Tiefe des nebeligen Morgens dämmerten Hügelzüge auf, die dicht mit
grauen Häusern übersät waren. Das war Wan Schien. Wir kamen näher. Wie
dunkle schwere Blätter lagen die Dächer übereinander. Ein Nebenfluß
des Jangtse durchschnitt die bebauten Hügel, und eine Brücke sprang
als ein feiner dünner und doch mächtiger Bogen, wie ein Klang aus
Stein, von Ufer zu Ufer. Auf dem Scheitel seines Gewölbes saß ein
Haus. Auf den kahlen Stadtmauern breiteten Türme ihre ausgeschwungenen
Dächer über mehrere Geschosse, und hinter der Stadt klang eine
vertraute Landschaft auf. Wir sahen sie tausendmal auf chinesischen
Vasen, auf Tuschbildern. Die zierliche Kühnheit des Schwungs dieser
Berge, das zahllose abwechselnde Wiederholen derselben anmutig und
kokett, bizarr und fremdartig aufhüpfenden Formen war so chinesisch
wie die dunkle geschlossene Stadt und die flachäugigen struppigen oder
gepflegten Männer, die am Ufer standen. Diese Landschaft war so, als
ob Götter der Wohlförmigkeit, aus dem Himmel herniederfassend, sie mit
schlanken feinen Händen aus der Erdkruste herausgezupft hätten.
Wir gingen gleich zur Stadt hinauf. Am Ufer dehnten sich die Buden
einer weiten Winterstadt von Händlern und Garköchen aus. Darüber
hockten auf hohen Stangen und an die Stadtmauer geklebt, Scharen von
Häusern und Hütten. Treppen führten schmutzig und steil zwischen ihnen
durch finstere Tore, in gewundene dunkle Gassen. Bettlerkinder fallen
uns an. Ich begehe die Torheit und gebe einem mehrere Käsch. Obgleich
dieses Wesen nackt war, so blieb es doch unerkenntlich, ob wir einen
Knaben oder ein Mädchen vor uns hatten, so war sein magerer Leib
schwarz verkrustet. Es hatte seine Schultern mit einem dünnen Sack
bedeckt und hielt uns in der Hand eine Kumme bettelnd hin. Kaum hatte
es sein Geld, so schwärmten auf einmal von allen Seiten verkrätzte und
nackte Kinder herbei. Sie gingen hinter uns her, und das ganze Rudel
plärrte im Takt mit weinender Stimme, immer dieselben zwei Wörter.
Die Stadt ist so malerisch, so dunkel hin und her und auf zum Licht
und ab ins Düstere. Ihr Leben ist so heftig und so vielfach in die
braunen Schatten der engen Gassenwirrnis gepreßt. Läden mit schönen
Kupferarbeiten locken uns. In andern Auslagen liegen tellergroße
Reiskuchen aus farbigen Ringen, Kringeln und Blumen. Sie sehen aus wie
ein schönes steifes Biedermeierbukett.
Die Bettlerkinder lassen uns nicht. Die Öfen der Garköche sind in die
Gassen gebaut. In jedem warmen Ofenloch sitzt ein schwarzer nackter
Balg vor der Kälte festgeklemmt. Man sieht nichts von ihm, als den
mageren geschwärzten Hintern. Sie alle löst der Zug hinter uns aus den
warmen Steinen. "Jang sien scheng ... e ... ne, jang sien scheng ...
e ... na" weinen sie im Rhythmus hinter uns her. Ich drohe. Es nützt
nichts. Ich hebe den Stock. Sie kommen weiter mit. Sie betteln für
einen Unternehmer. Dessen Stock wird kräftiger sein als meiner, wenn
sie abends leer heimkommen. Sie haben also nichts zu verlieren. Sie
fürchten sich auch nicht, weil sie auf die starke Gilde vertrauen,
deren Macht sie schützend hinter sich haben. Ich kann mich schließlich
nicht mehr anders wehren und belade mich mit der Rachegefahr der
ganzen Zunft. Ich haue dem ersten, den ich erreiche, meinen Stock
einige Mal über das schmutzige Fell. Die ganze Bande schreckt ein
wenig zurück. Aber gleich sind sie wieder alle um uns und skandieren
jammernd: "Jang sien scheng ... e ... ne ..., jang sien scheng ... e
... naaaa ...!" Da kamen wir an zwei chinesischen Schutzleuten vorbei.
Sie standen in der Straße und hielten dicke Knüppel in der Hand. Sie
befreiten uns im Nu vom ganzen Schwarm.
Während wir beim Mittagessen im Hausboot sitzen, entsteht in der Küche
ein furchtbarer Lärm. Der Boy schreit, die Frau brüllt stöhnend. Ich
gehe hinaus. Die Frau Boy hängt an ihrem Gemahl. Sie hat sich an
seinen Kragen festgekrallt und läßt sich nachschleppen. Sie hat die
Augen geschlossen und stöhnt. Eine alte Waschfrau wusch unser Zeug in
einer roten Holzwanne. Die hilft mit, und wir befreien den Boy von der
kleinen Furie. "Bad fu jen!" sagt der Boy. Eine schlechte Frau. Die
Frau Boy zieht sich böse in die Schlafkammer hinter der Küche zurück.
Von dort wirft sie uns ihre Haarspangen, ihr Halstuch und nach und
nach all ihre Kleidungsstücke an den Kopf. Der Boy erklärt:
"Sie wollte nicht waschen für die Missie und sagte: wenn ich die Ama
der Missie wäre, so würde ich waschen. Der Boy antwortete ihr: du
kannst die Ama der Missie nicht sein, denn die Missie hat kein Baby!
Die Missie hat thousand more und flickt ihre Sachen trotzdem selber,
und wir haben zwanzig Dollar Monatslohn und ich muß Wäscherinnen
bezahlen. Der Boy sagt ihr auch: du hast fast nichts zu tun. Du
kannst dir deine Schuh doch selber nähen und sticken. Sie antwortete:
Weshalb? Man bekommt ja Schuhe fertig zu kaufen ... Sie ist ein
schlechtes Weib." Der Boy war ganz rot und aufgeregt.
Es war wohl kein Zweifel, daß die Sache auch noch ein anderes Gesicht
hatte. Es schien ein kleiner hysterischer Eifersuchtsanfall zu
sein, der die Frau Boy so wild machte. Ihr Mann wollte gerade mit
den genießerischen Gratisblitzern in die Stadt gehn ... Aber dieser
Auftritt war nur eine Wiederholung von zahlreichen Beobachtungen,
die wir in den Dörfern und Städten machten. Überall wird über
die untergebene und unselbständige Stellung der chinesischen
Frau geschrieben. Dem Buch nach besteht sie vielleicht. Aber das
Leben überholt das geschriebene Wort. Der Chinese drängte seine
Frau immer ins Innere des Hauses und dort wucherten die Frauen in
Unselbständigkeit und Faulheit, nur Konkubinen oder Erzeugerinnen. Sie
setzten sich in ihrem passiven Dahinleben zusammen und klagten und
schimpften und allmählich hat sich in ihnen mit der Verkümmerung der
vortrefflichen Instinkte ihrer Rasse auch eine Bosheit angesammelt,
die heute manchem Chinesen das Leben schwer machen mag. Man sieht
überall Chinesinnen, die mit einer Dynamik die Männer ankeifen,
gegen die die berühmte Maulfertigkeit der Damen der Halle in Paris
christliche Sanftmut ist. Die Frauen scheinen mir auch untüchtig zu
sein, die entsprechenden Produkte des Lebens, zu denen das Wort des
Gesetzes sie zwang. Das "Mulier taceat in ecclesia" hat in China auch
gegolten und in dem einfügsameren aber instinktstärkeren und zäheren
Geist dieser Rasse üblere Folgen gebracht, als in den christlichen
Ländern. Die Frauen sind hübsch und gesund. Man sieht sie überall in
den Türen ihren Säuglingen üppig fruchtbare schöne Brüste reichen; die
Kinder sind meist von lieblicher Schönheit und kernigem Wohlergehen,
aber verwahrlost, wie das Innere der Häuser.
Auch im Kind liegt schon die eingepreßte Heftigkeit und Wehrhaftigkeit
des Frauencharakters. Wie bei einem Konflikt mit den Eltern solch
ein Kind seinen Willen durchsetzt, ist wertvoll zu erleben. Diese
Vitalität des Trotzes! Diese Spannkraft des Gebrülls! Einmal sah ich
ein Mädchen von etwa zwölf Jahren an einem Mann vorbeigehen, der eine
der großen Laternenkugeln aus Marienglas trug. Das Mädchen schlug mit
einem Korb unachtsam dagegen und das Glas zersplitterte. Das Mädchen
wartete nicht erst die Vorwürfe des Mannes ab, sondern ging sofort
zum Angriff über, fuhr mit heißem Zorn gegen den armen Laternenträger
los und nahm ihm mit wütender Strafrede jeden Einwand, daß doch sie
es sei, die die Laterne zerstört habe, vor der Nase weg. Der Mann
geriet in die Defensive und zog sich mit den Scherben seiner Laterne
geschlagen zurück.
Nachdem die Frau Boy gebändigt in ihrem Bett lag, ging der Boy in
die Stadt. Einer der fingerhutgroßen Schuhe flog noch zornig aus dem
Vorhang heraus.
Damit waren unsere chinesischen Erlebnisse dieses Tages aber noch
nicht zu Ende. Als wir nachher zwischen den Buden der Winterstadt
umherschlenderten, von August, dem Laopan und einigen unserer Schiffer
begleitet, kam ein Chinese auf uns zu und grüßte uns. Wir hatten ihn
nie vorher gesehen. Er blieb uns dicht auf den Fersen, und als wir
unser Boot wieder betraten, reichte er uns eine Visitenkarte und einen
Brief. Auf der Karte stand: André Pithous, enseigne de vaisseau. Den
Brief riß ich gleich auf. Er war von unserm Gastgeber aus Itschang. Er
hatte folgenden Inhalt:
"Itschang, den 27. November.
Lieber Herr Jacques!
Namsang war soeben in großer Aufregung bei mir. Der Kapitän des
Hausboots hat einen Booten hierhin geschickt, der um Unterstützung
gegen Ihren Boy bitten soll. Ihr Boy hat acht Passagiere an Bord
geschmuggelt, und da der Raum infolgedessen sehr beschränkt ist
und der Reis nicht ausreicht, so fürchtet der Kapitän einen Streik
seiner Leute. Es dürfen nicht mehr als 25 Chinesen an Bord sein,
ausschließlich Ihrer Dienerschaft. Was drüber ist, ist vom Übel.
Ihr Boy wird mir hier als ein minderwertiges Subjekt geschildert,
und Namsang riet dringend, in Tschunking einen anderen Diener zu
nehmen. Vor allem entledigen Sie sich aller überflüssigen Menschen
an Bord und vertrauen Sie nur dem Laopan. Sie setzen sich sonst der
Möglichkeit eines Überfalls aus, denn wer weiß, was für ein dunkles
Handwerk diese Passagiere Ihres Boy betreiben? Um so mehr, als Ihr
Boy, wie an Bord der Kwei Li behauptet wird, ein alter Flußpirat ist
und öfters im Gefängnis saß.
Unter den obwaltenden Umständen wäre es vielleicht geraten, ein
Rotboot (Hung tschuan) mit Soldaten zu engagieren. Dann darf sich
der Boy nicht mucksen. Vielleicht versuchen Sie, Namsangs Boy, der
einen französischen Offizier, durch den ich Ihnen diesen Brief
schicke, bis Wan Schien begleitet, zu engagieren. Suchen Sie
jedenfalls Herrn Kanin auf, der in Wan Schien wohnt, ein deutscher
Kaufmann ist und für die Firma Arnberg & Co. arbeitet."
Ich rief den Boy. Der Chinese, der uns den Brief gebracht, war spurlos
verschwunden. Wir gingen den im Brief erwähnten Herrn aufsuchen. Die
Stadt hatte etwa 100000 Einwohner. Sie war dem europäischen Handel
verschlossen, und wenn ein deutscher Kaufmann trotzdem in ihr wirkte,
so tat er das im geheimen. Nach zwei Stunden hatten wir die Post
und in der Post einen Chinesen gefunden, der den Fremden kannte. Er
führte uns. Wir stiegen hoch hinan über zahlreiche hin und her irrende
Treppen. Dann gingen wir in ein Haus. Aber es war, als ob dieser
ganze Stadtteil zu diesem einen Haus zusammengebaut wäre. Hundert
Höfe, Galerien, einzelne Häuser, wuschelten sich ineinander. Endlich
kamen wir in das richtige Haus. Ich wurde bereitwillig aufgenommen,
erzählte, und der Deutsche sagte: "Ich hab seit sechs Jahren einen
Diener, das ist das schlaueste, halunkenhafteste Produkt der gelben
Rasse. Den wollen wir auf Ihren Boy loslassen, und er soll zunächst
ein wenig auskundschaften. Wenn Sie wollen, kann er Sie auch bis
Tschunking begleiten."
Dieser Boy kam. Er war ein schlank gewachsener, sehr schöner Kerl mit
einem schmalen Kopf und großen feuchtglänzenden Augen, ein Apollo
der gelben Rasse, eben, wie aus Bronze, schmachtend und verschlagen,
geschmeidig und jung. Sein Herr erklärte ihm, er winkte "ja" und ging
los.
Als wir abends an Bord kamen, saß der Sherlock-Holmes-Boy mitten
zwischen der Mannschaft. Er ging mit uns ins Zimmer und sagte, daß
alle acht Gratisblitzer zu unserm Boy gehörten, daß der Boy aber mit
dem Laopan ein Übereinkommen getroffen habe. Später kam unser Boy
und fragte uns mit verlegenem, lächelndem Gesicht, ob wir erzählt
hätten, daß sein Freund im Kupfer arbeite, und ob wir erzählt hätten,
er koche so gut und sei so fleißig und hielte den Laopan und das ganze
Schiff in Zucht. Das war nun wahr und nicht wahr. Der Gauner schien
sein Werk gut begonnen zu haben. Am nächsten Morgen sollte er nun die
wichtigere Arbeit vollführen und etwas über die Vergangenheit und die
Zuverlässigkeit unseres Boys erkundschaften.
Wir legten uns zu Bett, mit einem Kopf, der voll rätselhafter
chinesischer Zeichen und Dinge drehte. Log der Laopan, log der Boy?
Waren die Tatsachen, die wir gesehen hatten, das Streiten mit dem
Laopan und seine Entthronung denn nur eine Lüge?
10. Dezember.
Schon am frühen Morgen sahen wir den Detektiv wieder am Werk. Man
hatte uns öfter gesagt, die Chinesen seien alle vortreffliche
Detektive, und es gelänge den Stadtpolizisten immer mit einem
einfachen überraschenden Aufblitzenlassen der Blendlaterne, mit
der sie in der Nacht an den Gassenkreuzungen warten, Verbrechern
Geständnisse abzufangen, so wie das Blinkfeuer eines Leuchtturms
die Vögel aus der Finsternis an die funkelnden Scheiben reißt. Man
erzählte auch, daß der deutsche Polizeimeister von Hankau seine
anerkannten großen kriminalistischen Erfolge dem Mitwirken seiner
chinesischen Diener verdanke.
Der Chinese, der uns den Brief gebracht hatte, und der unter Umständen
unsern Boy ersetzten sollte, ließ sich nicht mehr blicken. Wir
entschlossen uns rasch zum ersten Schritt und befreiten uns von der
unterhaltsamen Gesellschaft der Gratisblitzer. Wir taten es schweren
Herzens. Ich ließ ihnen sagen, das Schiff habe nur die Konzession,
außer den europäischen Reisenden 25 Mann chinesischer Besatzung
mitzuführen. Dem Magistrat der Stadt sei von irgendwelcher Seite
gemeldet worden, daß auf unserm Boot acht Mann mehr mitreisten.
Und der Magistrat wolle am Nachmittag Soldaten schicken, die diese
Angelegenheit untersuchten. Ich hoffe, daß sie uns den peinlichen
Besuch des Militärs ersparten.
Sie begannen gleich ihre Sachen zusammenzulegen, stopften ihre
Toilettedinge in die Waschschüssel, ihre Waschschüssel in einen Korb
und umwickelten den Korb mit ihren Betten, schnürten zu, zogen alle
ihre Kleider über und wollten gehen. Wir gingen zu ihnen hinaus
und sagten, es täte uns leid, aber wir kämen gegen chinesische
Vorschriften nicht an. Sie lächelten höflich, verbeugten sich vielmals
vor uns und verließen das Schiff. Gott sei Dank die Form der Kündigung
schien ihnen "das Gesicht" nicht genommen zu haben, und wir konnten
wenigstens ohne Furcht vor der Rache ihres beleidigten Ehrgefühls
reisen. Nur dem dicken Genießer ging es an die Nieren, daß er das
sichere und bequeme Boot aufgeben mußte. Er ging böse und ohne Adieu.
Sie wollten zu Fuß über Land die Reise fortsetzen. Einen baten wir an
Bord zu bleiben. Es war der magere Geldlose.
Wir hätten alle Schwierigkeiten mit einem Schlag beendigen und den
Boy und die Frau Boy an die Luft setzen können. Aber wir waren sonst
so bequem mit ihm gefahren. Er hatte in einem französischen Haus
kochen gelernt, und unser Tisch übertraf alle Küchen, die wir bisher
in China genossen hatten. Ja, selbst wenn er Flußräuber gewesen wäre!
In China hängt der Beruf nicht immer mit dem Charakter zusammen. Die
sonderbaren und oft willkürlichen Umstände dieses dezentralisierten
Reichs, Selbstwehr und Not mochten oft Menschen zu Räubern machen,
die im Grund etwas anderes waren. Es sprach wohl allerlei dafür, daß
die Mitteilung stimmte. Der Boy kannte jeden Ort am Fluß und sein
rasches, tatkräftiges und fachmännisches Eingreifen, wenn der unfähige
Laopan das Schiff in Gefahr brachte, seine Furcht vor Schiffsräubern
vor allem schienen auf seinen früheren Beruf hinzuweisen. Doch ich
gestand mir den Hauptgrund, weshalb ich unseren Schwierigkeiten kein
radikales Ende bereiten wollte, nur halb ein. Es schien mir von
einem kämpferischen Reiz zu sein, fremdes Land mit einem Menschen zu
durchreisen, der nicht nur brav und langweilig das war, was man an
ihm sah, sondern auch Möglichkeiten von heftigen Zusammenstößen und
nackten Abenteuern in sich barg.
[Illustration: Brücke in Wan Schien]
Wir konnten uns vorläufig noch zu nichts anderm entschließen, als
unsere stets offnen Koffer und die Kiste mit den Dollarstücken, die
unter meinem Bett stand, zu schließen. Wir blieben noch den Tag in Wan
Schien und warteten. Der Laopan pumpte mich noch einmal an, um Reis zu
kaufen. Wir gingen wieder durch die graue Stadt. Es waren am Morgen
große Plakate angeschlagen worden. Die Regierung begann ihren heftigen
und rücksichtslosen Kampf gegen das Opium auch nach Ssetschuan
auszudehnen. Diese Provinz lebte zum Teil vom Opiumbau. Der Krieg
galt nicht nur den Genießern, sondern auch denen, die vom Mohnbau ihr
Leben fristeten. Die Plakate drohten jeder Person, die Opium pflanzte,
den Tod an. Auch die unverbesserlichen Raucher wurden erschossen und
überall an unserm Weg hörten wir von Hinrichtungen. China hatte auch
gerade den Kampf gegen das englisch-indische Opium aufgenommen, und
in Schanghai war eine Ladung verbrannt worden. Daraus drohte das
tugendsame England, das so viel Geld aus den Lastern eines fremden
Volks gewann und seit Jahrzehnten diese Laster emsig pflegte, einen
Konflikt zu machen. In den Tälern hinter Wan sollten noch überall
Mohnäcker blühen. Überall entstand Aufruhr, den das Militär kaum zu
unterdrücken vermochte. Die Opiumbauer, deren Erwerb man so energisch
unterband, wurden Räuber und machten den Verkehr auf dem Jangtse
unsicher. Dschunken und Postboote wurden überfallen und ausgeraubt.
Die chinesische Regierung hatte uns mit der Übergabe des Reisepasses
zugleich mitgeteilt, sie warne uns, das Innere Ssetschuans zu bereisen
und müsse jede Verantwortung für diese Gegenden ablehnen.
[Illustration: Wan Schien]
Während wir durch die Morgengassen gingen, kam uns auf einmal ein
seltsamer Zug entgegen. Vorn ging ein Mann, der hatte eine hohe
Narrenmütze auf. Die linke Hälfte seiner Kleidung war blau, die andere
rot. Er trug ein Schild an einer Stange, das mit Zeichen bedeckt
war. Hinter ihm schritt ein Soldat, der einen festen Bambusstock in
der Hand hatte. Hinter dem Soldaten kam wieder ein solch närrisch
gekleideter Mann, gefolgt von einem anderen Soldaten. So gingen vier
Männer und vier Soldaten durch die Gasse. Der Boy erklärte uns: auf
den Schildern stand: "Jetzt haben wir wieder einen erwischt, der Opium
geraucht hat." Die Erwischten mußten ununterbrochen einer nach dem
andern rufen: "Ich hab Opium geraucht!" Die Bambusstöcke der Soldaten
besorgten eine regelmäßige Folge dieser Rufe. Die Soldaten salutierten
uns. Sie salutierten Europa, den Geist ihrer neuen Republik. Später
trafen wir den Zug noch einmal, und wieder schlugen die Soldaten an.
Als wir abends nach Hause kamen, hörten wir, daß der Untersuchungsboy
da gewesen sei. Unser Boy sagte es uns mit einem betretenen Gesicht.
Er schien die Gefahr zu riechen. Er war emsig, aufmerksam und
briet zum Essen zwei Wildenten, ein Meisterstück. Wir hatten uns
entschlossen, mit unserm Boy weiter zu fahren. Wir schrieben dem
Besitzer des schlauen Dieners adieu und Dank und gaben dem Laopan den
Befehl, am nächsten Morgen um zehn Uhr aufzubrechen.
11. Dezember.
Die Kulis sind widerspenstig. Sie wollen schon um sieben Uhr
aufbrechen. Ich gehe einfach an Land. Da können sie nicht weg. Ein
Leichenzug fährt über den Strom. Ein flaches großes Boot ist ganz in
Rauch gehüllt, Pulverfrösche knattern endlos. Weißgekleidete Menschen
fahren in einem Kahn voraus. Frauen und Mädchen, die über farbigen
Seidenkleidern weiße Tücher sehr schön und sorgfältig um den Kopf
gefaltet und hinten in langen Streifen herabhängen haben, stehen am
Ufer und schauen dem Zug nach.
Bis zehn Uhr gehe ich photographieren. Nun sollen wir weg. Aber jetzt
wollen die Kulis auf einmal nicht mehr. Diesmal scheint es gegen den
Laopan zu gehen. Am Morgen ging es gegen mich. Ich sprach einmal
energisch das Wort: Kuan! Das heißt: Magistrat, Behörde! Auf einmal
griffen sie ans Ruder und fuhren. Der Boy sagte: "Es sind schlechte
Männer. Es sind Ssetschuan-Männer!"
Das Boot fuhr den breiten schnellenlosen Fluß in eine sachte weite
Landschaft hinauf. In einem Städtchen war Markt. Das Ufer wimmelte
von blauen Chinesen. Sie hingen zwischen den Felsblöcken das Ufer
hinan, wie Beeren einer riesenhaften Dolde. Eine rot gekleidete Frau
brannte zwischen all dem Blauen, wie ein Flämmchen. Mit Menschen und
Vieh überladene Kähne lagen am Ufer. Wu Lin Tschi hieß das Städtchen.
Steil gingen seine Gassen in die einzige wagerechte Straße hinauf. Der
ganze Markt kam uns nach. Einigen verschlug es den Atem, so unerwartet
Fremde vor sich zu sehen, und Frauen und Kinder stürzten über Hals
und Kopf in die nächsten Türen hinein. Aber die Menschen wurden rasch
heimelig. Freundlich schüchtern begannen sie bald uns zu folgen. Wir
gingen in eine alte verkommene Tempelanlage hinein. Einmal ist ein
Tempel nicht von Soldaten besetzt. Die wilden Götter tanzen in der
dunklen Einsamkeit. Sie sind grausiger, als sonstwo. Sie sind ein
Haufen unheimlicher Scheusäligkeit mit Vogelbeinen, aus den Flanken
dringenden Rippen, gezückten Schwertern, Bleckkiefern mit Zahnsägen,
Adlerköpfen, wüsten Nasen, drohenden Fäusten. Alle haben das Maul dick
und schmutzig mit braunem Zucker beschmiert. Das soll sie gut stimmen.
Mitten zwischen ihrer Gruseligkeit aber steht eine kleine zarte Frau,
schmal, lieblich und ruhig. Sie trägt ein Kindlein auf dem Rücken
und an einem Arm hängt ein winziges Paar Schuhe, das Ex-voto eines
fruchtbar gewordenen Schoßes, -- Kuan Jin.
Die Anlage des Tempels läuft nach hinten in eine düstere, großartig
grausame Landschaft, in der zwischen grauen ungestümen Felsblöcken
sich zahllose Gräber eingenistet haben. Auf dem Kamm der Anhöhe aber
wachsen mächtige Baumkronen in den Himmel. Fern hinter der Stadt, die
allmählich in das graue Gräberfeld versinkt, zieht ein ungeheures
Gebirge auf. Wir gehen über die Felder auf den hohen schmalen Dämmen,
die die Reisäcker voneinander trennen. Am Tempel bleibt das ganze
Städtchen stehen und schaut uns nach.
12. Dezember.
Beim Morgengange kam ich in ein Töpferdorf, das in einem Hügel
qualmte. Schon von weitem schollen mir wild aufgeregte Stimmen
entgegen. Oben im Dorf hatten zwischen den kleinen Töpfen und den
faßdicken Wassertöpfen ein Mann und eine Frau Streit. Die Frau stand
oberhalb des Wegs, der Mann im Weg. Der Mann brüllte im Baß, die Frau
schrillte im höchsten Sopran. Sie hatten beide die Gesichter in die
Luft gestreckt, wie kampfbereite Hähne, und schauten immer aneinander
vorbei, wenn sie sich anschrien. Sie sprangen gegeneinander wie zwei
Hunde, die wütend an ihren Ketten hängen. Der Lärm war furchtbar.
Aber sie wußten, daß sie nicht aneinander kämen. Die Frau keifte wie
ein tollwütiges Piston hinab und er dröhnte wie eine verstimmte Orgel
hinauf, bei der auf einmal alle Luft rasend durch eine Pfeife jagt.
Keiner vermittelte, wie es sonst bei chinesischen Streitereien sofort
geschieht. Jedermann wußte: die Entfernung schützt vor dem Äußersten.
Die Entfernung ließ jedem "sein Gesicht". Es brauchte keiner die
Beleidigungen durch mutige Ohrfeigen zu rächen, um sein gekränktes
Ehrgefühl wieder zu heilen.
August ging mit mir. Er nahm sonst das Leben von der allerheitersten
Seite. Jede krumme Schulter stachelte sein lustiges Gemüt. Hier ging
er vorbei, als ob die beiden friedfertig zusammen plauderten. Er
schaute nicht hin. Ich zupfte ihn und zeigte auf die beiden. Aber er
winkte mir mit der Hand ab. Er schnitt ein geringschätziges Gesicht,
sagte: bu chau, das ist nicht schön! und ging weiter. Auch die
Arbeiter, die Töpfe zum Strand hinuntertrugen, schienen den Auftritt
nicht zu bemerken.
Unten, wo das Hausboot auf mich wartete, lag ein Haufen fertiger
Tonsachen. In die Wand eines faßgroßen Gefäßes war das Zeichen des Jin
Jang eingeschnitten. In den Städten sah man dieses Zeichen manchmal
auf Hauswänden gemalt. Es war ein schwarzer Fisch, der eng mit einem
roten zusammengeschlungen war. Es waren keine Fische, es waren
Fötusse. Die Entstehung dieses merkwürdigen Zeichens war die folgende:
Anfangs war das Nichts. Aus ihm dämmerte allmählich die Form auf, die
erste Begrenzung einer Einheit. Das war ein Punkt in einem Kreis, die
"erste Ursache", "ein Zeitgeist".
Lange später spaltete sich dieser Zeitgeist in zwei Prinzipien.
Das eine war ein tätiges, das andre ein stilles. Das eine war ja,
das andre nein. Das Licht und die Finsternis, das Männliche und
Weibliche. Und alle Dinge entstanden aus der vereinten Wirkung dieser
beiden Prinzipien. "Die beiden Elemente der Natur sind des Menschen
Eltern", lehrte Laotses Schüler Tschuang Tse. Das war die chinesische
Erschaffung der Erde und alles Lebens. Das wurde Jin Jang genannt.