berief sich seiner Sendung und entbot mir Gruß und Brief meines
Freundes. Der italienische Maler, dessen wunderbaren und seltsam
traurigen Gesichtes ich mich noch wohl besinne, glich durchaus nicht den
lärmenden und großsprecherischen Kumpanen meiner Venezianer Zechgelage.
Eher hätte man ihn als Mönch empfangen, denn als Maler, weil sein
Habitus schwarz und lang war, seine Haare schlicht gereiht und sein
Antlitz von jener vergeistigten Blässe der Nachtwachen und Askesen. Der
Brief bestätigte nur jenen günstigen Eindruck und zerstreute meine
Bedenken ob der Jugend des Meisters; die alten Maler, schrieb mir mein
Freund, seien in Italien stolzer als Fürsten, und es hielte schwer, sie
auch mit dem verlockendsten Angebot aus ihrer Heimat zu entfernen, wo
sie umringt seien von Freunden und Frauen, von Fürsten und Volk. Diesen
jungen Meister habe nur der Zufall bestimmt: die Sehnsucht, wegen eines
ihm unbekannten Grundes Italien zu verlassen, sei ihm dringender gewesen
als alles Geldes Angebot, denn man kenne auch daheim des jungen Malers
Wert und wisse ihn zu ehren.
»Es war ein stiller verschlossener Mann, den mir mein Freund gesandt.
Nie habe ich von seinem Leben etwas erfahren, nur dunklen Andeutungen
entnahm ich, daß eine schöne Frau schmerzlichen Anteil an seinem
Geschicke habe und er um ihretwillen die Heimat verlassen. Und, wiewohl
ich keinen Beweis dafür habe und mich solches Tun ketzerisch und
unchristlich anmutet, so meine ich, daß jenes Bild, das Ihr gesehn und
das er im Verlauf weniger Wochen ohne Vorbild und mühsame Bereitung aus
der Erinnerung gemalt, jener Frau Züge erhalte, die er geliebt. Denn
immer, wenn ich zu ihm kam, fand ich ihn, wie er das gleiche süße
Antlitz, das ihr gesehen, von neuem versuchte oder träumend in seiner
Betrachtung verweilte. Und als ich nach des Bildes Vollendung in
heimlicher Angst ob der Gottlosigkeit, eine Dirne als Gottesmutter zu
malen, ihm anbefahl, für das zweite Bild eine andere Gestalt zu wählen,
da blieb er stumm. Und des nächsten Tages, als ich zu ihm ging, war er
ohne ein Wort des Abschieds von hinnen gereist. Ich trug Bedenken mit
diesem Bilde den Altar zu schmücken, doch der Priester, den ich
befragte, verstattete es ohne jegliches Besinnen.....«
»Und er hat recht getan,« fiel der Maler beinahe erregt ein. »Denn woher
sollten wir die holde Schönheit unserer lieben Frauen zu schildern
wissen, wenn nicht von der Schönheit jeder Frau, die uns begegnet. Sind
wir nicht nach Gottes Bilde geschaffen und muß nicht, um das
Vollkommenste darzubieten, das Vollendetste unter den Menschen eine,
wenngleich nur matte Folie des Unsichtbaren sein! Seht! Ich, den ihr
bestimmt, das zweite Bild zu schaffen, ich bin einer der Armen, die
nicht zu malen wissen ohne die Natur, denen es nicht gegeben ist, von
innen zu bilden, sondern die in mühsamer Nachzeichnung des Wahrhaftigen
ihr Werk erschaffen. Nicht meine Liebste würde ich wählen, um die Mutter
Gottes würdig zu bilden, denn es wäre sündhaft, die Unbefleckte durch
einer Sünderin Antlitz zu sehen, aber ich würde nach Schönheit spüren
und diejenige malen, deren Antlitz mir am meisten unserer Gottesmutter
Züge zeigte, wie ich sie in meinen frommen Träumen erschaut. Und glaubt,
obgleich eines sündigen Menschen Antlitz, wenn ihr in frommer Hingebung
es schafft, bleibt nichts von Schlacken der Begehrlichkeit und
Sündhaftigkeit in diesen Zügen, ja dieser wunderbaren Reinheit Zauber
wirkt oft weiter als ein Zeichen in der irdischen Frauen Angesicht.
Dies Wunder meint' ich oftmals selbst zu sehn.«
»In jedem Fall -- Euch traue ich. Ihr seid ein reifer Mann, der viel
geduldet und gelebt, und so Ihr keine Sünde darin findet...«
»Im Gegenteil! Ich find' es lobenswert, und nur die Protestanten wie
andere Sektierer eifern gegen den Schmuck des Gotteshauses!«
»Da habt ihr recht. Doch bitt' ich Euch, beginnt bald mit dem Bild, denn
wie eine Sünde brennt dies ungelöste Gelübde auf mir. Durch zwanzig
Jahre vergaß ich an das zweite Bild: erst jüngst, als ich meines Weibes
gramvolles Angesicht sah, wie sie am Krankenbette meines Kindes weinte,
fühlte ich diese Schuld und erneute mein Gelübde. Und Ihr wißt, auch
diesmal hat die Muttergottes ein Wunder der Genesung dort gewirkt, wo
alle Ärzte sich mit Verzweiflung abgewandt hatten. Ich bitte Euch,
zögert nicht lange mit dem Werk.«
»Ich tue, was ich kann, doch frei herausgesagt, fast nie in meiner
langen Schaffenszeit ist mir ein Werk so schwer erschienen, denn wenn es
nicht als eines Stümpers leichtfertiges Gefüge neben dieses jungen
Meisters Bild erscheinen soll -- von dessen Wirken ich mehr zu wissen
begehre -- muß Gottes Hand mit meinem Werke sein.«
»Der fehlt seinen Treuen nie. Lebt wohl! Und schreitet wohlgemut zum
Werk. Ich hoffe, Ihr bringt mir bald frohe Kunde ins Haus.«
Der Kaufherr schüttelte ihm vor seiner Pforte noch einmal innig die Hand
und sah vertrauensvoll in die klaren Augen des Malers, die wie ein
helleuchtender Gebirgssee, den verwitterte Zacken und Schroffen
umgrenzen, aus dem derbdeutschen, kantigen Gesichte entgegenblauten.
Der hatte noch ein entgegnendes Wort auf den Lippen, verschluckte es
aber mutig und faßte mit festem Drucke die dargebotene Hand. In innig
verstehenden Gefühlen schieden die beiden.
Der Maler ging langsam den Hafen entlang, wie es stets seine Gewohnheit
war, wenn ihn nicht die Arbeit an seine Stube fesselte. Er liebte dieses
wilde farbenreiche Bild, darin die Arbeit ungebrochen pulste, und
manchmal setzte er sich auf einen Taupflock nieder, um irgend eines
Schaffenden seltsame Körperbiegung nachzubilden und der schwierigen
Kunst der Verkürzungen ein fußbreit Weges abzuringen. Ihn störte nicht
der laute Ruf der Schiffer, das Rasseln der Wagen und das Meer, das sich
mit seinem gleichtönigen lallenden Geschwätze an die Ufer warf, ihm
waren jene Blicke gegeben, die zwar nicht leuchten vom Abglanz innerer
selbstgeschauter Bilder, die aber in allem Lebenden, so gleichgültig es
auch sich gebärden mag, jenen Strahl erkennen, der ein Kunstwerk zu
erleuchten vermag. Darum ging er auch immer ins Leben, wo es sich am
farbigsten ausstrahlte und verwirrende Fülle wechselnder Reize
ausatmete; zwischen dem Matrosenvolk streifte er mit langsamen Schritten
und suchendem Auge, ohne daß ihn jemand zu verlachen wagte, denn unter
dem vielen lärmenden unnützen Volk, das ein Hafen ansammelt, so wie der
Strand die tauben Muscheln und zerbröckelndes Gestein, fiel er durch
sein stilles Gebaren und die Ehrwürdigkeit seiner Mienen auf.
Diesmal aber stand er bald von seiner Suche ab. Des Kaufherrn Geschichte
hatte ihn im Tiefsten berührt, weil sie leise auch an ein eigenes
Schicksal gestreift, und selbst der Kunst sonst so hingebender Zauber
versagte heute seinen Dienst. Über allen Frauenantlitzen, und ob sie
auch nur plumpe Fischergestalten waren, leuchtete der milde Glanz des
Muttergottesbildes von des jungen Meisters Hand. Unschlüssig wandelte er
in träumerischen Gedanken eine Zeitlang dem sonntäglich geputzten
Getriebe entlang; dann aber mühte er sich nicht mehr, dem sehnsüchtigen
Drange zu widerstehen, und durch das dunkle Netz der winkeligen Gassen
suchte er wieder zur Kirche zurück zu jener milden Frau wundersamem
Konterfei.
* * * * *
Einige Wochen gingen seit jener Unterredung dahin, in welcher der Maler
seinem Freunde die Vollendung des Bildes für den Altar der Gottesmutter
zugesagt hatte, und noch immer blickte die unberührte Leinwand
vorwurfsvoll den alten Meister an, der sie beinahe zu fürchten begann
und die Stunden immer lieber auf der Straße zubrachte, um nicht die
grausame Mahnung und den schweigenden Vorwurf seiner Mutlosigkeit fühlen
zu müssen. In diesem Leben regsamer Arbeit, das vielleicht sogar zu viel
gewirkt hatte, um prüfend in sich selbst zu schauen, war seit jenem Tag,
da der Maler des jungen Meisters Bild erblickt, eine Wendung geschehen;
Zukunft und Vergangenheit waren jählings aufgerissen und blickten ihn
an, wie ein leerer Spiegel, in den nur Dunkelheit und Schatten strömen.
Und nichts Furchtbareres gibt es, als den Schauer eines Lebens, das
schon auf dem letzten Grat seines Aufstieges aufblickt, vom mutvollen
Schreiten und dann von sinnender Angst befallen, es habe den Fehlweg
eingeschlagen, die Kraft verliert, die letzten leichtesten Fußtapfen
nach vorwärts zu machen. Mit einem Mal schien dem Maler, der in seinem
Leben schon hundert und aberhundert frommer Darbildungen gemalt, die
Fähigkeit zerronnen, eines Menschen Angesicht würdig zu gestalten, daß
es ihm selbst so schiene, als sei es göttlichen Wesens würdig. Er hatte
Frauen gesucht, solche, die ihr Antlitz verkauften für die Stunde der
Nachbildung, solche, die ihren Leib verkauften, Bürgersfrauen und sanfte
Mädchen, deren Gesicht überleuchtet war vom durchglühenden Schimmer
innerer Reinheit; aber stets, wenn sie nahe vor ihm standen und er den
Pinsel ansetzen wollte zum ersten Strich, da fühlte er ihre
Menschlichkeit. Er sah die blonde gefräßige Behäbigkeit in der einen,
die wilde verhaltene Gier, sich im Liebeskampfe auszutoben, in der
andern, er fühlte die leere Glätte hinter den kurzen glänzenden
Mädchenstirnen und erschrak beim plumpen Schritt und bei der verbuhlten
Hüftenbiegung der Dirnen. Und die Welt ward ihm mit einem Male so öde,
alle diese Menschen, die er um sich sah: der Atem der Göttlichkeit
schien ihm ausgelöscht, überwuchert von dem blühenden Fleische dieser
begehrlichen Frauen, die nichts mehr wußten von dem mystischen Magdtum
und den sanften Schauern unbefleckter Hingebung an die Träume einer
andern Welt. Er schämte sich, die Mappen aufzuschlagen, die sein eigenes
Werk enthielten, denn ihm schien, als hätte er sich selbst wie von der
Erde entfernt und sei sündig gewesen, indem er plumpe Bauern zu
Blutzeugen des Heilands und grasse Weiber zu seinen Dienerinnen erwählt.
Dumpfer und drückender wölkte sich diese Stimmung über ihn herab. Er sah
sich als jungen Knecht hinter seines Vaters hartem Pfluge gehen, lange
bevor er zur Kunst entlief, mit harten Bauernhänden die Egge in die
schwarze Erde stoßen und fragte sich, ob er nicht besser getan, gelbes
Korn zu säen und Kindern wohlgehüteten Bestand zu wahren, als mit
plumpen Fingern an Geheimnissen und Wunderzeichen zu rütteln, die nicht
für ihn geschaffen. Sein ganzes Leben schien ihm in den Fugen zu wanken,
emporgekeilt durch die flüchtige Erkenntnis einer Stunde, durch ein
Bild, das seine Träume durchschwebte und seiner wachen Minuten Folter
und Seligkeit war. Denn es war ihm nicht mehr möglich, die Muttergottes
in seinen Gebeten anders zu empfinden, als sie auf jenem Bilde war,
welches so holdseliges Konterfei bot und doch so abgewandt war von der
Schönheit aller irdischen Frauen, die ihm begegnet, so verklärt in dem
Scheine fraulicher Demut mit göttlicher Ahnung. Aller Frauen Bild, die
er geliebt, verfloß in dem trügerischen Dämmer der Erinnerung in die
wundersame Hülle dieser Gestalt. Und als er sich mühte, zum ersten Male,
nicht dem Wirklichen abzulauschen, sondern eine Muttergottes nach dem
Phantasiebilde zu schaffen, das ihn durchschwebte, Maria mit dem Kinde,
sanft lächelnd und in froher ungetrübter Seligkeit, da sanken seine
Finger, die den Pinsel führen wollten, kraftlos nieder, wie vom Krampf
gelähmt. Denn der Strom versiegte, die Fertigkeit der Finger, des Auges
Worte zu sprechen schien hilflos gegenüber jenem hellen Traum, den er
mit seinem inneren Blick so deutlich sah, als sei er aufgemalt auf einer
starren Wand. Wie ein Feuer brannte dieser Schmerz der Unfähigkeit, den
schönsten und treuesten seiner Träume in die Wirklichkeit tragen zu
können, wenn die Wirklichkeit nicht selbst aus ihrer Fülle eine Brücke
bot. Und er stellte sich die bange Frage, ob er sich selbst noch
Künstler nennen dürfe, da ihm solches geschah und ob er sein Leben lang
nicht nur ein mühsam bildender Handwerker gewesen sei, der nur Farben
nebeneinander gefügt, wie ein Kärrner die Steine zu einem Bau.
Solche selbstquälerische Betrachtung ließ ihn keinen Tag ruhen und
trieb ihn mit zwingender Gewalt aus seiner Stube, wo ihn die leere
Leinwand und die sorgsam bereiteten Utensilien wie höhnische Stimmen
verfolgten. Mehrmals wollte er dem Kaufherrn seine Not beichten, aber er
fürchtete, daß dieser zwar fromme und auch wohlgesinnte Mann ihn nie
ganz verstehen könnte und eher an eine ungeschickte Ausflucht werde
glauben wollen, als seine Unfähigkeit, ein solches Werk zu beginnen, wie
er sie schon in großer Zahl und zum allgemeinen Beifall der Meister und
Laien vollendet hatte. Und so irrte er gewöhnlich ratlos und rastlos in
den Straßen umher, geheim erschreckend, wie ihn der Zufall oder eine
verborgene Magie aus seinen wandelnden Träumen immer wieder vor jener
Kirche erwachen ließ, gleichsam als binde ihn ein unsichtbares Band an
dieses Bild oder eine göttliche Kraft, die seine Seele selbst im Traume
regiere. Manchmal trat er ein, mit der geheimen Hoffnung, daß er Makel
und Fehl entdecken könne und so der zwingende Zauber gebrochen sei; vor
dem Bilde aber vergaß er gänzlich des jungen Meisters Schöpfung neidlich
nach Kunst und Handwerk zu messen, sondern er fühlte es wie Schwingen um
sich rauschen, die ihn auftrugen in Sphären sanfteren und verklärteren
Genießens und Anschauens. Und erst wenn er die Kirche verließ und
begann, seiner selbst und eigenen Bemühens zu gedenken, fühlte er den
alten Schmerz mit doppelter Gewalt.
Eines Nachmittags war er wieder durch die hellerleuchteten Straßen
geirrt, und diesmal fühlte er seine quälerischen Zweifel milder werden.
Von Süden her war der erste Frühlingswind gekommen und trug, wenn auch
nicht die Wärme, so doch die Helle vieler heranblühender Lenztage in
sich. Zum ersten Male schien dem Maler jener graue stumpfe Glanz, den
sein eigener Gram über die Welt gelegt, sich zu lösen und Gottes Gnade
in sein Herz zu rauschen, wie immer, wenn das große Auferstehungswunder
in flüchtigen Zeichen sich verkündete. Eine klare Märzsonne wusch alle
Dächer und Straßen blank, die Wimpel wehten bunt im Hafen, der zwischen
den sanft sich wiegenden Schiffen hervorblaute und im steten Lärmen der
Stadt brauste es wie jubelndes Singen. Ein Pikett spanischer Reiter
trabte über den Platz; man sah sie heute nicht mit feindlichen Blicken,
wie sonst, sondern freute sich des sonnigen Widerspiels ihrer Rüstungen
und der blinkenden Helme. Die weißen Hauben der Frauen, die der Wind
mutwillig zurückschlug, wiesen frische und farbige Gesichter; über das
Pflaster aber trappte flink der holzschuhklappernde Tanz der Kinder, die
sich bei den Händen faßten und singend in Ringelreihn sich drehten.
Auch in den sonst so dunklen Hafengassen, denen sich nun der immer
froher werdende Wandler zuwandte, flackerte ein leichter Schimmer, wie
ein sinkender Regen des Lichts. Die Sonne konnte nicht ganz ihr
leuchtendes Angesicht zwischen diese vorgeneigten Giebeldächer blicken
lassen, denn die neigten sich dicht zusammen, schwarz und verknittert,
wie uralte Hauben zweier Mütterchen, die in stetem geschwätzigem
Gespräche stehen. Aber von Fenster zu Fenster gab sich das spiegelnde
Leuchten weiter, wie wenn funkelnde Hände flirrend hinabgriffen und es
hin- und herschnellten in übermütigem Spiel. Und manchen Fleck gab es,
da das Leuchten still und mild blieb, wie ein träumendes Auge in der
ersten Dämmerung des Abends. Denn unten, auf der Straße, lag das Dunkel,
unbeweglich und seit Jahren, nur selten im Winter unter schneeigem
Mantel geborgen. Und die da wohnten, trugen in ihren Augen die Unlust
und Traurigkeit steter Dämmerung; nur die Kinder, denen die Seele
brannte vor Sehnsucht nach Licht und Helle, ließen sich von diesem
ersten Strahl des Frühlings vertrauensvoll verführen und spielten in
leichter Gewandung auf dem schmutzigen, holprigen Pflaster, in ihrer
Unbewußtheit tief beglückt durch den schmalen, blauen Streif, der
zwischen den Dächern lugte und durch den goldenen Tanz der
Sonnenkringel.
Der Maler ging und ging, ohne ein Müdewerden zu fühlen. Es war ihm, als
sei auch ihm ein geheimer Jubel beschieden und als sei jedes
Sonnenfunkens flüchtiger Schein Gottes leuchtender Gnadenstrahl, der zu
seinem Herzen ginge. Alle Bitternis war verloschen in seinem Angesicht,
das so milde und begütigend durchleuchtet war, daß die spielenden Kinder
aufstaunten und ihn fürchtig grüßten, weil sie einen Priester in ihm zu
sehen meinten. Er ging und ging, ohne an Ziel und Ende zu denken, denn
in seinen Gliedern drängte der neue Frühlingstrieb, wie in alten
verknisterten Bäumen die Blüten bittend an den haltenden Bast klopfen,
daß er ihre junge Kraft aufschießen lasse ins Licht. Sein Schritt war
froh und leicht wie der eines Jünglings; frischer und lebendiger schien
er zu werden, obgleich der Weg schon Stunden währte, und rascher
geschmeidiger Takt maß die rasch zurückgelegten Strecken.
Plötzlich hielt der Maler wie versteinert inne und fuhr sich mit der
Hand schützend über die Augen, wie einer, den ein blitzender Strahl
verletzt oder ein schrecksames und unglaubliches Ereignis. Aufschauend
zum sonneüberleuchteten Schein eines Fensters hatte er den vollen Strahl
des zurückspiegelnden Lichtes schmerzhaft in den Augen gefühlt, aber
durch jenen Nebel von Purpur und Gold war eine seltsame Erscheinung, ein
wunderbares Trugbild auf dem wirrenden Scharlachschleier erschienen: die
Madonna jenes jungen Meisters, träumerisch und leise schmerzlich
zurückgelehnt, wie auf jenem Bild. Ein Schauer überlief ihn, die
grausame Angst der Enttäuschung vereint mit jenem selig zitternden
Rausch eines Begnadeten, dem die wundersame Vision der Gottesmutter
nicht im Dunkel eines Traumes, sondern in Tageshelle erschienen, ein
Wunder, das viele bezeugten und wenige wirklich erschaut hatten. Noch
wagte er den Blick nicht zu erheben, weil er sich nicht stark genug
fühlte, um den niederschmetternden Augenblick unseliger Entscheidung auf
seinen zitternden Schultern tragen zu können, weil er fürchtete, daß
diese eine Sekunde sein Leben noch grimmiger zerstampfen könnte, als die
unerbittliche Selbstqual seines verzagten Herzens. Erst als seine Pulse
langsamer und ruhiger gingen und er nicht mehr schmerzvoll ihren
Hammerschlag in der Kehle spürte, raffte er sich auf und sah langsam,
unter der überschattenden, zitternden Hand zu jenem Fenster auf, in
dessen Rahmen er das verführerische Bild gesehn.
Er hatte sich getäuscht. Es war nicht das Mädchen von des jungen
Meisters Marienbild. Aber die erhobene Hand sank darum nicht verzagend
herab. Denn auch das, was er erschaute, schien ihm ein Wunder zu sein,
wenn auch ein viel lieblicheres, milderes und menschlicheres, als eines
Gottes Erscheinung, die im glühenden Strahl einer begnadeten Stunde
erscheint. Nur eine ferne und verlorene Ähnlichkeit hatte jenes Mädchen,
das sich nachdenklich über die leuchtende Brüstung des Fensters lehnte,
mit jenem Altarbild: auch ihr Gesicht war von schwarzen Locken
umfaltet, und auch sie blühte in jener geheimnisvollen und
phantastischen Blässe, aber ihre Züge waren härter, geschärfter, fast
zornig, und um den Mund legte sich ein verweinter und trotziger Zorn,
den nicht einmal der verlorene Ausdruck ihrer träumerischen Augen
mäßigen konnte, aus denen eine alte und tiefe Trauer empordämmerte.
Kindischer Mutwille und vererbtes vergrabenes Leid funkelten zusammen in
dieser mühsam gebändigten Unrast. Eine Stille war in ihrem Ruhen, die
sich jeden Augenblick in einer jähzornigen Bewegung lösen konnte, etwas
Phantastisches und Abenteuerliches, über das kein sanftes Träumen
hinwegtäuschen konnte; und der Maler fühlte an einem gewissen gespannten
Ausdruck ihrer Züge, daß in diesem Kinde schon eine jener Frauen zu
wirken beginne, die ihre Träume leben und mit ihren Sehnsüchten
verwachsen, deren Seele sich an die Dinge klammert, die sie lieben, mit
allen ihren Fibern und Fasern, und die sterben, wenn sie Gewalt von
ihnen löst. Mehr aber als alle diese Sonderbarkeit und Fremdheit in
ihrem Gesichte erstaunte ihn das Wunderspiel der Natur, das hinter ihrem
Haupte im bespiegelten Fenster die sonnige Glut aufstrahlen ließ wie
einen Heiligenschein, der sich um ihre Locken sammelte und sie funkeln
ließ, wie schwarzen Stahl. Und in diesem Spiel meinte er deutlich die
Hand Gottes zu spüren, die ihm den Weg wies, sein Werk wohlgefällig und
würdig zu vollenden.
Ein Karrenführer stieß derb an den in Schauen versunkenen Maler an, der
verloren inmitten der Straße stand. »Gottes Zorn! Könnt ihr nicht
achtgeben oder hat es Euch alten Kerl die schöne Jüdin da angetan, daß
ihr gafft wie ein Lümmel und den Weg versperrt?«
Der Maler fuhr auf, erschreckt, aber nicht verletzt durch den groben
Ton, den er überhört hatte über der Kunde, die ihm dieser übelgekleidete
und ruppige Genosse brachte. Und ganz erstaunt richtete er das Wort an
ihn.
»Das ist eine Jüdin?«
»Ich weiß nicht, aber man sagt es. Jedenfalls ist es nicht der Leute
Kind, sie haben es wo gefunden oder bekommen. Was schert's mich, meine
Neugierde hat's nie geplagt und wird's auch nicht sobald. Fragt den
Meister selbst, wenn ihr's wissen wollt, der weiß sicherlich besser als
ich, wieso er dazu gekommen ist.«
Der >Meister<, auf den er wies, war ein Wirt, der Besitzer einer jener
dumpfen, verrauchten Schenken, in denen nie ganz das Leben und Lärmen
erstirbt, weil Spieler und Matrosen, Soldaten und Müßiggänger sich dort
einquartieren, um sie nur selten wieder zu verlassen. Breit, mit
aufgequollenem, aber gutmütigem Gesicht stand er in der schmalen Türe,
wie ein einladendes Schild. Ohne viel Besinnen trat der Maler auf ihn
zu. Sie traten ein in die Schenke; der Maler setzte sich in eine Ecke an
einen der beschmierten Holztische, ein wenig unruhig und erregt, und als
der Wirt ihm das geforderte Glas vorsetzte, bat er ihn, einen Augenblick
mit ihm den Platz zu teilen. Und leise, um ein paar Matrosen, die am
Nebentische, schon ein wenig betrunken, vor sich hingröhlten, nicht
aufmerksam zu machen, sprach er sein Anliegen aus. Er erzählte ihm in
fliegenden, aber innerlich bewegten Worten von dem Wunderzeichen, das
ihm erschienen und bat schließlich den Wirt, der erstaunt zuhörte und
sich anscheinend bemühte, mit seinem langsamen, vom Wein verqualmten
Fassungsvermögen dem Maler zu folgen, -- er möge gestatten, daß ihm
seine Tochter als Folie eines Marienbildes diene. Er vergaß nicht zu
erwähnen, daß durch die gegebene Verstattung auch der Vater teilhaftig
werde an dem gottesfürchtigen Werk und merkte wiederholt an, daß er
bereit sei, den Dienst in barem Gelde zu vergüten.
Der Wirt antwortete nicht gleich, aber er wühlte mit seinem dicken
Finger unablässig in den breiten, aufgeblähten Nasenlöchern. Endlich
begann er.
»Ihr müßt mich nicht für einen schlechten Christen halten, bei Gott
nicht, aber das Ding ist nicht so einfach, wie ihr denkt. Denn wäre ich
der Vater und könnte zu meinem Kind sagen, geh hin und tu so, wie ich
dir's befehle, ich sag' Euch, unser Handel wäre schon erledigt. Mit
diesem Kind ist's aber eine eigene Sache..... Donnerwetter, was
gibt's denn dort!«
Er war aufgesprungen, in hellem Zorn, denn er ließ sich ungern in der
Rede stören. Am andern Tische hämmerte einer wie toll mit dem leeren
Krug auf der Bank und begehrte neue Füllung. Unwirsch riß ihm der Wirt
den Humpen aus der Hand und besorgte mit unterdrücktem Fluch die frische
Ladung. Gleichzeitig nahm er auch ein Glas und die Flasche mit, stellte
sie zum Tisch des Gastes und schenkte beide Gläser voll. Mit einem Ruck
war das seine hinabgespült, und wie erfrischt wischte er sich den
struppigen Schnauzbart ab und begann.