Abt Hermann von 1335-1342

Abt _Sibold_ wurde etwa um 1190 oder etwas später von den umwohnenden

Wenden ermordet. Die Urkunden erwähnen dieses Mordes nicht, wie denn

überhaupt die ziemlich zahlreichen Pergamente aus der askanischen

Epoche lediglich Schenkungsurkunden sind. Es vergehen beinah anderthalb

hundert Jahre, bevor wieder ein Lehniner Abt mit mehr als seinem bloßen

Namen vor uns hintritt. Dieser Abt ist _Hermann von Pritzwalk_. Zwei

Urkunden von 1335 und 1337 erwähnen seiner; erst eine dritte indes,

vom Jahre 1339, gibt uns ein bestimmtes Bild des Mannes, freilich kein

schmeichelhaftes. Wie weit wir dieser Schilderung zu trauen haben, das

wollen wir nach Mitteilung des Hauptinhaltes der Urkunde, die sich als

ein Erlaß des Papstes _Benedikts_ XII. an die Äbte von Kolbatz, Stolp

und Neukampen gibt, festzustellen suchen.

Dieser Urkunde nach, die also nichts anderes ist, als ein päpstliches

Schreiben (Breve), erschien der Mönch _Dietrich von Ruppin_, ein

Mitglied des Lehniner Klosters, im Jahre 1339 vor Papst _Benedikt_ XII.

in Avignon und teilte demselben in Gegenwart des Konsistoriums mit,

daß durch „Anschürung des alten Feindes des Menschengeschlechts“ seit

etwa fünfzehn Jahren in Kloster Lehnin eine Trennung und Scheidung der

Mönche stattgefunden habe, dergestalt, daß die mächtigere Partei, die

sich die Loburgsche nenne, einen Terrorismus gegen die schwächere übe

und dieselbe weder zu Wort, noch am wenigsten zu ihrem Rechte kommen

lasse. An der Spitze dieser stärkeren Partei (der Loburgschen) hätten,

bei Bildung derselben, die drei Mönche _Theodorich von Harstorp_,

_Nikolaus von Lützow_ und _Hermann von Pritzwalk_ gestanden, die denn

auch, durch ihre und ihrer Partei Übergriffe und Machinationen, ohne

den kanonisch festgestellten Wahlmodus irgendwie inne zu halten, sich

nach einander zu Äbten des Klosters aufgeworfen hätten.

Unter der Regierung dieser drei Eindringlings-Äbte seien alsdann, von

den Anhängern der Loburgschen Partei, sowohl innerhalb wie außerhalb

des Klosters, die größten Verbrechen begangen worden. So sei unter

anderm ein Adliger aus der Nachbarschaft, mit Namen _Falko_, der zur

Zeit des Abtes _Nikolaus von Lützow_ im Kloster ein Nachtlager bezogen

habe, von verschiedenen Laienbrüdern des Klosters, darunter namentlich

der Anhang des damaligen Mönches, _jetzigen_ Abtes _Hermann_,

überfallen und samt seiner Begleitung ermordet worden. Als am andern

Morgen das Gerücht von diesem Morde die Klosterzellen erreicht habe,

sei _Hermann_ (genannt von _Pritzwalk_) mit seinem Anhang an den Ort

der Tat geeilt, und habe denn auch den Ritter _Falko_, sowie drei

seiner Begleiter bereits erschlagen, zwei andere Dienstmannen aber

schwer verwundet, im Bettstroh versteckt, vorgefunden. Mönch _Hermann_

habe nunmehr Befehl gegeben, auch diese Verwundeten zu töten. Die

Waffen _Falkos_ aber habe er als Beute an sich genommen und späterhin

vielfach gebraucht.

Dieser Mord, so heißt es in der Urkunde weiter, habe alsbald eine

mehr als zehnjährige Fehde hervorgerufen, in der durch die Anhänger

des Ritters Falko nicht nur drei Laienbrüder und viele Knechte und

Schutzbefohlene des Klosters getötet, sondern auch die Güter desselben

durch Raub, Brand und Plünderei verwüstet worden seien, so daß man

den Schaden auf über 60000 Goldgulden geschätzt habe. Während dieser

Fehden und Kriegszüge hätten die Mönche zu Schutz und Trutz beständig

Waffen geführt, so daß sie, ganz gegen die Ordensregel, im Schlafsaal

und Refektorium immer gewaffnet erschienen wären. An den Kämpfen selbst

hätten viele der ~Fratres~ teil genommen, andere, namentlich von den

Laienbrüdern, hätten das Kloster verlassen und ein anderes Obdach

gesucht.

Auch von den Hintersassen des Klosters seien Mord und Brand und Untaten

aller Art verübt worden, als deren moralische Urheber das umwohnende

Volk längst gewohnt sei, die Klosterbrüder anzusehen, weshalb denn auch

all die Zeit über der Notschrei zugenommen habe, daß die Lehninschen

Mönche vertrieben und durch Ordensbrüder von besserem Lebenswandel

ersetzt werden möchten. Bei Gelegenheit dieser Fehden und Kämpfe seien

übrigens die beweglichen und unbeweglichen Güter des Klosters vielfach

veräußert und verpfändet worden.

Die Urkunde berichtet ferner, daß ein Laienbruder, der bei der

Ermordung _Falkos_ mit zugegen war und hinterher den Mut hatte

auszusprechen, „daß dieser Mord auf Befehl des Abtes und seiner

Partei stattgefunden“, ins Gefängnis geworfen und innerhalb zehn

Tagen von den Mönchen der Loburgschen Partei ermordet worden sei. Das

päpstliche Schreiben meldet endlich, daß nach den Aussagen _Dietrichs

von Ruppin_, der an der Ermordung Falkos und der Seinen vorzugsweise

beteiligte Mönch _Hermann_ jetzt Abt des Klosters sei, wobei die

herrschende Mönchspartei von dem vorgeschriebenen Wahlmodus abermals

Umgang genommen und die gesetzlich geregelte Einführung unterlassen

habe. Abt _Hermann_, dessen Wahl jeder Gesetzlichkeit und Gültigkeit

entbehre, habe, wie sein Vorgänger, das Vermögen des Klosters

verschleudert, die Ordensregeln mißachtet und ein dissolutes Leben

geführt, und als besagter Abt endlich willens gewesen sei, ihn, den

„_Dietrich von Ruppin_“, wegen Dispenses und wegen Absolution für die

oben geschilderten Verbrechen an die päpstliche Kurie abzusenden,

habe er ihn -- lediglich weil er zuvor Rücksprache mit dem Abte eines

_anderen vorgesetzten_ Klosters genommen habe -- durch einige Mönche

und Konversen gefangen nehmen, in Eisen legen und neun Monate lang in

den Kerker werfen lassen, alles mit der ausgesprochenen Absicht, ihn

durch schwere Peinigungen vom Leben zum Tode zu bringen. Einen anderen

Konversen des Klosters aber, mit Namen _Geraldus_, habe Abt Hermann

wirklich töten lassen.

Die Urkunde schließt dann mit einer Aufforderung an die obengenannten

Äbte von Kolbatz, Stolp und Neukampen, den Fall zu untersuchen und

darüber zu befinden, damit die Angeklagten, wenn ihre Schuld sich

herausstellen sollte, vor dem päpstlichen Stuhle erscheinen und

daselbst ihren Urteilsspruch gewärtigen mögen.

Soweit der Inhalt der Urkunde von 1336. Ob die Äbte sich des mißlichen

Auftrags entledigt und, wenn so geschehen, welche Entscheidung sie

getroffen oder welchen Bericht sie an Papst _Benedikt_ gerichtet

haben, darüber erfahren wir nichts. Übrigens dürfen wir vermuten,

daß, gleichviel, ob die Untersuchung stattfand oder nicht, die Dinge

unverändert ihren Fortgang genommen haben werden. Und wahrscheinlich

mit Recht. Wir setzen nämlich in die Mitteilungen des Mönches

_Dietrich_ von Ruppin keineswegs ein unbedingtes Vertrauen und

vermuten darin vielmehr eine jener halbwahren Darstellungen, die meist

da Platz greifen, wo die Dinge von einem gewissen Parteistandpunkt

aus angesehen, oder, wie hier, Anklagen in zum Teil eigner

Angelegenheit erhoben werden. Abt _Hermann_ scheint uns weit mehr ein

_leidenschaftlicher Parteimann_ als ein Verbrecher gewesen zu sein.

Stellen wir alle Punkte von Belang zusammen, die sich aus den Aussagen

_Dietrichs_ von Ruppin ergeben, so finden wir

1) daß im Kloster zwei Parteien waren, von denen die stärkere die

schwächere terrorisierte und die Äbte aus ihrer, der Majorität, Mitte

wählte;

2) daß Ritter _Falko_ von der stärkeren oder Loburgschen Partei

ermordet wurde;

3) daß das Kloster nach Dispens und Absolution vonseiten des Papstes

verlangte, und

4) daß _Dietrich_ von Ruppin abgeordnet wurde, um die Absolution

einzuholen, wegen vorgängiger Plauderei aber ins Gefängnis geworfen

wurde.

Unter diesen vier Punkten involviert der zweite, die Ermordung

_Falkos_, ein schweres und unbestreitbares Verbrechen. Der Umstand

indessen, daß Abt _Hermann_ für sich und sein Kloster nach der

Absolution des Papstes verlangte, deutet darauf hin, daß das Geschehene

mehr den Charakter einer sühnefähigen Schuld als den einer schamlosen

Missetat hatte. Denn sollte die Gnade des Papstes angerufen werden,

so mußten notwendig Umstände vorauf oder nebenher gegangen sein, die

imstande waren, eine Brücke zu bauen und für die Schuld bei der Gnade

zu plaidieren. Solche entschuldigenden Umstände waren denn wohl auch

wirklich da und lagen, wie wir mehr oder weniger aus der Anklage selbst

entnehmen können, in dem Parteihaß, der eben damals die ganze Mark in

zwei Lager teilte. Es war die _bayrische Zeit_. Dies sagt alles. Es

waren die Tage, wo die Berliner den Propst von Bernau erschlugen und

die Frankfurter den Bischof von Lebus verjagten; es waren die Tage

des Bannes und des Interdikts, Tage, die _dreißig Jahre_ währten, und

in denen sich das Volk der Kirche so entfremdete, daß es verwundert

aufhorchte, als zum ersten Male wieder die Glocken durchs Land

klangen. Der alte Kampfesruf „hie Welf, hie Waibling!“ schallte wieder

allerorten und „bayrisch oder päpstlich“ klang es vor allem auch in der

Mark Brandenburg. Lehnin, gehegt und gepflegt vom Kaiser und seiner

Partei, war _bayrisch_, der märkische Adel, vielfach zurückgesetzt,

war _antibayrisch_. Aus diesem Zustande ergaben sich Konflikte

zwischen dem Kloster und dem benachbarten Adel fast wie von selbst,

und die Ermordung _Falkos_, die nach den Aussagen _Dietrichs_ von

Ruppin einfach als ein brutaler Bruch der Gastfreundschaft erscheint,

war möglicherweise nur blutige Abwehr, nur ein Rachenehmen an einem

Eindringling, der sich stark genug geglaubt hatte, den Klosterfrieden

brechen zu dürfen. Ritter _Falko_ und die Seinen, wenn sie wirklich

Gäste des Klosters waren, waren vielleicht sehr _ungebetene Gäste,

Gäste_, die sich nach eigenem Dafürhalten im Kloster einquartiert

hatten, vielleicht im Komplott mit der _Minorität_, die höchst

wahrscheinlich zum Papste hielt.[7]

Dies alles sind freilich nur Hypothesen. Aber wenn sie auch nicht

absolut das Richtige treffen, so lehnen sie sich doch an Richtiges an

und schweifen wohl nicht völlig in die Irre.

Was immer indes das Motiv dieses Mordes gewesen sein möge,

entschuldbarer Parteihaß oder niedrigste Ruchlosigkeit, so viel erhellt

aus dieser Überlieferung, daß die Kloster Lehninschen Tage nicht immer

interesselos verliefen, und daß, wenn wir dennoch im großen und ganzen

einer gewissen Farblosigkeit begegnen, der Grund dafür nicht darin zu

suchen ist, daß überhaupt nichts geschah, sondern lediglich darin, daß

das Geschehene nicht aufgezeichnet, nicht überliefert wurde.

Mönch _Hermann_, der mit seinem Anhang an die Stätte des Mordes

vordringt, die Verwundeten in ihren Strohverstecken tötet oder

töten läßt, dann selber, während zehnjähriger Fehde, in Schlafsaal

und Refektorium die Waffenrüstung Falkos trägt, -- das gibt schon

Einzelbilder, denen es keineswegs an Farbe fehlt, auch nicht an jenem

Rot, das nun einmal die Haupt- und Grundfarbe aller Geschichte ist.

Über den Ausgang des _Abtes Hermann_ erfahren wir nichts; sehr

wahrscheinlich, daß er noch eine Reihe von Jahren dem Kloster vorstand.

Erst 1352 finden wir den Namen eines Nachfolgers verzeichnet.

[7] Daß die Majorität des Klosters und dadurch das Kloster selbst

entschieden bayrisch war, ergibt sich unter anderm daraus, daß Papst

_Clemens_ in seiner Bannbulle am 14. Mai 1350 eigens Veranlassung

nahm, dem _Kloster seine Hinneigung zur Sache des bayrischen Hauses

vorzuwerfen_. Auch das Erscheinen des Klage führenden Mönchs vor dem

_Papst_, während ihm doch andere Tribunale, weltliche wie geistliche,

so viel näher gelegen hätten, spricht dafür, daß der zu verklagende

Abt _Hermann_, samt der Majorität des Klosters, (der Loburg-Partei)

_antipäpstlich_, d. h. also _bayrisch_ war.

Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil Havelland · 第 40 / 149 题