Kapellen
Das Schiff umstellen;
In engen
Gängen
Die Lampen hängen,
Und werfen ihre düstren Lichter
Auf grabstein-geschnittene Mönchsgesichter.
* * *
Nach Waltham-Abtei hierher alsdann
Sollt ihr die Leiche bringen,
Damit wir christlich bestatten den Leib
Und für die Seele singen.
=H. Heine=
Lehnin war nicht nur das älteste Kloster in der Mark, es war auch, wie
schon hervorgehoben, das reichste, das begütertste, und demgemäß war
seine Erscheinung. Nicht daß es sich durch architektonische Schönheit
vor allen andern ausgezeichnet hätte -- nach dieser Seite hin wurde es
von Kloster Chorin übertroffen -- aber die Fülle der Baulichkeiten,
die sich innerhalb seiner weitgespannten Klostermauern vorfand, die
Gast- und Empfangs- und Wirtschaftsgebäude, die Schulen, die Handwerks-
und Siechenhäuser, die nach allen Seiten hin das eigentliche Kloster
umstanden, alle diese Schöpfungen, eine gotische Stadt im kleinen,
deuteten auf die Ausgedehntheit und Solidität des Besitzes.
Der stattliche Mittelpunkt des Ganzen, die zahlreichen Giebel
überragend, war und blieb die hohe Klosterkirche, deren mit Kupfer
gedeckter Mittelturm dunkel bronzefarben in der Sonne glänzte. Diese
Kirche selbst war ihrer Anlage nach eher schlicht als schön, mehr
geräumig als prächtig, aber das Leben und Sterben der Geschlechter,
Hoffnung und Bangen, Dank und Reue hatten die weiten Räume im Laufe
der Jahrhunderte belebt, und die ursprünglich kahlen Wände und Pfeiler
waren unter der Buntheit der Dekoration, unter dem wachsenden Einfluß
von Licht und Farbe, von Reichtum und Schmuck zu einem immer schöneren
und immer imposanteren Ganzen geworden. Seitenaltäre mit Bildern und
Kruzifixen, Nischen mit Marienbildern und ewigen Lampen (oft gestiftet,
um schwere Untat zu sühnen) zogen sich an Wand und Pfeiler hin, in
den langen Seitenschiffen aber lagen die Leichensteine der Äbte, ihr
Bild mit Mütze und Krummstab tief in den Stein geschnitten, während
an der gewölbten Decke hin, schlanken Leibes und lächelnden Gesichts,
die reichvergoldeten Gestalten der Heiligen und Märtyrer schwebten.
In einer der Seitenkapellen lag der Grabstein Abt _Sibolds_, den die
Nahmitzer erschlagen hatten.
Einem reichen Schmuck an Bildwerken, an Erinnerungszeichen aller
Art, begegnete der Besucher, wenn er vom Mittelpunkt der Kirche aus
in das Längsschiff und die Seitengänge desselben niederblickte, aber
die eigentliche Bedeutung von Kloster Lehnin erschloß sich ihm erst,
wenn er, den Blick nach Westen hin aufgebend, sich wandte, um, statt
in das Längsschiff hernieder, in den _hohen Chor hinauf_ zu sehen.
Unmittelbar vor ihm, in den Fußboden eingelassen, sah er dann, schlicht
und unscheinbar, den Stumpf der Eiche, unter der Markgraf _Otto_, der
Gründer des Klosters, seinen Traum gehabt hatte; zwischen dem Stumpf
und dem Altar aber lagen die Grabsteine der Askanier, elf an der Zahl,
die hier innerhalb des Klosters, das ihr Ahnherr ins Leben gerufen,
ihre letzte Ruhe gesucht und gefunden hatten.
Elf Askanier lagen hier, und einträchtig neben ihnen _drei_ aus dem
Hause der Hohenzollern, _Friedrich_ mit dem Eisenzahn, _Johann Cicero_
und _Joachim I._ Dieser stand nur ein einzig Jahr in der Gruft (von
1535-1536), dann wurde sein Sarg, wie der Sarg seines Vaters und
Großoheims, nach Berlin hin übergeführt, wo ihnen im Dom eine Stätte
bereitet war. Jener Tag der Überführung der drei Särge von Lehnin
nach dem Dom in Cölln an der Spree war recht eigentlich der Todestag
Lehnins. Die Güter wurden eingezogen und innerhalb zwanzig Jahren war
die Umwandlung vollzogen -- der Klosterhof war ein Amtshof geworden.
Der Krieg kam und begann sein Werk der Zerstörung, aber schlimmer
als die Hand der Schweden und Kaiserlichen, die hier abwechselnd ihr
Kriegswesen trieben, griffen in Zeiten tiefsten Friedens die Hände
derer ein, die am ehesten die Pflicht gehabt hätten, diese alte Stätte
zu schützen und zu wahren: die Um- und Anwohner selbst. Freilich waren
diese Um- und Anwohner zumeist nur solche, die weder selbst, noch auch
ihre Väter und Vorväter, das alte Lehnin gekannt hatten. 1791 waren
Landleute aus der Schweiz nach Amt Lehnin berufen worden, um bessere
Viehzucht daselbst einzuführen. Kloster Lehnin wurde nun ein Steinbruch
für Büdner und Kossäten und Haue und Pickaxt schlugen Wände und Pfeiler
nieder. Die Regierungen selbst, namentlich unter _Friedrich Wilhelm
I._, nahmen an diesem Vandalismus teil, und weil die ganze Zeit eine
die Vergangenheit schonende Pietät nicht kannte, so geziemt es sich
auch nicht, dem Einzelnen einen Vorwurf daraus zu machen, daß er die
Anschauungsweise teilte, die damals die gültige war. Kloster Lehnin,
wäre es nach dem guten Willen seiner Schädiger gegangen, würde nur noch
eine Trümmerstätte sein, aber das alte Mauerwerk erwies sich als fester
und ausdauernder als alle Zerstörungslust, und so hat sich ein Teil des
Baues, durch seine eigene Macht und Widerstandskraft, bis in unsere
Tage hinein gerettet.
Werfen wir einen Blick auf das, was noch vorhanden ist, von der Kirche
sowohl wie von der ganzen Kloster-Anlage überhaupt. Der älteste Teil,
der romanische, steht; der gotische Teil liegt in Trümmern. Da wo
diese Trümmer an den noch intakt erhaltenen Teil der Kirche sich
lehnen, hat man jetzt eine Quermauer gezogen und mit Hülfe dieser das
Zerfallene von dem noch Erhaltenen geschieden. Das lange gotische
Schiff hat dadurch freilich aufgehört ein Längsschiff zu sein und
ist ein Kurzschiff geworden; die Seitenschiffe fehlen ganz, und die
Pfeilerarkaden, die früher die Verbindung zwischen dem Hauptschiff und
den zwei Seitenschiffen vermittelten, bilden jetzt, nach Vermauerung
ihrer Rundbogen, die Seitenwände jenes _einen_ kurzen Schiffes, das
überhaupt noch vorhanden ist. An die Stelle frischer Farben ist die
leblose weiße Tünche getreten, und reparaturbedürftige Kirchenstühle,
über denen sich, an einer Seite des Schiffs, eine ebenfalls hinfällige
Empore mit vergilbten Brautkronen und Totenkränzen entlang zieht,
steigern eher die Dürftigkeit des Anblicks, als daß sie sie minderten.
Den Fußboden entlang, abgetreten und ausgehöhlt, liegen rote Fliesen;
die Grabsteine sind fort, ebenso die schwebenden Heiligen mit roten
Bändern und Goldschein hoch oben an der Decke. Alles was einst
glänzte und leuchtete, ist hin. Der schon erwähnte Altarschrein
mit Schnitzwerk und Bilderpracht hat seine Stelle gewechselt, und
statt des Purpurs und Brokats ist die übliche schwarz-wollene Decke,
die mehr zu einem Trauer- als zu einem Freudenmahle paßt, über den
schlichten Altartisch gebreitet. Nur der alte, halb zu Stein gewordene
Eichenstumpf, einstens die lebendige Wurzel, aus der dieses Kloster
erwuchs, ist ihm geblieben und hat alles überdauert, seinen Glanz
und seinen Verfall. Nichts mehr von Nischen und Marienbildern, von
Kapellen und askanischen Grabsteinen; nur _Otto VI._, auch _Ottoko_
genannt, Schwiegersohn Kaiser _Rudolphs_ von _Habsburg_, der als
Akoluth des Klosters verstarb, behauptet -- auch in künstlerischer
Beziehung ein interessantes Überbleibsel aus geschwundener Zeit --
seinen Ehrenplatz an alter Stelle. Sein Grabstein liegt mitten im
hohen Chor. Die Erinnerungszeichen an Abt _Sibold_ sind zerstört;
seine Begräbniskammer, die noch im vorigen Jahrhundert existierte,
ist niedergerissen, und statt des Grabsteins des Ermordeten, der fünf
Jahrhunderte lang seinen Namen und die Daten seines Lebens bewahrt
hatte, erzählen nur noch die beiden alten Bilder im Querschiff die
Geschichte seines Todes. Diese Bilder, wichtig wie sie sind, sind
alles andere eher als ein Schmuck. Zu dem Grauen über die Tat gesellt
sich ein Unbehagen über die Häßlichkeit der Darstellung, die diese Tat
gefunden. Das ursprünglich bessere Bild ist kaum noch erkennbar.
Es ist ein trister Aufenthalt, diese Klosterkirche von Lehnin, aber ein
Bild anheimelnder Schönheit tut sich vor uns auf, sobald wir aus der
öden freudlosen Kirche mit ihren hohen, weißgetünchten Pfeilern ins
Freie treten und nun die Szenerie der unmittelbaren Umgebung: altes
und neues, Kunst und Natur auf uns wirken lassen. Innen hatten wir
die nackte, nur kümmerlich bei Leben erhaltene Existenz, die trister
ist als Tod und Zerstörung, draußen haben wir die ganze Poesie des
Verfalls, den alten Zauber, der überall da waltet, wo die ewig junge
Natur das zerbröckelte Menschenwerk liebevoll in ihren Arm nimmt. Hohe
Park- und Gartenbäume, Kastanien, Pappeln, Linden, haben den ganzen
Bau wie in eine grüne Riesenlaube eingesponnen, und was die Bäume am
ganzen tun, das tun hundert Sträucher an hundert einzelnen Teilen.
Himbeerbüsche, von Efeuranken wunderbar durchflochten, sitzen wie
ein grotesker Kopfputz auf Säulen- und Pfeilerresten, Weinspaliere
ziehen sich an der Südseite des Hauptschiffs entlang, und überall in
die zerbröckelten Fundamente nestelt sich jenes bunte, rankenziehende
Gestrüpp ein, das die Mitte hält zwischen Unkraut und Blumen. So ist es
hier Sommer lang. Dann kommt der Herbst, der Spätherbst, und das Bild
wird farbenreicher denn zuvor. Auf den hohen Pfeilertrümmern wachsen
Ebereschen und Berberitzensträucher, jeder Zweig steht in Frucht, und
die Schuljugend jagt und klettert umher und lacht mit roten Gesichtern
aus den roten Beeren heraus. Aber wenn die Sonne unter ist, geben sie
das Spiel in den Trümmern auf, und wer dann das Ohr an die Erde legt,
der hört tief unten die Mönche singen. Dabei wird es kalt und kälter;
das Abendrot streift die Kirchenfenster, und mitunter ist es, als
stünde eine weiße Gestalt inmitten der roten Scheiben. Das ist das
weiße Fräulein, das umgeht, treppauf, treppab, und den Mönch sucht, den
sie liebte. Um Mitternacht tritt sie aus der Mauerwand, rasch, als habe
sie ihn gesehen, und breitet die Arme nach ihm aus. Aber umsonst. Und
dann setzt sie sich in den Pfeilerschatten und weint.
Und unter den Altangesessenen, deren Vorfahren noch unter dem Kloster
gelebt, ist keiner, der das weiße Fräulein nicht gesehen hätte. Nur
die reformierten Schweizer und alle die, die nach ihnen kamen, sehen
nichts und starren ins Leere. Die Alt-Lehninschen aber sind stolz auf
diese ihre Gabe des Gesichts, und sie haben ein Sprichwort, das diesem
Stolz einen Ausdruck gibt. Wenn sie einen Fremden bezeichnen wollen,
oder einen später Zugezogenen, der nichts gemein hat mit _Alt_-Lehnin,
so sagen sie nicht: „er ist ein Fremder oder ein Neuer,“ sie sagen nur:
„er kann das weiße Fräulein nicht sehen“.