stemmten sich gegen das schwere Fahrzeug. Ich griff mit ein und kam
grade neben den Koch. Dieser schwerfällige fette Kerl glitschte aus
und sank zwischen die Wände der beiden Boote, die unaufhaltsam sich
einander näherpreßten. Ich bekam ihn noch rechtzeitig zwischen den
Beinen zu fassen und zog ihn heftig herauf. Dabei rutschte sein
Kopftuch ab, und ein anderthalb Meter langer Zopf rollte sich auf.
Alle Kulis stürzten auf ihn los, einer nahm sein Messer, einer ein
Beil, und sie wollten ihm im Scherz den Zopf abschneiden. Andre traten
doch besorgt dazwischen. Keiner hatte gewußt, daß der Reiskoch noch
einen Zopf trug. Heimlich verbarg er das Zeichen, mit dem er an dem
alten China hing. An den Toren der Städte standen Soldaten, die jeden
Zopf abschnitten, der vorbeikam.
Mittags stand ich einem Chinesen drei Minuten lang auf der nackten
dicken Zehe. Das kam so: Wir gingen in einen Tempel, der ganze Ort
hinter uns drein. Sie schoben sich einer vor den andern, um von den
fremden Affen keine Bewegung zu verlieren. Im kleinen Tempel, von
Menschen umringt, sah ich einen merkwürdigen Gott. Ich blieb plötzlich
stehen, zog den Apparat heraus und trat einen Schritt zurück, um
Distanz zu bekommen. Ich fühlte, daß ich auf etwas Weichem stand,
schaute zum Boden und sah einen nackten Fuß. Er rührte sich nicht.
Meine Stiefel waren nicht aus Samt. Ich dachte mir: mach' die Probe
und bleib auf der Zehe stehn. Ich machte die Aufnahme. Es dauerte
eine ganze Weile. Ich spürte die weiche Zehe unbeweglich unter meinem
Absatz. Als ich fertig war, gab ich die Zehe frei und drehte mich
rasch um. Hinter mir stand ein junger Mann mit einem schönen, ebenen
Gesicht. Er schaute an mir vorbei auf den Gott. Er warf keinen Blick
auf seine geschundene Zehe und brachte nicht einmal durch Zurückziehen
des Fußes den Verdacht drauf, daß irgend etwas an ihm mit mir zu tun
hatte. Was war die Ursache eines solchen Benehmens?
Abends kamen wir auf einmal an eine Bucht, die das Flußufer zwischen
Felsen bildete. Es wäre schwierig gewesen und ein großer Umweg,
über die Felsen zu klettern, und ein Chinese hatte sich in seinem
Erwerbssinn diesen Umstand zunutze gemacht, seinen alten Kahn in
der Bucht verankert und von achtern und vom Bug Bambusstangen ans
Ufer gelegt. So war eine primitive und nicht sehr sichere Brücke
geschaffen. Wir turnten hinüber, hinter unsern Ziehern her. Unser
Schiff legte mit andern gleich hinter der Brücke an, und der Chinese
ging mit seiner Fackel absammeln. Der Laopan gab ihm für jeden Zieher
etwa einen halben Käsch. Ich gab ihm für uns beide dreißig. Hätte
ich ihm auch nur einen halben gegeben, so wäre er zufrieden gewesen.
So aber kam auf einmal, durch das unerwartete Überzahlen angelockt,
der Geist des Verdienens mit den Vorspiegelungen abenteuerlicher
Möglichkeiten, die er aus den reichen und wohl auch dummen Fremden
herausholen könnte, über ihn. Er kam gleich und wollte mehr haben.
Die halbe Nacht lang mochte er sich nicht vom Hausboot trennen, und
er verbrannte eine Fackel nach der andern vor unsern geschlossenen
Fensterläden und rief seine Forderungen herüber.
24. Dezember.
Wie eine Überleitung kommt ein Auftakt in die Landschaft. Aus dem
Hügelland sammeln sich wieder die Berge zu einer breiten Schlucht. Sie
ist voll Buchten, und eine jede sieht mit ihren verzogenen Ufern und
dem ruhig und breit strömenden Fluß aus wie ein Gebirgssee. Überall
heben sich die Schächte kleiner Kohlengruben aus den Flanken der
Berge. Auf fernen Höhen stehn religiöse Denkmäler: Ehrenbogen, aus
denen sich zahllose steinerne Arme wie Krallen zum Himmel aufheben.
Eine stürmische Bö jagt uns mit vollem Segel durch die Schlucht.
In einer Nachmittagsstunde erschienen, erst in der grauen Luft
geheimnisvoll zurückgehalten, die Dächerscharen von Tschunking hoch
über dem Strom auf einem geneigten, riesenhaften Felsenplateau, in
grauen Farben in die dunstige dunkle Luft geschüttet. Der Strom ist
hier, 2500 Kilometer von seiner Mündung ins Meer, noch zwei Kilometer
breit. Die Stadt baut sich über seiner mächtigen Bahn fremd und
großartig auf. Ein breiter Fluß strömt in den Jangtse, und an seinem
Ufer, gegenüber von Tschunking, dämmert eine andre große Stadt im
Nebel.
Wir mußten mit unserm Boot zuerst am Zoll anlegen, warten. Die
Zollstation war auf dem der Stadt entgegengesetzten Ufer. Wir gingen
am Strand hinauf und schauten sehnsüchtig und voller gieriger
Erwartung nach Tschunking hinüber. Was wartete dort auf uns? Die Stadt
war eines der großen Mäusenester Chinas. Wir sahen am Ufer unterhalb
eines Tors dunkle schwere Menschenmassen sich zusammendrängen. Wir
gingen zum Boot und fragten. Der Boy erkundigte sich. Er kam, lächelte
und erzählte, daß man jetzt drüben die zwölf Räuber köpfte, die man
vor einigen Tagen in Futsou gefangen hatte. Die Menschenmasse quoll
hin und her. Die hohe Treppe zum Tor hinauf war wie ein dunkles
bewegtes Band.
Den Fluß aufwärts standen steile Gebirge im grauen Abend. Es
waren die ersten Regungen des Tibet. Sie hatten kalte, verhüllte,
befremdende Formen. In dieser Stunde begann man zu Haus in Europa den
Weihnachtsbaum anzuzünden.
SSETSCHUANESISCHE GROSS-STADT
STADT
Vom Jangtsekiangstrand, wo unterhalb des hohen Tores Tung Sui vor
dem hin- und hertanzenden Scharfrichter die zwölf Flußräuberköpfe
in den Sand gefallen waren, stiegen wir die mächtige steile Treppe
zur Stadt Tschunking hinauf, mitten in den Scharen der Leute, die
hinab schauen gegangen waren. Ein Chinese ging vor uns, hielt ein
Ästlein mit gelben Blüten vor sich, als sei es aus Glas und Porzellan
gesponnen. Er drehte sich einmal nach uns um. Seine Blicke waren wie
aus Jett ... das Rätsel ... das Rätsel! Wir sahn unser Hausboot gelb
unten zwischen Dschunken liegen. Dreißig Tage waren wir mit ihm den
Strom heraufgefahren, durch Schluchten und über die tollen Schnellen
und an Stadt und Dörfern vorbei und während uns diese Fahrt, mit allen
Abenteuern und überstandenen Gefahren, mit allen Lüsten und Mythen der
verzweifelt und ekstatisch fremden Reise noch das Blut dunkelte, sahen
wir hinter der mächtigen Stadt die steilen ersten Gebirge des Tibet
nebelig in den Abend tauchen.
Diesen ersten Abend in Tschunking verbrachten wir in dem Haus, in
dem der Norddeutsche mit dem Genfer einen sich sonderbar ergänzenden
Haushalt zusammen führten. Es waren nur sehr wenige Europäer in der
Stadt. Das Haus hieß Ba-Fung. Ein Tannenbaum brannte im Eßzimmer,
und er war mit chinesischen Nippes behängt. Es war infolgedessen
der erste wirklich vollkommene schöne Weihnachtsbaum, dieser
Weihnachtsbaum, den ein chinesisches Christkind geschmückt hatte und
dessen Seele so von Deutschland duftete.
Aber nachher wurden wir in Sänften zu dem Haus getragen, das man
für unsern Aufenthalt so liebenswürdig vorbereitet hatte. Der Stuhl
mit der leichten Gre flog vor mir her und verschwand bald in der
Finsternis der bald ebenen, bald steilen Gassen, die sich wie ein
geheimnisvolles geometrisches Werk vor den aufgerissenen Augen
aufbauten und zurückgingen. Die nackten Fersen der drei Träger
klopften auf die Steinfliesen wie eilige Stockschläge.
Sie stürzten dahin wie ein Federwerk. Ein mitten durch die Straße
verschlossenes Holzgatter fing sie auf einmal auf. Sie schimpften
etwas in die Finsternis. Die enge Nachtgasse erbebte von ihren
Gurgellauten. Der Laternenträger, der immer vor dem Stuhl herlief,
griff zwischen die Stäbe des Gitters. Auf der andern Seite stand ein
Polizist, der sich aber nicht rührte. Ein Ballen Lumpen tauchte neben
ihm auf und reichte einen Schlüssel. Einige Münzen fielen. Schon
liefen die Kulis wieder hinter dem geöffneten Gatter.
Gre, die wir am Straßentor eingeholt hatten, war uns wieder entwischt.
Es kam bald ein zweites dieser Holztore. Es ging wie beim ersten. Die
unter den Kehltönen erbebende Dunkelheit, der Lumpenballen mit dem
Schlüssel hinter dem reglosen Polizisten, die auf die Steinfliesen
klingenden Münzen, das Lumpenbündel wie ein Vogel drüber niederfallend
... Die Träger stürzten wieder an.
Und auf einmal war es, als rissen sie sich aus ihrem Lauf. Pan go!
brüllte einer ... Wechseln! Sie wechselten die Schulter im Nu unter
dem Tragbalken. Trappetrapp! klopften die nackten Fersen weiter über
die Steinplatten. Die dicke Papierlaterne mit dem großen roten Zeichen
des Hauses Ba-Fung vergoldete im Fliehn die Hauswände. Die Hauswände
zitterten in der Finsternis zurück.
Unterwegs waren viele Treppen. Einige stiegen mit mehreren hundert
Stufen steil hinauf. Ich lag dann tief hintenüber in der Sänfte.
Ich dachte: so kannst du hintenüber hinausstürzen und rückwärts bis
in alle Ewigkeit dieser Dunkelheit kugeln und kugeln. Was wird dich
aufhalten? Kein Häkchen steht aus deinem Hirn heraus zum Anklammern
in dieser fremden Geographie des Geistes, und dein Gemüt ertrinkt
eher in einer Irrenanstalt, als daß es mehr als Liebe hergäbe zu dem
geheimnisvollen Sturz durch die Finsternis Chinas.
Aber die Treppen milderten den Takt der Träger.
Dann ging es wieder eben, und der Lauf begann von neuem. Treppen, die
nicht mehr als haushoch waren, fuhren sie mit einem einzigen Anlauf
hinan, der aus ihren Muskeln stürzte, zugleich wo ein anfeuernder
Schrei sich ihrem Mund in die Finsternis entbohrte.
Auf einmal tauchten wir in einen finstern Torbogen wie in einen
Schwamm. Der Stuhl wurde durchgerissen, flog atemlos Stiegen an und
oben schien der Sternenhimmel über mir und nah seitwärts auf der Höhe
meines Sitzes glitten die Zacken der gezinnten Stadtmauer vor der
Tiefe zurück. Ich erschrak. Zwei Ratten liefen eine Weile im Licht der
Papierkugel vor mir die dunkeln Zinnen entlang. Unten sah man wenige
Lichter auf dem Fluß. Weiter entfernt und höher leuchtete es hier und
dort in den schwarzen Massen der Stadt Kiangpe jenseits des Kiating,
und über alles floß die tiefe klare Sternenfinsternis. Der Stuhl fuhr
jäh und rasch den Weg über die Mauer, sauste wieder Treppen hinauf
und glitt vorsichtig Stiegen hinunter. Die Stangen wippten im Takte.
Ich schien so über die Zinnen der Mauer gehoben hoch durch die Tiefe
der Nacht geschaukelt zu schweben. Der Lichtschein der Papierlaterne
beleuchtete einmal die Fesseln des Trägers vor mir. Sie zitterten,
als ob die Füße abbrechen wollten. Jetzt stürzt er, fuhr es in mir
auf. Ich stemmte mich gegen den Fall. "Pan go!" Halt und wechseln. Die
Stöcke klopften nieder. Fast im selben Augenblick lagen die Bäume auf
der andern Schulter. Der Stuhl eilte weiter. In einem Totenhaus --
rasch vorbeigeweht -- ist Bumbum, Geleier, Geheul und Lichter. Endlos
in weiten Biegungen fahren unsere Sänften über die Mauer. Die der
leichten Gre entwischt meinen Trägern immer weiter. Ferner und hoch
seh ich bald das Licht ihres Stuhls die Finsternis erklimmen. Dann
verlöscht es.
Schließlich schwankte mein Stuhl mit kurzer Wendung in eine Gasse,
schlüpfte hastig und heimlich durch ein Gewuschel von Treppen und
Schlüffen, Höfen, Häusern und stieg endlich ins Tor unseres Hauses
hinein. Dort stand Gre schon und wartete. Wir waren wie geblendet
von der Fahrt durch die finstere Stadt. Es war eine Vision, ein
geheimnisvoller und abenteuerlicher Flug in einem Luftballon durch
China.
Das Haus war wie ein Kastell, an die Kante der Stadt zwischen hohe
Mauern gestellt. Von der großen Veranda, die das erste Stockwerk
umlief, sahen wir die Stadtdunkel und mit den mächtigen Dächern
der Tempel der Nacht anheimgegeben. Auf die glasierten Drachen und
Blumengitter der Dachfirste glitzerten ganz fein die Sterne nieder.
Ein Musikant fiedelte durch die Gassen vor dem Tor. Ein Garkoch rief.
Ein Nachtwächter ging draußen vorbei und schlug dröhnend auf seinen
Gong, um die Diebe zu erschrecken. Ein Tamtam wollte den Sinn der
Götter auf die Erde lenken, auf die vor Fremdheit wie eine Äolsharfe
tönende, unerschöpfliche, finstere Erde.
Gleich des andern Tags begannen wir die Stadt zu erforschen. Ihr
Leben war so bewegt und mannigfaltig wie ihre Anlage. Die Stadtmauer
führte wie ein Wall über der Tiefe der beiden Flußtäler. Im Winkel
des Zusammenflusses unterhalb alter finsterer Toreingänge lag die
Flußstadt. Sie bestand nur des Winters. Der Jangtse ist ein Strom
von so mächtiger Rätselhaftigkeit wie China selber. Hier oben, 2500
Kilometer von seiner Mündung, stieg sein Wasserspiegel zu Beginn
eines jeden Sommers um dreißig Meter. Seine Breite erreichte etwa
zwei Kilometer. Im Winter floß das Wasser wieder ab, und an dem
breiten Strand erbaute sich wie überall an diesem Strom die Stadt
mit Läden, Garköchen, Teehäusern, Handwerkern, Ärzten, Wahrsagern,
Freudenhäusern und einem immer in Fleiß verwühlten Leben. Am Ufer
drängten sich die Scharen der Dschunken und Wupans zusammen. Große
Hausboote lagen da. Bettler- und Dirnenboote, rudernde Küchen, Krämer
und Geistliche fuhren zwischen den Schiffen hin und her. Vom Fluß
stiegen Treppenaufgänge zur hohen Stadt, deren Leben dem Treiben
in der Flußstadt nichts fortzunehmen schien. Breite Menschenmassen
überfluteten die Treppen mit arbeitender Hast und zwängten sich
oben an der Mauer in dunkle schmale Tore hinein. Bevor man ins Tor
hineinging, sprang von der Treppe eine lange Gasse von Häusern ab,
die auf hohen Stangen an die Stadtmauer gelehnt waren und droben wie
zerbrechliche Nester anklebten. Zwischen Fluß und Stadt gab es keinen
Quadratfuß Weg, den nicht fortwährend der nackte Fuß des Kulis beging
und der den chinesischen Fleiß von Jahrtausenden in tiefen Spuren in
den Leib geprägt trug. Der Jangtse zog ins Tal hinab, gelb vom Sand
der Ufer, wie die Stadt grau war, und mächtig wie sie.
Im Innern standen an den Toren Polizisten, und einer hatte die Pflicht
darüber zu wachen, daß kein bezopfter Chinese in die Stadt kam. Er zog
die Kopftücher herunter und jeder Zopf wurde bis auf die Haarwurzeln
abgesäbelt. An den Toren unterbrach die Schnur der Wasserträger, die
von früh bis spät die Stadt mit dem Fluß verband, den eintönigen
schweren Takt ihres Zugs. Andere Kulis nahmen hier die Eimer ab und
liefen mit dem Wasser an der Tragstange weiter die engen Treppengassen
hinauf, die von den tiefen Toren in die Stadt hinauf auseinander
kletterten.
Die Gassen schlangen sich klimmend durcheinander, liefen eine Weile
eben und führten plötzlich wieder auf hohe Stiegenabgänge, die sich
wieder zu tiefer liegenden Stadtteilen hinabsenkten. Die Anlage, die
Gassen waren von einem feuerigen Temperament, ganz anders wie in dem
strengen Tschangscha. Anfangs verliefen wir uns immer und machten
zwischen Ba-Fung und unserm Haus Umwege von zwei Stunden. Aber das
Dasein der Gassen war so bunt und anreizend. In jeder der dunklen
Höhlen arbeiteten fleißige und geschickte Hände. Es wurde geschnitzt,
gestickt, getrieben, gedrechselt, gemalt, gewebt, ziseliert. Hier
wurde in großen Läden verkauft, dort gekocht und gegessen oder Seide
abgesponnen, Tuch gewalkt, Reis gedroschen, zarte Bambuskugeln wurden
zu farbigen Seidenlaternen bekleidet und Menschen und Tiere aus bunten
Papieren aufgebaut und zur Begleitung der Toten ins andre Reich
bereitgehalten. In schönen runden Haufen hingen die roten Kerzen in
den Läden und die goldverzierten roten Feuerwerksfrösche häuften sich
in den Gestellen hoch.
Alle Gassen waren bebend gefüllt mit vorandrängenden Menschen.
Manchmal durchbrach eine Reihe von fünf, sechs Blinden hastig im
Gänsemarsch, einer die Hand auf der Schulter des andern, die wogende
Menge. Der erste quäkte ein Lied und die andern sangen den Kehrreim.
Die Bettler waren nicht wie in andern Städten. Sie waren einigermaßen
Artisten. Zweien begegneten wir immer, von denen der eine drei
bestielte Kerzen, der andre drei große Brotmesser im Kopf feststecken
hatte. Ab und zu nahmen sie sie heraus und steckten sich sie vor
unsern Augen von neuem ins Hirn. Einer kam jeden Morgen an unserm Tor
vorbei, der tagein, tagaus ein altes Weiblein, seine Mutter, auf dem
Rücken durch die Gassen trug. Fürchterlich aber war der Mann, der
von Laden zu Laden ging, unversehens ein Hackbeil hochhob und sich
lächelnd damit in den Arm schlug. Der Arm war voll blutiger Schnitte
und die Kleider mit Blut besudelt. In der hohen Treppe, die zum Haus
unsrer Freunde hinabführte, kniete jeden Tag bis in die Dunkelheit
hinein ein Mann, der, sobald jemand nahte, plötzlich mit aller Wucht
den Kopf auf eine Steinstufe niederschlug. Es klang wie von einem
Hammerschlag. Man fuhr erschrocken auf. Der Bettler hob aber den
Kopf und ließ seine flehenden Hände die Kleider der Vorübergehenden
streifen. Auf der Stirn hatte er eine dicke graue Beule wie einen
steinernen Keil.
Und immer sah man Kinder umherlaufen, die, erst Schüler, diese Dinge
unvollkommen und im kleinen nachmachten. Auch einige Bettelmönche
durchstreiften Tag für Tag die Gassen. Sie gingen wie in einem kleinen
schmutzbedeckten Traum daher. Ein alter Mann war unter ihnen. Er
hatte seine spärlichen langen grauen Haare über den Schläfen in zwei
Schnecken aufgebunden, wie ein deutscher Backfisch. Er trug einen
Baumast als Stock, dessen Wurzeln ausgeschnitzt waren und hielt als
Bettelschale einen geschnitzten und rotlackierten Wurzelstock hin.
In den Gassen saßen schmutzige und mit Aussatz behaftete Weiber.
Sie riefen einem von fernher eindringliche Worte zu und griffen
mit magern Armen wie Spinnen nach dem Vorübergehenden, der nichts
gab. Eine Bettlerin, die nichts hatte, um ihre nackten Beine zu
bekleiden, legte sich Papiere über die entblößten Schnürfüße. Es war
unstatthaft, die "goldnen Lilien" zu zeigen. Rotbärtige Tibeter, mit
Lammfellen bekleidet, irrten fremd durch die Fremdheit der Volksmassen
Tschunkings.
Mit der Dämmerung, um sechs Uhr etwa, schlossen die Geschäfte. Die
eisenbeschlagenen schweren Türen der Stadttore wurden zugerammt und
trennten Stadt und Land. Ein letztes Aufatmen ging durch die Gassen.
Ein neues verkleinertes Geschäftemachen begann. In der Sin Fung
Gai, der neuen Windstraße, breiteten kleine Händler allerlei Dinge
im Schein von offenen Ölflammen an den geschlossenen Wänden der
Geschäfte aus. Man konnte hier manchmal ein schönes Kupfergefäß oder
eine Stickerei kaufen. Dort, wo die Gassen mehr Platz machten, und in
den kleinen Teelokalen erschienen Erzähler. Die einen erzählten im
Takt von Instrumenten in alten Versen, sonderbar und eintönig dazu
tänzelnd; die andern saßen auf einem erhöhten Tisch im Teehaus. Sie
waren von der Regierung angestellt und sollten den Gedanken an die
Republik verbreiten. Sie schlugen von Weile zu Weile, ohne ihre Rede
zu unterbrechen und ohne Zusammenhang mit ihr, mit einem kleinen
Brett heftig auf den Tisch, um eine abgeirrte Aufmerksamkeit wieder
heranzuziehen. Erzähler von schmutzigen Geschichten sammelten, aus
Furcht vor der Polizei, in dunklen Hofecken einen Kreis von lachenden
Zuhörern um sich.
Es gab viele Theater in Tschunking, und berühmte Gesellschaften
spielten in ihnen. Dann lief die ganze Stadt hin und die Vorstellungen
begannen oft schon vormittags und dauerten bis in die Nacht. Man hörte
bis in die Straßen den Lärm ihrer Musik. Ihre Eingänge waren mit
Lampions in Gestalt von phantastischen Tieren behängt. Es ward uns zur
Leidenschaft, uns ihren Rätseln anheimzugeben. Sie waren prunkvoll und
primitiv, verworren und glasklar, lärmend und ergreifend.
Niemals in irgendeiner Kunstäußerung war etwas so bis zur Grenze des
geistig Möglichen in Stil gewandelt worden. Hier sahn wir den Zorn
stilisiert, die Dummheit, die Häßlichkeit, die Liebe, Vaterlandsgefühl
und Kraft, Mut und Tod. Aber alle Stilisierung war irgendwie im
Zusammenhang mit etwas Lebendigem geblieben, mit etwas der Kreatur
Anhaftendem. Es schien der Bewegungslinie schönster Tiere abgeschaut
worden zu sein. So schüttelt sich, Nerv bis in das letzte Federaug,
der Pfau, der im Brunstzorn das Rad aufschlägt; der Hengst, der frei
auf einer Wiese rast und sich in der Hand des Zähmers bändigt ...
Wie in allen Gesellschaften waren auch hier die männlichen Darsteller
der Rollen junger Frauen bei den Zuschauern am beliebtesten und auch
für die europäische Phantasie am aufregendsten. Sie waren schmal und
schön, von kostbar bestickten Gewändern überflossen; eine Kultur
der reinen Lasterhaftigkeit im geistig Erotischen war in ihnen. Sie
waren von einer engschultrigen, hüftenspielenden weiblichen Linie
und weichen, vollkommenen Bewegungen, und doch lag in allem, was
sie taten, ein letzter Schimmer männlicher Herbheit. Sie schufen
ein Zwischengeschlecht, dem die Phantasie anheimfiel. Die Chinesen
wurden lasterhaft durch sie. Wenn eine dieser Gestalten auf der Bühne
erschien, schrie das ganze Theater seine wie erbost und in jäher
Flamme des Eros hervorgestoßenen Cha! Cha! ... Du bist schön.
Europäer belachen dies Theater, weil es so fern von dem Verismus
ihrer Bühne ist. Sie hätten wohl recht, wenn es feststünde, daß ihr
europäisches Theater etwas Primäres und etwas endgültig Naturhaftes
wäre. Wenn es als Axiom zu gelten hätte, daß die Verquickung von
produzierender Kunst des Dichters mit der reproduzierenden des
Darstellers etwas Gottgegebenes sei. Ist es aber nicht möglich, daß
der einmalige Zufall einer Genialität wie der Shakespeares das ganze
europäische Theater in eine Bahn lenkte, in der es heut scheinbar von
selber läuft?
Leiden nicht alle wahrhaftigen Dichter blutig bei uns unter der
Übermittlung ihrer Werke durch den Schauspieler? Und ist der
Schauspieler selber nicht ein Mensch geworden, dem das Reale unter
den Sohlen entgleitet, ohne daß er den geringsten selbsttätigen
Anteil an der Ursache des schattenhaften Verhältnisses hat, in dem
er zur Wahrheit steht? So sehr unter den Sohlen entgleitet, daß er,
abgerechnet das, was groß- und kleinstädtische Dummheit, Mode und
Suggestion aus ihm machen, ein pendelndes geistiges Neutrum ist, das
sich nie ganz frei von Lächerlichkeit und Lüge und sich nirgends
mit seinen zwei eigenen Beinen in unsere Welt gestellt weiß! Ist es
nicht auszudenken, daß, vor einer Äone geistigen Lebens, unser ganzes
Theater von heute in Europa ein Irrtum ist, von dem größere Zeiten den
europäischen Geist wieder reinigen werden?
Im chinesischen Theater ist der Darsteller in gewissem Maß zugleich
der Produzierende und der Wiedergebende. Die Stoffe dieser Stücke sind
wirklich Stoff, nur Stoff, wie der Lehm dem Bildhauer. Man sagte mir,
es bestünden eigentlich keine Texte, der Schauspieler improvisiere.
Das ist wohl so zu verstehen, daß das Theater nur aus dem Prinzip des
Improvisierens entstanden ist, daß sich im Laufe der Zeit aber eine
Überlieferung herausgebildet hat, an die sich der Darsteller hält!
Das ist um so wahrscheinlicher, als der Schauspieler, bevor er auf die
Bretter gelassen wird, ja von Kind an, eine Schule strengster Zucht
durchmachen muß; denn er soll nicht nur eine reine Geistigkeit sein,
sondern muß, für eine Anstalt, in der die Ausstellung des Körpers doch
die wahrhaftigste Bedeutung ist, lernen, diesem Körper eine Befreiung
von seiner Schwerkraft zu geben, die seine Äußerungen der leichten
Atmosphäre der Geistigkeit nahebringt. Dazu muß er Akrobat werden.
In der Darstellung vermag dann der chinesische Schauspieler seine
Physis in eine europäischem Begriff übermenschlich erscheinende, in
eine flughafte und mit Fließkraft versehene Bildhaftigkeit aufzulösen,
wobei ich nicht an die Saltomortales denke, sondern an seine
Bewegungsart überhaupt.
Wohl erschien dies Theaterspielen uns Fremden zunächst als reine
Artistik. Aber haben wir nicht rasch gelernt, mehr darin zu sehn ...
ganz etwas anderes und größeres? Lebt in dieser Bühne Chinas nicht
dieselbe befruchtende und beseligende Symbolhaftigkeit, die wir selber
bei uns etwa aus der Wohnkunst unserer Vorfahren unmittelbar durch die
Augen in unser Herz leiten? Jene Wohnkunst stammt auch vom Handwerker,
vom Wirkenden mit der Hand. Der Hand aber die Geistigkeit zu geben,
die ihre Produkte über die Vergänglichkeit des Muskels in die lichten
Räume von Gehirn und Empfinden hineinführt -- für Hersteller und
Betrachter -- ist das Artistentum?