Die Stadt droben war mehr Mauer als Stadt. Sie bestand nur aus einer

Straße, und der Weg führte zwischen zwei Reihen offener Häuser

hindurch. Die meisten dieser Häuser waren Garküchen. Ein Koch rief

vorübergehenden Chinesen seine Speisekarte zu. In den großen dunklen

Räumen saßen viele Männer und aßen. Hunde fielen uns an. Die Pferde

kümmerten sich nicht um sie. Wir ritten quer durch den Ort und zum

andern Tor wieder hinaus. Die Steinplattenschlange des Weges stieg

ins Tal und wand sich über sachte Hügel lang zwischen Äckern und

bewässerten Reisfeldern hindurch in die Ferne hinein. Mächtige

Ehrenbogen aus Stein standen Spalier. Weit hinter den Hügeln sah

man noch einigemal diese Pforten am Weg ihre bizarren geometrischen

Formen errichten. Ein großes Grabmal, ein steinerner Halbbogen, an

dessen beiden Eingängen auf baumhohen dünnen Säulen zwei Hunde Fos

mythologisch bös in die Landschaft schauten, war zwischen schlammigen

Reisäckern hochgehoben. Mitten in den Sumpf der Äcker hinein

drückte sich ein einsamer großer Bauernhof. Eine Herde ungetümer

schwarzer Wasserbüffel trieb sich in ihm herum und äugte uns mit

blutunterlaufenen Augen bös an. Man sagt, die Wasserbüffel könnten

den Geruch der Europäer nicht vertragen. Zwischen den Ehrenpforten

wurde eine blaue Sänfte den Berg hinangetragen. Von Weile zu Weile zog

ein Transport mit Maultieren dahin. Am Weg rasteten vier Kulis, die

europäisches Baumwollzeug nach Tsöngtu brachten. Sie trugen an jedem

der beiden Enden ihrer Stangen zwei Zentner. Sie hatten noch zehn Tage

Weg vor sich und gaben uns lachend Bescheid.

Ein anderes Mal ritten wir über eine Höhe in ein Tal hinab. Von oben

sahen wir in der Tiefe kleine Pagoden aus allerlei verschachteltem

Bauwerk und aus Bäumen aufsteigen. Das war der Garten einer Gilde, zu

dem wir wollten. Es war der Kuei-Hua-Jü, der Garten der Zimtblume. Im

Sommer veranstalteten dort die Mitglieder der Gilde ihre Festmahle.

Aber heute war er fast leer. Man kam durch weite Gebäude in den

Garten. Die Gebäude hatten Hallen und kleine Räume, Altäre und schöne

Möbel. Die Türen, Füllungen und Fensterrahmen waren geschnitzt und

vergoldet. Der Geist des chinesischen Schönheitsgefühls hatte jeden

Winkel beatmet.

Dann kamen wir unter der kleinen Pagode in den Garten, in einen

Garten, in dem die Sträucher in die Formen von Fischen, Reihern und

Schmetterlingen gefügt waren. In der Mitte lag ein Teich. Sein Wasser

schimmerte wie heller Grünspan, und Lotospflanzen betteten sich

auf den grünen Teppich. Eine durchbrochene Mauer umgab den Teich.

Bäume wuchsen durch die Löcher und bogen sich über das Wasser. Die

blätterlosen Bäume der La-me-hua, der Blume des letzten Monats, waren

mit kleinen gelben Sternchen wie bestreut und dufteten in schwüler

Süße durch die Winterluft. An den Pflaumenbäumen rundeten sich schon

die Knospen.

Pavillons standen um den Teich. In dem großen spielten erregte Trinker

jauchzend und brüllend mit einem Händespiel um Reiswein. Wer verlor,

mußte trinken. Ist das nicht eine viel richtigere und aufrichtigere

Art zu wetten? Sie hatten alle rote Gesichter und bebten, wie mit

Lebensfreude angestopft. Wir setzten uns in ein kleines, zierliches

Häuschen über dem Wasser, und unsere Diener, die wir herbestellt

hatten, kochten im Garten in einer Kiste das Mahl.

Auch in die jähen Gebirgszüge, die am andern Ufer des Jangtsekiang

lagen, trugen uns die Pferdchen. Sie fuhren vor uns in einem Kahn

hinüber. Ihre kleinen Köpfe reichten grade über die Schiffswand.

Sie standen nebeneinander und schauten mit halb erbosten, halb

erstaunten Augen in die Wirbel, die am Bug auftrieben und das Wasser

hochspritzten. So oft ein Guß kam, erschraken sie, traten feindselig

ineinander und wieherten sich wütend an, als ob sie glaubten, daß

eines das andere bespritzt hätte.

Wir ritten die Steinplattenwege hinan, die oft wie schmale hohe

Stege die Reisfelder durchquerten und an der Kanalisierung der

Äcker mithalfen, oft sich um Schluchtenränder hinaufwanden und in

lange Treppenaufstiege ausgingen. Die Pferdchen kletterten, bis sie

der Atem verließ. Dann blieben sie mit schlagenden Flanken stehen

und waren nicht weiterzubringen. Die Tiere gaben ihr Äußerstes her.

Sie auch durchdrang die Atmosphäre dieses Landes. Sie waren wie die

chinesischen Arbeiter, die das Gefühl des Einordnens in ihre Aufgabe

mit einem Pflichtbewußtsein durchdrang, das Rasseninstinkt geworden

war. Trieb man die Pferde über ihr Maß weiter, so versagten sie. Sie

gingen unsicher, glitten und fielen, und die Abgründe schienen sie

schwindlig zu machen. Die Pferdeknechte, die das Tier nie verlassen,

auch wenn der Reiter davongaloppiert, haben ein sicheres Gefühl für

die Leistungsfähigkeit ihrer Tiere.

Ich hatte diesmal ein braunweiß geflecktes Pferd und mußte bald zu

Fuß weiterklettern. Es hatte das Steigen etwas verlernt. Die leichte

Gre ritt auf ihrem Ledergelben bis auf den Sattel der Berge, wo

ein Europäer sich und seiner Familie ein schönes Sommerhaus gebaut

hatte. Wir waren Gäste dieses Bungalows. Die Dame des Hauses war eine

Chinesin. Sie war von einer schwärmerischen Weichheit und hatte die

zarte Scheu einer Winde.

Wir stiegen in die Dunkelheit hinab wieder dem Fluß zu. Jenseits

lag die Stadt über ihre Berge ausgebreitet, wie ein Sternenhimmel.

Die Pferde kletterten vorsichtig hinter uns. Ihre Hufe schlugen auf

die Steinfliesen. Wir hatten Angst, nicht mehr vor Schluß der Tore

hinüberzukommen, und beeilten uns. Aber das letzte Tor fanden wir

noch geöffnet, als wir drüben ankamen. Wir sprangen auf, und die

Pferde galoppierten gleich in die finstern Gassen hinein. Die Menschen

wichen wie in mechanischer Funktion immer im letzten Augenblick aus.

Die Tiere sprangen ungehemmt die dunklen Treppen hinan. Die Mafus

liefen lautlos hinterher. Die Gassen schlossen ihre Läden, löschten

ihre Lichter. Wir sprengten auf den kleinen Tieren heiß in die enge

Finsternis hinein. Der Huf fühlte jede Stiege, die heimtückisch

einzeln in der Dunkelheit durch die Gasse ging. Die Steine klapperten

eilig hinter uns. Die Pferdchen setzten hastig die letzte Treppe vor

unserm Haus hinauf. Ein Mafu rief etwas. Das Tor öffnete sich wie von

selbst, und wir ritten bis an die helle Haustür. Gre gab ihrem Gelben

einen Kuß auf die im Flurlicht rosig leuchtenden dünnen Nüstern.

Der helle Kopf glitt mit entsetzten Augen schnell zurück in die

Nacht. Mein Abschied von dem Gefleckten fiel derber aus. Er tänzelte

erschrocken und rasch zum Tor zurück dem Gelben nach.

FESTESSEN

In einem langen schmalen Raum eines chinesischen Hotels stand ein

langgezogener schmaler Tisch. Wir Europäer waren um fünf Uhr gekommen.

Ein Haufen von festlich gekleideten Chinesen in reger Stimmung

schwärmte uns mit Verneigungen entgegen. Alles war schmucklos und das

Tuch auf dem Tisch etwas unsauber. Wir waren vier Europäer, die an dem

Mahl teilnahmen, die chinesischen Gäste waren etwa fünfundzwanzig,

lauter Kaufleute, die in irgendeinem Zusammenhang mit den Kompradoren,

den Geschäftsvermittlern der beiden deutschen Firmen Tschunkings

standen. Einer der Kompradore hatte zum Festessen eingeladen. Wir

waren mit zahllosen Verbeugungen an unsere Plätze geführt worden.

Um mich, rechts und links, saßen zwei wohlbeleibte, schöne Männer.

Der eine war schon bei Jahren und hatte graue Haare auf seinem

schmalen Kopf und ein edles Gesicht. Er trug einen dunkelgrauen Rock

aus Seide. Der andre, dessen Sutane aus einem blauen schillernden

und blumendurchwirkten Seidendamast war, schien ein lebenslustiger,

genießerischer Mensch zu sein. Er wußte auch gleich einen

"Pidgin"-Satz zur Begrüßung, und ich antwortete. Der Alte verbeugte

sich dreimal und schüttelte sich selber die Hände. Dann warteten

beide, bis ich saß und setzten sich auch.

Unten am Tisch zwischen Chinesen saß ein seideaufgeputztes

Singmädchen. Die Chinesen brachten es heran an das Tischende, wo wir

Europäer waren. Es zierte sich ein wenig. Der dicke Lebenslustige

aber zog lachend seinen Stuhl zurück, schob dem Mädchen einen andern

hin und drückte es zu mir. Nun saß es da. Es hatte ein breites,

gewöhnliches Gesicht mit schönen stahlgrauen Augen. Seine Haut war

gepudert, und rote Scheiben waren lebhaft auf seine Wangen gemalt.

Sein Teint hatte dadurch den etwas kalten Schmelz einer rotbetupften

Lilie. Dieses Schminken war nichts Unangenehmes; dadurch, daß es nicht

zum Wegtäuschen von Mängeln gemacht ward, sondern nur wie zur Erhöhung

der Feierlichkeit, war es Stil und gab der Frau einen Reiz, dem

sozusagen das Persönliche genommen ward. Es ist Uniform, eine Maske.

Es sagt: Ich bin eine Frau! Einerlei, was und wie ich sonst bin: eine

Frau!

Das Mädchen saß neben mir. Es sprach kein Wort einer andern Sprache

als der ihrigen, und meine Kenntnisse des Chinesischen langten noch

nicht zu galanter Unterhaltung. So schwiegen wir und schauten uns

an. Wir suchten das Fremde einer im Gesicht des andern. Wir schauten

uns wohl so an wie zwei Pferde, wenn vor fremder Tür ihre Mäuler

aneinanderstoßen. Ich lächelte und sie lachte auf einmal, als ob ich

etwas sehr Komisches wäre. Sie lachte und drehte sich weg, schaute

wieder und lachte wieder, indem sie sich abwandte. Ihr Kleid und

ihre Hosen waren aus einer schönen Seide, sehr hellgrün und mit

verschlungenen, eingewebten Quadraten und Punkten gemustert. Wie das

Gesicht, war auch die Gestalt, kurz und etwas derb. Aber ihre Hände

waren schön und in ihren Bewegungen heiß wie verzauberte Blumen.

Allmählich hatten wir uns genug angeschaut, und das Mädchen glitt mehr

zu dem lebenslustigen Chinesen hinüber.

Da kamen drei andere Mädchen durch die Türe herein. Sie wurden

laut und lachend begrüßt. Sie kamen herein, als hätten sie,

verschiedenfarbige Astern, grade ihre Beete verlassen. Sie waren

winzig und zart, die eine in rosenfarbenen Hosen und Jacke, die andere

vergißmeinnichtblau und die dritte dotterblumengelb. Sie hatten auch

alle drei ihre Gesichter weiß und mit roten Scheiben geschminkt,

die Haare glatt und schwarz fest an den Kopf gekämmt, und ein flach

anliegendes Büschel Haare über die Schläfen gelegt. Rote Blumen staken

im Haar und grüne Nephritspangen. Die Chinesen brachten die Mädchen

zu den andern Europäern. Die Mädchen scheuten erst sehr, setzten sich

dann aber. Bald jedoch kam noch eine fünfte Chinesin. Sie hatte ein

kleines, fünfjähriges Mädchen an der Hand, ein kleines, dickes Kind

mit aufgeblasenen Backen, gekämmt, geschminkt und gekleidet wie die

andern, ein Dirnchen in Kinderschuhen, eine Schülerin der Liebe. Sie

wurde angelernt.

Als sie hereintrat und der dicke deutsche Kaufmann mit seinem guten

unverehelichten aber sehnsüchtig gebliebenen Herzen sie liebevoll

begrüßen wollte, flog sie zurück wie vor einem Teufel und begann zu

heulen. Die Frau, die sie mitbrachte, zog sie auf den Arm. Diese

Frau war schlank und mager, in grauem Kleid, mit einem schmalen und

schönen Kopf und harten großen Augen, die flach waren und wie kalte

geschliffene graue Achate glänzten. Sie beruhigte das Dirnchen rasch.

Die Mädchen setzten sich alle in eine Ecke zu einem Violinspieler.

Dann begann die Kleine zu singen. Sie sang mit hoher dünner Stimme

zu dem Gekreisch der schlechten Violinsaiten, und wenn sie nicht

weiterkam, half ihr die Graue. Sie sangen darnach alle, überhell und

laut, und zogen die Melodien wie Gummibänder lang auseinander. Es

war ein eintöniges, hochgespanntes Aufheulen in den höchsten Noten,

die menschliche Stimmbänder sich abzwingen können, ein fistelndes

kreischendes Psalmodieren. Wir verstanden es nicht. Es war ein Singen

von Geistern, die einen Sturm übertönen wollen, hexenhaft fremd,

ohne jemals in einem beruhigenden Wohllaut abzusetzen, aufregend und

peitschend.

Die Mädchen waren endlich fertig mit Singen und die Tischgesellschaft

rief laut durcheinander: cha, cha! Im selben Augenblick wurde der

Tisch gedeckt. Vor jedem lagen Ebenholzstäbchen mit silbernen Spitzen,

ein mit Blümchen bemalter Porzellanlöffel, eine Schale und ein

Täßchen. Dann kam der erste Gang, worauf auch der Wirt des Hotels am

Tisch Platz nahm.

Der Festgeber hob seine Eßstäbchen in der Hand hoch, verbeugte sich

vor der Gesellschaft nach rechts und links und forderte zum Nehmen

auf, indem er mit den Eßstäbchen auf die Schüsseln zeigte. Er lachte

verbindlich und legte dem rothaarigen europäischen Nachbar etwas auf

den Teller. Der Bayer (der vierte europäische Gast) schaute ihn wütend

an. Er sagte auf deutsch: "Leg' mir eine Kalbshax' hin, Schinees! Gut!

Aber euern Dreck freßt selber." Ich schaute ihn an. Der dicke deutsche

Kaufmann schaute ihn an. Der Genfer schaute ihn an. Der rothaarige

Europäer hielt das für eine harmonische Zustimmung. Er lachte und

sagte: "Seine Schweinsborsten kann er mir verkaufen. Aber mit diesen

Schweinereien soll er mir vom Leibe bleiben."

Mein alter Nachbar verbeugte sich gegen mich, indem er seine Stäbchen

hochhob und mir von dem ersten Gericht auf den Teller legte. Ich

dankte ihm und tauschte mit dem lebenslustigen rechten Nachbar einen

höflichen lächelnden Gruß zu Beginn und gutem Appetit aus. Die Diener

brachten Zinnkrüge. Sie waren mit warmem Reiswein gefüllt. Jeder

Gast hatte eine Schüssel vor sich und ein kleines Weintäßchen. Die

Nachbarn bedienten mich auch mit dem warmen Wein. Der rothaarige

Europäer sagte lachend: "Ich muß doch sagen können, ob's besser ist

als unser Spaten." Er spuckte den Wein gleich hinter sich auf den

Boden und wollte einen Anfall bekommen. Wir andern verdoppelten die

Liebenswürdigkeit gegen unsere Gastgeber. Aber die Chinesen taten, als

ob sich der Gast nicht im geringsten schlecht benehme. Sie tauschten

lächelnde, verbindliche Gespräche mit uns aus.

Alle zehn Minuten kamen Leute und brachten Stöße von heißnassen

Handtüchern, in die jeder sich Gesicht, Kopf, Nacken und Hände abrieb.

Da gab's drüben bei unserm Landsmann wieder etwas. Ich hatte nicht

gesehen, was geschehen war. Aber der Genfer sagte ihm: "Stellen Sie

uns bitte nicht bloß. Wenn Ihnen nichts von dem Essen paßt, so können

Sie ja nach Hause essen gehen. Sagen Sie, Sie seien krank." Ich

wurde auf die Sache aufmerksam, weil der Nachbar, während er mir die

Handhabung der Stäbchen zeigte, ohne aufzublicken oder einzuhalten

doch auf etwas anderes aufzupassen schien. Ich sagte ihm auf englisch:

"Ich danke Ihnen. Jetzt bin ich bereit, Chinese zu werden, da ich

nun auch diese Kunst kenne. Bis dahin wäre ich verhungert." Er aber

antwortete mir plötzlich lachend in gutem Deutsch: "Oh, weshalb!

Chinesisches Leben ist schlechtes Leben." Ich erschrak ein wenig, in

dieser fremden Anstalt so unerwartet diese Sprache zu hören. Er lachte

ungemein liebenswürdig und legte mir geschäftig mit seinen Stäbchen

schöne fette Schwämme in meine Schüssel.

Die Gerichte folgten sich rasch und zahlreich. Alle zehn Minuten kommt

ein Diener mit brennend heißen feuchten Handtüchern, in die man das

Gesicht badet. Die Singmädchen gingen zwischen den Gästen umher,

gossen ihnen Hirsewein ein und reichten ihnen Speisen mit den Stäbchen

in den Mund.

Das fünfjährige Dirnchen saß mit seinen dicken, hellgeschminkten

Backen, den fünf roten Tupfen auf Stirn und Nase, seinem farbigen

Seidenkleidchen und den Blumen im Haar wie ein aufgeplusterter Vogel

zwischen zwei Männern, die sie fütterten. Die Graue kam zu mir. Sie

hob mit ihren Eßstäbchen einen Streifen des gewürzten Jünanschinkens

hoch und schob ihn mir in den Mund. Sie schaute mich kalt und frech

an. Ich lachte. Da ging sie wieder, ohne ein Wort gesagt zu haben. Als

sie hinter dem Stuhl des schwitzenden Bajuvaren vorbeischritt, blickte

sie auf dessen dicken roten Kopf hernieder, verschnitt ihr Gesicht

zu einer ganz flüchtigen verächtlichen Grimasse und sagte im Lärm

der Gespräche und des Gejohls, wie von der Höhe einer Pagode herab

für sich: "Rote Schweinsborsten!" Der Genfer verhandelte mit einem

"schroff" des Gastgebers. Er wollte eines der Mädchen mitnehmen. Aber

es gelang ihm nicht. Sie wären jedem Chinesen sofort zu Willen gewesen.

Er sprach mit dem Mädchen selber. Es rief laut: "Er zwickt mich in den

Hintern!" und ging lachend von ihm.

Der warme Hirsewein rötete die Köpfe. Das Tischtuch war begossen

von ihm. Die Speisen drängten sich. Ich habe mir einige Dutzend

Gänge gemerkt. Das Essen begann mit gefüllten "Taschkerln", die

auf chinesisch den Namen eines Körperteils tragen, den man in

Gesellschaft nicht erwähnen darf. Mit diesen Taschkerln kamen

gutschmeckende süße Kuchen. Der zweite Gang, der eine feststehende

Einrichtung chinesischer Gastmähler war, bestand eigentlich aus

sechzehn verschiedenen Gängen, die alle zugleich auf den Tisch

gesetzt wurden. Es waren: trockene Fische, Huhn, Ente, Schinken,

Wurst in Scheiben, Geflügelleber, überzuckerte Gurken und Kürbisse,

kandierte Pflaumen und Birnen, kalte Pilze mit Lauch, Oliven, Algen

in Sauce, Kastanien, eingemachter ungekochter Kohl und die berühmten

in der Erde schwarzgebeizten Enteneier, die für den europäischen

Gaumen kein großes Fest, aber doch nicht übelschmeckend waren.

Darnach folgten Krabben in Tunke, ein nächster verband Krabben mit

Bambussprossen. Nun kam eines der berühmten und teuern Gerichte,

eine der Nationalfeinschmeckereien, die reiche Leute in ganz China

auf ihrem Tisch lieben: eine Art weißer Pilze, die in Ssetschuan

zu Hause waren. "Sie kosten 60 Mark das Pfund", sagte mein für

derlei Dinge eingenommener Nachbar. Auf die Pilze folgte die andere

Nationaldelikatesse: Haifischflossen. Bambusmark in Brühe, gebackne

Fischstückchen, "Moos der tausend Jahre" in einer Brühe, fette Enten,

Lotoskerne in süßer Tunke und ein Haufen solcher Dinge, die eine für

unsern europäischen Gaumen zu subtile flüchtige Fremdheit besaßen.

Diener stellten schöne große Kupferkessel auf den Tisch, in denen

Wasser siedete. Um die Kessel herum wurden im Kreis verschiedene

Sachen auf Schälchen angeordnet: zerschnittener Salat, zweierlei

roher Fisch und Nieren in feinen Scheiben, Pommes de terre paille

und rohe Kartoffelstreifen, Lauch, eine dicke Sauce aus Pflaumen und

Bohnen, und daneben wurde auf ein Tellerchen ein Häuflein abgezupfter

Blumenblätter der weißen Aster gelegt. Das war der "Djue hua go", der

Asterntopf. Die Gäste leerten ihre Weintassen in den Feuerbehälter

unter dem Kupferkessel, zündeten an, und als das Wasser fest wallte,

warfen wir alle die kleinen Dinge hinein, zum Schluß kamen die

Asternblätter. Nach einer Weile war die Suppe fertig. Man füllte seine

Schalen und aß es mit Porzellanlöffelchen, und es war, als ob man

einen herben feinen Blumenduft äße.

Die Chinesen sind Feinschmecker wie die Franzosen und haben ein wenig

deren Art im äußern Anrichten von Genußmitteln. Sie lieben, auch in

den armen Häusern, das kleine Vielerlei, flüchtige pikante Dinge, und

nirgends in der Welt kann man Geflügel so braten wie in China. Es

wurde noch Rindfleisch gegeben. Das hätte früher kommen sollen. Aber

aus Artigkeit gegen meinen vornehmen Nachbar, der aus Ningpo war, wo

man das Fleisch des Rindes nicht aß, weil es in menschlichem Dienst

arbeitet, war es außerhalb der Reihe gestellt worden. An seine Stelle

kam dann, in einer Verdoppelung der Aufmerksamkeit, Reis. Niemand

aß mehr. Die Mädchen waren schon aufgeregt und spielten mit einigen

Gästen die chinesischen Fingerspiele. Aus Höflichkeit aß er ein paar

Körner.

Ein Mädchen kam zu ihm. "Trink mit mir, Großpapa", sagte sie und hob

ihr Weintäßchen. Er gab ihr ernst und reserviert Bescheid und füllte,

indem er sich verneigte, meine Tasse mit Lau dsiu.

Sie spielten schon alle am Tisch mit den Mädchen. Sie spielten das

"Hua dsuan". Die zwei Spieler schlagen sich durch die Luft dreimal

die Hand entgegen, das drittemal läßt jeder eine Anzahl von Fingern

herausspringen und ruft zugleich eine Zahl. Stimmt diese Zahl mit

der Summe der von beiden Händen zugleich gezeigten Finger überein,

so hat er gewonnen. Bei diesem Spiel erregten sich rasch die Hände

der Männer und Frauen, wie edle feine Tiere. Sie gerieten aus der

ruhig- und anmutigedlen Feierlichkeit ihrer schlanken Länge in

eine leidenschaftliche Heftigkeit. Ein Spieler suchte den andern

irrezuführen. Die Finger flogen beim dritten Niederschlagen aus

der Hand wie Vögel, schwebten und stürzten kopfüber wieder in die

Faust, richteten sich allmählich lauernd nacheinander halb auf und

sprangen im Augenblick, da der Arm ganz ausgestreckt war, plötzlich

grad und steif, während von geschwungenen Lippen heftig die Zahl

fiel, die gewinnen sollte. Oft spielten zwei Hände dreißigmal rasch

hintereinander dies Spiel, ehe ein Mund die richtige Summe schrie, und

dann toste der Jubel heiß los, und alle brüllten durcheinander während

der Verlierer hastig den Wein hinunterstürzte und hastig von neuem

begann.

O diese wunderbaren Hände! Diese Märchen der Schöpfung, die über ganz

China gebreitet waren und keinen Unterschied zwischen Arm und Reich

machten. Diese Blumen, die aus ewig jungen urhaften Gedanken wie aus

Blumengärten gewachsen waren! Bei uns waren sie einst verflüchtigende

Schönheitsträume verliebter gotischer Madonnenmaler. Hier wachsen sie,

fleischgewordene Gedanken über tausend Jahre alter Schönheit, durch

ein Land von Hunderten von Millionen Menschen.

Ich saß da, spielte mit und genierte mich meiner Tatzen und schaute

immer und immer. Diese Hände waren fremde Orchideen. Ich glitt an

ihnen immer ferner aus dem Kreis der Chinesen und wurde immer fremder.

Und dennoch gab es einen unter uns, der, obschon flachäugig und mit

aufgereckten Backenknochen, noch fremder in dieser Gesellschaft

zu sitzen schien als ich Luxemburger, das war der "Laupapa" neben

mir, der alte graue Mann aus Ningpo, der diese Ssetschuanchinesen

verachtete und haßte.

[Illustration: Ssetschuanesische Händlerinnen]

[Illustration: Fahrt zu Markt]

DER SCHIN TAN

Wir waren einen Monat in Tschunking. Dann wurde das Hausboot, das in

der ganzen Zeit im Kiating, inmitten eines Rudels ruhender Schiffe

festgelegt war, in Ordnung gebracht, und eines Morgens begann die

Talfahrt.

Die erste Hälfte des Rückwegs ging rasch und glatt. Der Mast war

abgenommen und an der Seite festgebunden worden. Es wurde nur

gerudert. Die alten Kulis, mit denen wir die lange Fahrt den

Jangtsekiang heraufgemacht hatten, waren nicht mehr da. Die neuen

Ruderer schienen nicht so gut, es waren zu junge Knaben und zu alte

Männer und Faulpelze dabei. Sie waren nur mehr zu zwölf. Der Laopan

wollte Geld schinden. Er bezahlte jedem Kuli für die ganze Reise zu

Tal etwa anderthalb Mark. Es kam ihm teuer zu stehen.

Am sechsten Tag der Reise hatten wir schon weit über die Hälfte des

Wegs hinter uns, und wir dachten, in drei Tagen in Itschang sein zu

können. Da kam aber auf einmal Sturm den Strom herauf. Die Talenge

faßte den Wind heftig zusammen und er schlug wie durch ein enges Rohr

eingepreßt auf uns. Die Ruder setzten sich bald nicht mehr durch gegen

ihn. Der Wind trieb das Schiff langsam immer nur wieder von einem

Ufer zum andern, die Leute mochten sich in die Ruder werfen, wie sie

wollten. Wir lagen halbe Tage lang am Ufer. Ich schoß Wildenten und

Reiher, die in großen Trupps von Ufer zu Ufer flogen, und ging, die

Flinte auf dem Rücken, mit Gre zu den Bauernhöfen, in die Berge und in

die vereinsamten Bergbefestigungen hinauf. Verwilderte Orangen hingen

klein und golden an den grünen Bäumen in der grauen harten Luft, und

die winterliche Ackererde war unter den Schritten weich und zäh wie

Teig.

Die Ruderer gewöhnten sich rasch an dieses träge Leben. Als am zehnten

Tag der Wind schwächer wurde und wir auf die Weiterreise drangen,

ruderten sie so faul, daß das Schiff nicht voran kam. Rund um uns

gingen die Dschunken zu Tal. Ich zeigte auf sie. Die Kulis sagten, sie

kämen nicht weiter, weil das Schiff zu wenig beladen sei und im Wasser

keinen Widerstand gegen den Wind habe. Da ließ ich Steine aufladen.

Diese Arbeit ging ihnen wider den Strich. Sie warfen ein paar Steine

auf, fuhren weiter und ruderten bald wieder an Land. Sie gingen gleich

zu einem Haus hinauf, in dem sie sich zum Teetrinken und Plaudern

niederließen. Bei diesem Haus stand ein Bambusbusch. Ich schnitt zwei

feste Stecken und besuchte die Teetrinker. Sie waren im Nu auf dem

Schiff. Wir kamen dann gegen den Wind an.

Ein roter Engländer, Mr. Joney Nutknacker, der zufällig mit uns von

Tschunking weggefahren war und der auch nach Itschang wollte, ließ uns

nicht locker. Er fuhr in einem kleinen mit Matten eingedeckten Wupan

mit drei Ruderern. Es regnete hinein, und die Wellen spritzten sein

Bett mit Wasser voll. Infolgedessen hielt er sich mit Vorliebe auf

unserer trockenen und gewärmten Kwaze auf.

Auf dem chinesischen Fluß · 第 14 / 15 段