Die Lehninsche Weissagung

Jetzo will ich, _Lehnin_, Dir sorgsam singen die Zukunft,

Die mir gewiesen der Herr, der einstens alles geschaffen.

=~Vaticinium Lehninse~=

Zu Anfang des vorigen Jahrhunderts, während der Regierungsjahre

_Friedrich Wilhelms I._, erschienen an verschiedenen Druckorten, teils

selbständig, teils umfangreicheren Arbeiten einverleibt, hundert

gereimte lateinische Hexameter, sogenannte Leoninische Verse, die in

dunklem Prophetenton über die Schicksale der Mark und ihrer Fürsten

sprachen und die Überschrift führten: „Weissagung des seligen Bruders

_Hermann_, weiland Lehniner Mönches, der ums Jahr 1300 lebte und

blühte.“

Diese Verse, die sich gleich selbst, in ihren ersten Zeilen, als

eine Weissagung ankündigen: „Jetzt weissage ich dir, Lehnin, dein

künftiges Schicksal“, machten großes Aufsehen, da in denselben mit

bemerkenswertem Geschick und jedenfalls mit ungewöhnlicher poetischer

Begabung das Aussterben der Hohenzollern in der elften Generation nach

_Joachim I._ und die gleichzeitige Rückkehr der Mark in den Schoß der

katholischen Kirche prophezeit wurde. Eine solche Prophezeiung war

durchaus dazu angetan, Aufsehen zu erregen, da es auch damals (1721)

in Deutschland nicht an Parteien fehlte, die freudig aufhorchten,

wenn der Untergang der Hohenzollern in nähere oder fernere Aussicht

gestellt wurde. In Berlin selbst, wie sich annehmen läßt, war das

Interesse nicht geringer, und man begann nachzuforschen, nach welchem

_Manuskript_ die Veröffentlichung dieser Weissagung erfolgt sein könne.

Diese Nachforschungen führten zuletzt auf eine mehr oder weniger

alte Handschrift, die etwa um 1693 in der nachgelassenen Bibliothek

des in dem genannten Jahre verstorbenen Kammergerichtsrats _Seidel_

aufgefunden worden war.

Diese älteste Handschrift, die übrigens nie die Prätension erhob, das

rätselvolle _Original_ aus dem Jahre 1300 sein zu wollen, existierte

bis 1796 im Staats-Archiv. In eben diesem Jahre wurde sie durch

_Friedrich Wilhelm II._ nach Charlottenburg gefordert und _von dort

nicht wieder remittiert_. Man muß annehmen, daß sie verloren gegangen

ist. Die vier ältesten Abschriften, die _jetzt noch_ in der Königlichen

Bibliothek vorhanden sind, gehören, ihrer Schrift nach, dem Anfange des

vorigen Jahrhunderts an. _Jedenfalls also fehlt nicht nur das wirkliche

Original_, sondern auch alles, was sich, wohl oder übel, als Original

ausgeben könnte! Hiermit fällt selbstverständlich die Möglichkeit fort,

aus allerlei _äußerlichen_ Anzeichen, wie Handschrift, Initialen,

Pergament etc. irgend etwas für die Echtheit oder Unechtheit beweisen

zu wollen, und wir haben die Beweise ~pro~ oder ~contra~ eben wo

anders zu suchen. Solche Untersuchungen sind denn nun auch, gleich vom

ersten Erscheinen der „Weissagung“ an, vielfach angestellt worden,

und haben im Laufe von anderthalb hundert Jahren zu einer ganzen

Literatur geführt. Katholischer- und seit einem Vierteljahrhundert

auch demokratischerseits hat man ebenso beharrlich die Echtheit der

Weissagung, wie protestantisch-preußischerseits die Unechtheit zu

beweisen getrachtet. Nur wenige Ausnahmen von dieser Regel kommen vor.

Die demokratischen Paraphrasen und Deutungen, die an die Weissagung

anknüpfen, sind sämtlich _tendenziöser_ Natur, bloße Pamphlete und

haben keinen Anspruch, hier ernstlicher in Erwägung gezogen zu werden;

sie rühren aus den Jahren 1848 und 1849 her und sind eigentlich nichts

anderes als damals gern geglaubte Versicherungen, der Stern der

Hohenzollern sei im Erlöschen. Was die katholischen Arbeiten angeht,

die alle für die Echtheit eintreten, so sind sicherlich viele derselben

~bona fide~ geschrieben, dennoch haben sie samt und sonders wenig Wert

für die Entscheidung der Frage, da sie, ohne mit der Grundempfindung,

aus der sie hervorgingen, rechten zu wollen, doch schließlich aller

eigentlichen _Kritik_ entbehren.

Unter den protestantischen Gelehrten, die sich mit dieser Frage

beschäftigt haben, begegnen wir sehr bewährten, zum Teil sogar

hervorragenden Namen: Oberbibliothekar _Wilckens_, ~Dr.~ _C. L.

Gieseler_, Professor _Giesebrecht_, Schulrat _Otto Schulz_, vor

allem Professor _Guhrauer_ in Breslau, meist Historiker, die mit

einem großen Aufwand von Studium, Gelehrsamkeit und Scharfsinn die

Unechtheit darzutun getrachtet haben. Sie haben indessen, meinem

Ermessen nach, den Fehler gemacht, daß sie zu viel und manches an der

unrechten Stelle haben beweisen wollen. Anstatt einen entscheidenden

Schlag zu tun, haben sie _viele_ Schläge getan, und wie es immer in

solchen Fällen geht, sind die Schläge nicht nur vielfach nebenbei,

sondern gelegentlich auch zurück gefallen. Man schadet einem einzigen,

aber _ganzen_ Beweise jedesmal dadurch, daß man zur Anfügung vieler

Halbbeweise schreitet, namentlich dann aber, wenn man bei der

Anwendung unkünstlerisch verfährt und, statt aus dem Halben zum

Ganzen _fort_zuschreiten, aus dem Ganzen zum Halben hin die Dinge

_zurück_entwickelt.

Ich sagte schon, die Angreifer hätten vielfach an unrechter Stelle

angegriffen; ich muß hinzusetzen, nicht bloß an unrechter Stelle,

sondern gelegentlich just an dem allerstärksten Punkte der feindlichen

Position. Dieser stärkste Punkt der Lehniner Weissagung aber ist meinem

Dafürhalten nach ihr _Inhalt_, ihr _Geist_, ihr _Ton_.

Sehen wir, wogegen die protestantischen Kritiker sich richteten.

Sie haben zunächst als verdachterweckende Punkte hervorgehoben,

erstens, daß der Prophet, wenn er denn nun 'mal durchaus ein solcher

sein solle, vielfach _falsch_ prophezeit, zweitens aber, daß er in

Vor-Hohenzollerischer Zeit bereits Anti-Hohenzollerisch gesprochen

habe. Dies deute auf spätere Zeiten, wo es bereits Sympathien und

Antipathien in betreff der Hohenzollern gegeben. Auf beide Einwände ist

die Antwort leicht.

Was die Irrtümer des Propheten _Hermann_ angeht, so hat es sich ja

niemals darum gehandelt, endgültig festzustellen, ob Mönch _Hermann_

richtig prophezeit habe oder falsch, es hat sich bei dieser Kontroverse

immer nur darum gehandelt, ob er _überhaupt geweissagt habe_. Wenn nun

aber einerseits die Prophetie keine Garantie übernimmt, daß alles

Prophezeite zutreffen muß, so übernimmt sie noch viel weniger -- und

hiermit fassen wir den zweiten Punkt ins Auge -- die Verpflichtung,

kommenden Herrscher-Geschlechtern, gleichsam in antizipierter Loyalität

angenehme Dinge zu sagen. Der Prophet sagt die Dinge so, _wie er

sie sieht_, und kümmert sich nicht darum, wie kommende Zeiten sich

zu den Menschen und Taten stellen werden, die er, lediglich kraft

seiner Kraft, _vorweg_ hat in die Erscheinung treten sehen. Nehmen

wir einen Augenblick an, die Prophezeiung sei echt, so liegt doch für

einen gläubigen Zisterzienser-Mönch, der plötzlich, inmitten seiner

Visionen, die Gestalt Joachims II. vor sich hintreten sieht, nicht der

geringste Grund vor, warum er nicht gegen den Schädiger seiner Kirche

und seines Klosters vorweg die heftigsten Invektiven schleudern sollte.

Er weiß nicht, daß er Joachim heißen, er weiß auch nicht, daß er einem

bestimmten Geschlecht, das den Namen der Hohenzollern führt, zugehören

wird, er sieht ihn nur, ihn und die Tat, die er vorhat -- das genügt,

ihn zu verwerfen. Dies sagen wir nicht, wie schon angedeutet, zur

Rechtfertigung dieser speziellen Prophezeiung oder als Beweis für ihre

Echtheit, sondern nur zur Charakterisierung aller Prophetie überhaupt.

Wenn nun weder die Irrtümer, die mit drunter laufen, noch der

antihohenzollerische Geist, der aus dieser sogenannten Weissagung

spricht, etwas Erhebliches gegen die Echtheit beibringen können, so ist

doch ein dritter Punkt allerdings ernster in Erwägung zu ziehen. Alle

protestantischen Angreifer der Weissagung (mit Ausnahme W. Meinholds)

sind dahin übereingekommen, daß die sogenannte Lehninsche Weissagung

in ersichtlich zwei Teile zerfalle, in eine größere Hälfte, in der es

der, nach Annahme der Gegner um 1690 lebende Verfasser leicht gehabt

habe, über die rückliegenden Ereignisse von 1290 bis 1690 zutreffend zu

prophezeien, und in eine kleinere Hälfte von 1690 an, in der denn auch

den vorgeblichen Mönch _Hermann_ seine Prophetengabe durchaus im Stich

gelassen habe. Hätten die Angreifer hierin unbedingt Recht, so wäre der

Streit dadurch gewissermaßen entschieden. Indessen existiert meiner

Meinung nach eine solche Scheidelinie _nicht_. Es zieht sich vielmehr

umgekehrt ein _vieldeutig-orakelhafter Ton durch das Ganze hindurch_,

eine Sprache, die _überall_ der mannigfachsten Auslegungen fähig ist

und in der zweiten Hälfte, in rätselvoll anklingenden Worten, ebenso

das Richtige trifft wie in der ersten Hälfte. Es ist kein essentieller

Unterschied zwischen Anfang und Ende: beide Teile treffen es, und beide

Teile treffen es nicht; beide Teile ergehen sich in Irrtümern und

Dunkelheiten, und beide Teile blenden durch Lichtblitze, die, hier wie

dort, gelegentlich einen völlig visionären Charakter haben.

Beschäftigen wir uns, unter Heranziehung einiger Beispiele, zuerst mit

der _ersten_ Hälfte. Wir bemerken hier eine Verquickung jener drei

Hauptelemente, die nirgends in dieser sogenannten Weissagung fehlen:

Falsches, Dunkles, Zutreffendes. Frappant zutreffend vom katholischen

Standpunkt aus sind die acht Zeilen in der Mitte des Gedichts, die sich

auf _Joachim_ I. und II. beziehen. Sie lauten:

Seine (_Johann Ciceros_) Söhne werden beglückt durch gleichmäßiges

Los;

Allein dann wird ein Weib dem Vaterlande trauriges Verderben bringen,

Ein Weib, angesteckt vom Gift einer neuen Schlange,

Dieses Gift wird auch währen bis in's elfte Glied,

Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil Havelland · 第 45 / 149 题