Ein Häuschen ist an die Steine geklebt, in dem die Zieher Tee und

Essen bekommen. August kommt uns entgegen. Er hat die Treidlerbande

verlassen, weil er uns durch diese wilden Fährlichkeiten leiten zu

müssen glaubt. Ich kaufe ihm vier gekochte Enteneier in dem Häuschen.

Er bricht die Schale ab und bietet uns immer zuerst an, bevor er

selbst ißt. Er geht stumm hinter uns. Nur wenn der Weg zu schmal wird,

tritt er zwischen Gre und die Tiefe, wartet, bis sie vorbei ist, und

lacht. Wir überholen zwei Zieher, die sich einsam daherschleppen.

Der eine ist ein Knabe, der andere ein älterer Mann. Beide scheinen

sich innerlich verletzt zu haben. Sie sind bleich und rasten jeden

Augenblick. Tief unter uns fließen Schiffe zu Tal. Andere ziehen den

Strom hinan. Wir sehen unser Segel idyllisch dahinstreben. Leute

kreuzen unsern Weg, die an Stangen die papierverklebten großen Körbe

mit Baumöl oder Säcke mit Reis tragen. Der Weg ist wie eine schmale

gewundene Rille im Fels. Der Fels steigt in wunderbarer Masse noch

1500 Fuß über ihn, nackt, glatt und fürchterlich.

Schließlich wird der Weg etwas breiter. Unter einer riesenhaften

goldenen Inschrift im Felsen sind einige Haufen von Steinen

aufeinandergelegt. Wir fragen August. Er spricht nicht. Er weiß, das

verstehen wir nicht. Er stellt sich an den Rand der Tiefe, wirft den

Kopf hintenüber, reißt den Mund starr auf, schließt die Augen zu und

zeigt mit beiden Händen unter sich in den Abgrund. Wir erschrecken,

aber wissen gleich, daß das die Darstellung des Verunglückens ist und

daß die Steinhaufen mit den Baumsäulchen und der großen Inschrift

symbolisch Gräber abgestürzter Zieher sind.

Der Weg führt um den Berg herum, noch einmal hoch hinauf. Die Schlucht

ist gewaltig, und um einen Berggipfel schlingt sich ein Wolkenkranz.

Tragende Menschen glänzen an den Wegbiegungen schwarz über der

Tiefe. Drunten schallt der Gesang der Ruderer. Der Weg fällt in ein

Seitental. Der Fluß verschwindet. Wir gehen durch Äcker, umsteigen

einen anmutigen zauberischen Berg, auf dem sich weiße Tempelanlagen

in rotflaumigem Herbstwald leuchtend einbetten, und kommen in eine

verfallene Stadt. Zwei Tore in Ruinen, eine lange Mauer im Verfall,

armselige verkommene Häuser, schmutzige Menschen. Die Straße führt

mitten durch ein Haus hindurch. Manchmal kommt der kleine Wegaltar

eines Gottes. Aus einer dieser Nischen schaut die heilige Frau Kuan

Jün. Am Rand des Steins stehen zwei Paar roter blumenbestickter

Schuhe. Sie sind ganz winzig, so groß wie eine Streichholzschachtel.

Frauen, denen der Wunsch nach Kindern von der Göttin erfüllt wurde,

haben sie hingestellt, und Frauen, die mit diesem Wunsch der Göttin

sich nähern, sollen sie mitnehmen und wenn ihr Schoß fruchtbar

geworden, neue hinstellen. Gre nahm sich ein Paar, liebste schöne

heilige Kuan Jün aus China!

Wir sahen den Jangtse wieder. Er fließt in einem breiten Bett.

Wir gehen auf der halben Höhe eines weitansteigenden Hügels, der

mit Gräbern übersät ist. An einem Grab am Wege sitzt ein Chinese

und schreit und klagt. August wiederholte seine Darstellung des

Todes, schlug sich aufs Herz und wischte sich die Augen aus. Das

heulende Wehklagen des Trauernden erklang schauerlich in dem dürren

Grasberg. Eine blaurote Sänfte kam schwankend über den sandigen halb

abgerutschten Weg. Eine tote Frau saß drin.

Unter der Ebene am Flußufer steigen Hunderte von blendendweißen

Rauchwolken heftig aus einer großen Niederlassung, und hinter diesem

seltsamen Ort baut sich auf einer Plattform über den Fluß grau und

streng, wie alle Städte in diesem grauen sonnenlosen Tal, das große

Kwei-tschu-fu auf. Die Mauer, mit regelmäßigen Zinnen, umgürtet die

Stadt, weit ins Gebirge hinauflaufend. Eine dünne, glatte weiße Pagode

sticht auf einem hohen Berg in den Himmel.

Wir kommen zu der Niederlassung mit den vielen blendendweißen

Rauchwölkchen, die so ungebärdig in die Luft quellen. Es ist ein

Salzsiederdorf. Nur im Winter besteht es; denn es liegt eigentlich

im Flußbett des Jangtse. In einem tiefen ausgemauerten Erdloch

fließt eine Quelle, die salzhaltig ist. Eine Treppe führt hinab, und

Hunderte von Kulis schöpfen ununterbrochen Wasser in ihr. Sie bringen

es auf einen künstlich angelegten Hügel über der Quelle. Dort stehen

zahlreiche Fässer. Aus jedem Faß führt eine Bambusrohrleitung zu einem

Salzsiedekessel. Die Kessel liegen über großen, in die Erde gebauten

Öfen. Jeder Kuli gießt sein Wasser in das Faß, das seinem Arbeitgeber

gehört. Das Wasser läuft in dem Bambusrohr zum Ofen, verdunstet eilig

mit festgeballten schneeweißen Wölkchen über der Hitze und läßt das

Salz in der großen Eisenpfanne. Die weite Niederlassung wimmelt vor

Arbeit. Hunderte von Menschen hasten und schaffen durcheinander. Aus

einer nahen Kohlengrube bringen seltsam schöngebaute Kähne die Kohlen

zum Heizen.

Wenn im Sommer der Fluß steigt, fliehen alle diese fleißigen Menschen,

und der Jangtse überströmt bald die Quelle und die vielen großen

Ofenanlagen.

August bekam Schelte, als wir wieder beim Boot anlangten. Aber ich

sagte: "Laßt den August ruhig!" Sie lachten alle verbindlich und

versuchten "ruhig" nachzusprechen. Die Kwaze schob sich dann bald in

die lange Reihe von Dschunken und Wupans, die sich unterhalb Kweitschu

Fus am Ufer zusammendrängten, die Kulis gingen an Land. Es war wie

überall. In langen Reihen saßen Chinesen am Ufer und verrichteten,

von Hunden umlagert, ihr Geschäft. Auf dem breiten Winterstrand hatte

sich eine ganze Stadt gebaut. Große Reisläden, Ärzte, Händler mit

alten Kleidern, Garköche, Teelokale, Töpferniederlagen, Bordelle ...

alles durcheinander in geraden Straßen und mit Häusern aus Brettern,

Bambus, Petroltins und Mattenwänden. Wir gingen auch oben durch die

graue Stadt, gefolgt von Scharen von Männern und Kindern, denen

wir eine Sehenswürdigkeit waren. Es gab mancherlei kunstfertige

Dinge zu kaufen. Der Boy mußte für neue Lebensmittel sorgen. Er kam

nachher mit seinen Einkäufen und zeigte sie uns. Er hatte Hühner und

Fasane; sie kosteten etwa vierzig Pfennig das Stück. Hundert frische

dicke Eier hatte er für zwei Mark gekauft, und schönes knochenloses

Rindfleisch für sechs Pfennig das Pfund. Schweinskoteletten waren

etwas teurer. Kräuterig gewürzter schmaler Schinken aus Jüan, kräftig

und wohlschmeckend wie der beste Ardenner, war für achtzehn Pfennige

das Pfund zu haben gewesen. Kleine Orangen kosteten sechzig Pfennig

das Hundert. Nur Holzkohlen, mit denen unser Ofen geheizt wurde,

waren verdächtig kostspielig, und ich unterhielt mich über ihren

Preis etwas scharf mit dem Einkäufer. Der Boy wußte natürlich einen

Grund für diese besondere Teuernis. Die Verkäufer hörten an seiner

Sprache, sagte er, daß er ein Hupehchinese sei und die Ssetschuanleute

verkauften dem gehaßten Nachbar deshalb die Kohlen so teuer.

Plötzlich erscheint das Nilpferd lachend an der Tür. Er ist schön

zurechtgemacht, trägt Kleider, die zwar nicht neu sind, aber doch

nicht nur aus Löchern bestehen wie die ersten. Er hat den Vorderkopf

reinlich ausrasiert, die Mähne gestrählt und in ein sauberes weißes

Tuch eingefangen. Als Gre ihn sah und auf die Umwandlung deutete,

indem sie: "Chau di!" So bist du schön! sagte, schmolz er vor

Glückseligkeit. Er verbeugte sich mit weiten Schwankungen und einem

wilden Hintenausschlagen zwanzigmal vor ihr. Er machte ganz verliebte

Schweinsäuglein, alle Falten seines Gesichtes lachten; er humpelte

vergnügt mit seinem lahmen Fuß umher und vollführte ein paar Schritte

von einem graziösen Nilpferdtanz.

Es wurde dunkel, und Boote mit aufgeputzten Dirnen fuhren zwischen

den Schiffen umher und boten käufliche Liebe an. Diese Liebe war in

Kweitschu Fu nicht teurer als Rindfleisch.

In der Nacht fielen mitten in meinen Schlaf wie eine Katastrophe

abenteuerliches Gebrüll und Feuerschein. Der Feuerschein floß in

flammigen Bächen durch die Spalten der Läden herein. Wir jagen aus

den Betten hinaus. Rundum brennt der Fluß. Flammeninseln zucken und

wandern durcheinander. Die Schar der kleinen Bettlerboote liegt

mitten im Feuer, und aus allen Kähnen schlagen Ruder mit irrsinnigem

Entsetzen in die flammenden Wellen. Feuer spuken an den schlagenden

Rudern in die Höhe. Ganze Völker brüllen und heulen. Die nackten

Kulis und Schiffer halten die brennenden Wasser von unserer Kwaze ab.

Streifen feuerzüngelnder Wogen fließen ein Stück in der Strömung. Die

schwarzen Bettlerboote zucken über den feurigen Grund wie Fledermäuse,

die eine Fackel in einem Gewölbe aufgescheucht hat.

Eine Petroldschunke war in Brand geraten. Die Dschunke war rasch

zerstört. Sonst blieb alles unversehrt. Die Strömung trug den Brand

rasch flußabwärts und tötete ihn.

5. Dezember.

Das Nilpferd pflegt seinen verwundeten Fuß. Zweimal des Tags muß Gre

ihn verbinden. Aber nun kommt jeder mit einem Leiden zu Gre. Die Frau

Boy hat einen wehen Magen. August hat sich das Kreuz gezerrt. Der

eine Gratisblitzer hustet, der Koch und der Stacheligel haben sich

in den Finger geschnitten. Die Frau Boy bekommt Speisesoda, August

eins hintenüber, der Huster Chinin mit Himbeersaft, der Koch und der

Stacheligel einen rosa Leukoplaststreifen über den Finger. Diesen

Streifen lieben sie stolz und zärtlich. Sie umwickeln ihn mit einem

schmutzigen blauen Lappen, damit er reinlich bleiben soll.

Die Gratisblitzer essen noch an jeder Schnelle ihre guten Portionen

und wechseln nur, je nach der Spezialität des Orts, zuckergebackenen

Mais- oder Reiskuchen. An Bord hat man sie fortwährend und überall

aufgestört. Nun haben sie ihren Platz gefunden. Sie liegen auf dem

Dach des Steuerhauses auf dem Bauch und spielen Karten.

Unterhalb einer Schnelle liegt das Wrack einer großen Dschunke. Es

ist an Land gezogen, ragt mit seinem zerrissenen runden Bauch hoch

aus dem Wasser. Nackte Männer arbeiten drauf herum. Die Ladung liegt

über das Ufer zum Trocknen ausgebreitet. Es ist Baumwolle und Tang,

den die Chinesen leidenschaftlich gern essen. Am Nachmittag treffen

wir noch mehrere gescheiterte Dschunken, denen es nicht gelungen ist,

die Schnellen zu nehmen. Auch aus dem Sand des Ufers schauen manchmal

die Gerippe von Schiffen heraus, und am Beginn einer Schnelle liegt

eines der grünen Postboote bis an die Nase im Wasser. Man sagt, daß

ein Schiff, das beim Hinaufgehen verunglückt, meist nur Teilschaden

nimmt, daß aber das Schiff, dem das Herunterkommen mißlingt, mit Mann

und Ladung rettungslos verloren ist. An den Schnellen liegen überall

öffentliche rote Rettungsboote, bereit zu helfen.

6. Dezember.

Alle Tage sind voll kleiner Erlebnisse. Alle Tage voll fremder

aufreizender Dinge, voll Kampf und Genießen. Wir fuhren heut lang

über die Dämmerung hinaus. Der Boy sagte, es sei kein Ort nahe. Man

könne nicht allein in der Einsamkeit und der Nacht anlegen. Überall

seien Flußräuber. Aber der Boy sprach nie den Namen "Räuber" aus.

Er nannte sie immer nur: "Die schlechten Männer". Die Finsternis

deckte den Strom dicht zu. Auch vom Ufer sah man nichts. Aber das

Ziehtau fuhr straffgespannt durch den Lichtschein des Reisherds in

die Nacht hinein, und hin und wieder riefen und antworteten Stimmen.

Die Fahrt fand kein Ende. Bis auf einmal ein paar Lichter auf einer

Höhe erschienen, und unter ihnen ging das Schiff mit großem Gebrüll

zwischen Laopan und Mannschaft an Land. Es dauerte eine Weile, bis

alle Zieher sich aus der finsteren Steinwüste des Ufers auf dem Boot

zusammengefunden hatten. Sie aßen stumm ihren Reis und fielen gleich

nebeneinander in ihre zerlumpten Decken und schliefen ein.

7. Dezember.

Das Dorf von gestern abend ist eine merkwürdige und große Stadt. Sie

verschanzt sich über uns in ihre Mauern. Vor Sonnenaufgang schreite

ich hinauf, klettere etwas seitlich eine hohe Treppe zwischen Häusern

auf die Mauer zu. Eine Herde von kleinen Pferden steigt, mit Säcken

und Körben behangen, im Zickzack die Treppe herab. Oben laufe ich

eine Stunde an der Mauer entlang, ohne an ein Tor oder in die Stadt

zu kommen. Zwischen den Häusern, die sich zahlreich vor der Mauer

zusammengebaut hatten, wuchsen hohe vielästige Kaktusbäume, die

ich nirgends sonstwo gesehen. Ich klettere zwischen Gräbern in den

Berg hinauf, bis ich in die Stadt hineinsehe. Sie liegt mit weiten

Gebäuden, engen Treppen und Gärten lang gezogen in der Mauer. Nun

finde ich mich auch in sie hinein. Die Handwerker und Krämer öffnen

gerade ihre Geschäfte. Bettler schliefen noch in Hausgängen. Ein

dünner Sack deckte sie nur halb zu, der Kopf lag auf der kleinen

Bettlertasse. Eine Straße führt auf der Mauer über den Fluß und

dort durch Häuser hindurch. Man sieht in offene Schlafräume. Unten

am Strand bläst der Wind den Sand in gelben Wolken auf. Im steilen

Ufer der andern Flußseite schmiegt sich eine prunkvolle Anlage von

Pavillons in ein Felstal.

Und ich allein stand hoch über der fremden Stadt, und mein einsames

Herz kämpfte um China.

Dann ging ich eine zerfallene Stiege von der Mauer herab in ein

Geschluff von Gäßchen. Der Nebel drückte den Rauch der Herde tief

zwischen die Häuser nieder. Kein Mensch war da. Nur ein schmutzender

Hund bekroch die Ecke. Aus der ganzen Stadt hob sich der Gestank in

den modrigen Winkel zusammen.

Da kam sie.

Langsam auf den kleinen Füßchen kam sie daher, und die enge Gasse

erzwang von ihren Schritten den atemberauschenden Zauber, als ob sie

gerade auf mich zukäme. Sie kam heran. So fern und so goldenbleich wie

der Mond war ihr Gesicht einen Augenblick lang neben meinen Augen. Ich

spürte den fremd riechenden Dunst ihrer Haut, so drängte die Gasse uns

zusammen; aber der geschweifte Bogen ihrer Augen öffnete sich nicht

ein Krümchen einer Sekunde zu dem fremden und ungewohnten Ausländer.

Mein Herz stammelte ihr zu: Jasmina!

Opalenweißes Gesicht! Unter der pudrigen Schminke lockte die

Haut föhnweich. Die kleinen Lippen leuchteten geschwungen, wie

zwei feuerrote Blütenblätter, die der Wind einer Geranie entriß

und vor sich frei herschweben ließ. Auf der Stirn war der sanfte

himbeerfarbene Kreis aufgemalt, Künder heimlicher Sitten und Gemächer

...

Wie ihre Augen waren, weiß ich nicht. Ein goldner Glanz vielleicht,

von langen Wimpern in einem schmalen Spalt zurückgehalten, fremd,

wie Urgestein, das wieder in Feuer geraten war ... Aber ihre Wangen

stiegen wie die gotischen Bogen unserer mittelländischen Dome hoch und

geheimnisvoll in ihrem Gesicht auf. Ihr Gesicht begann durch die ganze

Stadt zu leuchten, über die ganze Erde, umfassend Küsten und Rassen.

Es war das fremde Wunder, das sich mir, der nun monatelang europalos

zwischen chinesischen Männern, Frauen und Kindern irrte und suchte,

verschloß. Jetzt war es auf einmal greifbar wie eine Frucht vor mich

hingestellt und ging auf porzellanenen goldnen Lilien davon, Mythe

fremdrassiger Körperlichkeit. Wie in einer Katastrophe war ich zu dir

hingestellt worden, in diesem Nebeltag des Jangtsetals, allein mit dir

in dieser Welt: China ... o schönste junge Frau des himmlischen Reichs!

Das Geheimnis der östlichen Augen hob das Geheimnis des östlichen

Schoßes in die Phantasie, und ich ging hinter der Fremden her, gebannt

an diese Koralle der ssetschuanesischen Stadt, wie ein Verwunschener.

Die weitfaltige Tracht verhüllte alles ihres Leibes. Nur die Hüften

unter dem vorsichtigen Zwang der Füßchen, die Schmutz und Steinen

auswichen, schaukelten in morgenländischer Lust.

Jasmina, Unerreichbare! Hoch und gestaltenreich wie eine Wolke ...

Mond und Perle, Muschel und Nebel. Soll ich die Arme hoch und stark

erheben?. Aber ich war nur mit hundert Kniffen bedacht, daß mein

Fremdländertum, zu dem sie die Enge der Gasse hinzwang, nicht ihre

chinesische Weiblichkeit verletze. An jeder Ecke suchte ich Vorwände,

etwas zu sehn, was in der Gasse, die ihre goldnen Lilien immer in

derselben zarten kristallenen Kadenz gingen, meinen Weg hinter ihr

rechtfertigte, ohne daß meine Verfolgung ihrer östlichen Scham zum

Bewußtsein kommen könnte.

Ich trug meinen Apparat in der Hand. Mit tausend Wünschen hätte ich

ihr Bild halten wollen. Aber ich durfte, dankbar, nicht stören, was

das Haus eines chinesischen Mannes, wie die geheime Ampel des fremden

Volks, wundertätig mir in dem einsamen Nebelmorgen leuchten ließ.

Einziger Wunsch zu schauen, zu empfinden ... dann zu leiden an

dem Unlösbaren ihrer Bindung an das Volk des östlichen Landes ...

Wehmuterstrahlend ein keuscher Ritter zu sein, der den Weg nach dem

Heiligen Land suchte, durchbohrt von der Sehnsucht ewig unstillbaren

Mannestums. Seele und Leib hingen gekreuzigt über den Rassen.

Wie sie gekommen war aus dem Gewirr, so verschwand Jasmina ins

Gerümpel der Stadt. Mein Abenteuer war aus. Ich stieg hinab aus der

Stadt zum Hausboot. Meine Augen waren so heiß wie mein Herz. Es war

geschehn, daß zum erstenmal Blut an Blut gekommen war zwischen China

und mir.

Gre wurde nicht eifersüchtig und lachte mich auch nicht aus. Sie

schwieg, wie in der Messe, wenn die Heilige Wandlung durch die

Hallen steigt. Von der ich ihr erzählte, war ja kein Weib, war eine

Lotosblume, auf eine Vase gemalt, auf einen Teich gezaubert, vom

erhabenen Urrätsel China auf die grüne Wasserfläche heraufgehoben.

So soll sie nun die Jahre weiter blühn auf dem See meiner Seele.

Wir segelten bald weiter und in einen ereignisvollen Tag hinein.

Die mächtige Sin-Long-Schnelle machte uns schwer zu schaffen. Das

erstemal wurden wir zurückgetrieben. Der Boy kam wutschreiend nach

vorn gestürzt und zeigte mir, daß die Schiffer mit einem kleinen Ruder

als Vordersteuer die Schnelle nehmen wollten. Sie hatten bei der

Landung in der Nacht das große Steuer gebrochen. Der Laopan wollte

kein anderes kaufen. Ich zwang ihn. Er pumpte sich bei mir das Geld

zu einem Baum. Der Baum kostete eine Mark. Der Laopan fuhr ohne jeden

Pfennig. Das Geld, das der Besitzer der Kwaze ihm mitgegeben, hatte er

in Salz angelegt. Im Laopan war der Handelsgeist des Chinesen. Der

Transport kostete nichts, durch den Provinzzoll schmuggelte er die

Waren, weil man Schiffe, in denen Europäer reisen, nie anhält, und

er konnte sein Salz in Ssetschuan vorteilhaft verkaufen. Er hatte es

unter unserm Wohnraum verborgen.

Der zweite Versuch, die Schnelle zu nehmen, warf uns auf einen Stein,

von dem wir nur mit Mühe abkamen. Da flüchtete alles von Bord. Die

Gratisblitzer voran; die Frau Boy kam ins Zimmer und sprach das

einzige europäische Wort, das sie wußte: "Missie!" und deutete meiner

Frau dringlich nach dem Ufer. Der Boy nahm die Handtasche. Wir

blieben. Ich half vorn mit. Vom Ufer aus zerrten vier Reihen Zieher

an unserm Boot. Alles was Arme und Beine hatte aus den Dörfern rundum

war an den Seilen. Ein drittes Tau war oberhalb der Schnelle an einem

Felsen befestigt. An ihm zogen die Schiffer; der Stacheligel und der

Segelknecht und ich hielten uns mit Bambusstangen gegen das Ufer

gestemmt, in dessen Steine die Strömung das Boot immer hineindrücken

wollte. Auf einmal stießen die Strudel das Fahrzeug jach in die Mitte

des Flusses. Da wurde gebrüllt, gesungen, getrommelt, gestöhnt,

gezogen, die ganze Landschaft lauschte, wie erregt verstummt, dem

Lärm unserer Kulis. Auf den Steinen am Ufer hockten Chinesen in

ihren langen Kleidern wie riesenhafte Vögel. Die Gäste kamen aus

den Garküchen heraus. Die Trommeln gingen eintönig und hölzern,

wie ein heftiger Pulsschlag all der Kraft, die sich hier gegen den

großen Strom in die Taue festspannte. Das Wasser rieb sich rauschend

am Leib des Schiffs. Es prasselte unter unsern Füßen wie von einem

Gewitterregen. Das waren die Sandkörner, die die Strudel an die

Planken hetzten. So kamen wir nach vier Stunden leidenschaftlicher

Arbeit durch die Schnelle.

Am Abend gingen wir durch ein steiles Städtchen. In die enge

dunkle Gasse warf eine offene Tür viel Licht, man hörte Lärm

und Beckenschläge. Im Innern lagen und hingen Menschen, Tiere,

Silberbarren, alles Flitterwerk aus farbigem Papier. Ein großer

bunter papierener Tragstuhl mit Püppchen, Rosetten und Bändern stand

da. Die Kerzen flatterten über die kühle Buntheit, und Schießfrösche

krachten. Weiße buddhistische und schwarze taoistische Priester

bewegten sich murmelnd, Gonge schlagend und Papier verbrennend, mit

leblosen Gesichtern zwischen den farbigen Spielereien umher. Im

Hintergrund ist etwas verhängt. Dort liegt ein Toter. "Der taoistische

Priester führt ihn zum Himmel, der buddhistische öffnet ihm die Tür."

Auf der Gasse sahen wir auf einmal einen tellergroßen Teich zwischen

einem Lehmwällchen, und drauf schwamm ein Schifflein mit einem

Licht. Im Schifflein schwimmt die Seele in die Ewigkeit, und sobald

die papierenen Anzüge, Pferde, Tragstühle, Diener drinnen durch das

Aufgehen in Flammen eine reale Existenz für die Schattenwelt gewinnen,

begleiten sie den Toten auf seiner Reise.

8. Dezember.

Den Tag begannen wir mit dem Besuch eines großen Höhlentempels, der

gegenüber der kleinen Stadt Pan To in Felsen liegt. Wuchtige Gestalten

plumper Götter schlafen bunt bemalt im Stein. Durch einen Spalt über

der abschließenden Wand fällt reiches Licht auf sie. Das übrige des

Tempels schwimmt mit den Bildern sämtlicher Schüler des Kung Tse in

mattem Dunkel. Die Mönche sind überaus liebenswürdig und führen uns

bereitwillig durch alle Räume. Ich darf überall photographieren. Die

Mönchszellen liegen in Felsenkammern. Außerhalb des Tempels ist,

von einer kleinen Pagode umbaut, ein seltsamer Gott aus den Felsen

gehauen. Er sitzt groß und schwerfällig da, wie ein Elefant. Sein

Körper ist bis zum Kopfscheitel mit Nischen besät, und in jeder Nische

brennt ein Öllicht. Der ganze Gott trieft von herabfließendem Öl und

er hält das Insignum der männlichen Fruchtbarkeit, der sein Geist

dient, trächtig zur Schau.

Der Mönch, der uns führt, verbeugt sich noch immer, während wir schon

wieder den Weg zum Ufer hinablaufen. Wir fahren gleich weg. Ich

sehe auf einmal die Eule am Steuer stehen. Unter dem Dach guckt ihr

giftiges Gesicht zwischen den hohen Schultern böse heraus. Der Laopan

aber läuft an Land mit den Ziehern. Das ist neu und interessant. Der

Boy radebrecht die Erklärung. Er ist aufgeregt. Während wir oben im

Tempel waren, haben sie den Laopan einfach abgesetzt. Der gestrige

Tag hat sein Schicksal besiegelt. Er läuft, in seine dicken Kleider

gepackt und mit seiner kleinen Gestalt hinter den Ziehern her und

streckt den Ziegenbart hoch in die Luft. Er läuft da, wie das fünfte

Rad. Gres Herz schmilzt. Er bekommt die leeren Weinflaschen von

gestern und heut. Eine war eine weiße. Für die gibt es in Tschungking

einen halben Pfennig mehr.

Es regnet. Aber es regnet über einer fremden schönen Landschaft.

Mehrstufige bewegte Höhenzüge verdehnen sich ins Land hinein. Über

alle Linien der Berggrate laufen einzelne auseinander stehende hohe

Bäume. Sie verdichten sich auf einer Kuppe oder in einer Hügelflanke

um einen weißen Tempel. Ferne und nahe Bergspitzen sind mit kleinen

grauen Bergfestigungen wie mit Hüten bedeckt. Die Städte des Tals

haben sie sich für unsichere Zeiten gebaut. Auch in hohen Felswänden

sind Zufluchtsstätten ausgehauen, zu denen nur Leitern hinaufführen.

Der neue Steuerer setzt uns am Nachmittag auf einen Felsen auf. Die

Gratisblitzer springen mit einer Stange ans Ufer und lachen ihn aus.

Der Laopan steht am Ufer und tut, als sei nichts geschehen. Die Eule

wird giftig. Sie schleudert jähzornige Flüche ans Land. Sie sagt dem

Laopan: "Du flickst das Schiff mit Blechstücken von Petrolgefäßen,

wenn etwas geschieht; ich schlage meine Knochen in das Loch, das ich

hineinfahre." Der Laopan hilft aber bald heißblütig mit, das Boot

freimachen.

Nahe der Stelle, wo wir aufsaßen, wühlte eine Schar Menschen das

Ufer auf. Wir gingen hin. Es waren Goldsucher. Sie hatten schiefe

gerillte Bänke, über die sie die Körbe auswuschen, die andere

Männer fortwährend mit Ufersand und Steinen füllten. Die Leute

waren sehr mißtrauisch, und wir konnten nicht erfahren, wie sie dem

ausgewaschenen Sand zum Schluß das Gold entzogen.

9. Dezember.

Auf dem chinesischen Fluß · 第 9 / 15 段