Einmal, als sich der schlanke und sehr soignierte Kellner François beim

Servieren über die Schulter der schönen polnischen Gräfin Ostrowska

herabneigte, geschah etwas Seltsames. Nur eine Sekunde währte es und war

kein Zucken und kein Erschrecken, keine Regung und Bewegung. Und doch

war es eine jener Sekunden, in die tausende Stunden und Tage voll Jubel

und Qual gebannt sind, gleichwie der großen dunkelrauschenden Eichen

wilde Wucht mit all ihren wiegenden Zweigen und schaukelnden Kronen in

einem einzigen verflatternden Samenstäubchen geborgen ist. Nichts

Äußerliches geschah in dieser Sekunde. François, der geschmeidige

Kellner des großen Rivierahotels beugte sich tiefer hinab, um die Platte

dem suchenden Messer der Gräfin besser zurecht zu legen. Doch sein

Gesicht ruhte diesen Moment knapp über der weichgelockten duftenden

Welle ihres Hauptes, und als er instinktiv das devot gesenkte Auge

aufschlug, sah sein taumelnder Blick, in wie milder und weißleuchtender

Linie ihr Nacken sich aus dieser dunklen Flut in das dunkelrote

bauschende Kleid verlor. Wie Purpurflammen schlug es in ihm auf. Und

leise klirrte das Messer an die unmerklich erzitternde Platte. Obzwar er

aber in dieser Sekunde alle Folgenschwere dieser jähen Bezauberung

ahnte, meisterte er gewandt seine Erregung und bediente mit der kühlen

und ein wenig galanten Verve eines geschmackvollen Garçons weiter. Er

reichte die Platte mit geruhigem Gange dem steten Tischgenossen der

Gräfin, einem älteren, mit ruhiger Grazie begabten Aristokraten, der mit

fein akzentuierter Betonung und einem kristallenen Französisch

gleichgültige Dinge erzählte. Dann trat er ohne Blick und Gebärde von

dem Tisch zurück.

Diese Minuten waren der Beginn eines sehr seltsamen und hingebungsvollen

Verlorenseins, einer so taumelnden und trunkenen Empfindung, daß ihr das

gewichtige und stolze Worte Liebe beinahe übel ansteht. Es war jene

hündisch treue und begehrungslose Liebe, wie sie die Menschen sonst

inmitten ihres Lebens gar nicht kennen, wie sie nur ganz junge und ganz

alte Leute haben. Eine Liebe ohne Besonnensein, die nicht denkt, sondern

nur träumt. Er vergaß ganz jene ungerechte und doch unauslöschliche

Mißachtung, die selbst kluge und bedächtige Leute gegen Menschen im

Kellnerfracke bezeugen, er sann nicht nach Möglichkeiten und Zufällen,

sondern nährte in seinem Blute diese seltsame Neigung, bis ihre geheime

Innigkeit sich aller Bespottung und Bemänglung entrang. Seine

Zärtlichkeit war nicht die der heimlich zwinkernden und lauernden

Blicke, die jäh losbrechende Kühnheit verwegener Gebärden, die sinnlose

Brünstigkeit lechzender Lippen und zitternder Hände, sie war ein stilles

Mühen, ein Walten jener kleinen Dienste, die um so erhabener und

heiliger in ihrer Demut sind, als sie wissend unbemerkt bleiben. Er

strich nach dem Souper über die zerknüllten Tischtuchfalten vor ihrem

Platze mit so zärtlichen und kosenden Fingern, wie man wohl liebe und

weichruhende Frauenhände streichelt; er rückte alle Dinge ihrer Nähe

mit hingebungsvoller Symmetrie zusammen, als ob er sie zu einem Feste

bereite. Die Gläser, die ihre Lippen berührt hatten, trug er sich

sorgsam in sein enges dumpfes Dachlukenzimmer und ließ sie im perlenden

Mondlicht nächtlich auffunkeln wie köstliches Geschmeide. Stets war er

aus irgend einem Winkel der geheime Behorcher ihres Schreitens und

Wandelns. Er trank ihre Sprache so wie man einen süßen und

duftberauschenden Wein wollüstig auf der Zunge wiegt, und fing die

einzelnen Worte und Befehle gierig wie Kinder den fliegenden Spielball.

So trug seine trunkene Seele in sein armes und gleichgültiges Leben

einen wechselnden und reichen Glanz. Nie kam ihm die weise Torheit, das

ganze Ereignis in die kalten, vernichtenden Worte der Tatsächlichkeit zu

kleiden, daß der armselige Kellner François eine exotische, ewig

unerreichbare Gräfin liebte. Denn er empfand sie gar nicht als

Wirklichkeit, sondern als etwas sehr Hohes, sehr Fernes, das nur mehr

mit seinem Abglanz des Lebens reichte. Er liebte den herrischen Stolz

ihrer Befehle, den gebietenden Winkel ihrer schwarzen, sich fast

berührenden Augenbrauen, die wilde Falte um den schmalen Mund, die

sichere Grazie ihrer Gebärden. Unterwürfigkeit schien ihm

Selbstverständlichkeit, und die demütigende Nähe niederen Dienstes

empfand er als Glück, weil er ihr zu danke so oft in den zauberischen

Kreis treten durfte, der sie umfing.

So ward in dem Leben eines einfachen Menschen plötzlich ein Traum wach,

gleich einer edlen und sorgfältig gezüchteten Gartenblüte, die an einer

Straße blüht, wo sonst der Wanderstaub alle Keime zertritt. Es war der

Taumel eines schlichten Menschen, ein zauberischer und narkotischer

Traum inmitten eines kalten, gleichtönigen Lebens. Und Träume solcher

Menschen sind wie die ruderlosen Boote, die ziellos in schaukelnder

Wollust auf stillen, spiegelnden Wassern treiben, bis plötzlich ihr Kiel

mit jähem Ruck an ein unbekanntes Ufer stößt.

* * * * *

Die Wirklichkeit ist aber stärker und robuster als alle Träume. Eines

Abends sagte ihm der feiste Waadtländer Portier im Vorübergehn: »Die

Ostrowska fährt morgen mit dem Acht-Uhr-Zug.« Und dann noch ein paar

andre gleichgültige Namen, die er überhörte. Denn ein wirres Brausen und

Wirbeln war aus diesen Worten in seinem Hirne geworden. Ein paar Mal

fuhr er sich mechanisch mit den Fingern über die gepreßte Stirn, als

wollte er eine drückende Schicht wegschieben, die dort lagerte und das

Verständnis umdämmerte. Er machte ein paar Schritte; es war ein Taumeln.

Unsicher und erschreckt glitt er an einem hohen goldgerahmten Spiegel

vorbei, aus dem ihm ein fahles und fremdes Gesicht kreidig

entgegenstarrte. Die Gedanken wollten nicht kommen, sie waren gleichsam

festgemauert hinter einer dunklen nebligen Wand. Fast unbewußt tastete

er am Geländer die breite Treppe in den umdämmerten Garten hinab, wo die

hohen Pinien-Bäume einsam standen wie finstere Gedanken. Noch ein paar

Schritte wankte seine unruhige Gestalt, gleich dem niederen und

taumelnden Flug eines großen dunklen Nachtvogels, dann sank er auf eine

Bank, den Kopf an die kühle Lehne gepreßt. Es war ganz still dort.

Rückwärts zwischen den runden Sträuchern funkelte das Meer. Weiche und

zitternde Lichter glühten dort leise, und in der Stille verlor sich der

eintönig murmelnde Singsang fernplätschernder Brandungsquellen.

Und plötzlich war alles klar, ganz klar. So schmerzklar, daß er fast ein

Lächeln fand. Es war einfach alles zu Ende. Die Gräfin Ostrowska fährt

nach Hause, und der Kellner François bleibt auf seinem Posten. War dies

denn so seltsam? Gingen nicht alle die Fremden fort, die kamen, nach

zwei, nach drei, nach vier Wochen? Wie töricht, das nicht überdacht zu

haben. Es war ja alles so klar, zum Lachen, zum Weinen klar. Er lachte

ganz laut in seinem jähen ingrimmigen Schmerz. Und die Gedanken

schwirrten und schwirrten. Morgen abend, mit dem Acht-Uhr-Zug nach

Warschau. Nach Warschau -- Stunden und Stunden durch Wälder und Täler,

über Hügel und Berge, über Steppen und Flüsse und durch brausende

Städte. Warschau! Wie weit das war! Er konnte es sich gar nicht

ausdenken, aber im tiefsten fühlen, dieses stolze und drohende, harte

und ferne Wort: Warschau. Und er.....

Eine Sekunde flatterte noch eine kleine träumerische Hoffnung auf. Er

konnte ja nachfahren. Und dort sich verdingen als Diener, als Schreiber,

als Fuhrknecht, als Sklave; als frierender Bettler dort auf der Straße

stehn, aber nur nicht so furchtbar ferne sein, den Atem derselben Stadt

nur atmen, sie manchmal vielleicht vorüberbrausen sehen, nur ihren

Schatten sehen, ihr Kleid und ihr dunkles Haar. Schon zuckten eilfertige

Träumereien empor. Aber die Stunde war hart und unerbittlich. Er sah das

Unerreichbare nackt und klar. Er rechnete: hundert oder zweihundert

Francs Ersparnisse im besten Falle. Das reichte kaum die Hälfte des

Weges. Und was dann? Wie durch einen zerrissenen Schleier sah er auf

einmal sein Leben, fühlte, wie arm, wie kläglich, wie häßlich es jetzt

werden mußte. Öde leere Kellnerjahre, zermartert von törichter

Sehnsucht, diese Lächerlichkeit sollte seine Zukunft sein. Wie ein

Schauder kam es über ihn. Und plötzlich liefen alle Gedankenketten

stürmisch und unabwendbar zusammen. Es gab nur eine Möglichkeit. --

Leise schwankten die Wipfel in einer unmerklichen Brise. Eine finstere

schwarze Nacht stand drohend vor ihm. Da erhob er sich sicher und

gelassen von seiner Bank und schritt über den knirschenden Kies zu dem

großen, in weißem Schweigen schlafenden Hause empor. Bei ihren Fenstern

blieb er stehen. Sie waren blind und ohne ein funkelndes Lichterzeichen,

daran sich träumerische Sehnsucht hätte entzünden können. Nun ging sein

Blut in ruhigen Schlägen, und er schritt wie einer, den nichts mehr

verwirrt und betrügt. In seinem Zimmer warf er sich ohne jede Erregung

auf das Bett und schlief dumpfen traumlosen Schlaf bis zum rufenden

Morgenzeichen.

* * * * *

Am nächsten Tage war sein Gebaren gänzlich in den Grenzen sorgfältig

gezirkelter Überlegung und erzwungener Ruhe. Mit kühler Gleichgültigkeit

erledigte er seine Pflichten, und seine Gebärden hatten eine so sichere

und sorglose Gewalt, daß niemand hinter der trügerischen Maske den

herben Entschluß hätte ahnen können. Kurz vor der Stunde des Diners

eilte er mit seinen kleinen Ersparnissen in das vornehmste

Blumengeschäft und kaufte erlesene Blumen, die ihn in ihrer farbigen

Pracht wie Worte anmuteten: feuergolden glühende Tulpen, die wie eine

Leidenschaft waren, weiße breitgekränzte Chrysanthemen, die wie lichte

und exotische Träume anmuteten, schmale Orchideen, die schlanken Bilder

der Sehnsucht und ein paar stolze betörende Rosen. Und dann erstand er

eine prächtige Vase aus opalisierendem funkelndem Glase. Die paar

Francs, die ihm noch blieben, schenkte er im Vorübergehen einem

Bettelkinde mit rascher und sorgloser Gebärde. Und eilte zurück. Die

Vase mit den Blumen stellte er mit wehmütiger Feierlichkeit vor das

Kuvert der Gräfin, das er nun zum letzten Male mit einer voluptuösen und

langsamen Peinlichkeit bereitete.

Dann kam das Diner. Er servierte wie immer: kühl, lautlos und geschickt,

ohne aufzuschauen. Nur zum Ende umfing er ihre ganze biegsame, stolze

Gestalt mit einem unendlichen Blicke, von dem sie nie wußte. Und nie

erschien sie ihm so schön, wie in diesem letzten wunschlosen Blick. Dann

trat er ruhig, ohne Abschied und Gebärde vom Tische zurück und ging aus

dem Saal. Wie ein Gast, vor dem sich die Bedienten beugen und neigen,

schritt er durch die Gänge und über die vornehme Empfangstreppe hinab

der Straße zu: man hätte fühlen müssen, daß er mit diesem Augenblick

seine Vergangenheit verließ. Vor dem Hotel blieb er eine Sekunde

unschlüssig stehen: dann wandte er sich den blinkenden Villen und

breiten Gärten entlang einem Wege zu, weiter, immer weiter wandelnd in

seinem nachdenklichen Promenadeschritt, ohne zu wissen, wohin.

* * * * *

Bis zum Abend irrte er so unstet in träumerischem Verlorensein. Er sann

über nichts mehr nach. Nicht über Vergangenes und nicht über das

Unabwendbare. Er spielte nicht mehr mit dem Todesgedanken, so wie man

wohl noch in den letzten Augenblicken den funkelnden, mit tiefem Auge

drohenden Revolver prüfend in der wägenden Hand hebt und wieder senkt.

Längst hatte er sich das Urteil gesprochen. Nur Bilder kamen noch, in

flüchtigem Fluge, gleich ziehenden Schwalben. Zuerst die Jugendtage bis

zu einer verhängnisvollen Schulstunde, da ihn ein törichtes Abenteuer

aus einer verführerisch winkenden Zukunft jählings in das Gewirre der

Welt stieß. Dann die rastlosen Fahrten, Mühen um den Taglohn, Versuche,

die immer wieder mißglückten, bis die große finstere Welle, die man

Schicksal nennt, seinen Stolz zerbrach und ihn an einen unwürdigen

Posten warf. Viele farbige Erinnerungen wirbelten vorüber. Und

schließlich glänzte noch die sanfte Spiegelung dieser letzten Tage aus

den wachen Träumen; und jählings stießen sie wieder das dunkle Tor der

Wirklichkeit auf, das er durchschreiten mußte. Er besann sich, daß er

noch heute sterben wollte.

Eine Weile sann er über die vielen Wege, die zum Tode führen, und wägte

ihre Bitterkeit und Behendigkeit gegeneinander ab. Bis ihn plötzlich ein

Gedanke durchzuckte. Aus trüben Sinnen fiel ihm jäh ein finsteres Symbol

ein: so wie sie unwissend und vernichtend über sein Schicksal

hinweggebraust war, so sollte sie auch seinen Körper zermalmen. Sie

selbst sollte es vollbringen. Sie selbst ihr Werk vollenden. Und nun

hasteten die Gedanken mit unheimlicher Sicherheit. In einer knappen

Stunde, um acht Uhr ging der Expreß ab, der sie ihm entführte. Dem

wollte er sich unter die Räder werfen, sich zerstampfen lassen von der

gleichen stürmenden Gewalt, die ihm die Frau seiner Träume entriß. Unter

ihren Füßen wollte er verbluten. Die Gedanken stürmten und stürmten

gleichsam jubelnd einander nach. Er wußte auch den Ort. Weiter oben am

Waldhang, wo die rauschenden Wipfel den letzten Blick auf die nahe Bucht

verdunkelten. Er sah auf die Uhr: fast schlugen die Sekunden und sein

hämmerndes Blut den gleichen Takt. Es war schon Zeit, sich auf den Weg

zu machen. Nun kam mit einem Male Elastizität und Zielsicherheit in

seine schlaffen Schritte, jener harte eilige Takt, der das Träumen im

Vorwärtswandeln ertötet. Unruhig stürmte er in die dämmernde Pracht des

südlichen Abends der Stelle zu, wo zwischen den fernen bewaldeten Hügeln

der Himmel eingebettet war als purpurner Streif. Und er eilte vorwärts,

bis er an das Geleise kam, das mit seinen beiden silbernen Linien vor

ihm aufglänzte und seinen Weg geleitete. Und sie führten ihn in

gewundenem Zuge aufwärts durch die tiefen duftenden Tale, deren dunstige

Schleier das matte Mondlicht durchsilberte, sie lenkten ihn im

steigenden Gange in das Hügelland, wo man sah, wie ferne das weite

nachtschwarze Meer mit seinen funkelnden Strandlichtern aufglänzte. Und

sie zeigten ihm endlich den tiefen, unruhig rauschenden Wald, der das

Geleise in seinen sinkenden Schatten begrub.

Es war schon spät, als er nun schweratmend am dunklen Hange des Waldes

stand. Schauerlich und schwarz reihten sich die Bäume um ihn. Nur hoch

oben in den durchschimmernden Kronen spann ein fahles zitterndes

Mondlicht in den Zweigen, die stöhnten, wenn sie die leise Nachtbrise in

die Arme nahm. Manchmal zuckten seltsame Rufe ferner Nachtvögel in diese

dumpfe Stille. Die Gedanken erstarrten ihm ganz in dieser bangenden

Einsamkeit. Er wartete nur, wartete und starrte, ob nicht unten an der

Kurve der ersten ansteigenden Serpentine das rote Licht des Zuges

auftauchten wollte. Manchmal sah er wieder nervös auf die Uhr und zählte

die Sekunden. Dann horchte er wieder nach dem fernen Schrei der

Lokomotive. Aber es war eine Täuschung. Ganz still wurde es wieder. Die

Zeit schien erstarrt zu sein.

Endlich glänzte fern unten das Licht. Er fühlte in dieser Sekunde einen

Stoß im Herzen, wußte aber nicht, ob es Furcht oder Jubel war. Mit jäher

Gebärde warf er sich hin auf die Schienen. Zuerst fühlte er einen

Augenblick nur die wohlige Kühle der Eisenstreifen an seiner Schläfe.

Dann horchte er. Der Zug war noch weit. Minuten mochte es wohl dauern.

Noch hörte man nichts außer dem flüsternden Rauschen der Bäume im Wind.

Wirr sprangen die Gedanken. Und plötzlich einer, der blieb und sich wie

ein schmerzhafter Pfeil in sein Herz bohrte: daß er um ihretwillen starb

und sie es nie ahnen würde. Daß nicht eine einzige leise Welle seines

aufschäumenden Lebens die ihre berührt hatte. Daß sie nie wissen würde,

daß ein fremdes Leben an ihrem gehangen, an ihrem zerschmettert sei.

Ganz leise keuchte von ferne durch die atemstille Luft der rhythmische

Gang der steigenden Maschine. Aber der Gedanke brannte unvermindert und

folterte die letzten Minuten des Sterbenden. Näher und näher ratterte

der Zug. Und da schlug er noch einmal die Augen auf. Über ihm war ein

schweigender blauschwarzer Himmel und ein paar rauschende Kronen. Und

über dem Walde ein weißer blinkender Stern. Ein einsamer Stern über dem

Walde.... Schon begannen die Schienen unter seinem Kopfe leise zu

schwingen und zu singen. Aber der Gedanke brannte wie Feuer in seinem

Herzen und in dem Blicke, der alle Glut und Verzweiflung seiner Liebe

faßte. Alle Sehnsucht und diese letzte schmerzliche Frage fluteten über

in den weißen leuchtenden Stern, der mild auf ihn niedersah. Näher und

näher schmetterte der Zug. Und der Sterbende umfing noch einmal mit

einem letzten unsagbaren Blick den funkelnden Stern, den Stern über dem

Walde. Dann schloß er die Augen. Die Schienen zitterten und wankten,

näher und näher stampfte der ratternde Gang des fliegenden Zuges, daß

der Wald dröhnte wie von großen hämmernden Glocken. Die Erde schien zu

taumeln. Noch ein betäubendes sausendes Schwirren, ein wirbelndes

Getöse, dann ein schriller Pfiff, der ängstliche tierische Schrei der

Dampfpfeife und das gelle Stöhnen einer vergeblichen Bremse.....

* * * * *

Die schöne Gräfin Ostrowska hatte im Zuge ein eigenes reserviertes

Coupé. Seit der Abfahrt las sie einen französischen Roman, sanft gewiegt

von der schaukelnden Bewegung des Wagens. Die Luft des engen Raumes war

schwül und getränkt von dem drückenden Dufte vieler welkender Blumen.

Schon nickten von den prächtigen Abschiedskörben die weißen

Fliedertrauben müde herab wie überreife Früchte, erschlafft hingen die

Blüten an den Stengeln, und die schweren und breiten Kelche der Rosen

schienen zu welken in der heißen Wolke der berauschenden Düfte.

Erstickende Schwüle wärmte diese schweren Duftwellen, die träge

niederdrückten, selbst in der sausenden Eile des Zuges.

Plötzlich ließ sie mit matten Fingern das Buch sinken. Sie wußte selbst

nicht, warum. Ein geheimes Gefühl war es, das sie aufriß. Sie fühlte

einen dumpfen schmerzlichen Druck. Ein jäher, unverständlicher

beklemmender Schmerz umpreßte ihr Herz. Sie glaubte ersticken zu müssen

in dem schwülen betäubenden Dunst der Blumen. Und dieser ängstigende

Schmerz wich nicht, sie fühlte jede Schwingung der sausenden Räder, das

blinde Vorwärtsstampfen marterte sie unsäglich. Eine plötzliche

Sehnsucht packte sie, den eilenden Schwung des Zuges hemmen zu können,

ihn zurückzureißen von dem dunklen Schmerz, dem er entgegenstürmte. Nie

hatte sie in ihrem Leben eine ähnliche Angst vor etwas Furchtbarem,

Unsichtbarem, Grausamem ihr Herz umklemmen gefühlt, als in diesen

Sekunden unverständlichen Schmerzes und unbegreiflicher Angst. Und immer

wilder wurde dieses unsagbare Gefühl, immer enger der Druck um die

Kehle. Wie ein Gebet stöhnte in ihr der Gedanke, daß der Zug anhalten

möge.

Da plötzlich ein schriller Signalpfiff, der wilde warnende Schrei der

Lokomotive und das klägliche knirschende Stöhnen der Bremse. Und

verlangsamt der Rhythmus der fliegenden Räder, langsamer und langsamer,

dann ein ratterndes Stammeln und ein stockender Stoß....

Mühsam tappt sie zum Fenster, um die kühle Luft zu trinken. Die Scheibe

rasselt nieder. Draußen schwarze, stürmende Gestalten .... fliegende

Worte von wechselnden Stimmen: ein Selbstmörder.... Unter den Rädern....

Tot.... Auf freiem Feld....

Sie zuckt zusammen. Instinktiv trifft ihr Blick den hohen schweigenden

Himmel und drüben die schwarzen rauschenden Bäume. Und über ihnen ein

einsamer Stern über dem Walde. Sie fühlt seinen Blick wie eine funkelnde

Träne. Sie sieht ihn an und spürt jählings eine Traurigkeit, wie sie

sie nie gekannt. Eine Traurigkeit voll Glut und Sehnsucht, wie sie in

ihrem eigenen Leben nie war...

Langsam rattert der Zug wieder weiter. Sie lehnt in der Ecke und spürt

leise Tränen über die Wangen tropfen. Die dumpfe Angst ist gewichen, sie

fühlt nur noch einen tiefen seltsamen Schmerz, dessen Spur sie vergebens

nachsinnt. Einen Schmerz, wie ihn verschreckte Kinder haben, wenn sie in

finstrer undurchdringlicher Nacht plötzlich erwachen und fühlen, daß sie

ganz einsam sind....

Die Wanderung

E. M. Lilien

dem Künstler und dem Freunde

Dunkle Gerüchte waren durch das Land gezogen und seltsame Worte, als

sollte die Zeit sich erfüllt haben und der Messias nahe sein. Immer

häufiger kamen Männer von Jerusalem zu den kleineren Orten Judäas und

erzählten von Zeichen und Wundern, die sich ereignet hatten. Und wenn

sie zu wenigen beisammen waren, dann senkten sie ihre Stimmen

geheimnisschwer, um von dem seltsamen Manne zu künden, den sie Meister

nannten. Allerorts hörte man sie dann gerne und glaubte ihnen mit banger

Zuversicht, denn die Sehnsucht nach dem Erlöser war drängend und reif

geworden im Volke, wie eine Blüte, die ihren Kelch zersprengt. Und wenn

man der Verheißungen in den heiligen Büchern gedachte, so nannte man

seinen Namen, und ein hoffnungsfrohes Leuchten flammte in den Blicken.

Damals lebte auch ein Jüngling im Lande, dessen Herz gläubig war und

erwartungsvoll. Die armen Pilger, die des Weges von Jerusalem kamen, lud

er in sein Haus, daß sie ihm vom Heilande berichteten, und wenn sie von

ihm sprachen und von seinen wunderseligen Taten und Worten, da fühlte er

einen dumpfen Schmerz im Herzen, denn sein Verlangen wurde jäh und

ungestüm, das Angesicht des Erlösers zu schauen. Tag und Nacht träumte

er von ihm, und seine rastlose Sehnsucht formte tausend Bilder seines

Antlitzes voll Güte und Milde, er aber fühlte, daß sie doch nur

stammelnde Abbilder einer großen Vollendung seien. Und ihm war, als

müßte alle Unrast und Schmerzlichkeit seiner jungen Seele schwinden,

dürfte er nur einmal den leuchtenden Glanz tragen, der von dem Herrn

ausging. Noch aber wagte er es nicht, Heimat und Arbeit zu verlassen,

die ihn ernährten, und dorthin zu gehen, wohin ihn seine Sehnsucht wies.

Einmal aber erwachte er plötzlich in tiefer Nacht aus einem Traum. Er

vermochte sich seiner nicht mehr zu besinnen, nicht einmal, ob er ihm

Glück gegeben oder einen Schmerz; er fühlte nur so, als ob ihn jemand

von ferne gerufen hätte. Und da wußte er, daß der Heiland ihn zu sich

entboten. Im schwersten Dunkel erwuchs ihm noch der jähe Entschluß, daß

er nun nicht mehr zaudern dürfe, seines Herrn Angesicht zu schauen, und

der sehnsüchtige Drang ward so siegreich und mächtig in ihm, daß er sich

sogleich ankleidete, einen starken Wanderstab nahm und, ohne jemandem

ein Wort zu sagen, aus dem schlummernden Hause ging, den Weg gegen

Jerusalem zu.

Helles Mondlicht lag auf der Straße, und der Schatten seiner hastenden

Gestalt eilte vor ihm her. Denn sein Schritt war beschleunigt und

beinahe ängstlich; es schien, als wollte er das monatelange Versäumnis

in dieser einen Nacht wett machen. In ihm bangte ein Gedanke, den er

sich kaum zu sagen wagte: es könnte zu spät sein, und er würde den

Heiland nicht mehr finden. Und manchmal überkam ihn auch die bange

Furcht, er könnte den Weg verfehlen. Aber dann gedachte er des innigen

Wunders, das er vernommen von drei Königen aus fernem Lande, die ein

leuchtender Stern durch das Dunkel geführt. Und da verließ wieder die

lästige Schwere seine Seele, und der eilende Wanderschritt hallte sicher

und fest auf dem harten Pfade.

Einige Stunden eilte er so dahin, dann ward es Morgen. Langsam hob sich

der Nebel und zeigte das farbensatte Hügelland mit seinen fernen Bergen

und hellen Gehöften, die zur Rast einluden. Er aber hielt nicht inne auf

seiner Wanderung, sondern strebte unablässig weiter. Langsam stieg die

Sonne höher und höher. Und es ward ein heißer Tag, der sich schwer über

das Land legte.

Bald wurde sein Schritt langsamer. Lichte Schweißperlen tropften von

seinem Körper, und das schwere Feiertagsgewand begann ihn zu drücken.

Zuerst legte er es über die Schulter, um es zu bewahren, und ging in

ärmlicher Gewandung dahin. Bald aber begann er die Schwere der Last zu

fühlen und wußte nicht mehr, was er mit dem Kleide beginnen sollte. Er

wollte es nicht weggeben, denn er war arm und hatte kein anderes

Feiertagsgewand, so daß er schon daran dachte, es im nächsten Dorfe zu

verkaufen oder als Pfand für Geld zu geben. Aber als ein Bettler

mühselig des Weges daherkam, dachte er seines fernen Meisters und

schenkte das Gewand dem Armen.

Die Liebe der Erika Ewald: Novellen · 第 4 / 11 段