Besonderen Wert legte Stiglmaier darauf, dass sein bildhauerisch

veranlagter Neffe Ferd. v. Miller[34], den er zu seinem Nachfolger

ausersehen hatte, die Ciselierkunst gründlich erlernte; besonders zu

diesem Zwecke sandte er ihn auch im Jahre 1838 nach Paris.

[34] F. Faber a. a. O. S. 68.

Nach Stiglmaiers Tode im Jahre 1844 übernahm Miller die Leitung der

Giesserei, die im Jahre 1871 in den Besitz der Familie v. Miller überging

und seit des Vaters Tode (1887) von seinen drei Söhnen weitergeführt wird

unter dem Namen Königliche Erzgiesserei.

[Illustration: Abb. 126. Schwanthaler, Denkmal Mozarts in Salzburg. Guss

von Stiglmaier in München.]

[Illustration: Abb. 127. Schwanthaler, Denkmal des Grossherzogs Ludwig in

Darmstadt. Guss von Stiglmaier in München.]

[Illustration: Abb. 128. Schwanthaler, Denkmal Goethes in Frankfurt a. M.

Guss von Stiglmaier in München.]

Von den Hauptgusswerken Stiglmaiers sind noch zu nennen die

Schiller-Statue (Abb. 124) nach Thorwaldsen für Stuttgart (1839), nach

desselben Künstlers Modell (1839) das Reiterbild des Kurfürsten

Maximilian für München (Abb. 125), nach Schwanthalers Modellen die Statue

Mozarts für Salzburg (Abb. 126) (1842), die Denkmäler des Grossherzogs

Ludwig von Hessen für Darmstadt (Abb. 127) und Goethes für Frankfurt

(Abb. 128), beide im Jahre 1844. Von den für das In- und Ausland in

Bronzeguss ausgeführten zahlreichen grossartigen Gusswerken, die nach

Stiglmaiers Tode noch in dieser bedeutsamen Kunstgiesserei entstanden,

sei nur noch angeführt die Bavaria auf der Theresienwiese (Abb. 129),

nach Schwanthalers Modell (1844-1850), die Quadriga auf dem Siegesthor in

München und die Goethe-Schiller-Gruppe nach Rietschels Modell in Weimar

(1857).

[Illustration: Abb. 129. Schwanthaler, Bavaria-Monument. Guss von

Stiglmaier und Miller.]

Noch eine bayerische Kunstgiesserei gewann schon in der ersten Hälfte des

19. Jahrhunderts bedeutenden Ruf, die von Daniel Burgschmiet in

=Nürnberg= begründete. Auch zum Aufblühen dieser trug Rauch nicht

unwesentlich bei, und ihr erstes grosses Erzgusswerk wurde nach einem

Modelle dieses Meisters ausgeführt; die Umstände, unter denen das

geschah, sind von besonderem Interesse[35]. In Nürnberg sollte ein

Dürer-Denkmal errichtet werden und König Ludwig versprach einen namhaften

Beitrag, wenn man auf seinen Wunsch einginge, dass das Modell von Rauch

und der Guss in München ausgeführt werde. Rauch erhielt auch, obschon man

in Nürnberg selbst einen einheimischen Bildhauer vorgezogen hätte, 1827

den Auftrag für das Denkmal; als es sich jedoch um die Frage des Giessers

handelte, wollte die Stadt Peter Vischers nicht nachgeben.

[35] Eggers, Rauch, Bd. II, S. 395ff und S. 422, Bd. III, S. 103 u.

S. 145.

Der zweite Bürgermeister Nürnbergs schrieb unter anderem in dieser

Angelegenheit an Rauch: »Wenn jeder Kunstfreund als entschieden annehmen

muss, dass der Entwurf des Denkmales und das Modell des Standbildes nur

dem grössten Bildhauer Deutschlands gebührt, so ist es doch für den noch

nicht erloschenen Kunstruhm, und noch mehr für den wieder erwachten

Kunstsinn der hiesigen Stadt eben so wichtig als wünschenswert, dass das

Denkmal hier ausgeführt und vollendet werde.... Unsere Rotgiesser haben

zwar von der Kunst ihres alten Gewerbsgenossen, des Verfertigers des

Grabmales Sebaldi, kein grosses Erbteil übrig behalten, aber hinsichtlich

des Technischen der Giesserei dürfte man ihnen ausgezeichnete Kenntnisse

und Erfahrungen nicht absprechen können.... Das neueste Kunstwerk des

erfahrenen Rothgiessers Rupprecht, ein Standbild von Erz, 6-1/2 Fuss

hoch, circa 2000 Pfd. Berl. schwer, ist aus der Form makellos

hervorgegangen und ist bestimmt, in dem Dom zu Bamberg aufgestellt zu

werden. Es befindet sich jetzt unter dem Meissel eines genialen jungen

Mannes, des Bildhauers Burgschmiet...«

[Illustration: Abb. 130. Rauch, Dürer-Denkmal in Nürnberg. Guss von

Burgschmiet in Nürnberg.]

Nachdem daraufhin Rauch selbst in Nürnberg gewesen war, erreichte er

beim Könige die Genehmigung, dass das Denkmal dort gegossen würde.

Burgschmiet erhielt den Gussauftrag, doch bevor er an die Ausführung

ging, reiste er im Jahre 1829 noch auf acht Monate nach Paris, um die

Formerei bei dem vielgerühmten Crozatier zu studieren. Im Jahre 1837

erhielt er das Modell der Figur und wurde nun veranlasst, einige

Probestücke zu liefern: Aermelstücke, eine Haarlocke, Kopf, rechte Hand.

Der Guss dieser Teile fiel vortrefflich aus, die Oberfläche zeigte sich

so dicht und fein, dass eine Ueberciselierung nicht nötig erschien. Im

Herbst 1838 kam der Oberteil der Figur gelungen aus der Form. König

Ludwig selbst sah den Guss und bestimmte, dass die Statue mit der

Gusshaut, also in dunkelbrauner, ins Rötliche schimmernder Farbe, ohne

die Oberfläche abzubrennen und ohne jedes weitere Ciselieren, ausser

Abnahme der Gussnähte, aufgestellt werden solle. Im Jahre 1840 war der

Guss der ganzen Figur aufs beste vollendet (Abb. 130).

Weitere grosse Aufträge folgten dem ersten und alle wurden zur höchsten

Zufriedenheit ausgeführt. Im Jahre 1844 wurde von Burgschmiet nach

Hähnels Modell das Standbild Beethovens für Bonn gegossen, nach desselben

Meisters Modell 1849 das Denkmal Kaiser Karls IV. für Prag, nach Reichs

Modell 1851 die Statue des Ministers Winter für Karlsruhe, 1853 nach

Miller das Luther-Monument für Möhra u. a. m. Im Jahre 1855 trat in die

Firma der Schwiegersohn Chr. Lenz ein, 1858 starb Burgschmiet. Die von

Chr. Lenz und dem Stiefsohn Burgschmiets fortgeführte Giesserei hiess

hinfort: Gebrüder Lenz-Herold. Seit 1871, nach Herolds Tode besteht die

Giesserei unter der Firma Chr. Lenz. Für das In- und Ausland gingen noch

zahlreiche grosse Erzgusswerke aus dieser Künstlerwerkstatt hervor, die

aufzuführen zu weit gehen würde.

[Illustration: Abb. 131. Rietschel, Denkmal Lessings in Braunschweig.

Guss von Howaldt in Braunschweig.]

Mit dieser Nürnberger Giesserei steht wiederum in innigem

Schulzusammenhange eine norddeutsche Werkstatt, die von Georg Howaldt in

=Braunschweig= begründet wurde. Howaldt[36] kam als Goldschmiedsgehilfe

1822 nach Nürnberg, lernte dort den um wenige Jahre älteren Burgschmiet

kennen und durch ihn angeregt, begann er sich eifrig mit Bildnerei und

Erzgiesserei zu beschäftigen. Im Jahre 1836 kehrte er in seine

Heimatstadt Braunschweig zurück, wo ihm das Lehrfach für Modellieren am

Collegium Carolinum übertragen wurde. Erst im Jahre 1852 wurde es ihm

möglich, seine Vorliebe für metallplastische Arbeiten im Grossen zu

bethätigen, man übertrug ihm die Gussausführung des für Braunschweig

bestimmten Lessing-Denkmals nach Rietschels Modell (Abbild. 131). Die

Arbeit gelang aufs beste und begründete den Ruf der jungen Anstalt.

[36] H. Riegel, Kunstgesch. Vorträge und Aufsätze, Braunschweig 1877,

S. 352ff.

Weitere ehrenvolle Aufträge folgten sogleich. Noch im Jahre 1852 wurde

für Altona, allerdings in galvanisch verkupfertem Blei, das Denkmal des

ehemaligen Oberpräsidenten Grafen Blücher nach Fr. Schillers Modell

gegossen, 1853 in Erz das Denkmal des Bürgermeisters Franke für Magdeburg

nach Blaeser, 1854 für Dresden das Denkmal des Nationalökonomen List nach

dem Modell von Kietz u. a. m.

Doch seinen grossen Ruf verdankt der Meister eigentlich weniger seinen

Gusswerken, als vielmehr seinen grossartigen, in Kupfer getriebenen

Arbeiten; an anderer Stelle (S. 128ff.) wird darauf zurückzukommen sein.

Howaldt starb im Jahre 1883, sein Sohn führte die Anstalt fort bis zu

seinem Tode im Jahre 1891; mit ihm erlosch die Firma.

Die bekanntesten deutschen Kunstgiessereien dürften damit genannt sein,

eine Reihe kleinerer Anstalten bestand daneben und zahlreiche neue, deren

Bedeutung zu würdigen der beschränkte Raum hier nicht gestattet, wurden

in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begründet; ungezählte

Denkmäler und Brunnen in allen grösseren deutschen Städten zeugen von

ihrem Können. Das Ringen zur Selbständigkeit war mühevoll genug gewesen,

wie zu zeigen versucht worden ist, doch schliesslich konnte man den

Wettstreit aufnehmen mit den gleichartigen Werkstätten aller Länder, auch

Frankreichs.

Die Entwickelung der Kunstgiesserei in =Frankreich= bietet bei weitem

nicht ein gleich interessantes Bild wie bei uns, die technische

Fertigkeit wurde dort doch kaum unterbrochen und leichter, als es in

Deutschland möglich sein konnte, fanden sich die Giesser mit dem neuen

Teilformverfahren in Sand ab. Die Ciselierkunst aber hatte in Frankreich

kaum je vorher höhere Triumphe gefeiert, als in der zweiten Hälfte des

18. Jahrhunderts, und darin wurde die Tradition nie wieder unterbrochen.

Die grossartigen ehernen Königsbilder, die das Können der französischen

Kunstgiesser während zweier Jahrhunderte in glanzvollster Weise

darstellten, vernichtete zwar ohne Ausnahme die Revolution, doch der

Rückschlag konnte nicht ausbleiben, man musste bald den Verlust der

Kunstwerke rein als solchen empfinden, und man beeilte sich, neue

Erzmonumente zu errichten.

Der Bildhauer J. G. Moitte (1746-1810) scheint der erste Künstler gewesen

zu sein, der die Abneigung gegen die Bronze für Monumentalwerke, die

etliche Jahrzehnte auch in Frankreich geherrscht hatte, durchbrach. In

der Zeit um 1800 sollen von ihm eine Bronzestatue J. J. Rousseaus, ein

Reiterbild des Generals Bonaparte von mittlerer Grösse und ein Denkmal

des Generals d'Hautpoul zu Pferde geschaffen sein. Ob bei diesen Werken

bereits das Teilformverfahren in Anwendung kam, war nicht zu ermitteln,

sie fallen in die Zeit des Ueberganges. Mit einiger Sicherheit ist aber

anzunehmen, dass die rings mit Reliefs umkleidete Vendôme-Säule zu Paris,

mit deren Ausführung man 1805 begann und die mit der Statue Napoleons

bekrönt, im Jahre 1810 vollendet wurde, bereits in Sand geformt worden

ist.

Der Neuguss der grossen in der Revolution zerstörten Königsdenkmäler

folgte.

Die bedeutendsten Pariser Giesserwerkstätten wurden als Bildungsanstalten

der deutschen Künstler bereits genannt. Crozatier, Carbonneaux, Fontaine

und die alte Königliche Giesserei in Paris legten den Grund für die

französische Giesskunst des 19. Jahrhunderts, von der man auch heute noch

mit höchster Achtung spricht.

Die Kataloge und Berichte der Pariser Gewerbeausstellungen lassen die

Entwickelung im Laufe des 19. Jahrhunderts leicht verfolgen, sie ist vor

allem geknüpft an die Namen Soyer, Barbedienne, Thiébaut, Susse,

Barbezat, Eck et Durand, Gauthier u. a. (Nähere Angaben finden sich bei

F. Faber: Konvers. Lex. für die Bildende Kunst. Leipzig 1845ff. Bd. V. S.

58ff.)

V. Das Wachsausschmelzverfahren im 19. Jahrhundert.

Das 19. Jahrhundert hat der Erzgusstechnik die allgemeinste Verbreitung

verschafft, sämtliche Kulturländer haben Selbständigkeit auf diesem

Kunstgebiete erlangt, und überall ist das Teilformverfahren zum

herrschenden geworden.

Ein sehr wesentlich verändertes Bild im Hinblick auf die angewendeten

Formverfahren bietet die Erzgussplastik wieder in den letzten

Jahrzehnten, man hat begonnen, zum alten Wachsausschmelzverfahren

zurückzukehren, man darf fast sagen, dass dieses Verfahren in Deutschland

bereits jetzt überwiegt. In Frankreich ging es als eine schwache

Unterströmung stets neben dem Teilformverfahren her und es sei gestattet,

die Vorläufer der neuesten Zeit noch einmal zurückgreifend im

Zusammenhange zu verfolgen.

Die schweren Sorgen, die den deutschen Künstlern des 19. Jahrhunderts, --

erinnert sei an die Aussprüche Rauchs -- die schädigende Nachciselierung

machte, teilten auch die französischen Meister, und von hohem Interesse

ist in Bezug darauf ein Bericht über die Kunstgiesserei der Pariser

Welt-Ausstellung des Jahres 1844. Dort wird gesagt, dass das

ausschliesslich geübte Formverfahren dasjenige in Sand sei, das

Wachsausschmelzverfahren schiene vollkommen in Vergessenheit geraten zu

sein. Unter den zahlreichen Bronzestatuen, die zur Zierde öffentlicher

Plätze in den letzten 25 Jahren entstanden seien, sei nur eine, die

Heinrichs IV. mit Hilfe von Wachs geformt.[37] Alle anderen, sagt der

weitblickende Berichterstatter, sind in Stücken und Stückchen gegossen

und zusammengesetzt wie die Teile einer Dampfmaschine. Sind solche

Arbeiten Kunstwerke zu nennen? fragt er ziemlich entrüstet. Doch, sagt

er, die Versuche eines bescheidenen Mannes, eines ausserhalb der

Künstler-Ateliers kaum gekannten Giessers Honoré (Gonon) müssten erwähnt

werden. Dieser habe sich viel mit dem Wachsausschmelzverfahren

beschäftigt und in dieser Formart einige bemerkenswerte Arbeiten

hergestellt. Unter anderem einen neapolitanischen Tänzer nach Duret und

einen Löwen in den Tuilerieen nach Barye.

[37] Anm. Gemeint ist die Reiterstatue Heinrichs IV. auf dem Pont Neuf

in Paris. Dieses Monument wurde an Stelle des alten, in der

Revolution zerstörten, nach dem Modell Lemots im Jahre 1818

errichtet.

Der Berichterstatter meint, man würde zweifellos einwenden, dass das

Wachsausschmelzverfahren ausschliesslich künstlerischen, aber nicht

Handelszwecken diene, weil von jedem Modell nur ein Gussstück gewonnen

werden könne, doch das sei durchaus nicht zutreffend. Es sei nur

notwendig, eine Gipsteilform zu Hilfe zu nehmen (wie bei Cellini etc.

beschrieben ist), um darin weitere Wachsmodelle herzustellen, soviel man

haben wolle. Der Künstler würde jedes Wachsmodell nacharbeiten und nach

Belieben seinen augenblicklichen Eingebungen folgend, kleine Aenderungen

daran vornehmen und so jedem Stücke einen besonderen Charakter verleihen.

Das in Metall gegossene Werk würde rein und sauber erscheinen und den

Stempel seines Schöpfers tragen. Man erhalte so nicht Reproduktionen von

Kunstwerken, sondern die Kunstwerke selbst.

Der Verfasser spricht sich noch weiter aus. Schliesslich sagt er von der

Sandformerei, man könne sich ihrer mit Vorteil bedienen für ornamentale

Arbeiten, besonders wenn sich die Form in wenigen Teilen herstellen

liesse, die leicht zu vereinigen wären. Doch man solle dieses Verfahren

nicht zulassen für Bildsäulen, überhaupt für Kunstwerke im höchsten Sinne

nicht. Man solle nicht fortfahren, barbarisch zu verfahren, die Giesserei

in Sand sei thatsächlich eine Verstümmelung (un acte de mutilation).

Jedoch die Mahnung ging damals ungehört vorüber, das Sandformverfahren

befand sich in steigender Verbreitung und nichts vermochte den Glauben

daran zu erschüttern; mitleidig betrachtete man den einzelnen, der sich

etwa doch nicht irre machen liess in der Wertschätzung der alten

Formungsart. In Paris hatte sich die Kenntnis des Wachsverfahrens vererbt

von dem genannten Honoré Gonon auf seinen Sohn Eugène, und dieser hatte

als einziger noch im Jahre 1867 auf der Pariser Welt-Ausstellung einige

in dieser Art hergestellte Gussstücke zur Schau gebracht. Die

fachmännische Kritik darüber ist sehr bemerkenswert.[38] Der

Berichterstatter spricht sich etwa in folgender Weise aus, er sagt: das

Wachsausschmelzverfahren Gonons sei nichts Neues, aber von den Fachleuten

seit langem aufgegeben und verdammt, weil es unausführbar und zu

kostspielig sei für eine schnelle und einträgliche Reproduktion der

Kunst- sowohl wie der Handelsbronze. In der That hätten sich einige

Künstler zu dieser Gussmethode drängen lassen, eine unvernünftige

Eingebung habe sie glauben gemacht, dass sie davon eine unbedingt getreue

Wiedergabe ihrer Werke erwarten dürften; mehr eingebildete als begründete

Erklärungen hätten sie verlockt. Allein es sei ihnen ergangen, wie dem

Raben in der Fabel, sie hätten, leider etwas zu spät, geschworen, dass

sie es nie wieder damit versuchen würden. Kurz, die Anwendung des

Wachsausschmelzverfahrens sei eine Gedankenlosigkeit von Leuten, die mit

den wirklichen Verhältnissen nicht zu rechnen verständen und vom

Standpunkte des Geschäftsmannes ein vortreffliches Mittel, um Geld zu

schlucken, denn von zehn Gussstücken fielen zum wenigsten acht schlecht

aus. Die von verschiedenen bekannten Giessern angestellten Versuche

könnten das nur bezeugen. Um den Wert des »vortrefflichen« Verfahrens

ganz zu kennzeichnen, müsse man sagen, dass das Verhältnis des

Wachsverfahrens zu dem von der Pariser Bronzegiesserei allgemein

angenommenen Sandformverfahren dasselbe sei, das bestehe zwischen dem

bescheidenen Ochsenwagen der Vorfahren und der mit Volldampf fahrenden

Lokomotive.

[38] Rapports des délégations ouvrières. Exposition universelle de 1867

à Paris. Fondeurs en cuivre S. 5 u. 6.

Dieses recht deutliche französische Urteil würde, zur Zeit als es

ausgesprochen wurde, in Deutschland kaum auf Widerspruch gestossen sein,

bei uns fehlten bis in die jüngste Zeit hinein überhaupt jegliche

Versuche, das Wachsverfahren zu verwerten, und ein Urteil über seinen

Wert oder Unwert hatte man nicht. Man urteilte höchstens nach

Beschreibungen und diese in der Luft schwebende Kritik that die alten

Giessmeister gern mit spöttischer Geringschätzung ab.

In Fabers Konversations-Lexikon für Bildende Kunst (1850) heisst es, das

Wachsverfahren sei nur eine ungehörige Uebertragung der Handgriffe des

Goldarbeiters auf Werke in Erz gewesen. »Mit eben der subtilen

Manipulation, womit im 15. und 16. Jahrhundert goldene Schmucksachen

gegossen wurden, bei welchen die geringste Ersparung des Materials von

Wichtigkeit war, versuchte man sich an kolossalen ehernen Standbildern.

Es gelang zwar, aber nicht ohne unendliche Verschwendung von Arbeit und

Mühe.«

[Illustration: Abb. 132. Begas, Schlossbrunnen in Berlin. Gegossen in der

Giesserei-Aktiengesellschaft vormals Gladenbeck und Sohn in

Friedrichshagen bei Berlin.]

Die vereinzelten Anwendungen in Frankreich konnten aber auch das

erwünschte Ergebnis nicht haben, die Methode war eben ausser Uebung und

verlernt.

So sehr man es nun im Laufe der Jahrzehnte verstanden hatte, alle

technischen Schwierigkeiten, die mit dem Teilformverfahren verknüpft

sind, zu überwinden, gewisse künstlerische Mängel blieben nicht zu

beseitigen. Die Reinheit der Oberfläche und eine solche getreue

Wiedergabe des Modells, wie sie im Wachsverfahren zu erreichen sind,

musste der Sandformerei versagt bleiben. Die Künstler mussten bis zu

einem gewissen Grade unbefriedigt bleiben.

Doch noch ein anderer nicht unwesentlicher Nachteil haftet der

Sandformerei an, sie verlangt mancherlei Einschränkungen in der Art der

Ausgestaltung des Modells, wenn nicht die Zahl der einzeln zu formenden

und zu giessenden Teile gar zu sehr gesteigert und dadurch die endliche

Festigkeit des Gesamtwerkes geschädigt und auch sein Herstellungspreis

gesteigert werden soll.

Unendlich mühevoll hätte es z. B. sein müssen, die weiblichen

Flusspersonificationen am Berliner Schlossbrunnen (Abb. 132) mit ihren

leicht übergeworfenen Netzen in Sand zu formen.

Das alles führte schliesslich dazu, doch noch einmal mit aller Energie

Versuche im Wachsverfahren grossen Massstabes zu machen. In den achtziger

Jahren begann man in Deutschland damit und die glänzendsten Erfolge

blieben nicht aus.

[Illustration: Abb. 133. Neues Wachsausschmelzverfahren (a). (Schema.)]

[Illustration: Abb. 134. Neues Wachsausschmelzverfahren (b). (Schema.)]

[Illustration: Abb. 135. Neues Wachsausschmelzverfahren (c). (Schema.)]

Besondere Verdienste um die Neubelebung des altehrwürdigen Verfahrens

haben das Hüttenwerk Lauchhammer und die Giesserei-Aktiengesellschaft

vormals Gladenbeck und Sohn in Friedrichshagen bei Berlin, die seit dem

Beginn der neunziger Jahre bereits zahlreiche zum Teil sehr grosse

Gusswerke in diesem Verfahren geschaffen haben.

Die neue Art der Formerei mit Hilfe von Wachs ist gegen früher wieder ein

wenig verändert und zwar vereinfacht und damit verbilligt, so dass seine

Anwendung nicht mehr teuerer zu stehen kommen soll, als die Einformung in

Sand. Ist das allgemein anerkannt, so wird, wie man hoffen darf, der Sieg

über die Teilformerei endgültig entschieden sein.

In der Giesserei-Aktiengesellschaft vormals Gladenbeck und Sohn wird das

im folgenden beschriebene Verfahren angewendet.

Da der Vorgang im wesentlichen derselbe ist bei Einformung eines sehr

grossen oder eines kleineren Modelles, so sei auch dieses Mal angenommen,

es handele sich um den Guss einer Büste von etwa Lebensgrösse.

Das in Gips reproduzierte, mit aufgelöstem Schellack oder dergleichen

überzogene Modell wird zur Hälfte mit dem Gesicht entweder nach oben,

oder nach unten, in Sand eingebettet. Ueber den vorragenden Teil wird

dann locker aufliegend eine etwa drei Finger dicke Thonlage gebracht und

über diese eine kräftige Gipshinterlage (Abb. 133). Darauf wird das Ganze

gewendet, der Sand entfernt, der Gipsmantel an der Schnittfläche geebnet

und mit der Rückseite der Büste in gleicher Weise verfahren, so dass das

Modell nun rings von einer Thonlage umhüllt ist, die durch den Gipsmantel

Halt bekommt. An der Schnittfläche der Gipshülle sind Vorkehrungen

getroffen, dass die Hälften voneinander getrennt und in richtiger Lage

wieder aufeinander gepasst werden können.

Die eine Hälfte des Gipsmantels wird nun abgehoben, die Thonlage darunter

entfernt und nachdem die Gipsschale wieder über das Modell gebracht ist,

durch eine oben hineingebohrte Oeffnung der Raum, den vorher die Thonlage

einnahm, mit flüssiger Gelatine gefüllt, die sich aber im Gegensatz zum

Thon in alle Feinheiten und Tiefen des Modelles schmiegt (Abb. 134). In

gleicher Weise wird, nachdem die Gelatine erstarrt ist, auf der anderen

Seite verfahren.

[Illustration: Abb. 136. Neues Wachsausschmelzverfahren (d). (Schema.)]

[Illustration: Abb. 137. Neues Wachsausschmelzverfahren (e). (Schema.)]

[Illustration: Abb. 138. Neues Wachsausschmelzverfahren (f). (Schema.)]

Technik der Bronzeplastik · 第 9 / 12 段