»Ich will Euch sagen, wie ich zu der Judendirne kam. Ich war Soldat, in

Italien drunten und dann in Deutschland. Ein schlechtes Handwerk sag'

ich Euch, nie schlechter als heute und damals. Ich hatt's auch über und

wollt' eben durch Deutschland nach Hause ziehn und ein ehrbares Handwerk

ergreifen, denn geblieben war mir just nicht viel; Beutegeld rinnt

zwischen den Fingern durch, und Knauser war ich nie gewesen. Da kam's

in einer deutschen Stadt; ich war just dort, als sich eines Abends ein

großes Getöse erhob. Warum, weiß ich nicht mehr, doch das Volk hatte

sich zusammengerottet, die Juden zu erschlagen, und ich zog mit,

verlockt von der Hoffnung, etwas zu erhaschen, auch aus Neugierde, was

geschehen möchte. Es ging toll zu, man stürmte, mordete, raubte,

schändete, und die Kerle brüllten vor Lust und Begierde. Bald hatt'

ich's satt und riß mich aus dem Haufen, denn mein ehrliches Kampfschwert

mocht' ich nicht mit Weiberblut besudeln und mit Dirnen nicht um Beute

streiten. Da, in einer Nebengasse, durch die ich heim will, springt ein

alter Jude mit langem, zitterndem Bart und verstörtem Gesicht, im Arm

ein kleines vom Schlaf aufgeschrecktes Kind, auf mich zu und stottert

eine Flut kauderwelscher Worte. Alles, was ich von seinem Judendeutsch

verstand, war, daß er mir viel Geld bot, wenn ich sie beide retten

wollte. Mir tat das Kind recht leid, das mich erschreckt mit seinen

großen Augen anstarrte, der Handel schien nicht übel, so warf ich ihm

meinen Mantel über und führte sie in mein Quartier. Ein paar blieben

stehn auf den Gassen und zeigten nicht übel Lust, auf den Alten

loszugehen, aber ich hatte mein Schwert blank und so ließen sie die

beiden ungeschoren. Ich brachte sie zu mir, und weil mich der Alte auf

den Knieen beschwor, verließ ich noch am selben Abend die Stadt, in der

Brand und Mord bis spät in die Nacht wütete. Weit am Wege sahen wir noch

den Feuerschein, in den der Alte verzweifelt starrte, während das Kind

ruhig weiter schlief. Lang blieben wir drei nicht zusammen: der Alte

wurde nach wenigen Tagen auf den Tod krank und starb auf der Reise.

Zuvor gab er mir noch alles Geld, das er bei seiner Flucht

zusammengerafft hatte und ein beschriebenes Blatt in seltsamen Lettern,

das ich in Antwerpen bei einem Makler abgeben sollte, dessen Namen er

mir nannte. Sein Enkelkind befahl er mir noch sterbend an. Ich zog

hierher und wies die Schriftzeichen vor, die seltsam wirkten: der Makler

gab mir eine stattliche Summe Geldes, mehr als ich erwartet hatte. Ich

war dessen froh, denn meines Wanderlebens wurde ich so frei, kaufte mir

das Haus und diese Schenke, und der tollen Kriegszeit hab' ich bald

vergessen. Das Kind behielt ich: es tat mir leid, dann hofft' ich auch,

sie würde, wenn sie heranwachse, mir altem Hagestolz das Haus besorgen.

Doch das kam anders.

»Wie Ihr sie jetzt gesehn, so ist ihr ganzer Tag. Sie gafft zum Fenster

in die Luft hinaus, spricht niemand an und gibt nur scheue Antwort,

gleichsam geduckt, als ob sie einer schlagen wollte. Mit Männern spricht

sie nie. Anfangs dacht' ich, sie würde hier in meiner Schenke helfen und

so mir manchen Gast anlocken, wie es drüben des Wirten junge Tochter

tut, die mit den Gästen scherzt und sie anfeuert, daß sich ein Glas nach

dem andern leert. Doch die ist zimperlich: faßt sie mal einer an, so

schreit sie auf und saust zur Tür hinaus wie ein Wirbelwind. Und suche

ich sie dann, so sitzt sie sicherlich irgendwo in einem Winkel

zusammengeknäult und heult, daß einem das Herz brechen könnte und man

dächte, es sei ihr, weiß Gott was für Leid geschehn. Ein sonderbares

Volk!«

»Und sagt,« unterbrach der Maler den Erzählenden, der immer

nachdenklicher in seiner Rede zu werden schien, »ist sie noch Jüdin oder

schon zum Glauben bekehrt?«

Der Wirt kratzte sich verlegen den Kopf. »Wißt Ihr,« hub er dann an,

»ich war ein Soldat und weiß von meinem Christentum selber nicht viel.

Selten war ich in der Kirche und bin's auch jetzt nicht, so sehr mich's

reut; und um das Kind da zu bekehren, schien ich mir immer zu töricht.

Ich hab's nie recht versucht, weil mir so schien, als sei's bei diesem

trotzigen Ding verlorne Liebesmüh. Einmal hat man mir schon die Priester

auf den Hals gehetzt und mir die Hölle heiß gemacht; ich habe sie

vertröstet, bis das Ding vernünftig werde. Doch damit hat's wohl noch

lange Zeit, obwohl sie heute schon ihre fünfzehn Jahre hinter sich hat,

denn sie ist ganz versponnen und trotzig. Wer kennt sich aus mit diesem

Judenvolk, es sind so seltsame Menschen; der Alte schien mir gut, und

die ist auch kein übles Ding, so schwer man auch an sie herankommt. Und

was dann Eure Sache anlangt, die mir nicht übel gefällt, weil ich meine,

daß ein ehrlicher Christ nie genug für sein Seelenheil tun kann und

jedes Bemühn dereinst gewogen wird .... ich sage Euch offen, ich habe

keine rechte Gewalt über das Kind, denn wenn sie einen mit ihren großen

schwarzen Augen anschaut, hat man nicht rechten Mut, ihr was zuleide zu

tun. Doch Ihr werdet ja sehn. Ich will sie rufen.«

Er stand breitspurig auf, schenkte sich noch ein Glas voll, das er

stehend hinuntergoß und stapfte dann durch die Schenke, in die eben

wieder einige Matrosen eingetreten waren, die einen undurchdringlichen

Qualm aus ihren kurzen weißen Tonpfeifen emporstießen. Vertraulich

schüttelte er ihnen die Hände, füllte ihre Gläser und scherzte derb mit

ihnen. Dann erinnerte er sich seiner Absicht, und der Maler hörte ihn

langsam und mit schweren wuchtigen Schritten die Treppe emporstampfen.

Ihm war sehr seltsam zumute. Das selige Vertrauen, mit dem ihn diese

glückliche Bewegung beschenkt hatte, begann sich zu trüben in dem

schwellenden Lichte dieser Schenke. Straßenstaub und dunkler Qualm legte

sich über das schimmernde Bild seiner Erinnerung. Und immer und immer

wieder die dunkle Angst vor der Sünde, diese feiste und viehische

Menschheit, die sich überall mit den Gestalten der irdischen Trägerinnen

so erlauchter Gedanken vermengte, emporzutragen zu dem Thron seiner

frommen Träume. Ihm schauderte, aus welchen Händen er die Gabe empfangen

sollte, zu der ihm geheime und offenbare Wunderzeichen den Weg gewiesen.

Der Wirt trat wieder ein in die Stube, und in seinem schweren breiten

schwarzen Schatten zeichnete sich die Gestalt des Mädchens ab, das

unschlüssig und wie erschreckt von dem gröhlenden Qualm an der Schwelle

stehen geblieben war und sich mit den schmalen Händen wie hilfesuchend

an den Türpfosten festhielt. Ein derbes Wort des Wirtes, das sie

eintreten hieß, scheuchte ihren flüchtigen Schatten eher noch mehr in

das Dunkel des Treppenganges zurück, doch schon war der Maler

aufgestanden und auf sie zugetreten. Mit seinen beiden alten, derben,

aber doch so milden Händen faßte er die ihren und fragte sie leise und

vertraulich, indem er ihr voll in die Augen schaute: »Willst du dich

nicht einen Augenblick zu mir setzen.«

Das Mädchen sah ihn erstaunt an, im tiefsten überrascht durch diesen

tiefen Glockenton der Milde und geklärten Liebe, der ihr zum ersten Mal

aus dem verräucherten Dunkel der Schenke entgegenschlug. Und sie fühlte

die Milde seiner Hände und die zärtliche Güte seiner Augen mit dem

süßschauernden Erschrecken derer, die Wochen und Jahre nach Zärtlichkeit

hungern und sie eines Tages mit staunender Seele empfangen. Ihres toten

Großvaters Bild erstand jäh in ihrem inneren Blick, als sie die

schneeige Milde dieses Hauptes umfaßte, und vergessene Glocken schlugen

an in ihrem Herzen und schlugen so laut und jubelnd durch alle Adern und

bis in die Kehle hinauf, daß sie kein Wort der Antwort wußte. Sie

errötete nur und nickte heftig, fast wie im Zorn, so eckig und hart in

der plötzlichen Bewegung. Bangend und erwartend folgte sie ihm an seinen

Platz und setzte sich halb an seine Seite, ohne die Bank recht zu

berühren.

Der Maler beugte sich zärtlich zu ihr nieder, ohne zu sprechen. Vor dem

klaren Blick des alten Mannes glühte jäh die Tragödie der Einsamkeit und

stolzen Fremdheit auf, die so früh schon in diesem Kinde kämpfte. Am

liebsten hätte er sie an sich gezogen und ihr einen segnenden,

beruhigenden Kuß auf die Stirne gedrückt, aber er fürchtete sie zu

erschrecken und fürchtete die Augen der andern, die einander lachend die

seltsame Gruppe zeigten. Er verstand dieses Kind so ganz, ohne ein Wort

von seinen Lippen zu wissen, und ein brennendes Mitleid stieg in ihm

empor, wie eine heiße strömende Flut, denn er kannte die Schmerzlichkeit

jenes Trotzes, die nur so hart und jähzornig und drohend ist, weil er

Liebe ist, eine große und unfaßbare Fülle der Liebe, die sich

verschenken will und sich verstoßen fühlt. Sanft fragte er sie: »Wie

heißt du, Kind?«

Sie sah vertrauend, aber verwirrt zu ihm auf. Noch war ihr alles zu

seltsam, zu fremd. Und ein schüchternes Zittern lag in ihrer Stimme, als

sie leise und sich halb abwendend sagte »Esther.«

Der alte Mann aber fühlte dennoch, daß sie Vertrauen zu ihm hege, es nur

noch nicht zu zeigen wage. Und sanft begann er:

»Ich bin ein Maler, Esther, und ich will dich malen. Es wird dir nichts

Übles geschehen, und du wirst manches Schöne bei mir sehen und manchmal

werden wir vielleicht zusammen sprechen, wie gute Freunde. Nur eine oder

zwei Stunden wird es jeden Tag dauern, so lange, als es dir behagt.

Willst du zu mir kommen, Esther?«

Das Mädchen wurde noch röter und wußte nicht zu antworten. Dunkle Rätsel

taten sich plötzlich vor ihr auf, zu denen sie keine Wege fand.

Schließlich sah sie mit einem unruhig fragenden Blick den Wirt an, der

neugierig daneben stand.

»Dein Vater erlaubt es und sieht es sogar gerne,« beeilte sich der Maler

zu sagen. »Von dir allein hängt die Entscheidung ab, denn zwingen möchte

und kann ich dich nicht. Willst du also, Esther?«

Er hielt ihr seine große gebräunte Bauernhand einladend entgegen. Sie

zögerte einen Augenblick, dann legte sie verschämt und wortlos ihre

kleine weiße Hand zustimmend in die des Malers, die sich eine Sekunde

lang darum schloß, wie um eine gefangene Beute. Dann gab er sie mit

freundlichem Blick frei. Der Wirt staunte über den so rasch

abgeschlossenen Handel und rief einige Matrosen von den Tischen herbei,

um ihnen das seltsame Geschehnis zu zeigen. Aber das Mädchen, das sich

verschämt im Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit fühlte, sprang

plötzlich auf und schoß wie der Blitz zur Türe hinaus. Überrascht

schauten ihr alle nach.

»Donnerwetter,« sagte der Wirt ganz verwundert, »Ihr habt da ein

Meisterstück gemacht. Nie hätte ich gedacht, daß das scheue Ding

einwilligen würde!«

Und wie zur Bekräftigung goß er wieder ein Glas hinab. Der Maler, dem

es unbehaglich zu werden begann in dieser Gesellschaft, die langsam

vertraulich wurde, warf Geld auf den Tisch, besprach mit dem Wirte alles

nähere und schüttelte ihm dankbar die Hand, beeilte sich aber aus der

Schenke zu treten, deren Dunst und Lärm ihn anwiderte, und deren

saufende und gröhlende Insassen ihn mit Ekel erfüllten.

Als er auf die Straße trat, war die Sonne schon gesunken, und nur

mattrosa Dämmerung umhüllte noch den Himmel. Der Abend war mild und

rein. Mit langsamem Schritt ging der alte Mann heimwärts und dachte der

Ereignisse, die ihm so seltsam und so begütigend dünkten wie ein Traum.

Und gottesfürchtige Stimmung umfing sein Herz, das selig zu erzittern

begann, wie nun von einem Turme die erste Glocke zum Gebete rief und

Glockenstimmen von allen Türmen der Runde einfielen, mit hellen und

tiefen, dumpfen und freudigen, klingenden und murrenden Stimmen, wie

Menschen in Freude und Sorge und Schmerz. Unglaublich dünkte es ihm

zwar, daß über ein Herz, das ein Leben lang schlicht im Dunkel geraden

Weges gegangen, noch spät die milden Leuchten göttlicher Wunder sich

entzündeten, aber er wagte nicht mehr zu zweifeln; und diesen Glanz

erträumter Gnade trug er durch das Dunkel der verdämmernden Straßen

heimwärts in ein seliges Wachen und einen wundersamen Traum....

* * * * *

Tage waren verflossen, und noch immer stand die Leinwand unberührt auf

des Malers Staffelei. Nun war es aber nicht Verzagtheit mehr, die seine

Hände fesselte, sondern ein sicheres inneres Vertrauen, das nicht mehr

mit Tagen rechnet und zählt, das nicht hastet, sondern sich wiegt in

seliger Stille und verhaltener Kraft. Esther war gekommen, scheu zwar

und verwirrt, aber bald hingebender, sanfter und schlichter werdend in

dem wärmenden Lichte der väterlichen Güte, das der Seele dieses

schlichten und fürchtigen Menschen zu entstrahlen schien. Sie hatten

diese Tage nur zusammen verplaudert, wie Freunde, die einander nach

langen Jahren begegnen und sich gleichsam wieder erkennen wollen, ehe

sie die alten herzlichen Worte wieder mit innigem Empfinden durchtränken

und den Wert der alten Stunden erneuern. Und bald verband ein geheimes

Bedürfnis diese zwei Menschen, die sich so ferne waren und doch so

ähnlich in einer gewissen Einfachheit und Einfalt ihrer Empfindung: der

eine ein Mensch, den das Leben gelehrt, daß es in seinem tiefsten Grunde

nur Klarheit und Stille ist, ein Erfahrener, den lange Tage und Jahre

schlicht gemacht. Und die andre eine, die das Leben noch nicht empfand,

weil sie wie in einer Dunkelheit versponnen sich verträumt hatte und

den ersten Strahl, der aus der lichten Welt zu ihr kam, im Innersten

auffing und in einfarbigem stillen Leuchten zurückspiegelte. Und beide

waren sie allein zwischen den Menschen; so wurden sie sich ganz nahe.

Der Geschlechter Unterschied sprach nicht zwischen beiden; bei dem einen

war der Gedanke erloschen und warf nur noch den Abendschein klärender

Erinnerung herüber in sein Leben, und dem Mädchen war das dunkle

Empfinden ihrer Weiblichkeit noch nicht bewußt geworden und wirkte nur

als milde, sehr unsichere und unruhige Sehnsucht, die sich noch kein

Ziel weiß. Eine leise und schon erzitternde Wand stand noch zwischen

ihnen: die der Fremdheit des Volkes und der Religionen, die Zucht des

Blutes, sich immer fremd sehen zu müssen und feindlich, ein Mißtrauen zu

hegen, das erst ein Augenblick großer Liebe überwindet. Ohne diesen

unbewußten Halt hätte sich längst das Mädchen, in der Liebe, versparte

und edelste Liebe nach vorwärts drängte, weinend an die Brust des alten

Mannes geworfen und ihm ihre heimlichen Schauer und werdende Sehnsucht,

den Schmerz und Jubel ihrer einsamen Tage gestanden; so aber verriet sie

das Geheimste ihrer Seele nur in Blicken und Verschweigungen, in

unruhigen Gebärden und Andeutungen, denn immer, wenn sie fühlte, wie

alles in ihr zum Lichte strömen wollte und sich in den klaren und

überströmenden Worten innigster Empfindung verraten, da faßte sie wie

eine dunkle unsichtbare Hand die geheime Kraft und preßte die Worte

zusammen. Und auch der alte Mann vergaß nicht, daß er in seinem Leben an

den Juden, wenn nicht auch gehässig, so doch mit dem Gefühl der

Fremdheit vorbeigegangen sei. Ein Zögern hielt ihn zurück, mit dem Bilde

zu beginnen, weil er hoffte, daß ihm dieses Mädchen nur in den Weg

gewiesen worden sei, um zum wahren Glauben bekehrt zu werden. Nicht an

ihm sollte das Wunder gewirkt werden, sondern er sollte es wirken. Er

wollte in ihrem Blicke die tiefe Heilandssehnsucht sehen, die die

Gottesmutter selbst getragen haben mußte, als sie mit seligem Erwarten

seiner Erscheinung entgegenbangte. Er wünschte ihr Wesen erst mit

Gläubigkeit zu erfüllen, um eine Madonna schaffen zu können, in der noch

die Schauer der Verkündigung beben, aber schon vereint mit dem süßen

Vertrauen der Erfüllung. Und rings dachte er sich eine milde Landschaft

in Vorfrühlingsstimmung, weiße Wolken, die wie Schwäne durch die Luft

wanderten, als zögen sie an unsichtbaren Fäden den warmen Frühling

hinter sich, ein erstes zartes Grün, das der Auferstehung

entgegendrängte und schüchterne Blumen, die wie mit dünnen Kinderstimmen

die große Seligkeit verkündeten. Aber des Kindes Augen waren ihm noch zu

verschüchtert und zu demutsvoll; die mystische Flamme der Verkündigung

und der Hingebung an eine dunkle Verheißung wollte sich noch nicht in

diesen unruhigen Blicken entzünden, in denen noch der tiefe

verschleierte Schmerz des Volkes lastete und manchmal der flackernde

Trotz der Auserwählten, die mit ihrem Gotte gehadert. Noch kannten sie

die Demut nicht und nicht die sanfte unirdische Liebe.

Er suchte sorgfältige und vorsichtige Wege, um den Glauben ihrem Herzen

näher zu tragen; denn er wußte, wenn er ihn ihr hell und in seiner

ganzen Fülle erglühend entgegentrüge wie eine Monstranz, in der die

Sonne tausendfarbig funkelt, daß sie nicht erschauernd niedersinken

würde, sondern sich schroff und hart abwenden, um das feindliche Zeichen

nicht zu sehen. In seinen Mappen ruhten viele Bilder aus der heiligen

Geschichte; eigene und viele großer Meister, die er in seiner Lehrzeit

und auch später noch manchesmal, von lebhafter Bewunderung überwältigt,

nachgezeichnet hatte. Die suchte er nun heraus, und sie betrachteten

gemeinsam, Schulter an Schulter die Bilder; bald fühlte er den tiefen

Eindruck, den manches der Blätter in ihrer Seele erzeugte, an der Unruhe

ihrer blätternden Hände und den raschen Atemzügen, die warm an seine

Wangen wellten. Eine farbige Welt von Schönheit tauchte plötzlich vor

diesem einsamen Mädchen auf, das seit Jahren nur mehr die verquollenen

Gestalten der Schenke, die verrunzelten Gesichter alter

schwarzgekleideter Frauen und die schmutzige Plumpheit der schreienden

und sich balgenden Straßenkinder gesehn hatte. Und hier waren sanfte, in

wunderbare Gewande gehüllte Frauen von bezaubernder Schönheit, traurige

und stolze, begehrliche und verträumte, Ritter in Rüstungen und langen

Prunkgewanden, die mit diesen Frauen scherzten oder sprachen, Könige mit

langwallenden weißen Locken, auf denen goldene Kronen schimmerten,

schöne Jünglinge, deren Leib von Pfeilen durchbohrt sich am Marterstamm

niedersenkte oder unter Qualen verblutete. Und ein fremdes Land, das sie

nicht kannte und dessen Anblick sie süß, wie eine unbewußte

Heimatserinnerung berührte, tat sich auf mit grünen Palmen und hohen

Zypressen, mit einem leuchtenden blauen Himmel, der über Wüsten und

Berge, Städte und Fernen in gleichem tiefen Glanze lag und viel leichter

und freudiger zu sein schien, als dieser nördliche, der selbst wie eine

einzige graue ewige Wolke war.

Nach und nach fügte er ihr kleine Erzählungen bei. Er erklärte ihr die

Bilder mit den einfachen und so dichterischen Legenden des Testamentes

und sprach von den Wundern und Zeichen der heiligen Tage mit solcher

Glut, daß er die eigene Absicht vergaß und das gläubige Vertrauen,

welches ihm die erträumte Gnade der letzten Tage verliehen, in

ekstatischen Farben verkündete. Und dieses alten Mannes begeisterter

Glaube erschütterte tief das Herz dieses Mädchens, die selbst sich nun

fühlte wie in einem erschlossenen Wunderlande, das sich jählings aus dem

Dunkeln mit umfangenden Pforten geöffnet. Stärker und stärker begann ihr

Leben zu wanken, das aus tiefster Nacht plötzlich in purpurner Dämmerung

erwachte. Nichts schien ihr unglaublich, seitdem sie selbst so seltsames

erlebt, nicht jene Legende von dem silbernen Sterne, hinter dem drei

Könige aus fernem Lande gingen, mit Pferden und Kamelen, auf denen eine

schimmernde Flut von Kostbarkeiten ruhte, -- nicht daß ein Toter von

einer segnenden Hand berührt, wieder zum Leben erstand, denn an sich

selbst schien sie ähnliche Wundergewalt zu verspüren. Bald blieben die

Bilder unbeachtet beiseite. Der alte Mann erzählte aus seinem Leben,

manches Gotteszeichen mit den Legenden der Bücher vermählend; vieles,

das er in den stummen Tagen seines Alters in sich versponnen und

verträumt, hoben jetzt seine Worte ins Licht, ihn selbst erstaunend, wie

etwas Fremdartiges, das man prüfend von eines andern Hand übernimmt;

gleich einem Prediger war er, der in der Kirche mit einem Gotteswort

begonnen, um es zu erläutern und zu durchleuchten; mit einem Male aber

vergißt er Hörer und Ziel und gibt sich nur der dunklen Wollust hin,

alle die rauschenden Quellen seines Herzens in ein tiefes Wort strömen

zu lassen, wie in einen Kelch, in dem alle Süße und Heiligkeit des

Lebens ist. Und über das niedere Volk seiner betroffenen Hörer, die

nicht mehr reichen bis zu seiner Welt und murren und sich bestarren,

fliegt sein Wort höher und höher und ist selbst allen Himmeln nahe in

seinem verwegenen Traum der vergessenen Erdenschwere, die sich plötzlich

wieder bleiern an seine Schwingen hängt....

Der Maler schaute plötzlich um sich, wie noch umrauscht von dem

purpurnen Nebel seiner ekstatischen Worte; die Wirklichkeit wies ihm

wieder ihr geordnetes kaltes Gefüge. Aber was er sah, war schön wie ein

Traum.

Zu seinen Füßen saß Esther und schaute zu ihm auf. Sanft an seinen Arm

gelehnt und in diese stillen, blauen, geklärten Augen blickend, in denen

sich plötzlich so viel Licht gesammelt, war sie nach und nach an ihm

herabgeglitten, ohne daß er es in seiner gottnahen Aufwallung bemerkte,

und kauerte an seinen Knieen, den Blick zu ihm erhoben. Alte Worte aus

eigener Kinderzeit rauschten wirr in ihrem Kopfe, Worte, die der Vater

an manchen Tagen im langen schwarzen Feiergewand, umhangen von weißen

zerfaserten Binden, aus einem alten und ehrwürdigen Buche vorgelesen

hatte, und die auch so voll dröhnender Feierlichkeit waren und voll

inbrünstiger Andacht. Eine Welt, die sie verloren und von der sie wenig

mehr wußte, ward in dämmernden Farben wieder wach und erfüllte sie mit

weher Sehnsucht, die Tränenglanz in ihren Augen erschimmern ließ. Und

als der alte Mann sich zu diesen schmerzlichen Blicken niederbeugte und

ihre Stirne küßte, fühlte er, wie ein Schluchzen ihre zarten kindlichen

Glieder in wildem Fieber schüttelte. Und er mißverstand sie. Denn er

meinte, daß das Wunder sich vollendet habe und Gott in einem großen

Augenblicke seiner sonst schlichten und wortkargen Sprache die glühenden

Feuerzungen der Beredsamkeit geschenkt habe, wie einst den Propheten,

da sie zu dem Volke gingen. Und er meinte, dieses Schauern sei die bange

und noch fürchtige Seligkeit einer, die den Heimweg zu dem wahren und

aller Seligkeiten Fülle tragenden Glauben gefunden habe und die zittert

und schwankt, wie einer Fackel jäh entflammte Flamme, die noch unsicher

hoch in die Luft tastet und wieder in sich zusammensinkt, ehe sie sich

klärt zu stillem geruhigem Leuchten. Dieser Irrtum umfing mit jubelnder

Freude sein Herz, das sich mit einem Male seinen fernsten Zielen nahe

wähnte. Eine Weihe überkam seine Worte.

»Ich habe dir von Wundern erzählt, Esther! Viele sagen, daß sie vor

Zeiten waren, ich aber fühle und sage, daß sie noch heute sind, nur daß

sie stiller geworden sind und nur in den Seelen derer erstehen, die sie

erwarten. Was zwischen uns war, ist ein Wunder, meine Worte und deine

Tränen, sie sind eines in einer unsichtbaren Hand, die sie aus unserem

blinden Innern gestoßen, ein Wunder der Erleuchtung. Da du mich

verstanden, gehörst du schon zu uns; in diesem Augenblicke, da dir Gott

diese Tränen geschenkt, bist du schon Christin....«

Er hielt erstaunt inne. Denn bei diesem Wort war Esther von seinen Füßen

mit abwehrenden Händen emporgefahren, wie um diesen Gedanken

zurückzustoßen. Erschrecken flackerte in ihren Augen und der unbändige

zornige Trotz, von dem man dem Maler gesprochen. Sie war schön in diesem

Augenblick, da die Herbe ihrer Züge Trotz und Zorn wurde, die Linien um

ihren Mund wie Messerschnitte so scharf, und in ihren zitternden

Gliedern eine katzenhaft zur Verteidigung bereite Gebärde. Die ganze

Glut, die in ihr schäumte, brach in einer Sekunde wildester Verteidigung

empor....

Dann ward wieder alles ruhiger. Sie schämte sich der Gewalttätigkeit

dieser wortlosen Abwehr. Aber die Wand, die schon ganz durchleuchtet

gewesen war von den Strahlen einer übersinnlichen Liebe, starrte wieder

schwarz und hoch zwischen beiden. In ihren Blicken war Kälte, Unrast und

Beschämung, nicht Zorn mehr und nicht mehr Vertrauen, nur Wirklichkeit

und nicht mehr mystisch erschauernde Sehnsucht. Und schlaff fielen die

Hände an ihrem schmalen Körper herab, wie Schwingen, die auf

hochrauschendem Fluge zerbrochen. Noch immer war ihr das Leben ein

Rätsel von Schönheit und Seltsamkeit, aber sie wagte nicht mehr den

Traum zu lieben, aus dem sie so niederschmetternd erwacht war.

Auch der alte Maler fühlte, daß ihn ein voreiliges Vertrauen betrogen

hatte, aber es war nicht die erste Enttäuschung seines langen suchenden

Lebens, das nur Treue und Vertrauen war. So kam ihn kein Schmerz an,

sondern nur Erstaunen und dann wieder fast Freude über ihre rasche

Beschämung. Sanft faßte er ihre beiden schmalen Kinderhände, in denen

noch das Fieber glühte. »Esther, du hast mich beinahe erschreckt mit

deiner jähen Aufwallung. Ich meine es doch nicht schlecht mit dir. Oder

denkst du das?«

Sie schüttelte beschämt ihren Kopf, um sich im nächsten Momente wieder

aufzurichten. Und ihre Worte wurden beinah wieder trotzig:

Die Liebe der Erika Ewald: Novellen · 第 7 / 11 段