Eine kurze Zeit ging er wieder rüstiger, doch dann verlangsamte sich von

neuem sein Gang. Die Sonne stand schon hoch und heiß, und die Schatten

der Bäume fielen nur als schmale Streifen über den staubigen Weg. Sehr

selten kam ein schwacher Wind durch die stockende Mittagsschwüle, der

aber trieb den breitkörnigen und schweren Staub der Straße mit sich, der

sich an den schweißüberströmten Körper klebte. Und er fühlte ihn auch

auf den vertrockneten Lippen brennen, die lange nach einem Trunke

lechzten. Aber die Gegend war gebirgig und öde, nirgends war ein

frischer Quell zu sehen oder ein gastliches Haus.

Manchmal kam ihm der Gedanke, er sollte umkehren oder doch wenigstens im

Schatten einige Stunden rasten. Aber eine immer wachsende Unruhe trieb

ihn weiter mit schwankenden Knieen und lechzenden Lippen seinem Ziele

entgegen.

Inzwischen war es Mittag geworden. Die Sonne brannte heiß und stechend

vom wolkenlosen Himmel herab, und die Straße glühte unter den Sandalen

des Wanderers wie flüssiges Erz. Seine Augen waren rot und geschwollen

vom Staube, der Gang wurde immer unsicherer, und die ausgetrocknete

Zunge vermochte nicht mehr den seltenen Vorüberwandernden den frommen

Willkommengruß zu erwidern. Längst hätten alle Kräfte versagt, aber es

war, als triebe der Wille allein ihn noch vorwärts und die furchtbare

Angst, er könnte sich verspäten und möchte das leuchtende Antlitz nicht

mehr schauen, das seine Träume erhellte. Und der höhnische Gedanke, daß

er ihm schon nahe sei, nur mehr zwei armselige Stunden von der heiligen

Stadt, drohte ihm das Gehirn zu zersprengen.

Bis zu einem Hause am Wege schleppte er sich noch fort. Mit letzter

Kraft warf er den knorrigen Wanderstab gegen die Tür und bat die

öffnende Frau mit trockener und fast unhörbarer Stimme um einen Trunk.

Dann brach er ohnmächtig über der Schwelle zusammen.

Als er wieder zur Besinnung erwachte, fühlte er wieder sichere und

frische Kraft in seinen Gliedern. Er fand sich in einem kleinen Raum von

wohltuender Kühle auf einem Ruhebette ausgestreckt. Und überall die

Spuren einer mildtätig-sorglichen Hand; sein glühender Körper war mit

Essig gewaschen worden und sorgfältig gesalbt, und neben seinem Lager

stand noch das Gefäß, aus dem man ihn gelabt.

Sein erster Gedanke galt der Zeit, und er sprang rasch vom Lager, um

nach der Sonne zu sehen. Die stand noch hoch, denn es war erst früher

Nachmittag, so daß er wenig Zeit versäumt hatte. In diesem Augenblicke

trat die Frau ins Zimmer, die ihm früher das Tor geöffnet. Sie war noch

jung und dem Aussehen nach eine Syrierin; wenigstens hatten ihre Augen

jenen dunklen raubtierartigen Glanz der Frauen dieses Volkes, und ihre

Hände und Ohrgehänge verrieten die kindliche Freude am Schmuck, die

allen diesen Frauen eigen ist. Ihr Mund lächelte leise, als sie ihm

Willkommen in ihrem Hause bot.

Er sagte ihr warmen Dank für ihre Gastfreundschaft, wagte es aber nicht,

gleich vom Abschied zu sprechen, so sehr ihn auch sein Herz auf den Weg

drängte. Und nur ungern folgte er ihr in das Speisegemach, wo sie ihm

eine Mahlzeit vorbereitet. Dort hieß sie ihn mit einer Gebärde sich

niederzulassen, fragte ihn dann nach seinem Namen und um das Ziel seiner

Reise. Und bald kamen sie ins Gespräch. Sie begann von sich zu erzählen,

daß sie die Frau eines römischen Centurio sei, der sie aus ihrem

Heimatlande entführt hatte und hierhergebracht, wo ihr das Leben in

seiner Eintönigkeit, fern von ihren Stammesgenossen, wenig behage. Heute

bliebe er den ganzen Tag in der Stadt, denn Pontius Pilatus, der

Statthalter, habe die Hinrichtung dreier Verbrecher angeordnet. Und so

sprach sie noch allerlei gleichgültige Dinge mit viel Geschäftigkeit,

ohne auf seine unruhige und ungeduldige Miene zu achten. Und manchmal

sah sie ihn mit einem eigentümlich lächelnden Blick an, denn er war ein

schöner Jüngling.

Zuerst bemerkte er von alldem nichts, denn er achtete nicht auf sie und

ließ ihre Worte wie ein sinnloses Geräusch an sich vorbeiströmen. Sein

ganzes Denken verlor sich immer wieder in dem einzigen Gedanken, daß er

weiterwandern müsse, um noch heute den Heiland zu sehen. Aber der

schwere Wein, den er achtlos trank, gab seinen Gliedern Müdigkeit und

Schwere, und mit der Sättigung überkam ihn auch das sanfte Gefühl einer

trägen Behaglichkeit. Und als die sinkende Willenskraft ihn nach dem

Mahle zu einem matten Versuche zwang, Abschied zu nehmen, hielt sie ihn

mit Hinblick auf die drückende Hitze des Nachmittags ohne viel Mühe

zurück.

Und lächelnd verwies sie ihm seine Hast, die mit wenigen Stunden geize.

Wenn er schon Monate gezögert, dürfe er doch nicht mit einem einzigen

Tage rechnen. Und mit ihrem seltsamen Lächeln kam sie immer wieder

darauf zurück, daß sie allein zu Hause sei, ganz allein. Dabei bohrte

sich ihr Blick verlangend in den seinen. Und auch über ihn war eine

seltsame Unruhe gekommen. Der Wein hatte in ihm dumpfe Begierden

geweckt, und sein Blut, das in dem kochenden, verzehrenden Brande der

Sonne geglüht, pochte in seinen Adern mit einer seltsamen Schwüle, die

sein Denken immer mehr überwältigte. Und als sie ihr Antlitz einmal nah

zu dem seinen neigte und er den verlockenden Duft ihrer Haare einsog,

riß er sie zu sich und küßte sie in stürmischem Überschwang. Und sie

wehrte ihm nicht...

Und er vergaß seiner heiligen Sehnsucht und dachte nur derer, die er in

seinen fiebernden Armen hielt, einen langen schwülen Sommernachmittag

lang.

Erst die Dämmerung erweckte ihn wieder aus seinem Taumel. Jäh, fast

feindselig riß er sich aus ihren Armen los, denn der Gedanke, er könnte

den Messias versäumt haben um eines Weibes willen, machte ihn

furchterfüllt und wild. In Hast nahm er seine Kleider, ergriff den Stab

und verließ das Haus nur mit einer stummen Gebärde des Abschieds. Denn

wie eine Ahnung war es in ihm, daß er dieser Frau nicht Dank sagen

dürfe.

In unaufhörlicher Hast strebte er Jerusalem zu. Der Abend war schon

gesunken, und in allen Ästen und Zweigen bebte ein Rauschen wie von

einem dunklen Geheimnis, das die Welt erfüllte. Und ferne in der

Richtung gegen die Stadt zu lagen ein paar dunkelschwere Wolken, die

langsam im Abendrote zu glühen begannen. Und sein Herz erschrak in jäher

und unverständlicher Angst, wie er dieses grelle Zeichen am Himmel

erkannte.

Atemlos legte er den Rest des Weges zurück, und schon lag das Ziel vor

seinen Augen. Er aber dachte immer wieder, daß er seiner Berufung untreu

geworden sei, um einer flüchtigen Wollust willen, und die dumpfe Schwere

in seinem Herzen wollte nicht leichter werden, ob er auch die hellen

Mauern und blanken Türme der heiligen Stadt erblickte und die

leuchtenden Zinnen des Tempels.

Nur einmal hielt er inne auf seiner Wanderung. Nahe der Stadt, auf einem

niederen Hügel, sah er eine gewaltige Menge Menschen, die sich wirr

durcheinander drängte und so laut lärmte, daß er die Stimmen selbst aus

der Ferne vernahm. Und über ihnen sah er drei Kreuze ragen, die sich

schwarz und scharf von der Himmelswand abhoben. Diese aber war

überflutet von heller Glut, als sei die ganze Welt mit leuchtendem

Flammenschein übergossen und in drohenden Glanz getaucht. Und die

blanken Speere der Söldner glühten, als seien sie mit Blut

befleckt....

Ein Mann kam auf dem menschenleeren Weg daher, mit ziellosem, unruhigem

Gang. Den fragte er, was hier geschehe, um im nächsten Augenblick maßlos

zu erstaunen. Denn das Antlitz, das der Fremde vom Boden erhob, war so

schreckverzerrt und erstarrt, wie von einem jähen Schlage gerührt, und

ehe sich der Fragende fassen konnte, stürmte er in wilder Verzweiflung

davon, wie von Dämonen verfolgt. Verwundert rief er ihm nach. Der Fremde

wendete sich nicht um, sondern lief fort und fort, aber dem

Weiterwandernden dünkte es, als hätte er in ihm einen Mann aus Kerijoth,

namens Judas Ischariot, erkannt. Doch er verstand nicht sein seltsames

Gebaren.

Den Nächsten, der des Weges vorüberzog, befragte er ebenfalls. Der aber

war eilig und sagte nur, es seien drei Verbrecher gekreuzigt worden, die

Pontius Pilatus verurteilt habe. Und ehe er ihn weiter fragen konnte,

war er vorüber.

Und da ging er selbst weiter gegen Jerusalem zu. Einmal warf er noch

einen Blick zurück auf den Hügel, der wie mit Blut umwölkt war, und sah

zu den drei Gekreuzigten hin. Zum Rechten, zum Linken und zuletzt zu dem

in der Mitte. Aber er konnte sein Angesicht nicht mehr erkennen.

Und er schritt achtlos vorüber und wanderte zur Stadt, um das Antlitz

des Erlösers zu schauen....

Die Wunder des Lebens

Hans Müller

dem lieben Freunde

Die graue Nebelfahne hatte sich tief über Antwerpen gesenkt und hüllte

die Stadt ganz in ihr dichtes, drückendes Tuch. Die Häuser verflossen

bald in einem feinen Rauch, und die Straßen führten ins Ungewisse: über

ihnen aber ging wie ein Wort Gottes aus den Wolken ein dröhnendes

Klingen und ein surrender Ruf, denn die Kirchtürme, aus denen die

Glocken mit gedämpfter Stimme klagten und baten, waren zerronnen in

diesem großen wilden Nebelmeer, das Stadt wie Land erfüllte und ferne im

Hafen die unruhigen, leise grollenden Fluten des Ozeans umschlang. Hie

und da kämpfte ein matter Lichtschein mit dem feuchten Rauche und suchte

ein grelles Schild zu beleuchten, aber nur das verschwommene Lärmen und

Lachen harter Kehlen verriet die Schenke, in der sich die Frierenden und

die des Wetters Unlustigen zusammengefunden hatten. Die Gassen waren

leer, und wenn Gestalten vorbeikamen, so war es nur wie ein flüchtiger

Streif, der rasch in Nebel zerrann. Trostlos und müde war dieser

Sonntagmorgen.

Nur die Glocken riefen und riefen ohne Unterlaß, wie verzweifelt, daß

der Nebel ihren Schrei erstickte. Denn die Andächtigen waren spärlich;

die fremde Ketzerei hatte Fuß gefaßt im Lande, und wer nicht abtrünnig

geworden, war lässiger und matter im Dienst des Herrn, so daß eine

morgendliche Nebelwolke genügte, um viele ihrer Pflicht zu entfremden.

Alte, verhutzelte Frauen, die ihre Rosenkränze emsig surrten, arme Leute

in schlichtem Sonntagsgewand standen wie verloren in den tiefen dunklen

Hallen der Kirche, aus denen das schimmernde Gold der Altäre und

Kapellen und das leuchtende Meßgewand wie eine milde und sanfte Flamme

entgegenstrahlte. Wie durchgesickert durch die hohen Wände war der

Nebel, denn auch hier wohnte die traurig-fröstelnde Stimmung der

verlassenen, versponnenen Straßen. Und kalt, herbe, ohne den sonnigen

Strahl war auch die Morgenpredigt: sie galt den Protestanten und war von

wildem Zorn getragen, in dem sich Haß mit starkem Kraftbewußtsein

vermählte, denn die Zeiten der Milde schienen vorbei, und von Spanien

her kam den Klerikern die frohe Kunde, daß der neue König mit

lobenswerter Strenge dem Werk der Kirche diene. Und mit den schildernden

Drohungen des letzten Gerichtes vereinten sich dunkle Worte der Mahnung

für die nächste Zeit, die vielleicht unter einer zahlreichen Hörerschar

durch das raunende Gestühle weitergerauscht wären, so aber, in der

dunklen Leere dröhnend und hohl zu Boden fielen, wie erfroren in der

naßkalten schauernden Luft.

Während der Predigt waren zwei Männer rasch beim Hauptportal

eingetreten, für den ersten Augenblick unkenntlich durch den hoch

aufgeschlagenen hüllenden Mantel und das tief ins Antlitz verstürmte

Haar. Der größere löste sich mit einem jähen Ruck aus der nassen Hülle:

ein klares, nicht aber ungewöhnliches Gesicht, zu dessen wohlbehäbigem,

bürgerlichen Schnitt die reiche Kaufherrntracht wohl paßte. Der andere

war absonderlicher, wenn auch nicht phantastisch gekleidet: seine

sanften und ruhigen Bewegungen harmonierten mit seinem etwas

grobknochig-bäuerlichen, aber gutherzigen Gesicht, dem die weiße Wucht

der herabwallenden Haare die Milde eines Evangelisten verliehen. Sie

verrichteten beide eine kurze Andacht; dann winkte der Kaufherr seinem

älteren Begleiter zu, ihm zu folgen, und sie gingen langsam und mit

behutsamen Schritten in das Seitenschiff, das fast ganz im Dunkel lag,

weil die Kerzen unruhig im feuchten Raume zitterten und vor den farbigen

Scheiben die schwere Wolke lag, die sich noch immer nicht erhellen

wollte. Vor einer der kleinen Seitenkapellen, die meist Stiftungen und

Gelöbnisse der erbgesessenen Familien enthielten, blieb der Kaufherr

stehen, und mit der Hand gegen einen der kleinen Altare hindeutend,

sagte er kurz: »Hier ist es.«

Der andere trat näher und legte die Hand über das Auge, um die Dämmerung

besser zu durchdringen. Der eine Altarflügel trug ein lichtes Bild, das

im Dunkel nur noch weicher und milder in seiner Tönung zu werden schien

und den Blick des Malers sogleich fesselte. Es war die Muttergottes mit

dem vom Schwert durchbohrten Herzen, ein Bild, ganz sanft und

versöhnungsvoll trotz seines Schmerzes und seiner Traurigkeit. Ein

seltsam süßer Kopf war die Maria, nicht so sehr Mutter Gottes wie

träumerische blühende Jungfrau, der ein leiser schmerzlicher Gedanke die

lächelnde Anmut spielender Sorglosigkeit nimmt. Schwarze, dicht

herabfließende Haare umschlossen zärtlich angepreßt ein schmales,

blaßleuchtendes Gesicht, aus dem die Lippen rot entgegenbrannten, wie

eine purpurne Wunde. Wundersam fein waren die Züge, und manche Linie,

wie der schmale und sichere Schwung der Augenbrauen legten einen fast

begehrlichen Schein und eine spielerische Schönheit über das zarte

Antlitz, aus dem die dunklen Augen versonnen träumten, wie aus einer

andern vielfarbigeren und süßeren Welt, der sie ein banger Schmerz

entführt. Die Hände waren sanft ergebungsvoll gefaltet, und die Brust

schien noch leicht schreckhaft zu erbeben vor der kalten Berührung des

Schwertes, dem entlang die blutende Spur ihrer Wunde verströmte. All

dies war in wundersamen Glanz getaucht, der ihr Haupt golden

überflammte, und selbst ihr Herz glühte nicht wie warmes rauschendes

Blut, sondern wie das mystische Licht des Kelches im farbigen Scheine

der sonnedurchleuchteten Kirchenscheiben. Und die fließende Dämmerung

nahm noch den letzten Schein der Weltlichkeit dieses Bildes, so daß der

Heiligenschein über diesem süßen Mädchenhaupte so lebendig glühte wie

wahrhaftiges Schimmern der Verklärung.

Beinahe ungestüm raffte sich der Maler aus seiner nachhaltigen und

bewundernden Betrachtung auf.

»Das hat keiner von den Unsrigen gemalt.«

Der Kaufherr nickte zustimmend mit dem Kopf.

»Ein Italiener war es. Ein junger Maler. Aber das ist eine ganze

Geschichte. Ich will sie Euch von Anfang an beginnen, und Ihr selbst

sollt es sein, wie Ihr wißt, der Ihr den Schlußstein setzt. Doch seht:

die Predigt ist zu Ende, wir wollen für Historien andern Platz suchen

als die Kirche, wiewohl ihr unser Bemühen und gemeinsam Werk gelten

wird. Laßt uns gehn!«

Der Maler blieb noch zögernd einige Augenblicke stehen, ehe er sich vom

Bilde abwandte, das immer leuchtender zu werden schien, in dem Maße, als

die rauchige Finsternis sich zu erhellen strebte und der Dunst immer

goldener um die Fenster sich wölbte. Und es war ihm fast, als würde,

wenn er andächtig betrachtend zurückbliebe, die sanft-schmerzliche

Falte dieser Kinderlippen sich in ein Lächeln verlieren und neue

Holdseligkeit ihm offenbaren. Doch sein Begleiter war schon

vorausgegangen, und er mußte seinen Schritt beschleunigen, um ihn noch

beim Portale zu erreichen. Gemeinsam, wie sie gekommen waren, traten sie

aus der Kirche.

Aus dem schweren Nebelmantel, den der Vorfrühlingsmorgen der Stadt

umgehängt hatte, war ein matter, silberner Flor geworden, der wie ein

Spitzengewebe sich an den gegiebelten Dächern verfangen. Das

enggesteinte Pflaster glänzte feucht-atmend wie Stahl, und schon begann

sich das erste Sonnenflimmern goldig darin zu spiegeln. Der Weg der

beiden ging durch die schmalen verwinkelten Gassen dem hellen Hafen zu,

wo der Kaufherr wohnte. Und da sie langsam dahinschritten, in Gedanken

und Erinnerung verloren, führte des Kaufherrn Geschichte schneller hin

zum Ziele als ihrer Schritte träumerischer Gang.

»Ich hab Euch schon erzählt,« begann er, »daß ich in jungen Jahren in

Venezia war. Und um nicht lang zu zögern: ich trieb es nicht sehr

christlich. Statt meines Vaters Contor zu verwalten, saß ich in Schenken

mit dem jungen Volk, das dort den lieben Tag in Saus und Braus

verbringt, trank, spielte, wußte auch schon manches freche Lied und

manchen bittern Fluch über den Tisch zu donnern, wie die andern. An

Heimkehr dacht' ich nicht. Das Leben war mir leicht, wie meines Vaters

Worte, die er mir dringender und drohender von Hause schrieb: man

kannte mich und hatte ihn gewarnt, daß mich das Luderleben noch

verschlingen würde. Ich lachte nur, manchmal mit Ärgernis: ein rascher

Schluck von diesem dunkelsüßen Wein schwemmte mir alle Bitterkeiten weg,

und tat's nicht er, so tat's ein Dirnenkuß. Die Briefe riß ich auf und

bald entzwei: mich hatte ganz der böse Rausch gefaßt, ich dachte nie

mehr loszukommen. Doch eines Abends ward ich alles frei. Sehr seltsam

war's, und manchmal fühl' ich's heute noch so, als hätte sichtbarlich

ein Wunder meinen Weg gebahnt. Ich saß in meiner Schenke: heut noch seh'

ich sie mit ihrem Qualm und Dunst und meinen Kneipgesellen. Auch Dirnen

waren mit, und eine war sehr schön; wir trieben's selten toller als in

dieser Nacht, die stürmisch war und sehr unheimlich. Plötzlich, als eben

eine unzüchtige Historie dröhnendes Lachen weckte, trat mein Diener ein

und gab mir einen Brief, den der Kurier von Flandern gebracht hatte. Ich

war sehr ärgerlich, weil ich die Briefe meines Vaters ungern sah, denn

sie mahnten mich unablässig an meine Pflicht und an ein christlich Tun,

zwei Dinge, die ich längst im Wein ersäuft hatte. Ich wollt' ihn nehmen:

da sprang der eine meiner Kneipgesellen auf, ein schöner Bursch,

geschickt und aller ritterlichen Künste Meister. »Laß doch den

Unkenschrei! Was geht's dich an!« rief er und warf den Brief hoch, riß

seinen Degen rasch heraus und stieß geschickt das niederflatternde Blatt

tief in die Wand, daß die blaue geschmeidige Klinge zitterte. Er zog sie

vorsichtig zurück -- der geschlossene Brief blieb an seiner Stelle. »Da

klebt die Fledermaus,« lachte er. Die andern schlugen in die Hände, die

Dirnen sprangen freudig zu ihm auf, man trank ihm zu. Ich lachte selbst,

trank mit, zwang mich zu toller Fröhlichkeit, in der ich Brief und

Vater, Gott und mich vergaß. Wir gingen fort, ohne daß ich noch des

Briefes dachte, zu einer andern Schenke, wo unsre Fröhlichkeit zur

Torheit wurde. Ich war berauscht wie nie, und eine der Dirnen war schön

wie die Sünde.« --

Der Kaufherr blieb unwillkürlich stehen und strich sich mit der Hand

mehrmals über die Stirne, gleichsam, als wollte er ein unerfreuliches

Bild von sich abstreifen. Der Maler merkte rasch die Peinlichkeit der

Erinnerung und sah ihn nicht an, sondern ließ seinen Blick wie neugierig

auf einer raschsegelnden Galeone ruhen, die sich mit vollen Segeln dem

Hafen näherte, in dessen farbigem Gewirre die beiden langsam angelangt

waren. Das Schweigen dauerte nicht lange, und der Erzähler fuhr mit

Hastigkeit fort.

»-- Ihr könnt Euch denken, wie es wurde. Ich war jung und verwirrt, sie

frech und schön. Wir gingen zusammen, und ich war voll Unrast und

Begierde. Aber ein Sonderbares geschah. Als ich in ihren buhlerischen

Armen lag und sich ihr Mund an meinen preßte, da ward diese Zärtlichkeit

mir nicht wilder, gern erwiderter Genuß, sondern in wunderbarer Weise

mahnten mich diese Lippen an den sanften Abendgruß im Elternhause. Mit

einem Male, wundersam und kaum glaublich, fiel mir in den Armen der

Dirne meines Vaters zerknüllter, zerstoßener, ungelesener Brief ein und

mir war, als fühlte ich den Stoß des Gesellen in meiner blutenden Brust.

Ich fuhr auf, so unvermittelt und blaß, daß mich die Dirne erschreckten

Blickes befragte, was mir zugestoßen sei. Aber ich schämte mich meiner

törichten Angst, und ich schämte mich dieses fremden Weibes, in dessen

Bett ich gelegen und deren Schönheit ich genossen, ohne ihr den

törichten Gedanken eines Augenblickes anvertrauen zu wollen. Aber in

dieser Minute hat sich mein ganzes Leben gewandelt, und heut wie damals

fühle ich, daß nur Gottes Gnade solches wirken kann. Ich warf ihr Geld

hin, das sie widerwillig nahm, weil sie fürchtete, daß ich sie verachte,

und nannte mich einen deutschen Narren. Ich aber hörte nicht mehr,

sondern stürmte fort in die kalte Regennacht und schrie wie ein

Verzweifelter in die dunklen Kanäle hinaus nach einer Gondel. Endlich

kam eine, die sich ihre Fahrt mit Gold aufwiegen ließ, aber mein Herz

pochte in einer so jähen, unbarmherzigen und unbegreiflichen Angst, daß

ich an nichts anderes dachte als an den Brief, den mir ein Wunder so

jählings wieder in Erinnerung gebracht. Als ich bei der Schenke

angelangte, brach die Begierde nach diesen Zeilen aus wie ein zehrendes

Fieber; ein Rasender stürmte ich jäh in die Schenke, ohne der

freudig-erstaunten Rufe meiner Genossen zu achten, sprang auf einen

gläserklirrenden Tisch, riß den Brief von der Wand und rannte weiter,

ohne das tolle Hohnlachen und zornige Fluchen hinter mir zu beachten. An

der nächsten Ecke entfaltete ich den Brief mit zitternden Händen. Der

Regen strömte nieder vom verwölkten Himmel, und der Wind riß an dem

Blatt in meiner Hand. Ich ließ aber nicht früher ab, als bis ich mit

überquellenden Augen alles entziffert hatte. Es waren nicht viel der

Worte: meine Mutter sei zum Sterben krank, und ich möchte nach Hause

kommen. Kein Wort des Tadels und Vorwurfs wie sonst. Aber wie brannte

mein Herz in tiefster Scham, als ich sah, daß des Degens Klinge mitten

durch meiner Mutter Namen gestoßen war.....«

»Ein Wunder, ein offenbarliches Wunderzeichen, nicht allem Volke

verständlich, aber wohl dem, für den es erstanden,« murmelte der Maler,

als der Erzähler tiefbewegt in Schweigen versunken war. Eine Zeitlang

gingen sie wieder wortlos nebeneinander her. Fernüber leuchtete schon

das prächtige Haus des Kaufherrn ihnen entgegen. Als der Kaufherr

aufblickend es bemerkte, fuhr er hastig fort.

»Laßt mich kurz sein, laßt mich Euch verschweigen, in welchem Schmerz

und reuevollem Wahnsinn ich diese Nacht verlebte. Laßt Euch nur sagen,

daß mich der nächste Morgen knieend auf den Stufen der Markuskirche

fand, wo ich in brünstigem Gebete der Muttergottes einen Altar gelobte,

wenn sie mir vergönnen wollte, meiner Mutter Gruß und Verzeihung zu

erlangen. Am selben Tage reiste ich ab, reiste Stunden und Tage der

Verzweiflung und Angst nach Antwerpen, stürmte wild und verzweifelt zu

meiner Eltern Haus. Vor dem Tore stand meine Mutter, gealtert und blaß,

doch wohlauf. Als sie mich sah, breitete sie mir jubelnd die Arme

entgegen, und ich weinte vieler Tage Sorge und vieler vergeudeter Nächte

Schmach an ihrem Herzen aus. Mein Leben ist seitdem ein anderes

geworden, ich darf beinah sagen ein gutes. Das Liebste, das ich hatte,

jenen Brief, habe ich eingesargt in den Grundstein dieses Hauses, das

meiner Hände Arbeit geschaffen hat, und mein Gelübde habe ich zu lösen

gesucht. Bald nach meiner Ankunft ließ ich den Altar errichten, den Ihr

gesehn habt, und bot alle Mühe auf, ihn würdig zu schmücken. Da ich aber

unbekannt war in den Geheimnissen, nach denen ihr Eure Kunst zu werten

wißt und der Muttergottes ein würdiges Bild weihen wollte, so wie sie

mir ihr Wunder geoffenbart, schrieb ich an einen treuen Freund nach

Venedig, er möge mir den Tüchtigsten der Maler senden, den er kenne, daß

er mir das Werk meines Herzens würdig vollende.

Die Liebe der Erika Ewald: Novellen · 第 5 / 11 段