Die _Hoffnung_ --
Sie wird mit dem Greis nicht begraben.
Havelabwärts von Oranienburg, schon in Nähe Spandaus, liegt das
Dorf _Tegel_, gleich bevorzugt durch seine reizende Lage, wie durch
seine historischen Erinnerungen. Jeder kennt es als das Besitztum
der Familie _Humboldt_. Das berühmte Brüderpaar das diesem Fleckchen
märkischen Sandes auf Jahrhunderte hin eine Bedeutung leihen und es zur
Pilgerstätte für Tausende machen sollte, ruht dort gemeinschaftlich zu
Füßen einer granitenen Säule, von deren Höhe die Gestalt der „Hoffnung“
auf die Gräber beider hernieder blickt.
Wer seinen Füßen einigermaßen vertrauen kann, tut gut, Berlin als
Ausgangspunkt genommen, die ganze Tour zu Fuß zu machen. Die erste
Hälfte führt durch die volkreichste und vielleicht interessanteste der
Berliner Vorstädte, durch die sogenannte _Oranienburger_ Vorstadt, die
sich, weite Strecken Landes bedeckend, aus Bahnhöfen und Kasernen, aus
Kirchhöfen und Eisengießereien zusammensetzt. Diese vier heterogenen
Elemente drücken dem ganzen Stadtteil ihren Stempel auf; das Privathaus
ist eigentlich nur insoweit gelitten, als es jenen vier Machthabern
dient. Leichenzüge und Bataillone mit Sang und Klang folgen sich in
raschem Wechsel oder begegnen einander; dazwischen gellt der Pfiff
der Lokomotive und über den Schloten und Schornsteinen weht die
bekannte schwarze Fahne. Hier befinden sich, neben der Königlichen
Eisengießerei, die großen Etablissements von Egels und Borsig, und
während dem Vorübergehenden die endlose Menge der zugehörigen Bauten
imponiert, verweilt er mit Staunen und Freude zugleich bei dem feinen
Geschmack, bei dem Sinn für das Schöne, der es nicht verschmäht hat,
hier in den Dienst des Nützlichen zu treten.
So zieht sich die Oranienburger Vorstadt bis zur Pankebrücke; jenseits
derselben aber ändert sie Namen und Charakter. Der sogenannte
„Wedding“ beginnt und an die Stelle der Fülle, des Reichtums, des
Unternehmungsgeistes treten die Bilder jener prosaischen Dürftigkeit,
wie sie dem märkischen Sande ursprünglich eigen sind. Kunst,
Wissenschaft, Bildung haben in diesem armen Lande einen schwereren
Kampf gegen die widerstrebende Natur zu führen gehabt, als vielleicht
irgend wo anders, und in gesteigerter Dankbarkeit gedenkt man
jener Reihenfolge organisatorischer Fürsten, die seit anderthalb
Jahrhunderten Land und Leute umgeschaffen, den Sumpf und den Sand in
ein Fruchtland verwandelt und die Roheit und den Ungeschmack zu Sitte
und Bildung herangezogen haben. Aber die alten, ursprünglichen Elemente
leben noch überall, grenzen noch an die Neuzeit oder drängen sich in
die Schöpfungen derselben ein, und wenige Punkte möchten sich hierlands
finden, die so völlig dazu geeignet wären, den Unterschied zwischen
dem Sonst und Jetzt, zwischen dem Ursprünglichen und dem Gewordenen zu
zeigen, als die Stadtteile diesseits und jenseits des Panke-Flüßchens,
das wir soeben überschritten haben.
Die Oranienburger Vorstadt in ihrer jetzigen Gestalt ist das Kind einer
neuen Zeit und eines neuen Geistes; der „Wedding“ aber, der nun vor
und neben uns liegt, ist noch im Einklang mit dem alten nationalen
Bedürfnis, mit den bescheideneren Anforderungen einer früheren Epoche
gebaut. Was auf fast eine halbe Meile hin diesen ganzen Stadtteil
charakterisiert, das ist die völlige Abwesenheit alles dessen, was
wohltut, was gefällt. In erschreckender Weise fehlt der Sinn für das
_Malerische_. Die Häuser sind meist in gutem Stand; nirgends die
Zeichen schlechter Wirtschaft oder des Verfalls; die Dachziegel weisen
keine Lücke auf und keine angeklebten Streifen Papier verkürzen dem
Glaser sein Recht und seinen Verdienst; das Holzgitter, das das Haupt-
und Nebengebäude umzieht, ist wohl erhalten und der junge Baum, der in
der Nähe der Haustür steht, hat seinen Pfosten, daran er sich lehnt,
und seinen Bast, der ihn hält. Überall ein Geist mäßiger Ordnung,
mäßiger Sauberkeit, überall das Bestreben, sich nach der Decke zu
strecken und durch Fleiß und Sparsamkeit sich weiter zu bringen, aber
nirgends das Bedürfnis, das Schöne, das erhebt und erfreut, in etwas
anderem zu suchen, als in der Neuheit eines Anstrichs, oder in der
Geradlinigkeit eines Zauns. Man will keine Schwalbe am Sims -- sie
bringen Ungeziefer; man will keinen Efeu am Haus -- er schädigt das
Mauerwerk; man will keine Zierbäume in Hof und Garten -- sie machen
feucht und halten das Licht ab; man will nicht Laube, nicht Veranda --
was sollte man damit? Nützlichkeit und Nüchternheit herrschen souverän
und nehmen der Erscheinung des Lebens allen Reiz und alle Farbe. Grün
und gelb und rot wechseln die Häuser und liegen doch da wie eingetaucht
in ein allgemeines, trostloses Grau.
Den kläglichsten Anblick aber gewähren die sogenannten
Vergnügungsörter. Man erschrickt bei dem Gedanken, daß es möglich sein
soll, an solchen Plätzen das Herz zu erlaben und zu neuer Wochenarbeit
zu stärken. Wie Ironie tragen einige die Inschrift: „Zum freundlichen
Wirt“. Man glaubt solcher Inschrift nicht. Wer könnte freundlich sein
in solcher Behausung und Umgebung? An der Eingangstür hängen zwei
Wirtshausschildereien, bekannte Genrebildszenen, die mehr an die Götzen
und Kunstzustände der Sandwichsinseln, als an die Nachbarschaft Berlins
erinnern, und als einziger Anklang an Spiel und Heiterkeit zieht sich
am Holzgitter des Hauses eine Kegelbahn entlang, deren kümmerliches und
ausgebleichtes Lattenwerk dasteht wie das Skelett eines Vergnügens.
Auf halbem Wege nach Tegel sind wir endlich bis an die letzten
Ausläufer der Stadt gelangt, und eine Kiefernheide beginnt, die uns,
ziemlich ununterbrochen, bis an den Ort unserer Bestimmung führt. Noch
ein weiter freier Platz, der nach links hin einen Blick auf den See und
das Dörfchen Tegel gestattet, dann eine Wassermühle, hübsch, wie alle
Wassermühlen, und eine Ahorn- und Ulmenallee liegt südlich vor uns, an
deren entgegengesetztem Ende wir bereits die hellen Wände von _Schloß_
Tegel schimmern sehen.
* * * * *
Schloß Tegel, ursprünglich ein Jagdschloß des Großen Kurfürsten, kam,
wenige Jahre nach dem Hubertusburger Frieden, in Besitz der Familie
Humboldt. Alexander Georg von Humboldt, einem adeligen pommerschen
Geschlechte angehörig, das im Fürstentum Kammin und im Neustettiner
Kreise seine Besitzungen hatte, brachte es im Jahre 1765 durch Kauf
an sich.[22] 1767 wurde _Wilhelm_, 1769 _Alexander_ von Humboldt
geboren, aber nicht in Tegel, sondern in Berlin, wo der Vater aller
Wahrscheinlichkeit nach in Garnison stand. Nach dem Tode der Eltern
wurde Schloß und Rittergut Tegel gemeinschaftliches Eigentum der beiden
Brüder und blieb es, bis es im Jahre 1802 in den alleinigen Besitz
Wilhelms von Humboldt, der damals Gesandter in Rom war, überging.
Alexander von Humboldt hat sich immer nur besuchsweise in Schloß
Tegel aufgehalten, und die historische Bedeutung des Orts wurzelt
überwiegend in der vieljährigen Anwesenheit _Wilhelms_ von Humboldt
daselbst, der die letzten fünfzehn Jahre seines Lebens (von 1820 bis
1835), zurückgezogen von Hof und Politik, aber in immer wachsender
Vertrautheit mit der Muse und den Wissenschaften, auf dieser seiner
Besitzung zubrachte.
Die Kunstschätze, die Schloß Tegel bis diesen Augenblick umschließt,
gehören, wie ich bei Aufzählung derselben noch weiter hervorheben
werde, nicht unwesentlichen Teils in das Gebiet des Familienporträts.
Wilhelm von Humboldt selbst, seine Gemahlin, seine drei Töchter
(jüngerer, in Rom verstorbener Kinder zu geschweigen) haben alle,
sei es in Stein oder Farbe, eine so mannigfache Darstellung gefunden,
daß es nötig sein wird, behufs besserer Orientierung, dem Leser einen
kurzen Überblick über die Familienverhältnisse Wilhelms von Humboldts
zu geben.
Wilhelm von Humboldt war mit Karoline Friederike von Dacheröden
(geboren am 23. Februar 1766, gestorben am 26. März 1829) vermählt.
Aus dieser Ehe wurden ihm, mit Ausschluß der früh verstorbenen Kinder,
drei Töchter und zwei Söhne geboren. Die beiden Söhne erhielten die
großen oberschlesischen Güter, die Töchter Tegel. Die älteste Tochter,
_Karoline_ von Humboldt, blieb unverheiratet und überlebte ihren Vater
um kaum zwei Jahre. Die zweite Tochter, _Adelheid_ von Humboldt, war
mit dem Generalleutnant von Hedemann vermählt und besaß Schloß Tegel
als väterliches Erbteil von 1835 bis zu ihrem Tode 1856. Nach ihrem
Tode (sie starb kinderlos) ging Tegel nunmehr auf die dritte Schwester,
_Gabriele_ von Humboldt, Witwe des ehemaligen Gesandten in London und
Staatsministers von Bülow, über. Das schöne Gut wird aber nicht im
Besitz ihrer Deszendenz verbleiben, sondern fällt nach dem Ableben
der Frau von Bülow, an die ältere männliche Linie, will sagen an den
Besitzer der schlesischen Herrschaft Ottmachau zurück.
Wir haben inzwischen die Ahorn- und Ulmenallee durchschritten und
stehen nunmehr, rechts einbiegend, unmittelbar vor dem alten Schloß.
Die räumlichen Verhältnisse sind so klein und die hellgelben Wände,
zumal an der Frontseite, von solcher Schmucklosigkeit, daß man dem
Volksmunde recht geben muß, der sich weigert, von „_Schloß Tegel_“ zu
sprechen und diesen Diminutivbau beharrlich „das Schlößchen“ nennt. Man
erkennt deutlich noch die bescheidenen Umrisse des alten Jagdschlosses,
dessen einzig charakteristischer Zug, neben einem größeren Seitenturm,
in zwei erkerartig vorspringenden Türmchen oder Ausbuchtungen bestand.
Diese Erkertürmchen sind dem Neubau, der 1822 unter Schinkels Leitung
begonnen wurde, verblieben, während der große Seitenturm das hübsche
Motiv zur Restaurierung des Ganzen abgegeben hat. An den vier Ecken des
alten Hauses erheben sich jetzt vier Türme von mäßiger Höhe, die derart
eingefügt und unter einander verbunden sind, daß sie im Innern nach
allen Seiten hin die Zimmerreihen erweitern, während sie nach außen
hin dem Ganzen zu einer Stattlichkeit verhelfen, die es bis dahin nicht
besaß.
Wir treten nun ein und befinden uns auf dem niedrigen, aber ziemlich
geräumigen Hausflur, der ganz im Charakter eines Atriums gehalten
ist. Kurze dorische Säulen tragen Decke und Gebälk, eine einfach
gemusterte Steinmosaik füllt den Fußboden und Basreliefs aller Art und
Größe schmücken zu beiden Seiten die Wand. Ziemlich in der Mitte des
Atriums erhebt sich, auf einem Sockel oder Fußgestell, die eigentliche
Sehenswürdigkeit desselben: eine antike, mit bacchischen Reliefs
verzierte Brunnenmündung, die sich vormals in der Kirche St. Calisto
in Trastevere in Rom befand. Der Sage nach soll der heilige Calixtus
in dieser marmornen Brunnenmündung ertränkt worden sein, weshalb das
Wasser, das aus derselben geschöpft wurde, lange Zeit für wundertätig
galt. Wilhelm von Humboldt, während seines langjährigen Aufenthalts
in Rom, brachte dieses interessante Kuriosum käuflich an sich und
schmückte dasselbe mit folgender lateinischer Inschrift: „~Puteal,
sacra bacchica exhibens, idem illud, in quo, ad martyrium patiendum,
circa A. C. C. XXIII, S. Calistus immersus traditur, ex ejusdem S.
Calisti aede Romana Transtiberina emptionis jure huc devectum.~“ (Also
etwa: Diese Brunnenmündung, einen Bacchuszug auf ihrer Außenseite
darstellend, ist dieselbe, in welcher, einer Sage nach, der heilige
Calixtus ertränkt wurde und das Martyrium erduldete, etwa 223 nach
Christus. In der Kirche des heiligen Calixtus zu Trastevere bei Rom
käuflich erstanden, wurde sie (die Brunnenmündung) hierher gebracht.)
Zu beiden Seiten des Atriums befinden sich verschiedene Räumlichkeiten,
die alle ohne Bedeutung sind, mit Ausnahme des nach rechts hin
gelegenen Studierzimmers Wilhelms von Humboldt. Vieles darin erinnert
noch an seinen ehemaligen Bewohner, der hier die reifsten seiner
Arbeiten überdachte und niederschrieb. Hier entstanden, seiner
Familie selbst ein Geheimnis und nach seinem Tode erst aufgefunden,
jene Sonette, die Alexander von Humboldt gewiß mit Recht „die
Selbstbiographie, die Charakteristik des teuren Bruders“ genannt
hat. Hier traten in mitternächtiger Stunde jene stillen Klagen
und Bekenntnisse ans Licht, zu deren sorglicher Konzipierung und
Gestaltung ihm die Arbeit des Tages keine Muße gegönnt hätte; hier
schrieb er in Dankbarkeit gegen die Stille und Verschwiegenheit der
Nacht:
Das Leben ist an Möglichkeit gebunden,
Und ihre Grenzen sind oft eng gezogen;
Der Freude Maß wird spärlich zugewogen,
Des Leidens Knäuel langsam abgewunden.
Allein der Mitternacht geheime Stunden
Sind günstiger dem Sterblichen gewogen;
Wer um des Tages Glück sich fühlt betrogen,
Der heilt im süßen Traum des Wachens Wunden;
stille, durch poetische Innigkeit ausgezeichnete Bekenntnisse, an denen
sich glücklicherweise die bescheidene Hoffnung des Dichters:
Vielleicht geschieht's, daß freundliches Gefallen
Vom Untergange kleine Anzahl rette,
und nicht die Resignation der zwei folgenden Zeilen erfüllt hat:
Sonst in des Zeitenstromes breitem Bette
Ist ihr natürlich Los, schnell zu verhallen.
In der Nähe der Fensterwand steht der Schreibtisch, kein elegantes
Tischchen, sondern ein schwerer, massiver Bau aus Mahagoniholz,
ersichtlich „ein Krieger für den Werkeltag“. Auf ihm und zwar in
der Mitte desselben, erhebt sich eine antike Doppelherme, rechts
daneben ein Torso, links aber die berühmte, vom Maler Asmus Carstens
herrührende Statuette einer Parze, die am Sockel die Namensinschrift
des Künstlers und die Jahreszahl 1795 trägt. An der gegenüber liegenden
Wand, so daß das Auge des Schreibers, so oft er aufblickte, darauf
fallen mußte, befinden sich die Statuen der kapitolinischen Venus
und der Venus von Milo, zwischen beiden ein Panorama von Rom und die
Konstantinsschlacht, nach dem berühmten Raphaelischen Bilde. Die
Gesamtheit der in diesem Zimmer vorhandenen Kunstschätze aufzählen
zu wollen, hieße den Leser ermüden; nur einer Kreidezeichnung
Thorwaldsens, „Bacchus, welcher dem Amor zu trinken gibt“, sei noch,
ihrer besonderen Lieblichkeit und Grazie halber, erwähnt.
Von den Bildern und Statuen hinweg treten wir jetzt an die Glas-
und Bücherschränke heran, die ihrem Inhalte nach, wenigstens
teilweise, der Humboldtschen Zeit angehören und uns somit Gelegenheit
geben, einen Einblick in die privateren Studien, selbst in die
Unterhaltungslektüre des Gelehrten zu tun. Da haben wir Byrons ~Life
and works~ in siebzehn und Adam Smiths „~Wealth of Nations~“ in drei
Bänden; Loudons ~Encyclopaedia of Gardening~ und Cooks Reisen um die
Welt; Schleiermachers Predigten in acht und die Schriften der Rahel
in drei Bänden; Voltaire und Rousseau in zusammen vierundsiebzig
Halbfranzbänden friedlich neben einander; Goethe in einer Ausgabe
von 1817; Bulwers Eugen Aram und Rienzi in großem Originalformat und
Adelungs Wörterbuch in vier mächtigen Schweinslederbänden. Bescheiden
in einer Ecke lehnen zwei der berühmtesten Werke Wilhelms von Humboldt
selbst und führen, in Goldbuchstaben auf Dunkelblau, ihre wohlbekannten
Titel: „Über die Kawi-Sprache auf der Insel Java“ und „Über die
Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaus“.
Neben dem Arbeitszimmer befindet sich das ehemalige Schlafkabinett
Wilhelms von Humboldt, in dem er am 8. April 1835 starb. Der überaus
kleine Raum ist gegenwärtig unbenutzt und dient nur zur Aufstellung
zweier weiblicher Torsen aus parischem Marmor, die zur Zeit des
ägyptischen Feldzugs (1799) durch einen französischen Offizier von
Athen nach Rom gebracht und an den Kunsthändler Antonini daselbst
verkauft wurden. Von diesem erstand sie Wilhelm von Humboldt. Nach
dem einmütigen Urteil aller Sachverständigen gehören diese Torsen zu
dem Schönsten, was wir an weiblichen Körpern von griechischer Kunst
besitzen. Professor Waagen ist der Meinung, daß beide einer Gruppe von
Grazien angehören, deren dritten Torso er in der Skulpturensammlung des
Herrn Blundell Weld in der Nähe von Liverpool entdeckt zu haben glaubt.
Wir verlassen nun die unteren Räume und steigen vom Atrium aus
treppauf, um den oberen Zimmern unsern Besuch zu machen. Die Treppe
selbst indes, vor allem die Art und Weise, wie Schinkel, der auch hier
den Umbau leitete, alle entgegenstehenden Schwierigkeiten glücklich
überwunden hat, fesselt uns noch auf Augenblicke. Die Enge des Raums
schrieb ihm Verhältnisse vor, die etwas Kleines und Puppenstubenhaftes
nicht vermeiden konnten, und doch glückte es ihm, durch Wölbungen
hier, durch Mauereinschnitte dort, dem Ganzen den Eindruck einer
lichthellen Heiterkeit zu leihen und endlich durch Farbe und Ornamentik
diesen Eindruck bis zum Schönen und Gefälligen zu steigern. Die
einzelnen Decken und Rundbögen, deren Dimensionen mehr an das _Modell_
eines Hauses als an ein wirkliches Haus erinnern, sind mit Sternchen
auf dunkelblauem Grunde geschmückt und zwei in die Wandfläche des
Treppenabsatzes gemalte Kandelaber (es war kein Raum da, um wirkliche
aufzustellen) gelten für Meisterstücke guten Geschmacks und korrekter
Zeichnung.
Die oberen Räume, ein Empfangszimmer, ein Saal, ein Wohnzimmer und
zwei Turmgemächer, bilden ein völliges Museum und sind zu reich
ausgestattet mit Kunstschätzen und Sehenswürdigkeiten aller Art, als
daß mehr wie eine bloße Aufzählung des Vorhandenen an dieser Stelle
gestattet sein könnte. Und selbst diese Aufzählung werde ich auf die
Hauptsehenswürdigkeiten, d. h. also auf Originalwerke zu beschränken
haben. Es sind das, soweit die Plastik in Betracht kommt, neben Werken
der Antike, Arbeiten von Thorwaldsen, Rauch und Friedrich Tieck. Aus
der Reihe der Maler aber begegnen wir: Gottlieb Schick, Karl Philipp
Fohr, Karl Steuben und Wilhelm Wach.
* * * * *
_Antiken._ Die Statue der Nymphe Anchyrrhoe mit einem Wassergefäß,
gefunden vor Ponte Molle bei der Osteria la Finocchia. Ihren Namen
(Anchyrrhoe) hat diese Statue nach einer Bezeichnung, welche Ennio
Quirino Visconti auf einem andern, lebensgroßen, jetzt im Louvre
befindlichen Exemplar derselben Statue, von übrigens viel geringerer
Arbeit gefunden hat. _Diese_ Statue hingegen zeichnet sich ebenso sehr
durch das graziöse Motiv, wie durch die vortreffliche Arbeit aus.
Die Statuette einer tanzenden Bacchantin mit dem Thyrsus (der Kopf
modern). -- Das Fragment einer antiken Sarkophagskulptur, welche den
Raub der Proserpina darstellt. -- Der thronende Jupiter, ein Relief aus
dem Palast Rondinini. -- Vulkan, ein Relief, ebendaher. Ein Rund, auf
dessen einer Seite sich der Kopf des Jupiter Ammon, auf der andern
eine opfernde Bacchantin befindet. -- Die antike Statue des Bacchus
aus pentelischem Marmor. Der Kopf, nach Angaben von Rauch, ergänzt. --
Die drei Parzen, ein antikes Basrelief in Marmor. Dieses Relief ist
besonders durch die Art der Auffassung merkwürdig. Die sitzende Klotho
spinnt, und die in der Mitte stehende Atropos schneidet den Lebensfaden
ab; die Lachesis aber steht an einem Globus und bezeichnet an demselben
das menschliche Geschick.
Hieran schließen sich, bevor wir zu den Arbeiten neuer Meister
übergehen, jene wertvollen, wenigstens zum Teil der Antike angehörigen
Geschenke, die vonseiten Pius VII., als Zeichen des Dankes für
wichtige, auf dem Wiener Kongreß und später in Paris ihm geleistete
Dienste, an Wilhelm von Humboldt überreicht wurden. Diese Geschenke
sind folgende: Eine Säule von orientalischem Granit, die eine moderne
Kopie, in grünem Porphyr, von dem berühmten Kopfe der Medusa aus
dem Hause Rondinini trägt, deren Original sich in der Glyptothek zu
München befindet. -- Zwei andere Säulen aus ~rosso antico~ von großer
Schönheit, die zwei zierliche Vasen aus jener Marmorart tragen, die den
Namen ~giallo antico~ führt. -- Alle drei Säulen tragen, aufgehängt an
einem Kettchen, das in Erz gegossene und vergoldete Wappen Pius VII.
Es besteht aus drei Feldern, in deren größerem sich das päpstliche
Doppelkreuz und die Inschrift ~Pax~ befindet, während die zwei
kleineren Felder drei Sternchen und drei Köpfe zeigen. Über jedem
einzelnen Wappen kreuzen sich die Schlüssel Petri. Diese wertvollen
Geschenke wurden an Wilhelm von Humboldt mit folgendem Schreiben
überreicht:
„An den Herrn Baron von Humboldt der Papst Pius VII.
Der so nachdrückliche Beistand, welchen Sie dem Ritter Canova[23] zu
dem glücklichen Ausgang seines Auftrags haben angedeihen lassen, hat
Uns nicht überrascht, denn da Wir Sie zur Genüge kennen, versahen Wir
Uns mit Gewißheit, daß Sie sich der Sache Roms und Unserer Person mit
Nachdruck annehmen würden. Nichtsdestoweniger fühlen Wir uns, nachdem
Wir vernommen, wie viel Sie zu der Rückkehr der antiken Denkmale,
Handschriften und anderer kostbaren Gegenstände beigetragen haben,
verpflichtet, Ihnen in eigener Person Unsern Dank zu erkennen zu geben.
Rom hatte sicherlich Ursache Sie nicht zu vergessen, der Sie sich,
während Ihres Aufenthalts daselbst, so viel Liebe und Achtung erworben,
es wird aber fortan noch einen andern gewichtigen Grund haben, Ihrer
als des wohlverdienten Freundes des Sitzes der schönen Künste zu
gedenken.
Wir werden Ihnen ein dankbares Andenken für dasjenige bewahren, was Sie
in dieser bedeutenden Angelegenheit gewirkt haben, wie Wir Ihnen ein
Gleiches für alles dasjenige bewahren, welches Sie zu Unserm Frommen in
Wien getan, wie der Cardinal Consalvi Uns berichtet hat.
Wir werden mit der größten Freude jede Gelegenheit ergreifen, um Ihnen
Unser besonderes Wohlwollen und Unsere Achtung zu bezeugen, und werden
den Höchsten bitten, daß es ihm gefallen möge, über Sie seine Gaben
und seine himmlische Erleuchtung in Fülle auszugießen und Ihnen die
vollkommenste Glückseligkeit zu bescheren.
Gegeben in Castel Gandolfo, den 26. Oktober 1815, im 16. Jahre Unseres
Pontificats.