langen Beifallsstürmen hatte er sich noch zu einer Zugabe entschlossen.
Und nur ein paar schlichte, langsame Takte hatte er gespielt, als Erika
erblaßte. Sie lauschte und lauschte wie gebannt. In herbem Erschrecken
hatte sie das Lied erkannt, das Lied jenes ersten seltsamen Abends, da
er es ihr zuliebe in die Dämmerung gestammelt. Und sie träumte von einer
Huldigung. Sie fühlte, daß es ihr gesungen sei, zu ihr gesungen sei. Sie
hörte es nur als Frage, die über alle andern zu ihr hinabtastete in den
Saal, sie sah eine Liedseele, die in den dunklen Saal flog, um sie zu
finden. Eine rasche Gewißheit schaukelte sie in selige Träume. Sie
verstand ein Geständnis, daß er ihrer, nur ihrer mehr gedachte. Und
Seligkeiten brausten auf sie nieder. Wieder war es die Musik, die sie
betörte und über alle Wirklichkeiten hob. Sie fühlte einen Flug nach
oben, menschenhoch und erdenfrei. Fast so wie damals in jener Stunde,
als sie hoch über der fernen, brausenden Stadt zusammen standen. Nur
höher noch, viel höher über Schicksal und Welt, über allen
Kleinlichkeiten und Bedenken. In den wenigen Minuten dieses Spieles
überflog sie in seligem Traume alle Schranken und Wirklichkeiten.
Der unerhörte Jubel, der seinem Spiele folgte, erweckte Erika erst
wieder aus ihren weltentrückten Träumen. Und in drängender Hast eilte
sie dem Ausgange zu, um ihn zu erwarten. Denn nun wußte sie auch die
helle und sonnige Antwort auf ihre letzte Frage, die sie beängstigt und
sie zurückgehalten, sich ihm zu schenken -- nun war es ihr offenbar, daß
er sie noch immer liebte und glühender wie einst, mit einer viel
schöneren, wilderen und größeren Liebe. Sonst hätte er nicht all diesen
Menschen den leuchtenden Hymnus gesungen, den er ihr zur Feier und aus
ihrer Liebe geschaffen, dieses herrliche Lied, dessen Macht sie damals
überwältigt und besiegt hatte, ohne daß sie es geahnt. Aber heute wollte
sie ihm die sorglich gehüteten Früchte ihrer schenkenden Neigung zu
Füßen legen, daß er sie selig erhöhe.....
Mit Mühe drängte sie sich bis zum Ausgange durch, wo die Künstler
herabzukommen pflegten. Wenige Flammen erhellten das matte Dunkel; dort
drängten die Menschen nicht in so wilder Hast, und sie konnte sich
ungestört wieder ihren Träumen hingeben, die sich in seliger Sicherheit
wiegten. Sie hätte es doch schon lange, so lange wissen können, daß er
sie nicht vergessen könnte -- dieser Gedanke kehrte immer wieder und
einte sich mit fröhlichen Verheißungen für die kommenden Tage. Mit
übermütigem Lächeln dachte sie an seine Überraschung, wenn er ahnungslos
die Treppen herabkäme und sich plötzlich der Wunsch verwirklichte, von
dem er vielleicht eben geträumt. Und wenn......
Aber da kamen wahrhaftig schon Schritte, die immer lauter und näher
tönten. Unwillkürlich zog sich Erika mehr ins Dunkel zurück.
Lachend und plaudernd stieg er die Treppe hinab -- zärtlich hinabgebeugt
zu einer Dame in spitzenbesetztem Kleide, einer kleinen, netten Sängerin
von der Oper, die irgend eine alte Operettenmelodie trällerte. Erika
zuckte zusammen. Da bemerkte er sie. Instinktiv griff er nach dem Hut,
aber ließ die Hand auf halbem Wege müßig sinken. Ein böses, beleidigtes
und höhnisches Lächeln schien auf seinen Lippen zu lauern, aber er
wandte den Kopf zur Seite. Und dann führte er die kleine Dame im
Spitzenkleid zu seinem Wagen, half ihr hinein und stieg selbst ein, ohne
den Blick noch einmal zurückzuwenden zur Erika Ewald, die dort einsam
stand mit ihrer verratenen Liebe.
* * * * *
Solche Erlebnisse erwecken oft mit ihrer jähen Gewalt ein Leid, das so
furchtbar und tiefeinschneidend ist, daß man es nicht mehr als Schmerz
empfindet, weil man die Fähigkeit des Begreifens und des bewußten
Fühlens in seinem wilden Anpralle verliert. Man fühlt sich nur sinken,
aus schwindelnden Höhen atemlos, willenlos und widerstandsunfähig
herabsausen, einem Abgrunde zu, den man noch nicht kennt, den man aber
ahnt, näher, näher und immer näher kommen fühlt mit jeder Sekunde, mit
jeder verschwindend kleinen Zeiteinheit, die im wirbelnden Sturze
verfliegt, jenem furchtbaren Ende zu, von dem man weiß, daß es
zerschmettern und zerbrechen wird.
Erika Ewald hatte schon zu viel kleine Leiden ertragen, um einem großen
Ereignis ruhig ins Auge sehen zu können. Jene kleinen Schmerzlichkeiten
hatten ihr Leben erfüllt, die ein seltsames Glückseligkeitsgefühl in
sich tragen, weil sie zu melancholischen, träumerischen Stunden leiten,
zu sanften Verzagtheiten und zu jenen süßen Traurigkeiten, aus denen die
Dichter ihre innigsten und wehmütigsten Verse schaffen. Aber sie hatte
in jenen Stunden schon die mächtige Pranke des Schicksals zu verspüren
geglaubt, und es war doch nur ein verrinnender Schatten seiner drohend
ausgereckten Hand. Sie hatte gemeint, die finstere Gewalt des Lebens
schon getragen zu haben und auf dieses Bewußtsein baute sie ihre starke
Sicherheit, die jetzt zusammenbrach unter der Wirklichkeit wie ein
Kinderspielzeug in einer nervigen Faust.
Und darum verlor ihre Seele so ganz ihre bindenden Kräfte. Das Leben kam
zu ihr wie ein Hagelschauer, der Saaten und Blüten zerbricht. Nur mehr
Öde war vor ihren Blicken und Finsternis, weite undurchdringliche
Finsternis, die alle Wege versteckte, alle Blicke erblindete und die
hallenden Angstrufe mitleidslos verschlang. Nur mehr Schweigen war in
ihr, ein dumpfes, atemloses Schweigen, die Stille des Todes. Denn viel
war in ihr gestorben in einem einzigen Augenblick: ein helles heiteres
Lachen, das noch nicht geboren war, aber in ihr Leben wollte, wie ein
Kind, das zum Lichte strebt. Und viel Jugend, jenes sehnsüchtige
Empfangenwollen, das der Zukunft vertraut und Freude und Glanz hinter
allen verschlossenen Pforten ahnt, die ihr Verlangen sich eröffnen soll.
Und viel lautere und weltvertrauende Empfindungen, das Sichhingeben an
alle Menschen und an die große Natur, die nur Feste und Wunder ihren
gläubigen Schülern offenbart. Und endlich eine Liebe, die unendlich
reich gewesen war, weil sie in den dunklen Quellen des Schmerzes sich
gebadet hat und durch wechselnde Gestalten gegangen ist, um die
Vollkommenheit zu finden.
Aber auch eine neue Saat war in dieser Enttäuschung, ein bitterer Haß
gegen alles, was sie umgab und ein heißes Rachebedürfnis, das noch nicht
wußte, wie es sich Bahn brechen sollte. In ihren Wangen brannte die
Schmach, und ihre Hände bebten, als müßten sie jeden Augenblick
losfahren in zorniger Gewalt gegen irgend etwas. Die Schwächlichkeit und
Scham war von ihr gewichen, die drängende Macht des Handelns wurde immer
deutlicher und unruhiger in ihr; ein Wesen, das sich vom Schicksal immer
hatte formen und lenken lassen, wollte ihm nun entgegengehen und mit ihm
ringen.
Und dieser ziellose ungebärdige Trieb ließ sie in den Gassen irren, ohne
einen Entschluß. Die Wirklichkeit lag in weiter, weiter Ferne. Sie wußte
nicht, wohin sie ging, in ihren Füßen war bleierne Müdigkeit, aber auch
eine irre Bewegung, die sie weiter stieß. Immer mehr hüllte sie sich in
ihre Gedanken, um den Schmerz, der jetzt wach werden wollte,
wegzudenken und ihn im raschen Gehen zu vergessen; doch sie spürte einen
Druck von Tränen, die noch nicht hervorbrechen konnten, aber innen
brannten und tropften.......
Auf einmal stand sie vor einer Brücke. Unten der Fluß, schwarz und
langsam gleitend, mit vielen hellen, glitzernden Punkten. Sterne waren
das und Reflexe von den Brückenlaternen, die hinaufstarrten wie
aufgerissene Augen. Und von irgendwo ein leises unaufhörliches
Plätschern, die Strömung, die sich an einem Pfeiler bricht.
Einen Todesgedanken barg dieser Anblick, das fühlte sie. Ein Beben
überlief ihren Körper. Sie wandte sich um. Es war niemand in der Nähe,
hie und da schwarze Schatten, die vorüberhuschten. Manchmal ein Lachen
aus der Ferne oder das Rollen eines Wagens. Aber in der Nähe niemand,
keiner, der sie hindern könnte. Wie leicht, wie rasch das war; ein
Griff, ein Schwung über die Rampe, dann noch ein paar häßliche ringende
Minuten unten, dort unten in dieser schweigsamen Dunkelheit und dann
Friede .... reicher, ewiger Friede, fern von allen Wirklichkeiten,
der beruhigende Trost des Nichtwiedererwachens....
Aber dann ein anderer Gedanke! Eine verunstaltete Leiche, die man aus
dem Wasser zieht, Neugierige, die sich belustigen, Gerede und Geschwätz
-- es tat ja nicht mehr weh! Aber einer war, der könnte es erfahren und
dann vielleicht selbstbewußt lächeln, im Bewußtsein eines Siegers.....
Nein -- das durfte nicht sein! Das Leben war noch nicht erschöpft, das
fühlte sie, denn es konnte noch Rache bergen, den letzten tastenden
Versuch einer Verzweiflung. Und vielleicht war es sogar schön, und sie
hatte nur falsch gelebt, sie war gut und vertrauend gewesen, mild und
zurückhaltend, während man rücksichtslos, gierig und verschlagen sein
sollte, wie ein Raubtier, das sich von fremdem Leben nährt.
Ein Lachen rang sich ihr aus der Brust, wie sie sich von der Brücke
abwendete, ein Lachen, vor dem sie erschrak. Denn sie fühlte, wie sie
sich selbst nicht ihre ungesprochenen Worte glaubte. Nur der Schmerz war
wahr, und der glühende brennende Haß, die blinde Sucht nach Rache. Wie
fremd sie sich doch geworden war, daß sie sich nicht einmal selbst mehr
erkannte, wie schlecht und wie wertlos!
Ihr fröstelte. Sie wollte an nichts mehr denken. Sie ging wieder tiefer
in die Stadt hinein ... irgend wohin .... nach Hause zu......
Nein -- nicht nach Hause! Mit Furcht dachte sie daran. Dort war alles so
finster und eng und dumpf, dort lauerten in allen Ecken Erinnerungen,
die mit hämischen Fingern auf sie deuteten, dort war sie dann ganz
allein mit ihrem großen Schmerz, dort konnte er seine schwarzen Flügel
dicht ausbreiten, sie umfassen und eng, ganz eng an sie pressen, daß ihr
der Atem verginge.
Aber wohin? Wohin? Die Frage zermarterte ihr das Hirn. Sie wußte nichts
anderes mehr, ihr ganzes Denken konzentrierte sich in dieses eine
Wort. --
Neben ihr lief ein Schatten.
Sie achtete nicht darauf.
Sie merkte es auch nicht, als er sich hart gegen den ihren neigte und
mit ihm eine Zeitlang parallel lief. Jemand ging neben ihr, ein
Freiwilliger, und betrachtete ihr Gesicht angelegentlich in dem Momente,
als sie vor einer Laterne vorbeikamen. Erst wie er sie höflich ansprach,
fuhr sie jäh aus ihren Gedanken auf. Sie brauchte einige Momente, um die
Situation, in der sie sich befand, erst recht zu erfassen und antwortete
nicht.
Der Freiwillige, ein Kavallerist, sehr jung noch und ein bißchen
ungeschickt, ließ sich durch ihr Schweigen nicht einschüchtern, sondern
redete in einem halb vertraulichen Ton, aber mit einer gewissen Reserve
weiter. Offenbar war er mit sich nicht recht im klaren, mit wem er es
eigentlich zu tun hätte; sie hatte ihm nicht geantwortet und war doch so
vornehm -- solid gekleidet. Und andererseits wieder dieses einsame
langsame Spazierengehen spät in der Nacht -- ganz recht bekam er's nicht
heraus. Aber er redete unbekümmert weiter.
Erika schwieg. Instinktiv hatte sie ihn abweisen wollen, aber alle Dinge
von früher hatten sie auf seltsame Gedanken gebracht. Sie wollte doch
jetzt ein anderes Leben beginnen, nicht mehr dieses traumvolle
Dahindämmern und müßige Sichsehnen, das ihr tausend Leiden geboren, es
sollte ja für sie ein neues Leben beginnen, heiß verwegen und voll
wilder Gewalt. Und dann dachte sie wieder an ihn -- eine Rache wollte
sie nehmen, eine furchtbare Schmach. Dem ersten besten, der gekommen,
wollte sie sich verschenken; weil er sie verschmäht, die Erniedrigung
auskosten bis zum letzten bittersten und vielleicht tödlichen Tropfen.
Alles wurde rasch in ihr Plan und Entschluß, eine grausame
Selbstpeinigung, die eine neue Schmach wählt, um die alte brennende zu
vergessen .... wie sie zurecht kam, die Gelegenheit .... ein
junger Mensch, ganz jung, der nichts davon verstand, nichts wußte, der
sollte es sein, der erste beste.....
Und plötzlich antwortete sie ihm mit so hastiger Liebenswürdigkeit, er
dürfe sie begleiten, daß er beinahe wieder schwankend wurde, mit wem er
es zu tun hätte. Aber ein paar Fragen, das Opernglas, das sie vom
Konzert mitbrachte und ihr vornehmes Benehmen, veränderten seine
oberflächliche Haltung zu ihr. Er blieb recht befangen. Eigentlich war
er noch ein halbes Kind, das in einer Uniform sich so seltsam ausnahm,
wie in einem kriegerischen Maskenkostüm; und seine bisherigen Abenteuer
waren so simpler Natur gewesen, daß sie keine Abenteuer mehr waren. Zum
ersten Mal sah er sich einem wirklichen Rätsel gegenüber. Denn manchmal
blieb sie Minuten still und unbeweglich, überhörte alle Fragen und ging
wie im Traum, bis sie dann plötzlich wie mit einer provozierten
Zärtlichkeit, die sie im Augenblick vergessen hätte, mit ihm lachte und
scherzte; aber manchmal wollte es selbst ihm so erscheinen, als sei im
Lachen ein falscher Ton.
Und in der Tat kostete es Erika nicht geringe Mühe, die Rolle einer
Entgegenkommenden und Leichtsinnigen zu spielen, während ihr die
tollsten Gedankenreihen durch den Kopf schwirrten. Sie wußte, was das
Ende sein würde, und sie wollte es, aber eine geheime Angst beschlich
sie immer wieder, daß sie gegen sich selbst frevle. Aber das Bedürfnis
nach Rache, das sich positiv nicht betätigen konnte, hatte hier ein
Mittel gefunden, sich zu entfalten, wenn auch in einer falschen
Richtung, die die Spitze gegen sich selbst kehrte, aber es war so
überströmend und machtvoll, daß sich ihre frauenhaften Empfindungen
vergebens dagegen aufbäumten. Mochte geschehen, was da wolle, sollte
eine Reue kommen ..... nur nichts wissen von jener Schmach .....
nur vergessen, wenn auch in einem Rausch, einem künstlichen und einem
verderblichen .... aber nur nicht mehr daran denken müssen.....
So nahm sie auch gern den Vorschlag des Freiwilligen an, mit ihr in ein
Restaurant in ein separiertes Zimmer zu gehen, obwohl sie dumpf ahnte,
was das bedeutete. Aber sie wollte nicht daran denken ..... nur
nicht sich immer besinnen müssen.....
Zuerst kam ein kleines Souper, dem sie aber nicht zusprach. Aber Wein
trank sie, in gieriger Hast, Glas auf Glas, um sich zu betäuben. Ganz
gelang ihr es noch nicht. Manchmal übersah sie die ganze Situation mit
furchtbarer Klarheit. Sie betrachtete ihr Gegenüber. Das war eigentlich
der Rechte, besser hätte sie sich ihn nicht wünschen können: ein guter
Kerl, von einer gesunden rotwangigen Derbheit, ein bißchen eitel und
nicht zu klug .... der würde nie ahnen, was in dieser Nacht geschehen
sei, was für eine Rolle er gespielt in einem armen gequälten
Menschenleben ..... der würde sie übermorgen vergessen haben. Und
das wollte sie.....
In solchen Augenblicken der Überlegung bekamen ihre Augen einen
träumerischen Ausdruck, und in ihrem Gesichte zeichnete sich der düstere
Schatten eines inneren Schmerzes. Dann kam sie langsam ins Träumen
hinein .... ihre Finger zitterten leise .... sie hatte alles
vergessen, und die fernen versunkenen Bilder wollten langsam, ganz
langsam wieder auftauchen.....
Dann erweckte sie wieder plötzlich ein Wort oder eine Berührung. Eine
Sekunde brauchte sie immer, um sich wieder recht in alles
hineinzufinden, aber dann faßte sie wieder ein Weinglas und leerte es
auf einen Zug. Und dann noch eines und noch eines, bis sie spürte, wie
ihr der Arm schwer herabsank.....
Der Freiwillige hatte sich inzwischen herübergesetzt und ziemlich dicht
an sie angedrückt. Sie merkte es noch, aber scherzte ruhig
weiter........
Allmählich aber begann sie die Wirkung des Weins zu fühlen. Ihr Blick
wurde unsicher und sah wie durch trübe Wolken eines schweren
breitverströmenden Dunstes; und die zärtlichen und überredenden Worte,
die sie vernahm, schienen irgendwo von weiter, weiter Ferne herzukommen,
ganz verschwommen und verloren. Ihre Zunge begann zu lallen, und sie
merkte, wie trotz aller Bestrebungen ihr Gedankengang sich verwirrte und
ein Blitzen und Surren vor ihren Augen funkelte, gegen das sie sich
nicht zu wehren wußte. Aber mit der Müdigkeit, die sie immer enger und
zärtlicher umfaßte, kam auch jene Schwermut wieder, halb die lallende
unmotivierte Melancholie der Trunkenen, und halb der Schmerz, der schon
den ganzen Abend ihre Brust durchstürmte und sich noch immer nicht Bahn
gebrochen hatte. Sie war ganz in ihr Leid verloren, stumpf und gefühllos
gegen die Außenwelt, taub gegen alle Worte und sanften Liebkosungen.
Der junge Bursch verstand ihr Verhalten nicht ganz und eine Unsicherheit
überkam ihn, was er mit ihr beginnen sollte; er hielt sie für betrunken,
wollte sie jedoch bewegen, wach zu werden, weil er sich schämte, ihre
Trunkenheit sich zunutze zu machen. Aber ihre Apathie war nicht durch
Zureden, noch durch schmeichelnde Küsse zu lösen; er fächelte ihr
Kühlung zu; als er aber versuchte, ihr Kleid zu öffnen, geschah etwas
Unerwartetes, das ihn erschreckte.
Denn im Augenblicke, da er sie umfaßte, fiel sie ihm plötzlich in die
Arme und begann furchtbar zu weinen. Es war ein unendlich schreckvolles
und leidvolles Schluchzen, nicht das wehmütige Duseln eines Trunkenen,
sondern in ihrem Weinen war eine elementare Gewalt; wie ein Raubtier war
es, das jahrelang im Käfig gefesselt war und mit einem Male in wilder
Gewalt die Schranken durchbricht, es war ihr ganzer heiliger und tiefer
Schmerz, der ihr nur dunkel bewußt gewesen war und sich jetzt in
bebenden Schauern erlöste. Erika weinte aus tiefster Brust, alles, alles
schien jetzt gut zu werden, da diese glühende Last der Tränen und die
drückende Bürde der nichtentladenen Erregungen sich wie in mächtigen
Gewitterstößen von ihr losrang; sie weinte und weinte, jähe Schauer
liefen über ihren hilflos angeschmiegten Körper, aber die heißen Quellen
ihrer Augen schienen nicht versiegen zu wollen; es war, als spülten sie
all das bittere Leid mit sich hinweg, das sich langsam angesetzt hatte
wie wachsende Kristalle, die sich verhärten und nicht weichen wollen.
Nicht ihre Augen weinten, ihr ganzer schmaler und biegsamer Leib erbebte
unter den harten Stößen, und ihr Herz erbebte mit.
Der junge Mann war diesem jähen und peinlichen Ausbruche gegenüber
gänzlich hilflos. Er suchte sie zu beruhigen, strich ihr leise und
zärtlich über die dunklen Flechten; wie aber ihre Anstrengungen sich
immer verdoppelten, kam ein sonderbares Gefühl mitleidsvoller Zuneigung
über ihn. Er hatte noch nie so weinen gehört, und dieses unerhörte Leid,
von dem er nichts wußte, dessen Größe er aber ahnen mußte, flößte ihm
eine achtungsvolle Furcht vor dieser Frau ein, die willenlos in seinen
Armen lag. Wie ein Verbrechen erschien es ihm, ihren Körper zu berühren,
der zu schwach war, den mindesten Widerstand leisten zu können; nach und
nach kam ihm dann auch zu Bewußtsein, daß er sehr großartig dabei
handle, und diese kindliche Freude an einem seltsamen Erlebnis stärkte
seine Willenskraft. Er ließ einen Wagen holen und begleitete sie,
nachdem er von ihr die Adresse erfahren hatte, bis zum Hause hin, wo er
sich mit freundlichen und beruhigenden Worten verabschiedete.
* * * * *
Als Erika sich wieder in ihrem Zimmer befand, war auch der letzte Rest
des Rausches verflogen. Nur das Geschehene der letzten Stunden war ihr
unklar und verschwommen, aber sie dachte nicht mit scheuer Ängstlichkeit
zurück, sondern mit friedevoller Ruhe. In diesen glühenden Tränen war
ihre ganze junge Seele gewesen mit all ihrem Schmerz: mit der großen
drückenden Liebe, mit der wilden und brennenden Schmach und der letzten,
beinahe vollbrachten Erniedrigung.
Langsam kleidete sie sich aus.
Alles hatte so kommen müssen; denn es gibt Menschen, die nicht zur Liebe
geboren sind, denen nur die heiligen Schauer der Erwartung blühen, weil
sie zu schwach sind, die schmerzhaften Seligkeiten der Erfüllungen zu
tragen.
Erika dachte über ihr Leben nach. Sie wußte nun, daß die Liebe nicht
mehr zu ihr kommen würde, und daß sie ihr nicht entgegengehen dürfe; die
Bitterkeit des Entsagens nahte ihr zum letzten Male.
Einen Augenblick zögerte sie noch in geheimer unverständlicher Scham;
doch dann löste sie die letzten Hüllen vor dem Spiegel.
Sie war noch jung und schön. In ihrem blütenweißen Körper lag noch die
hellschimmernde Frische früher Jahre, in sanfter, fast kindlicher
Rundung bebten ihre Brüste, die in wilder innerer Erregung sich hoben
und senkten, leise und zart in rhythmisch verfließendem Linienspiel.
Stärke und Geschmeidigkeit prunkte in den Gliedern, alles war
geschaffen und bereit, eine schenkende Liebe kraftvoll zu empfangen und
zu erhöhen, Seligkeiten zu geben und zu nehmen im wechselnden Spiel, dem
heiligsten Ziele entgegen zu schaffen und das verklärte Wunder der
Schöpfung in sich zu erleben. Und das alles sollte ungenützt und
unfruchtbar vergehen, wie die Schönheit einer Blume, die ein Wind
verweht, ein taubes Korn im unübersehbaren Garbenfelde der Menschheit?
Eine milde versöhnliche Resignation kam über sie, die Hoheit der
Menschen, die durch den größten Schmerz gegangen. Und auch den Gedanken,
daß diese blühende Jugend einem, einem einzigen bestimmt gewesen sei,
der sie begehrt und verachtet habe, auch diese letzte schwerste Prüfung
fand keinen Groll mehr bei ihr. Wehmütig löschte sie das Licht und
sehnte sich nur mehr nach dem leisen Glück milder Träume.
* * * * *
Diese wenigen Wochen umgrenzten das Leben der Erika Ewald. In ihnen lag
alles beschlossen, was sie erlebte, und die vielen späteren Tage gingen
an ihr vorüber, gleichgültig wie Fremde. Ihr Vater starb, die Schwester
heiratete einen Beamten, Verwandte und Freunde trugen Glück und Unglück,
nur in ihre einsamen Stunden ließ sie das Schicksal nicht mehr ein. Ihr
konnte das Leben nichts mehr anhaben mit seiner stürmischen Gewalt; die
tiefe Wahrheit war ihr bewußt geworden, daß der große heilige Friede, um
den sie gerungen, nicht anders errungen wird, als durch einen tiefen
läuternden Schmerz, daß es kein Glück gebe für den, der nicht den Weg
der Leiden gegangen ist. Aber diese Weisheit, die sie dem Leben
abgezwungen, blieb nicht kalt und unfruchtbar; die Fähigkeit zur
spendenden Liebe, die einst ihr Wesen in heißen Konvulsionen
erschüttert, zog sie nun zu den Kindern hin, die sie Musik lehrte und
denen sie vom Schicksal und seinen Tücken erzählte, wie von einem
Menschen, vor dem man sich hüten muß. Und so gingen ihre Monate, Tag für
Tag dahin.
Und wenn der Frühling ins Land kam und warmer segnender Sommer, dann
überströmten auch ihre Abende von inniger Schönheit....
Sie saß dann am Klavier beim offenen Fenster. Von außen zitterte ein
feiner würziger Duft herein, wie ihn der erste Frühling bringt, und das
Brausen der Großstadt war fern wie ein Meer, das seine stürmischen
Fluten gegen die weißen Gestade wirft. Im Zimmer trällerte der
Kanarienvogel die lustigsten Läufe, und draußen vom Gang hörte man die
Knaben des Nachbars mit ihren tollen, übermütigen Spielen. Wenn sie aber
zu spielen begann, dann wurde es draußen still; leise, ganz leise ging
dann die Tür auf, und ein Knabenkopf nach dem anderen schob sich herein,
um andächtig zu horchen. Und Erika fand wehmütige Melodieen mit ihren
weißen schmalen Fingern, die immer heller und durchleuchtender zu werden
schienen, dazwischen leise Phantasieen, bei denen verhallte Erinnerungen
anklangen.
Und einmal, als sie so spielte, kam ihr ein Motiv, dessen sie sich nicht
entsinnen konnte. Und sie spielte es immer wieder, bis sie es jählings
erkannte; das Volkslied, die wehmütige Liebesweise, mit der er sein
Liebeslied begonnen.....
Da ließ sie die Finger sinken und träumte wieder von der Vergangenheit.
Ganz ohne Groll und Neid waren ihre Gedanken. Wer weiß, ob es nicht das
Beste gewesen, daß sie sich damals nicht gefunden.... Und ob sie sich
vertragen? Wer kann es wissen?....... Aber ..... -- sie
schämte sich beinahe des Gedankens -- ein Kind hätte sie gerne von ihm
gehabt, ein schönes goldlockiges Kind, das sie hätte wiegen und warten
können, wenn sie allein war, ganz einsam war.......
Sie lächelte. Was für dumme Träumereien das doch waren!
Und tastend suchten ihre Finger wieder das vergessene Liebesmotiv.......
Der Stern über dem Walde
Franz Carl Ginzkey
in herzlicher Gesinnung