Die Königseiche

Man sieht noch am zerhaunen Stumpf,

Wie mächtig war die Eiche.

=Uhland=

Diese Erzählung konnte nicht umhin, uns leise daran zu mahnen, daß wir

noch einen Teil unserer Wanderung vor uns hätten, ein letztes Drittel,

einen Schlußabschnitt, den es auf alle Fälle gut sei hinter sich zu

haben, umsomehr als das sich ansammelnde grelldurchleuchtete Gewölk

am Himmel das Einbrechen eines Brieselang-Gewitters nicht geradezu

unwahrscheinlich machte.

Ein Wind machte sich auf, das Gewölk zerstreute sich wieder, die

Schwüle ließ nach; so ging es vorwärts. Als wir den entgegengesetzten

Waldrand nahezu erreicht hatten, nahm unser Führer die Tete und brach

mit dem Kommando „halb rechts“ in das Unterholz der Bütenheide ein. Es

schien undurchdringliches Gestrüpp, bald aber lichtete es sich wieder

und in eine breite, durch den Forst gehauene Avenue tretend, hatten

wir die Königseiche auf etwa dreihundert Schritte vor uns. Wir ließen

sie zunächst als ein Ganzes auf uns wirken. Sie steht da, wie ein

Riesen-Skelett mit gen Himmel gehobenen Händen. Die Avenue hat ganz den

Charakter eines feierlichen Aufgangs, einer Trauer-Allee, die zu einem

Denkmal oder Mausoleum führt. Erst ein Weißbuchen-, dann immer schmaler

werdend ein Weißdorn-Spalier, bis die Avenue in einen tannenumstellten

Kreis mündet, aus dessen Mitte die „Königs-Eiche“ aufsteigt.

Sie führt ihren Namen mit Recht. Es ist ein majestätischer Baum, acht

Fuß Durchmesser, achtzig bis hundert Fuß hoch; man braucht zwanzig

Schritt, ihn zu umschreiten. Sein Holzinhalt wird auf fünfundzwanzig

Klafter und sein Alter auf tausend Jahre berechnet. Bis vor kurzem

lebte er noch; seit etwa drei Jahren indes ist er völlig tot, nirgends

ein grünes Blatt, die Rinde halb abgefallen. Aber noch im Tode ist er

gesund. Alles Kernholz. Die Forstleute sagen: er steht noch hundert

Jahr. Dem wird jeder zustimmen, der die „Königseiche“ sieht. Auf

einen Laien macht sie den Eindruck, als halte sie nur einen langen

Winterschlaf, als brauche sie dazu mehr Zeit als junge Bäume und

müsse deshalb ein paar Sommer überschlagen, aber als sei ihr Erwachen

unter allen Umständen gewiß und als würde es binnen kurzem im ganzen

Brieselang heißen: sie lebt wieder.

Eine Welt von Getier bewohnt die alte Eiche. Der Bockkäfer in wahren

Riesenexemplaren hat sich zu Hunderten darin eingenistet; am ersten

großen Ast schwärmen Waldbienen um ihren Stock, und im kahlen Geäst,

höher hinauf, haben zahllose Spechte ihre Nestlöcher.

In den Tagen sich regenden deutschen Geistes, in den Tagen Jahns

und der Turnerei, wurde die Eiche Wanderziel und Symbol. Dies war

ihre historische Zeit. Damals vereinigte man sich hier, gelobte sich

Treue und Ausharren und befestigte in Mittelhöhe des Stammes die

Inschrifttafel, die bis diese Stunde dem Baum erhalten worden ist.

Die Inschrift selbst aber, die um des _Kaisergedankens_ willen, den

sie ausspricht, in diesem Augenblicke wieder ein besonderes Interesse

gewährt, ist die folgende:

Sinnbild alter deutscher Treue,

Das des Reiches Glanz gesehn,

_Eiche_, hehre, stolze, freie,

Sieh, Dein Volk wird auferstehn.

Brüder, alle die da wallen

Her zu diesem heil'gen Baum,

Laßt ein deutsches Lied erschallen

Auf dem altgeweihten Raum:

Wie in Sturmeswehn die Eiche,

Stehet fest bei Treu und Recht,

Einend schirme alle Zweige

_Einer_ Krone Laubgeflecht.[16]

Außer diesen Turnerfahrten scheint die Eiche, vorher und nachher,

nicht allzuviel gesehen und erlebt zu haben. Sie lebte wie so mancher

Alte, still und abgeschieden. Ein beständiges Gleichmaß in beständigem

Wechsel. Auf Sommerdürre folgten die Stürme, dann fiel Schnee, dann

war alles Sumpf und Bruch, dann _wieder_ Sommerdürre; -- so kamen

die Jahre, so gingen sie. Nichts geschah. Es gibt Hollunderbäume in

Pfarrgärten, die in fünfzig Jahren mehr gesehen haben, als die große

Eiche in fünfhundert. Nur die letzten Jahrzehnte schufen einen Wandel:

Landpartien und Berliner kamen.

Es handelte sich jetzt für uns darum, ihr ein besonderes Zeichen

unserer Huldigung zu geben. Ein dreimaliges Hurra erschien uns für

unsere zivilen Verhältnisse teils zu prätensiös, teils unausreichend.

Aus dieser Verlegenheit indes sollten wir alsbald gerissen werden;

-- unser Reisegefährte hatte alles bereits sinnig erwogen. Er nahm

seine umsponnene Flasche, füllte ein Glas mit rotgoldenem Kap

Konstantia-Wein, trat vor und sprach: „Eiche, tausendjährige, sei uns

gegrüßt! Hier hat der Wende gelagert und der Berliner, und allerlei

Wein, fränkischer und deutscher, nicht minder die ‚gebrannten Wasser‘

beider Indien, Jamaikas und Goas, sind Dir zu Ehren an dieser Stelle

verschüttet worden. Aber ob Süd-Afrika, ob Mohrenland von jenseit der

Linie, Dir je gehuldigt, das ist mindestens fraglich. Empfange denn die

Gabe aus Gegenden, in denen nur Freiligrath und der Kaffer ‚einsam

schweift durch die Karroo‘, empfange diesen Tropfen Kap Konstantia; --

die Hänge des Tafelberges grüßen Dich und den Brieselang!“ Damit goß er

den Kapwein ihr zu Füßen. Wir schwenkten die Hüte, stimmten Lieder an

von Arndt und Körner und machten uns auf den Rückweg.

Im Fluge. Denn immer bedrohlicher zog sich's über uns zusammen und kein

Wind machte sich mehr auf, das Gewölk zu zerstreuen. So ging es an den

alten Stätten vorbei, am Forsthaus, am Remonte-Depot, an dem Elsbusch,

aus dem uns Lampe, der „Jäger“, so bedrohlich entgegengetreten war.

Als wir Finkenkrug erreichten, war es die höchste Zeit, wenn uns daran

lag, mit den Extrazüglern, die eben in Sektionen formiert aufbrachen,

den Rettungshafen der Eisenbahn zu gewinnen. Musik vorauf, so ging es

durch die letzte Waldstrecke. Die Pauke tat wieder ihr Äußerstes, als

plötzlich einer rief: „Pauke still!“ Und sie schwieg wirklich. Über das

weite Himmelsgewölbe hin rollte der erste Donner. In den Wipfeln begann

ein unheimliches Wehen, die obersten Spitzen brachen fast. „Rasch,

rasch“, hieß es, „Laufschritt“; alles drängte durcheinander, „~sauve

qui peut~“ und der Zug, der schon hielt, wurde im Sturm genommen. In

demselben Augenblick aber brach es los; die Blitze fuhren nieder, das

Gekrach überdröhnte das Gerassel des Zuges; wie ein Wolkenbruch fiel

der Regen.

Als wir eine Stunde später im klapperigen Gefährt über die Alsenbrücke

fuhren, auf den Tiergarten zu, stand das Wasser in Lachen und Lanken.

Wer um diese Zeit vom Finkenkrug bis „zur Königseiche“ gewandert wäre,

der hätte wohl den _Brieselang_ gesehen wie vor tausend Jahren!

[16] Diese Verse, wie ich nachträglich erfahre, rühren nicht aus der

Jahnschen Zeit her, sondern sind erst, vor kaum zwanzig Jahren,

niedergeschrieben und an der Brieselang-Eiche befestigt worden. Das

geschah an einem heißen August-Nachmittage 1862 durch zwei Mitglieder

des kurz zuvor gegründeten _Nauener_ Turnvereins. Der eine dieser

beiden Turner hatte die Verse verfaßt, der andere die technische

Niederschrift geliefert. Beide Turner blieben seitdem vereint; sie

dienten in demselben Truppenteil der Garde; sie fochten am 3. Juli

bei _Königgrätz_; und abermals an einem heißen Augusttage, heißer als

jener Wandertag, der sie acht Jahre vorher zur Königseiche geführt

hatte, _stürmten sie gemeinschaftlich gegen St. Privat_. Beide fielen

schwerverwundet, der eine durch den Schenkel, der andere durch die

Brust geschossen; beide sind genesen.

Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil Havelland · 第 58 / 149 题