man mir das Kind genommen.... Ich hatte doch sonst nichts .... ich
muß es wieder haben .... ich muß, ich muß..... Es hatte mich
gern, es war das einzige Wesen, das mir, das ganz zu mir gehörte ....
wie soll ich jetzt leben.... Sagt mir doch, wo es ist, sagt mir....«
Klagen und Schluchzen flossen zusammen in ein wirres und verzweifeltes
Reden, das immer leiser und sinnloser wurde und schließlich in ein
stumpfes Weinen verquoll. Wie wirre Blitze zuckten die Gedanken durch
dieses zermarterte Gehirn, das nicht Klarheit und Ruhe gewinnen konnte;
alle Empfindung und Betrachtung schwang in wahnsinnig kreisender Drehung
um diese eine schmerzhafte Idee, die nicht loszureißen war aus ihren
Reden, sondern mitschwang und mitkreiste, rastlos mit unbarmherziger
wirbelnder Kraft. Das unendliche stumme Meer ihrer suchenden Liebe
rauschte empor als verzweifelter und lauter Schmerz. Und die Worte
strömten wirr und heiß nieder, wie tropfendes und quellendes Blut aus
einer Wunde, die sich nicht schließen will. Verzagt schwieg der alte
Mann, der versucht hatte, diesen Schmerz mit sanften Worten zu stillen.
Die elementare Gewalt dieser Leidenschaft und ihre finstere Glut
schienen ihm stärker, als alle Kraft der Begütigung. Er wartete und
wartete. Manchmal schien der aufschäumende Strom zu stocken und die
Erregung sich zu mildern, aber immer und immer stieß ein Schluchzen
verlorene Worte empor, die halb Schrei und halb Weinen waren. Eine
reiche und blühende Seele verblutete in diesem Schmerz.
Endlich konnte er zu ihr sprechen. Aber Esther hörte ihn nicht. In ihren
feuchten und starren Augen stand ein einziges Bild, und ein Gedanke
erfüllte ihr Empfinden. Wie aus Fieberphantasieen stammelte sie fort.
»Wie lieb es lachte... Mir gehörte es ja nur, mir ganz allein.....
Diese vielen schönen Tage.... Ich war seine Mutter... Und ich soll
es nicht mehr haben... Wenn ich es nur sehen könnte, nur noch einmal
sehen..... Nur sehen, nur einmal.....« Und wieder verlosch die
Stimme in hilfloses Schluchzen. Langsam war sie von der Brust des alten
Mannes herabgesunken und umklammerte mit den matten, durchschauerten
Händen nur noch seine Kniee, ganz zusammengekauert in die fließende Flut
ihrer schwarzen Strähnen. Ihr zerknickter zuckender Körper mit dem
überwallten und versteckten Antlitz schien wie zerschmettert von
zornigem Schmerz. Und monoton, mit verlorenen erschlafften Gedanken
lallte sie das Wort immer wieder. »Nur sehen ... nur einmal
sehen ... nur einmal ..... nur sehen.«
Tief beugte sich der alte Mann zu ihr herab.
»Esther!«
Sie rührte nicht ein Glied. Die Lippen lallten noch die Worte weiter
ohne Sinn und Betonung. Er wollte sie emporheben; ihr Arm, den er faßte,
war kraftlos und ohne Regung wie ein abgebrochner Ast; schlaff fiel er
wieder zurück. Nur die Lippen stammelten eintönig und unbewußt ihren
traurigen Spruch weiter. »Nur einmal .... nur sehen ... nur einmal
sehen...«
Da überkam ihn ein seltsamer Gedanke in seiner suchenden Ratlosigkeit.
Er neigte sich zu ihrem Ohre. »Esther! Du sollst es sehen, einmal und so
oft du willst!«
Sie fuhr auf, wie aus einem Traum gerüttelt. Durch alle Glieder schienen
diese Worte zu fließen, denn jähe Bewegung erfaßte ihren Körper, und sie
richtete sich auf. Langsam schien die Klarheit wiederkehren zu wollen.
Noch war ihr der Gedanke nicht ganz klar, denn instinktiv glaubte sie
nicht an ein so großes Glück, das sich aus dem Schmerze wieder
erschließen sollte. Unsicher sah sie den alten Mann an, wie mit
schwankenden Sinnen. Sie begriff ihn nicht ganz und wartete auf seine
Worte. Alles war ihr so unklar. Aber er sprach nicht, er sah sie nur mit
gütiger Verheißung an und nickte ihr zu. Lind umfaßte er sie mit seinem
Arm, als hätte er Angst, ihr wehe zu tun. Es war also kein Traum und
nicht die Lüge eines Augenblicks. Ihr Herz schlug und schlug in wirrer
Erwartung. Willig wie ein Kind ging sie an ihn gelehnt, ohne ein Ziel zu
wissen. Aber er führte sie nur ein paar Schritte bis zur Staffelei. Und
mit rascher Bewegung löste er das hüllende Tuch von dem Bilde.
Im ersten Augenblicke blieb Esther reglos. Ihr Herz stand still wie
erstarrt. Aber dann stürzte sie gierig auf das Bild zu, als wollte sie
dieses liebe lächelnde rosige Kind aus dem Rahmen reißen, wieder zurück
ins Leben, um es zu wiegen und zu umschmeicheln, um die Zartheit seiner
unbeholfenen Glieder zu spüren und das Lachen um diesen kleinen
törichten Mund zu erwecken. Sie dachte nicht, daß dies nur ein Bild war,
ein Stück bemalter Wand, das nur der Traum des Lebens war, sie überlegte
nicht, sondern fühlte nur, und ihre Blicke flatterten in seligem
Rausche. Reglos blieb sie knapp vor dem Bilde stehen. Ein Zittern und
Reißen war in ihren Fingern, die sich sehnten, die blühende Weiche
dieses Kindes wieder erschauernd fühlen zu können, ein Brennen in ihren
Lippen, den erträumten Körper mit zärtlichen Küssen bedecken zu können.
Ein seliges Fieber durchlief ihren Leib. Und dann brachen die warmen
Tränen empor. Aber sie waren nicht mehr zornig und anklagend, sondern
wehmütig und beglückt, sie waren nur ein Quellen und Überquellen von
vielen seltsamen Gefühlen, die plötzlich ihre Seele erfüllten und
empordrängten. Leise löste sich der Krampf, der sie mit seinen harten
Händen umklammert, und eine unsichere, aber milde und versöhnliche
Stimmung hielt sie umschlungen und wiegte sie sanft und süß in einen
wachen, wunderbaren Traum, der ferne war von allen Wirklichkeiten.
Der alte Mann fühlte wieder jenes fragende Bangen in seiner Freude. Wie
wundersam war dieses Werk, daß es selbst diejenigen, die es geschaffen
und gelebt, so mystisch beseelte, wie unirdisch war diese sanfte
Erhebung, die ihm entstrahlte! War dies nicht wie die Bilder und Zeichen
der Heiligen, die man verehrte, und bei denen die Beladenen und
Bedrückten jählings ihren Schmerz vergaßen und heimgingen, von einem
Wunder geläutert und befreit? Und waren dies nicht heilige Flammen in
den Blicken dieses Mädchens, das ihr eigenes Bild besah, ohne Neugierde
und ohne Scham, sondern hingegeben und gottverloren? Er fühlte, es müsse
ein Ziel geben, zu dem so sonderbare Wege führten, es müsse ein Wille da
walten, der nicht blind sei, wie der seine, sondern hellsichtig und
aller seiner Wünsche Meister. Und wie fromme Glocken jubelten diese
Gedanken durch sein Herz, das sich erwählt dünkte für aller Himmel
leuchtende Gnade.
Vorsichtig nahm er Esther bei der Hand und führte sie weg vom Bilde. Er
sprach nicht, denn auch er fühlte das warme Quellen von Tränen, die er
nicht zeigen wollte. Ihm war, als ruhte auf ihrem Haupte noch ein warmer
fließender Glanz, wie im Madonnenbilde, und als sei in dem Zimmer bei
ihnen noch etwas Großes und Unsagbares, das mit unsichtbaren Schwingen
vorüberrauschte. Er sah in Esthers Augen. Sie waren nicht mehr verweint
und trotzig; nur ein sanfter spiegelnder Flor schien sie noch zu
überschatten. Alles schien ihm heller, milder und verklärter ringsum.
Wundernähe und Heiligkeit wollte sich ihm in allen Dingen offenbaren.
Lange blieben sie noch beide zusammen. Sie begannen wieder zu sprechen,
wie in alter Zeit, aber ruhiger und geklärter, wie zwei Menschen, die
sich nicht mehr suchen müssen, sondern sich ganz verstehen. Esther war
still geworden. Der Anblick dieses Bildes hatte sie seltsam berührt und
sie so selig gemacht, weil er ihr das Glück ihrer schönsten Erinnerung
wieder schenkte, weil sie ihr Kind wieder besaß, aber nun viel heiliger,
viel tiefer und mütterlicher als in der Wirklichkeit. Denn nun war es
nur ganz mehr Hülle ihres Traumes, ganz eigen und ganz ihre Seele. Nun
konnte es niemand mehr nehmen. Dies Bild gehörte ihr allein, wenn sie es
sah, und sie durfte es ja immer sehen. Gerne hatte der alte, von
mystischen Ahnungen durchschauerte Mann ihr die zage Bitte verstattet.
Nun hatte sie Tag für Tag gleiche Seligkeit und Lebensfülle, ihre
Sehnsucht mußte nicht mehr bangen und begehren; und diese kleine
blühende Gestalt, die den andern der Heiland der Welt war, war auch dem
einsamen Judenkinde unbewußt ein Gott der Liebe und des Lebens.
So kam sie noch einige Tage. Doch der Maler besann sich seines Auftrags,
den er beinahe vergessen hatte. Der Kaufherr kam, das Bild zu
betrachten, und auch ihn, der nichts von den heimlichen Wundern dieser
Schöpfung wußte, überwältigte die milde Form der Muttergüte und die
schlichte Weihe des ewigen Symboles in diesem Bilde. Begeistert drückte
er seinem Freunde die Hand, der alle Lobsprüche mit bescheidener und
frommer Gebärde zurückwies, als sei es nicht sein eigen Werk, vor dem er
stand. Und sie beschlossen nicht länger dem Altare seinen Schmuck
vorzuenthalten.
Am folgenden Tage schon schmückte das Bild den andern Altarflügel, der
verwaist gewesen. Und seltsam war nun dieses fremde Paar der beiden
Madonnen mit ihrer leichten Ähnlichkeit und so verschiedener Gebärde.
Wie zwei Schwestern schienen sie, von denen die eine noch der Süße des
Lebens sich vertrauend hingibt, während die andere schon die dunkle
Frucht des Schmerzes verkostet hat und die Schauer ferner Zeiten kennt.
Aber über beider Haupt leuchtete ein gleicher Schein, als ob über ihnen
Sterne der Liebe glühen würden, unter denen ihr Weg ein Leben lang ginge
durch Freude und durch Schmerzlichkeit.....
Und auch in die Kirche folgte Esther dem Bilde, als sei es ihr eigen
Kind, das sie hier finde. Langsam verrauschte die Erinnerung in ihr, daß
ihr das Wesen fremd war, und ein Mutterglaube erwachte, der einen Traum
zur Wahrheit werden ließ. Stundenlang lag sie hingestreckt vor dem
Bilde, wie eine Gläubige vor des Heilands Bild. Um sie lebte ein andrer
Glaube; die Glocken riefen mit ihren donnernden Zungen zu einer Andacht,
die sie nicht kannte, Priester, deren Worte sie nicht verstand, sangen
tiefe brausende Chöre, die wie dunkle Wellen die Kirche durchrauschten
und aufflogen in die mystische Dämmerung, die wie eine duftende Wolke
hoch, hoch über dem Gestühle hing. Und Frauen und Männer, deren Glauben
sie haßte, waren rings um sie, und ihre murmelnden Gebete überraunten
die leisen Zärtlichkeiten, die sie zu ihrem Kinde sprach. Aber sie
fühlte alles nicht, ihr Herz war zu verwirrt, um sich zu suchen und zu
erspähen; sie gab sich nur blind an diesen einen Wunsch hin, tagtäglich
ihr Kind zu sehen und dachte nicht mehr an die Welt. Die Stürme ihres
reifenden Blutes hatten sich geklärt, alle Sehnsüchte waren verloren
oder verströmt in diesen einzigen Gedanken, der sie immer und immer
wieder hin zu dem Bilde trieb, wie ein magnetischer Zauber, den keine
Kraft zu lösen vermag. Nie war sie so selig gewesen, wie in diesen
langen Stunden in der Kirche, deren erhabene Feierlichkeit und geheime
Wollust sie fühlte, ohne sie zu verstehen. Und ihr einziger Schmerz war,
daß ab und zu ein Fremder vor dem Bilde kniete und gläubig aufblickte zu
diesem Kinde, das doch nur ihr, ihr allein gehörte. Dann flackerte der
alte unbändige eifersüchtige Trotz wild in ihr auf, eine Wut brannte in
ihrer Seele, die sie zum Schlagen und zum Weinen treiben wollte; ihr
Sinn verwirrte sich mehr und mehr in solchen Augenblicken, sie wußte
nicht mehr zu scheiden zwischen dieser Welt und der ihres Traumes. Und
erst, wenn sie vor dem Bilde hingestreckt ruhte, kam wieder die große
Stille in ihr Herz. --
So war der Frühling mild und gütig gegangen, in dem sich die Schöpfung
vollendet hatte, und es schien, als wollte nun der Sommer nach all den
Stürmen und Blüten ihr die große, feierliche Mutterstille schenken. Die
Nächte wurden warm und hell, aber das Fieber war gewichen, und sanfte
zärtliche Träume neigten sich nieder auf Esthers Haupt. Nun schien ihr
Leben geklärt zu sein, ein gleiches Wiegen zwischen gleichen Stunden im
Rhythmus friedlicher Leidenschaft, und alle Ziele, die im Dunkel sich
verloren, wollte ihre hellen Wege deuten weit, weit in die Zukunft
hinein.
* * * * *
Die Sommertage brachten endlich ihre leuchtendste Blüte, das Marienfest,
Flanderns schönsten Tag. Über die goldenen Felder, die sonst emsige
Arbeitsmühe erfüllt, schreiten die langen geschmückten Prozessionen mit
wehenden Wimpeln und sich bauschenden Fahnen. Wie eine Sonne leuchtet
die Monstranz über die Saaten, welche des Priesters erhobene Hände
segnen, und von betenden Stimmen ist so sanftes Gebrause, daß die Garben
erzittern und sich demütig neigen und neigen. Hoch aber in den Lüften
rufen die hellen Glocken unaufhörlich in die Ferne, und von
weitherüberleuchtenden Kirchentürmen antworten die freudigen
Freundesstimmen, und ihr jubelndes Schwingen ist gewaltig, als ob die
Erde selbst singen würde und die trotzigen Wälder und das rauschende
Meer.
Und dieser Glanz strömt aus dem blühenden Lande in die Stadt und
überspült die drohenden Mauern. Das trostlose Gelärme der Handwerker
verstummt, die keuchenden Stimmen des Tagwerks schweigen; nur Spielleute
ziehen mit Pfeife und Dudelsack von Gasse zu Gasse und in ihr fröhlich
Musizieren jauchzen die hellsilbernen Stimmen der tanzenden Kinder. Die
seidenen Gewande, die in den bergenden Spinden das ganze Jahr
verträumen müssen, leuchten mit ihrem vergilbten Putz der Sonne
entgegen; feiertäglich geschmückt einen sich plaudernde Gruppen zum
Kirchgange. In dem Dome aber, dessen ladende Pforten mit blauen
Weihrauchwellen und duftender Kühle die Frommen empfangen, blüht ein
Frühling von gestreuten Blumen und üppigen Guirlanden, die sorgsame
Hände um Bilder und Altäre gebreitet. Tausende von Kerzen durchleuchten
mit magischem Licht dieses duftende Dunkel voll Orgelbrausen und Gesang,
aus Tiefen und Höhen zittert geheimnisvolles Leuchten und mystische
Dämmerung.
Und dann scheint plötzlich diese fromme und fürchtige Stimmung sich auf
die Straßen zu ergießen. Ein Zug Andächtiger formt sich, die Priester
heben das vielberühmte Marienbildnis des Hauptaltars, das gleichsam
umrauscht ist von den Gerüchten vieler vollbrachter Wunder, auf ihre
Schultern und eine feierliche Prozession beginnt. Und mit dem Bilde
tragen sie gleichsam die Stille unter die lärmenden Gestalten der
Straße, denn ein Schweigen und Neigen geht durch die Menge. Und so zieht
eine breite Furche der Andacht hinter dem Bildnis her, bis es wieder
zurückgelangt in die tiefe und kühle Kirche, die es in ihr duftendes
Grab aufnimmt.
In diesem Jahre aber überschatteten trübe Wolken die fromme Feier. Seit
Wochen lastete ein dumpfer Druck über dem Lande, dunkle und unbestätigte
Nachrichten mehrten sich, daß die alten Privilegien für null und nichtig
erklärt werden sollten. Die Geusen und Protestanten begannen sich zu
regen. Böse Gerüchte kamen aus dem Lande: von den protestantischen
Predigern, die vor Tausenden auf freien Plätzen vor den Städten
predigten und den bewaffneten Bürgern das Abendmahl reichten. Spanische
Soldaten waren überfallen worden, und beim Sange der Genfer Psalmen
sollten Kirchen gestürmt worden sein. Noch war alles dies unverbürgt,
aber man fühlte das heimliche Flackern eines werdenden Brandes, und der
bewaffnete Widerstand, den die Besonnenen in ihren Stuben bei heimlicher
Beratung planten, artete in jähen Trotz und Unbotmäßigkeit aus bei den
vielen, die nichts zu verlieren hatten.
Der Festtag hatte jene erste schmutzige Welle nach Antwerpen gespült,
jenen heillosen Pöbel, der nie geeint ist und sich nur bei Revolten
plötzlich zusammenrottet. Finstere Gestalten, die niemand kannte,
tauchten mit einem Male in den Schenken auf, fluchten und drohten wild
den Spaniern und den Pfaffen. Aus den Winkeln und verrufenen Gäßchen
quoll seltsames tagscheues Volk mit trotzigem und gereiztem Gebaren. Die
Händel mehrten sich. Ab und zu gab es kleine Zusammenstöße, aber sie
griffen nicht über in die allgemeine Erregung, sondern erloschen wie
einsam aufzischende Funken. Noch hielt der Prinz von Oranien strenge
Zucht und überwachte dieses habgierige zanksüchtige und böswillige
Gesindel, das nur um des Gewinnes willen mit den Protestanten gleiche
Sache machte.
Die große und prunkvolle Feierlichkeit der Prozession reizte nur den
Grimm der unterdrückten Instinkte. Zum ersten Mal mischten sich derbe
Scherzworte in den Sang der Gläubigen, blinde Drohungen flatterten auf
und höhnisches Lachen. Manche sangen den Text des Geusenliedes auf die
fromme Melodie, ein junger Bursch ahmte zum Gaudium seiner Genossen mit
quäkender Stimme den Prediger nach, andere grüßten das Bildnis mit
koketter Hutschwenkung, wie eine geminnte Dame. Die Soldaten und die
wenigen Gläubigen, die sich zur Feier gewagt hatten, waren machtlos und
mußten mit verbissenen Zähnen den Spott ertragen, der immer übermütiger
wurde. Und immer ungebärdiger wurde das ungezügelte Volk, seitdem das
Bewußtsein seiner trotzigen Kraft erwacht war. Fast alle schon gingen in
Waffen. Und der finstere Wille, der sich jetzt nur in Flüchen und
wuchtigen Drohungen Bahn brach, begehrte nach Taten. Wie eine
Gewitterwolke lastete diese drohende Unruhe am festlichen Tage und an
den folgenden über der Stadt.
Die Frauen und die Besorgteren unter den Männern hüteten seit den
ärgerlichen und gefahrdrohenden Szenen bei der Prozession das Haus. Dem
Pöbel und den Protestanten gehörte die Straße nunmehr allein. Auch
Esther war daheim geblieben in den letzten Tagen. Aber sie wußte von all
diesen Stürmen und Geschehnissen nichts. Sie merkte dumpf, daß sich mehr
und mehr in der Schenke die Menschen drängten, daß sich kreischende
Dirnenstimmen in den erregten Chor der streitenden und fluchenden Männer
mischten, sie sah rings verstörte Frauengesichter und heimlich
tuschelnde Gestalten, aber eine dumpfe Lässigkeit allen Dingen gegenüber
erfüllte sie dermaßen, daß sie nicht einmal ihren Ziehvater darum
fragte. Sie dachte nur mehr an das Kind, an jenes Kind, das längst in
ihren Träumen das ihre geworden war; alle Erinnerung verdämmerte in
diesem einen Bilde. Nicht mehr fremd schien ihr die Welt, sondern
wertlos, weil sie ihr nichts zu geben hatte; in dem Kindesgedanken
verlor sich ihre liebende Hingebung und das glühende Gottesbedürfnis
ihrer Jahre. Nur die eine Stunde, da sie sich zu dem Bilde, das ihr Gott
und Kind zugleich war, hinschlich, atmete sie wirkliches Leben, sonst
war ihr Tun und Treiben nur das sehnsüchtige Irren einer Verträumten,
die an den Dingen wie eine Mondsüchtige vorübergeht. Tag für Tag und
einmal auch eine lange und von heißen Düften schwere Sommernacht, da sie
verstohlen aus dem Hause geflüchtet war und sich in die Kirche hatte
einschließen lassen, lag sie auf den Knieen vor diesem Bilde, das ihre
unwissende Seele sich zum Gott gekrönt.
Und diese Tage lasteten schwer auf ihr, denn sie versperrten ihr den Weg
zu ihrem Kinde. Während des Marienfestes erfüllten festliche Mengen die
hohen Gänge und das orgelbrausende Kirchenschiff; gekränkt und demütig
wie eine Bettlerin mußte sie sich aus dem Gewirre der Frommen wieder zum
Ausgange wenden, denn Gläubige umstanden unablässig an diesem Tage die
Marienbilder, und sie mußte fürchten erkannt zu werden. Traurig und fast
verzweifelt ging sie zurück und fühlte all die schwere Sonnenhelle des
Tages nicht, weil ihr der Anblick des Kindes versagt war. Neid und Zorn
packte sie beim Anblicke der unablässig heranpilgernden Scharen, die in
frommer Wallfahrt durch die hohe Pforte der Kathedrale in das blaue
duftende Dunkel traten.
Und trauriger wurde ihr noch der nächste Tag, da man es ihr versagte,
auf die mit gefährlichen Gestalten durchzogene Straße zu gehn. Ihre
Stube, zu der der Lärm der Schenke aufbrauste wie ein dicker häßlicher
Qualm, wurde ihr unerträglich. Ihrem verwirrten Herzen war ein Tag, da
sie das Kind auf dem Bilde nicht sehen durfte, wie eine dunkle finstere
Nacht ohne Schlaf und ohne Träume, eine Nacht nur mit Qual, Dunkel und
Sehnsucht angefüllt. Noch war sie nicht stark genug, eine Entbehrung zu
tragen. Spät abends, als ihr Ziehvater in der Schenke mit seinen Gästen
saß, stieg sie ganz leise und behutsam die Treppen hinunter. Sie tastete
an die Pforte und atmete auf: sie war offen. Leise und schon mit einem
linden Gefühle lang entbehrter Lust schlüpfte sie durch die Türe und
eilte der Kathedrale zu.
Die Straßen, die sie im Laufen durchmaß, waren dunkel und voll dumpfen
Gedröhnes. Allerorts hatten sich einzelne Scharen zusammengerottet, und
die Nachricht von der Abreise des Prinzen von Oranien hatte alle
zügellosen Gewalten entfesselt. Die drohenden Worte, die tagsüber nur
einzeln und unüberlegt aufgezuckt waren, klangen jetzt wie Kommandorufe.
Dazwischen heulten die Trunkenen und sangen die Begeisterten die
Rebellionslieder, daß die Fenster dröhnten. Die Waffen wurden nicht mehr
versteckt, Beile und Haken, Schwerter und Pflöcke blitzten im unruhigen
Fackelschein; wie eine gierige Flut, die nur noch minutenlang zögert,
alle Dämme mit Schaum und Wogen zu überspringen, so ballten sich diese
finsteren Massen zusammen, denen niemand zu wehren wagte.
Esther hatte nicht acht auf diese ungebärdige Schar, ob sie auch im
Vorbeischlüpfen einmal einen rohen Arm zurückstoßen mußte, der nach
ihrem hüllenden Kopftuche neugierig und begehrlich griff. Sie fragte gar
nicht, warum solche Raserei plötzlich die Rotten erfüllte, deren Treiben
und Rufen sie nicht verstand; nur Ekel und Angst überkam sie, und ihr
Schritt beschleunigte sich mehr und mehr, bis sie endlich atemlos vor
der hohen, mit weißen Mondschleiern überwebten Kathedrale stand, die
tief in die Schatten der Häuser gebettet schlief.
Beruhigt und mit einem leise erschauernden Beben trat sie bei einer
Seitenpforte ein. Es war ganz dunkel in den hohen lichtlosen Gängen,
nur um die mattfarbigen Scheiben zitterte ein mystisches mondsilbernes
Licht. Menschenverlassen war das Gestühle. Kein Schatten schwankte in
den weiten atemstillen Räumen, und die Heiligengestalten standen vor den
Altären in schwarzem reglosen Erz. Und wie leise aufzuckendes
Glühwurmblinken flackerte aus der Tiefe, die endlos schien, das
schwankende Leuchten des ewigen Lichtes über den Kapellen. Alles war
heilig und still in dieser unbewegten Ruhe, so daß sie, erfüllt von der
schweigsamen Majestät des Raumes, ihre tappenden Schritte fürchtig
dämpfte. Mühsam tastete sie sich so zum Seitengange durch und ließ sich
erschauernd, mit einem unendlichen und doch mystisch gedämpften Jubel
vor dem Bilde nieder, das in dem fließenden Dunkel aus dichten und
duftenden Wolken herabzublicken schien, unendlich nah und unendlich
ferne. Und nun dachte sie nicht mehr. Es war wie immer: das ganze
wirr-sehnsüchtige Fühlen ihrer werdenden Mädchenseele zerspann sich in
phantastische süße Träume, die Inbrunst schien allen ihren Fibern zu
entströmen und sich als berauschende Wolke ihrer Stirn zu umschmiegen.
Wie ein süßes und sanft betäubendes Gift waren diese langen Stunden
vereinter unbewußter Gläubigkeit und unbewußter Liebessehnsucht, sie
waren eine dunkle Quelle, die selige Hesperidenfrucht, die alles
göttliche Leben erhält und nährt. Denn in diesen süßen, haltlosen und
wollustdurchschauerten Träumen war alle Seligkeit. Einsam pochte ihr
erregtes Herz in die große Stille der leeren Kirche. Vom Bilde kam ein
ganz leichter, heller, gleichsam silberdunstiger Glanz, wie von einem
tief innen strahlenden Lichte, aber sie erkannte ihr Kind in den
ekstatischen Träumen, die sie von den frierenden kalten Stufen
emportrugen in eine milde warme Sphäre erträumten Lichtes. Längst wußte
sie nicht mehr, daß dies ein fremdes Kind gewesen sei, das sie nur
gekannt. Sie träumte den Gott in ihm und den Gott einer jeden Frau, das
eigene blutwarme Wesen ihres Leibes; dumpfe Gottessehnsucht, sucherische
Ekstatik und werdende Muttersehnsucht spannen zusammen das lügnerische
Netz ihres Lebenstraumes. Für sie war nun Helle in dieser lastenden
breiten Dunkelheit, ein zartes Tönen harfte auf in der schauernden
Stille, die nichts wußte von Menschenwort und Uhrenschlag. Über ihren
hingestreckten Körper ging die Zeit mit unhörbaren Schritten...