Abt _Sibold_ oder _Siboldus_ war der erste Abt von Lehnin, und in
derselben Weise, wie der älteste Teil des Klosters am besten erhalten
geblieben ist, so wird auch von dem ersten und ältesten Abt desselben
am meisten und am eingehendsten erzählt. Die Erinnerung an ihn lebt
noch im Volke fort. Freilich gehören alle diese Erinnerungen der Sage
und Legende an. Historisch verbürgt ist wenig oder nichts. Aber ob Sage
oder Geschichte darf gleichgültig für uns sein, die wir der einen so
gerne nachforschen wie der andern.
Abt _Sibold_, so erzählen sich die Lehniner bis diesen Tag, wurde von
den umwohnenden Wenden erschlagen, und im Einklange damit lesen wir
auf einem alten, halb verwitterten Bilde im Querschiff der Kirche:
„~Seboldus, primus abbas in Lenyn, a Slavica gente occisus.~“
Abt _Sibold_ wurde also erschlagen. Gewiß eine sehr ernsthafte
Sache. Die Geschichte seines Todes indessen wiederzugeben ist nicht
ohne eigentümliche Schwierigkeiten, da sich, neben dem Ernsten
und Tragischen, auch Tragikomisches und selbst Zweideutiges mit
hineinmischt. Und doch ist über diese bedenklichen Partien nicht
hinwegzukommen; sie gehören mit dazu. Es sei also gewagt.
Abt _Sibold_ und seine Mönche gingen oft über Land, um in den
umliegenden Dörfern zu predigen und die wendischen Fischerleute, die
zäh und störrisch an ihren alten Götzen festhielten, zum Christentum
zu bekehren. Einstmals, in Begleitung eines einzigen Klosterbruders,
hatte Abt _Sibold_ in dem Klosterdorfe Prützke gepredigt, und über
Mittag, bei schwerer Hitze heimkehrend, beschlossen Abt und Mönch, in
dem nahe beim Kloster gelegenen Dorfe Nahmitz zu rasten, das sie eben
matt und müde passierten. Der Abt trat in eines der ärmlichen Häuser
ein; die Scheu aber, die hier sein Erscheinen einflößte, machte,
daß alles auseinanderstob; die Kinder versteckten sich in Küche und
Kammer, während die Frau, die ihren Mann samt den andern Fischern
am See beschäftigt wußte, ängstlich unter den Backtrog kroch, der
nach damaliger Sitte nichts als ein ausgehöhlter Eichenstamm war.
Abt _Sibold_, nichts Arges ahnend, setzte sich auf den umgestülpten
Trog, die Kinder aber, nachdem sie aus ihren Schlupfwinkeln allmählich
hervorgekommen waren, liefen jetzt an den See und riefen dem Vater und
den übrigen Fischersleuten zu: „Der Abt ist da,“ zugleich erzählend,
in welch eigentümlicher Situation sie die Mutter und den Abt verlassen
hatten. Die versammelten Fischersleute gaben dieser Erzählung die
schlimmste Deutung, und der bittre Groll, den das Wendentum gegen die
deutschen Eindringlinge unterhielt, brach jetzt in lichte Flammen aus.
Mit wildem Geschrei stürzten alle ins Dorf, umstellten das Haus und
drangen auf den Abt ein, der sich, als er wahrnahm, daß ihm dieser
Angriff gelte, samt seinem Begleiter durch die Flucht zu retten suchte.
Der nahe Wald bot vorläufig Schutz, aber die verfolgenden Dörfler
waren ausdauernder als der ältliche und wohlbeleibte Abt, der es
endlich vorzog, einen Baum zu erklettern, um, gedeckt durch das dichte
Laubgebüsch desselben, seinen Verfolgern zu entgehen. Der Mönchsbruder
eilte inzwischen voraus, um Hilfe aus dem Kloster herbei zu holen. Abt
Sibold schien gerettet, aber ein Schlüsselbund, das er beim Erklettern
des Baumes verloren hatte, verriet sein Versteck und brachte ihn ins
Verderben. Wohl kamen endlich die Mönche und beschworen den tobenden
Volkshaufen, von seinem Vorhaben abzulassen. Der Säckelmeister bot
Geld, der Abt selbst, aus seinem Versteck heraus, versprach ihnen Erlaß
des Zehnten, dazu Feld und Heide, -- aber die wilden Burschen bestanden
auf ihrer Rache. Sie hieben, da der Abt sich weigerte herabzusteigen,
die Eiche um und erschlugen endlich den am Boden Liegenden. Die Mönche,
die den Mord nicht hindern konnten, kehrten unter Mißhandlungen
vonseiten der Fischersleute in ihr Kloster zurück und standen bereits
auf dem Punkte, wenige Tage später die Mauern desselben auf immer zu
verlassen, als ihnen, so erzählt die Sage, die Jungfrau Maria erschien
und ihnen zurief: ~Redeatis! Nihil deerit vobis~ (Kehret zurück; es
soll euch an nichts fehlen), Worte, die allen ein neues Gottvertrauen
einflößten und sie zu mutigem Ausharren vermochten. So die Tradition,
von der ich bekenne, daß ich ihr anfangs mißtraute. Sie schien mir
nicht den Charakter des zwölften Jahrhunderts zu tragen, in welchem das
Mönchtum, gehoben und miterfüllt von den großen Ideen jener Zeit, auch
seinerseits ideeller, geheiligter, reiner dastand als zu irgend einer
anderen Epoche kirchlichen Lebens. Auch jetzt noch setze ich Zweifel
in die volle Echtheit und Glaubwürdigkeit der Überlieferung und neige
mich mehr der Ansicht zu, daß wir es hier mit einer im Laufe der Zeit,
je nach dem Bedürfnis der Erzähler und Hörer, mannigfach gemodelten
Sage zu tun haben, der, namentlich im fünfzehnten Jahrhundert, wo der
Verfall des Mönchstums längst begonnen hatte, ein Liebes-Abenteuer,
oder doch der Verdacht eines solchen, statt des ursprünglichen Motivs,
nämlich des Rassenhasses, untergeschoben wurde.
Soweit meine Zweifel.
Auf der andern Seite deutet freilich (von der Backtrog-Episode und
andern nebensächlichen Zügen abgesehen) alles auf ein Faktum hin,
daß in seinem ganzen äußerlichen Verlauf, durch fast siebenhundert
Jahre, mit großer Treue überliefert worden ist. Eine Menge kleiner
Züge vereinigen sich, um es mindestens höchst glaubhaft zu machen, daß
Siboldus der erste Abt war, daß er wirklich von den Wenden erschlagen
wurde, daß sein Eintritt in ein Nahmitzer Fischerhaus das Signal zum
Aufstande gab, und daß er, auf der Flucht einen Baum erkletternd, auf
diesem Baume sein Versteck und endlich unter demselben seinen Tod
fand. Die Überlieferungen nun, die sich sämtlich auf diese Punkte hin
vereinigen, sind folgende:
Im Querschiff der Lehniner Kirche hängt bis diesen Tag ein altes
Bild von etwa drei Fuß Höhe und fünf Fuß Länge, auf dem wir in zwei
Längsschichten unten die Ermordung des Abtes, oben den Auszug der
Mönche und die Erscheinung der Jungfrau Maria dargestellt finden. Vor
dem Munde der Maria schwebt der bekannte weiße Zettel, auf dem wir
die schon oben zitierten Worte lesen: ~Redeatis, nihil deerit vobis.~
Rechts in der Ecke des Bildes bemerken wir eine zweite lateinische,
längere Inschrift, die da lautet:
~Anno milleno centeno bis minus uno
sub patre Roberto cepit Cistercius ordo.
Annus millenus centenus et octuagenus
quando fuit Christi, Lenyn, fundata fuisti
sub patre Siboldo, quam Marchio contulit Otto
Brandenburgensis; aprilis erat quoque mensis.
Hic iacet ille bonus marchravius Otto, patronus
istius ecclesiae. Sit, precor, in requie!
Hic iacet occisus prior abbas, cui paradisus
iure patet, Slavica quem stravit gens inimica.~
Zu deutsch etwa:
Im Jahre 1098 begann, unter dem Pater Robert, der
Zisterzienser-Orden. Als das Jahr Christi 1180 war, bist du, Lehnin,
gegründet worden unter dem Pater Siboldus, welches der Markgraf
_Otto_ von Brandenburg dotiert hat, es war auch der Monat April.
Hier ruhet jener gute Markgraf _Otto_, der Schützer dieser Kirche.
Er möge in Frieden schlafen. Hier ruht auch der erste gemordete Abt,
dem das Paradies mit Recht offen steht, den das feindselig gesinnte
Slavenvolk ermordet hat.
Diese Inschrift ist die Hauptsache, besonders durch die Form ihrer
Buchstaben. Das Bild selbst nämlich ist eine Pinselei, wie sie
von ungeschickten Händen in jedem Jahrhundert (auch jetzt noch)
gemalt werden kann, die Inschrift aber gehört einem ganz bestimmten
Jahrhundert an. Der Form der Buchstaben nach ist das Bild zu Anfang des
fünfzehnten Jahrhunderts gemalt, und so ersehen wir denn mit ziemlicher
Gewißheit aus diesem Bilde, wie man sich etwa um das Jahr 1400,
oder wenig später, im Kloster selbst die Ermordung des Abtes Sibold
vorstellte. Zweihundert Jahre nach seinem Tode konnte diese Tradition,
zumal bei den Mönchen selbst, durchaus noch lebendig und zuverlässig
sein. Die Sagen unterstützen den Inhalt dieses Bildes bis diesen Tag.
Ich sprach eingangs schon von einem Stücklein Poesie, das mit dem Tode
des Abtes verknüpft sei, und diese poetische Seite ist wirklich da.
Aber sie zeigt sich vielmehr in den gespenstigen Folgen der Untat, als
in dieser selbst.
In dem mehrgenannten Dorfe Nahmitz bezeichnet die Überlieferung auch
heute noch das Gehöft, in das damals der Abt eintrat. Das Haus selbst
hat natürlich längst einem anderen Platz gemacht, doch ist ein Unsegen
an der Stelle haften geblieben. Die Besitzer wechseln, und mit ihnen
wechselt die Gestalt des Mißgeschicks. Aber das Mißgeschick selber
bleibt. Das Feuer verzehrt die vollen Scheunen, böse Leidenschaften
nehmen den Frieden, oder der Tod nimmt das liebste Kind. So wechseln
die Geschicke des Hauses. Jetzt ist Siechtum heimisch darin. Die
Menschen trocknen aus, und blut- und farblos, jeder Freude bar, gehen
sie matt und müd' ihrer Arbeit nach.
Und wie die Tradition im Dorfe Nahmitz das Haus bezeichnet, so
bezeichnet sie auch in dem schönen Eichenwalde zwischen Nahmitz und
Lehnin die Stelle, wo der Baum stand, unter dem die Untat geschah. Der
Stumpf war jahrhundertelang zu sehen; daneben lag der abgehauene Stamm,
über den keine Verwesung kam und den niemand berühren mochte, weder
der Förster, noch die ärmsten Dorfleute, die Reisig im Walde suchten.
Der Baum lag da wie ein herrenloses Eigentum, sicher durch die Scheu,
die er einflößte. Erst im vorigen Jahrhundert kam ein Müller, der lud
den Stamm auf und sagte zu den Umstehenden: „Wind und Teufel mahlen
gut.“ Aus dem Stamm aber ließ er eine neue Mühlenwelle machen und
setzte die vier Flügel daran. Es schien auch alles nach Wunsch gehen zu
sollen und die Mühle drehte sich lustig im Winde, aber der Wind wurde
immer stärker und in der Nacht, als der Müller fest schlief, schlugen
plötzlich die hellen Flammen auf. Die Mühlwelle, in immer rascherem
Drehen, hatte Feuer an sich selber gelegt und alles brannte nieder.
„Wind und Teufel mahlen gut“, raunten sich anderen Tags die Leute zu.