Auch in der nachantiken Zeit war es stets bekannt, dass durch bestimmte

Mischungen bestimmte Farbtöne der Bronze erreichbar waren, künstlerische

Anwendung scheint man jedoch im Abendlande kaum davon gemacht zu haben;

im allgemeinen wählte man gewisse Legierungsverhältnisse mehr aus

praktischen Rücksichten.

Bewunderungswürdige Farbwirkungen durch Legierung verstehen seit

Jahrhunderten Chinesen und Japaner zu erzielen, doch bei grossen

Bronzewerken scheint man, der höheren Kostbarkeit wegen, diese Tönungen

nicht angewendet zu haben; darauf einzugehen dürfte hier zu weit führen.

=Patina= im engeren Sinne ist bei den überwiegend aus Kupfer bestehenden

Metallmischungen eine von den Zusätzen nur in geringem Grade abhängige

Oberflächenfärbung. Die Patina ist eine Sauerstoffverbindung des Kupfers

oder der Bronze, ein Oxyd, oder, wenn man will, ein Rost, ein Edelrost,

der das Metall zugleich mit einer schützenden Schicht umhüllt, die es vor

weiteren schädlichen Einflüssen der Atmosphäre schützt.

Die Patina ist zu allen Zeiten mit seltenen Ausnahmen (vergl. S. 67) als

etwas Verschönerndes geschätzt worden, und nicht erst in unserer Zeit hat

man sich bemüht, die schöne grüne Farbe oder andere, den metallischen

Glanz lindernde Töne, schon auf den neuen Gusswerken hervorzubringen.

Ganz zweifellos wandten die Bronzekünstler des 15. und 16. Jahrhunderts,

vor allem in Italien, Firnisse und Farbmittel an, um eine künstliche

Patina herzustellen. Die Spuren davon haben sich erhalten bei zahlreichen

nicht unter freiem Himmel aufgestellten Werken; vor einer kräftigen

grünen Tönung hat man sich damals so wenig wie in jüngerer Zeit gescheut.

Einige Angaben darüber giebt wieder Gaurikus in der angeführten Schrift.

Nachdem er von der Feuerversilberung und Feuervergoldung gesprochen hat,

sagt er: »Solche Farben entstehen auch auf viele andere Weisen, die wir

aber, da sie weder dauerhaft noch auch besser sind, nicht beachten

wollen. Gelbe Farbe aber wird sich ergeben zum Besatz, wenn man einen

durch und durch gesäuberten Siegelabdruck auf eine weissglühende Platte

legt, bis man sieht, dass er ganz die Farbe davon angenommen hat, und ihn

allmählich erkalten lässt. Grün durch starkes Benetzen mit salzigem

Essig, Schwarz entweder durch starkes Ueberstreichen mit flüssigem Teer

oder durch Anrauchen von Erzschlacken in ganz nassem Zustande.«

Ob man den öffentlich aufgestellten Erzdenkmälern in früheren

Jahrhunderten den Metallglanz in demselben weitgehenden Masse sogleich

bei der Aufstellung genommen hat, wie es heute fast allgemeiner Brauch

ist, dürfte schwer zu entscheiden sein.[11] In der schon genannten

kleinen 1814 in Berlin erschienenen Schrift des Hofrats Wuttig ist S.

53ff. von dem »Bronzieren« wie von etwas allgemein Bekanntem und oft

Geübten die Rede. Dort heisst es: »Jede aus der Formgrube kommende Statue

hat ein unangenehmes Oberflächenansehen, ist an einigen Stellen

metallisch glänzend, an den anderen angelaufen, erscheint

verschiedenfarbig gefleckt, hell und dunkel u. s. w. Dies zu heben,

werden die Statuen entweder durch Abwischen mit sehr verdünnter

Schwefelsäure und Abscheuern in gleichförmigen Metallglanz gesetzt, oder

(da der Reflex des letztern zur Entstellung der Kunstwerke beiträgt)

bronziert, d. h. künstlich mit demjenigen Erzbeschlage (Aerugo nobilis

des Horaz) überzogen, der sich durch Einwirkung der Atmosphärilien auf

der Oberfläche der im Freien aufgestellten Werke sonst erst mit der Zeit

bildet.... Ich habe mich vor einigen Jahren damit abgegeben, verschiedene

Nuancen von Grün und Braun auf Bronze und reinem Kupfer hervorzubringen,

und es ist von meinen Vorschriften Gebrauch beim Bronzieren grosser Werke

gemacht worden.«

[11] Vgl. Félibien a. a. O. Der Verfasser giebt, ohne ausdrücklich von

öffentlich aufgestellten Bronzemonumenten zu sprechen, über die zu

seiner Zeit geübte künstliche Patinierung folgende Auskunft: »Il y

en a qui prennent pour cela de l'Huile et de la Sanguine: d'autres

les font devenir vertes avec du vinaigre. Mais avec le temps la

bronze prend un vernis, qui tire sur le noir.«

Wuttig giebt noch eine Reihe von Rezepten zur künstlichen Patinierung,

die hier ebensowenig näher auf ihre Brauchbarkeit zu prüfen sind, wie die

zahllosen heute für denselben Zweck angewendeten. Gewichtige Stimmen

erheben sich heute überhaupt gegen die künstliche Patinierung.

Von interessanten Untersuchungen über die Bildung der natürlichen Patina

und ihre Hinderungsursachen möge noch kurz berichtet werden.[12] Man hat

beobachtet, dass Erzbildwerke, die bereits eine wundervolle Patina

angesetzt hatten, diese um die Mitte des 19. Jahrhunderts wieder mehr

oder minder verloren haben, ausgenommen an der Regenschlagseite. Nach

einer Behandlung mit Lauge kam sie auch an den übrigen Stellen wieder zum

Vorschein, eine ziemlich stark schwefelsäurehaltige Schicht von

Kohlenruss hatte sich darüber gebreitet. Eine genauere Untersuchung liess

erkennen, dass der Russ nicht allein die hässliche Schmutzfarbe

veranlasst, dass er vielmehr auch ätzend, d. h. zerstörend auf die Bronze

wirkt. In Nürnberg angestellte Versuche lehrten, dass diesen

verderblichen Einflüssen des Kohlenrusses nur durch stetig wiederholte

Reinigung mit Wasser entgegengearbeitet werden kann. Weiter wurde

festgestellt, dass die mit Zink legierten Bronzen weniger zur

Patinabildung geeignet sind, wie die mit Zinn legierten. Andere

Beobachter führen als Grund der mangelhaften Patinabildung daneben auch

die unzureichende Dichtigkeit und Gleichmässigkeit des Gusses an und

verlangen, dass die Erzgiesser in weitgehenderem Masse wie bisher auf die

gute Konstruktion der Oefen Wert legen.

[12] Zeitschr. d. Bayer. Gewerbemuseums zu Nürnberg. 20. Jahrg. 1886

S. 97ff. und Maertens, Deutsche Bildsäulen. Stuttgart 1892.

S. 40-41.

Doch erst wenn die städtischen Verwaltungen ebenso wie die Techniker

diese Winke nicht mehr ungehört vorübergehen lassen, dürfte das schöne

Ziel zu erreichen sein, dass die schwarzen Männer unserer Denkmäler

wieder in einer ansprechenderen Tönung erscheinen.

II. Das Wachsausschmelzverfahren im Altertum und Mittelalter bis

zum 14. Jahrhundert.

Die grossartigsten und schönsten Gusswerke aller Zeiten sind in einem

Verfahren hergestellt, das, so einfach es im Grunde ist, doch Wandlungen

im Laufe der Jahrtausende erfahren hat, die ebenso wie sie vom allgemein

wissenschaftlichen Standpunkte der Betrachtung wert sind, auch vom

Künstler und Kunstfreunde beachtet zu werden verdienen.

Das Princip des Wachsausschmelzverfahrens ist bereits kurz

gekennzeichnet. Auf dem hier in Betracht kommenden Gebiet der

Metallplastik handelt es sich aber nur in seltenen Fällen um die

einfachste Ausführungsmöglichkeit des Verfahrens, mit dessen Hilfe nur

massive Gussstücke erlangt werden können, die künstlerische Metallplastik

hat zumeist schwierigere Aufgaben zu lösen; mannigfache bereits

gekennzeichnete Gründe machen es erforderlich, Hohlkörper zu erhalten.

Wenn man nun von der kalten Bearbeitung des Metalles absieht, dann dürfte

am einfachsten ein hohler Metallkörper mit Hilfe der Schmelzbarkeit auf

folgende Art zu erhalten sein.

Ein rundlicher Metallhohlkörper von einer bestimmten Grösse soll

hergestellt werden. Man formt aus einem hitzebeständigen Material z. B.

Lehm zunächst den Kern, der die Form des gewünschten künftigen

Gussstückes hat, nur muss er ein wenig kleiner sein. Der Kern muss

langsam getrocknet und schliesslich geglüht werden, er büsst dabei ein

wenig an Grösse ein, und darauf muss von vornherein Rücksicht genommen

werden. Nach dem Erkalten wird der Kern ringsum eingehüllt von einer

Wachsschicht, die in Form und Wandungsstärke dem künftigen Metallkörper

genau gleich gemacht werden muss. Zu achten ist noch darauf, dass die

Wachsschicht nach Möglichkeit den Kern in gleichmässiger Dicke

umschliesst, denn das flüssige Metall, das später den Raum des Wachses

ausfüllen soll, würde an den stärkeren Teilen langsamer erkalten als an

den dünneren. Die vor allem in Betracht kommende Bronze zieht sich aber

beim Erkalten zusammen, sie »schwindet«, und Risse würden besonders dann

entstehen, wenn das Zusammenziehen ungleichmässig erfolgte.

Ist so Kern und Wachsschicht sorgfältig vorbereitet, dann wird in der

Herstellung der Form fortgefahren; es handelt sich zunächst darum, den

»Formmantel« herzustellen. Die Innenfläche des Mantels, der wie der Kern

aus Lehm gefertigt werden kann, muss in möglichster Schärfe alle Formen

des künftigen, bis jetzt in Wachs vorhandenen, Gussstückes aufweisen. Um

das zu erreichen, wird man auf die Wachslage zuerst eine dünne, aus

äusserst fein geschlämmtem Lehm gewonnene Schicht, nötigenfalls mit einem

Pinsel, auftragen und darüber erst die Festigkeit gebende Lage aus

gröberem Lehm aufbringen.

Würde man nun, nachdem der Mantel getrocknet ist, in ihm eine Oeffnung

herstellen und die ganze Form erwärmen, dann würde aus der Durchbohrung

das Wachs ausfliessen und der Kern dann lose im Mantel eingeschlossen

sein. Es kommt aber gerade darauf an, den Kern in einer unverrückbaren

Lage zum Mantel zu befestigen, und dieses erreicht man dadurch, dass man

vor dem Erwärmen der ganzen Form von aussen her dünne zugespitzte

Metallstäbchen, von der Art des zu verwendenden Gussmateriales bis in den

Kern einbohrt; sie werden dem Kerne Halt geben, auch wenn das Wachs

ausgeschmolzen ist.

Nachdem das Wachs entfernt ist, wird auch der Mantel geglüht, und die

Form ist dann für den Einguss des Metalles vorbereitet; nötigenfalls sind

noch im Mantel einige kleinere Kanäle anzubringen, die der Luft beim

Einfluss des Metalles den Austritt gewähren.

Das flüssige Metall füllt sodann den Raum zwischen Kern und Mantel aus,

umschliesst also wie vorher das Wachs den Kern und weiter auch die dünnen

Stützstäbchen, es wird auch den Eingusskanal und die etwa vorhandenen

Luftröhrchen füllen. Wird nun der Mantel zerschlagen, dann liegt der

Gusskörper mit seinem Eingusszapfen und den stachelartig herausstehenden

Stützstäbchen frei da. Es ist nur nötig, diese Teile abzufeilen, das

Ganze zu säubern und nötigenfalls nachzuarbeiten. Soll aber auch der

eingeschlossene Lehmkern entfernt werden, so muss erst künstlich eine

Oeffnung geschaffen werden, durch die er herausgekratzt werden kann. Bei

grösseren Werken wird von vornherein auf diese für die innere Säuberung

des Gussstückes notwendige Oeffnung Rücksicht genommen.

Kaum der Hervorhebung bedarf es, dass bei diesem Verfahren für jedes

einzelne Gussstück stets dieselbe ziemlich mühsame Arbeit geleistet

werden muss, von einer mechanischen Erleichterung selbst bei Herstellung

vieler gleicher Gegenstände kann kaum die Rede sein. Doch dieser Nachteil

ist eben ein künstlerischer Vorzug, jedes Gusswerk ist eine

Originalarbeit, bei der das eigentlich für den Guss verwendete, verloren

gehende Wachsmodell vom Künstler stets aufs neue modelliert werden muss.

Das Verfahren bietet vor anderen noch den Vorzug, dass die denkbar

getreueste Reproduktion der künstlerischen Arbeit erzielt wird. Bei dem

aus einem Stücke bestehenden Mantel sind Verschiebungen kaum möglich,

auch kann die unter Umständen sehr schädigende Nacharbeit fast vermieden

werden. Wenn das Formmaterial besonders geeignet gewählt wird, ist ein

Ueberarbeiten der gesamten Oberfläche kaum notwendig, man wird sich

beschränken können auf die Fortnahme der Zapfen, da die bekannten

störenden Gussnähte, die bei anderen Formverfahren unvermeidlich sind,

auch fortfallen.

Das Wachsausschmelzverfahren ist vermutlich in der gekennzeichneten

Ausführungsart schon viele Jahrhunderte vor Christi Geburt zur

Herstellung metallplastischer Werke angewendet worden.

Schriftliche Nachrichten über das Verfahren sind, sofern man absieht von

Bezeichnungen, die auf einzelne Bestandteile oder Materialien der Form

hinweisen, aus dem Altertum nicht bekannt, eine Untersuchung der

erhaltenen Arbeiten vermag aber in den meisten Fällen eine ziemlich

sichere Auskunft über ihre Herstellungsart bei den Völkern des Altertums

zu geben.

An erster Stelle sind die metallplastischen Arbeiten des alten

=Aegyptens= von Interesse. Ungezählte aus Kupferlegierungen gegossene

Werke der Bildnerkunst sind aus diesem ältesten Kulturreiche auf uns

gekommen, allerdings sind die erhaltenen Kunstleistungen jener Art über

das zweite vorchristliche Jahrtausend mit Sicherheit nicht hinauf zu

datieren.

Der Oberkörper eines gusstechnisch sehr vollkommenen Bronzefigürchens von

ursprünglich etwa 30 cm Höhe, aus der Zeit Ramses II. -- etwa 14. Jahrh.

v. Chr. -- befindet sich im Berliner Neuen Museum. Französische Forscher,

Perrot und Chipiez, nehmen allerdings an, dass bereits um die Mitte des

3. Jahrtausends v. Chr. ägyptische Giesskünstler bedeutsame figürliche

Werke zu schaffen verstanden, doch scheinen neben anderen auch technische

Gründe dagegen zu sprechen.

Reines Kupfer ist als Gussmaterial kaum verwendbar; geeigneter dazu wird

es durch einen Bleizusatz, doch für die Ausbildung des eigentlichen

Kunstgusses war eine Vermischung mit Zinn die Vorbedingung.

In Aegypten wurde nun dieser, den Charakter der Bronze wesentlich

bestimmende Bestandteil nicht gefunden. Möglich ist, dass man ihn aus

anderen orientalischen Ländern erhielt, doch vielleicht mit grösserer

Wahrscheinlichkeit nimmt man an, dass erst phönizische Seefahrer den

kostbaren Stoff von den fernen Zinninseln, von Britannien her, ins Land

der Pharaonen gebracht haben.

Doch hier kommt es vorwiegend auf die von jenen alten Künstlern

angewendete Technik an. Ist es bei der angeführten unvollständigen

Berliner Figur ihrer Dünnwandigkeit wegen anzunehmen, dass sie im

Wachsausschmelzverfahren entstand, so lassen grössere, dem letzten

vorchristlichen Jahrtausend angehörende Arbeiten der Bronzeplastik

darüber keinen Zweifel. An ihrer Oberfläche erkennt man neben

ungleichmässig grossen Einsatzstückchen, die zweifellos als

Ausbesserungen von Gussfehlern und dergleichen anzusehen sind, auch in

grösserer oder geringerer Anzahl länglich viereckige oder rundliche am

selben Gussstück fast durchgehends gleich grosse Stäbchen-Querschnitte,

die in ihrer Verteilung ein gewisses Princip erkennen lassen. Es sind das

die bei jeder komplizierter gestalteten Gussform unentbehrlichen

Stützstäbchen für den Kern, die, wie gezeigt ist, mit eingegossen und

nachher bis zur Oberfläche abgefeilt werden. Da nun bei keinem anderen

Formungsverfahren jene Stäbchen in gleicher Art zur Verwendung kommen

können, so ist in ihrem Vorhandensein ein Beweis für die Ausübung des

Wachsausschmelzverfahrens im alten Aegypten zu erblicken.

[Illustration: Abb. 7. Marc-Aurel, Rom.]

Wie Funde erkennen lassen, wurde die Giesskunst neben Aegypten auch in

anderen semitischen Kulturstaaten des Altertums gepflegt; ganz besonders

hervorragende Meister in diesem Fach müssen, wie uns die Bibel berichtet,

die =Phönizier= gewesen sein.

Im ersten Buch der Könige ist zu lesen, dass König Salomo sich Werkleute

erbat vom Könige Hiram von Tyrus zum Bau der Stiftshütte und zur

Herstellung grossartiger Erzwerke. Unter vielen anderen in Bronzeguss

ausgeführten Gegenständen sind dort genannt zwei eherne Säulen von 18

Ellen Höhe und 12 Ellen Umfang mit Knäufen von 5 Ellen Höhe, dann das

gewaltige »eherne Meer« von 10 Ellen Weite und 5 Ellen Höhe, das auf 12

ehernen Rindern ruhte.

Bei dem lebhaften Handelsverkehr, den die Phönizier mit Aegypten

unterhielten, darf wohl ohne weiteres angenommen werden, dass auch ihnen

dasselbe Formverfahren bekannt war, das man im Nillande so meisterhaft zu

üben verstand.

Den untrüglichen Beweis, dass bereits im Anfange des ersten

vorchristlichen Jahrtausends auch in den =nördlichen Mittelmeerlanden=

das Wachsausschmelzverfahren geübt wurde, hat Schliemann durch seine

Ausgrabungen in =Troja= erbracht.

Unter den Funden Schliemanns, die z. Z. im Berliner Völkermuseum

aufgestellt sind, befindet sich auch eine für den Guss nicht benutzte,

zweifellos im Wachsausschmelzverfahren hergestellte Axtform, deren

Bedeutung man erst erkannte, nachdem sie der Länge nach auseinandergesägt

war.[13]

[13] Abgebildet im Katalog der Schliemann-Sammlung Nr. 6768a. b. und in

»Troja-Ilion« Beil. 46 Nr. VIIIa.

Den griechischen Stämmen blieb es vorbehalten, künstlerisch und technisch

wohl das Höchste zu leisten, das mit Hilfe des Wachsausschmelzverfahrens

zu schaffen überhaupt möglich ist. Doch Funde und schriftliche Berichte

lassen annehmen, dass erst etwa um 600 v. Chr. die Giesskunst einen

höheren Aufschwung genommen hat.

Die Griechen glaubten sogar als Erfinder der Bronzegiesskunst bestimmte

Meister, die Samier Rhoikos und Theodoros, namhaft machen zu können;

möglich wäre ja, dass diese Künstler das Formen und Giessen plastischer

Arbeiten in =Griechenland= eingeführt haben. Die oft mythischen

Darstellungen griechischer Historiker über die Anfänge des Kunstschaffens

sind als entscheidend in solchen Fragen gewiss nicht anzusehen. Die

wichtigsten und zuverlässigsten Nachrichten über die kunsttechnischen

Fähigkeiten der frühen griechischen Zeit danken wir dem Dichter der Ilias

und Odyssee. Zur Zeit Homers, im Beginn des letzten vorchristlichen

Jahrtausends, hatte man es in Griechenland auf dem Gebiete des

Kunstgusses sicherlich noch nicht weit gebracht, denn so eingehend der

Dichter über die mannigfachsten Metallarbeiten berichtet, von Gusswerken

spricht er kaum.

Zweifellos fest steht jedoch, dass man seit dem 6. Jahrhundert v. Chr. in

Griechenland wahre Wunder der Giesskunst geschaffen hat, und wenn auch

aus dieser Zeit Berichte über die Art der Herstellung der Bronzewerke

nicht bekannt sind, so lässt doch wieder die Untersuchung der erhaltenen

Denkmäler darüber nicht im Zweifel. Griechische Gusswerke, deren

Oberfläche nicht durch eine zu starke Oxydation die Beurteilung

erschwert, lassen mit Sicherheit erkennen, dass sie im

Wachsausschmelzverfahren hergestellt sind. Auch hier wie in allen anderen

Fällen sind als kaum trügendes Merkmal die Spuren der Kernstützstäbchen

anzusehen.

Das Wachsausschmelzverfahren gestattet es auch, sehr grosse Bildwerke in

einem Guss, also ungeteilt herzustellen. Obschon nun die erhaltenen

Denkmäler ersehen lassen, dass die griechischen Giessmeister ihre Kunst

in höchster Vollkommenheit beherrschten, dass sie ein vorzügliches

Formmaterial besassen und Metallmischungen herzustellen wussten, mit

deren Hilfe die denkbar geringste Wandungsstärke bei grosser Dichtigkeit

und Festigkeit erreichbar war, so scheinen sie doch stets auch

mittelgrosse Figuren in mehreren Teilen geformt und gegossen zu haben,

die nachher fast unmerkbar aneinander gefügt wurden. Kopf, Arme, auch

Beine, wurden in der Regel für sich hergestellt. Bei einem Guss im Ganzen

würde der Ersatz eines fehlgegossenen Teiles naturgemäss weit grössere

Schwierigkeiten bereitet haben.

[Illustration: Abb. 8. Thürflügel, Dom zu Hildesheim.]

Jahrhunderte lang hat in Griechenland die Erzgiesskunst geblüht. Welch

gewaltigen Eindruck die bronzenen Bildwerke auf Zeitgenossen und Nachwelt

gemacht haben müssen, davon zeugen noch viele Berichte aus dem Altertum.

Auch in =Italien= hat die Erzplastik schon früh geblüht. Dem technisch

erfahrenen Volk der =Etrusker= rühmt man nach, dass es schon um das Jahr

1000 v. Chr. die Bronze als Gussmaterial verwendet habe. Tausende von

Erzstatuen sollen sich in späterer Zeit in den reichen etruskischen

Städten befunden haben.

Unter dem Einflusse der Etrusker und der in grosser Zahl in Italien

angesiedelten Griechen entwickelte sich die Kunst in dem allmählich zur

Weltmacht heranreifenden =Rom=. Auch hier hat der Bronzekunstguss in

hoher Blüte gestanden, allein Griechen scheinen vor allem die ausübenden

Meister auf diesem Gebiet gewesen zu sein.

Obschon nun Plinius ziemlich ausführliche Berichte über die Verwendung

des Kupfers und seiner Legierungen giebt; über die angewendeten

Formverfahren giebt er keinen Aufschluss. Dass jedoch auch in römischer

Zeit das Wachsausschmelzverfahren vorherrschend blieb, darf für alle

komplizierter gestalteten, insbesondere die figürlichen Werke, ohne

weiteres angenommen werden.

Ein grosses Erzwerk aus spätrömischer Zeit darf hier nicht unerwähnt

bleiben, weil es als das älteste bis in unsere Zeit erhaltene grosse

Reitermonument das Vorbild für zahllose gleichartige Denkmäler späterer

Jahrhunderte geworden ist: der Marc Aurel auf dem Kapitol in Rom (Abb.

7).

Welche Rolle die Bronze schon in vorgeschichtlicher Zeit auch im

=nördlichen Europa= gespielt hat, ist allgemein bekannt. Wann aber diese

Metalllegierung an die Stelle des primitiveren Steinmaterials getreten

ist, und wie weit die Gewinnung und Bearbeitung im Lande selbst geschah,

ist eine durchaus noch nicht völlig gelöste Frage. Zweifellos setzen die

in nordischen Landen gefundenen Bronzearbeiten eine hochentwickelte

Gusstechnik voraus und die Annahme, dass seefahrende Mittelmeervölker,

vielleicht die Etrusker, die fertigen Gegenstände dorthin verhandelt

haben, gewinnt dadurch an Wahrscheinlichkeit.

Nachdem der die Länder Europas durchtobende Sturm der Völkerwanderung

sich gelegt hatte, versuchte man zunächst in =Byzanz= die künstlerischen

und vor allem die technischen Ueberlieferungen der Antike weiter zu

pflegen.

Im 5. Jahrhundert n. Chr. wurde im Auftrage des Papstes Leo I. eine

beinahe lebensgrosse sitzende Figur des Apostels Petrus von einem

byzantinischen Künstler in Bronze gegossen. Im 6. Jahrhundert soll Kaiser

Justinian einem Römer Eustachius den Auftrag zum Guss einer Säule mit

seinem Reiterstandbild in kolossaler Grösse erteilt haben.

In Barletta in Apulien ist noch eine sehr grosse formlose Bronzestatue

erhalten, die im 7. Jahrhundert von dem Griechen Polyphobos in

Konstantinopel gegossen wurde und die den Kaiser Heraclius darstellen

soll.

Auch im westlichen Europa ist zweifellos seit der Antike die Ausübung der

Giesskunst, und, wie angenommen werden darf, auch die Kenntnis des

Wachsausschmelzverfahrens, nie unterbrochen worden. Wenn man sich zuerst

vielleicht allein auf die Herstellung von Bronzegegenständen beschränkt

haben wird, die dem praktischen Gebrauche dienten, so wird doch

berichtet, dass bereits im 7. Jahrhundert in St. Hilaire zu Poitiers ein

ganz hervorragendes Gusswerk vorhanden gewesen sei: ein Lesepult, das aus

einem Adler auf einem mit den Evangelistengestalten geschmückten Sockel

gebildet war.

Unter Kaiser Karl d. Gr. entstanden auch in =Deutschland= die ersten

grösseren Erzgusswerke.

Einhard berichtet uns von der Giesshütte, die der Kaiser in Aachen hatte

errichten lassen; und es ist durchaus wahrscheinlich, dass die noch im

Aachener Münster erhaltenen Thüren und Gitter jener Werkstatt entstammen.

Möglich ist auch, dass die kleine aus dem Metzer Dome stammende, jetzt in

Paris befindliche viel umstrittene Reiterstatuette des Kaisers Karl in

der Aachener Giesshütte ausgeführt wurde.

Gewaltige Bronzegusswerke neben köstlichen kleineren Erzarbeiten sind im

11. Jahrhundert in Deutschland ausgeführt worden. Wenn auch zunächst

Monumente zur Aufstellung auf öffentlichen Plätzen nicht geschaffen

wurden, die grossartigen zur Zierde der Gotteshäuser bestimmten Werke

sind jenen in dieser Zeit gleich zu rechnen und die dabei angewendeten

Herstellungsverfahren sind darum etwas näher zu betrachten.

Hildesheim war unter dem grossen im Jahre 1022 gestorbenen Bischof

Bernward die hohe Schule der Kunst, nicht nur für die deutschen Lande,

hier entstanden auch die ersten im höchsten Sinne monumentalen Werke

deutscher Erzgiesskunst.

Technik der Bronzeplastik · 第 2 / 12 段