Lesen konnt ich in seinen festen Zügen
Seinen lang und treu bewahrten Entschluß:
Auch mit keinem Fingerdrucke zu lügen;
Sicher und wohl ward mir bei seinem Gruß.
=Nic. Lenau=
Unter solchem Geplauder hatten wir eine Stelle erreicht, wo der Weg,
die bis dahin innegehaltene Scheidelinie zwischen Wald und Wiese
aufgebend, nach links hin scharf einbiegt. Hier schlug sich Lampe in
die Tiefen des Waldes, während wir, den Weg weiter verfolgend, alsbald
auf eine große Lichtung mit Gärten, Häusern und Stallgebäuden hinaus
traten. Wir hatten den Zentralpunkt dieser Waldregionen erreicht:
_Försterei Brieselang_. Daneben das „Remonte-Depot“ gleichen Namens.
Die Lichtung, die diese beiden Häuserkomplexe einschließt, hat den
Charakter einer großen Waldwiese. Ein Wasserlauf, „der neue Graben“,
der in früheren Jahren das Sumpfland entwässert hat und nun zum
Holzflößen dient, zieht sich quer durch die ganze Breite; eine Brücke
führt darüber hin. Jenseits des Wasserlaufes aber steigt der Wald („die
Büten-Heide“) aufs neue an und schließt gegen Norden hin das Bild. Am
jenseitigen Rande des Waldes: die Königseiche und Dorf Pausin.
Ein Hirschgeweih über der Tür ließ uns nicht lange in Zweifel, wo wir
die Försterei, für die wir einen Gruß mitbrachten, zu suchen hätten.
Wir traten ein. Es war um die dritte Stunde. Der Förster, ein Mann von
nah an siebzig, fuhr aus seinem Nachmittagsschlaf auf, strich sich
die momentane Runzel von der Stirn und stand grüßend vor uns. Wer in
_solchen_ Momenten Haltung bewahrt, ist allemal eine liebenswürdige
Natur.
Wenn dies je zutraf, so hier. Wir setzten uns zunächst in
eine Geisblattlaube, die den Eingang umrankte, als aber die
Nachmittagsschwüle zu drücken begann, rückten wir, -- ein paar
Forsteleven hatten sich uns zugesellt -- weiter vor und stellten die
Bänke ins Freie. Und nun die ganze Waldwiese samt Graben, Brücke und
Remonte-Depot (das zur Hälfte eine Brandstelle war) vor uns, begann das
Geplauder.
Der alte Förster verstand es. Ich darf wohl sagen, so hob er an, der
liebe Gott hat es gut mit mir gemeint. Mein Großvater war Förster,
mein Vater war Förster, ich bin Förster und meine drei Jungens sind
auch Förster, oder sollen es werden. Wir haben alle Waldblut in den
Adern, Brieselang-Blut. Ein Jahr bin ich einmal in einer Kiefern-Heide
gewesen, aber mir wurde erst wieder wohl, als ich wieder Elsen und
Eichen um mich her hatte.
Ist der Brieselang ihre Heimat?
Nicht so ganz, aber doch beinah. Wir sind auf dem Glin zu Hause. Mein
Vater war in Diensten beim alten Blücher, der dazumal Groß-Ziethen
hatte. Ich habe oft auf des alten Feldmarschalls Knie geritten. „Willst
Du auch ein Förster werden?“ Das will ich. „Na, denn werd' ein so
braver Kerl wie dein Vater.“ Das hab' ich nicht vergessen. Es war doch
ein gnädiger, alter Herr. Als es Anno 15 wieder losging, sagte er zu
meinem Vater: „Grote, denk Dir, der Deubelskerl ist wieder da; wir
müssen ihm noch 'mal eins geben; aber diesmal ordentlich, daß er genug
hat un nich wiederkommt.“ Und dabei sah er ganz ernsthaft aus, gar
nicht so schabernackisch wie sonst wohl; es mocht' ihm wohl schwanen,
daß er am Ende selber nicht wiederkommen könne. Und hören Sie, es war
auch dichte dran, als er da bei Ligny unter seinem Schimmel lag!
Wir nickten alle. Vom Wald her aber schmetterte Finken- und
Drosselschlag immer frischer zu uns herüber und mit dem Daumen
rückwärts deutend, sagte der alte Förster: ja, das klingt ins Herz.
Das tut's, erwiderte jetzt mein Reisegefährte (den es nachgerade
wohl Zeit ist aus seiner stummen Rolle zu erlösen, in der er bisher
eigensinnig beharrte), aber wollen Sie glauben, Herr Förster, daß es
Gegenden gibt, wo die Vögel denn doch noch anders singen, so melodisch,
so tieferschütternd, daß man aufhorcht, als habe man den Klang einer
Menschenstimme, die ersten Töne einer wehmütigen Volksweise gehört.
Der Tausend auch, sagte der Förster, Sie machen mich neugierig.
Und diese Vögel, von denen ich spreche, die singen _da_, wo wir's
am wenigsten glauben möchten, in Australien bei den Antipoden. Ein
Engländer ist dort gereist, hat die Waldstimmen belauscht, hat die Töne
in Noten festgehalten und zuletzt eine Art Melodien-Buch herausgegeben,
aus dem wir nun genau erfahren können, wie die australischen Vögel
singen.
Ist es möglich!
Es ist sogar gewiß. Ich habe das Buch. Und unter all diesen Stimmen
ist eine, die es mir besonders angetan hat, das ist die Stimme des
~Leather-head~. ~Leather-head~ heißt Lederkopf, ein Name, den dieser
Vogel führt, weil er einen völlig kahlen Kopf hat. Ich will Ihnen die
Melodie pfeifen; sie geht leise; Sie müssen scharf aufhorchen.
Unser Reisegefährte pfiff nun in langgezogenen Tönen die Klagemelodie
des ~Leather-head~. Selbst im Walde war es still geworden. Es war, als
ob die Vögel drinnen mit zu Rate saßen.
Das ist schön, sagte der Förster, aber Ihr Engländer kann sich die
Melodie erfunden haben.
Ich gestehe, fuhr unser Reisegefährte fort, daß ich dann und wann
denselben Verdacht hatte. Aber denken Sie, wo mir plötzlich die
Gewißheit kam! Sie haben vom Aquarium gehört. Nun, in dem Aquarium
befindet sich auch eine Vogelhecke, die mir das Liebste vom ganzen ist.
Jeder hat so seinen Geschmack. Und wie ich nun den Gang entlang komme
und das Gezwitscher der anderen Vögel einen Augenblick schweigt, was
höre ich da plötzlich aus der Voliere heraus? Die leisen, langgezogenen
Töne meines ~Leather-head~, einmal, zweimal, dreimal. Mir war, als ob
ich einen alten Bekannten wiedersähe. Da saß er und starrte mich lange
an, wie wenn er gefühlt hätte: der hat dich verstanden.
Alles schwieg. Der Erzähler pfiff die Melodie noch einmal. Dann knipste
der Förster mit den Fingern und sagte: nichts für ungut, aber ich bin
doch für eine richtige Brieselang-Drossel; ihr ~Leather-head~ hat mich
ganz melancholisch gemacht. Ich bin für das Fidele.
Ich auch, ich auch, riefen die anderen. Der Lederkopf war abvotiert.
Inzwischen begann sich Gewölk am Himmel zu sammeln. Dann brach die
Sonne wieder durch, aber die Schwüle wuchs. „Haben Sie viel Gewitter im
Brieselang?“ fragte ich.
Oft nicht, aber wenn sie kommen, kommen sie gut. Im vorigen Juli ging
es hier eine Stunde toll her. Sehen Sie dort die Brandstelle (er
zeigte nach rechts); da stand vor Jahresfrist noch das Remonte-Depot,
einhundertundachtzig Pferde, alle schwarz.
Und es schlug ein?
Es schlug ein und es gab ein Wetter, wie ich es hier nicht wieder haben
möchte, und doch war es zugleich eine Stunde, daß mir das Herz im Leibe
lacht, wenn ich daran denke. Da habe ich gesehen, was ein preußischer
Futtermeister ist.
Ein Futtermeister?
Ja, solch Remonte-Depot, müssen Sie wissen, hat einen Wachtmeister von
altem Schrot und Korn, der regiert das Ganze; er ist wie ein kleiner
König. Und ich sage Ihnen, dieser Futtermeister, ... nun, der verstand
es. Das Remonte-Depot hatte acht Türen. Als nun das Wetter über uns
stand und die ersten Blitze herunterfuhren, stellte er seine acht
Knechte an die acht Eingänge, sich selber aber mitten auf diesen Platz
da.
Da stand er wie ein Feldherr, während das Feuer in breiten Scheiben
niederfiel. „Kerls“, schrie er, „wenn ich rufe: Vorwärts, Türen auf!
dann ist's Zeit, dann hat's eingeschlagen“. So vergingen wohl zehn
Minuten; die Blitze ließen nach, ein Hagelwetter kam, Körner wie
die Tauben-Eier. Mit einemmal schwieg auch das; der Hagel war wie
abgeschnitten. Aber im nächsten Augenblick „Krach“ und der Blitz lief
über den First hin. „Vorwärts!“ Alle Türen flogen auf; die Schloßen
fielen nieder wie ausgeschüttet, und im nächsten Moment jagten die
einhundertundachtzig schwarzen Pferde an mir vorbei, hier über die
Brücke hin, in die Büten-Heide hinein, auf Pausin zu. Zwölf Minuten
später hatten wir die Spritzen hier; denn als die einhundertundachtzig
schwarzen Pferde wie die wilde Jagd durchs Dorf jagten, da wußten die
Pausiner, was los war. „Das Remonte-Depot brennt“ und heidi ging es
in den Wald hinein, auf das Depot zu. Solch Wettfahren hat die alte
Büten-Heide ihr Lebtag nicht gesehen. Ein schöner Tag war es, aber ich
mag ihn nicht wieder erleben.
3.