üblichen zeremoniösen Verrichtungen enthielten, wenn wir dabei waren.
Auch die Hunanschiffer, die uns den Siankiang heruntergebracht hatten,
sahen wir niemals den Gott rufen und Papiergeld verbrennen. Rund um
uns lagen andere Schiffe, die morgen mit uns die Reise fortsetzen
wollten. Auf allen klebten rote Papiere, auf allen bumsten die Gonge
und alle riefen den Gott, damit er merken sollte, daß ihm Opfer
dargebracht wurden. Überall rundum verflammten Papiere.
Wir sahen uns abends noch den Proviant an, den der Boy in Itschang
gekauft hatte. Es war ein kleiner Hühnerhof, zwei geschossene
Fasane, eine Seite Schweinsrippen, ein Kloben Rindfleisch und ein
Lammschlägel, der ein Ziegenschlägel war, ein Sack Mehl, eine Kiste
mit Dosen voll Milch und Butter. Ein Korb war angefüllt mit Kuchen-
und Brotformen, die der Boy aus den Blechwänden von leeren Behältern
hatte machen lassen. Eine Kiste mit deutschem Wein stand unter einem
Bett, und wir freuten uns, in den kleinen, flußan in fremde Länder
wandernden Stuben so üppig unsern Haushalt führen zu können. Wir
hatten in Itschang Tassen und Schüsseln gekauft, billige chinesische
Sachen, mit einfach stilisierten bunten Zweigen bemalt. Mit ihnen war
der Boy nicht zufrieden. Das sei Kuligeschirr, sagte er und packte
eine hohe Vase aus; sie hatte einen bauchigen Wulst und einen weiten
Trichter. Sie war aus einem japanischen Bazar europäisch bemalt. Er
hielt sie mir stolz hin. Ich fragte: "Wozu ist das?" Er konnte sich
nicht erklären. "Me no save in English", sagte er schließlich, setzte
sie nieder, und um zu zeigen, wozu sie diente, spuckte er hinein. Ich
nahm das scheußliche Ding und warf es hinaus in den Fluß. Der Boy
erschrak. Ich lachte ihn aus. Ich sagte ihm: "Me no ... spucken!" Er
sah mich ganz ängstlich an. Es wurde kein Licht hinter seinen dummen,
großen Krötenaugen. Dann sah ich noch, daß das Eßgeschirr des Boys und
der Frau Boy in europäischer Art war. Es hatte goldene Ränder, und
breite, geschmacklose Blumen waren um die fünffarbige republikanische
Fahne aufgedruckt. Diese Industrie verdankt das Land der japanischen
Betriebsamkeit, und durch dieses Loch zieht Europas technische
Sieghaftigkeit in China ein.
Kaum wurde es finster, so legten sich die Chinesen auf dem für die
Nacht überdachten Vorderdeck in zwei Reihen nieder. Wo der eine den
Kopf hatte, da hatte der aus der andern Reihe die Füße. Sie lagen ganz
nackt nebeneinander, deckten sich in ihre Lumpen und waren gleich
eingeschlafen. Unsere Lampe brannte lange zwischen den hellen Wänden
und den Stickereien und über dem Tisch und unsern weiten Korbsesseln
und über dem goldnen guten Mandarin, über dem Fasan und der Flasche
vom Rhein. Es war ein Glück, so einsam in der Ferne zu wandern. Wir
hatten die Fenster geöffnet vor der Nacht, die draußen stand. Der Fluß
klang, und das fremde Land wartete.
26. November.
Ich erwachte. Es kam nur ein schwaches graues Licht durch die
geschlossenen Schiebeläden über meinem Bett. Alles war mäuschenstill.
Aber das Schiff fuhr. Ich fühlte es weich und geräuschlos gleiten.
Ich öffnete den Fensterladen vom Bett aus und sah ein nahes Ufer
dunkel, jäh und hoch hinaufragen. Da sprang ich auf. Wir hatten den
ersten Aufbruch verschlafen. Wir fuhren in einer tiefen Schlucht. Die
Morgensonne hob kaum Strahlen über den Rand der steilen Berge, die
in mächtigen Buckeln von den Pyramiden, Kegeln, viereckigen Klötzen,
hohen Sarkophagen, zerhackten Steilen, die ihre Grate bildeten,
niederwärts in den Jangtse fuhren. In ihre bewegten Massen gruben
sich Täler und enge Schluchten, in denen das Sommerwasser die Steine
weißgewaschen hatte. Höhlen und Grotten schauten wie dunkle Augen aus
den Steinwänden, und die Kanten der Felsenmassen hoch oben schäumten
von krausen roten Herbstwäldern, die nur noch lebten, weil nie ein
Mensch in ihre Steilheit gelangte. Auf Terrassen leuchteten später
kleine weiße Häuschen; dunkle, ewig grüne Orangenwälder, in denen die
goldnen Kugeln bis herab zu uns schimmerten, zogen sich hinter ihnen
den Berg hinan. Über alle Hänge waren die milden Flammen einzelner
sterbender roter Bäume aufgestellt, und verstreute Palmen erhoben sich
neben ihnen sonderbar und befremdlich.
[Illustration: Fischerboot]
Es sah alles aus, wie von wilder Absichtslosigkeit geschaffen, die
Flanken der Berge wie ihre unebenen Grate, die süße Zartheit der
kleinen Einzelheiten wie die brutale Dunkelheit der ganzen Schlucht.
Aber als das Auge gewohnt war, in die steilen, braunen Erd- und
Felsenmassen zu schauen, sah es, daß alle diese Berghänge bis in den
letzten Winkel und den äußersten schmalen Vorsprung von den Menschen
bearbeitet waren. Wie Treppen stiegen die kleinen Gärten bergan. In
steilen Halden krochen Obstbäume hinauf. Auf schmalen Steinplatten
schmiegten sich die Häuschen an die Ackergärten an.
Wieder schiebt sich eine schwere Felswand aus dem Bergstock. Oben auf
ihr liegt ein Dörfchen. Graue, breitdachige Häuschen drücken sich
zwischen Gesträuch auf eine schmale Plattform. Über dem Dörfchen
steigt der Fels weiter schroff zum Himmel. Das Dörfchen ist zwischen
Himmel und Erde eingeklemmt. Mehrgeschossige Leitern verbinden es mit
der Welt. Die Leitern stehen senkrecht und hoch an die Steinwände
angeklammert. Wir sehen, wie oben gerade ein Mann sich über die Kante
auf die erste Leiter schiebt, langsam und vorsichtig Sprosse für
Sprosse herabklettert. Aber wir waren schon um die Flußbiegung, ehe er
ganz unten ankam.
[Illustration: Gräber abgestürzter Zieher]
Wir haben anfangs immer nur hinaufgeschaut. Die fremden Höhenwände
schwammen zwischen dem Glanz der blanken Himmelsstreifen und der
dunkel strahlenden Bräune des Stromtales. Aber von unserm Schiff aus
geht ein Seil ans nahe Ufer und scheint sich in den Felsblöcken,
die dort übereinandergetürmt sind, geheimnisvoll weiterzubohren.
Auf einmal schnellt das Seil hoch, und auf einer steinernen Kanzel
erscheinen Mann um Mann, unsere Ruderer, gleiten über den Stein, das
Ziehseil auf der Schulter und verschwinden jenseits wieder. Die Zieher
kommen auf eine ebene Bahn, die in doppelter Haushöhe über das Geröll
fuhrt. Sie watscheln in zwei Reihen. Ein jeder ist mit einem eignen
Strick an das Ziehseil gebunden, und sie beugen sich alle vornüber.
Der Kuli, dessen hartes, geschlossenes Gesicht mir gestern gleich
auffiel, geht hinterher. Er befehligt die andern und zieht nie. Er ist
der Vogt.
Hinter uns kommen und vor uns ziehen andere Schiffe talaufwärts. Ihre
Zieher sehen wir in Haufen zwischen den Steinen herumklettern. Die
Strömung ist nicht sehr stark. Hinter der Schlucht fließt der Jangtse
rasch in die breite Ebene aus. Auf einmal hört droben der Weg vor
einem hitzig und roh in den Fluß springenden Felssturz auf. Die Kulis
stürzen zwischen den Felsblöcken dem Wasser wieder zu. Sie haben
Strohsandalen an, die sie mit Schnüren an die nackten Füße binden. Im
Nu sind sie auf dem Deck, haben die Ruder in der Hand und schlagen ins
Wasser; nach vorn einen kurzen Stoß, das Ruder dreht dann in der Hand,
indem es ruckweise wieder zurückgerissen wird. Der Vogt singt dazu. Er
steht vorn am linken Ruder, drückt den Kopf in den Nacken, daß sein
Hals frei ist, und reißt den Mund beim Singen groß auf. Am rechten
Ruder löst einer ihn regelmäßig ab. Das ist ein kleiner, dicker Kerl
mit einem frechen, lachenden Gesicht. Er könnte genau so gut eine
böhmische Dienstmagd wie ein chinesischer Kuli sein, so sieht er aus.
Sie singen um die Wette. Die Ruder schlagen gewaltsam ins Wasser. Das
Schiff wird vom Ufer frei. Es geht langsam flußan. Die Strömung wirft
sich stärker ans Boot. Es bleibt im Strom haften. Die Singkulis singen
laut, schreien tirilierend, und auf einmal überfällt es die Ruderer
wie ein Taumel. Sie springen hoch auf, wenn sie die Ruder zurückziehen
und stampfen wütend nieder. Sie schreien, lachen brüllend und singen,
arbeiten. Die Arme, die Lumpen, die Leiber, die Ruder fliegen. Der
kleine Dicke steht ganz an der Spitze seines Ruders. Er hat es mit
einer Hand beim Knauf und zieht so mit. Er reißt den Mund weit auf
und gibt schrille, aufbohrende Töne von sich, die das Meckern eines
aufgeregten Bocks mit dem rauhen Gebrüll eines Esels verbinden. Die
ganze Schar liegt tief in einem wirbelnden Hexensabbat von Geschrei,
Gestampf, Bewegung und Lachen. Sie ist an der Arbeit wie man auf
unsern Bauernfesten beim Tanz ist, in einem johlenden Verlorensein an
die krampfende, heiße Kraft der Muskeln. Das ganze Schiff erdonnert
von ihrer Arbeitswut. Es ruckelt heftig und schwankt und drängt
langsam durch die gurgelnde Strömung hinauf. Von den Schiffen, die
uns folgen, dringt derselbe Lärm heran. Die ganze Schlucht schallt
vom brünstigen Gebrüll der Arbeit. Große Weihe streichen über uns
zahlreich durch die Luft und jagen zu den Felsenspalten hinauf.
Schwerbeladene Schiffe gleiten auch an uns vorbei zu Tal. Sie haben
fünfzig und sechzig Ruderer an Bord.
So ging es stundenlang, ohne daß die Wut der Ruderer sich merklich
kühlte. Dann wurde das Schiff ans Ufer gerudert. Die Schiffer
schlangen die Bambustaue um Felsblöcke und legten das Schiff fest.
Die Kulis stürzten über das Faß mit Reis, das weiße, dicke Dämpfe
ausschlug. Ein jeder haute mit einer Kelle seine Schüssel voll, hockte
sich in die Knie nieder, und die Stäbchen schaufelten hastig den
Reis in den Mund. Wir sind ihrer Neugier preisgegeben. Halb scheu,
halb selbstverständlich kommen sie an unsere Fenster und schauen
sich die fremdländischen Affen drinnen an. Einer, der keine Zeit
verlieren will, löst seine Hose und setzt sich vors Fenster. Ich
rufe dem Boy, er soll ihm einen geeigneteren Ort zeigen. Der Bursch
springt erschreckt auf und läuft in seiner gelösten Toilette davon und
beendigt das Geschäft anderswo.
Gleich nach dem Reis gehts weiter. In einer späten Nachmittagsstunde
haben wir die Schlucht besiegt. Ihr Eingang liegt schwerfällig und
zerklüftet umstürmt hinter uns, ein dunkler Spalt in der Erde. Die
Landschaft weitet sich, und mit den wilden hingeworfenen Steinblöcken
sieht sie aus wie eine ungeheure, von urhaften Katastrophen
zersprengte Riesenstadt Neuyork, London, Paris, Berlin bis in die
Fundamente und Untergrundbahnen hinab zerstört. In der Ferne hinter
ihr schwingen leichte Hügelzüge auf. Wir laufen an einem Dörfchen an.
Die Häuser verbergen sich alle in dichtem Bambuswald. Aber am Ufer ist
fleißiges Getriebe. Dort sind lange Reihen von Schuppen, vollgestapelt
mit den hohen Rollen der Bambusseile. Sie werden hier gemacht. Die
Bambusstämme werden in schmale Streifen zerspleißt, diese Spleißen
mehrfach durcheinandergezopft und ineinandergeflochten und das fertige
Tau in einem Kessel über einem Erdlochfeuer ausgekocht. Unser Laopan
ging gleich mit einem der Schiffer hinauf Tauwerk kaufen. Die Kulis
sprangen an Land und setzten sich gleich auf den ersten Stein hin,
um ihre Bedürfnisse zu verrichten. Eine Zahl anderer Schiffe lag vor
uns. Der ganze Strand saß voll Chinesen, die jener Beschäftigung
anheimgegeben waren. Schmutzige, verkrätzte Hunde kamen zwischen den
Steinen angeschlichen. Jeder Hund stellte sich in die Nähe eines
Mannes und wartete, und kaum war der Mann weg, so stürzte der Hund
über die Mahlzeit. Bauern kamen mit Körben, um sich den Dung für ihre
Äcker zu sammeln. Sie mußten mit den räudigen Hunden kämpfen. An
einigen Stellen haben die Bauern irdene Töpfe in den Boden gegraben,
in die die Hunde nicht hineinlangen.
Mächtige Dschunken drückten sich um unser Hausboot zusammen. Die
Leiber der Dschunken waren breit gerundet und schwanger voll Ladung.
Die Schiffswände standen hoch über unser Boot hinaus und machten
unsere Zimmer dunkel. Haufen von Menschen, Männer, Frauen und Kinder,
krochen unter den rund überdeckten Räumen herum und kamen an unsere
Seite. Sie wollten uns alle sehen. Überall auf den Dschunken trieben
sich zwischen den andern Reisenden Haufen von tibetanischen Soldaten
herum. Das war uns nicht sehr recht. In Itschang hatten wir gehört,
daß die Soldaten in Wanschien, einer Stadt, die halbwegs von unserm
Ziel lag, entlohnt werden sollten. Man fürchtete, daß sie sich das
nicht gefallen ließen. Das ganze Land war ohnehin von Soldaten, die
die republikanische Regierung entlassen hatte, unsicher gemacht. Wir
ließen die Läden schließen. Ich nahm die Flinte, und wir wollten
durch eine Bambusschlucht die Bergwand hinangehen. Vielleicht gab es
Hasen oder einen Fasan. Da leerten sich alle Boote. Die Soldaten und
hundert andere Chinesen folgten uns, die Kinder des Dorfes liefen
zusammen und schlossen sich an, die Tauwerkverkäufer ließen ihre
Kunden stehen und kamen mit. Ich hatte gut sagen: "Dso, dso!" (Geht,
geht!) Sie lachten nur höflich, nickten und folgten uns. Da drehte
ich die Flinte um, hob lachend die Rohrmündung auf die Zudringlichen,
und die ganze Karawane stürzte auf einmal zurück und auseinander
wie eine Schar Spatzen, in die ein Schrotschuß kommt. Sie liefen,
was sie Beine hatten, den sandigen Hang hinab und rasten dem Schutz
der Seilerschuppen zu. Wir lachten ihnen nach und stiegen in die
Einsamkeit der Berge hinauf.
Das Flußtal legte sich unter uns. Der Strom schoß mächtig durch das
Gebiet der ungeheuerlichen Felsenwüste herab. Wir sahen die erste
Schnelle, die wir morgen früh zu besiegen hatten. Auf einem Baum
hockte ein großer, schöner Vogel. Das Laub verbarg halb seine Größe
und sein Gefieder. Aber es war klar, daß es ein Fasan war. Ich schoß,
und er fiel lautlos zwischen den Ästen herab. Wir stiegen hin. Es war
kein Fasan. Es war ein schöner, schlanker Vogel, der Ähnlichkeit mit
einem Fasan hatte, aber schmäler und zarter war. Gre war betroffen und
gerührt von seinem lautlosen Hingang und seiner schmalen, farbigen
Schönheit. Sie weinte eine Träne. Auch mein Herz war weich. Ich bin
kein Jäger. Wir nahmen ihn mit. Als der Boy ihn sah, lächelte er
überlegen: "Er ist nicht zum Essen." Ganz Utilitätsmensch war dieser
Boy. Ich machte mir dabei das parallele Geständnis, daß, wenn ich nun
wirklich einen Fasan geschossen hätte, mein Herz nicht weich geworden
wäre. Aber die Kulis aßen ihn doch. Sie brieten seinen schmalen,
nackten Leichnam in der riesenhaften runden Halbkugel über ihrem Herd,
in der der Koch den Reis bereitete. Sie machten das sehr fachmännisch
und sorgsam mit Gewürz und kleinen gehackten Gemüsen.
Ich machte auf einmal eine interessante Entdeckung: an der Hand der
Frau Boy stak der gestohlene Ring. Er war unverkennbar, weil die
Schriftzeichen lateinisch und nicht, wie üblich, chinesisch waren und
obendrein ein verkehrt gezeichnetes S hatten. Ich sagte nichts mehr.
Es war mir die erste rein chinesischen Angelegenheit widerfahren und
klargeworden: der Komprador-Angestellte hatte dem Boy "das Gesicht"
genommen. Der Boy wollte sich rächen, indem er durch eine falsche
Beschuldigung den Gegner ins Gefängnis zu bringen versuchte.
Die Angelegenheit war nun erledigt worden -- wohl durch die üble
Nachrede, mit Hilfe meiner Karte. Aber ein Europäer hätte den Ring
verborgen gehalten.
27. November.
Wir waren früh an der ersten Schnelle. Haufen von Booten lagen da und
warteten. Wir sahen sie eines nach dem andern hineingehen, die großen,
steifen Dschunken und die kleinen, schaukeligen Wupans, und dachten
mit Aufregung an den Augenblick, wo die schießenden Strudel unser
Schiff erfaßten. Die Bewegung des Wassers sah nicht so gefährlich aus.
Aber die Schiffe gingen so langsam hindurch, ihre Zieher verschwanden
im Felsengeröll des Ufers. Die Schiffer brannten Pulverfrösche und
Papiere ab, um Gott zu Hilfe zu rufen, waren verbissen, stumm und
heftig an der Arbeit, und in der Mitte des Stroms schossen die zu Tal
gehenden Dschunken rasend im Strudel vorbei.
Endlich kamen wir selber dran. Wir lagen hinter einer felsigen Ecke,
noch vor dem Strudel geschützt. Dann rief der Laopan etwas vom
Steuerruder. Der kleine Schiffer, der mit seinem Schnauzbart und
seinen kleinen, fremden Augen einem Seehund glich und den wir nach
diesem Tier nannten, schlug auf eine Trommel, die vor ihm stand.
Alles, was an Bord bei uns war, stieß mit Stangen das Schiff vom
Gestein ab, auf das es zutreiben wollte. Alle brüllten auf einmal.
Das Seil schnellte, unsichtbar gezogen, über den hohen Steinen straff
auf. Es hing fast in der Tophöhe des Mastes. Das Schiff legte sich
tief über, glitt erst zurück und fiel dann in die strudelnde Schnelle,
in der es aufsprang und am straffen Seil angespannt hin- und herging.
Die Schiffer stürzten alle auf das lange Vordersteuer und hoben es ins
Wasser. Sie hängten sich dran, um mit ihm das Schiff hinüberzudrücken
und sangen schreiend den Takt zu ihrer gewaltsamen Arbeit.
Auf einmal fuhr, wie ein erschreckter Ruf, ein Krachen durch das
Holz des Schiffs. Der Boy stürzte nach vorn, der Seehund fiel die
Treppe herunter in unser Wohnzimmer. In einem Augenblick waren
Tische, Stühle, Schrank hinausgeräumt, die Bodenbretter hochgehoben,
und wir sahen das Wasser in einem armdicken Strahl durch den Bauch
der Kwaze ins Schiff einschießen. Wir waren auf einen Fels geworfen
worden und leck gesprungen. Draußen klang die Trommel. Das Wasser
füllte rasch die Kammer, in der das Loch war. Zwei Männer begannen es
auszuschöpfen. Einer trat auf das Loch. Sie schöpften wie rasend. Wir
sahen das Wasser allmählich geringer werden, und bald kam der Boden
zum Vorschein. Er war nur aufgekracht, nicht durchlöchert. Wir gaben
ein Kissen her. Der Seehund riß es auf und stopfte die Daunen in die
Bruchspalten. Die andern fuhren fort zu schöpfen. Der Schiffer schlug
die Daunen mit einem Meißel immer fester hinein. Das Wasser floß immer
dünner durch die splitterige Wunde.
Inzwischen ging das Boot weiter und war auf einmal mitten in der
Schnelle. Alle waren ganz stumm, und die nicht am Leck Beschäftigten
hingen am Baum des Vordersteuers. Die Trommel klang eintönig und wild
in die Muskeln der Arbeitenden. Das Seil fuhr straff gespannt über
die Steine des Ufers. Manchmal schoß ein Krachen hindurch, als ob
es bersten wollte. Wir sahen nun auch die Zieher. Sie hatten fremde
Hilfe bekommen, und wenigstens fünfzig Menschen hingen zwischen den
Steinen niedergebeugt am Ende des Taues. Wir sahen nicht, daß wir
vorwärtskamen.
Lauter und eindringlicher ging die Trommel. Auf dem Felsen saßen
zwei Fischer und schauten nicht einmal herüber zu uns. Sie zogen
gleichmäßig geduldig kleine Netze an Gabeln immer wieder durchs
Wasser. Eines der roten, mit Soldaten besetzten Rettungsboote stand in
einem Felsloch und war bereit. Vor uns hing eine mächtige Dschunke im
Schnellen. Das Wasser spritzte vorn an ihr hoch. Ein nackter Chinese
stieg im Uferwasser hinter einem Seil her, das sich immer zwischen
Steinen verfing. Wenn das Tau der Dschunke risse! Wenn die Schnelle
die Dschunke auf unser Hausboot schleuderte!
Am Ufer richtete sich ein gescheitertes Schiff hoch auf. Es war an
Land gezogen worden. Das Tal scholl von den Schreien der arbeitenden
Zieher. Auf der Dschunke schlug man den Tamtam und brannte
Pulverfrösche ab. Drinnen in unserm Zimmer deckte man das Leck zu. Es
ging noch ein zweites Kissen voll Daunen hinein. Dann brachte der Koch
seinen ganzen, warmgequollenen Reis. Der wurde in einer dicken Schicht
über das Leck gestrichen und festgeschlagen. Ein leerer Petrolbehälter
wurde aufgeschnitten und drübergenagelt. Meine ganze Nagelkiste ging
drauf. Aber es kam kein Wasser mehr herein.
Wir siegten uns langsam durch die Schnelle hindurch. Wir brauchten
dreiviertel Stunden, um hundert Meter zu machen. Die Kwaze glitt
oberhalb der gefährlichsten Stelle auf das sandige Ufer. Ich mußte
ans Land, den Ziehern zuschauen. Hinter uns wollte noch eine ganze
Schar Dschunken durch die Schnelle. Ihre Treidler schrien zwischen den
Felsen. Das hatte ich nie gesehen: diese selbstvergessene Wucht der
Arbeitskraft, diese Energie der Muskeln und das rasende Einordnen des
Willens in einen Zweck. Wir liefen ihnen entgegen. Sie kamen aus einer
Sandmulde in Steingeröll. Sie lagen zwischen den Steinen und hingen am
verästelten Tau. Sie beugten sich tief auf die Erde und krallten sich
an die Blöcke fest, bohrten sich in das Geröll hinein wie Schrauben.
Sie preßten die Beine gegen die Felsen und spannten eine jede Muskel
ihres Körpers in den steinernen Rahmen, zogen und schwitzten und
wandten ihre Augen nicht ab von der nackten Erde, an der sie hingen.
Die Adern sprangen und die Muskeln sprangen. Das Schiff hing fest
und minutenlang unverrückbar am Tau in der Schnelle. Das Tau federte
und krachte. Die Vögte gingen von Mann zu Mann, streichelten ihnen
über den Rücken und beobachteten mit Geieraugen ihre Muskeln, und
sangen: Zo oh ohe! Je ue uhe! Je wei o ho! Und die Zieher preßten
sich in die Seile und skandierten das Lied der Aufseher mit kurzen,
hart herausgestoßenen: Hä, hä! Hä, hä! für sich in der Tiefe ihres
Wesens die angespannte Kraft des Leibes zu einem Laut werden lassend.
Die Vögte brüllten und drohten und schossen wie Bluthunde von einem
zum andern. Das Schiff ging langsam hoch. Die Zieher bohrten sich von
Stein zu Stein weiter.
Es waren alte Männer unter ihnen mit grauen Haaren und altersmageren
Beinen und Knaben mit glatten, hageren Körpern und ganz jungen
Gesichtern. Die Knaben hatten graue Fäden in ihren langen, schwarzen
Haaren. Verlumpte Weiber waren mit ans Seil gespannt. Eine war
schwanger. Die andere eine idiotische Greisin. Das Schreien und
Rauschen des schnellenden Flusses raste um die Boote. Zwischen den
Steinen sang der Wille der Menschen wütend und laut: Zo oh ohe! Je wei
o ho! Und die Muskeln knirschten kurz, hart und wild wie eine bergan
stampfende Lokomotive: Hä, hä! Hä, hä!
Das war eines der größten Menschenerlebnisse der Erde und meines
Daseins. So gab es Hunderte von Millionen Kräfte in diesem Land. Das
Land war so alt, und seine Menschen führten ihr Leben in Formen,
die uns fossilienhaft närrisch schienen, und hatten sich doch diese
Urkraft des Willens und diese Brutalität der Natur bewahrt. Was vom
kommenden Erdenschicksal hielten sie in ihrer Kraft gebunden?
28. November.
Hoch in den Felsen zieht der Zieherweg. Er ist in die glatte,
senkrechte Felswand eingehauen; wie der Weg eines Ungetümen,
vorsintflutlichen Wurms steigt er in Windungen auf und ab, aus dem
Gestein gefressen. Droben gehen die Zieher. Sie schweben am Seil über
der Tiefe. An einigen Stellen sind Ketten in die Wände eingelassen.
Die Steine sind von den Leibern, die sich jahrtausendelang arbeitend
und in Angst vor dem Abgrund angedrückt haben, glattgeschliffen.
Das Tal ist ungeheuerlich und anmutig. Die Zeit hat in ewigem
Wechsel Burgen, Türme und gotische Kirchen aus den Graten der Berge
gehauen, die Luft fließt um diese dunklen, strahlenden Gebilde.
Altäre schauen mit farbigen Götterbildern aus hohen Felswänden. Die
Höhlen sind von Opferfeuern geschwärzt, und kein Mensch weiß, wie
die Beter hinaufgekommen sind. Felsberge bersten aus den gewaltigen
Hängen heraus und führen ihre Schichtung in ungeheueren gewölbten
Bogen gebrochen durch die Bergflanke. Dörfer und Städtchen liegen
in schmalen Streifen oben in den Bergwänden, eingeschlossen in
herbstbunte Tuffe von Bäumen, die golden und granatrot sind und
einen Schimmer von Grün bewahrt haben. An einsamen, kahlen und
dunkeln Stellen bauchen sich die Kugeln einiger uralter, schwerer und
grüner Dattelbäume über kleine weiße Tempel. Ein Landschaftsgefühl
von verfeinerter Art hat sie so gestellt. Oft brennt hoch oben in
den Hängen von braunem, dürrem Sperrgras die einzelne Flamme eines
schmalen Herbstbaumes wie eine große, rote Edelsteinsäule. Kleine,
weiße Ziegen hängen in Scharen zwischen den Sträuchern und laufen über
die Kanten der Abgründe. Die großen Weihen schweben aus den hohen
Felsen nieder und durchstreifen schreiend über uns die Luft. Alles ist
Größe, von Anmut beschienen. Das ist China.
Der Singkuli ruft den Schrei der Weihe nach, und die Ruderer fallen
ein: Dallalalala! rufen sie. Damit rufen sie den Gott des Windes, und
wenn der Wind das Segel straff buckelt, dann hüten sie sich, diesen
Schrei weiter auszustoßen. Die Kulis wechseln oft zwischen Ziehen und
Rudern.