Unsere Ruderer waren jetzt sehr fleißig. Sie ruderten und sangen

dazu. Einer sang vor. Das war der Kuli Nr. 1. Er war einer jener

großen ungeschlachten Ssetschuanesen, die die gewaltsame Brutalität

der Tataren in ihrem Äußeren bewahrt hatten. Er war ein Hunne, ein

Menschenschlächter, so wie er aussah. Und er war doch vielleicht

ein liebenswürdiger und gutmütiger Mann. Die Ohrfeigen, die unser

kleiner Diener ihm schenkte, weil er einmal kein Badewasser für uns

warmgemacht hatte, steckte er jedenfalls als wohlverdient ein, obschon

er den Boy mit einem Schlag seines breiten Kinns von oben herab hätte

zermalmen können.

Dieser gutmütige Hunne sang also vor, und die andern holten jedesmal

mit "Hejo, haija ... haija, haija!" ab und ließen die zwei großen

Wriggruder im Takt dieses Refrains gehen, während ihre blauen Lumpen

um die Körper tanzten. Der Singkuli sang:

Der Mandarin aus dem Tugendland und seine Frau fahren drinnen sehr

warm und haben gut essen.

Und die andern riefen singend im Chor: Hejo, haija ... haija, haija!

Die Kwaze geht schnell. Sie kommt von Tschunking und hatte fünf Tage

Wind. Wenn der Wind aufhört, sind wir in zwei Tagen in Itschang.

Hejo, haija ... haija, haija!

Unsere Kwaze ist schön. Aber der Wupan, in dem der fremde Mandarin

fährt, ist schlecht.

Hejo, haija ... haija, haija!

Der fremde Mandarin im Wupan ist schäbig. Aber unserer ist reich. Er

hat uns heut mit dem Bambus geschlagen. Wir waren faul und verdienten

die Schläge wohl.

Hejo, haija ... haija, haija!

Der im Wupan hat rote Borsten auf dem Kopf, wie die hellen Schweine.

Die Frau unseres Mandarins hat ein schmales Gesicht und ein schönes

kleines Kinn wie eine Kastanie. Sie ist schön und gibt uns Apfelsinen

und Medizin. Ihre Nase ist so schmal wie ein Sonnenblumenkern.

Hejo, haija ... haija, haija!

Schnell, schnell, wir wollen uns von den Dschunken nicht überholen

lassen und der fremde große Herr will bald in Itschang sein. Der

fremde Mandarin ist so dick, wie ein Gott aus Gold.

Hejo, haija ... haija, haija!

Der Vogel fliegt mit uns und will Fische fangen. Der fremde Mandarin

hat ein Bumbum und kann ihn töten.

Hejo, haija ... haija, haija!

Weshalb tötet er ihn nicht? Er gäbe uns den Leib und wir könnten das

Fleisch in unserm Reis kochen.

Hejo, haija ... haija, haija!

Unser fremder Mandarin ißt nur den Leib der Wildenten und reißt den

Reihern die Federn aus der Brust. Wir essen alles im Reis, Weih und

Reiher. Es ist gut.

Hejo, haija ... haija, haija!

Es wird Abend. Schnell, Ruderer, wir legen an und bekommen Reis!

Hejo, haija ... haija, haija!

Es ist wohl zu erwarten, daß der fremde große Herr uns etwas gibt

in Itschang. Vielleicht zweitausend Käsch. Dann bekommt jeder

hunderfünfzig Käsch. Dann geh' ich zu den Mädchen. Aber der Huang muß

nach Haus. Ihn holt seine Frau ab.

Hejo, haija ... haija, haija! brüllten alle lachend dem Huang zu.

Huang war mindestens siebzig Jahre alt.

Der Mond scheint. Wir rudern durch sein Licht. Die Mädchen von

Kweitsou fu werden heute Nacht schimpfen. Sie kommen in Kähnen. Aber

der Mandarin nimmt sich kein Mädchen. Er reist mit seiner schönen

jungen Frau.

Hejo, haija ... haija, haija!

Nur der Rotborstige bleibt den Mädchen von Kweitsou fu.

Hejo, haija ... haija, haija!

Der Rotborstige ist aber ein Geizhals. Er fährt in einem Wupan für

achtzehn Tael. Und als es gestern regnete, wurde sein Bett naß ...

schnell, schnell! sagte er auf einmal, wie von außen einen Riegel

vorschiebend. Er war schon etwas zerstreut, denn der Reis duftete aus

dem Kübel. Auch der Chor sang nur mehr zum Teil: Hejo, haija. Viele

drehten sich oft am Ruder um und steckten die Nase in den Geruch, der

aus dem Kochloch heraufkam. Plötzlich hielten sie mit Rudern ein und

stürzten sich über das Reisfaß, das der Koch im selben Augenblick vom

Herde hob.

Eines Tages kamen die Schnellen. Wir flogen eine nach der andern

hinab. Es war ein sausendes Zutalschaukeln. Die Kwaze war noch fester

als sonst in das Stoßen der erregten Ruder gespannt. Der vordere

Steuerbaum flog hin und her. Der Laopan schrie erregt am Hintersteuer

unter dem niederen Dach über das Schiff hinweg. Es war immer alles

auf dem Spiel: Schiff und Leben. Ein Boot, das im Zutalgehn in der

Schnelle scheiterte, war rettungslos und ganz verloren. Die Landschaft

strudelte um uns auf, wild und stark wie die Schnellen.

Dann waren wir eines Morgens am Schin Tan. Der schmale Durchlaß einer

wütenden Schlucht türmte sich über dem Strom auf, dunkel und rauh. Er

engte ihn ein. Der Fluß wird hart und verwegen wie die Landschaft. Am

linken Ufer unterhalb des grauen Städtchens, das droben auf Mauern

und Pfählen steht, lag eine lange Reihe von Dschunken. Ein großer Zug

von Kulis trug ihre Ladung am felsigen Ufer hinab und stapelte sie

weit unterhalb der Schnelle im Sand auf. Dort nahmen die Schiffe

sie wieder ein, wenn die Durchfahrt durch die Schnelle geglückt

war. Einige kleinere Schiffe kamen an diesem Ufer den sprudelnden

Fluß herauf. Die Schnelle war wie ein Wasserfall. Man sah die

heraufkommenden Schiffe nur, bis wo der Mast ins Dach ging. Das sah so

aus, als ob sie gesunken wären.

Am andern Ufer standen einige Häuschen auf einer langen Plattform.

Es schallte Musik von dort herüber, und die Plattform wimmelte von

Menschen, wie ein Fliegenglas voll schwarzer Fliegen. Drüben ist die

Fahrrinne für die größeren Dschunken und für die zu Tal gehenden

Schiffe. Diese müssen zwei Lotsen nehmen, zwei Lotsen für zwei Meter

Fahrt. Manchmal sehen wir eine Dschunke sich von unserm Ufer lösen und

nach der andern Seite rudern. Nach einer Weile stößt sie drüben wieder

hervor, fährt langsam mit dem Rücken voran, der Kante der Schnelle

zu, dreht auf einmal und sinkt in den Wasserfall hinein, springt und

schleudert, kreiselt und taucht und taumelt durch die Wut des Stroms

aufgeregt in wahnsinniger Eile zu Tal.

Von unserm Hausboot zog alles aus, was nicht bleiben mußte. Unser

Diener kam und flehte uns an, wir möchten nicht mit die Schnelle

hinabfahren. Das sei Gefahr fürs Leben. Aber wir gaben ihm die

Handtasche mit dem Geld, den Papieren und Photographien. Dann fuhr

das Hausboot ans andere Ufer. Dort lag auf der Plattform Zug neben

Zug von Ziehern. In der Schnelle unmittelbar am Ufer stand, von sechs

Tauen festgehalten, eine große Dschunke. In den Häusern spielten

Musikanten auf Trommeln, Becken und vielen flehenden Geigen, um die

Zieher anzufeuern. Zweihundert Menschen stemmten sich, auf dem Boden

liegend, in die Ziehtaue. Die aufregende Musik fliegt in sie hinein.

Die Dschunke steckt wie festgerammt, in dem kurzen Wirbel, der

dunkel und glatt, wie ein Bogen aus kochendem Porphyr, mit rasender

Kraft ans Bug schlägt und sich auswärts wölbt. Bis auf einmal ein

kleiner Ruck ins Schiff kommt. Die zweihundert Zieher, die an die

Seile angekrallt liegen, stürzen ein wenig vornüber, aber der kleine

lockernde Ruck ist schon von den Seilen aufgefangen und festgehalten,

und langsam, hartnäckig eisern folgt Ruck auf Ruck. Die Musikanten

fiedeln begehrlicher, die Becken dröhnen ungeduldiger, und die

Trommeln wirbeln, und durch die Muskeln droben rast ein Schauer, Tier

und Schöpfung, finster und ewig, und Maß um Maß unterliegt die Tochter

der Natur und der Willen des Menschen siegt sich hinauf.

Uns schauert ein wenig. Die Lotsen sind grade an Bord gekommen. Zwei

junge dünne Burschen in den reinlichen langen Gewändern der besseren

Klasse. Die Ruderer haben sich alle ausgezogen und ihre Kleider

geborgen. Außer den Rudern wird alles festgebunden. Die Kulis legen

sich nieder und halten sich an. Wir beide werden ins Innere des Boots

eingeschlossen. Aber wir schieben die großen Fenster auf. Das Boot

treibt langsam schräg rückwärts, auf die Kante der Schnelle zu. Wir

sehen sie in tiefem dunklem Bogen ruhig, aber gewaltvoll abstürzen und

dann plötzlich in einem ungeheueren Strudeln und Schießen, Donnern und

Spritzen sich erregen und in heißen Bogenwellen talwärts fliegen, sich

beruhigend.

Wir wissen, daß unter dem wilden Wasser die Felsenhaufen unsichtbar

einen engen Paß bilden, der nicht viel breiter ist als unsere Kwaze.

In diesen Durchgang müssen wir hineinstürzen. Dann glückt es. Mit

einemmal hat uns die saugende Kraft gefaßt. Das Schiff geht etwas

herum, neigt sich in den Wasserfall. Der Lotse hinten am Steuer brüllt

über das Schreien, Fauchen und die Kanonenschüsse des Wassers hinweg.

Wir steigen hinten hoch, wippen über, alles rutscht und stürzt, die

Ufer, die Felsenklötze, die Berggrate, wir im Innern Eingeschlossene.

In schweren Fetzen schlagen die Wellen aufs Schiff herauf. Wir wissen

nicht: ist es Leben oder Tod? Einen Augenblick lang kochen alle

Bewegungen, die es gibt, zugleich mit uns auf.

Wir haben uns ans Fensterbrett festgekrallt. Das Zimmer schwänzelt

wild herum. Die Landschaft schüttelt sich. Das Schiff fliegt,

stolpert, bäumt auf, macht Sprünge wie ein Karpfen außerhalb des

Wassers und dreht sich, wie kreisend zu Tal rollende Felsen, ins

Gewoge zurück. Unter unsern Augen saust und stockt das Wasser,

schleudert auf, bohrt und windet sich und schießt geradeaus. Wir sehen

die Kulis über die Ruder herfallen, das Schiff richtet sich auf und

noch durchtobt uns das feurige Flammen dieses wehrlosen verwilderten

Sturzes, so gleiten wir schon eilig wie in gutem Wind mit wohligem,

ebenmäßigem Schaukeln mitten im Fluß zu Tal. Am Ufer schauen uns die

Leute nach. Das war der Schin Tan.

Eine halbe Stunde unterhalb wird das Schiff ans Land gerudert. Die

beiden Lotsen wollen sich von uns verabschieden. Sie verbeugen sich

oft, und ein jeder von uns schüttelt sich wiederholt selber die Hände.

Die Lotsen zeigen zur Schnelle zurück und wir sagen: bu chau -- das

war gefährlich. Aber sie wehren lachend ab und sagen: Mas ki -- was

liegt daran! -- und gehen unter vielen liebenswürdigen Verbeugungen

an Land. Der Boy und die andern kommen wieder an Bord. Wir strömen

zu Tal. Die Ruderer singen und arbeiten ununterbrochen. Wildenten

fliegen auf und gehen jäh vor uns hoch. Meine Flinte holt noch eine

aus dem Himmel, eine schön braun-, grau- und weißgefiederte mit

einem grünmetallischen Helm. Ihre Farben sind wie Email so kühl und

glänzend.

Am nächsten Nachmittag waren wir in Itschang und bald auf der Reise

nach der Küste zurück, und andre Weltteile und Rassen kamen. Doch

keine mehr, die in derselben Geste ein solch überströmendes Gewähren

zugleich mit solch rätseldurchschauertem Sich-Versagen uns hinhielt.

Wir sprechen das Wort: Heiliges China! wenn wir in der Folge uns all

die Erhebungen und all die Liebe, und all das Unnennbare, Unerfüllbare

... das, wie einer andern Schöpfung Entquellende vergegenwärtigen

wollten ...

VERZEICHNIS DER BILDER

Markt in einem Jangtse-Städtchen 16

In einem Tor in Tschangscha 17

Zuckerbäcker mit Glückspiel 32

Im Kungfutse-Tempel von Tschangscha 33

Theater in einem Gildetempel 48

Fischer bei Tschangscha 49

Der Hund Fo 64

Wir segeln durch den Tunting-See! 65

Ssetschuanesische Krämerfamilie 80

Ein Briefschreiber 81

Zieher an einer Schnelle 96

Zieher 97

Fischerboot 112

Gräber abgestürzter Zieher 113

Das Salzdorf 128

Goldsieber 129

Brücke in Wan Schien 160

Wan Schien 161

Alte Ssetschuanesen 176

Garkoch 177

Das Tung-Sui-Men in Tschunking 208

Der Arzt 209

Ssetschuanesische Händlerinnen 224

Fahrt zu Markt 225

INHALT

IM SÜDEN DES SEES

Die Schwelle 11

Feuersbrunst 15

In Tschangscha 24

Flußfahrt 75

Sturm 86

Auf der Kwei Li 92

TAGEBUCH DER SCHNELLEN-REISE 107

SSETSCHUANESISCHE GROSS-STADT

Stadt 187

Tempel und Soldaten 200

Neujahr 203

Ausritte 209

Festessen 217

DER SCHIN TAN 227

Verzeichnis der Bilder 239

WERKE

von

NORBERT JACQUES

FUNCHAL

Eine Geschichte der Sehnsucht. 2. Auflage

HEISSE STÄDTE

Eine Reise nach Brasilien. 2. Auflage

DER HAFEN

Roman

PIRATHS INSEL

Roman. 32. Auflage

LANDMANN HAL

Roman. 10. Auflage

SIEBENSCHMERZ

Roman. 8. Auflage

Druck des

Bibliographischen Instituts

in Leipzig

Auf dem chinesischen Fluß · 第 15 / 15 段