Er sagte ihr ein paar Worte, liebe süße Worte. Sie hatte ihn beinahe

wieder gern in diesem Augenblick, so herzlich und feinfühlig sprach er

zu ihr. Aber als er ihren Arm fester erfaßte und ihren widerstandslosen

Körper mit sanfter Zärtlichkeit drängte, da kam wieder die alte dunkle

Angst, und sie war betäubender und furchtbarer denn je. Es war ihr so,

als müßte plötzlich in ihr die Stimme freigebunden werden und laut ihn

betteln und bitten, daß er sie freigebe, aber ihre Kehle blieb stumm und

verschlossen. Halb bewußtlos ging sie an seinem Arm durch das große,

düstere Tor, jenen Schmerz des Unabwendbaren in der Seele, der so tief

ist, daß man ihn nicht mehr als Leid empfindet.

Eine dunkle Wendeltreppe gingen sie hinauf. Sie fühlte die kalte,

muffige Kellerluft und sah die gelben, zitternden Gaslichter, die im

kühlen Hauche bebten. Jede Stufe spürte sie, alle diese Bilder glitten

an ihr vorüber, wie die Vorstellungen knapp vor dem Einschlafen,

flüchtig und doch scharf, tief eindringend und doch wieder verfliegend

im nächsten Augenblicke.

Nun standen sie in einem Gang. Sie wußte es, vor seiner Tür....

Er ging voraus und ließ ihren Arm.

»Einen Augenblick, Erika, ich will nur Licht machen.«

Sie hörte seine Stimme von innen, wie er hineinging und dort ein Licht

anzündete. Der Augenblick gab ihr Mut und Erwachen. Die Furcht kam

plötzlich über sie wie ein Fieberschauer, der die krampfhafte Starre

löste. Und blitzschnell stürmte sie wieder die Treppe hinab, ohne in

ihrer wahnsinnigen Eile auf die Stufen zu achten, rasch, nur rasch

vorwärts. Ihr war noch, als ob sie seine Stimme von oben hörte, aber sie

wollte gar nicht mehr zur Besinnung kommen, sondern lief und lief, ohne

innezuhalten, immer vorwärts. Eine wilde Angst war in ihr erwacht, daß

er ihr nachfolgen könne und eine Angst vor ihr selbst, sie möchte zu ihm

zurückkehren. Und erst, als sie mehrere Straßen weit war und plötzlich

sich in einer fremden Gegend sah, blieb sie mit einem tiefen Seufzer

stehen, um dann langsam der Richtung ihrer Wohnung zuzuschreiten.

* * * * *

Es gibt leere, inhaltslose Stunden, die Schicksal in sich bergen. Sie

steigen auf wie dunkle gleichgültige Wolken, die kommen, um sich wieder

zu verlieren, aber sie bleiben hartnäckig und trotzig. Und wie ein

schwarzer, steigender Rauch lösen sie sich auf, werden ferner und

breiter, bis sie schließlich mit mattem, schwermütigem Grau unbeweglich

über dem Leben schweben, ein Schatten, der sich unabwendbar und

eifersüchtig an die Minute heftet und immer wieder seine drohende Faust

erhebt.

Erika lag auf dem Sofa in ihrem dunkel heimlichen Zimmer, den Kopf in

die Kissen gepreßt und weinte. Sie fand keine Tränen, aber sie spürte

sie in sich verfließen, heiß, quellend und anklagend, und manchmal lief

der jähe Schauer eines Schluchzens über ihren Körper. Sie fühlte, wie

ihr diese schmerzvollen Minuten Erlebnis wurden, wie mit der ersten

großen Enttäuschung sich das Leid tief in ihre Seele einsog, die sich

ihm ahnungslos erschloß. Eigentlich bebte der Triumph in ihrem Herzen,

daß ihr die Flucht gelungen war, noch im letzten entscheidenden

Augenblicke, aber es wollte keine helle, blinkende Freude und kein Jubel

werden, sondern blieb stumm wie ein Schmerz. Denn es gibt Naturen, in

denen alle großen Ereignisse und alle überragenden Geschehnisse mit der

allgemeinen Erschütterung der Seele auch die vorklingende dumpfe Saite

einer verborgenen Schmerzlichkeit und innigen Melancholie anschlagen,

deren Klingen so laut und drängend wird, daß alle anderen Stimmungen

sich selbstlos in ihr auflösen. Und so war die Erika Ewald. Sie trauerte

um ihre Liebe, die jung und schön gewesen war, wie ein spielendes Kind,

das sich im Leben verliert. Und Scham war in ihr, heiße brennende Scham,

daß sie entflohen war wie ein stummes hilfloses Wesen, statt ehrlich zu

sein und zu ihm zu sprechen, kühl und mit herbem Stolz, dem er sich

hätte fügen müssen. Und sie dachte an ihn und ihre Liebe mit einem

seligen Schmerz und einer heißen Ängstlichkeit, und alle Bilder kamen

wieder und wirrten durcheinander, aber sie waren nicht mehr hell und

froh, sondern dunkel beschattet von der Wehmut der Erinnerung.

Draußen ging eine Türe. Sie erschrak jäh und unvermittelt. Ängstlich

horchte sie jedem Geräusch und suchte sich jede leise Klangerregung zu

deuten in einem unbestimmten Gedanken, den sie nicht recht zu denken

wagte.

Da trat ihre Schwester ein.

Erika war verwirrt. Sie erstaunte, daß sie nicht daran, nicht an das

Nächstliegende gedacht hatte, daß ihre Schwester kommen müsse, und sie

spürte wieder mit einem merkwürdigen Gefühle, wie fremd, wie ungeheuer

fern ihr doch alle diese Leute waren mit denen sie lebte.

Die Schwester begann sie über den Nachmittag zu fragen. Erika antwortete

ungeschickt, und wie sie merkte, daß sie unsicher sei, wurde sie hart

und ungerecht. Man sollte sie nicht immer mit Fragen belästigen, sie

kümmere sich auch um niemanden. Und außerdem habe sie jetzt

Kopfschmerzen und wolle Ruhe haben.

Die Schwester erwiderte nichts, sondern ging aus dem Zimmer. Mit einem

Male fühlte Erika, wie ungerecht sie gewesen war. Und Mitleid empfand

sie mit diesem stillen, schicksalsergebenen Wesen, das nichts erlebte

und auch nicht bat darum, das nichts besaß vom Leben, nicht einmal einen

reichen, adelnden Schmerz, wie sie selbst.

Das brachte sie wieder zu ihren Gedanken zurück. Und die zogen heran und

verloren sich wieder in der Ferne, schwere, schwarzbeschwingte Boote,

die sich durch die dunkle Flut gerungen ohne Lärm und Rauschen, ohne

Färbung und tiefeinschneidende Spur, nur von unbekannten und

unsichtbaren treibenden Gewalten gesendet und gelenkt. Aber ihre trübe

Stimmung zitterte in Erikas Seele fortschwingend dahin und löste sich

nach dunkelschweren Stunden in einer Müdigkeit, der sie sich willenlos

ergab.

* * * * *

Die nächsten Tage brachten für Erika nur Harren und Bangen. Im geheimen

wartete sie auf einen Brief, eine Nachricht von seiner Hand; sie sehnte

sich selbst nach einem Schreiben mit harten, unbarmherzigen Vorwürfen

und zornigen Worten. Denn sie wollte einen Abschluß haben, ein Ende, das

sich über die Vergangenheit legte und ihr das geheime Hinübertreten in

ihre kommenden Tage verwehren sollte. Oder es sollte ein Brief sein mit

milden, verstehenden Worten, die zu ihrer Seele gingen und sie wieder

zurückführten in den Reigen der seligen Stunden, aus dem sie geschieden.

Aber keine Botschaft kam, kein Zeichen stellte sich zwischen sie und die

quälende Ungewißheit. Denn Erika war noch viel zu sehr im Banne ihrer

Empfindungen und Erregungen, um zu wissen, ob ihre Liebe zu ihm noch

lebte oder ob sie schon gestorben war oder sich am Ende im

Umwandlungzustande neuer Phasen befand, von denen sie noch nichts ahnte.

Sie spürte nur die Unruhe und Verworrenheit in sich, die fortwährende

Spannung, die sich nicht lösen wollte und in ihr gereizte und häßliche

Stimmungen erweckte. Nervös und mit Kopfschmerzen ging sie in die

Stunden, die ihr furchtbarer wurden als je, weil sie alles Falsche und

Unharmonische viel schärfer spürte. Und jedes Geräusch irritierte sie,

die Außenwelt wurde ihr unerträglich in ihrem lauten Hasten und Drängen,

und selbst die eigenen Gedanken verloren ihre sanfte, wohltuende

Traumhaftigkeit und bekamen harte einschneidende Spitzen. In jedem Dinge

verbarg sich ihr eine geheime Feindseligkeit und eine trotzige Absicht,

die sie verletzen wollte. Die ganze Welt, die sie umschloß, schien ihr

nur mehr ein großes, dunkles Gefängnis mit tausend verborgenen

Marterwerkzeugen und erblindeten Scheiben, die dem Lichte den Eingang

verwehrten.

Und diese Tage waren ihr unerträglich lang und wollten kein Ende nehmen.

Erika saß beim Fenster und wartete auf den Abend, der ihr ein wenig

Frieden brachte mit der sanften Milderung aller Kontraste. Wenn die

Sonne sich langsam hinter den Dächern zu senken begann, und immer matter

und mehr abgedunkelt die Widerscheine nachzitterten, wurde alles in ihr

stiller und ruhiger. Dann fühlte sie auch, daß ihr ganzes Denken und

Fühlen jetzt anders und fremder werden wollte, daß neue Geschehnisse und

neue Gefühle vor der Pforte ihres Lebens standen und lärmten und Einlaß

begehrten. Aber sie achtete ihrer nicht, denn sie glaubte, die Regungen,

die in ihr wuchsen und sich formten, seien nur die letzten

verscheidenden Zuckungen ihrer sterbenden Liebe.......

* * * * *

So gingen zwei Wochen dahin, ohne daß Erika eine Nachricht von ihm

empfangen hätte. Alles schien vorüber zu sein und vergessen. Ihre

Traurigkeit und Unbeständigkeit verlor sich noch nicht, aber sie

befreite sich von ihrer häßlichen, gereizten Form und fand verfeinerten

und durchgeistigten Ausdruck. Die schmerzlichen Empfindungen lösten sich

leise und lind in schwermütigen Liedern, Melodieen mit tiefen,

verhaltenen Mollklängen und melancholisch wehklingenden Akkorden. Manche

Abende spielte sie so ohne Gedanken, sich in sanfter Abirrung vom

eigentlichen Motive zu selbstgeschaffenen Verbindungen hinwendend, immer

leiser und leiser werdend wie die Geschichte ihrer so leidvollen Liebe,

die nun langsam in Vergangenheit verrinnen wollte.

Auch begann sie wieder zu lesen. Jene herrlichen Bücher wurden ihr

wieder nahe, denen die Schwermut entströmt wie ein schwerer betäubender

Duft aus seltsam dunklen und melancholischen Blüten. Die Maria Grubbe

kam ihr wieder zur Hand, der das harte Leben eine heilige und tiefinnige

Liebe zerstört, und die unglückliche Madame Bovary, die nicht entsagen

wollte und ihr schlichtes Glück verstieß. Und das unsäglich rührende

Tagebuch der Maria Bashkirceff las sie, zu der die große Liebe nie

gekommen war, ob ihr auch ein reiches und sehnsuchtsvolles Künstlerherz

erwartungsvoll die Hände entgegenhielt. Und ihre gequälte Seele tauchte

in diesem fremden Schmerze unter, um den eigenen zu verlieren und zu

vergessen, aber manchmal kam ein Erschrecken über sie, in dem Furcht

sich dem Stolze verschwisterte; denn Worte kamen ihren Blicken entgegen,

die auch in ihrem eigenen Leben standen, und deren schicksalsschweren

Sinn sie verstand. Und nun fühlte sie, wie ihre Geschichte nicht

Ungerechtigkeit und Haß des Lebens verkündigte, sondern nur schmerzlich

war, weil ihr der frohe Tänzerschritt eines lachenden unbedeutenden

Temperamentes fehlte, der rasch vergessend die dunklen, aber

geheimnisreichen Abgründe des Schmerzes überspringt. Nur ihre Einsamkeit

senkte sich noch drückend auf sie herab. Niemand stand ihr nahe. Eine

sonderbare Scham, sich mit ihren Tiefen und geheimen Schönheiten einem

Fremden zu geben, hatte sie von allen Freundinnen abgewandt; und ihr

fehlte auch der seligvertrauende Glaube der Frommen, der zu einem Gotte

spricht und ihm die verschwiegensten Geständnisse zu eigen gibt. Der

Schmerz, der von ihr ausging, floß wieder in ihre Seele zurück, und

dieses unaufhörliche Sichselbstanvertrauen und Zergliedern gab ihr

schließlich eine dumpfe Müdigkeit und hoffnungslose Trägheit, die nicht

mehr mit dem Schicksal ringen wollte und mit seinen verborgenen

Gewalten.

Sonderbare Gedanken überkamen sie, wenn sie vom Fenster auf die Gasse

herabsah. Sie sah Leute in wildem Durcheinander, Liebespaare, die in

seliger Versunkenheit vorübergingen, dann wieder hastende Burschen,

vorbeischießende Radfahrer, rasch dahinrollende Wagen mit schwirrenden

Rädern, Bilder des Tages und der Gewöhnlichkeit. Aber ihr war alles das

so fremd. Wie von ferne, aus einer anderen Welt schaute sie zu, als

könnte sie nicht verstehen, warum diese Wesen so eilten und drängten und

vorbeistürmten, wenn alle Ziele so klein und verächtlich waren. Als ob

es etwas Reicheres und Seligeres geben könne als den großen Frieden, in

dessen Bann alle Leidenschaften schlafen und alle Sehnsüchte; der doch

wie eine wunderwirkende Quelle war, in deren milder und geheimkräftiger

Flut sich alles Kranke und Häßliche ablöste, wie eine lästige Schicht.

Und wozu dann alle die Kämpfe und Überwindungen? Und wozu die heiße

nimmermüde Sehnsucht, die niemanden zurückweichen läßt?

So dachte die Erika Ewald manchmal und lächelte über das Leben. Denn sie

wußte nicht, daß auch der Glaube an diesen großen Frieden nur eine

Sehnsucht ist, das innigste und unvergänglichste Begehren, das uns nicht

zu uns selbst gelangen läßt. Sie glaubte ihre Liebe überwunden zu haben

und dachte ihrer, wie man eines Toten gedenkt. Die Erinnerungen bekamen

milde, versöhnliche Farben, vergessene Episoden tauchten wieder auf, und

zwischen Wirklichkeit und sanfter Träumerei liefen geheime, verbindende

Fäden hin und her, bis sie sich unlöslich verwirrt hatten. Denn sie

träumte von ihrem Erlebnis wie von einem eigenartigen und schönen Roman,

den man vor langem gelesen; seine Gestalten treten langsam wieder heran

und sprechen die Worte, die bekannt sind und doch so ferne, alle Räume

werden wieder sichtbar, wie erleuchtet von einem plötzlichen

aufblitzenden Licht, alles ist wieder wie einst. Und Erika dichtete sich

in ihren Gedanken, die sich im Abend berauschten, immer wieder neue

Abschlüsse dazu, aber sie fand keinen rechten, denn sie wollte ein

mildes und versöhnliches Ende voll Hoheit und reifer Entsagung, mit

kühlem freundschaftlichem Händereichen und tiefem Verstehen. Langsam

gaben ihr diese romantischen Träume den innigen Glauben, daß auch er

jetzt ihrer harre und in tausend seligen Schmerzen gedenke, und diese

Idee, die sich in ihr allmählich zu einer unbeugsamen Tatsache

verdichtete, ließ das Vertrauen immer sicherer sich entfalten, daß alles

noch gut werden müsse und daß eine versöhnende, abschließende Konsonanz

die seltsam bewegte Melodie ihrer Liebe erlösen müsse.

Nach langen, langen Tagen wagte sich jetzt manchmal ein Lächeln über

ihre Lippen, wenn sie ihrer Liebe gedachte mit all ihren bitteren

Wunden, die nun vernarben wollten. Denn sie wußte noch nicht, daß ein

tiefer Schmerz wie ein finsterer Gebirgsbach ist, der sich unterirdisch,

mit unruhvollem Schweigen durch das Gestein wühlt und in ohnmächtigem

Zorne lange an ungebahnten Pforten pocht und pocht. Aber einmal

zersprengt er die Wand und stürmt mit haltlosem Jubel vernichtend und

kraftvergeudend in die blühenden Tale hinab, die sich in heiterem,

ahnungslosem Vertrauen gewiegt.........

* * * * *

Es sollte alles anders kommen, als es Erika geträumt. Noch einmal trat

die Liebe in ihr Leben, aber sie war anders geworden; nicht mehr so

still und mädchenhaft nahte sie mit milden, segnenden Geschenken,

sondern wie ein Frühlingssturm, wie eine heiße, begehrende Frau, die

brennende Lippen hat und die tiefrote Rose der Leidenschaft im dunklen

Haare trägt. Denn die Sinnlichkeit der Männer ist nicht wie die der

Frauen; bei jenen glüht sie vom Anbeginne, von den Jahren der ersten

Reife, aber zu manchen Mädchen kommt sie vorerst in tausend Verhüllungen

und Gestalten. Sie schleicht sich als Schwärmerei ein und als selige

Träumerei, als Eitelkeit und ästhetisches Genießen, aber einmal kommt

ein Tag, da wirft sie alle Masken von sich und zerreißt die bergenden

Hüllen.

Eines Tages war Erika alles bewußt geworden. Kein lautes Ereignis hatte

ihr die Erkenntnis abgezwungen und auch kein Zufall. Vielleicht war es

ein Traum gewesen mit verwirrenden Lockungen oder ein Buch mit heimlich

verführender Gewalt, vielleicht eine ferne Melodie, die sie plötzlich

verstanden oder ein fremdes, blühendes Glück -- es war ihr nie klar

geworden. Sie wußte nur plötzlich, daß sie sich wieder nach ihm sehnte,

aber nicht nach gütigen Worten und schweigenden Stunden, sondern nach

seinen kraftvollen Armen und nach den heißen Lippen, die einstmals

verlangend auf den ihren gebrannt, ohne daß diese ihre stummen,

bettelnden Worte verstanden. Vergebens widerstrebte ihre mädchenhafte

Scham diesem Bewußtsein; sie suchte der früheren Tage zu gedenken, die

nie auch nur ein schwacher Hauch schwüler Sinnlichkeit durchzittert, sie

suchte sich vorzulügen, daß diese Liebe schon längst tot und begraben

sei, indem sie jenes Abends gedachte, da sie aus seinem Hause mit

innerlichem Abscheu geflüchtet. Aber dann kamen Nächte, da sie ihr Blut

brennen fühlte von glühendem Begehren und ihre Lippen in die kühlen

Kissen sich einknirschen mußten, damit sie nicht stöhnten und seinen

Namen hinausschrieen in die stumme, mitleidslose Nacht. Und da wagte sie

sich nicht länger zu täuschen, und die Erkenntnis machte sie erbeben.

Nun wußte sie auch, daß die dumpfen Wallungen, die sie in allen diesen

Tagen empfunden, nicht das Absterben ihrer schönen und hellen Liebe

bedeutet hatten, sondern das langsame Keimen dieser drängenden Gewalten,

die nun ihre Seele durchwühlten. Und mit sonderbarer Scheu dachte sie

dieser Neigung, die so schlicht und alltäglich gewesen war, und der doch

unablässig neue Schmerzen entsprossen, die feindlichen Kinder eines

dunklen Geschickes. In dieser Leidenschaft, welche wie ein später Herbst

gekommen war, der seine Früchte in die leeren, fröstelnden Felder wirft,

einte sich die Kraft der Unberührtheit mit der Fülle der unverbrauchten

Jugendtage, die nie unter den drängenden Krisen des Blutes gelitten.

Eine stürmische, siegende Gewalt war in ihr, gegen die es kein

Widerstreben gab und kein Verweigern, weil sie über alle Schranken

sprang und die letzte Überlegung ertötete.

Erika ahnte noch nicht, wie schwach sie gegen diese jähe Leidenschaft

war. Sie fühlte nur das Verlangen in sich siegreich werden, daß sie ihn

wieder sehen müsse, sei es auch nur von der Ferne, ganz von fern, ohne

bemerkt zu werden, ohne daß auch eine Ahnung ihn überkommen könne, daß

sie ihn sehe und ersehne. Sie holte sich wieder seine Photographie

hervor, die in einer versteckten Lade beinahe verstaubt war und brachte

ihr eine sonderbare Verehrung entgegen. Sie küßte in glühender

Leidenschaft seinen Mund, dann stellte sie sie wieder vor sich hin und

begann wirre und heftige Worte zu sprechen, die sie ihm selbst sagen

wollte, daß er ihr verzeihen möge, weil sie damals kindisch und

erschreckt gehandelt habe. Und dann erzählte sie ihm in sich

übereilenden Sätzen von ihrer Sehnsucht, und wie sie ihn wieder

unendlich liebe, mehr, als er es jemals werde verstehen können. Aber

alle diese Ekstasen befriedigten sie nicht, denn sie wollte ihn selbst

wiedersehen. Mehrere Tage lang wartete sie an den Ecken der Straßen, die

er zu passieren pflegte, doch vergebens. Und so sehr steigerte sich ihre

Ungeduld, daß manchmal, aber ganz furchtsam und unbestimmt, der Gedanke

in ihr erwachte, sie sollte zu ihm in die Wohnung gehen und sich für ihr

Benehmen von damals entschuldigen. Aber da fand sie in den Tagesblättern

die Notiz, daß er nächstens in einem eigenen Konzerte auftreten wolle,

eine Nachricht, die Erika wie mit einem seligen Rausche erfüllte, denn

nun ergab sich die beste Möglichkeit, ihn zu sehen, ohne daß er es

ahnte. Und langsam, furchtbar langsam verflossen ihr die Tage, welche

sie von dem festgesetzten, sehnlichst herbeigewünschten Abende trennten.

* * * * *

Erika war eine der ersten im großen, mit tausend Lichtern flimmernden

Konzertsaale. Eine sehnsüchtige Unruhe, die Minuten zu Stunden dehnte,

hatte sie seit Tagesanbruch erfüllt und durchschauert, seit jener

Stunde, da der Gedanke, daß sich heute alles begeben müsse, ihr den

Schlaf von den Lidern riß. Und dann war sie alle die Stunden durch

Traumland gegangen, ob auch die einzelnen Forderungen ihres Berufes sie

immer wieder aufschrecken ließen aus ihren sinnenden Erwartungen und

ihrer sanftruhenden Sehnsucht. Und als der Abend kam, nahm sie ihr

bestes Gewand und legte es mit einer gewissen feierlichen Sorgfalt an,

die nur Frauen haben, wenn sie den Blick des Geliebten erwarten. Eine

Stunde zu früh begab sie sich zum Konzertsaal. Wohl hatte sie zuerst

einen Spaziergang geplant, ein kurzes Rasten für ihre Nerven, die zu

fiebern schienen, aber kaum daß sie die Straße betrat, fühlte sie eine

dunkle Gewalt, die sie magnetisch einer Richtung zudrängte. Ihre anfangs

bedächtigen Schritte wurden unruhiger und beschleunigter. Und mit einem

Male stand sie, fast selbst überrascht, vor den breiten Stufen des

Konzertgebäudes und schämte sich ihrer Unrast. Gedankenlos ging sie noch

ein wenig dort auf und ab. Und als die ersten Wagen behäbig

vorrasselten, mühte sie sich nicht mehr länger, sich zu bezwingen und

ging mit beherzter Miene in den eben erleuchteten Saal.

Nicht lange blieb drinnen dieses breite und leere Schweigen, das zu

fürchtigen Träumen lud. Dichter und dichter drängten sich die Leute.

Erika sah nicht die einzelnen, sondern fühlte nur die hereinströmende

Masse, fühlte vor ihren Augen die wandernden Streifen der farbigen

Toiletten, das dunkle Durcheinanderschieben und die vielen wechselnden

Gesichter, die ihr wie Masken schienen. Alles in ihr war Unrast und

Erwartung. In ihren Augen stand nur ein Name, ein Wunsch, ein Wort.

Und dann plötzlich begann das jähaufrauschende Murmeln und Bewegen, die

vorbereitende Unruhe vor dem Schweigen, das leise Knacken der geöffneten

Operngläser, das Klappern der Lorgnons, das Regen und Bewegen, jenes

vieltönige Geräusch, das sich in stürmischen Beifall löste. Sie fühlte,

daß er eingetreten war, jetzt eingetreten war. Und schloß die Augen. Sie

wußte sich zu schwach, ihn in dieser stolzen Minute schweigend zu sehen.

Sie hätte ja jubeln müssen oder ihn rufen, aufspringen oder ihm

zuwinken, aber jedesfalls etwas Törichtes, Unüberlegtes, Lächerliches

tun. Ihr Herz fühlte sie bis an die Kehle schlagen. Sie wartete. Sie

wartete, mit geschlossenen Augen alles sehend, wie er hinaufschritt, wie

er sich verneigte und jetzt, -- jetzt mußte es ja sein -- zum Bogen

griff. Sie harrte, bis endlich die ersten Töne seiner Geige sich singend

erhoben wie langsam steigende Lerchen, die aus den Feldern zum Himmel

aufjubeln.

Dann schaute sie empor, leise, ganz vorsichtig, wie man in ein sehr

grelles blendendes Licht sieht. Und sie fühlte eine warme Blutwelle, wie

sie ihn sah, gleichsam emporgetragen von diesem dunklen, schweigenden

Meer, das die funkelnden Gläser und suchenden Blicke wie zitternde

Schaumkämme durchglänzten. Und sie fühlte sein Spiel und wieder die

ganze zauberische Gewalt von einst. Und wie die Töne wuchsen und

anschwollen, so füllte sich auch ihr Herz. Lachen und Weinen war in ihr,

ein Fluten der Erregung, warme zitternde Wellen. Sie fühlte Jubel, Jubel

aus tausend sonndurchglänzten Springstrahlen in ihr Herz sprudeln, sie

fühlte es selbst aufschäumen zu ihrer Kehle wie den jauchzenden Strahl

einer aufzuckenden Fontäne. Wieder verführte sie die Stimmung der Musik

wie eine Blinde, die keinen Weg weiß und sich willig der fremden und

lieblichen Hand vertraut. Und als dann der Jubel losbrach und dieses

dunkle Meer im Saale, das gleichsam in bezaubertem Schlafe gelegen war,

plötzlich in wilder, tosender Brandung aufschäumte, als von allen Seiten

ein überwältigender Beifall dröhnte, da rauschte ein jäher Stolz in ihr

empor. Ihre Seele jubelte bei dem Gedanken, von ihm begehrt worden zu

sein. Alle Häßlichkeit und Herbe jener Minuten war zerronnen in diesem

stolzen Bewußtsein, in dieser siegenden Stunde seines Künstlertums.

So ward dieser Abend ein lauteres und tiefes Fest für ihre suchende und

unruhige Seele. Nur eine Frage drängte sie, ob er ihrer wohl noch

gedachte. Und sie war ganz Demut in jener Stunde, eine Sehnsüchtige, die

nur begehrt, sich verschenken zu dürfen. Sie dachte nicht mehr an sich

und nur mehr an ihn, sah nur sein Verlangen und seine Inbrunst in dem

lockenden Geigenspiel und nicht mehr Töne und Melodieen.

Die Liebe der Erika Ewald: Novellen · 第 2 / 11 段