Der Tod König Friedrichs I. traf keinen Punkt des Landes härter als
Oranienburg; bis dahin ein Lieblingssitz, wurde es jetzt von der Liste
der Residenzen so gut wie gestrichen. Dem Soldatenkönige, dessen Sinn
auf andere Dinge gerichtet war als auf Springbrunnen und künstliche
Grotten, genügte es nicht, die Schöpfung seines Vaters sich selbst zu
überlassen, er griff auch festen und praktischen Sinnes ein, um die in
seinen Augen halb nutzlose, halb kostspielige Hinterlassenschaft nach
Möglichkeit zu verwerten. Bauten wurden abgebrochen und die Materialien
verkauft; die Fasanerie, das Einzige, woran er als Jäger ein Interesse
hatte, kam nach Potsdam; die 1029 Stück eiserne Röhren aber, die der
Wasserkunst im Schlosse das Wasser zugeführt hatten, wurden auf neun
Oderkähnen nach Stettin geschafft.
Schloß und Park verwilderten. Wie das Schloß im Märchen, eingesponnen
in undurchdringliches Grün, lag Oranienburg da, als einunddreißig Jahre
nach dem Tode des ersten Königs sein Name wieder genannt wurde. Im
Jahre 1744 war es, wo Friedrich II. in betreff seiner Brüder allerhand
Ernennungen und Entscheidungen traf. Prinz Heinrich erhielt Rheinsberg,
Prinz Ferdinand das Palais und den Garten in Neu-Ruppin, der älteste
Bruder August Wilhelm aber, unter gleichzeitiger Erhebung zum Prinzen
von Preußen, wurde mit Schloß Oranienburg belehnt.
Über die baulichen Veränderungen, die in diese Epoche von 1744 bis 1758
fallen, wissen wir nichts, mutmaßlich waren sie allergeringfügigster
Natur, aber einzelne Berichte von Bielefeld und namentlich von Pöllnitz
sind auf uns gekommen, die uns zum erstenmal Gelegenheit geben, die
bis hierher nur äußerlich beschriebenen Prachträume auch mit Gestalten
und Szenen zu beleben. Der Prinz bewohnte nur einen einzigen Flügel,
also ungefähr den fünften Teil des Schlosses, aber die entsprechenden
Zimmer genügten vollständig, zumal zur Sommerzeit, wo der Park mit
seinen Laubgängen aushelfen konnte. Bielefeld entwirft von diesem
Park folgende ansprechende Schilderung: „Den großen, nach Le Nôtres
Plan angelegten Garten fand ich, durch die Verwilderung, zu der die
lange Zeit von 1713 bis 1744 vollauf Gelegenheit gegeben hatte,
wunderbarerweise verschönt. Die seit 1713 nicht mehr verschnittenen
Buchenhecken haben sich verwachsen und verschlungen und bilden einen
Gang, der so dicht jetzt ist, daß weder Sonne noch Wind hindurchdringen
kann. In der größten Mittagshitze gewährt er Kühlung und Schatten
und abends speist man darin, ohne daß die Luft die Kerzen auslöscht.
Ein geschickter Gärtner, der die Verwilderung benutzte, hat viele
geschmackvolle Gartenhäuser aus der Erde wachsen lassen.“ Diese
Schilderung paßt noch heute; nur die Gartenhäuser sind seitdem wieder
verschwunden.
Prinz August Wilhelm lebte nur zeitweilig in Oranienburg; sein Regiment
stand zu Spandau in Garnison und die Pflichten des Dienstes fesselten
ihn an den Standort desselben. Aber die Sommermonate führten ihn oft
und so lange wie möglich nach dem benachbarten, durch Stille und
Schönheit einladenden Oranienburg, und hier war es auch, wo er im
April 1745 den Besuch seiner Mutter, der verwitweten Königin Sophie
Dorothee, empfing. Über diesen Besuch liegt uns die Schilderung eines
Augenzeugen vor -- unverkennbar Pöllnitz selber, wenn sein Name auch
nicht ausdrücklich genannt ist.
„Am 14. April“, so heißt es darin, „brach die Königin Mutter von Berlin
auf und traf am Nachmittag desselben Tages in Oranienburg ein. Ihr
Hofstaat folgte ihr in einer langen Reihe von Karossen, wohl dreißig
an der Zahl. Die Prinzessin Amalie saß im Wagen der Königin. Sobald
dem Prinzen August Wilhelm das Herannahen des Zuges gemeldet war,
eilte er die große Allee hinauf, dem Zuge entgegen, sprang angesichts
des Wagens der Königin Mutter vom Pferde und begrüßte sie, indem er
entblößten Hauptes an den Schlag des Wagens trat. Dann schwang er sich
rasch wieder in den Sattel und eilte dem Zuge in gestrecktem Galopp
vorauf, um vor dem Eingang des Schlosses die Honneurs wiederholen
zu können. Ihm zur Seite standen seine Gemahlin, die Prinzessin von
Preußen, (eine geborene Prinzessin von Braunschweig), die Prinzen
Heinrich und Ferdinand, außerdem die Hofdamen von Wollden, von Henckel,
von Wartensleben, von Kamecke, von Hacke, von Pannewitz und von
Kannenberg. Die Königin umarmte ihre Söhne aufs zärtlichste, begrüßte
die Umstehenden und wurde dann die große Treppe hinauf in das für
sie bestimmte Schlafgemach geführt, dasselbe, das König Friedrich
I. bei seinen Besuchen in Schloß Oranienburg zu bewohnen pflegte.
Die Königin fand in diesem Zimmer ein Staatsbett von rotem Damast
vor, eben so einen Fauteuil, einen Ofenschirm und vier Taburetts von
demselben Stoff und derselben Farbe. Bald, nachdem die hohe Frau sich
eingerichtet und an dem Anblick von Park und Landschaft erfreut hatte,
erschien der Prinz, um ihr drei schöne Figuren von Dresdner Porzellan
zu überreichen, an denen die Königin Mutter, wie der Prinz wußte, eine
besondere Freude zu haben pflegte. Aber die Königin Mutter war es nicht
allein, an die sich die Aufmerksamkeit dieses liebenswürdigen Prinzen
richteten, auch Baron von Pöllnitz wurde einer ähnlichen Aufmerksamkeit
gewürdigt. Seine Königliche Hoheit kannten sehr wohl die Vorliebe des
alten Barons (von Pöllnitz) für alle Antiquitäten und Kuriositäten
aus der Zeit König Friedrichs I. her, der ihm immer ein guter und
gnädiger Herr gewesen war, und eingedenk dieser Vorliebe, überreichten
Seine Königliche Hoheit dem alten Baron eine reich mit Gold gestickte
Morgenmütze und ein Paar Pantoffeln, deren sich König Friedrich I.
bei seinen Besuchen in Oranienburg zu bedienen pflegte, und die nun
seit über zweiunddreißig Jahren unbeachtet und ungewürdigt in einer
halbvergessenen Truhe gesteckt hatten. Nach Sonnenuntergang folgten
Promenaden in den Park; dann wurden Spieltische arrangiert, bis gegen
zehn die willkommene Nachricht, daß das Souper angerichtet sei, das
Spiel unterbrach. Welche Feinheiten und Überraschungen aus dem Bereich
der Küche, welche hochqualifizierten Weine, welch' Frohsinn, welche
Heiterkeit der Gäste! Und doch zuletzt vollzog sich das Unvermeidliche,
was schon König Dagobert seinerzeit bitter beklagt hat, daß auch die
beste Gesellschaft ihr Ende habe und sich trennen müsse.
Das war am 14. April. Früh am andern Morgen und früher fast als uns
lieb war, weckten uns ungewohnte Klänge; der Hirt trieb seine Herde,
am Schloß vorbei, auf die frischen Felder hinaus. Den Beschluß machte
ein Stier von so extraeleganter Schönheit, daß er kein anderer als der
wohlbekannte glückliche Liebhaber der Jungfrau Europa sein konnte, ja
die Art, wie er sich trug, dazu die Kraft seiner Brusttöne, schienen
andeuten zu wollen, daß er ein Erscheinen unserer Damen an den
verschiedenen Fenstern des Schlosses erwartet habe. Aber er sah sich
getäuscht, unsere Damen, die die Geschichte gelesen haben mochten,
fürchteten sich und hielten sich zurück, um sich und ihre Reize nicht
ähnlichen Gefahren auszusetzen. Wie dem immer sei, der Morgenschlummer
war gestört und an die Stelle des Schlafs, der nicht wieder kommen
wollte, traten Promenaden in leichtem, flatterndem Morgenkostüm und,
nach eingenommenem Frühstück, die gegenseitigen Besuche. Die Prinzessin
Amalie empfing die Huldigungen, die ihrer Schönheit dargebracht
wurden; sie trug ein Korsett von schwarzem Atlas, das mit weißer Seide
gesteppt war, und darunter ein silber-gesticktes Kleid, mit natürlichen
Blumen aufgenommen. In diesem Kostüm stand sie da und übte sich im
Flötenspiel: Euterpe selbst hätte sie beneiden können.
Nach Tisch empfing die Königin Mutter alle anwesenden Damen in
ihrem Bettzimmer; diejenigen, die eine Handarbeit dem Kartenspiel
vorzogen, setzten sich auf Taburetts um die Königin her, während
Baron Pöllnitz seinen Platz als Vorleser einnahm und in der Lektüre
von „La Manche oder die Abenteuer des Mr. Bigaud“ fortfuhr. Die
Königin folgte der Vorlesung und zog Goldfäden aus (~se mit à effiler
de l'or~). Den Beschluß des Tages machte ein Ball in dem hell
erleuchteten Tanzsaal, woran sich ein Souper in dem Staatszimmer, am
Ausgange der Porzellan-Galerie anschloß. Als die Königin eben in das
Staatszimmer eintrat, bemerkte sie durch die hohen, gegenübergelegenen
Fensterflügel, wie es plötzlich, inmitten des dunklen Parks, wie ein
Flammenbaum aus der Erde wuchs. Immer deutlicher gestaltete sich
das Bild, bis es endlich wie ein feuriger Laubengang dastand, der
an höchster Stelle eine Krone und darunter die Worte: ‚Vivat Sophia
Dorothea‘ trug.“
So lebte man 1745 in Oranienburg. Sechs Wochen später wurde die
Schlacht bei Hohenfriedberg geschlagen, an welcher Prinz August
Wilhelm, der eben noch Zeit zu Geplauder und Feuerwerk gehabt hatte,
einen rühmlichen Anteil nahm.
Die Beziehungen der drei jüngern Prinzen: August Wilhelm, Heinrich und
Ferdinand, zu ihrem älteren Bruder, dem Könige, waren damals noch kaum
getrübt. Es ist wahr, sie lebten, zumal wenn sie in Potsdam, also in
unmittelbarer Nähe Friedrichs waren, unter einem gewissen Drucke, aber
man fand diesen Druck gleichsam in der Ordnung; er war der älteste, der
begabteste und -- der König. Dabei ließ er es seinerseits, um strengen
Forderungen ein Gegengewicht zu geben, an Huldigungen nicht fehlen
und besonders war es der Prinz von Preußen, für den er die zartesten
Aufmerksamkeiten hatte. Er widmete ihm sein großes Gedicht „die
Kriegskunst“, er widmete ihm ferner „die Geschichte seines Hauses“ und
sprach es in der meisterhaften Einleitung dieses Werkes vor der ganzen
Welt und vor der Zukunft aus, _warum_ er diesen seinen Bruder, der ihn
einst beerben solle, _als Freund und Fürsten besonders liebe_. „Die
Milde, die Humanität Ihres Charakters ist es, die ich so hoch schätze;
ein Herz, das der Freundschaft offen ist, ist über niedern Ehrgeiz
erhaben; Sie kennen kein anderes Gebot, als das der Gerechtigkeit, und
keinen andern Willen, als den Wunsch, die Hochschätzung der Weisen zu
verdienen.“
So war das Verhältnis zwischen den beiden Brüdern, als die schweren
Tage, die dem Unglückstage von Kollin folgten, diesem schönen
Einvernehmen plötzlich ein Ziel setzten. Prinz August Wilhelm erhielt
bekanntlich den Oberbefehl über diejenigen Truppen, die ihren Rückzug
nach der Lausitz nehmen sollten; Winterfeldt wurde ihm beigegeben.
Die Sachen gingen schlecht und bei endlicher Wiederbegegnung der
beiden Brüder fand jene furchtbare Szene statt, die Graf Schwerin,
der Adjutant Winterfeldts, mit folgenden Worten beschrieben hat: „Ein
Parolekreis wurde geschlossen, in dem der Prinz und alle seine Generale
standen. Nicht der König trat in den Kreis, sondern _Winterfeldt statt
seiner_. Im _Auftrage_ des Königs mußte er sagen: ‚Sie hätten Alle
verdient, daß über Ihr Betragen ein Kriegsrat gehalten würde, wo sie
dann dem Spruch nicht entgehen könnten, die Köpfe zu verlieren; indes
wolle der König es nicht so weit treiben, weil er im General auch den
Bruder nicht vergesse.‘ Der König stand unweit des Kreises,“ so fährt
Graf Schwerin fort, „und horchte, ob Winterfeldt sich auch strikte
der ihm anbefohlenen Ausdrücke bediene. _Winterfeldt tat es, aber mit
Schaudern_, und er konnte den Eindruck seiner Worte sogleich sehen,
denn der Prinz trat augenblicklich aus dem Kreise und ritt, ohne den
König zu sprechen nach Bautzen.“
Im Spätherbst desselben Jahres finden wir den Prinzen wieder in
_Oranienburg_, an selbiger Stelle, wo er uns zuerst als liebenswürdiger
und aufmerksamer Sohn und geübt in der Kunst sinniger Überraschungen
entgegentrat. Aber wir finden ihn jetzt in Einsamkeit und gebrochenen
Herzens. Ob er sich in seiner Liebe zum König oder in seiner eignen
Ehre schwerer getroffen fühlte, ist schwer zu sagen. Gleichviel,
unheilbare Krankheit hatte sich seiner bemächtigt und er litt an Leib
und Seele. Über die letzten Momente seines Lebens ist nichts Bestimmtes
aufgezeichnet, doch verdanke ich den Mitteilungen einer Dame, die noch
den Hof des Prinzen Heinrich und diesen selbst gekannt hat, allerlei
Züge und Andeutungen, aus denen genugsam erhellt, daß der Ausgang so
erschütternd wie möglich war. Die Gemütskrankheit hatte schließlich die
Form eines nervösen Fiebers angenommen und die Bilder von Personen und
Szenen, die seine Seele seit jenem Unglückstage nicht los geworden war,
traten jetzt aus seiner Seele heraus, nahmen Gestalt an und stellten
sich wie faßbar und leibhaftig an sein Lager. Den Schatten Winterfeldts
rief er an, und als sich die Gestalt nicht bannen ließ, sprang er auf,
um vor dem Gehaßten und Gefürchteten zu fliehen. Das waren die letzten
Momente Prinz August Wilhelms; er starb im Fieber, am 12. Juni 1758,
im Schlosse zu Oranienburg. Der König war bei der Nachricht von seinem
Tode tiefgebeugt; im Volke hieß es, er sei vor Gram gestorben. 1790
errichtete ihm sein jüngerer Bruder Heinrich den oft beschriebenen
Obelisken, gegenüber dem Rheinsberger Schloß, nachdem die sterblichen
Überreste des Prinzen schon früher im Rheinsberger Parke beigesetzt
worden waren. Dieser Punkt ist in Dunkel gehüllt, weshalb ich hier
-- damit Eingeweihtere es lichten mögen -- die alte Version und meine
eignen Aufzeichnungen aus dem Rheinsberger Park zusammenstelle.
Prediger Ballhorn in seiner mehrzitierten Geschichte schreibt:
„Seine Leiche wurde zuerst in einem Gewölbe der Oranienburger Kirche
aufbewahrt, dann aber am 10. Juli von seinem Regimente nach Berlin
abgeführt. Prinz Heinrich widmete ihm zu Rheinsberg ein prachtvolles
Monument, _das zugleich die Urne umschließt, in welcher sein Herz
aufbewahrt_ wird.“ Zwei Dinge erschienen hierin unrichtig: erstlich
stand das Regiment des Prinzen von Preußen damals im Felde (Friedrich
der Große schrieb eigens: „der Anblick des prinzlichen Regiments
erneuert mir jedesmal den Schmerz um ihn“) und zweitens befindet sich
die Urne nicht eingeschlossen im Monument, sondern steht frei und offen
an einer ganz andern Stelle des Parks. Diese Stelle, in unmittelbarer
Nähe des „bekannten Theaters im Grünen“ gelegen, zeigt unter einer
Baumgruppe zwei Marmorarbeiten: eine große Urne auf einem Piedestal
und zweitens eine Art Herme, die die trefflich ausgeführte Büste des
Prinzen August Wilhelm trägt. Beide Arbeiten stehen sich, in Entfernung
von etwa sechs Schritt, einander gegenüber. Das Piedestal der Urne
trägt die Inschrift: „_Hic cineres Marmor exhibit_“, und darunter:
„~August Gullielm, Princeps Prussiae Natus Erat IX Die Mens. Aug.
Ann. 1722. Obiit Die XII Mens. Jun. Anno 1758~“. Die Inschrift unter
der Büste aber lautet: „~Hic Venustum Os Viri, veritatis virtutis,
patriae amantissimi~“. (Hier das freundliche Antlitz des Lieblings der
Wahrheit, der Tugend, des Vaterlands.)
Die _erste dieser_ Inschriften: „~Hic cineres Marmor exhibit~“,
also: „diese Urne umschließt seine Asche“, schafft die eigentliche
Streitfrage. Ruht der Prinz August Wilhelm im Dom zu Berlin, oder ruht
er (laut vorstehender Inschrift) im Rheinsberger Park? Vielleicht
müßte die Inschrift lauten: „Diese Urne umschließt die Asche seines
_Herzens_“. Dann hätte Pastor Ballhorn in der Hauptsache Recht, nur
nicht hinsichtlich der _Aufstellung_ der Urne.
* * * * *
An jenem Tage, als der Prinz August Wilhelm aus dem Schloßportal
getragen wurde und fünfzig Bürger dem Sarge folgten, um ihm bis
Havelhausen das Geleit zu geben, an jenem Tage schloß das Leben in
Schloß Oranienburg überhaupt. Auf ein Jahrhundert voll Glanz und
lachender Farben folgte ein anderes voll Öde und Verwahrlosung. Andere
Zeiten kamen; der Geschmack ging andere Wege -- Schloß Oranienburg war
vergessen.
1802 wurde der prächtige alte Bau, dessen zahlreiche Deckengemälde
allein ein bedeutendes, wenn auch freilich totes Kapital
repräsentierten, für zwölftausend Taler mit all und jeglichem Zubehör
verkauft und der Käufer nur zur Herausgabe der eingangs erwähnten
vier Jaspis- und vier Marmorsäulen (im Treppenhause) verpflichtet.
Schloß Oranienburg wurde eine _Kattun-Manufaktur_. Wo die Edeldamen
auf Taburetts von rotem Damast gesessen und der Vorlesung des alten
Pöllnitz getauscht hatten, während die Königin-Mutter Goldfäden aus
alten Brokaten zog, klapperten jetzt die Webstühle und lärmte der
alltägliche Betrieb. Aber noch tristere Tage kamen, Krieg und Feuer,
bis endlich in den zwanziger Jahren ein chemisches Laboratorium, eine
_Schwefelsäure-Fabrik_, hier einzog. Die Schwefeldämpfe ätzten und
beitzten den letzten Rest alter Herrlichkeit hinweg. Ich entsinne mich
der Jahre, wo ich als Kind dieses Weges kam und von Platz und Brücke
aus ängstlich nach dem unheimlichen alten Bau herüberblickte, der,
grau und verkommen, in Qualm und Rauch dalag, wie ein Gefängnis oder
Landarmenhaus, aber nicht wie der Lieblingssitz Friedrichs I.
Nun ist das alte Schloß der Kolben und Retorten wieder los und ledig,
und frisch und neu, beinahe sonntäglich, blickt es drein. Aber es ist
das moderne Allerweltskleid, das es trägt; die Borten und Kanten sind
abgetrennt und der Königsmantel ist ein Bürgerrock geworden. Noch
wenige Wochen und das alte Schloß von ehedem wird neue Gäste empfangen:
wie Schloß Cöpenick ist es bestimmt, als _Schullehrer-Seminar_ in sein
drittes Jahrhundert einzutreten. Sei es. In den neuen Bewohnern wird
wenigstens ein Bewußtsein davon zu wecken sein, welcher Stelle sie
angehören, und, leise berührt von der Macht und dem Zauber historischer
Erinnerungen, werden sie später den Namen und die Geschichte Schloß
Oranienburgs in ihre Berufskreise mit hinübernehmen.
* * * * *
Unter den Linden des Gasthofes, während der Sommerwind die Tropfen von
den Bäumen schüttelte, habe ich dem Leser die Geschichte des alten
Schlosses erzählt, die Bilder aufgerollt seines Glanzes und seines
Verfalls. Die Frage bleibt noch übrig: haben die letzten hundert Jahre
alles zerstört? Haben Krieg und Feuer, Retorte und Siedepfanne von
dem alten Glanze kein Restchen übrig gelassen? Ist Alles hin, bis
auf die letzte Spur? Der Pietät des hohen Herrn, der nun vorm Altar
seiner Friedenskirche in Frieden ruht, der Pietät Friedrich Wilhelms
IV., dem es so oft zum Verbrechen angerechnet wurde, daß er das wahren
wollte, was des Wahrens wert war, diesem hohen Liebessinne, der auf das
_Erhalten_ gerichtet war, haben wir allein es zu danken, daß wir der
aufgeworfenen Frage mit einem „Nein“ entgegentreten können -- es ist
_nicht_ alles hin, es existieren noch Spuren, gerettete Überbleibsel
aus alter Zeit her und ihnen gilt zum Schluß unser Besuch.
Wir verweilen nicht bei zerstreuten Einzelheiten, die da, wo sie
zufällig verloren gingen, auch zufällig aufgelesen und in die Wand
oder den Fußboden, als wär' es ein Relief- oder Mosaikstück, eingelegt
wurden -- wir gehen an diesen Einzelheiten ohne Aufenthalt vorüber
und treten in den nach West und Norden zu gelegenen Hinterflügel
ein, wo wir noch einer zusammenhängenden Zimmerreihe aus der Zeit
König Friedrichs I. begegnen. Daraus, daß das vorzüglichste dieser
Zimmer an den vier Ecken des Plafonds mit eben so vielen Sternen des
_Hosenbandordens_ geschmückt ist, auf dessen Besitz König Friedrich
I. einen ganz besonders hohen Wert legte, würde sich mit einiger
Bestimmtheit ableiten lassen, wann dieser Teil des Schlosses ausgebaut
wurde. Es sind sechs Zimmer, von denen zunächst zwei durch ihre
Ausschmückung unser Interesse in Anspruch nehmen. Sie bilden die beiden
Grenzpunkte der ganzen Reihe, so daß das eine (das kleinere) dem ~corps
de logis~, also dem Mittelpunkte des Schlosses zu gelegen ist, während
das andere am äußersten Ende des Flügels liegt und den Blick ins
Freie auf Fluß und Wiesen hat. Das kleinere Zimmer bildete entweder
einen Teil der seinerzeit viel berühmten und von Touristen jener
Epoche oft beschriebenen Porzellan-Galerie, oder war ein Empfangs- und
Gesellschafts-Zimmer, wo die fürstlichen Personen unter Herzuziehung
ihres Hofstaats den Tee einzunehmen pflegten. Das Decken-Gemälde,
das ich gleich näher beschreiben werde, scheint mit seinen vielen
Porzellangerätschaften für die erstere Annahme zu sprechen; ein
schärferes Eingehen aber macht es beinahe zweifellos, daß es das
_Teezimmer_ war. In der Mitte des Deckenbildes erblicken wir nämlich
eine starke, blühend aussehende Frauensperson mit roten Rosen im Haar;
in ihrer ganzen Erscheinung einer holländischen Teeschenkerin sehr
ähnlich. Mit der linken Hand drückt sie eine blau und weißgemusterte
Teebüchse fest ans Herz, während sie mit der Rechten einen eben so
gemusterten porzellanenen Teetopf einer gleichfalls wohlbeleibten,
blonden, hochrot gekleideten Dame entgegenstreckt. Diese, ihrerseits
durch die Schlange, die sich um ihren weißen Arm ringelt, als Hygieia
charakterisiert, hält der Teeschenkerin einen _Spiegel_ entgegen, als
ob sie ihr zurufen wolle: „erkenne dich selbst und schrick zurück,
wenn du dich als Lügnerin, d. h. deinen Tee als _schlecht und unecht_
erkennst.“
Die Malerei ist vortrefflich, man erkennt durchaus die gute
holländische Schule, und viele unserer Maler werden von Glück sagen
können, wenn ihre Deckengemälde sich nach 150 Jahren und länger in
ähnlich guter Weise präsentieren. Auch die diesen Bildern zu Grunde
liegenden Ideen, denen es an Humor und Selbstpersiflage nicht fehlt,
sind leichter zu verspotten, als besser zu machen. Es sind doch
immerhin Ideen, mit denen total gebrochen zu haben, wir häufig zur
Unzeit stolz sind.
Das am entgegengesetzten Ende liegende Zimmer ist aller
Wahrscheinlichkeit nach das ehemalige Wohn- und Lieblingszimmer
Friedrichs I., dasselbe, in das, wie ich S. 151 beschrieben habe, am
15. April 1745 die Königin Sophie Dorothea eintrat und am Abend durch
das prächtige Feuerwerk überrascht wurde, das wie eine Flammenlaube
mitten aus dem Dunkel des Parks emporwuchs. Dies Zimmer, das nach drei
Seiten hin Balkone hat, von denen aus man nach Gefallen den Park, das
offene Feld oder den Hofraum überblickt, ist sehr geräumig, dreißig Fuß
im Quadrat, und mit acht marmorierten Säulen derart umstellt, daß sie,
an den vier Wänden entlang, einen deutlich markierten Gang oder Rahmen
bilden, der nun das kleiner gewordene Viereck des Saales umspannt. Der
Zweck dieser Einrichtung ist schwer abzusehen. Vielleicht diente das
Zimmer auch als Tanzsaal und die Tänzer und Tänzerinnen hatten den
inneren Raum für sich, während die plaudernden oder sich ausruhenden
Paare wohlgeborgen unter dem Säulengange standen. Das Wichtigste
ist auch hier das Deckengemälde. Ich schicke zunächst die bloße
Beschreibung vorauf. In der Mitte des Bildes befindet sich eine weiße,
hochbusige Schönheit mit pechschwarzem Haar, welches von Perlenschnüren
durchzogen ist; in der Linken hält sie eine Art Zauberlaterne, in der
Rechten einen kleinen Ölkrug. Allerhand pausbackige Genien halten
Tafelgerät und Kannen empor, andere entschweben mit leeren Schüsseln,
noch andre kommen mit Teegeschirr herbei und gießen den Tee in kleine
Schälchen. Diese Szenen füllen zwei Drittel des Bildes. Links in der
Ecke hält Apoll mit seinen Sonnenrossen, vor ihm her schwebt bereits
Aurora, das Haupt des Sonnengottes selbst strahlt aber nicht, sondern
ist noch von einer dunklen Scheibe umhüllt. Es ist nun allerdings
fraglich, ob das Schwinden des Tages und das volle Platzgreifen
von Abend und Nacht, oder umgekehrt, das Schwinden der bis dahin
herrschenden Nacht vor dem hereinbrechenden Tage angedeutet sein soll.
Das letztere ist aber das wahrscheinlichere.
Neben diesem Staatszimmer, demselben, das den Stern des Hosenbandordens
in seinen vier Ecken zeigt, befindet sich ein sehr kleines Gemach,
nicht viel größer als ein altmodisches Himmelbett. Dies ist das
Sterbezimmer des Prinzen _August Wilhelm_. Die Wände sind schmucklos,
ebenso die Decke, nur an der Hohlkante zwischen beiden zieht sich eine
schmale Borte von _schwarzem_ Holz entlang. Sie ist wie ein Trauerrand,
der dieses Zimmer einfaßt, und mahnt deutlich an die letzten, in Dunkel
gehüllten Stunden eines liebenswürdigen und unglücklichen Prinzen.
Aus diesem engen Raume, der so trübe Bilder weckt, treten wir, da die
übrigen Zimmer unserer Betrachtung nichts mehr bieten, wieder in den
Korridor und über den noch immer imposanten Vorflur endlich ins Freie
hinaus.
Der Ball der untergehenden Sonne hängt am Horizont, leise Schleier
liegen über dem Park, und die Abendkühle weht von Fluß und Wiesen her
zu uns herüber. Wir sitzen wieder auf der Treppe des Gasthofs und
blicken durch die Umrahmung der Bäume in das Bild abendlichen Friedens
hinein. Musikanten ziehen eben am Hause vorüber, auf die Havelbrücke
zu und in die Vorstadt hinein; hinter den Musikanten allerlei Volk.
Was ist es? „Das Theater fängt an; die Stadtkapelle macht sich auf den
Weg, um mit dabei zu sein“. Und wir lesen erst jetzt den Theaterzettel,
der, in gleicher Höhe mit uns, an einen der Baumstämme geklebt ist.
„Das Testament des Großen Kurfürsten, Schauspiel in fünf Aufzügen“.
Wir lieben das Stück, aber wir kennen es, und während die Sonne hinter
Schloß und Park versinkt, ziehen wir es vor, in Bilder und Träume
gewiegt, auf „_Schloß Oranienburg_“ zu blicken, eine jener _wirklichen_
Schaubühnen, auf der die Gestalten jenes Stücke mit ihrem Haß und ihrer
Liebe heimisch waren.