Der Kopf ist dann von einer zweiteiligen Gelatineform umschlossen, die

ihre Festigkeit durch die Gipsschale erhält. Die Gelatine ist nachgiebig,

die Form lässt sich deshalb, ohne verletzt zu werden, auch von kräftig

unterschnittenen Teilen abheben, völlig unterschnittene, ösenartige

Vorsprünge jedoch müssen vorher vom Modell abgetrennt und später wieder

angefügt werden. Unter allen Umständen ist die Herstellung einer

vielteiligen Gipsform sehr viel umständlicher. Die Gelatinehohlform wird

darauf sorgfältig mittels Pinsels mit (rotem) Wachs bestrichen und dieser

Auftrag so oft wiederholt, bis die Gelatine überall mit einer 1-2 mm

starken Wachsschicht bedeckt ist (Abb. 135). Dann wird in die Form mässig

warmflüssiges Kolophonium gefüllt, und nachdem es an der kalten

Wachsschicht in einer gewissen Stärke erstarrt ist, wieder ausgeschwenkt.

Wachs und Kolophonium zusammen müssen die Dicke erhalten, die man künftig

dem Metall zu geben wünscht (Abb. 136). Wenn also nach dem ersten

Ausschwenken nicht genügend Kolophonium abgesetzt ist, muss die Form noch

einmal damit gefüllt werden. Kern und Mantel werden darauf in der

bekannten Weise gebildet. Zunächst wird ein eisernes Gerüst als

Kernstütze angefertigt und in die Form gebracht. Durch eine eingebohrte

Oeffnung wird dann die aus Gips, Ziegelmehl und Chamotte bestehende

flüssige Kernmasse in die Form gegossen. Nach dem Erstarren des Kernes

wird die Gelatineform mit Gipsmantel abgehoben und die Wachsschicht

aussen frei gelegt (Abb. 137). Am Wachs können nun alle notwendig

erscheinenden Macharbeiten vorgenommen und die vorher abgetrennten, für

sich geformten oder freihändig modellierten voll unterschnittenen Teile

angefügt werden. Dann werden die ebenfalls in Wachs- und

Kolophoniumstäben vorgebildeten Luftröhren und Eingusskanäle angebracht

und schliesslich wird in schichtweisem Auftrage, wie früher beschrieben

ist, der Formmantel hergestellt, ebenfalls bestehend aus Gips, Ziegelmehl

und Chamotte (Abb. 138). Nach dem Trocknen des Mantels wird das Wachs und

Kolophonium ausgeschmolzen und die ganze Form verglüht, dann ist sie zum

Einguss des Metalles vorbereitet.

Man legt heute keinen besonderen Wert darauf, sehr grosse Modelle auf

einmal zu giessen, bei Figuren trennt man wohl Glieder und Kopf vom

Rumpfe ab und formt und giesst sie einzeln.

Doch wird schon beim Einformen auf eine möglichst innige Zusammenfügung

Rücksicht genommen. Die Ansätze werden zapfenartig geformt und die

verstärkten Ränder werden dicht verstaucht.

Zum grössten Teil in dieser Art ist von der genannten Giesserei z. B. der

Berliner Schlossbrunnen gegossen.

Handelt es sich um mehrfache Bronzereproduktionen, dann gestattet schon

die Gelatineform die Herstellung etlicher Wachsabdrücke; im Notfalle

würden über dem erhaltenen Gipsmodell ohne grosse Mühe weitere

Gelatineformen hergestellt werden können.

Das in der genannten Firma verwendete Formmaterial ist ein solch

vortreffliches, dass, abgesehen von der Entfernung des in den Einguss-

und Luftkanälen erstarrten Metalles, eine Ueberarbeitung der Flächen

vollkommen überflüssig ist. Der gereinigte Guss erscheint wie mit dem

Modellierholz gearbeitet.

Wenn sich auch hinfort wieder, wie es in früheren Jahrhunderten wohl

ausnahmslos geschah, unsere Bildhauer bereit finden würden, das

Wachsmodell eigenhändig zu überarbeiten, dann würden alle Wünsche erfüllt

sein, die an die technische Ausführung unserer Bronzemonumente gestellt

werden können.

VI. Der Zinkguss.

In dem Ueberblick über die Entwicklung der monumentalen Erzgusstechnik

möge die glücklicherweise nur vorübergehend stark in Aufnahme gekommene

Anwendung des Zinks für Bildsäulen nicht ganz unerwähnt bleiben, zumal

Berlin den nicht sehr beneidenswerten Ruhm geniesst, dieses Metall in die

Plastik eingeführt zu haben, das, ebenso hässlich wie unsolide, aller der

Vorzüge entbehrt, die uns die Bronze so schätzbar machen.

Im Jahre 1832 wurden in der Königlichen Eisengiesserei zu Berlin die

ersten Giessversuche gemacht, die bald auch im grössten Massstabe Erfolg

hatten. Das Zink machte einen Siegeszug durch die ganze Welt.

Die Neuerung war es wohl, die selbst die namhaftesten Künstler

verleitete, die Verwendung des Zinks zu empfehlen. In einem 1840

abgegebenen Gutachten schreibt Schinkel:[39] »Je mehr man mit dem

Zinkmetalle umgeht und Gelegenheit hat, seine Anwendung in der

mannigfaltigsten Art zu fördern, finden sich fortwährend die

bedeutendsten Vorteile des Materials, besonders in der Architektur. Ganz

vorzügliche Vorteile ergab das gegossene Metall wegen grösserer Stärke,

geringerer Empfindlichkeit gegen Kälte und Wärme und wegen der

Eigenschaft eines aufs Aeusserste reinen Gusses, weshalb es vorzugsweise

für alle plastischen Kunstarbeiten geeignet erscheint.« Zu diesem Urteil

konnte Schinkel nur auf Grundlage ungenügender Erfahrung gelangen, heute

würde kein Künstler so sprechen.

[39] Amtl. Bericht der allgem. deutschen Gewerbeausstellung. Berlin

1844. Bd. II. S. 131.

Auf der Berliner Gewerbeausstellung des Jahres 1844 waren bereits von der

Königl. Eisengiesserei und von der Berliner Giessereifirma Devaranne

grosse Zinkgussarbeiten ausgestellt. Der Guss geschah wie bei der Bronze

in Sand und zwar in vielen Teilen, da ja deren Vereinigung mit Zinnlot

äusserst leicht zu bewerkstelligen war.

Schon damals wurden die Zinkmonumente galvanisch verkupfert, versilbert

oder gar vergoldet, wodurch, wie im Ausstellungsberichte gesagt ist, das

Zink nicht bloss den edlen Metallen vollständig ähnlich gemacht würde,

sondern auch seine Oberfläche auf eine dauerhaftere Weise, als dies durch

einen Oel-Anstrich möglich sei, gegen den Einfluss der Witterung

geschützt würde.

Wie Kataloge und Berichte der nächstfolgenden grossen Ausstellungen bis

in die sechziger Jahre hinein erkennen lassen, nahm die Zinkplastik noch

an Bedeutung zu, erst allmählich ist wieder die Verwendung dieses

Metalles in bescheidenere Grenzen zurückgedrängt worden.

VII. Die Treibarbeit.

Neben der Gusstechnik, vermutlich noch früher wie diese, ist fast zu

allen Zeiten für metallplastische Werke die Treibtechnik angewendet

worden, auch ihre Entwicklung bedarf einer etwas eingehenderen

Behandlung.

Das gehämmerte Blech soll schon von den alten Assyrern und Babyloniern

bei der Herstellung ihrer ersten Kolossalstatuen verwendet worden sein.

Die Art der Metallbehandlung war dabei jedenfalls eine höchst einfache;

nicht um eigentliche freie Treibarbeit hat es sich wohl gehandelt,

vielmehr wird eine Bekleidung von vorher in einigermassen festen Stoffen

-- vielleicht Holz oder Thon -- hergestellten Bildwerken mit wenig

umfangreichen Metallplatten anzunehmen sein. Auch die Stärke des

verwendeten Bleches wird anfangs sowohl aus technischen wie aus

Sparsamkeitsrücksichten eine geringe gewesen sein. Auf Grundlage dieser

Vorstufe mag die künstlerische Blechbearbeitung fortgeschritten sein, man

wird gelernt haben, Platten auch ohne darunter liegende Modelle von den

gewünschten Formen, nur durch bestimmte Art der Hammerführung zu

gestalten und die einzelnen Teile bei Figuren durch Nietung zu

vereinigen, so dass sich das ganze Werk, wenn das Blech nur stark genug

gewählt war, selbst oder mit Hilfe eines einfachen inneren Gerüstes zu

tragen vermochte.

In Aegypten scheint man die Treibtechnik in grösserem Massstabe nie

angewendet zu haben, wohl aber hat man in Griechenland, ehe man die

Gusstechnik beherrschte, grosse Bildwerke in der angegebenen Art

ausgeführt. Pausanias (2. Jahrh. n. Chr.) berichtet von einem solchen

Bilde des Zeus, das er in Sparta sah.

Allein Sparsamkeitsrücksichten dürften auch in jüngerer Zeit bei

Bildwerken aus edlen Metallen für die Anwendung der Treibtechnik

entscheidend gewesen sein, beim Guss sind ja ähnlich dünne Wandstärken,

wie sie beim Blech leicht zu erreichen sind, nicht zu erzielen. Bei den

berühmtesten Statuen des Altertums, den Kolossalgestalten des Olympischen

Zeus und der Athena Parthenos von Phidias, wurden die neben dem Elfenbein

verwendeten Edelmetallteile zweifellos durch Hämmern in ihre Form

gebracht.

In Kupfer scheint man jedoch in jüngerer griechischer Zeit ebenso selten

wie in Rom grössere Bildwerke getrieben zu haben, bei dem weniger

kostbaren Metalle zog man auch für grösste Werke den Guss vor. Und wenn

es richtig ist, wie angenommen wird, dass Kaiser Konstantin d. Gr. wieder

grosse Treibarbeiten für Rom ausführen liess, so hängt das gewiss mit dem

Sinken der Giesskunst zusammen.

Eine Blütezeit der freifigürlichen Treibplastik war das ganze

Mittelalter, wenn auch seltener bei Bildwerken grossen Massstabes.

Berichtet wird, dass Ina von Wessex ([gestorben] 727) Vollfiguren von

Christus, der Madonna und den zwölf Aposteln treiben liess. Die

zahlreichen, aus dem Anfange des zweiten nachchristlichen Jahrtausends

erhaltenen, mit vielen Figuren ausgestatteten Reliquienschreine,

Altartafeln u. a. m. beweisen, zu welcher Meisterschaft man es in dieser

Technik wieder gebracht hatte.

[Illustration: Abb. 139. Madonna aus dem Lüneburger Silberschatz (Berlin,

Kgl. Kunstgewerbe-Museum).]

Aus dieser Zeit haben wir von dem früher genannten kunstgeübten Mönche

Theophilus auch die erste sehr ausführliche Beschreibung über das damals

geübte Treibverfahren, zum wenigsten für Reliefs mit stark vortretenden

Figuren. Den Höhepunkt des Könnens hatte man zur Zeit dieses Künstlers

noch nicht erreicht, doch die Ausführungsweise blieb auch später in den

Hauptsachen die gleiche. Der Treibkünstler musste mit Herstellung des

Bleches beginnen und zahlreiche Schwierigkeiten stellten sich bereits bei

dieser Vorbereitungsarbeit ein. Die Ausführungen des Theophilus weisen,

wie bei der Beschreibung der Form- und Giesstechnik, auch hier mit

gewohnter Gewissenhaftigkeit auf alles Wesentliche hin. Der Mönch

verwendet sehr dünnes Blech, aus dem er die Hauptformen mit gerundetem

Eisen zunächst herausdrückt; erst zur Durcharbeit verwendet er Hammer und

Punzen.

Theophilus schreibt[40]: »Hämmere eine Gold- oder Silberplatte, welcher

Länge und Breite du willst, um Bildwerke darzustellen. Untersuche dieses

Gold oder Silber, wenn du es zum Ersten gegossen hast, sorgfältig durch

Schaben und Graben, dass nicht etwa eine Blase oder Spaltung darin sei,

welche häufig durch Sorglosigkeit oder Nachlässigkeit oder Unwissenheit

oder Ungeschicklichkeit des Giessenden entstehen, wenn zu warm, zu kalt,

zu eilig oder zu langsam gegossen wird. Wenn du aber bedächtig und

vorsichtig gegossen hast, und du entdecktest einen derartigen Mangel

daran, so grabe ihn mit einem hierzu tauglichen Eisen sorgfältig aus,

wenn es möglich ist. Sollte die Blase oder Spaltung von solcher Tiefe

sein, dass du sie nicht herausgraben könntest, so musst du es

umschmelzen, und zwar so lange, bis es makellos ist. Ist es dann also, so

sorge, dass deine Ambosse und Hämmer völlig glatt und poliert seien, mit

denen du arbeiten musst, auch trage mit höchster Genauigkeit Sorge, dass

die Gold- und Silberplatte an allen Stellen so gleich gehämmert werde,

dass es an keiner Stelle dicker sei als an der andern. Wenn es nun so

verdünnt worden ist, dass der kaum eingedrückte Nagel auf der Rückseite

sichtbar wird, völlig auch ohne Fehler, so führe sogleich Bildnisse wie

du willst nach deinem Gefallen aus. Führe sie auf der Seite aus, welche

dir mehr fehlerfrei und schön vorkommt, jedoch nur leicht und so, dass

sie auf der anderen Seite wenig erscheinen.

[40] Uebersetzung von Ilg.

[Illustration: Abb. 140. Dresden, Denkmal des Königs August des Starken;

in Kupfer getrieben von L. Wiedemann aus Nördlingen.]

Reibe dann mit einem krummen und gut geglätteten Eisen vorerst den Kopf,

weil er am höchsten vorstehen soll (das Reiben hat bei dünnem Blech

dieselbe Wirkung wie das Hämmern, in beiden Fällen wird das Metall

gedehnt). Wende also die Tafel auf die Vorderseite und reibe um das Haupt

mit dem flachen und glatten Eisen, so dass, sowie der Grund zurücktritt,

das Haupt gehoben wird, und zugleich schlage um das Haupt mit einem

mittleren Hammer leicht am Amboss, dann setze es vor dem Ofen auf Kohlen

und mache es an eben jener Stelle heiss, bis es glüht. Ist das gethan und

die Tafel ohne Hinzuthun erkaltet, so reibe wieder unten mit dem krummen

Eisen leicht und sorgsam die Vertiefung unter dem Haupte. Dann, wenn du

die Tafel gewendet hast, reibe von neuem am oberen Teile mit dem flachen

Eisen, lasse den Grund zurücktreten und den Berg für den Kopf aufsteigen,

schlage dann mit dem mittleren Hammer leicht wieder rings herum und

erhitze von Neuem auf Kohlen. So verfahre öfter, in dem du aussen und

innen sorgsam die Erhebung bildest, häufig niederhämmerst, ebenso häufig

wieder erhitzest, bis die Erhöhung drei oder vier Finger Höhe erreicht

hat oder mehr oder minder nach der Grösse der Bilder. Wenn aber das Gold

oder Silber noch etwas dicht sein sollte, so kannst du es innen mit einem

langen und dünnen Hammer schlagen und verdünnen, wenn es erforderlich

wäre. Wenn daher zwei oder drei oder mehr Köpfe auf der Tafel sein

sollen, so musst du um jedes Einzelne es so machen, wie ich gesagt habe,

bis die Höhe erreicht ist, welche du wünschest. Dann mache mit dem zur

feineren Ausführung bestimmten Eisen (Punzen) die Zeichnung an dem Körper

oder an den Körpern der Bildnisse fertig und bringe sie, bald

austreibend, bald niederhämmernd, bis zur beliebigen Erhebung, nur das

Eine nimm in Acht, dass das Haupt stets vorrage. Nach diesem bezeichne

Nasen und Augenbrauen, Mund und Ohren, Haare und Augen, Hände und Arme

und das Uebrige, ferner die Schatten (Falten?) der Gewänder, die Schemel,

die Füsse und bilde diese Erhebung innen leicht und sorgfältig mit

kleinen krummen Eisen mit grosser Vorsicht, dass nichts durchbrochen oder

durchlöchert werde.... Bei kupfernen, ebenso gehämmerten Tafeln ist die

Arbeit dieselbe, nur grösserer Kraftaufwand und mehr Sorgfalt nötig, da

sie härter sind von Natur.«

[Illustration: Abb. 141. Braunschweig, Schloss mit Brunonia; Modell und

Treibarbeit von Georg Howaldt in Braunschweig.]

Die weiteren ausführlichen Angaben des Mönches, wie zu verfahren sei,

wenn durch die Bearbeitung im Metalle Risse entstehen, ist hier von

geringerem Interesse.

Auch in den Jahrhunderten nach Theophilus, bis ins 18. Jahrhundert

hinein, blieb die Treibtechnik bei Vollfiguren in der Hauptsache auf die

edlen Metalle beschränkt, nicht etwa mangelnde Fähigkeit verhinderte

dabei die Gusstechnik anzuwenden.

Rühmlich bekannte Arbeiten der deutschen freifigürlichen Treibkunst der

Zeit um 1500 sind die zum Lüneburger Silberschatz gehörige Madonna im

Berliner Kunstgewerbemuseum (Abb. 139) und die vielleicht noch höher

stehende ähnliche Figur im Berliner Neuen Museum, beide etwa in ein

Drittel Lebensgrösse.

Wichtige Angaben über die Anwendung und die Art der in Italien im 16.

Jahrhundert geübten Treibtechnik giebt uns Cellini. Er beschreibt

zunächst, wie Figuren etwa von der Grösse einer halben Elle in Goldblech

zu treiben sind. Der Meister Caradosso, sagt er, habe ein anderes

Verfahren angewendet wie er selbst; dieser: »pflegte ein Modell aus Wachs

von genau der Grösse anzufertigen, die er dem Crucifixe geben wollte;

wobei er die beiden Beine aber getrennt, und nicht, wie gebräuchlich,

über einander geschlagen darstellte. Nachdem er dieses Modell sich in

Bronze hatte abgiessen lassen, nahm er ein Goldblech von dreieckiger

Gestalt, welches den Gekreuzigten rings um zwei Fingerbreiten überragte

und legte es auf das Bronzemodell. Nun gab er ihm mit kleinen länglichen

Holzhämmern durch Anschlagen an den Bronze-Christus eine ziemliche

Rundung, bearbeitete es dann, bald von dieser, bald von jener Seite mit

Punzen und Hammer, bis das Relief ihm hinreichend hoch erschien, worauf

er mit denselben Werkzeugen die überstehenden Ränder des Goldbleches

einander so zu nähern suchte, dass sie sich auf der Rückseite der Figur

fast berührten und dadurch die Rundung des Rumpfes, Hauptes und der

Glieder zur Darstellung brachten. War dies erreicht, füllte er die Figur

mit... Kitt (d. i. sogenanntes Treibpech, vorwiegend bestehend aus Pech,

Harz und Ziegelmehl) und trieb mit kleinen Hämmern und feinen Punzen

sämtliche Muskeln und sonstige Einzelheiten heraus. Sodann leerte er sie

vom Pech, verlötete die offenen Stellen aufs sauberste... liess jedoch an

den Schultern hinten ein Loch offen, um später das Pech aufs neue ein-

und ausgiessen zu können. Die Vollendung des Ganzen gab er danach mit den

bekannten Punzen und überarbeitete, nachdem er die Füsse des Christus

behutsam kreuzweis übereinander gelegt, das Ganze zuletzt mit äusserster

Feinheit.«

[Illustration: Abb. 142. Braunschweig, Denkmal des Herzogs Friedrich

Wilhelm. Modell und Treibarbeit von G. Howaldt in Braunschweig.]

Das Treiben über ein festes Modell, wie es in den ältesten Zeiten

geschah, wurde also auch später geübt, noch in jüngster Zeit hat man auf

diese Erleichterung nicht immer verzichtet. Cellini sagt von sich selbst:

»Ich meinesteils wandte die Bronze nicht an, weil sie dem Golde

nachteilig ist, dasselbe brüchig macht und rasches Fördern erschwert.

Statt dessen ging ich sofort mit sicherer Hand und im Vertrauen auf meine

Uebung... ans Werk und hatte dadurch meine Arbeit schon um etliche

Tagewerke gefördert, während Caradosso noch mit seinem Bronzemodell zu

thun hatte. Im übrigen verfuhr ich jedoch ganz wie dieser brave Mann.«

Weiter beschreibt Cellini auch, wie überlebensgrosse Figuren in Silber zu

treiben sind. Viele Figuren von nur 1-1/2 Ellen Höhe habe er für den

Altar von Sanct Peter anfertigen sehen; viel mehr Schwierigkeiten böte,

obschon das Verfahren ja im Grunde dasselbe sei, die Herstellung

lebensgrosser oder noch grösserer Figuren, von solchen habe er nie eine

zu Gesicht bekommen, die des Anschauens wert gewesen wäre.

Auch über die französische Treibkunst seiner Zeit spricht er sich aus.

Er erzählt: »Als Kaiser Karl V. zu Zeiten König Franciscus I. durch

Frankreich zog, weil die grossen Kriege, welche beide Herrscher

gegeneinander geführt hatten, beendigt waren, gab der wundersame König

dem Kaiser unter anderen Geschenken auch eine silberne Statue, 3-1/2

Ellen hoch, welche den Herkules mit zwei Säulen darstellte. Obwohl ich

... wegen der vielen Arbeiten, die zu Paris in diesem Fache ausgeführt

werden, in keinem Teil der Welt den Hammer beim Treiben mit grösserer

Sicherheit führen sah, gelang es trotzdem den besten Meistern nicht, jene

Statue mit anmutiger Schönheit kunstgerecht zu vollenden.... Als der

König wünschte, zwölf silberne Statuen in jener Grösse anfertigen zu

lassen, beklagte er mir gegenüber auf das lebhafteste, dass seine Meister

ein solches Unternehmen nicht hatten durchführen können, und fragte mich

dann, ob ich mich dessen wohl getraue.«

[Illustration: Abb. 143. Eisengerüst für die Ausführung eines getriebenen

Reiterdenkmals (Abbildung aus H. Riegel, Kunstgeschichtliche Vorträge und

Aufsätze).]

Cellini giebt darauf die von anderen Künstlern und von ihm selbst geübte

Ausführungsart an, die in beiden Fällen den vorher angegebenen Verfahren

gleichen, nur dass bei grossen Figuren in einzelnen Teilen gearbeitet

wird; man teile den Rumpf in vordere und hintere Hälfte und ebenso würden

Arme, Beine und Kopf einzeln in zwei Teilen getrieben. Die Ränder je

zweier Platten würden, nachdem sie in die gewünschte Form gebracht seien,

mit (schwalbenschwanzförmigen) Einschnitten versehen, die ineinander

gehämmert und später verlötet würden. Cellini sagt auch hier, dass er es

verschmähe, die einzelnen Teile über Bronzeabformungen zu hämmern,

freihändig nach dem Modell triebe er die Formen aus der Platte heraus.

Die Hauptschwierigkeit bestehe im Verlöten der Teile; auch wie er dabei

verfahren habe, giebt er im einzelnen an.

Näheres ist nicht bekannt über die Ausführung der von Siro Zanello und

Bernardo Falcone in den Hauptteilen in Kupfer getriebene Kolossalfigur

des Heil. Carlo Borromeo, die am Ufer des Lago maggiore im Jahre 1697

aufgestellt wurde.

Auch in Frankreich entstand schon, wie es scheint, um das Jahr 1600, ein

grosses Denkmal in Treibarbeit: das ehemals in Chantilly befindliche

Reiterbild des Connetable von Montmorency (1493 bis 1567). Patte sagt in

seiner bereits angeführten Schrift vom Jahre 1765 über dieses Werk: »Die

erzene Reiterstatue des letzten Connetable von Montmorency, die man dem

Schlosse von Chantilly gegenüber sieht, ist eins der ersten Monumente

dieser Art, deren in Frankreich Erwähnung geschieht. Der Connetable ist

in antiker Rüstung dargestellt, mit dem gezogenen Schwerte in der Hand;

sein auf dem Boden liegender Helm stützt einen Fuss des Pferdes. Diese

Statue, die in Kupfer getrieben ist, in der Art der Alten, wird von

Kennern geschätzt.«

Im 18. Jahrhundert beginnt man auch in Deutschland damit, unter freiem

Himmel aufzustellende, grosse metallene Bildwerke aus Blech durch Hämmern

herzustellen. In den Jahren 1714-1717 entstand der Herkules auf der

Wilhelmshöhe bei Cassel. Schon früher wurde angeführt, dass man das

Dresdner Reiterdenkmal König Augusts des Starken anfangs der dreissiger

Jahre des 18. Jahrhunderts von dem Augsburger Kunstkanonenschmied

Wiedemann in Kupfer treiben liess (Abb. 140).

Etwa 1780 begründete auch Friedrich d. Gr. in Potsdam eine Werkstatt für

Kupfertreiberei, aus der eine Reihe bedeutsamer Werke hervorging.[41]

Ausser kleineren Werken entstand hier die bekrönende Figurengruppe für

die Kuppel des Neuen Palais in Potsdam, dann die Figur des Atlas mit der

Weltkugel für die Kuppel des dortigen Rathauses. Einige Jahrzehnte später

wurde in dieser Anstalt die Quadriga für das Brandenburger Thor in Berlin

nach Schadows Modellen ausgeführt. Die Viktoria wie die Pferde wurden für

dieses grosse Werk zunächst in voller Grösse in Eichenholz geschnitten,

und =nach= diesen Vorbildern, wie Schadow selbst angiebt, =nicht über=

diesen Holzmodellen, wurden Pferde und Siegesgöttin getrieben vom

Kupferschmied Jury und Klempner Gerike. Ueber die Art der Arbeitsweise in

jener Werkstatt ist Genaueres nicht bekannt, Schadow selbst schreibt nur

darüber: »Mancher vermeint, das kolossale hölzerne Modell diene dem

Hämmerer, sein Metall darauf zu treiben, welches irrig ist. Das Verfahren

lässt sich nicht mit Worten beschreiben: soviel wäre hier nur anzudeuten,

dass Streifen von Blei wegen ihrer Ductilität dazu dienen, solche auf

einzelne Theile des Holzmodells so anzudrücken, dass sie die Undulationen

dieser Theile annehmen und so dem Arbeiter zeigen, welche Schwingungen er

dem Metall zu geben hat.«

[41] Eggers, Rauch Bd. II, S. 407 und H. Riegel, Kunstgeschichtliche

Vorträge und Aufsätze, Braunschweig 1877, S. 349ff.

[Illustration: Abb. 144. Getriebenes Reiterdenkmal in der Arbeit (Abb.

aus Riegel a. a. O.).]

Man versteht dann nicht recht, weshalb man diese grossen Hilfsmodelle in

Holz und nicht in Gips arbeitete, der doch dieselben Dienste geleistet

haben würde, wenn man nicht unmittelbar darauf das Blech hämmern wollte.

Von anderen grossen Treibarbeiten in Berlin ist vor allem noch zu nennen

die Gruppe des Apollo auf dem Greifenwagen auf dem Ostgiebel des

Schauspielhauses nach Tiecks Modell und der Pegasus auf dem Westgiebel

desselben Bauwerks.

Bekanntere grosse Treibarbeiten an anderen Orten Deutschlands sind dann

noch die Viktoria auf der Waterloo-Säule in Hannover (1832), ferner aus

der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Hermannsfigur vom Denkmal im

Teutoburger Walde und, abgesehen von jüngsten Monumentalwerken der

Treibtechnik, eine Reihe grossartiger Arbeiten in Braunschweig, die ein

wenig näher betrachtet zu werden verdienen, zumal wir über die dabei

angewendete Arbeitsweise genauer unterrichtet sind.[42]

[42] H. Riegel a. a. O.

Der Braunschweiger Treibkünstler Georg Howaldt, von dessen Gusswerken

bereits vorher gesprochen ist, führte in den Jahren 1858-1863 für das

Schloss seiner Heimatsstadt die Brunonia mit dem Viergespann aus (Abb.

141) (zum zweiten Male ausgeführt nach dem Brande des Schlosses

(1865-1868)) und die Reiterdenkmäler der Herzöge Karl Wilhelm Ferdinand

und Friedrich Wilhelm von Braunschweig in den Jahren 1870-1874 (Abb.

142).

Eine äusserst wichtige Neuerung der Howaldtschen Arbeitsweise bestand

zunächst darin, dass er nur Hilfsmodelle von etwa 1/4 Ausführungsgrösse

benutzte.

Die Arbeit begann dann damit, ein dem Kerngerüst der Gussformen

ähnliches Eisengerippe zu errichten; schon bei diesem war natürlich die

sorgfältigste Massübertragung nach dem kleinen Modell absolut notwendig.

Um möglichste Genauigkeit zu erreichen, baute der Meister sowohl um das

Modell, wie um die Stelle, an der der Zusammenbau des Metallwerkes

geschehen sollte, ein Rahmenwerk in Form eines viereckigen Kastens im

Grössenverhältnis von Modell und Ausführung (Abb. 143). Durch

Abstandmessungen und Lotungen, bei denen die Zahlenwerte stets um den

Vergrösserungsmassstab z. B. mit 4 zu vervielfachen sind, können dann die

einzelnen Punkte innerhalb des Rahmenwerks leicht festgelegt werden.

Technik der Bronzeplastik · 第 10 / 12 段