Stilkünstler ohne Vergleich. Das Barock in Europa hat durch die
sprengende Macht seiner weltlichen Stilkraft den Gedanken besiegt,
dem es dienen sollte -- der strengen weltabwendenden Kirche. Das
chinesische Theater hat Leib und Seele, wie im Geheimnis des Jinjangs,
zu Stil zusammengefügt, und für China und seine Ewigkeit das Problem
Bühne gelöst.
Wenn man dies anerkennen würde, müßte freilich die Alleingültigkeit
Europas aufgegeben werden, auf die man nach Lowells Buch über den
Osten noch weniger verzichten will als vorher ...
Gegen zehn Uhr waren die Theater zu Ende. Das Leben in den Gassen
erstarb rasch. Die Gittertore, die im Innern der Stadt die einzelnen
Straßenzüge voneinander trennten, wurden geschlossen. Es war
Mittelalter und graue Stummheit, und nur in einigen Vierteln wachten
noch einige Lichter und Geräusche, wachte noch einige Arbeit und
dröhnte der bronzene Gong der Nachtwächter. Wir flogen in den Sänften,
von der ungestümen Kraft und Gewandtheit der Träger dahingerissen,
treppauf, treppab, über die unheimliche Stadtmauer, auf die aus
der Nacht heraus die Düsternis und Grausamkeit des Mittelalters
niedersprühte, unserm Haus zu.
Die Schauspieler einer der fremden Truppen wohnten an unserm Weg nach
Ba-Fung. Sie wohnten in einem Haus mit einem großen finstern Hof,
in den ein Tor führte. Darin saßen sie oft, erkenntlich an ihrer
süßlichen Art sich auszustatten, sich die Haare zu glätten unter den
kleinen runden schwarzen Käppchen mit einem roten Knöpflein auf dem
Dach. Sie waren nicht nur Schauspieler, wie gesagt, sondern aufgesucht
von der Lasterhaftigkeit der verriebenen Erotik gewisser Kreise des
Volkes.
Ich sah einem Straßenarzt zu, der mitten im Verkehr tätig war, etwa
an der Ecke der Linden mit der Friedrichstraße. Er hatte einen alten
Kuli auf einer Bank vor sich sitzen. Er mischte in einer Schale zwei
Flüssigkeiten, besprach sie, trank davon und gab darauf dem Patienten
zu trinken, indem er murmelte und beschwörende Bewegungen machte.
Dann stellte er die Schale fort, löste dem Kuli das Hosenband, die
Hose fiel zurück bis auf die Knie, die ganze Partie hinten und vorn
entblößte sich dem Patienten, und es erschien ein trächtiger Bubo. Der
Arzt nahm eine leichtgebogene Klinge, die nicht sehr scharf schien und
mit Rost bedeckt war und stieß sie unversehens in den Bubo hinein.
Das Leben des Nachmittags umstrudelte die Operation. Der Arzt nahm
Reispapier, trocknete damit das Blut auf; der Kuli band sich die Hose
wieder über, bezahlte mehrere Kupferstücke und ging davon.
Hinter einem Ladentisch, die mit geringen Ausnahmen sich alle in die
Straße öffneten, zeigte einer der Verkäufer, während ich etwas kaufte,
einem andern die Fortschritte einer Geschlechtskrankheit am Objekt
selber.
Die Prostitution der niedern Klassen vollzog sich ohne Türen noch
Vorhang. Für die körperlichen Ausscheidungen suchte man nie nach einem
verschwiegenen Ort, sondern hockte sich an die erste, etwas freie Ecke
oder an den Wegrand.
Aber die Frauen kannten diese Sitten nicht. Sie waren ängstlich auf
größten Wohlanstand bedacht, auf die unverletzbarste Verschwiegenheit.
Das außereheliche Liebesleben der bessern Kasten aber vollzog sich
unter reizenden, graziösen und formvollendeten Zeremonien, bei denen
dem Liebesmädchen alle Freiheit, ja mehr Achtung der Selbständigkeit
erwiesen wurde, als etwa einer Ehegattin. Nie, auch nicht beim Kuli,
wurde ein öffentliches Mädchen mit Europäern geteilt. Der Hingabe
an einen Weißen folgte, sobald sie bekannt wurde, der vollkommene
Ausschluß aus jeder chinesischen Gesellschaft.
TEMPEL UND SOLDATEN
Wir kamen an andern Tagen in schöne Tempel und in prunkvoll gebaute
Gildenhäuser, die von außen wie Tempel aussahen. Bei fast allen
steckte in einer eintönigen schlichten Fassade das Tor wie buntes
Flitterwerk. Zwei Hunde Fo, grimmige, berankte Steingrotesken, standen
in fremder und böser Erstarrung Wache davor, und das Innere entfaltete
unerwartete, von Dunkelheit samtig bereifte Schönheit und Kunst. Die
erhabenste dieser Anlagen war die des roten Kungfutsetempels. Er stand
oben über der Stadt. Eine vielstöckige hohe Pagode leitete ihn ein,
wie eine aufklingende fremde Hymne. Die Pagode stand unvermittelt
in den kleinen schmutzigen Geschäftshäusern dieses abgelegenen
Stadtteils, in dem alte Möbel und Kleider und am Spieß gebratene
Hunde durcheinander verkauft wurden. An ihr vorüber ging man in den
Vorhof. Schöne Steinbrücken spannten sich über tote Teichanlagen, und
große Tore führten weiter von ihnen in den Tempelhof. Hier stand vor
dem großen Heiligtum über dem Steingebild, das die Seele Kungfutses
in seine granitnen Mysterien eingeschlossen hielt, ein edles altes
Räuchergefäß aus Bronze. Über ihm öffnete sich hinter geschnitzten,
vergoldeten Paneelen die dunkle rote Halle des ersten heiligen Raums
mit dem purpurnen hohen Kungfutsealtar.
Die Tempelanlagen waren verlassen. Sie waren bejahrt und leer und
hallten erstaunt von unsern fremden seltenen Schritten, wie eine alte
schlafende Seele. Aber alle andern Tempel der Stadt waren von Soldaten
besetzt und zu Kasernen gemacht worden. Das hatte die Republik sehr
geschickt vollbracht. Die Stellen, die Kungfutses Geist bewohnt hatte,
waren mit scharfgeladenen republikanischen Gewehren besetzt worden.
Kungfutse, der in jedem Individuum immanente Gedanke Chinas, die
schöpferisch erhaltende Kraft dieser Rassen lehrte, daß die Macht
gotterlaubt sei, und die Republik ließ ihre Macht von den Plätzen aus
ins Volk scheinen, an denen vordem der ewige Willen des Erziehers
Chinas wie ein steter Brunnen ins Land geflossen war.
Überhaupt war die ganze Stadt voll vom Treiben der Soldaten.
Tschunking war der Akkumulator der großen und mächtigen Provinz
Ssetschuan und schickte seine Wellen bis tief in den Tibet hinauf
und bis zum Meer hinab. Es war der Regierung eine Macht, diese
Stadt sicherzuhaben, die voll unsicherer Elemente war. Blut floß
hier von Hinrichtungen, wie eine unversiegbare Quelle. Im Jahre
1913 hatte Ssetschuan 50000 Hinrichtungen gehabt. In der Stadt
wohnten viele reiche, machtlüsterne Menschen, die das alte und das
neue System gegeneinander ausspielten und doch nur sich meinten.
Politische Attentate waren ungehemmt öffentlich ausgefochten worden
wie Versteigerungen. Man hatte auch wiederholt, um der Regierung
Schwierigkeiten zu machen, Komplotte gegen die paar Europäer
geschmiedet, die Tschunking bewohnten und andre Parteien hatten
diese hintertrieben. Unsere Freunde in "Ba-Fung" hielten jederzeit
Strickleitern bereit, um im Falle von Gefahr nachts über die
Stadtmauer, die unter ihrem Haus lag, sich zum Hausboot hinab zu
retten.
Es lag der Regierung daran, sich hier mächtig zu zeigen. Über Ba-Fung
war eine große Kaserne, ein alter Tempel. Tagein, tagaus übten die
Soldaten im Hof um die steinernen ingrimmigen Wachthunde Fo. Wir
blieben oft am Tor stehn, um zuzuschauen. Eine Schar Soldaten ging
im Kreis um einen kleinen jungen Offizier herum und übte einen
Parademarsch. Es wurde dazu gezählt: "i ... örl ... san ... se! ...
I ... örl ... san ... se! ..." und die Soldaten mußten zum Takt des
Zählens zugleich Beine und Arme hochheben und niedersetzen. Es waren
jedoch zwei im Kreis, denen das absolut nicht gelang. Trat der Fuß
nieder, so hob sich unversehens der Arm rasch in den Himmel. Hasteten
sie dann, den Fehler einsehend, mit dem Arm herab, so schnellte das
Bein wieder hoch. Es war wie in einer dummen Posse. Aber alle benahmen
sich tiefernst dabei. Überall herum saßen Soldaten und wollten auf
europäischen Trompeten blasen lernen und lernten es nie. Die Mißtöne
fuhren hart und grell aus allen Stadtteilen durcheinander, und bis
in die Nacht hinein war die Stadt vom falschen Lärm dieser Trompeten
angefüllt.
Unten am Strand waren oft Übungen und Paraden. Die Paraden wechselten
dort mit den Flußräuberhinrichtungen ab. Kamen die Soldaten wieder zur
Stadt herauf, so sangen sie zum Marschieren. Aber sie sangen nicht
nach heimatlicher Art, sondern von Europa bezogene Lieder. Einer
dieser Gesänge war ein deutsches Kinderreigenlied. An den Kolonnen
vorbei sprengten die Ponys feuerspritzenden Hufs, heißblütig mit den
Offizieren die Treppen hinauf und durch die Gassen.
NEUJAHR
Der erste Januar nahte. Auch das alte Fest des Jahresbeginns, das
in China zu Anfang des Februars gefeiert wurde, sollte auf den
europäischen Jahresbeginn verlegt werden. Das verlangte die Republik,
und in den Kasernen schmückten die Soldaten die Höfe, und die
Kaufleute, die von der Regierung abhängig waren, hängten schon jetzt
die roten Laternen und die goldenen Sprüche auf roter Seide aus.
Auf einmal sollte der alte Kreis gesprengt werden. Die technischen,
wirtschaftlichen und finanziellen Entwicklungen der weißen Rassen
sollten gewaltsam die geweihten Dinge des gelben Volkes wegschwemmen.
Dem Genie dieses Landes waren solche Entwicklungen fremdgeblieben.
Es ruhte mit bronzener Heiligkeit noch in der schweren uralten
Gesetzlichkeit seiner gesellschaftlichen Systeme und seiner Kultur.
Der japanische Bruder schien ihm in die Nase zu stechen, und es sah
nicht, daß dieses Land, das aus seinen Flanken entstanden, durch das
unvermittelte Übernehmen europäischer Dinge zum Zusammenbruch seiner
wirtschaftlichen Kräfte und zu dem schlimmen Zusammenbruch seines
Volkscharakters getrieben war. Überall in der Welt, wo wir etwas mit
einem Japaner zu tun gehabt hatten, waren wir betrogen worden. In
den chinesischen Städten saßen die japanischen Bazare und vertrieben
betrügerisch hergestellte Waren, die den alten chinesischen Geschmack
und die alte Solidität durch windigen Schwindel ersetzten. Überall
saßen die japanischen Zahnärzte und bemühten sich, das von der Strenge
der Regierung besiegte Opiumlaster durch Äther und dergleichen zu
ersetzen.
Aber schließlich ging das Volk den Weg der Regierung noch nicht mit.
Es verstand nicht, was man von ihm wollte. Es ließ Kaufleute und
Kasernen das europäische Neujahr feiern und bereitete sich auf sein
uraltes Fest vor. Zuerst mußten die Schulden bezahlt werden, und dann
kamen die Tage der hemmungslosen Vergnügen. Die Pfandleihen lebten auf
in diesen Wochen.
Der Boy kam eines Abends zu uns und fragte, ob ich nicht ein kleines
Mädchen kaufen wollte. "Wer will denn eins verkaufen?" fragten wir.
"Die Ama", antwortete er. "Ist es denn ihres?" -- "Nein!" -- "Weshalb
verkauft sie es denn?" -- "Weil sie Geld nötig hat zu Neujahr." Wir
dankten dem Boy für das Angebot. Was sollten wir mit einem Mädchen
machen, hielten wir ihm entgegen. Da erzählte er, daß alle seine
europäischen Herren vor uns sich Chinesinnen gekauft und sie mit auf
ihre Reise genommen hätten, und daß auch der eine "Master" in Ba-Fung
eine Chinesin hätte. Sie sei aber ein Kantonesin und nur gemietet, und
gehöre einer alten Frau in Hankau. Der bezahle er jeden Monat zwanzig
Dollar. Sie heiße Tai kin.
Als wir nachmittags uns nach Ba-Fung tragen ließen, geschah etwas,
was ich schon lange erwartet und gefürchtet hatte. Es war naß, und
der vorderste Kuli meines Tragstuhls stürzte, als die Träger ungestüm
eine Treppe hinaufeilen wollten. Die Querstange schlug ihn aufs Genick
und drückte ihn so fest mit dem Gesicht zwischen zwei Stufen nieder,
daß er sich nicht von selber befreien konnte. Die beiden andern Kulis
liefen zu ihm, bevor ich aussteigen konnte, denn ich lag in der
schrägen Treppe hilflos tief hintenüber im Stuhl. Sie hoben die Stange
hoch und zogen den Mann auf die Beine. Im selben Augenblick war er
wieder mit den Schultern unter dem Tragbalken, und die Sänfte hastete
weiter.
Aber ich sah, daß der Mann unsicher ging und ein wenig taumelte,
und plötzlich war eine breite Blutspur hinter ihm. Da ließ ich
halten, stieg aus und ging zu ihm. Er hob ein blutiges Gesicht mit
zwei stumpfen bittenden Augen zu mir hoch. Er hatte sich die Nase
entzweigeschlagen und die Lippe gespalten. Trotzdem wollte er seine
Arbeit zu Ende führen. Die andern versuchten mich wieder in den Stuhl
zu drängen. Sie fürchteten, der Verdienst ginge ihnen verloren. Sie
stießen mich sachte zurück und beschwichtigten mich durch Gebärden.
Aber ich bezahlte sie so, als ob sie den ganzen Weg gegangen wären und
gab dem Gestürzten einen Silberdollar. Sie dankten lachend und ich
ging hinter Gres Stuhl zu Fuß weiter.
Ich hätte sie nicht bezahlen brauchen, denn nach dem chinesischen
Gesetz ist der Stürzende selber schuldig, wenn er auf nasser oder
gefrorener Straße fällt. Weil es naß oder glatt ist, muß er doppelt
aufpassen.
Wir hatten schon so vielmals gesehen, daß in China das Gegenteil von
dem galt, was man von Europa her gewöhnt war. Wenn die Kinder vor dem
Lehrer aufsagten, kehrten sie ihm nicht das Gesicht zu, sondern den
Rücken. Schaufelt der Chinese Sand oder sonst was, so schaufelt er
nicht von sich fort, sondern zu sich heran. Die Trauerfarbe ist weiß,
nicht schwarz. Das Essen beginnt mit der süßen Speise und endigt mit
der Suppe. Beim Spiel muß der trinken, der verliert. Beim Essen nimmt
sich der Chinese nicht zusammen; er löst seine Kleider und übergibt
seinen Körper, wie bekannt, allen Äußerungen, die ihn verlassen
wollen. Seine Kleidung paßt er der Kälte an, nicht indem er unter die
Oberkleider Unterkleider anzieht, sondern indem er Kleid über Kleid
von innen nach außen legt, bis es ihm warm genug wird. Er betrachtet
die Gründung einer Familie nicht als Sache, die den Staat angeht,
sondern als eine Angelegenheit, um die sich nur die Familien des
Bräutigams und der Braut zu kümmern haben.
So gibt es hundert Dinge, von den alltäglichsten Verrichtungen bis
zu den Äußerungen der schwebendsten Geistigkeit, in denen er unsere
Anschauungen vollkommen auf den Kopf stellt. Diese Unterschiedlichkeit
birgt wohl den Schlüssel des Geheimnisses chinesischer Psyche.
Als wir nach Ba-Fung kamen, fragte ich den Genfer: "Weshalb
unterschlagen Sie uns den schönsten Teil Ihres Haushalts?" Er schaute
mich fragend an. "Tai kin!" sagte ich. Da war er plötzlich geniert
und bemerkte: "Oh, mais Madame Jacques! Vous savez les femmes ..."
Aber Gre lachte und verlangte Tai kin kennenzulernen. Eine schlanke
braunhaarige Chinesin kam. Sie hatte lange seidene Hosen an und
mehrere bunte und schwarze Jacken drüber. Sie schaute furchtsam zu Gre
auf, bewegte sich durchs Zimmer in ihren Hosen so zart und wippend
wie ein Vogel und sagte dem Genfer: "O my heart moves so strong."
Er tröstete sie und versprach ihr, daß sie morgen ins Theater gehen
dürfe. Das war ihre einzige Leidenschaft. Nur ein Kind wünschte sie
sich noch heißer. Der dicke Norddeutsche aber trug sich mit einem
skeptischen und ein wenig traurigen Lächeln, in dem sehr deutlich
zu verstehen war: Hätte ich doch eine gute deutsche Frau hier! Oder
wenigstens eine Tai kin. Aber ich komme niemals weder zu dem einen
noch zu dem andern.
Am nächsten Morgen saßen wir in unserm Haus beim Frühstück, da kam
der Boy und sagte, es seien zwei Männer draußen, die wollten uns
Stickereien verkaufen. Wir ließen sie hereinkommen. Der eine war
sehr ruhig und dick, der andre sehr mager und laut. Sie hatten beide
schwere Päcke, die ihnen Kulis getragen hatten. Sie öffneten sie und
breiteten ganze Haufen alter Seidenstickereien vor uns aus.
Im Hinterland Tschunkings lag die alte Beamten- und Mandschustadt
Tsöngtu. Dort hatte vor einem Jahr die Revolution die reiche Kaste
hingeschlachtet und jetzt erst, wo sich die Ereignisse verwischt
und die Verhältnisse beruhigt hatten, trieb Neujahr die gestohlenen
Sachen heraus. Es waren weite, wie mit Blumenbeeten, Flußgründen
und Wolkenhimmeln bestickte Seidengewänder, rote seidene Streifen
von Flitterwochenbetten mit Blumen und mit Darstellungen aus dem
Leben, riesenhafte Tempelvorhänge, auf denen die grimmigen Kolosse
wahnsinniger Götter in menschenfresserischen Masken ihre uralten Tänze
tanzten und Lanzen schwangen, während unschuldig über ihnen mit einem
weißen Gesicht die heilige Kuan Jin auf einer Wildente oder einem Hahn
aufflog. Soffitten von Theatern mit im Tanz und Spiel bewegten Gruppen
alter Figuren.
Die Händler verkauften auch tibetische Bronzen, alte, zarte,
verträumte Göttinnen, die wie rankende Pflanzen in sanften Drehungen
aus dem Metall wuchsen und Gesicht und Leib mit Steinen besät hatten.
Die langen Mandelaugen waren aus Silber eingelegt und schauten in
stumpfer Heiligkeit, wie eine Felswand, ins Leere der Erde. Das war
die "Grüne Tarâ". Auf verwitterten Altarbildern tibetischer Tempel
ordneten sich um den in feierlicher Urdummheit aus drei Gesichtern
träumenden, acht Arme verrenkenden Gott Sanedui ganze Ränge kleiner
Heiliger. Über ihre Zahllosigkeit atmete der wie mit Bronze behauchte
dunkelgrüne Schimmer der Gebirge aus, die wir täglich voll Geheimnis
vor unsern Augen um die Stadt Tschunking herum dem Herzen Asiens
entgegenziehn sahn.
AUSRITTE
Gre hatte ein Pferdchen, das gelb war wie ein schwedischer Handschuh,
meines war schwarz, und unser Begleiter, der dicke deutsche Kaufmann,
ritt einen kleinen Schimmel. Die Mafus, die Pferdeknechte, hielten
die Tiere fest beim Maul. Die Gasse der ssetschuanesischen Stadt war
nicht viel breiter als die Länge der Pferde. Wir versuchten auf die
Tiere zu kommen. Der Kaufmann saß schon oben. Gres Gelber bockte,
stieg und schlug nach hinten. Der Mafu schraubte seine Hand fester in
die Zügel. Mit der andern Hand hielt er ihn beim Schwanz. Ich half Gre
hinauf, sie ritt Herrensattel, und kaum war sie oben, als das kleine
Tier dahinschoß und klappernd durch die Gasse davoneilte. Mit meinem
Schwarzen hatte ich weniger Schwierigkeiten. Das Pferd ging mir bis an
die Achselhöhlen. Es merkte wohl, daß etwas los war, als der Knecht es
fester am Zügel nahm, tänzelte ein wenig beunruhigt, fügte sich aber
gleich meinem soliden Gewicht. Wir schossen Gre nach. Der Mafu hing
sich hinten an den Schweif, um mitzukommen. Es dauerte eine Weile, bis
ich Gre und den Kaufmann eingeholt hatte.
Wir galoppierten durch die engen Gassen zum westlichen Stadttor
hinauf. Vor den offenen Häusern stand alles voller Menschen. Meine
Stiefel streiften oft Männer und Frauen. Aber es war nicht nötig, den
Galopp zu dämpfen. Das Pferdchen sprang schmiegsam und weich dahin.
[Illustration: Das Tung-Sui-Men in Tschungking]
An einem kleinen Tor, auf dessen Scheitel ein Töpfer sein Geschäft
unter freiem Himmel führte, wurde gerade einem Bauern von einem
Polizisten der lange dünne Zopf abgeschnitten. Der Bauer brachte
Hühnerfedern in die Stadt und hatte gehofft, den Zopf unter seinem
Kopftuch hinein- und hinausschmuggeln zu können. Er stammelte den
Soldaten schmerzlich flehend an. Dann erboste er sich. Aber der Soldat
hatte ihn fest am Schopf gefaßt und schnitt unerbittlich weiter. Wir
ritten eine glitschige Treppe hinauf auf die Stadtmauer. Die Pferdchen
schlugen sich mit den Köpfen den Takt zum Steigen, der Mafu ging
hinterher, und wenn ein Tritt Schwierigkeiten machte, stemmte er sich
unter den Steiß des Tiers und schob nach. Dann ging es auf der Höhe
der Mauer weiter, durch einen Schwarm von Dirnen hindurch, die, von
furchtbarem Aussehen, in steingebauten Höhlen auf der Mauer beisammen
wohnten.
Durch die Zinnen der Stadtmauer sahen wir ein schmales Tal quer vom
Fluß herauf allmählich hochsteigen und an einem Toraufbau an der Mauer
die Höhe der Stadt erreichen. Der Berg jenseits war kahl und mit
zahllosen großen und kleinen Grabhügeln und Grabsteinen übersät. Er
sah wie verzweifelt aus. Die Grabsäulen standen drin wie versteinerte
Stümpfe eines abgehauenen Waldes.
Wir verließen die Stadt durch das Tor. Die Pferde zierten sich erst
ein wenig, in die dunkle Höhle hineinzusteigen, als ein Zug von
bepackten Maultieren uns aus der Dunkelheit des Torbogens entgegenkam.
Auf einmal sprang die weiße Stute des Kaufmannes wie ein rasender Floh
auf die Maultiere los. Der dicke Kaufmann saß in einem hohen engen
Holzsattel. Wir hatten nur zwei europäische Ledersättel auftreiben
können. Die Maultiere stürzten durcheinander und bissen um sich, die
Knechte schrien, schlugen und zerrten. Die Weiße schnellte mit dem
Hintern gegen die Maultiere herum und gab ihnen heftige Fußtritte.
Sie tanzte minutenlang trotz ihrer Last mit den Hinterbeinen bockend
durch die Luft. Sie war Gift und Galle. Ihre Augen funkelten und ihre
Sehnen schlugen vor Wut in den dünnen Beinen wie kleine Maschinen.
Der Kaufmann war ein mehr als guter Reiter. Mit Mühe und harter
Strenge riß er das Pferd von den verhaßten Tieren los und peitschte
es ins Tor hinauf. Unsere Tiere waren auch aufgeregt worden und
stiegen jenseits mit bebenden Beinen die Treppen hinab auf den uralten
ssetschuanesischen Handelsweg, der Tschunking mit der Hauptstadt
Tsöngtu verband.
[Illustration: Der Arzt]
Eine chinesische Handelsstraße kennt die Beförderung durch Wagen
nicht. Nur Lasttiere und tragende Menschen beschreiten sie. Auch
diese berühmte, jahrtausende alte Straße war nicht breiter, als
daß zwei Tragpferdchen aneinander vorbeikamen. Sie führte als ein
schmaler Deich zwischen nassen Reisäckern dahin und war mit breiten
Steinplatten eingedeckt. Die Steinplatten waren so acht Reisetage lang
eine hinter die andere gelegt. Wir sahen den Weg vor uns an der Flanke
des Gräberberges als steile Treppe hinaufsteigen. Die Pferde sprangen
mit zuckenden, langsamen Sätzen von Stiege zu Stiege. Sie wieherten
unwillig gegen die zu überwindenden Schwierigkeiten. Wir sahen nichts
als Grabhügel und Steine, von braunem Gras überwuchert, die Sonne
beschien sie trocken und blaß. Die Steigung ging oft in Treppen von
hundert und mehr Stiegen an tiefen Abhängen dahin. Die Steine kippten
auf dem unterwaschenen Weg. Das Pferd war aber gleich wieder auf einem
sicheren Halt. Wir hatten in den Jangtsestädten oft Chinesen gesehen,
die auf ihren Bergpferden solche Treppen auf und ab kletterten, und
hatten diese artistischen Reiterstücke angestaunt. Nun kletterten wir
selber, und wir sahen, daß jedes Pferd das konnte, und der Reiter, das
Tier unterstützend, es nur mitzumachen brauchte.
Noch öfter kamen Maultierzüge vorbei, die Seide aus dem Innern nach
Tschunking brachten. Der Kaufmann führte sein Pferdchen jedesmal in
die Gräber hinauf und stellte es mit dem Hinterteil gegen die Tiere,
deren Anblick den Schimmel so heißblütig reizte. Dann waren wir auf
dem Berg und sahen tief unten über Gräber, Gärten und Häuser hinab den
Jangtse breit und leuchtend sich dem Tibet entgegenbetten, während
auf der andern Seite der Berg wie eine jähe Wand ins schöne Tal des
Kiating, des Nebenflusses des Jangtsekiang, hinabsauste.
Vor uns stand, noch zu erobern, eine ummauerte Bergstadt auf der Höhe.
Der Weg stieg steil und in Treppen hinan. Über den Treppen errichteten
sich gelbe Felsen, die mit Inschriften und mit riesenhaften, aus den
Steinen gemeißelten, vergoldeten Göttern ganz ausgearbeitet waren.
Viele Bettler saßen auf den Treppen und flehten mit inbrünstiger
Dringlichkeit um eine Gabe, griffen in die Zügel und streckten die
Hände hoch.