Die Zeit Luise Henriettens von 1650 bis 1667

Kaum war die Schenkungsurkunde ausgestellt, so begann auch die

Tätigkeit der hohen Frau, die durch den Anblick frischer Wiesen nicht

nur an die Bilder ihrer Heimat erinnert sein, die vor allem auch einen

_Wohlstand_, wie ihn die Niederlande seit lange kannten, hier ins

Dasein rufen und nach Möglichkeit die Wunden heilen wollte, die der

dreißigjährige Krieg diesen schwer geprüften Landesteilen geschlagen

hatte. Kolonisten wurden ins Land gezogen, Häuser gebaut, Vorwerke

angelegt und alle zur Landwirtschaft gehörigen Einzelheiten alsbald

mit Emsigkeit betrieben. Eine Meierei entstand und Gärten und Anlagen

faßten alsbald das Schloß ein, in denen der Gemüsebau, die Baum- und

Blumenzucht ebenso das Interesse der Kurfürstin wie die Arbeit der

Kolonisten in Anspruch nahmen. Sie war eine sehr fromme Frau (ihr Leben

und ihre Lieder zeugen in gleicher Weise dafür), aber ihre Frömmigkeit

war nicht von der bloß beschaulichen Art und neben dem „bete“ stand

ihr das „arbeite“. Mild und wohlwollend, wie sie war, duldete sie doch

keine Nachlässigkeit, und in diesem Sinne schrieb sie z. B. am 27.

April 1657 nach Oranienburg, daß es schimpflich für alle Beamten und

geradezu unverantwortlich sei, daß in allen Gärten nicht so viel Hopfen

gewonnen werde, wie zum Brauen erforderlich, und könne daran nichts als

eine schändliche Faulheit die Schuld sein.

Eine Musterwirtschaft nach holländischem Vorbild sollte hier entstehen,

aber die Hauptaufmerksamkeit der hohen Frau war doch dem Schloßbau, der

Gründung eines Waisenhauses und der Aufführung einer Kirche zugewendet.

Von dem Schloßbau werden wir ausführlicher zu sprechen haben; nur die

Kirche sei schon hier in aller Kürze erwähnt. Mit großer Munifizenz

ausgestattet, war sie nur wenig über hundert Jahre eine Zierde der

Stadt. Im Jahre 1788 brannte sie nieder und nichts blieb übrig oder

wurde aus dem Trümmerhaufen gerettet als ein kleiner Sandstein, der

als einzige Inschrift die Buchstaben trägt: ~L. C. Z. B. G. P. V. O.,

A. MDCLVIII~. (Luise, Kurfürstin zu Brandenburg, geborene Prinzessin

von Oranien 1658.) Diesen Sandstein hat man bei Aufführung des

kümmerlichen Neubaues, der seitdem an die Stelle der alten Kirche

getreten ist, in die Außenwand, nahe dem Eingang, eingefügt. Insoweit

gewiß mit Unrecht, als er nunmehr die irrige Vorstellung weckt, daß

_dieser_ Bau es sei, den die fromme Werktätigkeit der Kurfürstin habe

entstehen lassen.

Waisenhaus und Kirche entstanden unter der christlichen Fürsorge

Luise Henriettens, aber früher als beide entstand ihr Wohnsitz, das

Schloß selber. Die Frage drängt sich uns auf: _wie war dies Schloß?_

Es war, nach allgemeiner Annahme, ein drei Stock hohes, fünf Fenster

breites Gebäude von Würfelform, das nur mittelst eines stattlichen

Frontispizes den Charakter eines Schlosses erhielt. Dies Frontispiz

war drei Fenster breit und vier Stock hoch, so daß es nicht nur das

Hauptstück der ganzen Front bildete, sondern auch den übrigen Teil des

Gebäudes turmartig überragte. Auf dem flachen Dache befand sich ein

mit einer Galerie umgebener Altan, auf dem sich in der Mitte ein hoher

und an jeder der vier Ecken ein kleinerer Turm erhob. Der Schloßhof

war mit einem bedeckten Gange umgeben, auf dessen Plattform zur

Sommerzeit zahlreiche Orangenbäume standen. So war Schloß Oranienburg

in den Jahren, die seiner Gründung unmittelbar folgten. Nichts davon

ist der Gegenwart geblieben, und wir würden, da keine gleichzeitigen

Pläne und Beschreibungen existieren, darauf verzichten müssen, uns

eine Vorstellung von dem damaligen Schlosse zu machen, wenn nicht in

dem Waisenhause ein großes, für die Lokal-Geschichte Oranienburgs

höchst wertvolles Gemälde existierte, das, früher den Prachtzimmern

des Schlosses angehörig, jetzt dazu dient, uns, in Ermangelung jedes

andern Anhaltepunkts, über die Gestalt der damaligen Oranienburg einen

mutmaßlichen, wenn auch freilich immer noch sehr disputablen Aufschluß

zu geben. Dies wandgroße Bild (etwa elf Fuß im Quadrat), von dem sich

eine gleichzeitige Kopie als Plafond-Gemälde in einem der Säle des

Schlosses befand, stellt, unter Benutzung der alten Dido-Sage, die

Gründung Oranienburgs dar.

In der Mitte des Bildes erkennen wir das kurfürstliche Paar, angetan

mit allen Abzeichen seiner Würde. Luise Henriette als _Dido_. Hinter

dem Kurfürsten, den Speer in der Hand, steht der Oberst La Cave,

während die Gräfin von Blumenthal, eine schöne, stattliche Dame, die

Schleppe der Kurfürstin trägt. Weiter zurück, der Gräfin Blumenthal

zunächst, erblicken wir den Oberjägermeister von Hertefeld und einen

von Rochow. Die Angaben fehlen welchen. Alle die Genannten füllen

die linke Seite des Bildes, während zur Rechten des Kurfürsten der

Geheimrat Otto von Schwerin steht, in wenig schmeichelhafter Weise mit

zurückgeschlagenen Hemdsärmeln und im günstigsten Fall in der Rolle

eines behäbigen Gerbermeisters. Er hält eine Kuhhaut mit der Inschrift

~plus outre~, „immer weiter“, in der Linken, während er mit der Rechten

bemüht ist, die Haut in Streifen zu schneiden. Diese Streifen werden

von drei oder vier geschäftigen Dienern zur Absteckung einer weiten,

sich im Hintergrund markierenden Feldfläche benutzt, aus deren Mitte

sich in grauweißer Farbe ein Schloß erhebt, nur skizziert, aber doch

deutlich genug erkennbar, um ein verständliches, anschauliches Bild zu

geben.[20]

Schloß Oranienburg, wie es _jetzt_ vor uns liegt, zeigt nichts mehr

von dem Bau, den ich vorstehend (S. 142) beschrieben habe. Weder

Frontispiz noch Säulengänge, weder Altan noch Türme bieten sich zurzeit

dem Auge dar, und die Umwandlung, die im Laufe von zwei Jahrhunderten

erfolgt ist, ist eine so vollständige gewesen, daß es zweifelhaft

bleibt, ob auch nur eine einzige Außenwand des oranischen Schlosses

stehen geblieben und dem Neubau, der 1688 begann, zugute gekommen

ist. Ein ähnliches Schicksal hat über allem gewaltet, was die fromme

Kurfürstin hier entstehen ließ. Jegliches ging zugrunde, meist durch

Feuer, und existiert nur noch dem _Wort_ und _Wesen_, _aber nicht

mehr seiner ursprünglichen Form nach_. Das Schloß, die Kirche, das

Waisenhaus von damals, und wenn wir von einem, übrigens in seiner

Echtheit ebenfalls anfechtbaren Porträt absehen, so findet sich an Ort

und Stelle nichts mehr, was sich mit Bestimmtheit auf die Zeit der

Oranierin zurückführen ließe. Das ihr seitens der Stadt errichtete

Denkmal, eine Neu-Schöpfung, stammt erst aus dem Jahre 1858. Es ist

ein überlebensgroßes Bildnis in Erz, aus der Hand Wilhelm Wolffs

hervorgegangen, und führt die Inschrift: „Der hohen Wiederbegründerin

dieser Stadt, Louise Henriette, Kurfürstin von Brandenburg, geb.

Prinzessin von Oranien, zum dauernden Gedächtnis die dankbare

Bürgerschaft Oranienburgs.“

Und dieser Dank war Pflicht. Was Luise Henriette schuf, es hat das

Kleid gewechselt, aber die Dinge blieben und der Segen lebt fort.

[20] Pastor Ballhorn, in seiner trefflichen Geschichte Oranienburgs,

hat dieser architektonischen Skizze des großen Bildes eine Beweiskraft

beigelegt, die sie schließlich doch kaum besitzen dürfte. Pastor B.

vermutet, daß das Bild zwischen 1653 und 1654 gemalt worden sei, was

aber unmöglich ist, da der Holländische Maler, Augustin Terwesten,

von dem es herrührt, erst 1649 geboren wurde. Augustin Terwesten

(von 1696 ab Direktor der Akademie der Künste) kam 1690 nach Berlin,

wohin er, vierzig Jahre nach der Gründung Schloß Oranienburgs,

durch Kurfürst Friedrich III. gerufen wurde. Er begann damit, die

kurfürstlichen Lustschlösser mit großen Tableaus zu schmücken, und da

um 1690 Schloß Cöpenick bereits beendet und Schloß Charlottenburg noch

nicht angefangen war, so ist es wohl möglich, daß er in den Sälen von

Schloß Oranienburg debütierte, das eben damals einem Umbau im großen

Stil unterworfen wurde. Da dieser Umbau jedoch im Jahre 1688 bereits

seinen Anfang nahm, so ist es mindestens fraglich, ob Terwesten das

ursprüngliche Schloß, wie es die Kurfürstin hier entstehen ließ,

noch gesehen hat. Dennoch möcht' ich auf _diesen_ Umstand kein allzu

bedeutendes Gewicht legen, da es, zwei Jahre nach dem Neu- und Umbau

des Schlosses allerdings nicht schwer halten konnte, bei Malern

und Architekten Auskunft darüber zu erhalten, wie denn eigentlich

das Schloß der Oranierin gewesen sei, _immer vorausgesetzt, daß

dem Künstler daran gelegen war, über diesen Punkt zuverlässiges zu

erfahren_. Es ist aber sehr zweifelhaft, daß ihm daran lag. Denn wir

dürfen nicht vergessen, daß er den Moment der Landesschenkung (1650)

bildlich darzustellen hatte, also einen Moment, der dem Schloßbau um

vier, mindestens aber um zwei Jahre vorausging. Er konnte sich also in

seinem künstlerischen Gewissen nicht im geringsten gedrungen fühlen,

ein Schloß in _historischer Treue_ darzustellen, das 1650 noch gar

nicht existierte, sondern erst 1654 fertig aus der Hand des Baumeisters

hervorging.

Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil Havelland · 第 63 / 149 题