Sie fügte noch hinzu, sie müsse jetzt gehen, es sei schon hö

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Die Liebe der Erika Ewald

Von =Stefan Zweig= erschienen:

=Silberne Saiten.= Gedichte. Mit Schmuck von Hugo

Steiner. Berlin 1901.

=Gedichte von Paul Verlaine.= Eine Anthologie der besten

Übertragungen. Berlin 1903.

=Ausgewählte Gedichte von Emile Verhaeren.= Nachdichtungen.

Buchschmuck von Théo van Rysselberghe.

Berlin 1904.

=Paul Verlaine.= Eine Monographie. Berlin 1904.

Die Liebe der Erika Ewald

Novellen

von

Stefan Zweig

Buchschmuck von Hugo Steiner - Prag

Egon Fleischel & Co.

Berlin

1904

Alle Rechte

vorbehalten

Inhalt

Seite

Die Liebe der Erika Ewald 1

Der Stern über dem Walde 61

Die Wanderung 77

Die Wunder des Lebens 87

Die Liebe der Erika Ewald

Camill Hoffmann

in inniger Freundschaft

...... Aber das ist die Geschichte

aller jungen Mädchen, dieser sanften

Dulderinnen. Sie sagen nie, daß sie

leiden. Die Frauen sind zum Dulden

geschaffen. Es ist gewiß so ihr Schicksal,

sie erfahren es früh und sind darüber

so wenig erstaunt, daß sie noch immer

sagen, das Übel sei nicht da, wenn es

längst gekommen......

Barbey d'Aurévilly.

Erika Ewald trat langsam ein, mit dem vorsichtig-leisen Gang einer

Zuspätkommenden. Der Vater und die Schwester saßen schon beim

Abendessen; beim Geräusch der Türe blickten sie auf, um der Eintretenden

flüchtig zuzunicken, dann klang nur wieder das Klingen der Teller und

das Klappern der Messer durch den matterhellten Raum. Gesprochen wurde

selten, nur hie und da fiel ein Wort, und das flatterte wie ein

aufgeworfenes Blatt haltlos in der Luft, um dann ermattet zu Boden zu

sinken. Sie hatten sich alle wenig zu sagen. Die Schwester war

unscheinbar und häßlich; eine jahrelange Erfahrung, stets überhört oder

bespöttelt zu werden, hatte ihr jene altjüngferliche stumpfe Resignation

gegeben, die jeden Tag mit einem Lächeln scheiden sieht. Den Vater

hatte eine langjährige gleichfarbige Bureautätigkeit der Welt

entfremdet, und insbesondere seit dem Tode seiner Frau umfing ihn jene

harte Verstimmung und trotzige Schweigsamkeit, mit der alte Leute gerne

ihre physischen Leiden verbergen.

Auch Erika schwieg meistens an diesen eintönigen Abenden. Sie fühlte es,

daß sich gegen die graue Stimmung, die sich wie dicke drohende

Wetterwolken über diese Stunden legte, nicht ankämpfen lasse. Und dann

war sie zu müde dazu. Die quälende Tagesarbeit, die sie von Stunde zu

Stunde hetzte und sie zwang, Disharmonieen, tastende Akkorde,

unmusikalische Brutalitäten mit rastloser Sanftmut zu ertragen, löste in

ihr ein dumpfes Ruhebedürfnis aus, ein wortloses Verströmen aller

Empfindungen, die die Gewalt des Tages überwuchert hatte. Sie liebte es,

in diesen wachen Träumen sich selbst anzuvertrauen, weil ihr eine fast

überreizte Schamhaftigkeit nie gestattete, anderen nur eine Andeutung

ihrer seelischen Erlebnisse zu geben, ob auch ihre Seele unter dem

Drucke ihrer ungesprochenen Worte bebte, wie ein überreifer

Obstbaumzweig unter der Last seiner Früchte schwankt. Und nur ein

leichter, ganz unmerklich feiner Zug um die schmalen blassen Lippen

verriet, daß Kampf und Ringen in ihr war und eine unbändige Sehnsucht,

die sich nicht von Worten tragen lassen wollte und nur manchmal ein

wildes Beben um den festgeschlossenen Mund legte wie von jähem

Schluchzen.

Das Abendessen war bald zu Ende. Der Vater erhob sich, sagte kurz einen

Gutenachtgruß und ging in sein Zimmer, um sich die Pfeife anzuzünden.

Das war so jeden Tag in diesem Hause, wo auch die gleichgültigste

Tätigkeit zu starrer Gewohnheit versteinerte. Und auch Jeanette, ihre

Schwester holte sich wie immer ihr Nähzeug her und begann beim

Lampenlicht, stark vorgebeugt wegen ihrer Kurzsichtigkeit, mechanisch zu

sticken.

Erika ging in ihr Zimmer und begann sich langsam zu entkleiden. Es war

diesmal noch sehr früh. Sonst pflegte sie bis tief in die Nacht hinein

zu lesen, oder sie lehnte in einem süßen Gefühle am Fenster und blickte

hoch von oben über die hellen mondscheinbeleuchteten Dächer, die sich in

lichter Silberflut badeten. Sie hatte da nie klare, zielstrebende

Gedanken, nur das unbestimmte Gefühl einer Liebe für das Schimmernde,

Blitzende und doch so sanft Verströmende des Mondlichtes, das die

Tausende von Scheiben blank spiegelte, hinter denen sich die Geheimnisse

des Lebens bargen. Aber heute empfand sie eine sanfte Mattigkeit, eine

selige Schwere, die sich sehnt von milden, warm anschmiegenden Decken

getragen zu werden. Eine Schläfrigkeit, die nichts anderes ist als

Sehnsucht nach süßen, seligen Träumen, rann durch alle Glieder wie ein

sacht erkaltendes, betäubendes Gift. Sie raffte sich auf, warf beinahe

mit Hast die letzten Kleidungsstücke von sich, verlöschte die Kerze.

Einen Augenblick noch -- und dann dehnte sie sich im Bette....

Wie ein hurtiges Schattenspiel tanzten noch einmal die seligen

Erinnerungen des Tages vorbei. Sie war heute bei ihm gewesen.....

Gemeinsam hatten sie wieder geprobt zu ihrem Konzert, wo ihr Spiel seine

Geige begleiten sollte. Und dann spielte er ihr vor -- Chopin, die

Ballade ohne Worte. Und dann die sanften lieben Worte, die er ihr sagte,

die vielen lieben Worte!

Die Bilder eilten immer rascher vorbei, sie führten sie wieder nach

Hause zu sich selbst, um rasch wieder hinwegzuirren in die

Vergangenheit, zu dem Tag, da sie ihn zuerst kennen gelernt hatte. Und

bald stürmten sie heraus über die Enge der Zeit und des Erlebens und

wurden immer wilder und bunter. Noch hörte Erika, wie ihre Schwester

nebenan zu Bette ging. Und ein toller merkwürdiger Gedanke kam ihr, ob

er sie wohl auch zu sich gebeten hätte. Ein frohes übermütiges Lächeln

wollte sich noch matt auf ihre Lippen schleichen, aber sie war schon zu

schlaftrunken. Und einige Minuten später trug sie ein sicherer Schlaf zu

seligen Träumen.

* * * * *

Beim Erwachen fand sie eine Ansichtskarte auf dem Bette. Nur ein paar

Worte waren darauf, mit fester energischer Schrift hingeworfen, Worte,

wie man sie auch an Fremde verschenkt. Aber Erika empfand sie als Gabe

und Glück, weil er sie geschrieben hatte; ihr war es gegeben, aus dem

Geringfügigen und Unscheinbaren die Ahnungen der wirklichen Fülle sich

zu erschließen. Und so sollte ihr diese Liebe nicht nur wie ein milder

Glanz werden, der jedes Wesen umleuchtet und erhellt, sondern so tief

sollte dieses verklärende Gefühl sich verlieren, daß es wie ein Schimmer

wurde, der in innigem Durchglühen von innen emporzuwachsen schien aus

allem Leblosen und Unbeseelten. Schon von früher Jugend auf hatte das

dunkle Gefühl ihres Ängstlichseins und ihrer zurückhaltenden Einsamkeit

sie gelehrt, die Dinge nicht als kalt und leblos zu betrachten, sondern

als verschwiegene Freunde, die Geheimnisse und Zärtlichkeiten dem

anvertrauen, der auf sie hört. Bücher und Bilder, Landschaften und

Musikstücke sprachen zu ihr, der das dichterhafte Vermögen des Kindes

geblieben war, in bemalten Körpern, unbeseelten Dingen frohbewegte bunte

Wirklichkeit zu sehen. Und das waren ihre einsamen Feste und

Seligkeiten, ehe die Liebe zu ihr gekommen war.

So wurden ihr auch die wenigen schwarzen Schriftzüge auf dem Blatte

Ereignis. Sie las die Worte so wie er sie zu sprechen pflegte, mit der

weichen und musikalischen Betonung seiner Stimme, sie suchte in ihren

Namen den heimlich-süßen Reiz zu legen, den nur die Sprache der

Zärtlichkeit geben kann. Und sie horchte in den wenigen Sätzen, die

ihrer Angehörigen wegen in kühler, fast respektvoller Form gehalten

waren, den verborgen klingenden Unterton der Liebe und buchstabierte

sich so langsam und traumverloren durch die Zeilen, daß sie beinahe

ihren Inhalt wieder vergessen hätte. Und der war nicht so unwichtig. Sie

möchte ihm doch mitteilen, ob ihr geplanter Sonntagsausflug zustande

käme. Und noch ein paar unwichtige Worte wegen ihres gemeinsamen

Auftretens in einem längst besprochenen Konzert. Dann ein freundlicher

Gruß und eine hastige Unterschrift. Aber sie las die Zeilen immer wieder

und wieder, weil sie in ihnen die starke und drängende Empfindung zu

hören glaubte, die doch nur der Widerklang ihrer eigenen war.

* * * * *

Es war noch nicht lange her, daß diese Liebe zu Erika Ewald gekommen war

und den ersten Glanz in ihr blasses gleichgültiges Mädchenleben getragen

hatte. Und ihre Geschichte war still und alltäglich.

In einer Gesellschaft hatten sie sich kennen gelernt. Sie gab dort

Klavierstunden, aber ihre diskrete und feine Art gewann ihr so sehr die

Liebe des ganzen Hauses, daß sie nur mehr als Freundin betrachtet wurde.

Und er war dort zu einer Veranstaltung geladen, sozusagen als +pièce de

résistance+, denn sein Ruf als Geigenvirtuose war trotz seiner Jugend ein

ganz ungewöhnlicher.

Die Umstände erwiesen sich selbst als bereitwillig, um ihre

Verständigung zu unterstützen. Er wurde gebeten zu spielen, und es ergab

sich als fast selbstverständlich, daß sie die Begleitung übernehmen

sollte. Und da wurde er zuerst auf sie aufmerksam, denn sie ging mit

soviel Verständnis auf seine Intentionen ein, daß er sogleich die

Feinheit und Innigkeit ihres Wesens ahnte. Und noch mitten im

stürmischen Applaus, der ihrem Vortrag folgte, machte er ihr den

Vorschlag, ein bißchen zusammen zu plaudern. Sie nickte leise, ganz

unmerklich leise.

Aber es kam nicht dazu. Man gab sie beide nicht so rasch frei, er konnte

nur ab und zu mit einem verstohlenen Blicke ihre überschlanke biegsame

Gestalt messen und einen schüchtern-staunenden Gruß ihrer dunklen Augen

auffangen. Ihre Worte gingen unter in Gewöhnlichkeiten und

Höflichkeiten, mit denen man sie überhäufte. Dann kamen wieder neue

Menschen und hunderterlei Ablenkungen anderer Art, daß sie beinahe

die Verabredung vergaß. Aber als alles vorüber war und sie sich empfahl,

stand er plötzlich neben ihr und fragte sie mit seiner sanften

zurückhaltenden Stimme, ob er sie nach Hause geleiten dürfe. Einen

Augenblick war sie hilflos; dann lehnte sie mit so ungeschickten Worten

seine Mühe ab, daß er seinen Willen schließlich leicht durchsetzen

konnte.

Sie wohnte ziemlich weit draußen in der Vorstadt, und es war ein langer

Weg in der mondhellen kalten Winternacht. Eine Zeitlang blieb ein

Stillschweigen zwischen ihnen; es war dies keine Unbehilflichkeit,

sondern nur die unbestimmte Furcht, die feiner durchbildete Leute haben,

eine Unterhaltung mit Banalitäten zu beginnen. Dann begann er zu

sprechen. Von dem Musikstück, das sie gemeinsam gespielt hatten, und von

der Kunst überhaupt. Aber das war nur ein Anfang. Nur ein Weg zu ihrer

Seele. Denn er wußte, daß alle, die in der Kunst ihre letzten Schätze so

königlich verschwendeten, die ihr volles Gefühl in die musikalische

Schönheit legten, im Leben ernst und verschlossen waren und sich nur dem

Verstehenden offenbarten. Und sie gab ihm auch wirklich in ihren

Ansichten über Schaffen und Reproduzieren viel von ihren geheimen

psychischen Erlebnissen, vieles, das sie noch keinem anvertraute und

manches, das ihr selbst bisher noch nicht zum Bewußtsein gekommen war.

Später konnte sie es selbst nicht begreifen, wieso sie ihre stete, fast

ängstliche Zurückhaltung damals überwunden hatte, später, als er ihr

näher getreten war, ihr Freund und Vertrauter wurde. Denn an jenem Abend

erschien ihr ein Künstler, ein Schaffender noch wie ein Gewaltiger, der

nie in das Leben tritt, sondern in Fernen lebt, unnahbar und überragend,

ein Verstehender und Gütiger, dem man nichts verschweigen darf. Bisher

waren nur schlichte Leute in ihren Kreis getreten, Menschen, die sich

zerlegen und berechnen ließen, wie eine Schulaufgabe, vorurteilsvolle

und konservative Ketzerrichter, denen sie sich fremd fühlte, und die sie

beinahe fürchtete. Und dann: es war eine stille und helle Nacht gewesen.

Und wenn man in solchen schweigenden Nächten zu zweit geht, von

niemandem gehört und gestört, und sich die dunklen Schatten der Häuser

über die Worte senken und die Stimmen ohne Nachhall in der Stille

verwehen, da ist man so vertrauensvoll, als ob man zu sich selbst

spräche. Da wachen Gedanken aus den Tiefen auf, die in der bunten Unrast

des Tages ungehört untergehen und denen erst die Stille des Abends

sanfte Schwingen gibt; und die Gedanken werden zu Worten fast ohne daß

man es will.

Der lange Gang in der einsamen Winternacht hatte sie einander nahe

gebracht. Als sie sich zum Abschied die Hände reichten, blieben ihre

blassen kühlen Finger lange hilflos in seiner starken Hand liegen wie

vergessen. Und sie gingen wie alte Freunde voneinander.

* * * * *

Sie begegneten sich noch oft in diesem Winter. Zuerst war es ein

günstiger Zufall, der aber bald Verabredung wurde. Ihn reizte dieses

interessante Mädchen mit allen ihren Eigenarten und Seltsamkeiten, er

bewunderte die vornehme Zurückhaltung ihrer Seele, die sich nur ihm

offenbarte und sich zagend zu seinen Füßen warf wie ein erschrecktes

Kind. Er liebte ihre tausendfachen Feinheiten, die schlichte Gewalt des

Empfindens, die jeder Schönheit willenlos entgegenpulste und doch vor

fremden Augen sich bergen wollte, um sich die reine Innigkeit des

Genusses nicht zu stören. Aber diese zarten und innigen Empfindungen,

die er so voll und hinreißend bei jemandem mitempfinden konnte, waren

ihm selbst fremd. Schon von Jugend auf, noch ein halbes Kind, war er zu

sehr von Frauen als Künstler verhätschelt und verführt worden, um in

einer vergeistigten Liebe Befriedigung zu finden; er empfand zu wenig

feminin, zu wenig jünglinghaft, weil die ganze unverständige wunschlose

Süße der Gymnasiastenliebe sich nie in sein frühreifes Leben

eingeschlichen hatte. Temperamentvoll und blasiert zugleich liebte er

mit jenem schroffen Begehren, das der letzten sinnlichen Erfüllung

zustrebt, um dort zu verbluten. Und er kannte sich selbst und verachtete

sich wegen jeder Schwäche, die ihn überwältigte, er empfand jede dieser

raschen Befriedigungen mit Ekel, ohne sich wehren zu können, denn

Leidenschaftlichkeit und Sinnlichkeit durchbebten sein Leben wie seine

Kunst. Auch die Meisterschaft seines Spieles wurzelte in dieser festen,

temperamentvollen Männlichkeit; die letzten verhauchenden Nuancen, die

wie leise Atemzüge einer schlummernden Melancholie sind, mußten seiner

energischen und doch zigeunerhaft-süßen Bogenführung entgehen. Eine

leise Furcht stand immer versteckt hinter der packenden Gewalt, mit der

er zu überwältigen wußte.

Und so furchtsam und ergeben war auch ihre Liebe zu ihm. Sie liebte in

seiner Person alle ihre Traumgestalten, die in den langen Jahren des

Alleinseins eine gewisse Wirklichkeit gewonnen hatten, sie verehrte den

Künstler, der sich in seinem Wesen verkörperte, weil sie den

mädchenhaften Glauben hatte, daß ein Künstler auch in seiner

Lebensführung die priesterliche Würde verwirklichen müsse. Manchmal sah

sie ihn mit einem fremden und unsinnlichen Blick an wie ein seltsames

Bild, in dem man vertraute Züge empfinden will, und ihr Anvertrauen war

wie zu einem Beichtiger. Sie dachte nicht an das Leben, weil sie es nie

gekannt hatte, sondern es erlebt hatte wie einen haltlosen Traum. Darum

fehlte ihr auch jede Angst und jedes Bangen vor der Zukunft, sie glaubte

an ein sanftes und seliges Weiterklingen dieser unsinnlichen verehrenden

Liebe, die sie zuversichtlich machte mit ihrer künstlerischen Schönheit

und innigen Reinheit.

Manchmal überraschte sie sich dabei, daß sie gar nicht das Bedürfnis

hatte zu sprechen, wenn sie bei ihm war. Er spielte oder schwieg, und

sie saß und träumte und fühlte nur, wie ihre Träume immer heller und

lichter wurden, wenn er sprach oder sie anblickte. Das war alles

verklungen, kein irrer Lärm drang mehr vom Tage herüber, nur Stille,

Schweigen und silberne Feiertagsglocken tief im Herzen. Und ein

sehnsüchtiges Zärtlichkeitsbedürfnis, ein Erwarten von lieben und leisen

Worten, die sie doch eigentlich fürchtete, bebte dann in ihr. Sie ahnte,

wie sie ganz in seinem Banne stand, wie er sie mit seiner Kunst

beherrschen konnte, Schmerzen und Jubel geben mit seinen lockenden

Tönen; sie fühlte sich wehrlos seinem Spiel gegenüber, und so unsäglich

arm, weil sie nichts geben konnte und nur empfing, mit offenen

zitternden Händen bei ihm bettelte.

Es war eine unabänderliche Gewohnheit geworden, daß sie mehrmals in der

Woche zu ihm kam. Zuerst waren es Proben zu einem gemeinsamen Konzert,

aber bald konnten sie die wenigen Stunden gar nicht mehr entbehren. Sie

ahnte gar nicht die Gefahr, die in der wachsenden Intimität ihrer

Freundschaft lag, sondern ließ die letzte Zurückhaltung ihrer Seele vor

ihm fallen und offenbarte ihm ihre verborgensten Geheimnisse als ihrem

einzigen Freunde. Sie merkte es oft gar nicht in ihrem heißen, fast

visionären Erzählen, wie er ihre Hände in wachsender Erregung umspannte

und manchmal die Lippen brennend zu ihren Fingern herabsenkte, während

er ihr zu Füßen lag und zuhörte. Und sie erkannte auch nicht, wie er

manchmal in den drängendsten und verlangendsten Tönen seiner Geige nur

zu ihr sprach, weil sie in der Musik immer sich selbst suchte und ihre

Träume. Ein Verstehen und eine Erlösung war ihr diese Zeit für das

viele, das sie bisher nicht laut zu sagen wagte, und noch nicht mehr.

Sie wußte nur, daß eine solche stille Stunde viel Glanz hineinbrachte in

ihren öden, arbeitsvollen Tag und einen lichten Schein in ihre Nächte.

Und mehr wollte sie nicht als still sein und selig sein; sie verlangte

nur einen reichen Frieden in den sie flüchten konnte, wie zu einem

Altar.

Aber sie hütete sich wohl, ihr Glück offen zu zeigen; ihre Lippen bargen

oft ein Lächeln reinster Seligkeit mit so herbverschlossener Gewalt vor

den Leuten und vor ihrer Familie, als sei es ein aufquellendes Weinen.

Denn sie wollte ihre Erlebnisse bewahren vor fremden Blicken wie ein

Kunstwerk mit hunderterlei flüchtigen Zusammenhängen, das in plumpen

Fingern mit einem bangen Aufschrei zerbricht. Und sie baute kühle und

abgenutzte Alltagsworte um ihr Glück und um ihr Leben, so daß es durch

viele Hände gehen konnte, ohne verkannt zu werden und in wertlose

Scherben zu zerbrechen.

* * * * *

Am Samstag abend vor dem Ausfluge besuchte sie ihn wieder. Als sie

anklopfte, fühlte sie wieder jene merkwürdige Bangigkeit wie immer, wenn

sie zu ihm ging, und die sich immer mehr steigerte, bis er selbst mit

ihr war. Aber sie mußte nicht lange warten. Er öffnete rasch, geleitete

sie in sein Studienzimmer, nahm ihr mit vorsichtiger Galanterie die

Frühlingsjacke ab und streifte respektvoll mit den Lippen ihre schöne

feingeäderte Hand. Und dann setzten sie sich zusammen auf ein kleines

dunkles Samtsofa, das bei seinem Schreibtisch stand.

Es war schon düster im Zimmer. Draußen am Himmel verfolgten sich graue

Wolken hastig im Abendwind, und ihre Schatten trübten unruhig das matte

Dämmerlicht. Er fragte, ob er anzünden solle. Sie verneinte. Das matte

süße Licht, das nicht mehr erkennen und nur ahnen läßt, war ihr so lieb

mit seiner sanften Melancholie. Sie saß ganz still. Man konnte noch die

geschmackvolle Einrichtung des Zimmers deutlich wahrnehmen, den

prächtigen Schreibtisch mit einer Bronzestatue, rechts einen

geschnitzten Geigenständer, dessen Silhouette sich scharf von dem grauen

Stück Himmel abhob, das durch die Scheiben gleichgültig hereinblickte.

Irgendwo tickte eine Uhr mit schwerem abgemessenem Schlag, als sei es

der harte Schritt der mitleidslosen Zeit. Sonst war es still. Nur ein

paar bläuliche Rauchstreifen von seiner vergessenen Zigarette stiegen

ebenmäßig in das Dunkel. Und durch das geöffnete Fenster kam ein lauer

Frühlingswind zu ihnen herein.

Sie plauderten. Zuerst war es ein Lächeln und Erzählen, aber ihre Worte

wurden immer schwerer im drohenden Dunkel. Er sprach von einer neuen

Komposition, einem Liebeslied, das sich an ein paar schlichte wehmütige

Volksliedstrophen anschmiegte, die er einmal in einem Dorfe gehört

hatte. Ein paar Mädchen waren es gewesen, die von der Arbeit kamen, ihre

Stimmen klangen weit von ferne, daß er die Worte nicht mehr verstand und

nur die leise, schweratmende Sehnsucht der Weise hörte. Und gestern war

die Melodie wieder in ihm erwacht, spät am Abend und war ihm ein Lied

geworden.

Sie sagte nichts, sondern sah ihn nur an. Und er verstand ihre Bitte.

Schweigend trat er zum Fenster hin und nahm seine Geige. Ganz leise

begann sein Lied.

Hinter ihm ward es langsam wieder hell. Die Abendwolken waren in Brand

geraten und glühten in purpurnem Glanz. Das Zimmer begann

widerzuleuchten von dem hellen Schein, der allmählich düsterer und

gesättigter wurde.

Er spielte das einsame Lied mit wundervoller Gewalt, er verlor sich

selbst in seinen Tönen. Und er verlor sein Lied und behielt nur die

unendlich sehnsüchtige fremde Volksmelodie, die in allen seinen

Variationen immer wieder dasselbe stammelte, weinte und jauchzte. Er

dachte an nichts mehr, seine Gedanken waren fern und verwirrt, nur das

strömende Gefühl seiner Seele formte mehr die Töne und gab sich ihnen zu

eigen. Das enge dunkle Zimmer überflutete von Schönheit..... Die

roten Wolken waren schon schwere, schwarze Schatten geworden, und er

spielte noch immer. Längst hatte er schon vergessen, daß er dieses Lied

nur ihr als Huldigung spielte; seine ganze Leidenschaft, die Liebe zu

allen Frauen der Welt, zum Inbegriff des Schönen wachte in den Saiten

auf, die in seliger Inbrunst erschauerten. Immer wieder fand er eine

neue Steigerung und eine wildere Gewalt, aber nie die verklärende

Erfüllung, es blieb auch im rasendsten Aufschwung immer nur Sehnsucht,

stöhnende und jauchzende Sehnsucht. Und er spielte immer weiter, wie

einem bestimmten Akkord zu, einer abschließenden Auflösung entgegen, die

er nicht finden konnte.

Plötzlich brach er jählings ab.... Erika war mit einem dumpfen

hysterischen Schluchzen auf dem Sofa zusammengebrochen, von dem sie sich

in ihrer Ekstase erhoben hatte, wie angelockt von den Tönen. Ihre

schwachen reizbaren Nerven unterlagen stets dem Zauber einer

Gefühlsmusik; sie konnte weinen bei wehmütigen Melodieen. Und dieses

Lied mit seiner drängenden, aufpeitschenden Erwartung hatte in ihr alle

Gefühle erregt, ihre Nerven in eine furchtbare atemlose Spannung

versetzt. Wie einen Schmerz empfand sie die Wucht dieser

niedergehaltenen Sehnsucht, sie hatte ein Gefühl, als ob sie aufschreien

müßte unter dieser engenden Qual, aber sie vermochte es nicht. Nur in

einem jähen Weinkrampfe löste sich ihre gesteigerte physische Erregung.

Er kniete bei ihr nieder und suchte sie zu beruhigen. Er küßte ihr leise

die Hand. Aber sie bebte noch immer, und manchmal lief ein Zucken über

ihre Finger wie von einem elektrischen Schlage. Er sprach ihr freundlich

zu. Sie hörte nicht. Da wurde er immer inniger und küßte mit heißen

Worten ihre Finger, ihre Hand und küßte ihren bebenden Mund, der

unbewußt unter seinen Lippen erschauerte. Seine Küsse wurden immer

drängender, dazwischen stieß er zärtliche Liebesworte hervor und umfaßte

sie immer stürmischer und verlangender.

Mit einem Male fuhr sie aus ihrem Halbtraum und stieß ihn beinahe mit

Heftigkeit zurück. Er stand erschrocken und unsicher auf. Einen

Augenblick blieb sie noch stumm, wie um sich an alles zu besinnen; dann

stammelte sie mit unruhigem Blick und gebrochener Stimme, er möge ihr

verzeihen, sie habe öfters so nervöse Anfälle, und die Musik habe sie

erregt.

Einen Augenblick blieb ein peinliches Schweigen. Er wagte nichts zu

antworten, weil er fürchtete, eine niedrige Rolle gespielt zu haben.

Sie fügte noch hinzu, sie müsse jetzt gehen, es sei schon höchste Zeit,

man würde sie zu Hause schon längst erwarten. Und zugleich nahm sie

ihre Jacke. Ihre Stimme schien ihm kühl und fast frostig.

Er wollte etwas sprechen, aber es kam ihm alles so lächerlich vor nach

den Worten, die er ihr noch eben in seiner leidenschaftlichen

Trunkenheit gesagt hatte. Stumm und respektvoll geleitete er sie zur

Türe. Erst wie er ihr die Hand zum Abschied küßte, fragte er zögernd:

»Und morgen?«

»Wie wir verabredet haben. Ich denke doch?«

»Selbstverständlich.«

Er war freudig berührt, daß sie über sein Benehmen ohne ein Wort

hinwegging, und bewunderte ihre feine Zurückhaltung, die ihm vergab,

ohne es merken zu lassen. Ein flüchtiges Abschiedswort sagten sie sich

noch, dann fiel die Türe dumpf ins Schloß.

* * * * *

Der Sonntagmorgen war ein wenig trübe und melancholisch gewesen. Ein

schwerer Frühnebel legte sein dichtmaschiges graues Netz über die Stadt

und ließ wie durch feine Ritzen ein leises Regenstieben auf die Straße

niederzittern. Aber bald begann es in dem dunklen Netz zu funkeln, als

ob sich eine schwere goldene Königskrone darin gefangen hätte, die immer

schimmernder und heller wurde. Und schließlich zerriß das trübe Gewebe

unter der lichten Last, und eine frische Frühlingssonne leuchtete herab

und spiegelte tausendfältig ihr junges Antlitz in den blanken Scheiben

und nassen Dächern, in den glitzernden Wassertümpeln, den sanft

erglühenden Kirchturmkuppeln und in den heiteren Blicken der auslugenden

Leute.

Nachmittags war schon helles Sonntagstreiben in den Straßen. Die

vorüberrasselnden Wagen klapperten eine frohe Melodie, aber die Spatzen

wollten noch lauter sein und schrieen um die Wette von den

Telegraphendrähten herab, und dazwischen schrillten die Signale der

Straßenbahn in hellem Durcheinander. Eine breite Menschenflut drängte

sich auf den Hauptstraßen gegen die Peripherie zu wie ein dunkles Meer,

aber ein lichtes schimmerndes Blitzen war darin von weißen

Frühlingskleidern und hellen Farben, die sich zum ersten Male wieder ins

Freie wagten. Und über dem allen lag Sonne, eine warme, lichtflutende

Frühlingssonne mit einem blinkenden Leuchten.

Erika freute sich im Dahinschreiten, wie leicht und beseligt sie an

seinem Arm ging. Am liebsten hätte sie getanzt oder getollt wie ein

Kind. Und ganz kindlich und mädchenhaft war sie in ihrem einfachen

glatten Kleide und dem aufgesteckten Haar, das sonst tief und schwer wie

eine wetterschwere Wolke über der Stirne drohte. Und ihr Übermut war so

überquellend und echt, daß er auch seinen Ernst bald ins Wanken brachte.

Sie hatten ihren ursprünglichen Beschluß, in den Prater zu gehen, bald

aufgegeben, denn sie fürchteten den grellen stimmenlauten

Sonntagstrubel, der in die feierliche Stille des prächtigen Parkes

bricht. Ihr Prater, das waren die breiten wohlgepflegten Alleen mit den

uralten Kastanienbäumen, die weiten schweifenden Auen, die in dunklen

Waldungen enden und die hellen Wiesen, die sich in sattem Glanze sonnen

und nichts mehr von der Millionenstadt wissen, die in unmittelbarer Nähe

atmet und stöhnt. Aber am Feiertag verliert sich dieser Zauber und

verbirgt sich vor den überströmenden Scharen.

Er schlug vor, gegen Döbling zu zugehen, aber weit hinter den

eigentlichen netten Ort mit seinen freundlichen weißen Häuschen, die so

kokett aus der dunklen Umhüllung schmucker Gärten herausblitzen. Er

wußte dort ein paar stille und stimmungsvolle Wege, die durch schmale

akazienblütenbeschneite Alleen sanft in die weiten Felder hinüberführen.

Und die gingen sie auch heute. Sie kamen in den stillen Ort mit seinem

fast ländlichen Sonntagsfrieden, der sie auf ihrem ganzen Spaziergange

wie ein milder unfaßbarer Duft begleitete. Manchmal sahen sie sich an

und fühlten, wie reich ihr Schweigen war, wie es die ganze selige

Empfindung des vollströmenden Frühlings trug und mehrte.

Die Felder waren noch niedrig und grün. Aber der segensschwere Duft der

warmen spendenden Erde kam zu ihnen wie ein verheißungsvoller Gruß.

Ferne lag der Kahlenberg und der Leopoldsberg mit seinem uralten

Kirchlein, von dem die Wand steil abfiel bis zur Donau hinab. Und

dazwischen viel reiches Land, meist noch braun und unbestellt und voll

gewärtiger Saat. Aber dazwischen schon viereckige Flächen mit gelber

werdender Frucht, die sich eckig und unvermittelt vom dunklen Erdreich

abhoben, wie abgerissene und zerschlissene Fetzen auf dem gebräunten

kraftvollen Körper eines arbeitsharten Werkmannes. Und wie ein blauer

Bogen darüber ein heiterer Frühlingshimmel gespannt, in den die flinken

Schwalben mit zwitscherndem Jubel hineinsegelten.

Als sie durch eine alte breite Akazienallee kamen, erzählte er ihr, daß

dies Beethovens Lieblingsgang gewesen sei, auf dem er im Spazierengehen

viele seiner tiefsten Schöpfungen zuerst empfunden habe. Der Name

stimmte sie beide ernst und feierlich. Sie dachten an seine Musik, die

ihnen ihr Leben in vielen begnadeten Stunden reicher und inniger gemacht

hatte. Alles schien ihnen bedeutender und größer, da sie an ihn dachten:

sie empfanden die Majestät der Landschaft, deren fröhliche Heiterkeit

sie nur vorher geschaut, und der schwere satte Duft der sonneglühenden

fruchtschwellenden Erde gab ihnen das geheimste Symbol des Frühlings.

Ihr Weg ging weiter durch die Felder. Erika ließ im Vorübergehen das

unreife Korn durch ihre Finger rauschen, aber sie fühlte es gar nicht,

wenn ab und zu ein Halm unter ihrer Hand zerknickte. Das Schweigen

zwischen ihnen gab ihr seltsame und tiefe Gedanken, in die sie sich

träumend verlor. Es waren milde und heimliche Liebesgefühle in ihr

erwacht, aber sie dachte nicht an ihn, der ihr zur Seite ging, sondern

an alles, das um sie war und lebte, an das Korn, das sich leise im Winde

wiegte und an die Menschen, denen es Arbeit und Glück schenkte; sie

dachte an die Schwalben, die sich am Himmel hoch verfolgten und an die

Stadt, die fern unten in einer grauen Dunstkapuze eingehüllt

herüberschaute, sie fühlte wieder die allumfassende Gewalt des Frühlings

in sich wie ein Kind, das mit frohen Sprüngen zum ersten Male jubelnd in

das mildströmende Sonnenlicht hinausstürmt.

Sie gingen lange in den Wiesen und Feldern. Inzwischen neigte sich der

Nachmittag seinem Ende zu. Es war noch nicht Abend, aber das scharfe

Licht ging allmählich in eine weiche verhauchende Mattigkeit über, die

sein Nahen verkündigte, und in der Luft zitterte ein leiser blaßrosa

Ton. Erika war ein wenig müde geworden und, um sich auszurasten und ein

wenig auch aus Neugier gingen sie in ein kleines Wirtshaus am Wege, aus

dem ihnen fröhliche Stimmen in buntem Durcheinander entgegen klangen. Im

Garten setzten sie sich nieder; an den Nachbartischen saßen Familien

aus der Vorstadt, bessere Leute mit gemütlichen Mienen und lauten

ungezwungenen Stimmen, die den Sonntag nach Wiener Art mit einem Ausflug

feierten. Rückwärts in einer Laube waren ein paar Musikanten, drei oder

vier Leute, die am Wochentag in der Stadt bettelnd herumzogen und nur

des Sonntags ein Dach über sich hatten. Aber sie spielten die alten

abgeleierten Volksweisen recht gut, und wenn sie einen besonders flotten

und populären >Schlager< begannen, so fielen bald alle Stimmen ein und

sangen die Melodie aus voller Kehle mit. Auch die Frauen stimmten ein,

niemand genierte sich, alles war hier Gemütlichkeit und behäbige

Zufriedenheit.

Erika lächelte ihm über den Tisch zu, aber ganz verstohlen, daß sich

niemand beleidigt fühlte. Ihr gefielen diese schlichten unkomplizierten

Leute mit den einfachen Empfindungen und Trieben, die sich nicht

verbergen konnten. Und ihr gefiel die behaglich-ländliche Stimmung, die

kein fremder Einschlag trübte.

Der Wirt, ein breiter, gutmütiger Mann kam mit jovialem Lächeln zum

Tisch her. Er hatte in seinem Gast einen vornehmeren Mann bemerkt, den

er selbst bedienen wollte. Er fragte, ob er ihm Wein bringen dürfe, und

als das bejaht wurde, erkundigte er sich, ob das Fräulein Braut auch

etwas wünsche.

Erika wurde blutrot und wußte ihm im ersten Augenblicke nichts zu

antworten. Dann nickte sie nur verwirrt mit dem Kopf. Ihr >Bräutigam<

saß gegenüber, und obwohl sie ihn nicht ansah, fühlte sie seinen

lächelnden Blick, der sich an ihrer Verwirrung weidete. Sie schämte sich

eigentlich, wie ungeschickt sie sich benahm einer naturgemäßen

Verwechslung halber, aber sie wurde das peinliche Gefühl nicht mehr los.

Und mit einem Male war ihr die Stimmung verdorben, jetzt fühlte sie

erst, wie abgehackt und maschinenmäßig die Leute ihre Lieder abdudelten,

jetzt erst hörte sie das häßliche Brüllen und Poltern der Bierbässe, die

in toller Freude mitjohlten. Am liebsten wäre sie weggegangen.

Aber da begann der Geiger ein paar seltsame Takte. Mit weichen süßen

Strichen spielte er einen alten Walzer von Johann Strauß, und die andern

stimmten schmiegsam in die weiche, liebe Melodie ein. Erika fühlte

wieder erstaunt, was für zwingende Macht die Musik über ihre Seele habe,

denn mit einem Male war eine Leichtigkeit in ihr und ein Wiegen und

Schweben. Und die Süßigkeit der Melodie ließ sie fremde Versworte

mitsingen, ganz leise mitsummen, ohne daß sie es recht wußte. Sie spürte

nur, daß wieder alles gut und froh sei, und das Blühen des Frühlings

fühlte sie wieder und ihr eigenes tanzendes Herz.

Als der Walzer zu Ende war, stand er auf und ging. Sie folgte ihm gern,

denn sie verstand sofort seine Absicht, sich die packende Gewalt der

Melodie und ihre sonnige Innigkeit nicht durch einen öden Gassenhauer

zerstören zu lassen. Und sie gingen den schönen Weg gegen die Stadt zu

wieder zurück.

Die Sonne war schon gesunken, nur hinter den Kanten der Berge, durch die

goldumglühten Bäume sickerten feine Lichtbäche von seltsam rosiger

Färbung hinab ins Tal. Es war ein wundersamer Anblick. Ein rötliches

Leuchten stand am Himmel wie von einem fernen Brande, und tief unten

über der Stadt wölbte sich der Dunst in der intensiven Strahlenfärbung

wie ein purpurner Ball. Und alle Geräusche verklangen im Abend in

sanfter Harmonie: der ferne Gesang von heimkehrenden Ausflüglern,

begleitet von einer Harmonika, das immer lauter werdende helle Gezirp

der Grillen und das unbestimmte Sausen und Rauschen und Raunen, das in

allen Blättern lebte, in allen Ästen wisperte und selbst in der Luft zu

surren schien.

Plötzlich, ganz unvermittelt, fielen ein paar Worte von ihm in ihr

feierliches, fast andächtiges Schweigen hinein: »Erika, das war doch

komisch, wie Sie der Wirt meine Braut nannte.«

Und dann ein Lachen, ein mühseliges gezwungenes Lachen.

Erika fuhr aus ihrer Träumerei. Was wollte er damit? Sie fühlte, daß er

ein Gespräch beginnen, erzwingen wollte. Sie hatte Furcht, eine dumme,

sinnlose dunkle Angst. Sie gab keine Antwort.

»Nicht, das war doch komisch? Und wie Sie rot geworden sind!«

Sie sah hinüber, um seinen Gesichtsausdruck zu betrachten. Wollte er sie

verspotten? -- Nein! Er war ganz ernst und sah sie gar nicht an. Er

hatte es absichtslos gesagt. Aber er wollte eine Antwort haben. Jetzt

fühlte sie erst, wie gezwungen er das gesagt hatte; wie um einen Anfang

zu machen. Es war ihr so bange, und sie wußte nicht, warum. Aber etwas

mußte sie sagen, er wartete ja darauf.

»Mir war es weniger komisch als peinlich. Ich bin nun einmal so, daß ich

Scherze nicht recht verstehen kann.« Sie sagte es hart und abschließend,

fast wie gereizt.

Dann stellte sich wieder ein Schweigen zwischen beide. Aber es war keine

selige Stille vereinten Genießens mehr, wie früher, kein

sympathetisches Ahnen und Erfassen der ungeborenen Empfindung, sondern

ein schweres und dunkles Schweigen, das ein Verschweigen war von irgend

etwas Drohendem und Drängendem. Und sie hatte plötzlich Angst vor ihrer

Liebe, daß sie auch so schmerzhaft und verzehrend werden sollte wie

jedes Glück, das ihr begegnet war, wie die wehmütigen und leisen Bücher,

über denen sie weinte, und die doch ihr liebstes waren und wie die

brennenden Wellen der Tonfluten in Tristan und Isolde, die ihr höchste

Seligkeit bedeuteten und sie doch quälten wie ein Schmerz. Das Schweigen

drückte sie immer mehr und mehr und wurde wie ein dunkler, schwerer

Nebel, der sich schmerzhaft auf ihre Augen legte. Allmählich befreite

sie sich erst aus ihrer Bangigkeit. Sie wollte ein Ende machen, ihn klar

und offen fragen.

»Mir ist so, als wollten Sie mir etwas verschweigen. Was ist Ihnen?«

Einen Moment blieb er ruhig. Dann sah er sie an mit dunklen,

unbeweglichen Augensternen. Er überlegte und sah sie nochmals an, tiefer

und sicherer, und seine Stimme klang seltsam voll und melodisch.

»Ich habe es lange nicht gewußt. Seit kurzem weiß ich es erst. Ich --

sehne mich nach Ihnen.«

Erika erbebte. Sie hatte die Augen zu Boden gerichtet, aber sie spürte,

daß er sie ansehe, tief, fragend, durchdringend. Sie dachte nun an das

letzte Mal, wie sie bei ihm war und er sie geküßt hatte. Sie hatte ihm

damals nichts gesagt, aber ihr Herz war ungestüm erwacht, sie wußte

nicht, ob in Zorn oder Scham. Und das Bangen hatte sie erfaßt, das sie

sonst spürte, wenn er so glühende und leidenschaftliche Lieder spielte,

jenes selige Grauen mit Abgründen und Seligkeiten ohne Ende. Was sollte

jetzt kommen? O Gott, o Gott!.... Sie fühlte, daß er weitersprechen

würde und sehnte sich danach und fürchtete sich doch. Sie wollte es

nicht hören. Sie wollte die Felder sehen, ja, den Abend, den herrlichen

Abend. Nur nichts hören, nichts hören. Nur die Stadt ansehen mit ihrem

dunklen Nebel, die Stadt und die Felder. Und die Wolken da oben....

Die Wolken, wie sie rasch am Himmel segelten! Ganz wenige waren noch

oben. Eins ... zwei ... drei ... vier ... fünf ... ja fünf

Wolken.... Nein! Nur vier waren es! ..... Vier.....

Aber da begann er zu sprechen.

»Ich habe lange Angst gehabt vor meiner Leidenschaft, Erika! Ich habe

immer geahnt, daß sie kommen werde und habe es nie glauben wollen. Nun

ist sie da. Ich weiß es, seitdem Sie das letzte Mal bei mir waren, seit

gestern.«

Einen Moment schwieg er und holte Atem aus tiefster Brust.

»Und -- das macht mich traurig, unendlich traurig. Ich weiß, daß ich Sie

nicht heiraten kann, ich weiß, es würde mich meine Kunst kosten. Das

kann kein Fremder verstehen -- Sie werden es verstehen, meine liebe,

liebe Erika. Nur ein Künstler kann das verstehen, und Sie haben eine

reiche, unendlich reiche Künstlerseele. Und Sie sind auch klug. Wir

können nicht mehr weiter so zusammen verkehren .... es muß ein Ende

gemacht werden...«

Er hielt inne. Erika fühlte, daß er noch nicht zu Ende war. Am liebsten

wäre sie vor ihm bettelnd hingesunken und hätte ihn gebeten, jetzt nicht

weiter zu sprechen. -- Sie wollte jetzt nichts hören, nichts verstehen.

-- Nein, sie wollte nicht.... Und angstvoll begann sie wieder die

Wolken zu zählen.... Aber die waren schon weg.... Nein, dort war

noch eine.... Eine, die letzte, rosig überhaucht wie ein stolzer

Schwan, der den dunklen Strom hinabsegelt.... Wieso fiel ihr das Bild

ein? Sie wußte es nicht.... Ihre Gedanken wurden immer wirrer. Sie

fühlte nur, daß sie bloß an die Wolke denken wollte.... Die zog jetzt

fort, ja sie zog fort über den Berg hin.... Sie spürte, wie ihr

ganzes Herz an ihr hing, wie sie sie am liebsten mit ausgestreckten

Händen gehalten hätte, aber sie ging ... sie lief, lief schneller,

immer schneller.... Und jetzt -- jetzt war sie verschwunden....

Und Erika hörte nun wieder klar und unabänderlich seine Worte, unter

denen ihr Herz in blinder Angst erbebte.

»Ich weiß nicht, ob du mich so ganz kennst. Ich glaube nicht, ich meine

immer, daß du mich überschätzt. Ich bin kein großer Mensch, ich bin

keiner von denen, die .... die über dem Leben stehen in ihrer

sicheren Selbstgenügsamkeit. Ich wollte, ich wäre so, aber ich bin es

nicht. Ich klebe am Leben, ich bin nicht eben viel mehr als einer, der

das begehrt, was er liebt. Ich bin nur so, wie alle Männer sind, ich

verehre nicht nur die Frau, wenn ich sie liebe, ich .... verlange sie

auch..... Und .... mit Fremden will ich dich nicht betrügen. Ich

will nicht, daß du mich verachtest. Du bist mir zu lieb dazu...«

Erika war blaß geworden. Nun erst verstand sie, was er meinte, und sie

wunderte sich, daß sie nicht früher daran gedacht. Mit einem Male war

sie wieder ruhig geworden. Es war alles gekommen, wie es kommen mußte.

Sie wollte ablehnend sprechen, aber sie vermochte es nicht. Das sanfte

>du< seiner Rede hatte sie eigentümlich überwältigt mit seiner

liebevollen Innigkeit. Sie verspürte wieder, wie sie ihn liebte; das

Bewußtsein kam ihr plötzlich, wie ein vergessenes Wort, das wiederkehrt.

Und sie fühlte auch, wie schwer sie ihn verlieren könnte, wie viel

geheime Kräfte sie mit ihm verbanden. Wie ein Traum war ihr alles....

Er sprach weiter, und seine Stimme wurde mild wie eine Liebkosung. Sie

fühlte seine Hand in ihren zärtlichen Fingern.

»Ich weiß nicht, ob du mich geliebt hast, ob du mich so geliebt hast,

wie ich dich jetzt. Mit der letzten Hingabe und mit dem grenzenlosen

Vergessen an alle Kleinlichkeiten, mit jener heiligsten Liebe, die nur

schenken und nichts verweigern kann. Und ich glaube nur an die Liebe,

die Opfer bringt um ihrer selbst willen.... Aber nun ist alles zu

Ende. Und ich habe dich darum nicht minder lieb...«

Erika war wie von einem Rausch befangen. Ein sanfter Schauer überlief

sie. Sie wußte nur, daß sie ihn verlieren sollte und nicht konnte. Und

daß sie hoch über dem Leben stand. Alles war so fern, so weit.

Abendstille lag über den Tälern und sanfte Feierlichkeit, die Stadt war

fern und ihr Gebrause und alles, was an Wirklichkeit erinnerte. Sie

fühlte sich in sonnigen Höhen, weit, weit oben über alle Häßlichkeit und

Kleinlichkeit mit ihrer opferfreudigen, freien und spendenden Liebe, mit

ihrer seligen Macht des Glückverschenkens. Keine Gedanken, kein kluges,

rechnendes Besinnen war mehr in ihr, nur Gefühle, jauchzende,

überströmende Gefühle, wie sie sie nie gespürt. Die Stimmung

überwältigte sie und ihr eigenstes Wollen. Und so sagte sie leise und

schlicht:

»Ich habe niemanden auf der Welt als dich. Und dich will ich glücklich

machen.«

Alle Scham war von ihr gewichen, wie sie zu ihm sprach. Sie wußte nur,

daß sie mit einem Worte viel, viel Glück verschenken konnte und sah nur

seine leuchtenden Augen und ihren dankbaren Glanz.

Und er beugte sich nieder und küßte mit stiller Ehrfurcht ihren Mund.

»Ich habe nie an dir gezweifelt.«

Und dann gingen sie den Weg hinab, der Stadt, nach Hause zu.

* * * * *

Langsam kamen sie wieder in die dunkle, tagesmüde Stadt, und es war

Erika, als stiege sie von den leuchtenden Firnen eines seligen Traumes

ins harte, kalte und unerbittliche Leben nieder. Mit fremden und

ängstlichen Blicken trat sie in die nebelfeuchten Vorstadtgassen, die

vom häßlichen und aufdringlichen Lärm und Dunst erfüllt waren; und ein

Gefühl schmerzhafter Öde senkte sich auf sie herab. Sie fühlte sich

bedrückt von den rauchigen Häusern, die sich dunkel über ihr zueinander

drängten, ein finsteres Symbol des Alltagslebens, das sich mit

rücksichtsloser, drohender Gewalt in ihr Schicksal preßte, um es zu

zermalmen.

Sie erschrak beinahe, als er sie plötzlich mit einem Liebeswort

ansprach, und sie erstaunte, daß sie die zärtlichen Minuten und ihr

Versprechen beinahe vergessen hatte. Wie fremd ihr alles hier plötzlich

geworden war in dieser dumpfen, beengenden Umgebung, was ihr früher die

jähe Impulsivkraft einer Rauschstimmung entlockt hatte. Sie sah ihn an,

ganz vorsichtig von der Seite. Seine Stirne war kraftvoll gefaltet, und

um den Mund lag die Ruhe eines Selbstsicheren, alles war unbeugsame und

selbstgefällige Männlichkeit in seinem Gesichtsausdruck. Nirgends die

sanfte Melancholie, die sonst seine Kräfte in eine schöne Harmonie

bannte, nur triumphierende Härte, die vielleicht eine lauernde

Sinnlichkeit war. Langsam wandte Erika den Blick. -- Noch nie war er ihr

so fremd und so ferne gewesen wie in diesem Augenblick.

Und plötzlich hatte sie Angst, tolle, unbändige Angst! Mit einem Male

wachten tausend erschreckte Stimmen in ihr auf, die warnten und lärmten

und sich selbst überschrieen. Was sollte jetzt kommen? Sie fühlte es nur

dunkel, denn sie wagte es nicht auszudenken. Alles empörte sich in ihr

gegen das Versprechen, das ihr eine Minute der Schwäche entrissen hatte,

und ihre heiße Scham brannte wie eine Wunde. Sie war nie sinnlich

gewesen, das spürte sie nun in allen Tiefen ihres Herzens, sie hatte

kein Begehren nach einem Manne, nur Abscheu vor der brutalen, zwingenden

Macht. Nur Ekel empfand sie in diesem Augenblick, und alles verfinsterte

sich vor ihren Blicken und bekam eine häßliche und niedrige Bedeutung;

der leise Armdruck, den sie fühlte, die Liebespaare, die im Nebel

auftauchten und sich wieder verloren, jeder zufällige Blick, der sie im

Vorübergehen traf. Deutlich und zornig klopfte ihr Blut an den

schmerzenden Schläfen.

Mit einem Male ward ihr die tiefe Schmerzlichkeit ihrer Liebe bewußt,

die unter den Enttäuschungen bebte, wie unter züchtigenden Schlägen. Was

immer geschehen war, mußte wieder Erlebnis werden. Die Sinnlichkeit des

Mannes mordete die sanfte Liebe des Mädchens und ihre heiligsten

Schauer. Das Glück, das wie schimmernde Abendwolken über dem Dunkel

gehangen, war nun zerbrochen, und die Nacht begann aufzusteigen schwarz

und schwer mit drohender, leidvoller Stille und unbarmherzigem

Schweigen....

Ihre Füße wollten kaum weiter. Sie merkte, daß er den Weg gegen seine

Wohnung nahm, und dieses Bewußtsein betäubte sie. Sie wollte ihm alles

sagen: wie ihre Liebe ganz anders sei als die seine, wie sie nur das

Versprechen gegeben im Banne einer Stimmung, der ihr nervöses Empfinden

unterlegen, und wie sich alles in ihr aufbäume gegen diese

vorbesprochene Liebesszene. Aber die Worte fanden keine Laute, nur

finstere und drängende Empfindungen, die ihre Seele quälten und

marterten, ohne sie zu befreien. Dunkle und bange Erinnerungen streiften

sie wie mit schwarzschattenden Schwingen. Und eine kam immer wieder,

eine seltsame und doch so alltägliche Geschichte von einem Mädchen, die

mit ihr zur Schule gegangen war. Die hatte sich einem Manne hingegeben,

und als er sie verließ, aus Rache und Zorn einem andern und dann

wiederum andern -- sie wußte selbst nicht mehr, warum. Und Erika

erschauerte immer, wenn sie an dieses Mädchen dachte, durch deren Leben

die Liebe gegangen war wie ein dunkler Wettersturm; und das gewaltsame

Widerstreben in ihr war mehr als die erste Scham eines unbefleckten

Mädchens, das vor dem unbekannten Geschehen bangt, es war die schöne

Schwäche einer zarten und schwächlich-scheuen Seele, die das laute Leben

fürchtet und seine brutale Häßlichkeit.

Aber das Schweigen blieb kalt und scheidend zwischen den beiden, die

nebeneinander hergingen, Arm in Arm. Gern wollte Erika den ihren

losmachen, aber es war, als hätten ihre Glieder jede Bewegungsfähigkeit

verloren, nur die Füße schoben sich in traumhafter Gleichförmigkeit

nach vorwärts. Und ihre Gedanken wurden immer wirrer und schossen

durcheinander wie glühende Pfeile, die sich mit feinen brennenden

Widerhaken in ihrem Gehirn festbohrten. Und darüber legte sich immer

dichter die schwarze Wolke der kraftlosen Furcht und der verzweifelten

Ergebung. Ein Gebet wagte sich immer wieder auf ihre Lippen, daß jetzt

plötzlich alles vorbei sein sollte, ein großes, dunkles, schmerzloses

Nichts, ein Nichtfühlen und Nichtmehrdenkenmüssen, ein Aufhören, jäh und

unvermittelt, wie das Erwachen, das aus einem bösen Traum

befreit.....

Plötzlich blieb er stehen.

Sie fuhr auf und erschrak. Sie waren vor dem Hause, in dem er wohnte.

Eine Minute blieb ihr Herz ohne Schlag, ruhig, ganz unbeweglich. Aber

dann begann es wieder zu pochen, hastig und wild, mit hämmernder Angst

und steigender Schnelligkeit.

Die Liebe der Erika Ewald: Novellen · 第 1 / 11 段