Noch ragt der Bau, doch auf den breiten Treppen
Kein Leben mehr, kein Rauschen seidner Schleppen,
Die alten Mauern stehen öd' und leer,
's sind noch die alten und -- sie sind's nicht mehr.
Die prächtige Havel, mit jener Fülle von Seen, die sie, namentlich um
Potsdam herum, an ihrem blauen Bande aufreiht, ist, auf weite Strecken
hin, wie ein Spiegel unserer königlichen Schlösser, deren Schönheit sie
verdoppelt.
Aber nicht überall zeigt sie diese breite Pracht. Schlicht, schmal,
ein Wässerchen nur, tritt sie aus dem Mecklenburgischen in die Mark,
um dann, auf ihrem ganzen Oberlaufe, ein Flüßchen zu bleiben, das
nicht Inseln leicht und frei wie schwimmende Blätter trägt, sondern
sich teilen muß, um hier und dort ein Stückchen Land mit dünnem Arm zu
umspannen. Nicht das Wasser der Herr und Sieger, sondern das Land.
So gibt sich die Havel bei _Oranienburg_, dem unsere heutige Wanderung
gilt. Der Weg dahin führt uns, an Tegel vorbei, zunächst bis an den
romantischen _Sandkrug_, wo die Stehkrippen von unseren zwei Braunen
mit lebhaftem Prusten begrüßt werden. Der Sandkrug verdient den
Beinamen „romantisch“, den wir ihm soeben gegeben, denn die Forsten,
die ihn einfassen, sind fast der einzige Punkt noch in der Umgegend
Berlins, darin sich ein Stückchen mittelalterlicher Wegelagerei
erhalten hat, freilich von jener unpoetischeren Art, die statt des
lauten Angriffs in Stahl und Eisen die Schoßkelle leise beschleicht und
sich damit begnügt, statt der Hälse die Koffer abzuschneiden.
Sandkrug ist halber Weg. Noch eine anderthalbstündige Fahrt an
Tannenholz und Dörfern vorbei und wir halten auf einem großstädtisch
angelegten Platz, über dem sich eben der prächtigste Regenbogen wölbt.
Das ist der Schloßplatz von Oranienburg. Das Wetter klärt sich auf;
die Sonne ist da. Das Haus, das uns aufnehmen soll, verbirgt sich fast
hinter den Lindenbäumen, die es umstehen, und erweckt, neben manchem
anderen, unsere günstigsten Vorurteile auch dadurch, daß wir vernehmen,
es sei Rathaus und Gasthaus zugleich. Wo Justiz und Gastlichkeit so
nahe zusammen wohnen, da ist es gut sein. In alten Zeiten war das
häufiger. Unsere Altvordern verstanden sich besser auf Gemütlichkeit
als wir.
Die Luft ist warm und weich und ladet uns ein, unsern Nachmittagskaffee
im Freien zu nehmen. Da sitzen wir denn auf der Treppe des Hauses,
die sich nach rechts und links hin zu einer Art Veranda erweitert,
und freuen uns der Stille und der balsamischen Luft, die uns umgeben.
Die Kronen der Lindenbäume sind unmittelbar über uns, und so oft ein
Luftzug über den Platz weht, schüttelt er aus dem dichten Blattwerk
einzelne Regentropfen auf uns nieder. Zu unserer Linken, ziemlich in
der Mitte des Platzes, ragt die Statue der hohen Frau auf, die dieser
Stadt den Namen und, über einen allerengsten Kreis hinaus, ein Ansehen
in der Geschichte unseres Landes gab. Dahinter, zwischen den Stäben
eines Gittertors, schimmern die Bäume des Parks hervor, unmittelbar vor
uns aber, nur durch die Breite des Platzes von uns getrennt, ragt der
alte Schloßbau selbst auf, dessen Bild und dessen Geschichte uns heute
beschäftigen soll.
Wir haben die Front des Schlosses in aller Klarheit vor uns, aber
doch ist es nur die kleinere Hälfte, deren wir von unserem Platz aus
ansichtig werden. Die Form des Oranienburger Schlosses in seiner
Blütezeit war die eines lateinischen ~=H=~, oder, mit anderen Worten,
es bestand aus einem Haupt- oder Mittelstück (~corps de logis~),
an das sich zwei Vorder- und zwei Hinterflügel lehnten. Die beiden
Hinterflügel existieren noch, entziehen sich aber unserem Blick; von
den Vorderflügeln wurde der eine (der rechts gelegene) durch Feuer
zerstört.
Schloß Oranienburg, wenn wir diese Bezeichnung zunächst unterschiedlos
und mit einer Art rückwirkender Kraft festhalten wollen, ist ein alter
Schloß- und Burgbau, der sich an derselben Stelle, d. h. also auf der
kleinen vor uns gelegenen Havelinsel, seit nah an siebenhundert Jahren
erhebt. Wir haben hier, wie bei verschiedenen andern hohenzollerischen
Schlössern, drei Epochen zu unterscheiden, drei Epochen, die sich in
aller Kürze durch drei bestimmte Worte bezeichnen lassen: _Burg_,
_Jagdhaus_, _Schloß_. Erst das „Schloß“ (wir werden bald sehen, aus
welcher Veranlassung) empfing den Namen _Oranienburg_, während Burg und
Jagdhaus den Namen _Bötzow_, d. h. den Namen jenes uralten wendischen
Dorfes führten, den die vordringenden Deutschen bei ihrer Eroberung
des Landes bereits vorfanden. Die Geschichte kennt also bis in die
Mitte des siebzehnten Jahrhunderts hinein nur eine „Burg Bötzow“, resp.
ein „Jagdhaus zu Bötzow“; erst von den Tagen der _Oranierin_ an, die
hier ein „_Schloß_“, einen verhältnismäßig prächtigen Neubau, an alter
Stelle erstehen ließ, existiert ein _Oranienburg_.