Wir schauten uns das Schiff an. Wir bewohnten als erste Kajüte einen

kleinen Teil am Kopf. Es war ein riesenhafter Dampfer. Er gehörte

einer chinesischen Dampfergesellschaft. Das übrige Schiff war durch

drei lange Decks hindurch nur von Chinesen besetzt. Alles quoll

vor Menschen. Alle Räume waren voll, alle Gänge waren mit ihnen

zugestopft. Ganz oben war ein großes offenes Deck. Dort hatten sie

sich mit Decken und Gepäckstücken kleine Kammern eingerichtet. Sie

lagen auf Kotten und blauen kalkgedruckten Tüchern, und einer sang

dem andern aus kleinen Büchern die alten Geschichten der chinesischen

Volksliteratur vor. Wir fanden auch unsern Boy und die Frau Boy

droben. Sie hatten sich mit unsern und fremden Stühlen eine wohnliche

Kabine hinter einem Schornstein gebaut. Andre lagen auf dem Bauch und

spielten Karten. Und auf einmal trafen wir auch die verschwundenen

Missionare. Sie predigten hier oben und wollten mit schlauen Reden

dem Konfuzius Seelen abfangen. Die Chinesen standen um sie herum,

und der eine oder der andre warf spöttische Fragen in die Reden der

Missionare, und alle lachten, wie Chinesen lachen, höflich aber

deutlich: wir sind wir und du bist du, rede, mein großer Fremder!

Nachher bei Tisch unterhielten sich dann die Missionare über die

witzigen Kniffe, mit denen sie in ihren Predigten den chinesischen

Schweinen das Christentum näher brachten. Einer wetteiferte mit dem

andern. Aber gegen allen Witz und die Milliarden, die Amerika und

England in seine Missionen gesteckt hat, führten die Statistiken

150000 dem evangelischen Christentum gerettete chinesische Seelen an.

China zählt 400 Millionen Menschen. Aber diese Missionare waren ja

politische Agenten. Sie waren die Instrumente, mit denen die Fälle

konstruiert wurden, die England den Anlaß geben, Kriegsschiffe zu

schicken, Häfen zu öffnen und Macht zu erringen. Denn die europäischen

Kanonen sind besser als die chinesischen, und für die Weltgeschichte

hatte man ja die europäische Kultur.

Der Kapitän gab mir die neuesten Zeitungen aus Hankau. Es stand viel

drin über die Politik der Engländer in Tibet. Der Kapitän zeigte

auf das "impossible people", als er mich auf die Artikel aufmerksam

machte, und sagte, daß seit vier Wochen jeder Itschangdampfer mit

Missionaren überfüllt den Strom hinauffahre.

Auf dem Schiff gingen viele Soldaten herum, die schwere schwarze

Turbane auf dem Kopf hatten. Es waren ihrer einige Hunderte. Sie

trugen Kakikleider, doch in chinesischem Schnitt. Es waren die

ssetschuanischen Soldaten, die die Regierung vor vier Jahren gegen den

Dalai Lama geschickt hatte. Die Engländer hatten sie gefangengenommen

und sie nach Cales hinuntergebracht. Von dort fuhren sie über

Singapore nach Schanghai und kamen endlich nach vier Jahren den

Jangtse hinauf wieder in ihre Heimat zurück. Es waren schöne starke

Burschen, etwas verkommen und verlaust, aber von einem gutmütigen

Humor. Sie saßen den ganzen Tag in den Gängen auf dem Boden und

suchten immer nach Flöhen. Ihre Strümpfe und Sandalen hatten sie sich

aus Schnüren geflochten. Mit ihnen waren drei Soldatenmädchen. Es

waren Tibetanerinnen. Sie waren grobhäutig und hatten breite Schultern

wie Raubtiere. Sie waren schmutzig, wild, mit schweren schwarzen

Köpfen und großen zornigen braunen Augen wie Lamas. Sie verließen nie

den Liegeplatz im Gang an der Reeling. Ich wollte sie photographieren,

aber sie drehten sich weg und drückten die Gesichter auf den Boden.

Die Burschen lachten. Ich überrumpelte sie einmal. Da spuckte die

eine mich an wie eine wilde Katze. Die Soldaten hatten auch noch eine

vierte. Die soll sehr schön sein. Aber sie halten sie in einer Kammer

verborgen.

[Illustration: Zieher an einer Schnelle]

Wir gehn so den ganzen Tag auf dem Schiff herum. Die Missionarskinder

machen den Aufenthalt in der ersten Kajüte unmöglich. Zur Nacht wagt

sich das Schiff nicht weiter. Es ist niedriges Winterwasser. Es ankert

an einer Biegung bei einem kleinen Dorf und im Mondschein mitten im

Fluß. Die Strömung preßt sich fest an seine Flanken, und es bebt die

ganze Nacht hindurch. Die "impossible people" gehn Gott sei Dank

früh zu Bett. Ich lege mich aufs Sofa. Der Boy hat mir ein Bett dort

schön zurechtgemacht. Aus der Kabine der fetten Missionarin singt es

noch eine Viertelstunde lang "I love you" und "Nearer o God." Dann

schnarcht einer der Missionare. Die Dampfheizung zirpt, und manchmal

geht ein jäher Klang durch sie. Man hört den Sand, den der Strom mit

sich trägt, am Schiffsrumpf reiben.

Am nächsten Morgen ist Nebel, durch den die Sonne eine zaghaft

kommende und gehende Wärme flicht. Der Wind treibt den Nebel.

Dschunken erscheinen zurückgehalten in ihm, mit steilen Segeln stromab

gehend. Die Maschine des Dampfers fliegt ununterbrochen, und das

eintönige unverständliche Rufen des Tiefenmessers erklingt im Singsang

beiderseits des Decks. Dieser Strom ändert Jahr um Jahr. Die Chinesen

sagen: wenn das Wasser fällt, fällt der Boden. Wenn das Wasser steigt,

steigt der Boden. Man weiß nie, wie man dran ist. Jeden Augenblick

kann man aufsitzen. Um zehn Uhr kommen wir an einem japanischen

Dampfer vorbei, der nah am Ufer auf Grund geraten ist. Aber den

Japanern hilft kein Schiff. Wir fahren vorbei. Der Japaner heizt seine

Kessel, und der schwarze Qualm zerfließt dick im dünnen Nebel. Auf

einmal ist der Nebel weg.

[Illustration: Zieher]

Ich denke mir, hier ist jetzt kein Raum, in dem man eine

Minute für sich und vor der Geschwätzigkeit der Missionare in

Sicherheit sein kann. Ich nehme mir vor, mich in einer Arbeit

vor ihnen sicherzustellen. Ich will unsre Erlebnisse auf Sumatra

niederschreiben. Das Ufer gleitet nah vorbei. Es sind vom Strom

zerbröckelte hohe Sandböschungen. Ein Rand Gras steht darüber.

Strohhütten erheben sich manchmal wie kleine Pocken der Erde aus dem

grauen Feld. Dahinter fließt die weite Ebene spärlich bewachsen. Der

Jangtse ist gelb und fließt dick mit Sand gefüllt. Ein paarmal sehe

ich, wie mächtige Rutsche Erde aus der Böschung jäh niederstürzen

und von dem gierigen Strom verschlungen werden. Ich komme nicht ans

Arbeiten. Das Land hat so etwas Neutrales und Ruhiges. Man ruht sich

in diesem ewig gleichen Anblick aus. Karren mit vollen Holzrädern

werden plump von Wasserbüffeln über die Kante der Böschung gezogen.

Ein einsamer Wasserbüffel grast in der dürren Ebene. Sein Wächter

sitzt hinten auf dem Gesäß des Tieres und schläft. Der Strom ist so

mächtig und 1200 Kilometer von seiner Mündung noch breiter als der

Rhein in Holland. Im Sommer wird er doppelt so breit. Man sieht weite,

weiße Sandflächen, über die er des Sommers hindurchströmt. Jetzt haben

sich provisorische Dörfer drauf erbaut, Häuser aus Holz und Ried.

Am dritten Tag dehnt sich der Jangtse zu weiten Seen aus. Weit übers

gelbe Land liegen viele flache blaue Wasserschalen, in denen der

Himmel glänzt. Wolken von Enten und Gänsen flattern aus ihnen auf. Sie

ballen sich mit kinematographischem Zittern zusammen und verteilen

sich in Schwärme, wachsen wieder zusammen. Sie sind bald wie schwarzes

Konfetti und bald, wenn sie wenden und die Sonne die weißen Bäuche

trifft, wie ein Durcheinanderflimmern silberner Kugeln. Wilde Schweine

ziehn vorbei. Ein Schwarm Segler gleitet zu Tal. Ganz fern liegt

ein weißes Dorf in grünen Bäumen. Dort ist das Ufer im Sommer. Eine

Pinasse ist an Bord. Sie wird angefeuert, herabgelassen, fährt voran

und steckt vorsichtig unsern Weg durch den See ab.

Am späten Nachmittag kommt die Stadt Schasi. Wir bleiben dort über

Nacht. Ich geh allein einige Stunden durch die Gassen. Sie fallen

bald aus der Dämmerung in die Nacht. Die Lichter erscheinen. Eine

lange Straße gehe ich hinab. Sie will nicht endigen und ist voll

Gedränge. Alle Häuser sind offene Läden. In allen Läden und in der

Gasse schweben offene Lichter, Öllampen, hängen Seidenlaternen mit

Schriftzeichen. In dieser Beleuchtung ist die Stadt ein angeräuchertes

Durcheinander, wie auf einem alten holländischen Bild, aber

geheimnisvoll von Fremdheit Überflossen.

Ich werde sacht geschoben. Die Geschäfte schließen rasch. Doch aus

ihrem erlöschenden Leben taucht unversehens ein zweites Leben auf. Vor

ihren Bretterverschlägen tun sich kleine Händler auf, vor jedem Laden

ein Händler. Sie breiten ihre Schuhe, ihre Tücher auf dem Boden aus,

nageln ihre Kleider, ihre Felle an die Bretterwände, Köche kochen in

wandernden Öfen und beim Schein von Ölflämmchen in hoch aufgebauten

Töpfchenreihen komplizierte Gerichte, Briefschreiber sitzen in ihren

Winterkappen da, die ihnen eine wichtige Art geben, Wahrsager legen

ihre Schildkröten aus, ein Scharlatan ordnet seine Töpfe und Flaschen,

weiße Mäuse in einem klingenden Rad ziehn die Aufmerksamkeit auf ihn.

Händler mit konservierten Enteneiern bieten die schmutzigen Dinger

an und heben einigen die Kuppe ab, daß das schwarze gallertartige

Fleisch, das wie eine polierte Trüffel hervorleuchtet, die Leckermäuler

reize. Aber die meisten Händler verkaufen allerlei Kuriositäten:

Keramiken, Stickereien, getriebene und ziselierte Handöfen, zinnerne

Krüge und bronzene Räucherbecken. Es ist wie in Paris, wenn ein

Arrondissement seine Messe hat. Ich kaufe einige alte Stickereien von

einem Mandarinengewand: goldene Fohunde und Reiher in blauen Wolken.

Ich treibe weiter. Das Geschiebe der Menschen durchbricht mit wildem

Gebrüll ein Rikschahkuli. Ein schlafender dicker Chinese sitzt in

dem Gefährt. Er hopst wie ein Fußball. Ein Tragstuhl mit einem

aufgeputzten und rot geschminkten Singmädchen gleitet vorbei. In einem

andern sitzt eine schöne, zarte junge Chinesin. Singende Kulis eilen

durch die Menge und schleppen auf Traghölzern schwere Steine in die

Stadt. Alles Vorbeigehende ist immer nur auf Augenblicke zu sehn,

im flackernden Schein von Lichtern, die sich mischen oder kreuzen.

Und immer alles in den schönen samtigen Nebel der verräucherten

vielfachen Beleuchtung getaucht. Der Vollmond steht über der Straße.

Er steht dort nur, um eine lichtgrüne Decke über dieses dunkle

bewegte Bild zu legen, die Zeichnungen des kunstfertigen und zarten

Gitterwerks der Firmenschilder und die Drachen -- und Reiherknäufe der

aufgeschwungenen Dachenden als schwarze merkwürdige Silhouetten fern

und unbeweglich über das Gedränge zu halten. Ich hülle mich in meinen

Mantel, -- und man sieht keinen Fremden in mir, und ich gehe ganz

unter in der Fremdheit der nächtlichen, erregten Stadt.

Der Nebel hielt uns auf einmal mitten im Strom fest. Der Dampfer warf

Anker. Ich spazierte auf dem obersten Deck. Die Missionare predigten.

Die Chinesen lachten. Sie spielten Karten und saßen herum. Da zog

ein Europäer, den ich noch nicht an Bord gesehn hatte, seine Kappe

und sagte auf deutsch: "Schlechtes Wetter für die Fahrt." Ich nickte

verbindlich ja. Der Fremde: "Der Herr ist in Tschenglin an Bord

gekommen." Ich wie vorhin. Ich hatte keine Vorstellung, von wo er

auf einmal aufgetaucht war, und mochte weiter nichts mit ihm zu tun

haben. Aber er fragte zum drittenmal: "Der Herr geht seine Filialen

besuchen?" Ich: "Meine Filialen, welche?" Der Fremde: "Der Herr ist

doch der Chef von Arnsberg & Co." Also auf einmal war ich der Chef

eines großen deutschen Ostasienhauses. Ich erkundigte mich, woher

seine Information stamme. Er: "Oh, die Chinesen sagten es auf dem

Dampfer."

Da kam einer der chinesischen Stewards die Treppe heraufgestürzt, an

der wir standen: "Master, your boy, your boy!" rief er mir zu. Ich

fragte erschrocken: "Was denn, my boy?" "He fight!" rief der andre

aufgeregt und zog mich mit. Wir liefen den Gang hinab, dann eine

Treppe in ein dunkles Loch hinein, wieder ein Loch und waren auf

einmal in einem großen Raum, in dem es von Chinesen wogte. Überall

ragten die hohen Turbane der ssetschuanischen Soldaten heraus, und

in der Mitte sah ich aus einem hin und her schlagenden Knäuel den

Kopf unseres Boys immer heraustauchen und verschwinden. Alle Chinesen

schrein und heben die Arme. Ich dringe in das Wirrwarr hinein,

schwimme eine Weile zwischen den brüllenden Menschen und zwänge mich

durch. Kaum hat mich der Boy gesehn, als er wie ein Panther auf einen

großen pockennarbigen Chinesen losstürzt und brüllt: "Der hat ihn

gestohlen!" Andere dringen wütend auf den Boy ein. Ich schiebe sie

zurück und frag': "Was hat er genommen?" Der Boy hebt seine Hand hoch

und zeigt den Finger, an dem sein goldner Ring (seine Sparbüchse)

sonst steckte. Der Ring fehlte. Der Boy sagte: "Den Ring hat er

genommen und meine Mütze auch, sie hat 1 Dollar 40 gekostet." --

"Wer?" -- "Dieser Mann." Wutsch, hatte der die kleine Faust des Boys

in den Zähnen. Ich schob die zwei auseinander. Ich fragte: "Wer ist

der Mann?" -- "Ein Angestellter des Kompradors", sagte der Boy.

Ich bat den Chinesen, der auch Pidgin sprach, er solle zum Kapitän

mitkommen und schob ihn hinaus. Er sagte lächelnd, es sei nicht wahr,

er wisse nichts vom Ring. Der Boy stürzte, wie ein Tier aufs Futter,

hinter uns her. Er hatte einen dicken roten Kopf und seine Augen waren

blutunterlaufen. Ich fand den Kapitän nicht. Auch der Boy war auf

einmal verschwunden. Die Sache wurde zu einem Kuddelmuddel, in dem ich

nicht mehr zurechtkam.

Da ging ich zu dem einen Missionar, mit dem wir öfters sprachen und

erzählte ihm den Fall. Er sagte mir: "Seien Sie vorsichtig und tun Sie

gar nichts. Wir Europäer kommen nie durch ihre Konflikte. Überlassen

Sie die Leute sich selber." Ich bat ihn, bei Chinesen zu erfragen, was

losgewesen sei. Er kam bald zurück und erzählte mir, daß die Stewards

Hankauchinesen, wie unser Boy, seien, die Kompradorsangestellten

aber Kantonesen. Zwischen den beiden Teilen seien die ganze Reise

schon Reibereien im Gang gewesen. Mein Boy habe sich auf Seite seiner

Landsleute dran beteiligt. Die Feindschaft des Südens gegen den

Norden! Einer der Kompradorleute sei heut morgen, während der Boy

und die Frau noch in ihrer Stuhlkammer schliefen, hingegangen, habe

gefragt: wo sind eure Fahrscheine? Der Boy habe ihm eine landesübliche

unflätige Antwort gegeben. Da habe der andere die Decke von den beiden

weggerissen und sei erzählen gegangen, er habe die beiden erwischt. Es

entstand eine Keilerei. Die Soldaten stellten sich auf die Seite der

Kompradorleute. Der Boy mußte in eine Stewardkammer flüchten.

Weiter bekam ich nichts heraus. Der Boy kam wiederholt und fragte:

"Gibt der Mann mir meinen Ring wieder?" Ich sagte ihm: "Ich weiß das

nicht. Das mußt du selber mit ihm abmachen. Ich bin ein Fremder,

kenne eure Sprache nicht und kann nichts machen." Er sagte: "All

right", ging und kam immer wieder. Endlich bat ich ihn energisch, mich

ungeschoren zu lassen.

Inzwischen war der Nebel gegangen. Wir fuhren unter schön bewegten

hohen Hügeln, und in der Ferne zogen Gebirgsmassen auf. Durchs Wasser

jagten ganze Rudel von Fischottern. Dörfer und Städtchen lagen in

grünen Hängen. Die Missionare packten alle. Wir hatten das Deck ganz

für uns allein. In den Bergmassen in der Ferne lagen unsere kommenden

Monate. Was brachten sie?

In der Dunkelheit kamen wir vor Itschang an. Der Dampfer ankerte im

Strom. Ein Boot und ein Brief warteten auf uns, und wir wurden noch am

Abend in eines der Häuser aufgenommen, die manchmal plötzlich wie eine

heimatliche Insel in einer fremden Reise liegen und die Freunde für

die Zukunft werden.

Unser Gastgeber war der europäische Zolldirektor der chinesischen

Zollverwaltung; denn Itschang gehörte zu den "offnen" Städten Chinas.

Er lebte in einem kleinen Palast, Gelehrter und Gentleman. Er wußte

etwas von chinesischen Dingen.

Das Ehepaar hatte einen halbjährigen Sohn. Er hieß Tang. Dieser hatte

eine dicke chinesische Amme, in der etwas buddhistisch Weltversunknes

von Mütterlichkeit, Weiblichkeit und Vorsorglichkeit war. Diese

Tugenden sind die Gefahren auch, denn die Kinder, die in der Obhut

chinesischer Ammen aufwachsen, werden aufs unerhörteste verzogen.

Die dicke Amme zwitscherte von früh bis spät mit Tang. Alles war

goody friend: Lämpu goody friend ... bath goody friend ... milk goody

friend ... Sie turbelte ihn wie ein Puppenmännchen in den Händen

herum und sagte: How fashion this man!...

Die Amme wurde von der übrigen Dienerschaft mit "Mutter" angeredet.

Der Koch durfte gerade acht Tage lang nicht Mutter zu ihr sagen, weil

er gespielt hatte. Es war ihm nur erlaubt, sie Schwester zu nennen.

Der bedienende Boy war ein älterer schlanker Mann. Ab und zu schleppte

er sich herum, wie eine erfrierende Fliege. Dann verschwand er, und

wenn er nach kurzer Zeit wiederkam, glänzten seine Augen, seine

Schritte federten, seine Bewegungen waren feurig. Ein Geruch, süß und

leise, nach Opium schwebte irgendwo aus einem Keller ins Haus herauf.

Der Kuli, der die Öfen besorgte und sonst nichts zu tun hatte, war ein

altes verbeultes Tier.

"Alter Prinz," sagte ihm der Hauptboy, "der große Herr hat befohlen,

du sollst im Schlafzimmer der fremden Herrlichkeiten heizen!"

"Ich werde es tun, Hausobermeister!" erwiderte der alte Prinz.

"Der große Meister", meldete die Amme, "hat heut Tauben gekauft und

wird sie morgen braten."

Und als nächsten Tags die Tauben auf den Tisch kamen, sah ich, wie

der "Hausobermeister" heimlich, als er seinem Herrn zum Bedienen die

Platte hinhielt, ihm einen der Braten zuschob. Es war die fetteste und

jüngste Taube. Der zweite Koch war der Meister. Eine alte Frau hatte

keine andere Verrichtung, als die Klosetts zu besorgen. Ihr Titel war:

"Herrliche Tante."

Am nächsten Morgen kam der Boy wieder und fragte, als ob ich ihn nie

damit abgewiesen hätte: "Herr, bringen Sie den Kompradorboy nun ins

Gefängnis?"

"Muß es gleich sein?" fragte ich scherzhaft zurück. "Ja!" sagte er

ernst und mit fiebrigen Augen, "denn die Kwei Li fährt am Nachmittag

wieder nach Hankau zurück und da geschieht ihm nichts, weil er seine

Freunde dort hat und der Herr sich der Sache nicht mehr annehmen kann!"

"Geh doch zum Richter!" sagte ich ihm. "Mir hat er nichts gestohlen!"

Ich solle ihm dann wenigstens einen Brief mitgeben.

Dann schrieb ich auf eine Visitenkarte, er sei mein Diener. Später

hörte ich, er sei mit der Visitenkarte zum englischen Konsul

gegangen und, abgewiesen, zu den zwei andern Europäern, die in

Itschang wohnten. Dann auf die Schiffsagentur und schließlich, als

er nichts erreichen konnte, zu allen seinen chinesischen Bekannten

in der Stadt, und er habe ihnen gesagt, auf der Karte stünde, der

Kompradorangestellte habe ihm seinen Ring gestohlen und man solle ihn

ins Gefängnis bringen.

Unser Gastgeber war der Zolldirektor der Stadt, die eine große

Bedeutung hatte, weil in ihrem Hafen alle Güter des Jangtse- und

Tibetgebiets auf den besonders gebauten Schnellenbooten bis Itschang

gebracht und dort zum Meer oder nach Hankau weiter verfrachtet wurden.

Um tiefer stromaufwärts zu reisen, mußte man in Itschang sich ein

Schnellenboot besorgen. Nam San, ein kantonesischer Kaufmann, der sich

zur Flucht in der Revolutionszeit eines hatte bauen lassen, vermietete

es uns mitsamt der Mannschaft. Wir zahlten eine feste Summe. Darin

war einbegriffen: Lohn und Verpflegung von zwanzig Ruderknechten,

fünf Schiffern und dem Kapitän, alle Ausgaben und Abgaben unterwegs

für Hilfstreidler usw. an den Schnellen, einen Monat Aufenthalt in

Tschungking und die Talreise nach Itschang. Man rechnete 30 Tage

hinauf und 10 Tage flußabwärts, so daß wir voraussichtlich das Boot

zweieinhalb Monate benutzten. Der Preis war in damaliger deutscher

Währung 750 Mark.

TAGEBUCH DER

SCHNELLEN-REISE

25. November.

Unsere Freunde begleiteten uns zum Hausboot. Es lag inmitten von

Sampans und Dschunken. Es war eine Mittagsstunde, in der Sonnenglast

und Wolkenschatten über die Berge liefen. Die Berge errichteten

sich am Strom wie eine Reihe von Pyramiden. Das Boot war ein langes

Fahrzeug aus hellem Holz, in den schönen bauchigen Formen gezimmert,

die sich die chinesische Schiffbauerei bewahrt hat, aber für die

Befahrung der Schnellen flachleibig. "Kwaze" war der technische Name

dieser Hausbootart. Mittschiffs lagen unsere Räume, ins Fahrzeug

halbversenkt. Hinter ihnen stieg das Steuerhaus wie ein kleiner Turm

über das Dach, und vor unserer Türe lag ein langes Vorderdeck wie ein

Altan. So waren die Boote gebaut, die die Jangtse-Schnellen besiegen

mußten. Das ganze Vorderdeck war für die Ruderer und Zieher bestimmt.

Als wir kamen, waren sie schon bereit zu fahren. Es waren ihrer

zwanzig, junge und alte, mit nackten Beinen, kurzen, zerschlissenen,

blauen Hosen und ausgewaschenen ganzen oder zerlumpten blauen Kitteln.

Dazu kamen fünf Schiffer und der Laopan, der Führer. Der Laopan

empfing uns. Er war klein und in der winterlichen Fülle der Kleider

rund wie eine Kugel, hatte ein schlaues Gesicht mit einer krummen

Nase, einem Knebelbärtchen und zugekniffenen Äuglein und trug einen

schwarzen Turban.

Wir waren ungeduldig, in unsere Kammern zu kommen und uns

einzurichten. Unsere Freunde gingen über den langen Steg, der das

sumpfige Ufer überspannte, zur Stadt zurück. Wir stiegen die drei

Stufen in unsere Räume hinab. Zuerst kam das Wohnzimmer. Es hatte

vier große Schiebefenster. Ein Tisch stand in der Mitte unter einer

europäischen Lampe. Ein Schrank für Geschirr war an eine Wand

angebaut. In einer Ecke hatte unser Boy einen Blechofen aufgestellt

und das Rohr zum Fenster hinausgeleitet. Der Raum war so hoch, daß ich

mit den Fingerspitzen die Decke kaum erreichte. An das Zimmer schloß

sich die Schlafkammer an. Sie hatte zwei Betten an den Schiffswänden

und einen Gang dazwischen, der in eine dritte Kammer führte, in der

wir unsere Koffer und allerlei Vorräte unterbrachten. Wir zogen alte

Stickereien, die wir in einer Pfandleihe gekauft, aus der Kiste und

behingen damit die Wände und stellten auf den kleinen Tisch in der

Ecke einen bronzenen Mandarin und einen wandernden Holzheiligen,

der einen Kopf wie eine Rübe hatte und aussah, als ob er, so wie

er vor uns stand, aus einer Baumwurzel gewachsen war. Eine unserer

dicken Seidenlampenkugeln hingen wir im Wohnzimmer und eine in der

Schlafkammer auf. Auch mein Gewehr bekam eine Stelle, an der es gut

zu sehen und rasch zu erreichen war. Aus der Abstellkammer führte

eine Treppe und eine Tür in die Küche hinauf. Die Küche war zugleich

Ruderhaus. Sie war schon in dem schräggestellten hinteren Aufbau,

und der Steurer ging auf einem Brett, das quer vor der Tür in halber

Höhe angebracht war, hin und her. Dieser hintere Aufbau reichte über

das Dach unserer Räume hinaus und war über der Steuerbank nach vorne

offen. In dieser Öffnung bewegte der Laopan den Baum des Steuerruders

und schaute seinen Weg. Der Boy und die Frau Boy schliefen in einem

Raum hinter der Küche, hoch über dem Wasser und dem Ruder. Ihr Bett

füllte den ganzen Raum.

Wir richteten mit Eifer ein. Wir wollten uns gleich ein Zuhaus machen

für die lange Reise. Das Schiff trieb derweil langsam flußaufwärts.

In den Schlägen der Ruderer ruckelte es in regelmäßigen Takten. Das

Schiff wurde nach der Landessitte gewriggt. Es hatte zwei Ruder, von

denen jedes zwanzig Meter lang war. Sie lagen auf ausgebauten Balken

zu beiden Seiten des Vorderdecks, und an jedem Ruder arbeiteten

zehn Kulis. Einer sang vor. Auf dem Dach lag das Segel. Es war kein

Wind. Das Segel war weiß und blau gestreift; hohe militärische

Beamte reisten mit diesem Segel. Wir verdankten es wohl chinesischer

Höflichkeit.

An diesem ersten Nachmittag fuhren wir nur schräg flußan ans andere

Ufer. Kein Schiffer, der die obere Jangtsereise beginnt, wagt es, am

ersten Tag weiterzugehen. Drüben wird dem Geist des Flusses ein Huhn

geopfert. Aber wir sahen nicht, daß unsere Schiffer das taten. Sie

zogen nur mit furchtbarem Lärm allerlei Balken hervor, stellten sie

auf, legten die langen Ruder drüber und deckten das ganze Vorderdeck

mit aus Bambus geflochtenen Matten ein. In der Mitte des Vorderdecks

war eine Versenkung. Darin stand der Kochherd, und ein dicker,

schmutziger Bursche, der aussah wie ein Neger, kochte Reis. Der Reis

wurde in einem Holzfaß ohne Boden gekocht, das über eine eiserne

Pfanne gestülpt und mit Säcken zugedeckt war.

Auf dem chinesischen Fluß · 第 6 / 15 段