Das Zeichen war das Rätsel von allem chinesischen Leben. Es war voll

fruchtbarer Geheimnisse, eine Sichtbarmachung der geheimsten und

stärksten Dinge der Rasse. Wir hatten es wie oft erlebt auf unserer

Reise. Die Verwaltung hatte nie einer bewaffneten Gewalt bedurft. Die

Instinkte ergaben sich dem Ganzen. Die Gesellschaft hatte sich von

selbst in Kreise eingeteilt, von denen der eine sich in den andern

fügte. Und doch war, trotz dieses Einordnungsgefühls der Masse, in

einzelnen etwas Widerspenstiges. Es sah so aus, als ob mit diesem

Widerspenstigen ein jeder seinen Zwang sich einzufügen regelmäßig

ventilierte und seine Kraftinstinkte frisch hielt, dem Jin das Jang

vermählte.

Der Europäer hält die Chinesen im allgemeinen für Schurken, weil

sie sich in ihrem alten Landgebilde nicht so ohne weiteres den

europäischen, oft räuberischen Erwerbssinn gefallen ließen, und sich

nicht beeilten, den Jang Kwei Tse, den fremden Teufeln, ihre Seele

zu erschließen, die aus ganz andern Ursubstanzen besteht und aus

andern Evolutionen entwickelt ist als unsere. Unsere Kulis hielten

wir auch nicht mehr für die harmlosen Naturburschen, für die wir sie

anfangs ansahn. Sie hatten Tücken. Sie waren heut Freund und Arbeiter

in unserm Dienst, glühend vor Arbeitskraft und konnten morgen, wenn

eine andre Macht sie kaufte oder ein anderer Gedanke sie führte,

unsre Mörder sein, mit derselben Wut der Hingabe, derselben selbstlos

überschäumenden Härte, mit der sie jetzt am Ziehseil und an den Rudern

hingen.

Wir reisten mit offenen Koffern. Unser Geld war jedem zugänglich.

Es wurde nie etwas gestohlen. Aber auf dem Kohleneinkauf betrog

uns der Boy. In jedem Chinesen waren endlose Abstufungen hinab des

Befehlens und Befohlenseins. Alles, was wir in den letzten Wochen an

Chinesischem erlebt hatten, war unklar und zwiespältig geblieben. Das

Land war ein Hexenkessel von Ehrlichkeit und Betrug, feiger Hinterlist

und Mut. Das rote und das schwarze Prinzip kreiste durch alle seine

Atome.

So schien im Zeichen dieses Jin Jangs die Volksseele die

geheimnisvollen Mysterien ihres Innern gefunden und zu einem

Bild gemacht zu haben. Schlechtes und Gutes, das in ewigem

Kreislauf ineinander drängt und sich -- ein Fludium fortwährender

Erzeugungskraft -- zu stetem Neuwerden befruchtet; eine ewig

fließende Regeneration aus den Spannungen der Rasse. Die Ausübung

der alten Gesittung und Gewohnheiten schienen uns teils närrisch,

teils verbrecherisch; das Wissen und Denken fossilienhafte

Formelversteinerung. Aber in den Elementen, die wir aufspürten, und

die lebendig in den Menschen waren, lebte eine Wahrheit, die uns

schauern machte. Wir konnten sie aus unsern fremden Gefilden heraus

nur intuitiv erfassen, und das Jin Jang gab uns in seinem Bild ihr

Symbol.

In diesen beiden feindlichen Fötussen, die sich so innig zu solcher

Gemeinsamkeit umschlingen, wirkt etwas wie die Naturkraft der

positiven und negativen elektrischen Ströme, die sich anziehn und

abstoßen und eine Philosophie, die machtvoller ist als die, die jemals

ein europäischer Kopf ersann. Denn sie ist nicht aus der Spekulation

gedanklicher Erwägungen, aus dem Aufrechnen hirnhafter Abstraktionen

gegeneinander entstanden, sondern ist eine schöpferische Wirksamkeit,

die in 400 Millionen Seelen wahrhaftig und schwebend lebendig ist.

Ein erregendes, tiefes und hohes Geheimnis des Menschseins -- uns

halb gelüftet, mit Wonnen und Schauern, Grübeln und sich verlierendem

Versinken von uns genossen.

Das stand auf dem großen Tongefäß. Das Tongefäß fährt aber vielleicht

dieser Tage auf einer Dschunke nach Schanghai hinab und kommt in ein

europäisches Haus, und ein Kaufmann steigt morgens zum Bad hinein

und denkt dabei nach, wie er immer mehr der Angestellte seines

chinesischen Kompradors wird, als dessen Herr er sich aufspielt. Das

erscheint ihm von seiten Chinas als hinterlistig und betrügerisch und

das Zeichen des Verkommens.

13. Dezember.

Die Operation in Wan Schien, die wir anfangs fürchteten, hat

unerwartet geholfen. Der Pirat ist von großer Aufmerksamkeit, gehorcht

auf einen Wimpernschlag und läßt alle Künste seines Kochtalents

spielen. Nur einmal noch versucht er etwas zu retten. Er begann in

seinem englisch-chinesischen Gestammel den Deutschen aus Wan Schien

schlechtzumachen. Er kenne ihn von früher ... Er peitsche seine Diener

und habe zwei chinesische Mädchen gekauft usw. Ich sagte ihm: "Es ist

gut, spring mein Sohn, die Sache ist erledigt." "Finish?" fragte er.

Er verstand nicht. Ich winkte ja.

Der geldlose Freiblitzer scheint von Dankbarkeit erfüllt zu sein.

Er lacht uns immer an mit seinem gelben abgemagerten Gesicht und

hilft, wo es geht. Er macht dem Boy plötzlich die halbe Arbeit. Der

Boy tyrannisiert ihn und spielt ihm gegenüber den Herrn. Er hat ihm

wahrscheinlich gesagt, daß er auf seine Fürsprache bleiben durfte und

er rechne drauf, daß er ihm das in Tschungking lohne.

Einen neuen Patienten haben wir auch. Unter den Ziehern sind zwei

Brüder, zwei kräftige Kerle mit langen Haaren und langen Röcken. Sie

sehn aus wie Pilger aus "Tannhäuser". Der Kranke scheint Ischias zu

haben. Vielleicht ließen ihn aber auch die Pflaster der andern nicht

ruhn. Jedenfalls gibt Gre ihm dreimal am Tag ihr Universalmittel

Chinin mit Himbeersaft und außerdem Säcke mit heißem Sand. Er ist nun

der Held. Es ist eine außerordentlich wichtige Sache, diesen Trank

zu nehmen und die Säcke aufzulegen. Alle sind bei dieser Operation

beschäftigt. Wenn wir kommen, zeigt er auf seinen Schenkel, lacht und

sagt, es sei schon besser. Er kann sich nicht bewegen und wohin er

sich setzen will, trägt ihn sein Bruder mit nie müder Bereitschaft.

August hat, seitdem es ihm mit seinen Kreuzschmerzen nicht geglückt

war, eine Wunde am Bein. Er bekommt eine der kleinen Reisweintäßchen

voll Wasser, in das ein wenig Karbol gemischt wird. Bevor wir Zeit

haben, ihm zu sagen, daß er sich damit die Wunde auswaschen solle,

hat er es rasch hinuntergetrunken. Das bekam ihm wenig. Es scheint

sich aber allmählich die Vorstellung herausgebildet zu haben, daß wir

die Reise nur unternehmen, um Medizin zu verteilen. Der Singkuli Nr.

2 puffte Gre heute in die Seite, rieb sich den Bauch und verzog das

Gesicht. Dann winkte er, sie müsse ihm etwas dagegen zu trinken geben.

Ich wies ihn mit einem Nasenstüber ans Ufer, wo sechs Chinesen auf

Steinen ausdauernd und andächtig und von Hunden umlagert bei ihrem

Geschäft saßen.

14. Dezember.

Tse Pau Tsai. Ein merkwürdiger Klang. Es heißt Edelstein. Einer Ebene

am Jangtse entsteigt plötzlich die schmale Säule eines schroffen

hohen Felsens. Ein Städtchen schachtelt sich um seinen Fuß herum.

Aus den Dächern heraus lehnt sich eine Pagode an den Fels und ihre

geschwungenen Dächer, die wie Nasen übereinander stehn, reichen bis

über die obere Kante des Steins. Droben erscheinen niedrige weiße

Gebäude. Wir gehn zur Stadt hinauf. Schöne Tempel sind in ihr. Ein

jeder liegt voll Soldaten, und in den Höfen stehn altertümliche

schwere Gewehre mit gußeisernen Rohren auf verfallenen Gestellen. Die

Soldaten tun sehr wichtig und ernst und schießen ihre scharfgeladenen

Gewehre in die Luft, als wir wieder gehn. Dann steigen wir durch die

Pagode zum Felsen hinauf. Es ist ein Kloster oben. Viele Hallen liegen

voll Götterfiguren. Sie sind in Trümmer zerschlagen. Ein Chinese

tat es, der ihnen untreu wurde und das Christentum, das er annahm,

fanatisch gegen sie wandte. So bleiben sie nun liegen. Es müssen

merkwürdige Darstellungen gewesen sein. Man sieht in ihnen viele

Torsos von schwangeren und gepfählten Frauen. Fern ziehen durch die

graue Luft die mächtigen Stufen eines riesenhaften Gebirgszugs. Um den

Felsen-Einsamen fließt eine milde, weiche Landschaft auseinander, die

drunten im Dunst des Tages silbern verschwimmt.

Wir wollen den ganzen Tag hierbleiben. Ich geb der Mannschaft einen

Djau. Sie bringen es fertig, mit diesen anderthalb Mark sich zu

fünfundzwanzig Mann zu betrinken. Es ist das erstemal auf der Reise,

daß sie Branntwein trinken. Sie kommen abends streitsüchtig an Bord

und brüllen herum. Sie legen sich gleich schlafen. Auf einmal wird es

wieder laut. Bums! fliegt unsre Tür auf, und ein nackter Bursch stürzt

die Treppe herunter. Ich befördere ihn hinaus und sende ihm etliche

deutsche Flüche nach. Bald schlafen sie. Nur August steigt noch herum.

Aber er hat einen fröhlichen Rausch. Während wir baden, öffnet er von

außen das Fenster. Ich schmeiße ihm einen Topf warmen Wassers über den

Kopf. Er lacht und winkt, ich möge ruhig sein, er schaue nicht mehr

herein.

15. und 16. Dezember.

Die Stadt der Tempel -- Tsongtsau! Eine Stadt, die stirbt und in

der die Reste alter Blüte verfallen. Ein einziger Tempel macht eine

Ausnahme. Es ist die schönste Tempelanlage, die wir in China gesehn.

Die Gebäude wachsen eng nebeneinander auf, Tempel, Theater, Höfe,

Pavillons. Es ist eine Seidenstickerei auf Goldbraun. Mächtige

Holzsäulen halten Dächer über den Besucher, die aus farbigem Email

zu sein scheinen. Am Theater sind subtile Schnitzarbeiten. Viel Gold

und Farben sind in die weiche Düsternis der Anlage eingelassen. Es

ist Größe und spielende Freude an Ausschweifung in Kleinigkeiten.

Die Strenge und Anmut Chinas ist in diesem Werk. Es ist der einzige

Tempel, der gepflegt ist. Fast alle andern Tempel Tsongtsaus sind

geschlossen, einige Kasernen.

Die Stadt liegt in eine weite Mauer gegürtet auf Felsen, und mit

merkwürdigen Überraschungen durchklettern sie ihre Gassen. Einst

blühte sie als Examenstadt. Das ist vorbei. Aber von jener Zeit

hat sie noch einen Hauch in ihrem Innern, in schönen, sonderbaren,

reichen Hausfassaden, feinen Brückenbauten, mächtigen Anlagen von

Beamtengebäuden und Tempeln. Am Fluß ist eine große Winterstadt mit

breiten Straßen aufgebaut. Ein emsiges Leben füllt sie. Viele Schiffe

reihn sich an ihr auf. Ganze Haufen von Orangen und Nüssen gibt es,

Fasanen und Hasen; ich kaufte ein Paar Wildtauben für zwölf Pfennige.

Das Leben gibt sich so chinesisch wie es ist. Bettler jammern einen

halben Tag vor unserm Boot und folgen uns bis in die Stadt. Es sind

entsetzliche, krätzige Wesen, Knaben, kleine Mädchen und Männer,

mit Schmutzkrusten bedeckt, mit nie gereinigten Haaren, von den

Ofenlöchern geschwärzten Leibern und, als einzige Bekleidung, den

zerfetzten Sack über dem Rücken. Sie dringen bis aufs Hausboot hinauf.

Die Chinesen wagten nicht, sie zu vertreiben. Ich mußte es selber

besorgen.

Scharlatane und Wahrsager, Barbiere und Ärzte schieben ihre Tische

mitten in den Verkehr. Alte Herren tändeln durch die Menge und

rauchen ihre selbstgedrehten Zigarren aus anderthalb Meter langen

Bambuspfeifen. Ein jeder Platz ist Bedürfnisanstalt; doch findet man

schon Rudimente des W. C. Eine Matte ist im Halbkreis aufgestellt.

Primitivste Freudenhäuser mit einer urhaften Einrichtung locken die

Kulis. Große Teehallen beben vom Geschrei ihrer Besucher. Mitten in

den Wegen vermieten am frühen Morgen Leute Waschbecken, warmes Wasser

und Tücher an die Kulis.

Wir blieben zwei Tage in Tsongtsau. Man durchstreift eine solche

Stadt wie zu einer Entdeckungsreise, und die Neugier ihrer Bewohner

folgt uns, wie Dorfkinder einer Menagerie. Diese Neugier ist

gutmütig und liebenswürdig, teils scheu, teils naiv aufdringlich. Der

photographische Apparat feiert Triumphe. Wenn ich die Chinesen durch

die Mattscheibe schauen lasse, sind sie ganz weg vor Entzücken und

Heiterkeit. Dieses liebliche Reduzieren der Zeichnung, belebt vom

kühlen Glanz der Farben, ist etwas, das ihrem Sinn liegt.

17. Dezember.

Eine leere Stadt, eine Stadt, die keine Stadt ist, liegt auf

einem Berg. Weite Festungsmauern umspannen mit schönen betürmten

Toren ödes Land, aus dessen dürrem Gras nur Haufen von entlaubten

Maulbeerbäumen wachsen. Im Innern verfallen einige große Jamen und

Tempel. Kein einziges Wohnhaus hat diese Stadt jemals besessen. Es

ist ein Fungtuschien, das kein Fungtuschien wurde. Das wirkliche

Fungtuschien liegt eine Weile davon ab, unten am Fluß. Es wurde einst

vom Hochwasser weggespült und die Regierung wollte die Bewohner, die

gerettet wurden, in sicherer Lage neu ansiedeln. Sie baute die Mauern

und die öffentlichen Gebäude. Aber die Bewohner kümmerten sich nicht

darum und setzten sich wieder in ihr altes Nest.

Wir kamen auf einem langen Fußweg über Land in die Stadt. Eine

große weiße Pagode auf einer Bergspitze hatte seit langem ihre

Nähe angezeigt. Der Zugang führte über eine gedeckte Brücke, auf

der sich drei Haushalte eingerichtet hatten. Fungtuschien ist eine

Wallfahrtsstadt, oder ist es gewesen. Wir fanden all die zahlreichen

Tempel -- jedes dritte Haus ist ein Tempel -- von Soldaten besetzt

oder an Handwerker und Teehäuser vermietet. In einem wurden Möbel

gezimmert, im andern Gewehrrohre fabriziert, hier war ein Reismarkt,

dort eine Garküche und dort eine Spinnerei und Weberei, wo vordem

die Götter einen Lieblingsplatz hatten, von dem aus sie den

Menschen geneigter waren als anderswo. In allen Tempeln waren feine

Schnitzereien und überall hielten "Hunde Fo" Wache, die wunderbare

Ornamente aus Stein waren. Aber die Gassen wimmeln von Mönchen. In

jedem Ofenloch klebt ein schmutziger Bettler, und unter den Geschäften

gibt es viele Pfandleihhäuser, in denen das verstorbene Regime einige

alte, seidene, reichbestickte Mandaringewänder für uns untergebracht

hat.

18. Dezember.

Der Strom kommt mit verhaltener Macht aus der Unendlichkeit des

Nebels. Auf einem Bergkamm wischt der Nebel langsam eine plumpe Pagode

aus der Luft. Die Hügel laufen so zart rund um den grauen Dunst.

Nur die Äcker leuchten von dem starken Grün der Pflanzen. Ein Ufer

ist nur ein Hauch. An dem andern Ufer, an dem wir fahren, ist alles

Silhouette. Stromauf schmiegen sich die hohen Flügel der Segelschiffe,

die uns vorausfahren, in die weiche Luft, und an ihrer Seite tauchen

rasch die großen, vom Rudern erdonnernden, vom Schreien erfüllten

großen Dschunken auf und gleiten hastig und mächtig zu Tal. Ein feiner

Staub sprüht aus der Luft. Der Westwind wirft ihn heftig gegen unsre

Gesichter. Aus den zerrissenen Felsenufern erheben sich von Zeit zu

Zeit große Reiher, segeln einsam und in bizarrer Körperhaltung vor uns

vorbei, bis der Nebel ihre breiten Flügelschläge ganz einschlürft.

Im Nebel zeigt sich das Fremde noch fremder: die weißen Hausgiebel in

Akkoladenform, die kleinen Türme mit den Dächern, die wie Tannenäste

von der Achse des Gebäudes abschweifen, die kargen hohen Pagoden, die

Eingänge der Tempel, die wie mit bunten kleinen Scherben beworfen in

den großen, einfachen weißen Mauern stehn, und über dem Menschenwerk

die Schöpfung Gottes -- die mit dünnen langen Baumreihen ausgezogenen,

spielerischen Züge der Hügelkämme ... ein landschaftliches Pizzicato.

Wir haben uns angewöhnt, seitdem das Land gemächlicher geworden ist,

die Hälfte des Tages zu Fuß am Land zu gehn. Am Ufer sind jetzt

überall ganze Scharen von Goldwäschern. Ihre Arbeit zwischen Steinen

sieht in der grauen farblosen Luft so armselig aus. Die Leute sind

alle zerlumpt gekleidet. Es ist lächerlich, daß sie Goldgräber sind.

Allenthalben kommen die steilen Weglein zwischen den Ackergärten

Menschen herab und setzen sich ins nächste Fährboot. Wenn es so voll

ist, daß es fast untergeht, beginnt es rasch in den grauen Strom

hineinzufahren und sich quer ans andre Ufer treiben zu lassen. Wir

hören die Trommel unserm Schiff Zeichen geben. Eine Schnelle rauscht,

und Zieher schreien unsichtbar im Nebel.

Da kommt jenseits auf der halben Höhe eines Berges ein Leichenzug.

Schalmeien tönen hart und dumpf, der Gong brummt wie eine Glocke, und

langsam taucht der Zug durch den Nebel vorbei: weiße Fahnen, ein roter

Baldachin, ein roter Tragstuhl, weißgekleidete Menschengruppen. Die

Landschaft ist eintönig, einsam und traurig. Die Musik des Leichenzugs

ist wie der Atem dieser eintönigen, wehmütigen und sonderbaren

Nebellandschaft.

Aber diesen grauen Tag schloß die einzige Sternennacht, die wir bisher

auf der Reise hatten. Stromauf und -ab flutete ein leiser heller

Nebel, in dem die Strömung sacht rauschte. Der Sand knisterte am

Boot unter unsern Füßen. Die Gipfel der Berge waren voll schwarzer

Klarheit und drüber dehnte sich der flimmernde Glanz des Himmels. Ein

Boot mit einer Fackel kam im Nachtnebel heran. Ein Mann wollte uns

Gemüse, Eier und Hühner verkaufen. Er hatte auch in kleinen runden

Schüsseln die vielen Speisen für die Chinesen.

19. Dezember.

Futso'u ist eine große Stadt. Sie taucht uns geheimnisvoll und langsam

auf einer Bergecke entgegen, und plötzlich scheint die Sonne über sie.

Sie ist nicht viel anders wie die andern Städte, die wir durchgangen

sind. Sie liegt über dem Zusammenfluß des Kung tan Ho mit dem Jangtse.

Im Kung tan Ho lagen die merkwürdigsten Schiffe, die ich jemals

gesehn. Es waren riesenhafte, plumpe Fahrzeuge drunter. Aber sie waren

alle wie verdrückt. Sie waren nicht in graden Linien gebaut wie andre

Schiffe, sondern wie ein Pfropfenzieher umgebogen. Die Kiellinie

verlängerte sich nach außen durch den Rand der Steuerbordreling.

Hoch über ihre Mitte ging eine fliegende Brücke, bis zu der das

Steuer reichte, dessen Hebel aus einem etwa 30 Meter langen Baumstamm

bestand. Die Chinesen nannten diese Fahrzeuge Wai pi kü'rh. Die

Kenntnis der Ursache, weshalb diese Dschunken so absonderlich gebaut

waren, hatte sich unter den Schiffern verloren. Der Fluß hatte eine

besonders heftige und in kurzer Biegung drehende Stromschnelle, und

es waren vielleicht alte Erfahrungen, die den Schiffen nach und nach

diese Form gegeben hatten.

Hinter Futso'u liegen alte Opiumbau-Täler. Die Bevölkerung war,

seitdem die Regierung das Mohnpflanzen verbot, in Aufstand getreten

und zum Teil Räuber geworden. Vor zwei Tagen hatten Soldaten hier

zwölf dieser Räuber gefangen und nach Tschunking geführt. Ich sah,

daß hier noch Opium geraucht wurde und ließ mich von dem brenzligen

Geruch auf ein Schiff im Kung tan Ho führen. In einem offenen

Verschlag lagen zwei Chinesen an einem der Opiumlämpchen, bereiteten

sich gegenseitig die Pfeifen und schauten mich, stumpfsinnig und schon

in ihr Verdämmern gesunken, an.

[Illustration: Alte Ssetschuanesen]

Als wir aufs Schiff zurückkamen, trat mir ein Chinese entgegen,

der ein ganz zartes schönes Mädchen von etwa sechs Jahren auf den

Armen hatte. Er verbeugte sich und zeigte uns den Kopf des Kindes,

der von bösem Ausschlag verwüstet war. Wir konnten ihm nur "schi,

schi!" sagen, d. h. sauberhalten. Dieser Besuch wurde abgelöst durch

den Besuch eines im Jangtsetal gefangenen kleinen Orangs, der uns

allerlei komische Kunststücke vormachte. Dann sahen wir den Laopan

den Hügel von der Stadt herunterkommen. Die kleine dicke Kugel kam,

wie an einer Schnur hin und her pendelnd, rasch heruntergelaufen. Er

hatte die Hälfte seines Reises verkauft. Das sah man ihm und, als wir

weiterfuhren, auch dem Schiff an. Man hatte ihn für die Abfahrt ans

Steuer gelassen. Ich vermute, um ihm vor seinen Bekannten, die am

Ufer standen, "das Gesicht" nicht zu nehmen. Ein Rausch in China war

ungewöhnlich selten, aber auch ungewöhnlich billig. Wir blieben über

Nacht an einem Dorf, in dem nur Körbe und Matten gemacht und Schweine

geschlachtet wurden.

20. Dezember.

Wir sind glücklich, daß die Schwierigkeiten, die uns in Wan über den

Weg liefen, so gut überwunden sind. Der Boy ist vielleicht ein Pirat

gewesen, aber er ist ein ganz außerordentlicher Diener. Wenn es nur

keine Holzkohlen gäbe! In Futso'u mußte er wieder welche kaufen.

Wir haben bisher mehr Geld für Holzkohlen als für Essen verbraucht.

Dafür besteht im China der Europäer das Wort "Squeeze". Es gab einen

Zusammenstoß. Ich glaube, er weinte. Aber nach solchen Auftritten,

bei denen seine ehrgeizige Veranlagung sehr zu Schaden kommt, ist

er immer von neuer Frische. Die Instinkte seines chinesischen

Einordnungsgefühls sind neu gestärkt. Er tritt in seinen Kreis zurück.

Das Jin hat über das Jang gesiegt.

[Illustration: Garkoch]

21. Dezember.

Mit der Flinte ging ich morgens einen Hügel hinauf, der steil über

dem Fluß stand. Eine weite Mauer umschloß ihn. Es sind Türen in der

Mauer. Aber sie sind fest und verschlossen. An einer brüchigen Stelle

klettere ich hinauf. Innerhalb liegen nur Äcker. In einer Mulde steht

ein Bauernhof und Bambus. Von unten hat man ihn nicht gesehn. Ich

geh hin. Männer und Knaben kommen mir entgegen. Der alte Bauer hat

eine Pfeife wie eine Waffe in der Hand. Sie ist ganz aus Eisen, eine

kleine Keule. Er ruft mir zu "Zoa, zoa!" (Geh', geh'!) Er war sehr

heftig und bös. Ich ging doch am Hof vorbei, weil ich nicht denselben

Weg zurücknehmen mochte. Alle kamen ein Stück hinter mir drein, wie

Räuber, die sich nicht sicher sind, ob sie den Überfall wagen dürfen,

bis sie sahen, daß ich den Pfad zum Fluß hinabging. Sie riefen etwas

nach. Aber ich bin nicht sicher, ob es das Fluchwort gegen die Fremden

war, das gefürchtete "Jang Kwei Tse" -- Fremder Teufel! Wir haben es

noch nirgends gehört.

22. Dezember.

Die Landschaft wechselte wieder. Kleine heftige Hügel sprangen im

silbernen Dunst aus den Uferfelsen. Hinter ihnen wogte das Land

hügelig weiter bis zu kühn gewölbten Gebirgen, die der Nebel in sich

gefangen hielt und nur figurenweise der Luft gab. Bauernhöfe lagen

in Bambus verborgen. Nur ihr Rauch verriet sie. Rund um sie war

der Boden bis ins allerletzte ausgenutzt und die Äcker mit Hirse,

Getreide, Kohl, Erbsen sahen aus wie Mustergärten. Alle die Millionen

kleiner Pflanzen standen in geraden Strichen, und der fettbraune Boden

schimmerte durch. Die Äcker waren heftig grün, wie Patina auf Bronze,

über die dunkle Erde gelegt.

Die Hunde der Bauernhäuser fielen mich an. Die Weiber standen mit

offenem Munde, von meinem Erscheinen betroffen, in den Höfen und

stürzten plötzlich Hals über Kopf ins Haus. Der Riegel klappte zu.

Schwere feindselige Wasserbüffel gingen durch die Landschaft. Über

einer Stadt, hoch im Gebirg, zog eine zinnen- und turmbebordete Mauer

über Anhöhen und in Täler hinab.

Gegen Abend weitete der Jangtse sich aus. Er wurde ein See, im

Dunst der Abendröte erglühend. Schiffe mit hohen Segeln standen mit

langsamem Weg im Blut des Wassers. Wasserbüffel pflügten auf der Kante

der Hügel gegen den brennenden Himmel und glimmerten dunkel gegen das

Licht. Der Bauer führte den alten Pflug. Er sah aus in seiner Faust

wie ein starker hölzerner Bogen.

Wir kamen in ein kleines Dorf, das in den Ausgang einer Schlucht

gebaut war. Ein kleiner Tempel ohne besonderes Aussehn stand am Weg.

Er war offen, und wir gingen hinein. Es schien der Tempel einer

Schiffergilde zu sein. Überall lagen roh gezimmerte Schiffsmodelle.

Überall war auch Verfall in ihm. Nur auf allen Altären standen

Fayencen von großer alter Schönheit, blau und weiß, eigenartig und

seltsam in den Zeichnungen, und tief und leuchtend im Schmelz. Es

waren zum Teil kindergroße Vasen, immer in abgestimmten Sätzen von

fünf Stücken zusammen. Ein alter, halb vertrottelter Chinese kam nach

langer Zeit heraus, sagte etwas mit seinem zahnlosen Mund, und ich gab

ihm einiges Geld.

Wir lagen über Nacht eine halbe Stunde flußaufwärts. Ich sagte dem

Boy, er solle mit dem Gratisblitzer in das Dorf und zu dem Tempel

gehn und versuchen, ob er die Fayencen kaufen könne. Das Trinkgeld

für ihn, wenn es gelinge, sei sein doppelter Monatslohn. Wir warteten

erregt auf die Rückkehr der beiden. Es wurde tiefe Nacht. Ach, wir

haben uns umsonst erregt. Der Alte ließ uns sagen, er möchte ja wohl

die Gefäße verkaufen, aber jedermann in der Gegend kenne sie, und ich

solle ihm es nicht verargen, daß ihm sein Kopf lieber sei, als meine

Silberstücke. Diese fünfundzwanzig Vasen waren so mächtig, so schön,

so seltsam, wie ein ganzer großer Berg voll blauen Rittersporns in

einer Schneelandschaft und unter einem seidenblauen Himmel.

23. Dezember.

Drei kleine chinesische Erlebnisse hatte ich heut.

Auf dem chinesischen Fluß · 第 11 / 15 段