatra. Nur alles trivialisiert. Statt des Pharaonenkindes eine

Stabstrompetertochter.

Ein Gartenarbeiter, wie ich bald wahrnahm, hatte in einem der

angeklebten Häuschen ein Unterkommen gefunden: es fand sich ein

Schlüssel, der eine der Haupttüren öffnete. Das Erdgeschoß, einst als

Küchen- und Wirtschaftsraum benutzt, war interesselos; eine schlank

gewundene, von einem sauberen Eisengitter eingefaßte Treppe führte in

den ersten und zweiten Stock. Wir stiegen hinauf. Ich hatte dieselbe

Empfindung, als ging es hinunter in eine Gruft. Abgestorbenes ringsum.

Nur mumienhaft erhalten.

Die Einrichtung beider Stockwerke ist dieselbe: ein einziges

saalartiges Rundzimmer.

Der Saal des ersten Stockwerkes ist der reichere; der Fußboden

parkettiert, die Wände rhombisch getäfelt mit rotbraunem

Pflaumbaumholz. An der weißen Decke kristallne Leuchter.

Reliefdarstellungen aus dem Apollo- und Diana-Mythus umziehen, halb

fries-, halb supraportenartig, die obere Rundung, während Ottomanen

und Polsterstühle, in ihren Lehnen selbst wieder geschweift, dem Rund

der unteren Boisierung folgen. Zahlreiche Bilder, meist englische

Stiche nach den Dramen Shakespeares, stehen gruppenweis, die Rückseite

nach vorn, an den Wänden umher. Die dunkle Täfelung, dazu der blaue

Moiré-Stoff, der alle Polster überzieht, geben dem Zimmer einen

festlichen, beinah ernsten Charakter.

Anders der Rundsaal des zweiten Stockes. Hier ist dieselbe Art der

Ausschmückung aber ins Heitere übertragen. Wie dort Braun und ein

tieferes Blau den Ton angeben, so lacht hier alles in Weiß und

Rot und Gold. Konsolen, mit Tongefäßen in gefälliger Form, laufen

girlandenartig um die Rundung her, und die scharlachnen Seidenüberzüge,

als sei es an ihrer leuchtenden Pracht nicht genug, haben ihr Rot

noch mit bunten Malereien, mit Blumen und Buketts geschmückt. Wie

im Zimmer des ersten Stockes, so lehnen sich auch hier zwei Balkons

und ein Kabinett an den Rundbau an; das Kabinett marmoriert und mit

Wandleuchtern von Goldbronze reich verziert.

In diesem Kabinett nun, nur durch zwei halb zurückgeschlagene Gardinen

von dem Rundsaal getrennt, saß König Friedrich Wilhelm II. Es war

in den ersten Jahren seiner Regierung. Eine Aufführung schien sich

mit einer Art von Feierlichkeit vorzubereiten. Und so war es. In den

goldbronzenen Wandleuchtern brannten ein paar Kerzen, aber ihr Licht,

durch die schweren Gardinen zurückgehalten, fiel nur in einzelnen

Streifen nach vorn hin in den Saal.

In diesem herrschte Dämmer. Der König hatte den Wunsch ausgesprochen,

die Geister Marc Aurels, des Großen Kurfürsten und des Philosophen

Leibnitz erscheinen zu sehen. Und sie erschienen. Wie man dabei

verfuhr, darüber berichte ich an anderer Stelle. Nur dies noch. Dem

Könige war gestattet worden, Fragen an die Abgeschiedenen zu richten;

er machte den Versuch, aber umsonst. Es gelang ihm nicht, auch nur

einen Laut über die bebenden Lippen zu bringen. Dagegen vernahm er nun

seinerseits von den heraufbeschworenen Geistern strenge Worte, drohende

Strafreden und die Ermahnung, auf den Pfad der Tugend zurückzukehren.

Er rief mit banger Stimme nach seinen Freunden; er bat inständig,

den Zauber zu lösen und ihn von seiner Todesangst zu befreien. Nach

einigem Zögern trat Bischofswerder in das Kabinett und führte den

zum Tod Erschöpften nach seinem Wagen. Er verlangte zur Lichtenau

zurückgebracht zu werden, ein Wunsch, dem nicht nachgegeben wurde. So

kehrte er noch während derselben Nacht nach Potsdam zurück.

Das war, wie schon angedeutet, mutmaßlich Anfang der neunziger Jahre.

Bestimmte Zeitangaben fehlen.

Von jenem Abend an stand das _Belvedere_ fünfzig Jahre lang leer.

Es war, als wäre es an dieser Stelle nur aus der Erde gewachsen, um

als Rokoko-Schaubühne für eine Geisterkomödie, hinterher aber um als

Wahrzeichen _dafür_ zu dienen, daß das alles einmal wirklich war.

Durch ein halbes Jahrhundert hin waren die Plätze wie verfehmt.

Marmorpalais, Belvedere, Marquardt, das Eckardtsteinsche Haus, auch

andere noch; man mied sie, man nannte sie kaum. Erst Friedrich Wilhelm

IV., innerlich freier, machte einen Versuch, den Bann der neunziger

Jahre zu durchbrechen. Das _Marmorpalais_ sah wieder Gondeln an seiner

Treppe; die Miniatur-Büste der Lichtenau, ein Chef d'oeuvre, wurde an

altem Platze aufgestellt; was einst Abneigung erweckt hatte, weckte

wieder Interesse. Auch das _Belvedere_ schien wieder zu Ehren kommen

zu sollen. Von seinem Balkone aus sah der heitere König, dessen eigene

sittliche Integrität ihm die Milde, auch nach _dieser_ Seite hin, zum

Bedürfnis machte, in Dämmerstunden, beim Teegeplauder, das Spreetal

hinunter, freute sich der Segelkähne, die kamen und gingen, der langen

Züge, die rasselnd, dampfend vorübersausten, der dunklen Flächen des

Grunewaldes hier, der Jungfernheide dort, endlich des roten Spandauer

Turmes, der die Zickzack-Festungswerke drüben am westlichen Horizont

hoch überragte.

Das waren die Wiederbelebungsversuche für das Charlottenburger

Belvedere. Aber sie kamen und gingen wie bloße Träume. Bald schlief der

Bau mit seinen drei Rokoko-Genien weiter. Er schläft noch.

Etwas Unheimliches ist drumher, das nicht abzutun ist. Was ist es? Ist

es, weil es ein Spukhaus war, weil Gespenster hier umgingen?

Nein, denn man _spielte_ hier nur Gespenst.

Aber fast scheint es, als ob ein doppeltes Grauen eben daraus erwuchs,

daß die Geister, die hier auftraten, nur ein Schein, eine Lüge waren.

Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil Havelland · 第 69 / 149 题