Schloß Oranienburg war, wie wir es geschildert haben, ein Bau von
mäßigen Dimensionen (nur fünf Fenster breit), als 1688, nach dem Tode
des Großen Kurfürsten, der prachtliebende Friedrich III. zur Regierung
kam. Es war eine Zeit für die bildenden Künste in unserem Lande,
wie vielleicht keine zweite,[21] zumal wenn man die verhältnismäßig
bescheidenen Mittel in Anschlag bringt, die dem fürstlichen Bauherrn
zur Verfügung standen. Schloß Köpenick, wo der Kurfürst die letzten
Jahre vor seiner Thronbesteigung zugebracht hatte, wurde zuerst
beendet; dann folgte mit einer Munifizenz, die noch weit über das
hinausging, was in Köpenick geleistet worden war, der Ausbau des
Oranienburger Schlosses. Ob der Kurfürst damals die Absicht hatte,
das Schloß an der Ober-Havel zu seinem bevorzugten Aufenthalt zu
machen, oder ob er seiner Stiefmutter, der holsteinschen Dorothea,
in nicht mißzuverstehender Weise zeigen wollte, wie heilig, wie wert
ihm die Schöpfung und Hinterlassenschaft seiner _rechten_ Mutter
sei, gleichviel, Schloß Oranienburg wuchs alsbald aus seiner engen
Umgrenzung heraus und ein Prachtbau stieg empor, wie die Marken damals,
mit alleiniger Ausnahme des Schlosses zu Cölln an der Spree, keinen
zweiten aufzuweisen hatten. Von 1688 bis 1704 dauerte der Bau, und
das Schloß nahm im wesentlichen die Gestalt und Dimensionen an, worin
wir es noch jetzt erblicken. An ein reich ornamentiertes Mittelstück
(~corps de logis~) lehnten sich zwei Vorder- und zwei Hinterflügel,
zwischen denen ein nach einer Seite hin geöffneter Hofraum lag. Ganz
wie jetzt. Am Ende jedes der vier Flügel erhob sich ein Pavillon und
das ~corps de logis~ trug zwischen dem Dach und den Fenstern des
dritten Stockes die Frontal-Inschrift: ~A Ludovica princip. Auriac.
matre optima exstruct. et nom. gentis insignit. aedes Friedericus
Tertius Elector in memoriam Parentis piissimae ampliavit, ornavit,
auxit MDCXC~. (Dies von der besten Mutter, der Prinzessin von Oranien,
Luise, gebaute und durch den Namen ihres Geschlechtes ausgezeichnete
Schloß hat der Kurfürst Friedrich III. zum Gedächtnis der frömmsten
Mutter erweitert und geschmückt im Jahre 1690.) Diese Inschrift
existiert noch.
Es kann nicht Zweck dieser Zeilen sein, mit Hilfe noch vorhandener
Aufzeichnungen den Leser durch eine lange Reihe von Prachtzimmern und
Galerien, von Sälen und Porzellan-Kabinetten zu führen, von denen, mit
Ausnahme weniger Zimmer, die ich gegen den Schluß des Aufsatzes hin zu
beschreiben gedenke, auch jede Spur verloren gegangen ist; nur einiges
werde ich hervorzuheben haben, um wenigstens eine Andeutung von dem
Reichtum zu geben, der innerhalb dieser Mauern heimisch war. In dem
Treppenhaus, das fast die halbe Breite des ~corps de logis~ einnahm,
sprang eine Fontaine und trieb den Wasserstrahl bis in das dritte Stock
hinauf; die Treppe selbst aber war unten mit vier Jaspis- und weiter
oben mit vier Marmorsäulen geschmückt. An der gewölbten Decke waren
die vier Laster des Hofes: Gleisnerei, Verleumdung, Neid und Habsucht
dargestellt, wie sie von eben so vielen Engeln aus dem Himmel gestürzt
werden. Deckengemälde, zum Teil ähnlichen symbolischen Inhalts,
zeigen sich in fast allen größeren Sälen. Im Vorzimmer des Königs
befand sich an den Plafond gemalt, wie schon erwähnt, eine _Kopie_
des großen Terwestenschen Bildes, während im sogenannten „Orangesaal“
ein anderes großes Deckengemälde die Verherrlichung des Oranischen
Hauses symbolisch darstellte. In der Mitte desselben erblickte man eine
weibliche Figur mit dem Oranischen Wappen und einem Orange-Bukett im
Haar, während sie zugleich eine Schnur mit Medaillons in Händen hielt,
wodurch die Geschlechtsfolge des Hauses Oranien veranschaulicht werden
sollte. Neid und Verräterei mühen sich, die Schnur zu zerreißen, aber
ein Blitzstrahl aus den Wolken fährt zwischen sie.
In demselben Saale befanden sich die Bildnisse der Fürsten von Oranien
von 1382 ab, daneben aber das Porträt König Friedrichs I. selbst,
mit dem bekannten Distichon als Unterschrift, durch das einst der
Königsberger Dichter Bödecker die Geburt Friedrichs verherrlicht und
seine künftige Königschaft vorhergesagt hatte:
~Nascitur in Regis Friedericus Monte, quid istud?
Praedicunt Musae: Rex Friedericus erit.~
(Königsberg heißt die Geburtsstadt des Prinzen Friedrich; was folgt
draus?
Musen kündet es laut: _König wird Friedrich uns sein_.)
So waren Säle und Treppenhaus. Fast noch prächtiger war die Kapelle:
die Wände waren mit Marmor bekleidet und die Decke mit Kirchenbildern
geziert, während der Altartisch auf vier vergoldeten Adlern ruhte.
Bischof Ursinus hielt hier 1704 die Einweihungsrede. Nun ist alles hin,
alles verweht und zerstoben. Nur Orgel, Kanzel und königliche Loge
existieren noch, sind aber nach Französisch-Buchholz hin verpflanzt
worden und zieren dort die Kirche bis diesen Tag.
So war Schloß Oranienburg in den Tagen, die der oranischen Prinzessin
unmittelbar folgten. Wir fragen weiter, _wie war das Leben in diesen
Räumen?_ Darüber liegen leider wenige Aufzeichnungen vor und wir
müssen auf Umwegen und durch Schlüsse zu einem Resultat zu gelangen
suchen. Daß der Kurfürst häufig hier verweilte, geht weniger aus
der Reichtumsfülle hervor, mit der er das Schloß ausstattete (eine
prächtige Ausstattung verrät noch keine persönliche Teilnahme, keine
Herzensbeziehungen), als aus dem Eifer, mit dem er die Herrschaft
Oranienburg zu erweitern und einige der im Umkreis gelegenen Dörfer
in einen gewissen _Einklang mit dem Schlosse selbst zu bringen
suchte_. Diese sorgliche _Fassung_, die er dem Edelsteine gab, bewies
am besten, wie sehr er an demselben hing. So wurden Grabsdorf und
Lehnitz, Kossebant und Perwenitz, vier in der Nähe befindliche Güter,
angekauft und in Vorwerke oder Koloniedörfer umgewandelt. Grabsdorf
erhielt ein Jagdschloß, das innerhalb seiner schmucklosen Mauern bis
diesen Augenblick noch die eiförmigen Zimmer zeigt, die, nach damaliger
Mode, ihm gegeben wurden. Dabei wurde der Name _Grabsdorf_, der an
unbequeme Dinge erinnern mochte, beiseite getan und in „Friedrichsthal“
umgewandelt, unter welcher Bezeichnung Dorf und Jagdschloß bis diesen
Tag noch vorhanden sind. Auch Kossebant verlor seinen alten Namen
und trat die Erbschaft des vakant gewordenen Namens „Bötzow“ an. Das
_heutige_ Bötzow hat also nichts gemein mit Burg und Stadt Bötzow, die
bis 1650 an Stelle des jetzigen Oranienburg zu finden waren, sondern
ist ein in der Nähe gelegenes Dorf, das bis 1694 den Namen Kossebant
führte.
Diese Neuschöpfungen, mit denen der Kurfürst Schloß Oranienburg
umgab, beweisen genugsam, daß dies Havelschloß, dies Vermächtnis
von der Mutter her, ein bevorzugter Aufenthalt des Kurfürsten
und spätern Königs war, aber auch einzelne Berichte sind uns zur
Hand, die uns, trotz einer gewissen Dürftigkeit der Details, den
Kurfürsten (damals schon König) direkt an dieser Stelle zeigen. „Im
Sommer 1708“, so erzählt Pöllnitz, „rieten die Ärzte dem Könige, das
Karlsbad in Böhmen zu gebrauchen, wohin er sich im Laufe des Sommers
auch wirklich begab.“ Vorher war er in Oranienburg und hatte auf dem
dortigen Schlosse eine Zusammenkunft mit dem regierenden Herzog von
Mecklenburg-Schwerin. Diese Zusammenkunft der beiden Fürsten war
nicht ohne Bedeutung: sie hatte zunächst nur eine Erneuerung und
Bestätigung des alten _Erbfolgevergleichs_ im Auge, der im Jahre 1442,
zu Wittstock, zwischen Friedrich II., dem Eisernen, und den Herzögen
von Mecklenburg, geschlossen worden war, mußte aber natürlich, da
man Gefallen an einander fand, einige Monate später die Schritte
wesentlich erleichtern, die, im November 1708, zu einer _dritten_
Vermählung des Königs, und zwar mit Luisa Dorothee, der Schwester des
regierenden Herzogs von Mecklenburg führten. „Am 24. November“, so
fährt unsere Quelle fort, „traf die neue Königin in _Oranienburg_ ein
und wurde daselbst vom Könige und dem ganzen Hofe empfangen. Nachdem
die Vorstellung aller Prinzen und Prinzessinnen stattgefunden hatte,
verließ man das Schloß und begab sich nach Berlin, wo am 27. desselben
Monats die Königin ihren feierlichen Einzug hielt.“ Der König, trotz
seiner Jahre, war anfänglich von der Königin bezaubert; keine Ahnung
beschlich sein Herz, daß, vier Jahre später, dieselbe Prinzessin
geistesgestört und wie eine Mahnung des Todes an ihn herantreten
werde. Das war im Berliner Schloß, in den Januartagen 1713. Der König,
krank schon, ruhte auf einem Armstuhl und war eben eingeschlummert,
als er sich plötzlich angefaßt und aus dem Schlaf gerüttelt fühlte.
Die geisteskranke Königin, die eine Glastür erbrochen hatte, stand
weißgekleidet und mit blutenden Händen vor ihm. Der König versuchte
sich aufzurichten, aber er sank in seinen Stuhl zurück. „Ich habe
die weiße Frau gesehen.“ Wenige Wochen später hatte sich die alte
Prophezeiung seines Hauses an ihm erfüllt. Nicht zu seinem Glück hatte
die mecklenburgische Prinzessin das Land und, als erste Stufe zum
Thron, die Marmortreppe von _Schloß Oranienburg_ betreten.
[21] Die Zahl der Baumeister, Bildhauer und Maler belief sich damals im
Brandenburgischen auf 143.