Kaum war die Schenkungsurkunde ausgestellt, so begann auch die
Tätigkeit der hohen Frau, die durch den Anblick frischer Wiesen nicht
nur an die Bilder ihrer Heimat erinnert sein, die vor allem auch einen
_Wohlstand_, wie ihn die Niederlande seit lange kannten, hier ins
Dasein rufen und nach Möglichkeit die Wunden heilen wollte, die der
dreißigjährige Krieg diesen schwer geprüften Landesteilen geschlagen
hatte. Kolonisten wurden ins Land gezogen, Häuser gebaut, Vorwerke
angelegt und alle zur Landwirtschaft gehörigen Einzelheiten alsbald
mit Emsigkeit betrieben. Eine Meierei entstand und Gärten und Anlagen
faßten alsbald das Schloß ein, in denen der Gemüsebau, die Baum- und
Blumenzucht ebenso das Interesse der Kurfürstin wie die Arbeit der
Kolonisten in Anspruch nahmen. Sie war eine sehr fromme Frau (ihr Leben
und ihre Lieder zeugen in gleicher Weise dafür), aber ihre Frömmigkeit
war nicht von der bloß beschaulichen Art und neben dem „bete“ stand
ihr das „arbeite“. Mild und wohlwollend, wie sie war, duldete sie doch
keine Nachlässigkeit, und in diesem Sinne schrieb sie z. B. am 27.
April 1657 nach Oranienburg, daß es schimpflich für alle Beamten und
geradezu unverantwortlich sei, daß in allen Gärten nicht so viel Hopfen
gewonnen werde, wie zum Brauen erforderlich, und könne daran nichts als
eine schändliche Faulheit die Schuld sein.
Eine Musterwirtschaft nach holländischem Vorbild sollte hier entstehen,
aber die Hauptaufmerksamkeit der hohen Frau war doch dem Schloßbau, der
Gründung eines Waisenhauses und der Aufführung einer Kirche zugewendet.
Von dem Schloßbau werden wir ausführlicher zu sprechen haben; nur die
Kirche sei schon hier in aller Kürze erwähnt. Mit großer Munifizenz
ausgestattet, war sie nur wenig über hundert Jahre eine Zierde der
Stadt. Im Jahre 1788 brannte sie nieder und nichts blieb übrig oder
wurde aus dem Trümmerhaufen gerettet als ein kleiner Sandstein, der
als einzige Inschrift die Buchstaben trägt: ~L. C. Z. B. G. P. V. O.,
A. MDCLVIII~. (Luise, Kurfürstin zu Brandenburg, geborene Prinzessin
von Oranien 1658.) Diesen Sandstein hat man bei Aufführung des
kümmerlichen Neubaues, der seitdem an die Stelle der alten Kirche
getreten ist, in die Außenwand, nahe dem Eingang, eingefügt. Insoweit
gewiß mit Unrecht, als er nunmehr die irrige Vorstellung weckt, daß
_dieser_ Bau es sei, den die fromme Werktätigkeit der Kurfürstin habe
entstehen lassen.
Waisenhaus und Kirche entstanden unter der christlichen Fürsorge
Luise Henriettens, aber früher als beide entstand ihr Wohnsitz, das
Schloß selber. Die Frage drängt sich uns auf: _wie war dies Schloß?_
Es war, nach allgemeiner Annahme, ein drei Stock hohes, fünf Fenster
breites Gebäude von Würfelform, das nur mittelst eines stattlichen
Frontispizes den Charakter eines Schlosses erhielt. Dies Frontispiz
war drei Fenster breit und vier Stock hoch, so daß es nicht nur das
Hauptstück der ganzen Front bildete, sondern auch den übrigen Teil des
Gebäudes turmartig überragte. Auf dem flachen Dache befand sich ein
mit einer Galerie umgebener Altan, auf dem sich in der Mitte ein hoher
und an jeder der vier Ecken ein kleinerer Turm erhob. Der Schloßhof
war mit einem bedeckten Gange umgeben, auf dessen Plattform zur
Sommerzeit zahlreiche Orangenbäume standen. So war Schloß Oranienburg
in den Jahren, die seiner Gründung unmittelbar folgten. Nichts davon
ist der Gegenwart geblieben, und wir würden, da keine gleichzeitigen
Pläne und Beschreibungen existieren, darauf verzichten müssen, uns
eine Vorstellung von dem damaligen Schlosse zu machen, wenn nicht in
dem Waisenhause ein großes, für die Lokal-Geschichte Oranienburgs
höchst wertvolles Gemälde existierte, das, früher den Prachtzimmern
des Schlosses angehörig, jetzt dazu dient, uns, in Ermangelung jedes
andern Anhaltepunkts, über die Gestalt der damaligen Oranienburg einen
mutmaßlichen, wenn auch freilich immer noch sehr disputablen Aufschluß
zu geben. Dies wandgroße Bild (etwa elf Fuß im Quadrat), von dem sich
eine gleichzeitige Kopie als Plafond-Gemälde in einem der Säle des
Schlosses befand, stellt, unter Benutzung der alten Dido-Sage, die
Gründung Oranienburgs dar.
In der Mitte des Bildes erkennen wir das kurfürstliche Paar, angetan
mit allen Abzeichen seiner Würde. Luise Henriette als _Dido_. Hinter
dem Kurfürsten, den Speer in der Hand, steht der Oberst La Cave,
während die Gräfin von Blumenthal, eine schöne, stattliche Dame, die
Schleppe der Kurfürstin trägt. Weiter zurück, der Gräfin Blumenthal
zunächst, erblicken wir den Oberjägermeister von Hertefeld und einen
von Rochow. Die Angaben fehlen welchen. Alle die Genannten füllen
die linke Seite des Bildes, während zur Rechten des Kurfürsten der
Geheimrat Otto von Schwerin steht, in wenig schmeichelhafter Weise mit
zurückgeschlagenen Hemdsärmeln und im günstigsten Fall in der Rolle
eines behäbigen Gerbermeisters. Er hält eine Kuhhaut mit der Inschrift
~plus outre~, „immer weiter“, in der Linken, während er mit der Rechten
bemüht ist, die Haut in Streifen zu schneiden. Diese Streifen werden
von drei oder vier geschäftigen Dienern zur Absteckung einer weiten,
sich im Hintergrund markierenden Feldfläche benutzt, aus deren Mitte
sich in grauweißer Farbe ein Schloß erhebt, nur skizziert, aber doch
deutlich genug erkennbar, um ein verständliches, anschauliches Bild zu
geben.[20]
Schloß Oranienburg, wie es _jetzt_ vor uns liegt, zeigt nichts mehr
von dem Bau, den ich vorstehend (S. 142) beschrieben habe. Weder
Frontispiz noch Säulengänge, weder Altan noch Türme bieten sich zurzeit
dem Auge dar, und die Umwandlung, die im Laufe von zwei Jahrhunderten
erfolgt ist, ist eine so vollständige gewesen, daß es zweifelhaft
bleibt, ob auch nur eine einzige Außenwand des oranischen Schlosses
stehen geblieben und dem Neubau, der 1688 begann, zugute gekommen
ist. Ein ähnliches Schicksal hat über allem gewaltet, was die fromme
Kurfürstin hier entstehen ließ. Jegliches ging zugrunde, meist durch
Feuer, und existiert nur noch dem _Wort_ und _Wesen_, _aber nicht
mehr seiner ursprünglichen Form nach_. Das Schloß, die Kirche, das
Waisenhaus von damals, und wenn wir von einem, übrigens in seiner
Echtheit ebenfalls anfechtbaren Porträt absehen, so findet sich an Ort
und Stelle nichts mehr, was sich mit Bestimmtheit auf die Zeit der
Oranierin zurückführen ließe. Das ihr seitens der Stadt errichtete
Denkmal, eine Neu-Schöpfung, stammt erst aus dem Jahre 1858. Es ist
ein überlebensgroßes Bildnis in Erz, aus der Hand Wilhelm Wolffs
hervorgegangen, und führt die Inschrift: „Der hohen Wiederbegründerin
dieser Stadt, Louise Henriette, Kurfürstin von Brandenburg, geb.
Prinzessin von Oranien, zum dauernden Gedächtnis die dankbare
Bürgerschaft Oranienburgs.“
Und dieser Dank war Pflicht. Was Luise Henriette schuf, es hat das
Kleid gewechselt, aber die Dinge blieben und der Segen lebt fort.
[20] Pastor Ballhorn, in seiner trefflichen Geschichte Oranienburgs,
hat dieser architektonischen Skizze des großen Bildes eine Beweiskraft
beigelegt, die sie schließlich doch kaum besitzen dürfte. Pastor B.
vermutet, daß das Bild zwischen 1653 und 1654 gemalt worden sei, was
aber unmöglich ist, da der Holländische Maler, Augustin Terwesten,
von dem es herrührt, erst 1649 geboren wurde. Augustin Terwesten
(von 1696 ab Direktor der Akademie der Künste) kam 1690 nach Berlin,
wohin er, vierzig Jahre nach der Gründung Schloß Oranienburgs,
durch Kurfürst Friedrich III. gerufen wurde. Er begann damit, die
kurfürstlichen Lustschlösser mit großen Tableaus zu schmücken, und da
um 1690 Schloß Cöpenick bereits beendet und Schloß Charlottenburg noch
nicht angefangen war, so ist es wohl möglich, daß er in den Sälen von
Schloß Oranienburg debütierte, das eben damals einem Umbau im großen
Stil unterworfen wurde. Da dieser Umbau jedoch im Jahre 1688 bereits
seinen Anfang nahm, so ist es mindestens fraglich, ob Terwesten das
ursprüngliche Schloß, wie es die Kurfürstin hier entstehen ließ,
noch gesehen hat. Dennoch möcht' ich auf _diesen_ Umstand kein allzu
bedeutendes Gewicht legen, da es, zwei Jahre nach dem Neu- und Umbau
des Schlosses allerdings nicht schwer halten konnte, bei Malern
und Architekten Auskunft darüber zu erhalten, wie denn eigentlich
das Schloß der Oranierin gewesen sei, _immer vorausgesetzt, daß
dem Künstler daran gelegen war, über diesen Punkt zuverlässiges zu
erfahren_. Es ist aber sehr zweifelhaft, daß ihm daran lag. Denn wir
dürfen nicht vergessen, daß er den Moment der Landesschenkung (1650)
bildlich darzustellen hatte, also einen Moment, der dem Schloßbau um
vier, mindestens aber um zwei Jahre vorausging. Er konnte sich also in
seinem künstlerischen Gewissen nicht im geringsten gedrungen fühlen,
ein Schloß in _historischer Treue_ darzustellen, das 1650 noch gar
nicht existierte, sondern erst 1654 fertig aus der Hand des Baumeisters
hervorging.