an dem Worte lange, ehe sie es mit gedämpfter Stimme sagte --
»Ich.... Ich hasse die Christen. Ich kenne sie nicht, aber ich hasse
sie. Was Ihr mir gesagt habt von der Liebe, die alle umfaßt, ist
schöner, als jedes Wort, das ich in meinem Leben je erhört. Aber die
Menschen um mich sagen auch, daß sie Christen sind, aber sie sind roh
und gewalttätig. Und .... ich weiß nicht mehr alles klar, es ist
schon zu lange her .... aber wenn wir zu Hause von den Christen
sprachen, so war eine Angst und ein Haß in den Worten.... Alle haßten
sie.... Und ich auch..... Denn wenn ich mit meinem Vater ging, so
schrieen sie uns nach und einmal warfen sie Steine nach uns.....
Mich selbst hat einer getroffen, daß ich blutete und weinte, aber mein
Vater zog mich ängstlich fort, als ich nach Hilfe schrie.... Mehr
weiß ich nicht von ihnen.... Doch, ich weiß noch.... Unsere Gassen
waren dunkel und eng, wie die hier, wo ich wohne. Und nur Juden wohnten
darin.... Aber drüben die Stadt war schön. Ich habe sie einmal hoch
von einem Hause gesehn.... Ein Fluß war darin, der so blau und klar
vorüberfloß und drüben eine breite Brücke, auf der Menschen in hellen
Gewandungen gingen, wie ihr mir sie auf den Bildern gezeigt habt. Und
die Häuser waren mit künstlichen Figuren geschmückt und mit Gold und
Giebeln verziert. Dazwischen standen hohe, ach, so hohe Türme, in denen
die Glocken sangen, und die Sonne kam herab bis in die Straßen. Es war
alles so schön.... Als ich aber meinem Vater sagte, er möge
hinübergehn mit mir in die helle Stadt, da wurde er ernst und sagte:
>Nein, Esther, die Christen würden uns töten<.... Ich erschrak bei
dem Wort..... Und seitdem haßte ich die Christen....«
Sie hielt inne in ihren Träumen, denn es ward wieder alles licht in ihr.
Was sie längst vergessen hatte, was verstaubt und verschleiert in ihrer
Seele gelegen, funkelte wieder auf. Sie ging wieder die dunklen
Ghettogassen entlang bis zu dem Hause. Und mit einem Male waren
Zusammenhänge da, alles wurde so klar, und sie erfaßte, daß was sie
manchmal für einen Traum hielt, Wirklichkeit und vergangenes Leben war.
Mühsam hasteten die Worte den klaren vorübereilenden Bildern nach.
»Und damals dieser Abend.... Plötzlich riß man mich aus dem
Bett .... ich erkannte meinen Großvater, der mich in den Armen hielt,
mit bleichem zitternden Gesicht .... das ganze Haus brauste und
zitterte, die Luft war voll Schreien und Lärmen.... Aber jetzt
dämmert es mir auf, ich höre wieder, was sie schrieen: die Fremden, die
Christen.... Mein Vater schrie es oder meine Mutter.... Ich weiß
nicht mehr.... Mein Großvater trug mich hinab in die Dunkelheit durch
schwarze Gassen und Straßen.... Und immer das Lärmen und derselbe
Schrei: die Fremden, die Christen.... Wie hab' ich das vergessen
können!?... Und dann ein Mann, mit dem wir gehen.... Ich weiß
nicht mehr, ich glaube, ich schlief.... Als ich erwachte, waren wir
tief im Land, mein Großvater und der Mann, bei dem ich lebe.... Die
Stadt sah ich nicht mehr, aber der Himmel war sehr rot, dort, von wo wir
gekommen.... Und wir reisten weiter...«
Wieder hielt sie inne. Die Bilder schienen sich zu verlieren, langsamer
dunkler zu werden.
»Ich hatte drei Schwestern.... Sie waren sehr schön, und jeden Abend
kamen sie an mein Bett und küßten mich.... Und mein Vater war groß,
ich reichte nicht hinauf zu ihm, und so trug er mich oft in seinen
Armen.... Und meine Mutter.... Ich habe sie nie mehr gesehen....
Ich weiß nicht, was mit ihnen ist, denn mein Großvater sah weg, wenn ich
ihn fragte und schwieg.... Und als er starb, wagte ich niemanden zu
fragen...«
Und wieder hielt sie inne. Ein Schluchzen brach aus ihrer Kehle mit
weher Gewalt. Ganz leise fügte sie bei:
»Jetzt weiß ich alles.... Wie konnte das alles so dunkel sein für
mich? Mir ist, als stände mein Vater neben mir und spräche das Wort, das
er damals mir zur Antwort gesagt -- so deutlich klingt es in meinen
Ohren.... Nun frage ich niemanden mehr...«
Ihre Worte wurden Schluchzen, stummes trostloses Weinen, das in ein
tiefes trauriges Schweigen verklang. Das Leben, dessen helles Bild sie
noch vor wenigen Minuten verführt, gähnte ihr nun wieder dumpf und
dunkel entgegen. Und der alte Mann hatte längst Absicht und Ziel
vergessen über der hingegebenen Betrachtung dieses Schmerzes. Stumm
stand er vor ihr, und ihm war so weh, als müßte er sich zu ihr setzen,
um mit ihr zu weinen, was er nicht in Worten sagen konnte: daß seine
große Menschenliebe diesen Schmerz in ihr, den er unbewußt erweckt,
fühlte als eine Schuld. Erschauernd spürte er die Fülle von Segen und
lastender Schwere, die in einer Stunde sich die Hände reichten, und die
schweren Wogen, die sich auf und nieder senkten, und von denen er nicht
wußte, ob sie sein Leben erheben wollten oder in die drohenden Tiefen
ziehen. Aber er fühlte sich matt und stumpf gegen Furcht wie Hoffnung;
nur Mitleid für dieses junge Leben erfüllte ihn, vor dem noch so viel
Wege und Ziele sich breiteten. Vergebens suchte er nach Worten: sie
waren alle so schwer wie Blei und klangen wie falsches Metall. Was wog
ihre Fülle gegen den Schmerz einer einzigen Erinnerung?
Traurig strich seine Hand über ihr zitterndes Haar. Sie schaute auf,
verwirrt und zerfahren; mit mechanischer Gebärde ordnete sie sich ihre
Haare und erhob sich mit umherirrenden Augen, als müßte sie sich wieder
zurechtfinden in der Wirklichkeit. Schlaffer und müder wurden ihre Züge
und nur in den Augen flackerte noch der dunkle Schein. Brüsk raffte sie
sich zusammen und stieß die Worte rasch hervor, um zu verbergen, daß
noch das Schluchzen in ihnen vibrierte. »Ich muß jetzt gehn. Es ist
spät. Und mein Vater erwartet mich.«
Mit harter Gebärde schüttelte sie grüßend den Kopf, raffte ihre Sachen
zusammen und wandte sich zum Gehen. Aber der alte Mann, der sie mit
seinen sicheren verstehenden Blicken beobachtet hatte, rief sie noch
einmal zurück. Mühsam wandte sie sich um, denn in den Augen leuchtete
ein feuchter Schimmer von Tränen. Und wieder faßte der alte Mann mit
seiner bezwingenden innigen Gebärde ihre beiden Hände und sah sie an.
»Esther, ich weiß, du willst jetzt gehen und nicht mehr wiederkommen. Du
glaubst mir und glaubst mir nicht, denn eine geheime Angst betrügt
dich.«
Er fühlte, wie ihre Hände sich sanfter und vertrauender in den seinen
lösten. Und er fuhr zuversichtlicher fort. »Komm aber wieder, Esther!
Wir wollen alle Dinge ruhen lassen, die hellen und die traurigen. Morgen
werden wir mit dem Bilde beginnen und mir ist, als wollte es gelingen.
Und sei nicht traurig mehr, laß das Vergangene schlafen und rüttle nicht
daran. Morgen wollen wir mit neuer Arbeit beginnen und mit neuer
Hoffnung. Nicht wahr, Esther?«
Sie nickte unter Tränen. Und sie trug die Ungewißheit und Bangigkeit vor
ihrem Leben wieder nach Hause zurück, wie vordem, nur mit dem Bewußtsein
tieferer Fülle und vielfacheren Inhalts, als sie bisher gemeint.
Der alte Mann blieb in tiefem Sinnen zurück. Der Glaube an das Wunder
war ihm nicht fremd geworden, aber das Wunder war ihm viel feierlicher
und göttlicher erschienen, da es ihm nur ein Spiel des Lebens von
göttlicher Hand dünkte. Und er entsagte dem Gedanken, Glauben an
mystische Verheißungen in einem Antlitz aufleuchten zu lassen, dessen
Seele vielleicht schon zu verzagt war, um noch zu glauben. Nicht mehr
überheben wollte er sich und Mittler Gottes sein, sondern nur schlichter
Diener, der ein Bild nach bestem Mühen schafft und es demütig am Altare
niederlegt, sowie ein andrer eine Gabe. Er fühlte den Fehler, den
Zeichen nachzugehen und sie zu suchen, statt zu warten, bis ihre Stunde
käme und sie sich ihm offenbarten....
Tiefer und tiefer neigte sich sein demütiges Herz. Warum hatte er Wunder
wirken wollen an diesem Kinde, die ihm niemand geheißen? War es nicht
genug Gnade, daß in sein Leben, das schon leer und kahl wurzelte wie ein
alter Stamm, der nur noch mit den Ästen sehnsüchtig ins Blau aufgriff,
ein andres junges Leben getreten war, das sich ängstlich und
vertrauensvoll an ihn schmiegte? Ein Wunder des Lebens war ihm
geschehen, das fühlte er; die Gnade war ihm geworden, die Liebe, die
seine späten Tage noch überflammte, geben und lehren zu dürfen, sie
einzusenken wie einen Samen, der noch wundersam entblühen kann. Hatte
ihm das Leben nicht genug damit gegeben? Und hatte ihm nicht Gott den
Weg gewiesen, auf welchem er ihm dienen sollte? Eine Gestalt hatte er
seinem Bilde ersehnt und, sie war ihm begegnet; war dies nicht Gottes
Wille, daß er sie zum Bildnis schüfe, und nicht, daß er ihre Seele einem
Glauben zuführte, den sie vielleicht nie würde verstehen können? Tiefer
und tiefer neigte sich sein demütiges Herz.
Der Abend kam in sein Zimmer und die Dunkelheit. Der alte Mann stand
auf; er fühlte eine Unrast und ein Bangen in sich, wie selten in seinen
späten Tagen, die sonst so lind waren wie kühle klärende Herbstsonne.
Langsam entzündete er das Licht. Dann ging er hin zum Schrank und suchte
ein altes Buch. Sein Herz war aller Unrast müde. Er nahm die Bibel,
küßte sie mit bebender Inbrunst; dann schlug er sie auf und las bis in
die späte Nacht....
* * * * *
Das Bild wurde begonnen. Esther saß nachdenklich zurückgelehnt in einem
weichen, wohligen Lehnstuhle und hörte bald den erzählenden Worten des
alten Malers zu, der ihr mit allerhand Geschichten aus seinem und
anderer Leben die eintönigen Stunden gleichmäßigen Sitzens zu vertreiben
suchte, bald träumte sie gelassen in die tiefe Stube hinein, deren Wände
mit Gobelins, Bildern und Zeichnungen geschmückt immer wieder ihren
Blick anzogen. Die Arbeit ging nicht rasch vonstatten. Der Maler fühlte,
daß alle diese Studien, die er machte, nur Versuche seien und noch nicht
die endgültige überzeugende Stimmung. Es fehlte ihm noch etwas in dem
Gedanken seiner Skizzen, das er in Worten und Begriffen sich nicht
klären konnte, tiefinnerlich jedoch mit solcher Deutlichkeit empfand,
daß ihn oft eine fieberhafte Eile von Blatt zu Blatt trieb, die er dann
genau miteinander verglich, immer aber unzufrieden, so getreulich seine
Schöpfungen auch sein mochten. Zu Esther sprach er nicht davon. Aber es
war ihm, als läge in ihrem harten Zuge, der sich selbst in den
Augenblicken sanfter Träumerei nie ganz von ihren Lippen ablöste, ein
Widerspruch gegen die milde Erwartung, die seine Madonna verklären
sollte, als sei noch zuviel kindhafter Trotz in ihr, der noch nicht reif
sei, die süße Schwere des Muttergedankens zu tragen. Er fühlte, daß
Worte ihr nicht recht die Düsterkeit würden abringen können, daß sich
nur von innen diese Härte würde mildern können. Aber diese weiche,
frauliche Regung blieb ihrem Antlitz fern, wenn auch die ersten
Frühlingstage ihr rotes Sonnengold durch alle Fensterritzen ins Zimmer
warfen und die schöpferische Regung einer ganzen Welt verkündeten, wenn
alle Farben auch weicher und tiefer zu werden schienen so wie die Luft,
die warm durch die Gassen wallte. Schließlich ermattete der Maler. Der
alte Mann war erfahren und kannte die Grenzen seiner Kunst, deren
Überschreitung er nicht erzwingen konnte. Er gab den Plan auf, so wie er
ihn gefaßt hatte, rasch und der lauten Stimme einer plötzlichen
Intuition gehorchend. Und nachdem er die Möglichkeiten gegeneinander
abgewogen hatte, entschloß er sich, in Esther nicht den Gedanken der
Verkündigung zu malen, da ihr Antlitz nicht die Schauer der ersten
Zeichen der gläubig erwachenden Weiblichkeit trug, sondern sie als
Madonna mit dem Kinde zu schaffen, dem schlichtesten und tiefsten
Symbole seiner Gläubigkeit. Und er wollte sogleich damit beginnen, denn
die Verzagtheit begann sich wieder in seiner Seele einzufinden, da der
Glanz der erträumten Wunder mählich und mählich mehr verblaßt war, ja
schon fast in die schwere, lastende Dunkelheit gesunken. Und ohne Esther
zu verständigen, löste er die Leinwand, die einige flüchtige Spuren
voreiliger Versuche trug ab und setzte eine neue an ihre Stelle, wie er
sich überhaupt mühte, dieser neuen Vorstellung in sich freien Weg zu
bahnen.
Als Esther am nächsten Tage sich in gewohnter Weise niedergelassen
hatte und sanft zurückgelehnt auf den Beginn der Arbeit wartete, die ihr
gar nicht unwillkommen war, sondern in die Armut ihres einsamen Tages
reiche Worte und freudige Minuten säte, hörte sie zu ihrer Überraschung
die Stimme des Malers nebenan in freundlicher Wechselrede mit einer
derben, bäuerlichen Frauenstimme, die sie nicht kannte. Neugierig
horchte sie hin, ohne aber deutliches vernehmen zu können. Bald
verstummte die Frauenstimme, eine Tür fiel ins Schloß und schon trat der
alte Mann herein und auf sie zu, etwas Helles in den Armen tragend, das
sie beim ersten Anblick nicht erkannte. Und vorsorglich legte er ihr ein
kleines, nacktes, derbes Kind von mehreren Monaten in den Schoß, das
sich anfänglich unruhig bewegte, dann aber unbeweglich blieb. Esther sah
mit erstarrten Augen den alten Mann an, von dem sie so sonderbaren
Scherz nicht erwartet hatte. Doch dieser lächelte nur und schwieg. Und
als er sah, daß sich ihre ängstlich fragenden Blicke nicht von ihm
abwenden wollten, erklärte er ihr ruhig und mit bittendem Tone seine
Absicht, sie mit dem Kinde auf dem Schoße zu malen. Die ganze
Herzlichkeit und Güte seiner Augen legte er in diese Bitte. Die tiefe
väterliche Liebe, die er zu diesem fremden Mädchen gefaßt hatte und das
innige Vertrauen auf ihr unruhiges und gläubiges Herz durchleuchteten
seine Worte und noch sein beredtes Schweigen.
Esthers Gesicht war blutig überloht. Eine unbändige innere Scham
zerquälte sie. Kaum wagte sie mit einem ängstlichen Seitenblick das
kleine, blühende, nackte Kind zu betrachten, das sie auf ihren
erzitternden Knieen widerwillig hielt. Die Strenge des ganzen Volkes, in
dessen Abscheu der Nacktheit sie erzogen war, ließen sie dieses
gesundfröhliche und jetzt ruhig schlummernde Kind mit Ekel und geheimer
Furcht betrachten; sie, die unbewußt vor sich selbst ihre Nacktheit
verhüllte, schauerte zurück vor der Berührung dieses weichen, rötlichen
Fleisches wie vor einer Sünde. Eine Angst war in ihr, und sie wußte
nicht, warum. Alle Stimmen in ihr streckten ängstlich ihre rufenden Arme
aus, aber das harte, kurze Nein wollte nicht den milden begütigenden
Worten dieses alten Mannes entgegen, den sie mit wachsender Liebe
verehrte. Sie fühlte, daß sie ihm nichts verweigern konnte. Und sein
Schweigen und die Frage seiner gespannt wartenden Blicke lasteten so
schwer auf ihr, daß sie hätte aufschreien mögen, blind, tierisch, ohne
Zweck und ohne Worte. Wahnsinnig packte sie der Haß gegen dieses ruhig
schlummernde Kind, das in den Frieden ihrer einzig stillen Stunde
hereingebrochen war und ihre träumerische Traulichkeit zerstörte. Aber
sie fühlte sich schwach und wehrlos gegen die gütige Weise dieses alten
geruhigen Mannes, der wie ein weißer, einsamer Stern über ihrem dunklen,
tiefen Leben stand. Und wieder, wie zu jeder seiner Bitten, neigte sie
demütig und verwirrt das Haupt.
Da sprach er nicht weiter, sondern machte sich daran das Bild zu
beginnen. Zunächst zeichnete er nur den Umriß. Denn, um den inneren
Gedanken seines Werkes darzustellen, war Esther noch viel zu unruhig und
zu verwirrt. Der träumerische Ausdruck war gänzlich gewichen. In ihren
Blicken lag etwas Krampfhaftes und Gezwungenes, weil sie es unausgesetzt
vermied, dem Anblick des nackten schlafenden Kindes auf ihrem Schoße zu
begegnen und in endloser stumpfer Wiederholung die Wandhöhe mit den ihr
innerlich gleichgültigen Bildern und Zierraten fixierte. Auch in ihren
Händen war dieser Ausdruck der Gezwungenheit und Steifheit von der
Furcht aufgezwungen, sie möchte den Körper berühren müssen. Dazu fühlte
sie die Last schwer auf den Knieen, ohne eine Regung zu wagen. Nur ein
gespannter Zug in ihrem Gesichte verriet stärker und stärker die
qualvolle Anstrengung, so daß der Maler schließlich selbst, obwohl er
nicht ihren ererbten Abscheu, sondern nur mädchenhafte Scheu
voraussetzte, ihr Unbehagen zu ahnen begann und die Sitzung unterbrach.
Das Kind schlief ruhig weiter, wie ein sattes Tier, und merkte nichts,
wie es der Maler mit sorgfältigen Händen von dem Schoße des Mädchens
abhob und es im Nebenzimmer auf das Bett legte, wo es blieb, bis seine
Mutter, eine derbe holländische Schiffersfrau, die für einige Zeit nach
Antwerpen verschlagen war, es wieder abholte. Aber, ob man sie auch von
der körperlichen Last befreit, fühlte sich Esther doch noch von dem
Gedanken schwer bedrückt, daß Tag für Tag sie gleiche Bangigkeit
erfüllen sollte.
Unruhig ging sie und unruhig kam sie wieder in den nächsten Tagen. Im
geheimen hegte sie die Hoffnung, daß der Maler auch diesen Plan aufgeben
würde und der Entschluß wurde drängender und überquellender, ihn mit
einem ruhigen Worte darum zu bitten. Aber nie vermochte sie es; ein
innerer Stolz oder eine geheime Scham hielten die Worte zurück, die
schon auf ihren Lippen zuckten, so wie schwungbereite Vögel, die prüfend
ihre Schwingen flattern lassen, bereit, sich im nächsten Augenblicke
frei emporzustoßen in die Luft. Aber während sie Tag für Tag kam und
ihre Unruhe gewissermaßen schon mit sich trug, wurde diese Scham nach
und nach eine unbewußte Lüge, denn sie hatte sich schon damit vertraut
gemacht, wie mit einer lästigen Selbstverständlichkeit. Es fehlte nur
noch der Augenblick der Erkenntnis. Das Bild schritt inzwischen wenig
fort, obwohl der Maler ihr es mit vorsichtigen Worten andeutete. In
Wirklichkeit umfaßte sein Rahmen nur die leeren und unwichtigen Linien
der Gestalten und ein paar flüchtige versuchende Tönungen. Denn der alte
Mann wartete, bis Esther sich mit dem Gedanken ausgesöhnt hätte und
suchte nicht zu beschleunigen, was er mit Sicherheit erhoffte. Vorläufig
kürzte er nur die Stunden der Sitzungen und sprach viel von allerlei
gleichgültigen Dingen, die Anwesenheit des Kindes und Esthers unruhige
Erregung mit Absicht übersehend. Er schien heiterer und sicherer als je.
Und sein Vertrauen betrog ihn diesmal nicht. Denn einer dieser
Vormittage war hell und warm, das Fenster umschnitt mit seinen Kanten
eine lichte und durchsichtige Landschaft: Türme, die ferne waren und
doch ihren goldglänzenden Schein wie von nahe schimmern ließen, Dächer,
von denen der Rauch leise und sanftgekräuselt sich in das tiefe und wie
damastene Himmelsblau verlor, weiße Wolken, die ganz nahe standen, als
wollten sie sich niedersenken wie ein flaumiger flatternder Vogel in
dieses dunkelflutende Meer der Dächer. Und mit vollen Händen warf die
Sonne ihr Gold herein, Strahlen und tanzende Funken, rollende Kreise wie
kleine klirrende Münzen, schmale schneidende Streifen wie glänzende
Dolche, flatternde Formen ohne Deutung und Sinn, die mit springender
Behendigung wie kleine schimmernde Tiere über die Bohlen sprangen. Und
dieses flirrende und prickelnde Spiel hatte das Kind aus dem Schlafe
geweckt, indem es wie mit seinen spitzigen Fingern an die geschlossenen
Augenlider pochte, bis sie sich auftaten und blinzelten und starrten.
Unruhig begann es sich auf dem Schoße des Mädchens zu bewegen, das es
mit unwilliger Gebärde behütete. Aber es strebte nicht von ihr weg,
sondern haschte nur ungeschickt mit seinen kleinen täppischen Händen
nach diesen Funken, die es umtanzten und umspielten, ohne daß es sie
fassen konnte und dieser Mißerfolg steigerte nur seine Aufmerksamkeit.
Immer eiliger suchte es die kleinen dicken Finger zu bewegen, die vom
sonnigen Lichte rötlich durchleuchtet die warme Flut des Blutes
durchdämmern ließen, und dieses naive Spiel erfüllte die ganze kleine
unfertige Gestalt mit wundersamem Liebreiz, der auch Esther unbewußt
bezwang. Lächelnd und innerlich das vergebliche Bemühen überlegen
bemitleidend, sah sie diesem endlosen Spiele zu, ohne zu ermüden oder
sich ihres Widerwillens gegen dieses unschuldige hilflose Wesen zu
erinnern. Zum ersten Mal webte ein menschliches und innig menschliches
Leben für sie in diesem kleinen glatten Körper, dessen fleischige
Nacktheit und stumpfe Sättigung sie bisher nur empfunden; und mit
kindlicher Neugier folgte sie jeder Regung. Der alte Mann sah zu und
schwieg. Mit Worten fürchtete er den Trotz und die vergessene Scham in
ihr wieder wachzurufen, aber ein befriedigtes Lächeln eines, der die
Welt und ihre Wesen kennt, wollte nicht weg von seinen milden Lippen.
Nichts Sonderbares sah er in diesem Wechsel, sondern nur ein Berechnetes
und Erwartetes, ein Vertrauen auf jene tiefrauschenden Gesetze der
Natur, die nie versagen und vergessen, Wahrheit zu werden. Er fühlte
sich wieder so ganz nahe einem jener ewigen, sich immer wieder
erneuernden Wunder des Lebens, das aus den Kindern die hingebende Güte
der Frauen mit einem Male erstehen läßt, die wieder hin zu den Kindern
geht, von Werden zu Werden, und so eigene Kindheit nie verliert, sondern
zweimal lebt, in sich und in denen, der sie begegnen. Und war dies
nicht das Gotteswunder Marias, die Kind war, um nie Frau zu werden,
sondern weiterzuleben in ihrem Kinde? Hatte nicht jedes Wunder seinen
Spiegel in der Wirklichkeit und jeder erschaute Augenblick eines
werdenden Lebens einen Glanz des Unnahbaren und ein Brausen des
Ewig-Unverständlichen?
Der alte Mann fühlte wieder tief jene Wundernähe, deren göttlicher oder
irdischer Gedanke ihn nun seit Wochen umpreßte, ohne ihn freizugeben.
Aber er wußte, daß dies eine dunkle und verschlossene Pforte war, vor
der sich alles Sinnen demütig wieder wenden müsse, ohne mehr zu
erringen, als einen ehrfürchtigen Kuß auf die versagte Schwelle. Und so
griff er zum Pinsel, um mit Arbeit die Gedanken zu verjagen, die sich
schon in düstre Wolkentiefen verloren. Wie er aber hinblickte, um der
Wirklichkeit das Nachbild abzulauschen, blieb er für einen Augenblick
gebannt. Denn ihm war, als sei er bisher mit seinem Suchen in einer Welt
gegangen, die von Schleiern umhangen war, ohne daß er es wußte, und nun
erst glühte sie ihm in ihrer unmittelbaren Kraft und Verschwendung
entgegen. Vor seinen Augen lebte das Bild, das er gesucht. Mit
leuchtenden Augen und haschenden Händen wandte sich das blühende
gesunde Kind dem Lichte entgegen, das seinen nackten Körper mit einem
mattschimmernden weichen Glanz übergoß und ihm so seraphischen Schein
verlieh. Und über diesem spielenden Haupte ein zweites, das sich
zärtlich betrachtend niederneigt und selbst gleichsam von dem Glanze
erfüllt ist, den dieser helle lichterfüllte Körper ausstrahlt. Und
schmale kindhafte Hände, die behütend zu beiden Seiten warten, um alles
Unheil und Verderben von diesem Kinde abzuwehren. Und über dem Haupte
ein flüchtiger Glanz, der sich in den Haaren verfangen hat und gleichsam
von ihnen auszustrahlen scheint wie ein inneres Licht. Sanfte Bewegung,
vereint mit tändelndem Licht, Unbewußtheit mit noch träumender
Erinnerung, alles rann zusammen in ein flüchtiges und schönes Bild, das
nur hingehaucht schien und aus gläsernen Farben geschaffen, die ein
Augenblick jäher Bewegung zerschmettern kann.
Wie eine Vision sah der alte Mann dieses Paar, das ein flüchtiges Spiel
des Lichtes so verschwistert hatte und gleichsam aus fernem Traume fiel
ihm des italienischen Malers fast vergessenes Bild ein und seine
Gottesmilde. Und wieder schien es ihm, als hörte er göttlichen Ruf. Aber
diesmal verlor er sich nicht an Träume, sondern schenkte seine ganze
Kraft dem Augenblick. Mit heftigen Zügen hielt er dies Bewegungsspiel
dieser kindischen Hände und die sanfte Neigung dieses sonst so harten
Mädchenhauptes fest, als wollte er sie der Vergänglichkeit des Momentes
für immer entraffen, der sie zusammengefügt. Er fühlte Schöpferkraft in
sich wie heißes junges Blut. Sein ganzes Leben war ein Rinnen und
Rauschen, ein Einschlürfen des Lichtes und der Farbe in dieser Minute,
ein Formen und Umfassen seiner zeichnenden Hand. Und in dieser Minute,
da er dem Geheimnis göttlicher Kräfte und unbegrenzter Lebensfülle so
nahe stand wie noch nie, da sann er nicht ihren Wundern und Zeichen
nach, sondern lebte sie, indem er sie selbst erschuf.