unablässigen Haschen, und auch Esther war befremdet, wie sie den alten
Mann plötzlich mit fieberhafter Glut und geröteten Wangen arbeiten sah;
wieder war in seinem Antlitz die gleiche visionäre Helle, wie an dem
Tage, da er von Gott und seinen tausendfältigen Wundern zu ihr
gesprochen hatte, und wieder fühlte sie begeistertes Erschauern für die
Größe, die sich so ganz in die schöpferischen Welten verlieren konnte.
Und in dieses umfassende Gefühl verlor sich ganz die kleine Beschämung,
daß sie der Maler in dem Augenblicke überrascht hatte, da sie ganz von
dem Anblick des Kindes erfüllt war. Sie sah nur eine Fülle des Lebens;
und die Vielfältigkeit und Größe solcher Momente ließen sie immer jenes
Erstaunen wiederempfinden, das sie zuerst gefühlt, als ihr der Maler die
Bilder ferner und unbekannter Menschen, traumhaft schöner Städte und
üppiger Landschaften gezeigt hatte. Und die Armut ihrer eigenen Tage und
der monotone Gleichklang ihrer seelischen Erlebnisse färbten sich am
Rausche des Fremden und von der Pracht des Fernen. Aber eigene
Schöpfersehnsucht brannte tiefinnerst in ihrer Seele, wie ein
verborgenes Licht im Dunkeln, von dem niemand weiß.
Dieser Tag war eine Wende in Esthers und des Bildes Schicksal. Der
Schatten war gesunken. Nun ging sie mit hellen und hastenden Schritten
zu jenen Stunden, die ihr so flüchtig schienen, weil sie eine wechselnde
Reihe kleiner Erlebnisse aneinander ketteten, deren jedes ihr bedeutsam
war, da sie den Wert des Lebens nicht kannte und sich reich glaubte mit
den kleinen kupfernen Münzen unwertiger Begebnisse. Unmerklich trat die
Gestalt des alten Mannes in den Hintergrund gegen den unbehilflichen
kleinen rosigen Körper des Kindes. Ihr Haß war jählings in eine wilde
und fast gierige Zärtlichkeit umgeschlagen, wie sie Mädchen oft gegen
Kinder und kleine Tiere haben. Ihr ganzes Wesen erschöpfte sich in
Beobachtung und Liebkosung, unbewußt lebte sie den erhabensten Gedanken
der Frau, die Mutterschaft, in einem hingebenden leidenschaftlichen
Spiel. Der Zweck ihres Besuches entglitt ihr. Sie kam, setzte sich mit
dem kleinen blühenden Kinde, das sie bald erkannte und das ihr drollig
entgegenlachte, in den breiten Lehnstuhl und begann ihre innigen
Tändeleien, ganz vergessend, daß sie um des Bildes willen gekommen und
daß sie einst dieses nackte Kind wie einen Druck und eine Last empfunden
hatte. Das schien ihr so ferne, wie einer ihrer unzähligen falschen und
verlogenen Träume, die sie früher in der dunklen traurigen Gasse in
langen Stunden emsig aneinander gesponnen hatte, und deren Gewebe
zerflatterte beim ersten vorsichtigen Atemzuge der Wirklichkeit. Und nur
in diesen Stunden glaubte sie auch jetzt noch zu leben; ihr Verweilen zu
Hause war ihr eine Fremde, wie die Nacht, in die man schlafend
hinabtaucht. Wenn sie mit ihren Fingern die dicken fleischigen Händchen
des Kindes umfaßte, fühlte sie, daß dies kein blutloser Traum war. Und
das Lächeln war keine Lüge, das ihr aus diesen blauen großen Augen
entgegenblinzelte. Das war alles Leben, und sie verzehrte sich in einer
inneren Gier nach Verschwendung an die Welt, die ein reiches und
unbewußtes Erbteil ihres Stammes war und nach Hingebung, der fraulichen
Sehnsucht, ehe sie noch Weib war. In diesem Spiel barg sich schon der
Keim tieferen Verlangens und tieferer Lust. Aber noch war alles ein
tändelnder Reigen zärtlicher Einfälle und inniger Bewunderung,
spielender Anmut und törichten Traums. Wie Kinder die Puppen schaukeln,
so wiegte sie dieses Kind, aber sie träumte dabei, wie Frauen und Mütter
träumen, -- in eine süße zärtliche grenzenlose Ferne.
Der alte Mann fühlte die Wandlung mit der ganzen Fülle seines wissenden
Herzens. Er spürte, daß er ihr ferner wurde, nicht fremder, und daß er
nicht mehr in ihrem Wunsche stand, sondern schon abseits, wie eine milde
Erinnerung. Und er freute sich dieses Umschwungs, so sehr er auch Esther
liebte, denn er sah junge starke und gütige Triebe in ihr, von denen er
hoffte, daß sie schneller die Trotzigkeit und Verschlossenheit ihrer
ererbten Art zerbrechen würden als sein Bemühen. Und er wußte, daß ihre
Liebe an ihn, den Alten, Absterbenden Verschwendung war, während sie in
junges Leben Segnung und Verheißung tragen konnte.
Wunderbare Stunden verdankte er dieser erwachten Zärtlichkeit Esthers zu
dem Kinde. Viele Bilder von bezwingender Schönheit formten sich vor ihm,
alle Paraphrasen eines einzigen Gedankens und doch alle verschieden.
Bald war es ein zärtliches Spiel: Esther mit dem Kinde tändelnd, selbst
ganz Kind in ihrer unbändigen Mitfreude, geschmeidige Bewegungen ohne
Härte und Leidenschaft, milde Farben in sanfter Vereinung, zärtliches
Zusammenfließen zarter Formen. Und dann wieder Augenblicke der Stille,
wenn das Kind träge auf dem weichen Schoße eingeschlafen war und die
schmalen Hände Esthers über ihm wachten wie zwei Engel, wenn in ihren
Augen jene zärtliche Freude seligen Besitzes aufglänzte und die
verschwiegene Leidenschaft, das schlafende Antlitz mit Zärtlichkeiten zu
erwecken. Dann wieder Sekunden, da sich die vier Augen ineinander
einsenkten, unwissend, unbewußt und suchend die einen, innig hingebend
und selig leuchtend die andern. Dann waren wieder Momente entzückender
Verwirrungen, wenn das Kind mit seinen unbehilflichen Händen an der
Brust des Mädchens emportastete, von der es die mütterliche Spende
erwartete; dann rötete wieder die Scham Esthers Wangen wie rosiges
Licht, aber es war keine Angst mehr, die sie erfüllte, und kein Unwille,
sondern nur eine verlegene Aufwallung, die in ein beglücktes Lächeln
zerrann.
Und diese Tage wurden die Schöpferstunden des Bildes. Aus tausend
Zärtlichkeiten schuf er eine, aus tausend tändelnden, beseligten,
ängstlichen, glücklichen, innigen Blicken einen Mutterblick. Ein stilles
großes Werk wuchs empor. Ganz schlicht war es. Ein spielendes Kind und
eines Mädchens sanft sich niederneigendes Haupt. Aber die Farben waren
mild und klar, wie er sie nie gefunden, und die Formen standen so scharf
und klar, wie dunkle Bäume gegen die heilige Glut des Abends. Es war,
als müßte irgend ein inneres Licht verborgen sein, von dem sich jene
geheime Helle entzünde, eine Luft in ihm weben, die weicher,
umschmeichelnder und klarer sei als die aller irdischen Welt. Nichts
Überirdisches war darin und doch eine heimliche Mystik des Lebens, das
es geschaffen. Denn zum ersten Mal fühlte der alte Mann, der in seiner
langen emsigen Schaffenszeit stets sorglich Strich an Strich gesetzt,
ein inneres Wachsen und Werden an seinem Bilde, von dem er nichts wußte.
Wie in der alten Volksmäre die zauberischen Geister ihre Werke
erschufen, verborgen und doch mit so schaffender Eile, daß des Morgens
die Menschen mit staunenden Augen die nächtige Vollendung schauten, so
fühlte der Maler, wenn er nach Minuten schöpferischen Rausches vom Bilde
zurücktrat und es mit prüfendem Auge betrachtete. Wieder pochte der
Gedanke des Wunders an sein Herz, das kaum noch zögerte, ihm Einlaß zu
gewähren. Denn dieses Werk schien ihm nicht nur seines ganzen Ringens
leuchtende Blüte, sondern etwas viel Ferneres und Höheres, das sein
niederes Werk nicht würdig sei zu tragen, wenn auch als seine Krönung.
Und seines Schaffens Heiterkeit senkte sich tiefer und wurde fürchtige
Stimmung, ein Bangen vor diesem eigenen Werk, in dem er sich nicht mehr
wieder zu erkennen wagte.
So wurde auch er Esther ferner, denn sie schien ihm nur die Mittlerin
des irdischen Wunders, das er vollbracht. Mit alter Güte behütete er
sie, aber seine Seele erfüllte sich wieder mit den frommen Träumen, die
er schon ferne geglaubt. Die schlichte Kraft des Lebens ward ihm mit
einem Male so wunderbar. Wer konnte ihm Antwort geben? Die Bibel war alt
und heilig, sein Herz aber irdisch und stand noch tief im Leben. Durfte
er da fragen, ob die Schwingen Gottes hinabrauschten bis in diese Welt?
Gingen noch heute Zeichen Gottes durch die Welt, oder waren es nur
schlichte Wunder des Lebens?
Der alte Mann überhob sich nicht, da Antwort wissen zu wollen, so
Seltsames auch in seinem Leben geschah. Aber er war seiner selbst nicht
mehr so sicher wie einst, da er an das Leben glaubte und an Gott und
nicht nachsann, wer die Wahrheit war. Und jeden Abend umhüllte er
sorglich das Bild. Denn einmal in diesen Tagen, als er heimgekehrt war
und der silberne Schein des Mondes segnend über dem Bilde hing, da war
es ihm, als hätte die Gottesmutter ihm ihr Antlitz enthüllt. Und wenig
fehlte, daß er sich betend hingeworfen hätte vor seinem eigenen
Werk.....
* * * * *
In diesen Tagen aber geschah noch ein anderes im Leben Esthers, das
nichts Seltsames und Unwahrscheinliches war, aber doch wie ein
aufwirbelnder Sturm bis in die Tiefen ihres Lebens hinabgriff, daß sie
erschauerten in wildem und unverständlichem Schmerz. Sie fühlte die
ersten Mysterien der Reife und ward Weib aus einem Kinde. Viel ratlose
Verwirrung erfüllte ihre Seele, die niemand führte und unterwies, die
einsam einen wundersamen Weg zwischen tiefen Dunkelheiten und mystischem
Leuchten ging. Und viel Sehnsucht ward wach, die keinen Weg wußte. Ihr
unbändiger Trotz, der früher allen Gespielen abweisend ausgewichen war
und jedes unnötige Wort mit ihrer Umgebung vermieden hatte, brannte wie
ein Fluch in diesen Tagen dunkler Verlorenheit. Denn so fühlte sie nicht
die heimliche Süße, die in diesem Werden sich birgt, wie eine Saat,
deren Fülle noch ferne ist, und nur der dumpfe, irre und so einsame
Schmerz blieb zurück. Und in diese Unwissenheit glänzten die Legenden
und Wunder, von denen der alte Mann ihr erzählt, wie verführerische
Lichter, denen ihre Träume in die unsinnigsten Möglichkeiten gierig
folgten. Die Erzählung von der milden Frau, deren Bild sie gesehen, die
Mutter ward nach wundersamer Verkündigung, durchbebte sie mit einer
jähen und fast freudigen Angst. Und doch wagte sie nicht zu glauben,
denn noch von anderem war da gesprochen worden, das sie nicht verstand.
Aber sie meinte, daß in ihr selbst irgend ein Wunder wirke, weil sie
sich so verändert fühlte in ihrem ganzen Empfinden, weil die Welt und
alle Menschen um sie mit einem Male anders zu sein schienen, tiefer,
seltsamer und voll geheimer Triebe. Alle Dinge schienen zusammen zu
gehören und ein inneres Leben zu haben, das sich entgegendrängte und
wieder zurückstieß, eine Gemeinsamkeit, von der sie nicht wußte, wo sie
sich berge; ihr schien alles zusammenzuhalten, was so vereinzelt stand.
Und sie selbst fühlte diese innere Kraft, die sie hineinzog in das Leben
und zu den Menschen, aber sie war unsinnig und wußte nicht, wohin sie
sich wenden sollte und hinterließ nur diesen gleichen drängenden,
pressenden und quälenden Schmerz unverbrauchter Sehnsucht und
unterbundener Kraft.
Was Esther bisher unmöglich erschienen, versuchte sie jetzt in
verzweifelten Stunden, wenn ihre Verlorenheit sich erkannte und die
Sehnsucht nach einem Dinge, an das sie sich anklammern könnte, ihr Herz
überwältigte. Sie sprach mit ihrem Ziehvater. Bisher war sie ihm
ausgewichen, instinktiv, weil sie die Ferne fühlte, die zwischen ihnen
war. Aber nun stieß sie dieser blinde Drang über die Schwelle. Sie
sprach mit ihm von allen Dingen, erzählte ihm von dem Bilde, griff tief
in sich hinein, um aus diesen Stunden etwas emporraffen zu können, was
ihm von Wert sein könnte. Und der Wirt, sichtlich erfreut über diese
Wandlung klopfte ihr derb begütigend auf die Wangen und hörte zu.
Manchmal warf er ein Wort drein, aber es war so lässig und unpersönlich
wie die Gebärde, mit der er den zerkauten Tabak zur Erde spuckte.
Schließlich erzählte er selbst in seiner ungeschickten Weise, was gerade
vorgegangen war, aber Esther horchte vergebens. Er wußte ihr nichts zu
sagen, er versuchte es gar nicht. Alle Dinge schienen nur bis an seinen
Körper heranzukommen und nichts nach innen zu fließen, eine
Gleichgültigkeit gegen alles schlug ihr aus seinen Worten entgegen, die
sie mit Ekel erfüllte. Was sie früher nur dumpf geahnt, wußte sie jetzt:
es gab keinen Weg von solchen Menschen zu ihr und ihrer Seele. Es gab
ein Nebeneinandersein, aber kein Erkennen, eine Öde und kein
Verständnis. Und er schien ihr noch der beste von all den Menschen, die
in dieser traurigen Kneipe aus und ein gingen, weil eine gewisse biedere
Derbheit in ihm war, die in manchen Augenblicken sogar Herzlichkeit
werden konnte.
Diese Enttäuschung aber konnte die drängende Kraft dieser unbändigen
Sehnsucht nicht zerbrechen und die ganze Wucht strömte wieder zu den
beiden Wesen zurück, die Aufgang und Niedergang ihres Tages umspannten.
Sie zählte die einsamen Stunden der Nacht, die sie noch vom Morgen
entfernten, mit Inbrunst und die Stunden des Tages, die vor ihrem
Besuche bei dem Maler lagen, mit fiebernder Glut, die sich auf ihrem
Antlitz verriet. Und einmal auf der Gasse warf sie sich ganz in den Arm
ihrer Leidenschaft, wie ein Schwimmer in eine aufschäumende Flut, und
stürmte wie verzweifelt durch die ruhig vorwärtsstrebenden Menschen, um
erst Halt zu machen, wenn sie mit gerötetem Gesicht und verwirrten
Haaren vor dem Tore des ersehnten Hauses stand. Eine Unbändigkeit und
Lust an freier leidenschaftlicher Gebärde hatte in dieser Zeit der
Umformung Gewalt über sie gewonnen und gab ihr eine wilde begehrliche
Schönheit.
Und diese gierige, fast verzweiflungsvolle Art ihrer Zärtlichkeit ließ
sie das Kind vor dem alten Manne bevorzugen, in dessen freundlicher
inniger Milde etwas Ablehnendes, Abgeklärtes gegenüber aller stürmischen
Leidenschaft lag. Er wußte nichts von der fraulichen Wandlung Esthers,
aber er ahnte sie aus ihrem ganzen Wesen, dessen so jäh erwachte
Ekstatik ihn befremdete. Ihr Schranken zu setzen, versuchte er nicht,
weil er die elementare Kraft spürte, die sie vorwärts trieb in diese
zähe Leidenschaft. Und er verlor darum nicht die väterliche Liebe zu
diesem einsamen Kinde, wenngleich auch sein Sinn sich ganz wieder dem
fernen Spiel der geheimen Lebenskräfte zugewandt hatte. Er freute sich
ihrer Gegenwart und suchte sie sich zu bewahren. Das Bild war schon
vollendet, er sagte es aber Esther nicht, weil er sie nicht trennen
wollte von dem Kinde, das sie mit Zärtlichkeit gleichsam überflutete. Ab
und zu tat er noch einen Pinselstrich, aber es waren immer nur
unwichtige Äußerlichkeiten, ein Faltenwurf, eine leichte Schattierung
des Hintergrundes oder eine flüchtige Nuance im Spiel des Lichtes. Dem
eigentlichen Gedanken des Bildes und seiner innerlichen Empfindung wagte
er nicht mehr zu nahen, denn der Zauber der Wirklichkeit war langsam
gewichen und das Doppelantlitz des Bildes schien ihm das vergeistigte
Wesen jenes wundervollen Schöpfertraumes, der ihm immer weniger
Vollführung irdischer Kraft schien, je weiter zeitlich die Erinnerung
jenes Augenblickes zu verdämmern begann. Jeder Versuch der Verbesserung
schien ihm nicht nur Torheit, sondern Sünde. Und im Innersten beschloß
er, nach diesem Werke, da seine Hand offenbarlich geleitet war, nicht
weiteres Stümperwerk zu schaffen, sondern seine Tage in tieferer
Frömmigkeit und in Erspähung der Pfade zu verbringen, die sein Leben
emporführen könnten in jene Höhen, deren goldenes Abendleuchten er in
diesen späten Lebensstunden noch verspürt hatte.
Esther spürte mit dem feinen Instinkte, den die Verwaisten und
Zurückgestoßenen in ihren Seelen wie ein geheimes Netzwerk empfindsamer
Fäden haben, das alle Worte und auch die verschwiegenen umspannt, die
leichte Entfernung des alten und ihr so lieben Mannes, und sie litt
beinahe unter seiner gleichen milden Zärtlichkeit; sie fühlte, daß sie
gerade jetzt seines ganzen Wesens und der befreiten Fülle seiner Liebe
bedurft hätte, um ihre Seele mit ihren wachsenden Schmerzlichkeiten
offenbaren zu können und Antwort zu verlangen von den Rätseln, die sie
umringten. Sie horchte auf den Augenblick, da sie die Worte aus sich
befreien konnte, die in ihr drängten und überschäumten, aber das
Erwarten ward endlos und machte sie müde. Und da wandte sie ihre ganze
Zärtlichkeit dem Kinde zu. Ihr ganzes Empfinden formte sie in diesen
kleinen unbeholfenen Körper, den sie mit heißer Gewalt umfing und küßte,
so ungestüm und vergessend, daß das Kind oft nur den Schmerz der
Umarmung spürte und zu klagen begann. Dann wurde sie zurückhaltend,
behütend, beruhigend, aber auch diese Ängstlichkeit war Ekstase, sowie
ihr Empfinden kein mütterliches war, sondern ein ängstlich-suchendes
Emporwallen erotischer und dumpf sehnsüchtiger Triebe. Eine Kraft in ihr
drängte empor, und ihre Unwissenheit ließ sie an diesem Kinde
verschäumen. Es war ein Traum, den sie lebte, und eine schmerzliche
Betäubung; sie hielt sich nur krampfhaft an dieses Wesen, weil es ein
warmes Herz hatte, das pochte, so wie das ihre, weil sie alle
Zärtlichkeiten, die in ihr glühten, an diese stummen Lippen verschenken
konnte, weil ihre Arme, in denen eine unbewußte Sehnsucht war, ein
Lebendes umklammern konnten, ohne den Augenblick der Beschämung fürchten
zu müssen, der sie überfiel, wenn sie sich nur mit einem einzigen Worte
einem Fremden anvertraut hätte. Stunden und Stunden verbrachte sie so,
ohne zu ermüden und ohne zu fühlen, wie sie sich selbst betrog.
Dieses Kind umschloß nun für sie den Begriff des Lebens, nach dem sie
sich so wild gesehnt. Rings um sie verwölkten sich die Zeiten, sie
merkte es nicht. Abends standen die Bürger zusammen und sprachen von der
alten Freiheit und dem guten König Karl, der sein Flandern so sehr
geliebt, mit Bedauern und heimlichem Zorn. Unruhe wühlte in der Stadt.
Die Protestanten einten sich insgeheim, lichtscheues Gesindel rottete
sich zusammen, kleine Aufstände und Zusammenstöße mit den Soldaten
häuften sich, getragen von drohenden Botschaften aus Spanien; und in
diesem unruhigen Gezänke wetterleuchteten schon die ersten Flammen von
Krieg und Rebellion. Die Vorsichtigen begannen schon jetzt ihren Blick
gegen das Ausland zu richten, die andern trösteten und beruhigten sich,
aber das ganze Land war mitgerissen in eine fröstelnde Erwartung, die
sich in jedem einzelnen spiegelte. In der Schenke setzten sich die
Männer in den Ecken zusammen und sprachen mit gedämpfter Stimme, und
zwischen ihnen durch scherzte der Wirt in seiner derben Weise von Krieg
und seinen Schrecknissen, doch das Lachen wollte allen nicht recht aus
der Kehle. Die sorglose Fröhlichkeit der üppigen Menschen verlosch in
Angst und unruhiger Erwartung.
Esther fühlte nichts von dieser Welt, nicht ihre gedämpfte und
furchtsame Art und nicht ihr geheimes Fieber. Das Kind war still wie
immer und lachte sie in seiner unbeholfenen Weise an, -- so merkte sie
keine Veränderung in ihrer Umgebung. Ihr Leben trieb einer einzigen
Strömung nach in eine unselige Verwirrung; die Dunkelheit um sie ließ
die phantastischen Träume ihrer leeren Stunden ihr als Wirklichkeit
erscheinen, so ferne und fremd, daß sie für immer verloren war für die
kühle besonnene Verständigkeit der Welt. Ihre erwachte Weiblichkeit
schrie nach einem Kinde, aber dieses bange Mysterium wußte sie nicht,
sondern sie erträumte es sich in tausend Formen, in der schlichten
Wunderbarkeit der biblischen Legende, wie in der zauberischen
Möglichkeit einsamer Phantasieen. Hätte ihr jemand dieses Rätsel des
Alltags in einfachen Worten erklärt, so hätte sie vielleicht mit jenem
verschämt betrachtenden Blicke wie sie Mädchen in dieser Zeit haben, die
Männer gemustert, die an ihr vorbeigingen. So aber dachte sie ihrer
nicht, sondern sah nur die Kinder auf den Straßen spielen und dachte
träumerisch jenes seltsamen Wunders, das ihr vielleicht auch eines Tages
ein solches rosiges spielendes Kind schenken könne, ein Kind, das ganz
ihr gehörte und ganz ihre Seligkeit wäre. Und so unbändig war der Wunsch
in ihr, daß sie sich vielleicht dem ersten besten hingegeben hätte, alle
Scham und Ängstlichkeit vernichtend, nur um dieses ersehnten Glückes
willen; aber sie wußte nichts von dieser schöpferischen Einung, und ihre
Sehnsucht ging blinde und nutzlose Pfade in die Irre. Und so kehrte sie
immer und immer wieder zu diesem fremden Kinde zurück, das ihr schon wie
ein eigenes schien, so innig war ihre Zärtlichkeit geworden.
So kam sie eines Tages zu dem Maler, der mit geheimer Unruhe ihre
übertriebene und fast krankhafte Leidenschaft zu dem Kinde bemerkt
hatte, mit ihrem leuchtenden Gesicht und der funkelnden Unrast in den
Augen. Das Kind war nicht, wie gewohnterweise, zur Stelle. Das
beunruhigte sie, aber um es nicht einzugestehen, trat sie auf den alten
Mann zu und fragte ihn nach dem Fortgang des Bildes. Das Blut stieg ihr
in die Wangen bei dieser Frage, denn mit einem Male fühlte sie die
stumme Beleidigung aller dieser Stunden, in denen sie nie Aufmerksamkeit
weder ihm noch seinem Werke geschenkt. Die Vernachlässigung dieses so
gütigen Menschen drückte sie wie eine Schuld. Aber er schien nichts zu
bemerken.
»Es ist fertig, Esther,« sagte er mit einem leisen Lächeln, »und sogar
schon lange. Nächster Tage werde ich es übergeben.«
Sie wurde blaß. Eine böse Ahnung befiel sie, die sie nicht auszudenken
wagte. Ganz leise und verschüchtert fragte sie. »Und ich darf dann nicht
mehr zu Euch kommen?«
Er streckte ihr beide Hände entgegen. Es war die alte milde bezwingende
Gebärde, die sie immer wieder gefangen nahm. »So oft du willst, mein
Kind. Und je öfter, desto lieber. Du siehst ja, daß ich hier einsam bin
in meiner alten Stube und, wenn du da bist, dann ist es allein fröhlich
und hell den ganzen Tag. Komm oft, recht oft, Esther.«
Ihre ganze alte Liebe zu diesem Manne flutete auf, wie wenn sie nun alle
Dämme überrauschen wollte und sich in Worten ergießen. Wie groß und gut
war er! War seine Seele nicht wahr und die des Kindes nur ihr eigener
Traum? Ihr Vertrauen war wieder groß in diesem Augenblick, aber der
Gedanke ihres Lebens hing noch lastend über dieser reifenden Saat wie
eine Gewitterwolke. Der Gedanke an das Kind peinigte sie. Sie wollte
diese Qual unterdrücken, sie preßte das Wort immer hinab und hinab, aber
es quoll auf, ein wilder verzweifelter Schrei. »Und das Kind.«
Der alte Mann schwieg. Aber seine Züge wurden härter, beinahe
unbarmherzig. Daß sie in diesem Augenblicke, da er ganz ihre Seele sein
Eigen hoffte, seiner vergaß, das stieß ihn zurück wie ein zorniger Arm.
Kalt und gleichgültig sagte er: »Das Kind ist fort.«
Er fühlte ihre Blicke gierig und in einer rasenden Verzweiflung an
seinem Munde hangen. Aber die finstere Gewalt in ihm zwang ihn, trotzig
und grausam zu sein. Er fügte nichts hinzu. In diesem Augenblicke haßte
er dieses Mädchen, das so undankbar die viele Liebe vergaß, die sie von
ihm empfangen, und der gütige und so milde Mensch empfand die Wollust
einer Sekunde, sie zu quälen. Doch es war nur ein flüchtiger Moment der
Schwäche und eigenen Verneinung, der wie eine einsame Welle in diesem
unendlichen Meere der sanften Klärung verrann. Und, von dem Bangen ihres
Blickes mit Mitleid erfüllt, wandte er sich ab.
Aber sie ertrug nicht dieses Schweigen. Mit wilder Gebärde stürzte sie
an seine Brust und umklammerte ihn schluchzend und stöhnend. Nie brannte
größere Qual in ihr, als in den verzweifelten Worten, die sie weinte und
schrie. »Ich muß es wieder haben, das Kind, mein Kind. Ich kann nicht
anders leben, es ist ja das einzige kleine Glück, das man mir stiehlt.
Warum wollt Ihr mir es nehmen?.... Ich war schlecht gegen Euch, aber
verzeiht und laßt mir das Kind. Wo ist es? Sagt es mir! Sagt es mir! Ich
muß es wieder haben.....«
Ihre Worte verschlugen sich in ein tonloses Schluchzen. Tieferschüttert
beugte sich der alte Mann über sie herab, die in langsam erschlaffendem
Krampfe weinend seine Brust umklammerte und tiefer und tiefer herabsank
wie eine ersterbende Blüte. Sanft strich er über dieses lange, dunkle,
gelöste Haar. »Sei klug, Esther! Und weine nicht. Das Kind ist fort,
aber....«
»Es ist nicht wahr, nein, es ist nicht wahr,« fuhr sie empor.
»Es ist wahr, Esther. Seine Mutter hat das Land verlassen. Die Zeiten
sind schwer für die Fremden und die Ketzer, aber auch für die Fürchtigen
und Treuen. Nach Frankreich sind sie oder nach England. Aber warum
willst du verzagen .... sei doch klug, Esther ..... warte ein
paar Tage .... es wird alles wieder gut werden...«