Schiff vorausgegangen und hinaufgestiegen. Das Städtchen war steil
gebaut. Die äußersten Häuser standen zum Teil auf hohen Pfählen überm
Abhang. Die Hauptgasse führte manchmal auf Brettern über die Höfe und
Dächer der unteren Häuser, und wenn sie keinen Platz hatte, mitten
durch die Stuben der Chinesen. Unfreundliche Menschen kamen in die
Türen und gingen an uns vorbei. Die Kinder riefen uns feindselig nach.
Drunten im Jangtse sahen wir, schon in der Dämmerung, unser Hausboot
gegen eine Schnelle kämpfen. Wir gingen hinab. Es wurde rasch Nacht.
Das Boot war schon festgemacht, als wir unten ankamen. Unsere Lampen
brannten. Der Laopan wollte uns etwas sagen. Ich mußte den Boy als
Dolmetscher rufen. Der Laopan wollte uns erzählen, daß diese Schnelle
der Schin Tan sei; jetzt gebe er sich noch harmlos, aber wenn wir
wieder herunterkämen, dann sei er die gefährlichste Schnelle des
Jangtsetales. Vielleicht aber wollte mir der Laopan etwas anderes
sagen. Ich merkte, er vertrug sich nicht mit unserm Boy, und der Boy
fuhr ihn manchmal jähzornig an. Ich fragte den Boy: "Wer sind die
Leute, die immer hinten im Ruderhaus sitzen und nicht mitarbeiten?" Er
sagte: "Sie gehören zum Kapitän." Und erzählte, daß nur der eine von
ihnen sein Freund sei. Der Laopan wollte von diesem für die Mitfahrt
sieben Tael haben. Er habe aber kein Geld mehr.
Die Leute waren also ein Nebengeschäft vom Boy oder vom Laopan. Sie
benutzten die Gelegenheit, daß wir ein Schiff gemietet hatten, um
billig zu reisen. Da nannten wir sie "Die Gratisblitzer". Es schienen
sonst ordentliche Gesellen zu sein. Der Geldlose war Verkäufer und ein
anderer war Arbeiter in einer Gewehrfabrik. Mehr konnten wir nicht
erfahren. Es war auch ein ganz Dicker unter ihnen, der den ganzen Tag
irgend etwas aus seinen Taschen heraus aß. Man hatte mir erzählt, daß
Chinesen mit Vorliebe auf dem Schiff eines Europäers reisen, weil
diese Schiffe vor den Flußräubern sicherer waren, als die Dschunken.
Wir aßen zu Nacht. Es war wunderbar, in dieser fremden Einsamkeit zu
zweit zu hausen, und wir waren glücklich und immer neu gespannt von
dem mannigfaltigen rätselhaften Dadraußen. Wir schoben ein Fenster in
der Nacht auf. Der Schnellen rauschte. Die Nacht war finster, wenn man
sich ins Fenster legte. Aber hatten wir eine Weile hinausgeschaut,
so sahen wir plötzlich die Berge ihre schwarzen Bogen jäh über
unsere Stirn aufbauen. Wir hatten sie ferner und sachter gedacht und
erschauerten. Andere Boote lagen rund um uns mit einigen verdeckt
brennenden Feuern und rasch lärmenden und verstummenden Rufen. Im Berg
gegenüber gingen ein paar Lichter geheimnisvoll nach oben.
29. November.
Vom Hügelstädtchen steigt der Hochzeitszug
Zum Fluß hernieder, rasch, rot, und die Geigen
Säuseln in den klingenden Gong hinein.
Die Gaben brüsten sich auf schönen Platten.
Im roten Stuhl sitzt rotverhüllt die Braut,
Um die der Zug so feierlich, so fremd
Zum Jangtseboot den Hang hinab sich windet.
Wir stehn im Sand und sehn die fremde Sitte
Und sehn den Kahn den Fluß hinübergehn;
Der Zug entsteigt ihm, bildet feierlich sich neu,
Bewegt sich langsam, rot, musikumrauscht
Jenseits den Hang hinauf, auf dem das andre Städtchen
In grauen Mauern liegt und wartet.
Der rote Tragstuhl, der die junge Frau
Aus einem Städtchen in das andre Städtchen,
Aus einem Kreis in andre Kreise trägt,
Geht hoch, geheimnisvoll verschlossen in dem Troß ...
Und aller Geigen helles Singen,
Und all das schüttelnde Getön der Becken
Und der Posaune Ruf aus alter Bronze
Umhüllt ihn, wie ein Rausch von fremden Rätseln.
Wer bist du, Frau? -- Wir standen neben dir
Und konnten dich, Verhüllte, doch nicht sehn.
Wir hielten offen unser Herz dir, Feierliche --
Dein roter Stuhl blieb hart verschlossen.
Wir haben dich geliebt, Geheimnisvolle;
Denn fremd wie deine Nähe war,
So fremd, wie dich der Gäste und der Geiger Zug
Von einer Stadt zum andern Städtchen trug,
So fremd sind unsre eignen Schritte uns,
Wenn sie dem Glück entgegengehn.
Nachmittags.
Die Ufer sind überall mit ganzen Völkerschaften von Ziehern bedeckt,
und an den stärkeren Schnellen ergänzen sie die Bewohner der nahen
Berge. Der Boy steigt jetzt an jeder Schnelle aus. Die Frau Boy wäre
nicht um ein Hundert schönster Nephritspangen an Bord zu halten
und kollert mit den abgebundenen Füßchen, die in hellseidenen,
blumenbestickten, fingerhutgroßen Schuhen staken, über die Steine. In
der kühlen Witterung war es bei ihr mindestens acht Kleider kalt, und
sie sah in all dem Zeug, das sie nach chinesischer Sitte übereinander
anzog, aus, wie ein Spatz, der sich aufbläst. Der Boy trägt in unserer
Handtasche unser Geld, die Dokumente und die photographischen Platten.
Die Gratisblitzer folgen ihnen. Die ganze Gesellschaft läßt sich stets
sofort bei einem Garkoch nieder und fängt an zu essen. Der Beleibte
schlägt dabei alle andern. Sie lassen sich jedesmal Tee geben, essen
ein Körbchen voll Erdnüsse, eins voll Sonnenblumenkerne, eins voll
kleiner Orangen, drei bis fünf Reiskuchen, die in großen Scheiben
locker gebacken sind, sechs bis zehn dicke, geröstete und überzuckerte
Maiskugeln. Bäuerinnen hausieren zwischen den Steinen, Hütten und
Schiffen mit allerlei eßbaren Dingen, die sie in Körben tragen, und
auch bei ihnen kaufen die Eßfreudigen noch Vorrat für die Fahrt bis
zur nächsten Schnelle.
Nur der arme, magere und bleiche Verkäufer streicht um die Buden herum
und kann sich nichts kaufen. Auf dem Schiff geben ihm die andern mit
zu essen. Reis bekommt er aus dem Faß der Kulis, soviel er will. Den
Gratisblitzern genügt der Reis nicht. Bald bringen sie sich ein Stück
Schwein, bald ein Stück Ziege und dicke Bündel von schönem, saftigem
Gemüse mit. Wenn der Koch mit seinem Reis fertig ist, bemächtigen sie
sich der großen Eisenhalbkugel und kochen und braten darin mit viel
Umständlichkeit und Sorgfalt ihre Sachen. Der Boy hockt zwischen ihnen
und ißt mit und redet ganz großartig, wie ein General, immer gegen den
Kapitän.
Die Kulis kommen an unsere Fenster, wenn wir gegessen haben, schauen
ein Weilchen herein und stecken dann den Daumen in den Mund, indem sie
dabei die Faust hochheben. Anfangs dachten wir, sie wollten etwas zu
trinken haben. Aber sie baten uns nur um die leeren Weinflaschen. Sie
sammelten sie mit Leidenschaft, denn für jede Flasche bekommen sie
hundert Käsch, das war soviel wie ein Tagelohn. Zwanzig Pfennige! Wenn
sie gut gearbeitet hatten, gaben wir ihnen Zigaretten. Sonst rauchten
sie alle zwanzig aus einer Pfeife, die sie aus einem Bambus gemacht
hatten, und in die eine Pille ihres haarfein geschnittenen gelben
Tabaks ging. Sie drehten sich auch aus den dunkeln Tabakblättern
dicke Zigarren. Sie sahen aus wie Schweizer Stumpen und wurden in
einem Metallpfeifchen geraucht. Auch dieses Pfeifchen war gemeinsamer
Besitz. Die Zigarren waren furchtbar stark, aber schmeckten nicht
schlecht. Sie waren würzig und derb.
30. November.
Wir wollten den Jeh-tan nehmen, eine der heftigsten Schnellen. Wir
waren mitten drin. Die Schlepper hingen weit vor uns im Sand am Tau.
Ihre Zahl war wenigstens verdreifacht worden. Die Schifferknechte
warfen sich heftig auf das Vordersteuer. Aber das Boot konnte das
Bug nicht gradaus halten. Die Wirbel drückten es heftig zur Seite.
Auf einmal schoß es längsseits in den Strudel. Leute liefen aus den
Verkaufsbuden am Ufer heraus. Auf den wartenden Schiffen hinter uns
kamen alle heraus, um zu schauen. Der Seehund schlug auf die Trommel.
Das Tau springt weg. Wir stürzen in der Schnelle sausend zurück,
wieder flußabwärts. Der Boy fährt wütend aus seiner Kammer auf den
Laopan am Steuer, brüllt ihm ins Gesicht, stößt ihn weg, nimmt selbst
das Ruder und brüllt immer wieder dieselben Worte, während er den
Balken führt: "Muo dau, bu chau! Muo dau, bu chau!" (Ich fragte
nachher. Es heißt: "Du bist ein schlechter Trottel!") Das Schiff
gleitet von dem gefahrvollen Zusammenstoß mit den flußab wartenden
Dschunken weg und treibt in der Mitte des Flusses hastig zu Tal. Auf
dem Vorderdeck haben die Schiffer die Arbeit hingeworfen. Der eine mit
den stachelig aufgerichteten Haaren, das Stachelschwein, schimpft.
Alle schimpfen auf einmal zurück auf den Laopan. Am wütendsten ist
der kleine Pockennarbige mit dem breiten, runden Rücken. Er ist ganz
Gift und Galle. Dann setzt er sich vorn auf den Steuerbaum. Er sitzt
da wie eine jähzornige, dicke, häßliche Eule. Der Laopan ruft Befehle.
Niemand folgt. Alle schimpfen ihn an. Die Eule dreht sich nicht um
und wettert giftig mit seinem galligen abgewandten Gesicht und mit
kurzen Worten. Eines der roten Rettungsboote war uns gefolgt. Aber die
Strömung treibt uns von selber sacht dem Ufer zu.
[Illustration: Das Salzdorf]
Als wir zwei Stunden später, so weit waren wir den Fluß hinabgeworfen
worden, von neuem in die Schnelle gingen, riß das Ziehtau. Auf einmal
fiel es lautlos in zwei Stücke auseinander. Aber die Schiffer hatten
das Boot vorher mit einem andern Tau an einen großen Stein am Ufer
festgemacht. Wir trieben nur gegen das Ufer. Die Zieher hatten gleich
ein anderes Seil und zogen uns mit stöhnendem Seufzen aus den rasenden
Wirbeln.
[Illustration: Goldsieber]
Den ganzen Tag über endigte das Gekeife zwischen Mannschaft und Laopan
nicht. Sie fuhren immer wieder gegen ihn auf. Der Boy stand neben ihm
auf der Steuerbrücke und schimpfte ihm zornig ins Gesicht. Den Laopan
schien es wenig zu kümmern. Er antwortete kaum mehr.
Die auseinanderschweifenden Berge sammelten sich wieder, wogten
ineinander hinein, ein jähes Tor von Felsenbergen und Pyramiden
schlang uns ein; die Grate zackten sich stürmisch übereinander.
Wolkenreiter fuhren in dunklen Scharen hindurch, preßten sich in
die wilden, herbstlich gefärbten Seitenschluchten. Die Ufer waren
felsenhohe Halden, aus Sand und zahllosen Steinblöcken aufgetürmt.
In einer solchen Landschaft legten die Schiffer das Boot in der
beginnenden Dämmerung zwischen mächtige, hohe Ssetschuan-Dschunken.
Über die Brüstungen der Dschunken beugten sich Scharen von
tibetanischen Soldaten, um in unser Wohnzimmer zu schauen, in dem die
Lampe schon brannte. Die Läden waren noch offen.
Beim Landen erneuerte sich der Streit mit dem Laopan. Nun rupften ihn
die Zieher. Er hockte vorn zwischen ihnen und schimpfte abgewandt
in die Dunkelheit hinein. Wir stiegen, um dem Lärm zu entgehen,
zwischen dem Geröll hinauf. Aber wir kamen nicht bis an das bewachsene
Land. Wir setzten uns oben auf einen Stein. Die Nacht war schon da.
Auf den Schiffen unter uns brannten verhohlene Lichter und Feuer.
Chinesen strichen unerkennbar zwischen den Steinen herum. Einige von
den tibetanischen Soldaten schienen unter ihnen zu sein. Der Strom
rauschte. Die Schlucht war in die Finsternis der Nacht gesunken und
doch schroff und wüst in ihren Massen, die wie dunkle, stöhnende
Atemzüge der Erde dann und wann aus der Nacht heraustauchten. Wir
sahen mitten im Strom mit Geschrei und dem polternden taktfesten Lärm
der Ruderschläge, dem dumpfen Skandieren der Ruderer, wie eine wilde
Jagd, zwei große Gespensterschiffe den Schnellen herabstürzen. Wir
sahen es und sahen es nicht, so wie die kernige Finsternis mit den
Augen spielt. Es war fremd und kalt.
Wir stiegen hinab in unser gutes, warmes Wohnzimmer. Der Boy brachte
das Nachtessen. Das Essen war merkwürdigerweise immer bereit. Er
erzählte dabei, daß im vorigen Jahr an dieser Stelle des Nachts zwei
Amerikaner in einem Hausboot von Chinesen überfallen wurden. Die
Chinesen schnitten ihnen in den Betten die Hälse durch.
Eine der Dschunken, auf der Soldaten fuhren, stieß, von der Strömung
gedrängt, mit einem dumpfen Gedonner an unser Boot. Wir erschraken.
Der Boy sagte mit einem lächelnden Gesicht, uns könnte so etwas nicht
geschehen wie den Amerikanern. Er ging ins Schlafzimmer und brachte
die Büchse herein. Er sagte "Angenommen ... so macht der Herr piff
paff!" und gab mir die Büchse.
Wir schliefen schlecht. Die ganze Nacht war durchwühlt von tausend
Geräuschen. Schließlich kam ein Geräusch immer wieder. Ein kleiner
Feuerschein zuckte über die Decke des Wohnzimmers, die ich von meinem
Bett aus sah. Der Lärm war vielleicht im Wohnzimmer, vielleicht
draußen. Das konnte man nicht unterscheiden. Ich stand geräuschlos
auf. Neben dem Bett lagen die Büchse und ein Revolver. Mit dem
Revolver ging ich nach vorn. Das Wohnzimmer war leer. Aber vorn auf
dem Deck lärmte es. Es war noch nicht drei Uhr. Ich zog die Tür auf,
und aus dem Ofenloch lachte mich das fette Negergesicht des dicken
Koches an. Um diese Zeit machte er schon Feuer und stellte den Reis
auf, mit dem die Zieher ihren Arbeitstag begannen.
1. Dezember.
Wir fahren noch immer in der Schlucht. Alle Flanken und Flecken der
Felsen sind mit Obstgärten, kleinen Äckern, Wiesen von zahlreichen
Menschen ausgenutzt. Das sieht sehr lebendig aus. Aber schön ist es
erst, wo das violettrote Herbstgesträuch auf Stein schäumt: das sind
blühende Felsen, eine senkrechte norddeutsche Heide im Sommer. Die
Bergwände sind lebendig von ihrer Schönheit, vom Fleiß der Bauern und
der rufenden Arbeit der Schifferknechte. Immer in Rudeln treiben die
Boote zu Tal. Es kommen wuchtige Fahrzeuge; sie haben hundert Menschen
an ihren langen Wriggrudern, und alle sind in der heißen Bewegung von
Dampfmaschinenkolben, der heiligen Bewegung des Erschaffens. Einer
steht zwischen jedem Ruderpaar in der Mitte hoch über die andern
heraus. Er hat ein langes Rohr in der Hand und streichelt und prügelt
damit. Er steht da wie der Taktschläger in den alten Kriegsgaleeren
und singt den Takt für die mit kurzen Schlägen arbeitenden Ruderer:
Si-e, si-e! Das Si-e, si-e zieht wie atemlos rasche Peitschenhiebe
durch die arbeitende Masse auf dem Schiff. Und der Chor nimmt ab,
feierlich fast: Ho e ho! Alles ist mit Gut bepackt. Die Waren
überschwemmen die Dächer der Schiffe und sind an den Seitenwänden
angebunden. Die Dschunken liegen tief im Wasser. Sie eilen mit dem
Fluß schwer der Welt zu, die auf sie wartet. Heute überfuhren wir die
Grenze von zwei Provinzen und sind nun in Ssetschuan.
2. Dezember.
Im frühen Tag, aufgeweckt durch den furchtbaren Lärm des Aufbruchs,
stieg ich den Berg hinan. Gre pflegte noch ihren geliebten
Morgenschlaf. Am Ufer zwängte sich eine lange, schmale Stadt mühsam
in ihre grauen Mauern. Die Berge wichen hinter ihr zurück und fuhren
fern mit merkwürdigen Launen durch die Landschaft. Die Schlucht lag
nah hinter uns. Ein Berg schoß mit jähem Bogen an ihrem Eingang in
die Höhe. Ich stieg durch Erbsenäcker und Hirsefelder bergan. Alle
diese Pflanzen sind mit der Richtschnur eingesät, und sie leuchten
in ihrem ersten Grün vor saftiger Kraft. Die Bauernhäuschen, die
braun und grau, schilfbedacht kaum aus den Steinen und Äckern
herausschauten oder sich in Bambusbüschen bargen, verrieten sich nur
durch die kleinen Rauchsäulen ihres Morgenfeuers. Der Geruch des
nassen, brennenden Holzes mischte sich in die Düfte, die von den
Grashängen und den Wäldern herniederfielen. Hunde kamen mir von weitem
entgegengesprungen. Sie waren gepflegt und ungebärdig und stellten
sich mit wütender Energie. Die Frauen flüchteten vor mir in die
Häuser. Die Hunde kamen mir nach. Ich sah drunten das Boot friedlich
und langsam am Ufer hinaufkriechen. Es überholte mich; bald sah ich
nur mehr das Segel, dann verschwand es hinter den Felsen des Ufers.
Über mir stand unter einem weiten, schweren Baum ein weißes, kleines
Kloster und davor ein hoher steinerner Greif. Ich wollte noch hinauf
und photographieren.
Unten kam August über eine Sandkuppe. August war der Schiffskuli, der
aussah wie ein böhmisches Dienstmädchen. Er war ein pausbäckiger Junge
mit blonden Haaren und vielen Sommersprossen, kurz und dick, und von
der großen, humorvollen Gutmütigkeit, die im Namen August, den wir
ihm gaben, für uns zu liegen schien. Als er mich über sich sah, rief
und winkte er mit aller Energie, ich solle zurückkommen. Der Laopan
hat ihn geschickt, dachte ich mir, und ich kümmerte mich nicht um sein
Winken. Ich stieg dem Kloster zu. Dem Laopan lag an einer raschen
Reise, weil er im Pauschale bezahlt wurde.
August stürzte mir nach und holte mich bald ein. Er sagte etwas. Er
zupfte mich am Ärmel. Ich kniff ihn in seine dicken Backen und gab
ihm eine Zigarre. Ich zeigte auf das Kloster. Aus seiner Tür trat in
diesem Augenblick ein grau gekleideter Mönch, der zu uns herabkam,
sich vor mir verbeugte und mich anredete. August deutete: nein! und
zeigte aufs Schiff zurück.
Da dachte ich mir, daß mich der Mönch zum Eintreten eingeladen habe;
ich faßte August am Genick und schob ihn mit. Ich verbeugte mich tief
vor dem Mönch, und wir traten ein. Wir kamen in einen großen Raum,
dessen Vorderwand aus geschnitztem Holzwerk bestand, das mit weißem
Papier überklebt war. Es war eine Schule, und eine Anzahl Buben saßen
in den Bänken. Einige ergriffen atemlos erschreckt die Flucht. Über
den Schulbänken ragten Entsetzen einflößende Götter ins Dunkle der
Decke hinauf. An einem Pult saß ein schöner, alter Mann mit einem
milden Gesicht und einer hohen, merkwürdig gebundenen Mönchsmütze. Er
stand auf, kam heraus und schüttelte sich die Hände, indem er sich oft
verbeugte. Die Kinder, die den Mut hatten, sitzenzubleiben, schauten
mich groß und mit offenem Mund an. Ich wurde durchs Kloster geführt.
Hinter dem Schulraum lag ein Höfchen. Ein kleiner Tempel mündete
hinein mit Göttern aus Gold und Farben, die bedrohlich von der Höhe
ihrer Altäre auf uns niedergrinsten und in gespreizten, erschreckenden
Stellungen die Glieder verrenkten. Auf der andern Seite führte eine
runde Tür in den Empfangsraum. Ich wurde unter hundert Verbeugungen
dort hineingeleitet.
Ein Chinese kam herein, während wir umhergingen. Er wandte sich an
einen der Mönche. Der nahm ihn mit in den Tempel. Sie stellten sich
zusammen vor einen Altar. Der Mann brannte Papiergeld ab und zündete
eine der papiernen Spiralen an, die von der Decke herabhingen.
Der Mönch schlug oft auf einen Gong und schien laut zu beten. Er
verrichtete allerlei Zeremonien um den Mann und den Altar. Dann ging
der Mann wieder.
Wir setzten uns nieder. Ein Mönch drehte mir eine Zigarre, schob sie
in seine Metallpfeife, und ich rauchte einige Züge daraus. Ich bekam
Tee, Orangen und Sonnenblumenkerne vorgesetzt, und als wir gingen, gab
man August einen Sack voll süßer Kartoffeln mit. Ich ließ dem Mönch
ein Häuflein Käschstücke in die Hand gleiten. Da verdoppelte er die
Portion der Kartoffeln.
Wir gingen schräg durch Erbsenäcker zum Fluß hinab. Die Kwaze lag
in einer Bucht festgemacht. Alle winkten mir Eile zu. Ich ließ mich
gemächlich über die Steine hinabgleiten. Gre lag im Fenster und
zeigte mir ein riesenhaftes Butterbrot. Da machte ich rascher. Unser
Frühstück war an jedem Morgen eine Verrichtung voll Poesie. Das Schiff
zog langsam dahin. Die schöne Landschaft und der Strom schauten
zu den Fenstern herein. Unsere Stube schwamm wundersam durch den
aufgefrischten Tag.
Heute floß Schnelle um Schnelle. Jede zwei Stunden kämpften wir uns
durch eine hindurch, bis die steilen Bergklötze aus dem weiten Land
sich wieder zusammendrängten, eine Schlucht uns in ihre dunkle,
gepreßte Straße nahm und Felsen und Berge in abenteuerlichen,
feierlichen und brutalen Gebilden sich hoch über uns errichteten.
3. Dezember.
Ein Weg war oben in die Felsen gehauen und folgte allen ihren
Windungen. Es schien eine Verkehrsstraße zu sein, nicht nur ein
Zieherweg. Von Weile zu Weile gingen beladene Menschen droben. Große
Inschriften waren über dem Weg in den Felsen gehauen. Wir waren in
der schönen, gewaltigen Fong Siang-Schlucht. Der Weg war in die
glatten Felswände hineingegraben. Die Zieher gingen nicht bis zu
ihm hinauf. Er führte etwa dreihundert Fuß hoch über dem Wasser.
Die Zieher durchkletterten die Felsenmassen, die am Ufer sich
übereinandertürmten. Wir sahen sie manchmal gefährliche Kletterpartien
machen. Hinter uns kam eine große Dschunke. Ihre Arbeiter und Kulis
brüllten, daß das Tal scholl. Sie schienen uns überholen zu wollen.
Die Dschunke hatte gegen hundert Zieher. Ihr dickes Tau ging schon
über unsern Mast hinweg. Da sahen wir, wie auf einer schroffen
Felsbank die Scharen ihrer Zieher mit unsern Kuli sich einen
Augenblick mischten. Das Seil der Dschunke verfing sich gerade hinter
einem Stein. Ein Kuli sprang hin und schob es los. Es war armdick. Es
schnellte mit einem drohenden, grollenden Laut in die Luft und jagte,
wie eine Peitsche für Ichthyosauren von Stein zu Stein und auf die
Felsplatte zu, auf der die Zieher an die Seile gespannt lagen. Es
schlug in die Gruppe hinein. Die Menschen schwankten, stürzten hin,
zwei überschlugen sich; sie glitten bis an die Kante des Felsens;
sie griffen hoch in die Luft; aber die Tiefe besaß sie schon, und
sie fielen haltlos hintenüber und sausten ohne Schrei und ohne Laut
hinunter ins Wasser. Das Wasser hatte sie gleich in seinen Strudeln
zermalmt und vergraben.
Die andern ziehen weiter. Es ist nichts geschehen. Es sind keine
Menschen vom Fels gefallen. Die Treiber brüllen, die Kulis singen und
ziehen. Die Schar der Hundert trennt sich allmählich aus dem Haufen
unserer Zieher und strebt rasch vorwärts. Die schwere Dschunke gleitet
nah an uns vorbei und überholt uns.
Wir wissen nicht, ob die Ertrunkenen zu uns gehören. Ich frage den
Boy. "Was weiß ich!" lächelt er. "Angenommen, sie seien tot, so
gibt es in Kweitsou tausend andere." Ein Menschenleben war eine
vorüberhastende Sekunde. Sie stürzten in Scharen durch die Tage. Sie
ertranken spurlos in den kommenden. Es warteten Millionen, sie zu
ersetzen.
Als das Schiff zum Reisessen anlegte, sprang die Schar unserer Zieher
lustig und johlend zwischen den Steinen herab, dem Boot zu. Nur einer
hinkte nach. Das war ein plumper, großer Bursch. Er hatte einen dicken
Kopf und ein Gesicht, wie eine Bogenklampe mit einer großen Nase und
einem langen verbogenen Mund. Die Äuglein verschwanden in all den
wurzelhaften Dingen dieses Gesichts, und wirre, unordentliche, nie
gekämmte Haare fielen unter dem weißen Kopftuch heraus. Er hatte einen
steifen ungefügen Körper in einen Haufen flatternder Lumpen gekleidet,
die aus allerhand Fetzen bunt zusammengestückelt waren. Auf seinen
großen Füßen ging er mit komischer Plumpheit einher; und er lachte
uns immer mit seinem faltigen Gesicht und seinen Schweinsäuglein zu,
sobald er uns sah, und je fester gerudert wurde, um so mehr lachte er,
als sei es eine ganz komische Geschichte, so wild zu arbeiten. Wir
nannten ihn das Nilpferd.
Aber heute kam er mit einem elenden Gesicht lange hinter den andern.
Er hinkte, kroch aufs Schiff und setzte sich auf den Balken vor
unserer Tür. Als wir später die Tür öffneten, standen sie zu vier
dort und die andern zeigten ihn und sagten etwas. Er hob seinen
großen Fuß hoch, und wir sahen, daß auf der Sohle ein tiefer Fetzen
herausgerissen war. Gre wusch die Wunde und verband den Fuß. Das
Nilpferd zeigte sich sehr befriedigt. Er saß auf dem Balken, schlug
das Bein mit dem verbundenen Fuß hoch über das andere. Alle sahen
es, und er schaute es immer bewundernd an. Abends wurde er wieder
verbunden. Der ganze Trupp scharte sich umher, um zuzuschauen.
4. Dezember.
Ein Pfad ging zu dem Felsenweg hinauf. Wir ließen uns an Land setzen.
Der Weg windet sich an den Felsen entlang, klettert auf und ab, biegt
sich um Schluchten, in denen Sommers wilde Bäche niederstürzen. Einmal
hängt ein Felsberg mit ungeheurer Masse schräg weit über den Weg
geneigt. Auf den einsamen und weglosen Höhen wohnen Orang-Utans, die
manchmal Steinblöcke auf die Schiffe herabschleudern.